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WILHELM WUNDT
L o g i k
[2/12]

    Einleitung
Von der Entwicklung des Denkens
Die logischen Verbindungen der Vorstellungen
Die Entwicklung des Gedankenverlaufs
Die Entwicklung der logischen Normen
Von den Begriffen
Die Arten der Begriffe
Die Verhältnisse der Begriffe
Die Beziehungsformen der Begriffe
Von den Urteilen
Die Formen der Urteile
Die Relationsform des Urteils

"Einfache Vorstellung und reine Empfindung sind also an und für sich noch keineswegs identische Begriffe. Der eine ergibt sich aus einer Analyse unserer zusammengesetzten Vorstellungen, der andere aus einer Reflexion über die Beschaffenheit unseres Bewußtseins. Wenn jene Analyse auch eine notwendige, durch die wechselnden Eigenschaften der Vorstellungen geforderte ist, so würde deshalb doch nicht die einfache Vorstellung mit der reinen Empfindung zusammenfallen müssen. Die letztere könnte möglicherweise eine Abstraktion sein, der selbst in den einfachsten Vorstellungen keine Wirklichkeit zuzuschreiben wäre."

"Noch eine weitere Bedingung muß jedoch erfüllt sein, wenn wir möglichst andauernde und zusammenhängende Assoziationsreihen erhalten sollen: wir müssen uns völlig passiv dem Spiel der Vorstellungen überlassen. Nichts ist darum der Assoziation hinderlicher, als die aktive Aufmerksamkeit."

I. Von der Entwicklung
des Denkens

- Das logische Denken und die
Assoziation der Vorstellungen -

Das logische Denken bildet einen Bestandteil unserer inneren Erlebnisse, der, wie berechtigt und notwendig auch seine gesonderte Betrachtung sein mag, doch mit allen anderen Elementen unseres Bewußtseins untrennbar verwachsen ist. Diesem Zusammenhang im einzelnen nachzugehen, ist die Aufgabe der Psychologie, nicht der Logik. Wohl aber wird diese, will sie sich anders über ihren eigenen Gegenstand zureichende Rechenschaft geben, nicht nur über die unterscheidenen Merkmale, die den logischen Denkakten gegenüber allen sonstigen inneren Erfahrungen zukommen, sondern auch über die Beziehungen Rechenschaft geben müssen, in denen sie zum Ganzen unseres geistigen Lebens stehen.

Das nächste Ergebnis dieser psychologischen Voruntersuchung besteht nun darin, daß im unaufhaltsamen Fluß des psychischen Geschehens als  logische Denkinhalte  nur solche aufgefaßt werden, die den  Vorstellungen  und ihren Verbindungen angehören, also jenen Bestandteilen des psychischen Lebens, denen ursprünglich und unmittelbar das Merkmal von  Objekten,  d. h. von Inhalten, die vom Denkenden selber verschieden sind, beigelegt wird. Nicht als ob Gefühle, Affekte, Willensregungen oder was wir sonst noch am Inhalt unserer psychischen Erlebnisse durch abstrahierende Analyse aussondern mögen, für unser Denken bedeutungslos wären. Vielmehr ist dieses in der Art seines Verlaufs so innig an jene subjektiven Zustände und Vorgänge gebunden, daß es ihrer ganz gewiß ebenso notwendig bedarf, wie der Objektvorstellungen, die ja ohnehin nie und nirgends ohne sie vorkommen. Ja noch mehr, selbst das ist nicht zu verkennen, daß die logischen Denkgesetze einmal entstanden auch auf jene subjektiven psychischen Inhalte anwendbar sind. Wird doch niemand bestreiten, daß die Gleichheit oder der Unterschied zweier Gefühle Gegenstand eines logischen Urteils werden könne. Aber solche Beziehungen und Übertragungen können die allgemine Erfahrung nicht umstoßen, daß die Bewußtseinsinhalte, an denen sich die genaueren Bestätigungen des logischen Denkens ausbilden,  Vorstellungen  sind und daß diese fortan die Substrate bleiben, an denen alle wichtigeren Anwendungen des Denkens zum Ausdruck kommen. Wahrscheinlich ist es, neben der Neigung die relative Konstanz der Objekte auch auf die subjektiv gedachten Vorstellungen zu übertragen, gerade das logische Bedürfnis, Denkinhalte, die zu einander in irgendeine logische Beziehung gesetzt werdn, unverändert festzuhalten, welches noch heute in der Psychologie jene mythologische Behandlung der Vorstellungsprozesse aufrecht erhält, die in diesen nicht vergängliche und fortwährend veränderliche Vorgänge erblickt, ähnlich wie nach allgemeinem Zugeständnis beispielsweise die Willenshandlungen solche sind, sondern substantielle Wesen, die gehen und kommen können, dabei aber als die nämlichen angesehen werden, sobald sie nur etwa auf den nämlichen Gegenstand von uns bezogen werden oder sonst einander ähnlich sind.

Können wir so bei der Aufsuchung des psychologischen Ursprungs der logischen Vorgänge den Vorstellungsprozeß als den weiteren Begriff betrachten, der den Denkakt als einen besonderen Fall in sich schließt, so weist uns nun aber weiterhin schon die Sprache in den Wortbezeichnungen, die sie für den Vorgang des Denkens gewählt hat, auf eigentümliche Merkmale hin, an denen dieser besondere Fall schon im natürlichen Bewußtsein sich ausprägt.  Zwei  Bedeutungen sind es, die, bald an einem und demselben Wort festhaften, bald über synonyme Wortbildungen verteilt, überall jenen sprachlichen Symbolen zukommen, die den Begriff des Denkens umgrenzen, - Bedeutungen, die im allgemeinen um so deutlicher erhalten sind, je mehr die Sprache dem Geistigen ein sinnliches Bild substituiert hat. Die eine dieser Bedeutungen weist auf die unmittelbar empfundene geistige Anstrengung oder - vom Standpunkt des denkenden Subjektes aus - auf das Gefühl der  Selbsttätigkeit  hin, das alle Denkakte begleitet; die andere bringt die Betätigungen des Denkens an den ihm gegebenen Inhalten als eine in ihren objektiven Wirkungen eigentümliche, die als ein Abmessen, Wägen, Vergleichen geschildert wird, zum Ausdruck.

Nach dem zweiten dieser Merkmale muß nun als nächstes Erfordernis eines logischen Denkaktes ein Vorstellungsprozeß gegeben sein, dessen einzelne Teile miteinander in irgendwelchen Beziehungen stehen, durch die eine solche vergleichende Tätigkeit ermöglicht wird. Nennen wir jeden durch derartige Beziehungen seiner Glieder verbundenen Vorstellungsprozeß eine  Vorstellungsverbindung,  so ist diese abermals der weitere Begriff, der die logischen neben anderen Verbindungen, denen wir einen logischen Charakter nicht beilegen, einschließt. Bezeichnen wir diejenigen Verbindungen, die das Merkmal einer bei ihrer Herstellung vorhandenen logischen Tätigkeit nicht erkennen lassen, als  Assoziationen der Vorstellungen,  so bilden nun aber diese ein weites und wichtiges Gebiet psychischer Vorgänge, welches nicht bloß außerhalb der logischen Denkakte liegt, sondern welches auch zur Entwicklung der letzteren die allgemeine Grundlage bildet und überdies fortan in der mannigfaltigsten Weise auf sie einwirkt. So werden wir denn der Analyse des logischen Denkens am angemessensten durch eine Untersuchung der Assoziationen uns nähern, die nach den unmittelbaren Unterschieden ihres zeitlichen Verhaltens sich wieder in  simultane  und  sukzessive  sondern lassen.


1. Die simultanen Assoziationen

a) Die Verschmelzung

Alle in unser Bewußtsein eingehenden Vorstellungen lassen sich durch die psychologische Analyse in eine Mehrheit von Elementen zerlegen. Bezeichnen wir diese Elemente als  einfache Vorstellungen,  so sind alle wirklichen Vorstellungen zusammengesetzt und die einfache Vorstellung existiert nur als ein Gegenstand psychologischer Abstraktion. So ist vor allem bei den der psychologischen Analyse zugänglichsten Vorstellungen, denen des Gesichts- und Gehörssinns, die durchgängig zusammengesetzte Beschaffenheit unzweifelhaft. Wir können uns keinen Lichtpunkt vorstellen, ohne ihn auf einen Ort im Raum zu beziehen, also die Vorstellung eines ganzen Gesichtsfeldes mit ihm zu verbinden. Nicht minder sind die einfachsten Töne, die wir kennen, zusammengesetzt, da der Grundton immer noch von sehr schwachen Obertönen begleitet wird; zudem lassen sich die Klangvorstellungen wohl niemals vollständig loslösen von ihrer Komplikation mit Gesichtsbildern, indem wir jeden Klang, wenn auch in noch so unbestimmter Weise, an irgendeinen Ort im Raum verlegen. Das nämlich ist bei den Vorstellungen der niederen chemischen Sinne der Fall, die an und für sich vielleicht am ehesten den Charakter einfacher Vorstellungen an sich tragen würden, wenn es irgend gelänge, die Geruchs- und Geschmacksempfindungen aus ihren fortwährenden Komplikationen mit Gesichts- und Tastvorstellungen zu trennen. Für die Tastvorstellungen endlich ist die beim Gesichtssinn hervorgehobene Bemerkung zu wiederholen, daß jede Lokalisation eines Eindrucks eine zusammengesetzte Vorstellung in sich schließt.

Unter diesen Umständen liegt die Frage nahe, inwiefern wir überhaupt von einfachen Vorstellungen zu reden berechtigt sind und sie als die Elemente ansehen dürfen, aus denen sich alle unsere wirklichen Vorstellungen zusammensetzen, da uns doch jene nirgends in der Erfahrung geboten werden. Offenbar sind es  zwei  Gründe, welche die Psychologie zu dieser Abstraktion geführt haben. Der  erste  liegt darin, daß eine und dieselbe einfache Vorstellung in den verschiedensten Verbindungen vorkommen kann. So kann z. B. eine einfache Lichtqualität in unserem Gesichtsfeld an Objekte der verschiedensten Formen gebunden sein und es können neben ihr andere Farben von wechselnder Beschaffenheit unserem Auge sich darbieten. Die konstant gedachte Lichtqualität kann also in eine beliebig große Zahl von Vorstellungen eingehen, in denen alles verschieden ist außer ihr selber. Ebenso verhält es sich mit der einfachen Tastempfindung, dem einfachen Ton usw. In diesem Sinne ist die einfache Vorstellung nicht das Einfachste, was wirklich vorgestellt wird, sondern das unveränderliche Element, das bei der Analyse unserer Vorstellungen zurückbleibt. Wie nach der neueren chemischen Theorie, welche die chemisch einfachen Körper als Verbindungen gleichartiger Elemente ansieht, diese nie im isolierten Zustand vorkommen und doch als wirklich existierend angesehen werden müssen, da sie in den Verbindungen, in welche sie eingehen, konstante Wirkungen ausüben, so ist es auch mit den elementaren Vorstellungen. In beiden Fällen ist das letzte Ergebnis der Analyse Resultat einer Abstraktion, nicht einer realen Zerlegung.

Ein  zweiter  Grund für die Ausführung dieser Abstraktion liegt nun aber darin, daß man voraussetzt, eine elementare Vorstellung müsse ein absolut einfacher Zustand unseres Bewußtseins sein. Hierauf beruth die Annahme, die einfachen Vorstellungen seien  reine Empfindungen,  wobei man eben unter einer reinen Empfindung einen solchen absolut einfachen Zustand versteht. Eine bestimmte Empfindung  rot,  ein Ton von bestimmter Höhe, wenn wir diese Empfindungen lediglich als qualitative Zustände unseres Bewußtseins denken, sind in diesem Sinn  reine  Empfindungen. Einfache Vorstellung und reine Empfindung sind also an und für sich noch keineswegs identische Begriffe. Der eine ergibt sich aus einer Analyse unserer zusammengesetzten Vorstellungen, der andere aus einer Reflexion über die Beschaffenheit unseres Bewußtseins. Wenn jene Analyse auch eine notwendige, durch die wechselnden Eigenschaften der Vorstellungen geforderte ist, so würde deshalb doch nicht die einfache Vorstellung mit der reinen Empfindung zusammenfallen müssen. Die letztere könnte möglicherweise eine Abstraktion sein, der selbst in den einfachsten Vorstellungen keine Wirklichkeit zuzuschreiben wäre. In der Tat ist das die Ansicht vieler Physiologen und Psychologen. Man bedient sich z. B. der Abstraktion der reinen Empfindungen, um die Beziehungen der Sinnesqualitäten zueinander festzustellen, wie in der Farbentafel, der Tonreihe. Aber man setzt voraus, daß, ebenso wie eine Farben- und Tonqualität niemals vorkommen kann, ohne zugleich mit einer gewissen Intensität in unserem Bewußtsein gegenwärtig zu sein, die Farbe und vielleicht selbst der Ton ohne eine bestimmte räumliche Beziehung nicht existieren können. Da man zugeben muß, daß eine derartige Ansicht durchführbar ist, so besitzt offenbar die Voraussetzung, die einfache Vorstellung sei mit der reinen Empfindung identisch, einen mehr hypothetischen Charakter, während sich die allgemeine Forderung einfacher Vorstellungen als eine berechtigte ohne weiteres aus der zusammengesetzten Beschaffenheit unserer wirklichen Vorstellungen ergibt. Diese verhält sich zu jener Voraussetzung etwa, um das frühere Bild zu gebrauchen, wie die Annahme chemischer Elemente zur Annahme chemischer Atome. Wer Atome annimmt, muß auch Elemente zugeben, aber der Begriff des Elements fordert nicht notwendig den des Atoms, sondern es kommt auf die Bedingungen an, die sich bei den Verbindungen der Elemente darbieten, ob die Atome eine brauchbare Hypothese zur Erklärung der chemischen Verbindungen abgeben. Ebenso wird die Annahme, daß die wirklichen Vorstellungen aus der  Verschmelzung reiner Empfindungen  hervorgehen, lediglich dadruch gerechtfertigt, daß diese Voraussetzung besser als jede andere geeignet ist, die Bildung unserer zusammengesetzten Vorstellungen zu erklären.

Die Verschmelzung tritt uns in  zwei  wesentlich verschiedenen Formen entgegen, deren eine hauptsächlich durch die Gehörsvorstellungen, die andere durch die Gesichts- und Tastvorstellungen vertreten wird. Wir können jene, zu der wohl auch die Geruchs- und Geschmacksvorstellungen zu rechnen sind, als die  intensive,  diese als die  extensive  Verschmelzung bezeichnen. Die erster vereinigt eine Reihe  gleichartiger  Empfindungen. Ein Klang besteht z. B. aus einem Grundton und seinen Obertönen, ein Zusammenklang aus einer Anzahl von Grundtönen mit den zu ihnen gehörigen Obertönen und Kombinationstönen. Bei der extensiven Verschmelzung dagegen verbinden sich gleichartige und ungleichartige Empfindungen zu einem komplexen Produkt. So gehen in eine räumliche Gesichtsvorstellung, wie man, gestützt auf die in der Beobachtung nachweisbaren Einflüsse auf die Gestaltung des Sehfeldes annehmen darf, mindestens dreierlei Elemente ein: Lichtempfindungen, fixe Lokalzeichen der Netzhaut und Bewegungsempfindungen.

Bei den Formen der Verschmelzung geschieht die Verbindung in solcher Weise, daß in der Gesamtheit der zusammenwirkenden Empfindungen einzelne als die Träger der ganzen Vorstellung erscheinen, denen gegenüber die anderen ihre Selbständigkeit eingebüßt haben. Bei der  intensiven  Verschmelzung bestimmt im allgemeinen die  Stärke  der Empfindung diese  herrschenden Elemente  der Vorstellung. So ist in einem Klang der tiefste Ton das herrschende Element, weil er die größte Intensität besitzt; die Obertöne werden aber nicht bloß als schwächer empfunden, sondern sie werden als gesonderte Tonhöhen überhaupt erst infolge der Einführung besonderer Versuchsbedingungen empfunden: in der unmittelbaren Empfindung modifizieren sie nur die Beschaffenheit des Grundtons, indem sie dessen Klangfarbe bestimmen. Bei der  extensiven  Verschmelzung übernimmt eine der verschiedenen Empfindungs arten  die herrschende Rolle: beim Gesichtssinn die Lichtempfindung, beim Tastsinn die Druck- und Temperaturempfindung; die übrigen Empfindungsarten, Lokalzeichen und Bewegungsempfindungen, geben ihre Selbständigkeit auf, indem sie bloß die extensive Ordnung der Tast- und Lichtempfindungen bestimmen. Auch in diesem Fall darf man voraussetzen, daß die subsidiären Elemente in der Regel eine geringere Intensität besitzen und schon dadurch geeignet werden ihre Selbständigkeit zu verlieren.

Dennoch ist dieses Zurücktreten der subsidiären vor den herrschenden Elementen der Vorstellung wahrscheinlich schon bei der intensiven Verschmelzung nicht allein hieraus zu erklären. Ein Ton, der für sich odern neben einem anderen Schall, zu dem er in keiner Beziehung steht, leicht gehört werden kann, gibt dann seine Selbständigkeit auf, wenn er der harmonische Oberton zu einem stärker erklingenden Grundton ist. Das kann nur daraus erklärt werden, daß unser Bewußtsein über der Auffassung der herrschenden Elemente einer Vorstellung die anderen vernachlässigt. Es wiederholt sich hier die nämliche Erscheinung, welche bei jeder Apperzeption stattfindet. Immer bevorzugt diese eine oder wenige Vorstellungen, während die übrigen im dunkleren Umfang des Bewußtseins bleiben. Ähnlich werden auch aus den Elementen einer einzigen komplexen Vorstellung einzelne klarer, andere dunkler vorgestellt. Die letzteren verleihen dann den herrschenden Bestandteilen der Vorstellung ihren eigentümlichen Charakter, wie bei der Klangfärbung oder bestimmen ihr Verhältnis zu anderen gleichzeitig apperzipierten Vorstellungen, wie bei der Lokalisation; sie selbst büßen aber dabei mehr oder weniger vollständig den Charakter selbständiger Empfindungen ein.


b) Die Assimilation

Eine  Assimilation  findet dann statt, wenn durch eine neu in das Bewußtsein eintretende Vorstellung frühere ihr ähnliche wiedererneuert werden und wenn nun diese Bestandteile zu einer einzigen Vorstellung verschmelzen. Vom Reproduktionsvorgang selbst nehmen wir in diesem Fall nichts wahr; wir schließen auf ihn nur aus der Vergleichung des unmittelbaren Sinneseindrucks mit der Vorstellung, die er in uns anregt. Indem sich die letztere aus dem ersteren nur unter der Voraussetzung erklärt, daß in die Vorstellung zugleich Elemente eingehen, die uns aus früheren Vorstellungen zur Verfügung stehen, werden wir zur Voraussetzung gezwungen, daß mit der Einwirkung des Sinneneindrucks in einem für unser Bewußtsein untrennbaren Akt die Erneuerung älterer Vorstellungselemente stattfindet, welche dann sofort mit dem gegebenen Eindruck eine einzige Vorstellung bilden. Jene älteren Elemente  A  sind die  assimilierenden,  die neu hinzutretenden  A'  die  assimilierten.  Disponible Vorstellungselemente sind aber um so mehr geeignet, andere zu assimilieren, je geläufiger sie durch Reproduktion dem Bewußtsein geworden sind. Von der Psychologie der HERBARTschen Schule, welche die Apperzeption als eine gegenseitige Wirkung der Vorstellungen auffaßt, ist besonders der vorliegende Fall als Apperzeption bezeichnet worden. Ich glaube jedoch diesen Vorgang seiner ganzen Beschaffenheit nach nicht indem Sinne unter die apperzeptiven Prozesse rechnen zu dürfen, in welchem der Begriff der letzteren zuerst von LEIBNIZ festgestellt wurde, sondern sie als eine Assoziation betrachten zu müssen. In der Tat wird die sukzessive Assoziation ähnlicher Vorstellungen sofort einer Assimilation Platz machen, wenn die reproduzierenden neben den reproduzierten Bestandteilen fortdauern. Hierzu ist aber besonders dann die Bedingung gegeben, wenn die ersteren aus einem unmittelbaren Sinneseindruck hervorgehen, dern neben den Reproduktionen, die er anregt weiterbesteht. So erfolgen denn auch derartige Assimilationen, ohne daß wir irgendeine ihnen vorausgehende Tätigkeit in uns wahrnehmen und sie geschehen, wie alle anderen Assoziationen, dann am ungestörtesten, wenn wir uns passiv dem Spiel der Vorstellungen überlassen.

Im allgemeinen gehen nun in die resultierende Vorstellung, welche aus einem Assimilationsprozeß entspringt, Elemente ihrer  beiden  Komponenten  A  und  A'  ein. Die durch stärker Reizintensität oder durch die besondere Richtung der Aufmerksamkeit sich hervorhebenden Elemente  A'  bleiben erhalten, und mit ihnen assoziieren sich Elemente  A,  die ihnen gleich oder in früheren Vorstellungen mit ihnen verbunden waren. Im allgemeinen gehören daher die assimilierenden Elemente  A  nicht  einer  bestimmten Einzelvorstellung an, sondern sie können sich über das Gebiet aller Vorstellungen erstrecken, zu denen  A'  infolge seiner eigenen Beschaffenheit und der vorangegangenen Erlebnisse des Bewußtseins Beziehungen darbietet. Wenn wir z. B. die rohen Umrisse eines aus der Ferne betrachteten Landschaftsgemäldes dergestalt ergänzen, daß wir eine wirkliche Landschaft zu sehen glauben, so entstammen die assimilierenden Elemente offenbar zahlreichen früheren Eindrücken. Viele Elemente dieser früheren Eindrücke verschwinden ganz aus dem Assimilationsprodukt, andere verstärken bestimmte Elemente des Eindrucks  A',  weil sie ihnen gleichen, noch andere sind gar nicht in  A'  enthalten und treten nur infolge der aus den früheren Vorstellungen geläufigen Assoziation mit seinen gleichen Elementen hinzu. Übrigens können in dieser Beziehung je nach den besonderen Bedingungen des einzelnen Falls die verschiedensten Abstunfungen vorkommen. Wenn ich heute einen mir begegnenden Menschen wiedererkenne, den ich gestern zum erstenmal gesehen habe, so ist dieser Wiedererkennungsakt ein Assimilationsvorgang, dessen Elemente sich fast ganz aus dem heutigen und dem gestrigen Eindruck zusammensetzen werden. Wenn dagegen die Fata morgane dem Auge des Wüstenwanderers eine herrliche Landschaft vorzaubert, so ist diese Jllusion ebenfalss ein Assimilationsvorgang, in den nun aber Elemente zahlreicher früherer Vorstellungen eingreifen können. Auf diese Weise ist die Assimilation ein Prozeß, der sich fortwährend mit der unmittelbaren Wahrnehmung vermischt, neue Eindrücke aus früheren Vorstellungen ergänzend. Durch die reproduktiven Elemente werden nicht bloß mangelhafte Vorstellungen vervollständigt, sondern auch störende Elemente dadurch beseitigt, daß aus früheren Vorstellungen die richtigen an ihre Stelle treten. So lesen wir über die Druckfehler eines Buches hinweg oder wir ergänzen die mangelhaft gehörten Worte eines mündlichen Vortrags und wie wenig wir wirklich gehört haben, merken wir erst, wenn minder geläufige oder unbekannte Worte sich einmengen. Die augenfälligsten objektiven Zeugnisse für die Assimilation der Vorstellungen bietet aber die  Sprache  dar. Wahrscheinlich ist das ganze Gebiet der Onomatopie [Lautmalerei, wp] hierher zu rechnen. So falsch jene aus einem psychologischen Vorurteil hervorgegangene Annahme ist, daß sich die Sprache in ihren Uranfängen aus onomatopoetischen Lauten zusammensetze, so zweifellos scheint es, daß sie onomatopoetisch [lautmalerisch, wp]  wird  im Laufe ihrer Entwicklung. Wenn das Wort  Donner  auf eine Wurzel  tan  oder  Rabe  auf  ru  zurückgeführt werden kann und dgl., so ist hier in der ursprünglichen Wurzel die Lautnachahmung, die wir in dem daraus abgeleiteten Wort wahrnehmen, kaum zu bemerken. Nicht minder verblaßt die Onomatopoie oder schwindet völlig, wenn wir Wörter wie schnurren, sausen, zischen, rollen usw. auf ihre indogermanischen Urlaute zurückverfolgen. Da nun niemand in jenen späteren Wortformen die Lautnachahmung verkennen wird, so ist anzunehmen, daß dieselbe allmählich entstanden sei. Als der hierbei wirksame psychologische Vorgang muß aber eine Assimilation vorausgesetzt werden, die zwischen der äußeren Vorstellung, die in diesem Fall assimilierend gewirkt hat und dem Sprachlaut, der assimiliert worden ist, sich vollzog. Hat sich einmal eine solche Assimilation gebildet, so beginnt sie dann leicht auch in umgekehrter Richtung zu wirken, vom Wort zurück auf die Vorstellung. Das Wort "Kuckuck" ist gewiß onomatopoetisch, es hat sich gebildet durch die assmilierende Wirkung des Naturlauts; aber einmal entstanden assimiliert es nun seinerseits wieder den letzteren. In der Tat gelingt es nicht allzu schwer, irgendeinen anderen ähnlich klingenden Laut, z. B. Uhu, aus dem Ruf des Kuckucks heraus- oder vielmehr in ihn hineinzuhören. Auch die Aneignungen der Fremdwörter und die Volksetymologien sind im weiteren Sinne als solche Assimilationsprozesse zu betrachten; doch pflegt bei den ersteren, wie z. B. bei der Übersetzung von  fenestra  in Fenster,  vasculum  in Flasche usw. nicht sowohl eine bestimmte Vorstellung als vielmehr das allgemeine Lautgefühl assimilierend zu wirken. Wo das fremde Wort ein bestimmtes Wort der eigenen Sprache reproduziert und nun dieses assimilierend gewirkt hat, wie z. B. bei der Übersetzung des Sanskritwortes "markata" (Affe) in Meerkatze, da ist augenscheinlich die Aneignung aus einer Volksetymologie hervorgegangen, bei welcher außer der allgemeinen Lautverwandtschaft noch spezielle assoziative Beziehungen der Vorstellungen wirksam waren. (1)


c) Die Komplikation

Die Verbindungen zwischen den Vorstellungen disparater, räumlich getrennter Sinnesgebiete bezeichnen wir als Komplikationen. Zu den bisher erörterten Formen der simultanen Assoziation verhält sich die Komplikation ähnlich wie zu einer chemischen Verbindung ein mechanisches Gemenge. Wie ein Gemenge sehr innig sein kann, aber dennoch die Bestandteile desselben ihre charakteristischen Eigenschaften bewahren, so können auch bei der Komplikation die Vorstellungen fest an einander gekettet sein, während doch jede einzelne in ihren Eigentümlichkeiten unterscheidbar bleibt.

Die häufigste Ursache für die Bildung von Komplikationen besteht in der Verbindung verschiedenartigster Sinneseindrücke, die auf ein und dasselbe Objekt bezogen werden. So komplizieren sich die Gesichts- und Tastvorstellungen eines Körpers, seine Gestalt und Farbe mit seiner Härte und Rauhigkeit; zu beiden kann noch eine Geschmacksvorstellung hinzutreten usw. Nachdem sich einmal durch gleichzeitige Sinneseindrücke feste Komplikationen gebildet haben, genügt dann in künftigen Fällen ein einziger Eindruck, um die ganze Komplikation wachzurufen; diese kann aber auch in allen ihren Bestandteilen reproduktiv sein.

Eine zweite Form der Komplikation entsteht infolge der Verbindung gewisser Sinneseindrücke mit Bewegungen, welche dann die entsprechenden Bewegungsvorstellungen hervorrufen. Inbesondere sind es die mimischen und pantomimischen Bewegungen, die hier eine wichtige Rolle spielen. Indem diese Bewegungen nicht bloß auf äußere Reize erfolgen, sondern auch durch psychische Zustände, die einen der äußeren Sinnesempfindungen analogen Gefühlswert besitzen, erweckt werden können, werden sie zu  Ausdrucksbewegungen  aller der Vorstellungen, die von Affekten begleitet sind. Infolgedessen bilden die Vorstellungen dieser Ausdrucksbewegungen innige Komplikationen mit den Affekten und Vorstellungen, von denen sie erregt werden. Zu den mimischen Bewegungen und Gebärden gehören nun im weiteren Sinn auch die  Sprachbewegungen.  Indem sie sich zugleich mit den  Sprachlauten  verbinden, tritt eine doppelte Komplikation ein: an die Vorstellung heftet sich der sie bezeichnende Laut, an diesen die mimische Bewegungsvorstellung, die ihn begleitet. Da unter unseren objektiven Vorstellungen die des Gesichts die herrschende Rolle spielen, unter den subjektiven Bestandteilen jener Komplikation aber der Sprachlaut wieder die erste Stelle einnimmt, so daß neben ihm die mimische Bewegungsvorstellung nur noch leise anklingt, sind die Vorstellungen des sprechenden Menschen fast durchgehends Komplikationen von Gesichts- und Gehörsvorstellungen, denen sich dann unter Umständen noch weitere Elemente, wie Tast-, Geschmacks-, Bewegungsvorstellungen anheften, um zusammengesetztere Komplikationen zu bilden. In nicht seltenen Fällen tritt ferner in jenen herrschenden Komplikationen an die Stelle der ursprünglichen Gesichtsvorstellung das die Sprachlaute in Gesichtsbilder umsetzende Schriftzeichen. Dadurch werden dann auch solche psychische Gebilde, denen eine konkrete sinnliche Vorstellung eigentlich nicht entspricht, wie die abstrakten Begriffe, befähigt in den Formen jener Komplikation von Bild und Laut zu erscheinen.

Von der assoziativen Synthese sowohl wie von der Assimilation unterscheidet sich die Komplikation wesentlich dadurch, daß sich bei ihr nicht elementare Empfindungen oder einfachere Bestandteile verschiedener Vorstellungen verbinden, sondern daß die Vorstellungen als ungeteilte Ganze in Verbindung eintreten. Immerhin verhalten sich die komplizierten Vorstellungen insofern ähnlich den Verbindungen der Empfindungen bei der Verschmelzung, als in der Komplikation ebenfalls  eine  Vorstellung zur herrschenden wird, neben der die anderen nur als modifizierende Begleiter erscheinen, deren wir uns oft nur dunkel bewußt werden. Wenn es aber im allgemeinen leichter gelingt, die Bestandteile einer Komplikation zu sondern, so liegt ein zureichender Grund hierfür schon darin, daß nicht Elemente, sondern ausgebildete Vorstellungen sich verbinden. Die Existenz einer herrschenden Vorstellung auch bei diesen Verbindungen weist übrigens nochmals auf die Bedeutung hin, welche für alle Assoziationen jene Eigenschaft des Bewußtseins besitzt, unter einer Mehrheit gleichzeitiger Vorstellungen in der Regel nur  eine  zu apperzipieren.


2. Die sukzessive Assoziation

Während bei den Formen der simultanen Assoziation die Vorstellungen, die sich verbinden, zugleich mehr oder minder verändernd aufeinander einwirken, behält bei der sukzessiven Assoziation im allgemeinen jede einzelne Vorstellung diejenige Beschaffenheit, die sie auch im isolierten Zustand besitzen würde. Durch diese Integrität, welche die Glieder einer Assoziationskette bewahren, unterscheidet sich die letztere wesentlich von allen bisher betrachteten Formen der Assoziation. Der Grund hierzu liegt offenbar darin, daß die sukzessive Assoziation immer in einer Reihe zeitlich getrennter Apperzeptionsakte besteht, so daß die Bedingung zu einer verändernden Wechselwirkung der Vorstellungen, ihre simultane Auffassung, hier fehlt. Bei der sukzessiven Assoziation können niemals zwei unmittelbar assoziierte Vorstellungen durch totale oder partielle Verschmelzung in eine innigere Verbindung treten, falls nicht eben anstelle der sukzessiven Assoziation eine simultane und zwar speziell eine Assimilation oder auch eine Komplikation, treten sollte. In der Tat kann es sich ereignen, daß im Verlauf einer Assoziationskette sich irgend zwei Glieder zu einem simultanen Produkt verbinden. Dann können wir aber stets die Sache so auffassen, daß die Assoziationskette durch einen Assimilations- oder Komplikationsvorgang unterbrochen wird. Unter den Formen der simultanen Assoziation sind es daher auch diese letzteren, welche der sukzessiven Assoziationi am nächsten stehen. Bei den beiden handelt es sich nicht mehr um Vorgänge ursprünglicher Vorstellungsbildung, sondern um Verbindungen fertiger, zusammengesetzter Vorstellungen. Auch die sukzessive Assoziation verläuft aber in der Regel innerhalb eines und desselben Vorstellungsgebietes; nur höchst selten springt sie auf eine entsprechende disparate Vorstellung über und wird so der Komplikation verwandt. Während aber die Bedingung zur Entstehung der Assimilation in der Fortdauer der Vorstellung  A  neben der ihr verbundenen  A'  und in der hierdurch bewirkten gleichzeitigen Apperzeption beider besteht, ist der Anlaß zur sukzessiven Association gegeben, wenn die erste Vorstellung aus dem Blickpunkt des Bewußtseins verschwunden ist, sobald die zweite in denselben eintritt. Deshalb ist die äußere Bedingung zur Entstehung einer Assimilation in der Regel ein unmittelbarer Sinneseindruck; die sukzessive Assoziation dagegen empfängt höchstens ihren ersten Anstoß durch eine unmittelbare Sinnesvorstellung, ihr weiterer Verlauf gestaltet sich aber umso ungestörter, je weniger die Assoziation der Vorstellungen durch äußere Eindrücke unterbrochen wird.

Noch eine weitere Bedingung muß jedoch erfüllt sein, wenn wir möglichst andauernde und zusammenhängende Assoziationsreihen erhalten sollen: wir müssen uns völlig passiv dem Spiel der Vorstellungen überlassen. Nichts ist darum der Assoziation hinderlicher, als die aktive Aufmerksamkeit. So sieht man denn auch die Assoziationen vor allem da hervortreten, wo die Beherrschung des Gedankenverlaufs durch den Willen zurücktritt. Der Vorstellungsverlauf des Träumenden und des Wahnsinnigen bietet das geeignetste Beobachtungsgebiet für das Studium der Assoziationen. In der sich steigernden Ideenflucht des Irren können wir es zuweilen Schritt für Schritt verfolgen, wie sich das logische Denken allmählich auflöst, weil die Assoziationen eine immer größere Herrschaft gewinnen. Schon diese Tatsachen lassen das Unternehmen, das logische Denken auf die Assoziationen zurückführen zu wollen, höchst bedenklich erscheinen. Noch mehr erhellt die Unmöglichkeit des Beginnens, wenn man die sogenannten Assoziationsgesetze ins Auge faßt.

Da sich die bekannten  vier  Assoziationsregeln zweckmäßiger auf  zwei  zurückführen lassen, ist schon von HERBART erkannt worden. Auf einer Seite gehören nämlich die Assoziationen nach Zeitfolge und räumlicher Koexistenz zusammen. Die Verbindung durch Kontrast beruth wahrscheinlich stets auf den an die Vorstellungen gebundenen Gemütsbewegungen. Indem diese zwischen den Gegensätzen der Lust und Unlust auf- und abwogen, übertragen sie die nämliche Bewegung auf den Wechsel der Vorstellungen. Nebenbei wird aber zwischen den letzteren niemals eine Beziehung der Ähnlichkeit fehlen, an die der Kontrast erst anknüpft. Eine Hochzeitsfeier mag uns an ein zuvor erlebtes Leichenbegängnis erinnern. So wird überhaupt die Verbindung durch Kontrast nur als eine Spezialform der Assoziation nach Ähnlichkeit gelten können. Während nun bei dieser stets eine innere Beziehung der Vorstellungen vorhanden ist, bewirkt bei der Verbindung nach Sukzession oder Koexistenz nur die äußere Berührung in Zeit und Raum die Assoziationen. Wir können so die erste Form als die  innere,  die zweite als die  äußere  oder auch jene als die  unmittelbare,  diese als die  mittelbare  Assoziation unterscheiden.

Aber auch diese einfacheren Begriffe, so sehr sie der zufälligen Aufzählung der alten Assoziationsregeln überlegen sind, geraten dem lebendigen Fluß der wirklichen Vorstellungsverbindungen gegenüber überall ins Schwanken. Auch sie beruhen schließlicöh auf der für die Assoziationslehre verhängnisvoll gewordenen Voraussetzung, daß die Vorstellungen feste Gebilde seien, die sich als solche im Grunde immer nur äußerlich aneinander ketten, die ähnlichen, weil sie vermöge ihrer inneren Verwandtschaft sich anziehen, die unähnlichen, weil sie zuvor schon äußerlich verbunden gewesen sind. Solche feste Gebilde sind aber, wie schon bemerkt, unsere Vorstellungen nicht. Sie sind fließende Vorgänge, von denen ein nachfolgender niemals irgendeinem vorangegangenen in jeder Beziehung gleichen wird und die eben darum nie als ganze Vorstellungen, sondern immer nur in den Elementen, die sie zusammensetzen, miteinander verbunden sind. Wenn eine Vorstellung durch sukzessive Assoziation eine andere wachruft, so ist daher die letztere nicht eine bestimmte einzelne, die vorher schon einmal da war, sondern eine Verbindung von Elementen, die zum Teil verschiedenen, ja meist einer unbestimmt großen Anzahl früher vorhanden gewesener Vorstellungen angehört. Die wahren Assoziationsgesetze können sich daher niemals auf die ganzen Vorstellungen, sondern immer nur auf diese Elemente beziehen und die geläufige Assoziationsregeln sowohl wie die aus ihrer Vereinfachung hervorgegangenen Formen der inneren oder unmittelbaren und der äußeren oder mittelbaren Assoziation werden nur als die komplexen Resultate dieser elementaren Gesetze betrachtet werden können. Nun weisen aber jene Regeln auf  zwei  elementare Assoziationen hin, die im allgemeinen bei jedem zusammengesetzten Assoziationsvorgang wirksam sein werden und deren wechselndes Verhältnis die Unterschiede der einzelnen Formen erzeugen muß. Die eine dieser elementaren Assoziationen ist die  Verbindung gleicher Elemente.  Sie beruht auf dem Gesetz, daß eine bestimmte einfache Sinneserregung eine ihr vorangegangene von gleicher Qualität wiederzuerwecken strebt oder, wenn die neue mit der früheren Erregung zusammenfließt, durch diese in ihrer Intensität verstärkt wird. Die zweite elementare Assoziation ist die Verbindung ungleicher Elemente, die in früheren Vorstellungen oder Vorstellungsreihen zeitlich oder räulich zusammenliegen: die  Verbindung sich berührender Elemente.  Demnach wird jede zusammengesetzte Ähnlichkeitsassoziation aus einem Komplex von Gleichheits- und Berührungsverbindungen bestehen, in welchem die ersteren quantitativ überwiegen oder wenigstens die herrschenden Element der assoziierten Vorstellungen bilden. Jede Berührungsassoziation wird dagegen aus einem eben solchen Komplex bestehen, in welchem den Berührungsverbindungen jene herrschende Rolle zukommt.

Übrigens darf nicht übersehen werden, daß sich diese Theorie nicht auf die Gleichheit, Ähnlichkeit oder Verschiedenheit der  Objekte  unserer Vorstellungen, sondern eben nur auf die  Elemente der Vorstellungen selbst  bezieht. Daß es zwischen den Objekten Ähnlichkeiten gibt, die nicht aus einer Mischung von gleichen und verschiedenen Elementen bestehen, ist zweifellos. Aber daraus folgt noch nicht, daß ein elementarer Eindruck nicht bloß einen ihm gleichen vorangegangenen wachrufen, sondern daß er auch einen ohne jede Dazwischenkunft von Berührungsverbindungen ins Bewußtsein erwecken könne. Vielmehr ist die Möglichkeit einer solchen Assoziation, sobald man sie als einen elementaren Vorgang betrachtet, schlechterdings nicht zu begreifen. Jene einfachen Ähnlichkeiten, die sich nich in gleiche und in verschiedene Bestandteile zerlegen lassen, gehören vor allem durchweg den einfachen  Empfindungen  an. So sind z. B.  gelb  und  orange  einfache und einander ähnliche Empfindungen. Nun wird niemand bestreiten, daß der Eindruck "gelb" den Eindruck "orange" wachrufen kann und diese Assoziation wird man ihrem Resultat nach eine Ähnlichkeitsassoziation nennen. Aber es ist nicht verständlich, wie hier die eine Empfindung die andere unmittelbar und ohne jede weitere Assoziationshilfe zustande bringen soll. Wir begreifen nach den allgemeinen Gesetzen der Einübung, daß  gelb  gelb, nicht aber, daß  gelb  eine andere beliebig von ihm verschiedene, wenn auch noch so ähnliche Farbe wiedererweckt. Fassen wir dagegen diese Ähnlichkeitsassoziation nicht selbst als einen elementaren Assoziationsvorgang, sondern als ein Resultat von ineinander greifenden Gleichheits- und Berührungsverbindungen auf, so wird die Sache vollkommen verständlich. Der Eindruck  gelb  erweckt zunächst die frühere ihm gleichende Empfindung  gelb,  diese aber ordnet sich in die in Berührungsverbindungen stehende Farbenreihe ein, in welcher sich  orange  als die nächste deutlich verschiedene Farbe anschließt.

Jene beiden elementaren Formen der Assoziation werden nun aber ferner nur begreiflich, wenn jedes Vorstellungselement in uns eine Disposition zu seiner Wiedererneuerung zurückläßt. Wir mögen diese Dispositionen  latente  Vorstellungen nennen. Wie jedoch die latente Wärme eines Körpers von der aktuellen Wärme wesentlich verschieden ist, da sie in Wirklichkeit eine ganz andere Form von Kraft oder Bewegung darstellt und von uns eben nur darum latente Wärme genannt wird, weil aus ihr aktuelle Wärme hervorgehen kann, - so dürfen wir auch dem Begriff der latenten Vorstellungen keine andere Bedeutung geben als die, daß nach jedem Eindruck irgendeine Veränderung zurückbleibt, die eine Wiedererneuerung früherer Empfindungen möglich macht. Nun bleibt  eine  Veränderung, während einer gewissen Zeit wenigstens, zweifellos zurück: ein  physiologische  nämlich der zentralen Sinnesorgane, deren Erregung die Vorstellung begleitete. Wie die unmittelbare, durch äußere Reize hervorgerufene Sinnesvorstellung von einer physiologischen Erregung begleitet ist, so wird diese auch bei der reproduzierten nicht fehlen. Bei lebhafteren halluzinatorischen Vorstellungen können wir eine solche unmittelbar nachweisen. Von ihnen bis zum blassen Erinnerungsbild führt aber eine stetige Folge von Intensitätsabstufungen.

Wenn sich nun mit jeder aktuellen Vorstellung eine physiologische Erregung verbindet, so kann unmöglich die latent gewordene Vorstellung mit der aktuellen übereinstimmen oder auch nur in einem geringeren Grad derselben bestehen: mindestens  ein  Merkmal fehlt ihr, die begleitende physiologische Erregung. Wohl aber geht auch die letztere in rein physiologischem Sinn nicht ohne Nachwirkung vorüber. Schon in jeder Nervenfaser wird durch einen Reiz, falls er nicht übermäßig ist, die Reizbarkeit gesteigert, d. h. es bleibt eine Veränderung zurück, durch welche die Wiederholung der nämlichen Erregung erleichtert ist. In der zentralen Substanz sind auch diese Wirkungen, wie alle anderen, von ähnlicher, nur ungleich dauernderer Beschaffenheit. Bei allen von unserem Nervensystem abhängigen Vorgängen bemerken wir solche Nachwirkungen, die wir in ihrer äußeren Erscheinung als  Übung  bezeichnen. Namentlich aus der Einübung der Bewegungen unserer Körperteile sind uns dieselben geläufig. Wir können aber eine doppelte Form der Übung unterscheiden. Erstens kann eine bestimmte  einzelne  Bewegung, die von mehr oder weniger verwickelter Beschaffenheit sein mag, durch die Übung erleichtert werden. Hierin besteht die  unmittelbare Übung.  Die regelmäßige Folge derselben ist es, daß die geübten Teile zur Ausführung der nämlichen Bewegungen immer geschickter werden. Zweitens kann die Übung in der gemeinsamen Einübung verschiedenartiger Bewegungen, die von verschiedenen Teilen gleichzeitig oder sukzessiv ausgeführt werden, bestehen. Das ist die  mittelbare Übung  oder  Mitübung.  Hier tritt als eine regelmäßige Folge die ein, daß die verschiedenen zusammengeübten Bewegungnen sich immer inniger miteinander verbinden. Geläufige Beispiele solch kombinierter Einübung sind die Bewegungen der Arme, Hände und Füße bei gewissen mechanischen Verrichtungen, wie beim Klettern und Schwimmen, Spinnen und Weben und dgl. Diese verschiedenen Formen der physiologischen Übung zeigen eine vollständige Analogie mit den psychologischen Elementarformen der Assoziation. Wie hier, so treffen wir auch dort  zwei  Fälle an: eine  bestimmte Bewegung  erleichtert den Eintritt einer gleichen Bewegung und  gemeinsam eingeübte verschiedenartige Bewegungen  bleiben verbunden. Nehmen wir zu dieser Analogie die vorhin entwickelte Voraussetzung, daß jede Vorstellung von einer zentralen physiologischen Erregung begleitet ist, so werden wir zu dem Schluß gedrängt,  daß jede psychologische Assoziation der Vorstellungen begleitet ist von einer entsprechenden physiologischen Assoziation der zentralen Innervationsvorgänge. 

Dieses vorausgesetzt, liegt nun aber keinerlei Grund vor, das Verhältnis hier wesentlich anders aufzufassen, als bei der Beziehung der unmittelbaren Sinnesvorstellungen zu den äußeren Reizen, durch die sie erregt werden. Wie die erste Erweckung der Vorstellungen, so ist auch die Möglichkeit ihrer Wiedererneuerung an die Wechselwirkung gebunden, in denen unser geistiges Sein zur Außenwelt steht. Alle unsere sinnlichen Vorstellungen werden ursprünglich hervorgerufen durch Eindrücke, die von außen auf unseren Körper einwirken. Unser Nervensystem aber ist so konstituiert, daß jeder Eindruck in ihm die Anlage zurückläßt zur Wiederholung der von ihm verursachten Bewegungen. So hat auch jene Ordnung unserer Vorstellungen, welche die Assoziationen vermitteln, in unserer physischen Organisation ihre Grundlage.

Für die Entwicklung unseres geistigen Lebens sind die Assoziationen ebenso unerläßlich, wie die äußeren Sinneserregungen, die sich in ihnen wiedererneuern. Dennoch ist ihr psychologischer Wert überschätzt worden, wenn man aus ihnen allein die eigentlichen Vorgänge des Denkens glaubte ableiten zu können. Sind auch für die letzteren die Assoziationen eine unentbehrliche Hilfe, so besteht doch ihr geistiger Wert vornehmlich darin, daß sich auf ihnen erst jene weiteren Verbindungen erheben, welche durch die aktive Apperzeption entstehen. In dieser Beziehung hat die Assoziation eine ähnliche Bedeutung, wie die direkte äußere Sinneserregung. Diese versieht unser Bewußtsein fortwährend mit neuem Stoff; jene hat die wichtige Eigenschaft, die vergängliche Einwirkung der Sinneseindrücke dauernd zu machen, indem sie dieselben fortwährend zu erneuerter Verwendung bereithält.


3. Beziehung der Assoziationsformen zur Apperzeption

Alle Assoziationen sind pyscho-physische Prozesse in dem Sinne, daß sich zu jeder psychischen Verbindung eine entsprechende Form physischer Verbindung nachweisen läßt. So kann ich eine intensive Verschmelzung nur bilden, wo eine Anzahl zusammengehöriger Reize mit den ihnen korrespondierenden Nervenprozessen gegeben ist. Nicht minder beruht die extensive Verschmelzung auf der regelmäßigen Verbindung gewisser physiologischer Reizungsvorgänge, wie der Netzhauterregungen und der motorischen Erregungen des Auges. Bei der Assimilation und sukzessiven Assoziation endlich werden wir auf die notwendig vorauszusetzende Eigenschaft der zentralen Nervensubstanz hingewiesen, frühere Erregungen beim Eintritt verwandter Ursachen zu erneuern und die Formen der inneren und der äußeren Assoziation ordnen sich den allgemeinen physiologischen Erscheinungen der Übung und Mitübung unter.

Aber in jedem dieser Fälle bleibt ein Punkt übrig, welcher durch die Wirksamkeit der psycho-physischen Assoziationen nicht erklärt wird, sondern den Hinzutritt einer Tätigkeit verlangt, durch welche jedesmal die eigentümliche Form der assoziativen Verbindung wesentlich mitbedingt ist. Bei der Verschmelzung beschränkt sich diese Tätigkeit darauf, daß sie aus dem ganzen Empfindungskomplex  herrschenden Empfindungen  aussondert, welche allein die übrigen Elemente als dunklere Bestandteile der Vorstellungen nur jenen herrschenden eine eigentümliche Färbung verleihen oder ihre wechselseitige Beziehung bestimmen. Diese Apperzeptionen der herrschenden Empfindungen steht mit den fundamentalen Eigenschaften unseres Bewußtseins in direkter Beziehung. Welche Empfindungen aber die herrschenden sind, dafür sind allerdings äußere Momente von entscheidendem Einfluß: so bei der intensiven Verschmelzung die größere Stärke der Reize, bei der extensiven die wechselndere qualitative Bschaffenheit der Licht- und Tasteindrücke gegenüber den qualitativ gleichförmigen Bewegungsempfindungen. Bei der Assimilation hat diese die Apperzeption eines Eindrucks begleitende Tätigkeit einen größeren Spielraum. Die nämliche äußere Sinneswahrnehmung kann in verschiedenen Momenten von verschiedenen in uns bereit liegenden Vorstellungen assimiliert werden, so daß auch die resultierende Vorstellung jedesmal eine andere ist. Wir müssen alsohier eine wechselnde Richtung des Bewußtseins voraussetzen, die erst entscheidet, welche unter den anscheinend gleich möglichen Verbindungen durch die Apperzeption wirklich aufgeführt wird. Nur in einzelnen Fällen vermögen wir dieser wechselnden Disposition des Bewußtseins etwas näher nachzuspüren. Wenn wir z. B. eine Umrisszeichnung betrachten, die eine verschiedene Deutung zuläßt, etwa das Relief einer Münze, das ebensowohl erhaben, wie vertieft aufgefaßt werden kann, so bemerken wir, daß nicht selten die willkürliche Reproduktion der einen oder anderen Vorstellung die Richtung der Assimilation entscheidet.

In höherem Grad noch als bei der Assimilation macht sich bei der sukzessiven Assoziatioin der gleiche Einfluß geltend. Zu jeder Vorstellung liegen unzählige Assoziationen bereit. Viele der Vorstellungen, die mit der soeben apperzipierten in assoziativer Verbindung stehen, bleiben aber völlig unter der Schwelle des Bewußtseins, andere dringen nur in die dunkleren Regionen des letzteren, - welche von allen diesen assoziativ verbundenen Vorstellungen in einem gegebenen Fall wirklich in den Blickpunkt des Bewußtseins eintritt, dies wird weder durch die größere Verwandtschaft noch durch die größere Geläufigkeit allein entschieden. Ja, diese Momente sind offenbar von verhältnismäßig untergeordneter Bedeutung, denn wie wäre sonst der fortwährende Wechsel der wirklich eintretenden Assoziation begreiflich? Das Entscheidende für den wirklichen Wechsel der apperzipierten Vorstellungen ist vielmehr auch hier die augenblickliche Richtung des Bewußtseins, wie sie in der Gefühlsrichtung, dem vorwaltenden Interesse und schließlich in der Beschaffenheit des Willens ihren Ausdruck findet. Von welchen Faktoren diese Disposition abhängt, wird sich einer erschöpfenden psychologischen Analyse wohl immer entziehen. Wir können nur darauf hinweisen, daß sie von der Gesamtheit der vorangegangenen Erlebnisse bestimmt wird. Durch letzteres unterscheiden sich die Bedingungen der Apperzeption insbesondere auch von denen der Assoziation. Wie in dieser die momentanen Einflüsse auf das Bewußtsein, so kommen in jener die dauernden Anlagen und Willensrichtungen desselben zur Geltung.

Wenn nun die Auswahl unter den durch Assoziation ermöglichten Vorstellungen vorzugsweise von äußeren Einflüssen und von momentanen Assoziationsbedingungen abhängt, so nennen wir die Apperzeption eine  passive.  Sobald uns dagegen die aus der Gesamtheit der Vorerlebnisse resultierende Willensrichtung als entscheidendes Motiv erscheint, nennen wir sie eine  aktive.  Man hat zumeist die passive Apperzeption als die  unwillkürliche,  die aktive als die  willkürliche  bezeichnet. Ich kann diese Unterscheidung deshalb nicht als eine zutreffende anerkennen, weil der Akt der Apperzeption überall in einer inneren Willenshandlung besteht. Zu einem deutlichen Bewußtsein dieser Willenshandlung als solcher gelangen wir allerdings vorzugsweise bei der  aktiven  Apperzeption, bei der unter verschiedenen sich darbietenden Vorstellungen eine einzelne willkürlich bevorzugt wird. Deshalb verwechselt man nun den Willen mit der  Wahl  und glaubt von einer Tätigkeit des Willens nur reden zu sollen, wo ein bewußter Wahlakt vorhanden ist. Aber dieser verwickelteren Willenshandlung muß als eine einfachere Form des nämlichen Geschehens notwendig jene vorausgehen, welche sich unmittelbar einer in das Bewußtsein gehobenen Vorstellung zuwendet. In dieser  passiven  Apperzeption besteht daher die primitivere Willenstätigkeit gegenüber den Vorstellungen. Hierbei bemerken wir aber den Willensvorgang selbst nur im Reflex eines seine Tätigkeit begleitenden Gefühls.

Aus diesem Verhältnis der Assoziation zur Apperzeption erhellt deutlich, warum die Assoziationsformen nicht als psychologische Gesetze in dem Sinne angesehen werden dürfen, als wenn in ihnen jemals die einzigen Bedingungen für die innere Aufeinanderfolge der Vorstellungen gegeben wären. Sie bezeichnen immer nur die möglichen Verbindungen, die dem Bewußtsein zu Gebote stehen. Eine geläufige Form, in der dieses Verhältnis seinen Ausdruck findet, ist der Unterschied zwischen  Gedächtnis  und  Erinnerung.  Das Gedächtnis versorgt unser Bewußtsein mit dem erforderlichen Vorrat von Vorstellungen, indem es dieselben vermöge ihrer assoziativen Verbindungen festhält; aber die Erinnerung ist derjenige Akt der Apperzeption, der erst eine bestimmte unter den assoziativ verbundenen Vorstellungen in dem Blickpunkt des Bewußtseins bringt. Diese Auswahl kann nun wieder unter verschiedenen Bedingungen vor sich gehen. Sie kann  erstens  erfolgen vermöge der Assoziation, in der eine Vorstellung mit einzelnen der vorangegangenen Vorstellungen steht. Wir nennen in diesem Fall die Apperzeption eine  passive,  weil sie, ähnlich wie bei der sinnlichen Wahrnehmung, unmittelbar von den in das Bewußtsein eintretenden Vorstellungen bestimmt ist. Jene Auswahl kann aber  zweitens  auch dadurch erfolgen, daß die von der Gesamtanlage des Bewußtseins abhängige apperzeptive Tätigkeit erst bestimmt, welche unter den durch Assoziation gehobenen Vorstellungen in den Blickpunkt des Bewußtseins tritt. Hier reden wir von einer  aktiven  Apperzeption. Obgleich in beiden Fällen die Assoziation die Vorstellungen bereit hält, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß die Assoziationsformen vorzugsweise bei der passiven Apperzeption zur Beobachtung gelangen und daß dagegen bei der aktiven diejenigen Gesetze sich geltend machen, nach denen die Apperzeption selbst wirksam ist.

LITERATUR: Wilhelm Wundt, Logik [Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis und der Methoden wissenschaftlicher Forschung], Bd. I (Erkenntnislehre), Stuttgart 1893
    Anmerkungen
    1) Weitere Beispiele von Assimilation auf dem Gebiet der Sprache findet man bei WHITNEY-JOLLY, Vorlesungen über die Sprachwissenschaft, München 1874, Seite 159f und besonders bei K. G. ANDRESEN, Über deutsche Volksetymologie, 5. Auflage, Heilbronn 1889