p-4CorneliusRapoportF. NicolaiMauthnerSchmitz-Dumont     
 
WILHELM WUNDT
Zur Geschichte und Theorie
der abstrakten Begriffe

[2/3]

"Der Satz:  'Keine Substantialität ohne Kausalität'  hat hier die Bedeutung einer Warnung, man solle nicht solche Substanzvoraussetzungen machen, für welche innerhalb der Naturkausalität keine zwingenden Motive vorliegen."

2. Die korrelaten abstrakten Subjektbegriffe

b. Stoff und Form

Die Begriffe des Stoffs und der Form sind Erzeugnisse unseres abstrahierenden Denkens, die insofern mit den Begriffen des Seins und des Werdens auf gleichem Boden stehen, als sie verschiedene Gesichtspunkte darstellen, von denen aus die Erkenntnisobjekte, die an sich beide Begriffsmomente vereinigt enthalten, betrachtet werden können. Aber sie unterscheiden sich wesentlich dadurch, daß sie auf Motive des Denkens zurückweisen, die nicht bloß in diesem sich zu festen Begriffen verdichten, sondern auch in ihrer Beziehung auf die Objekte der Anschauung voneinander getrennt bleiben. Das Sein hält unserer Betrachtung nicht Stand, sobald die Objekte in Veränderungen begriffen sind, aber der Stoff, aus dem ein Gegenstand besteht, kann als beharrend aufgefaßt werden, auch wenn seine Form wechselt und verschiedene Stoffe können auch in übereinstimmenden Formen gegeben sein, wie das am deutlichsten bei der nächsten Bedeutung der Form, der  Gestalt,  ist. Darum können wir die Begriffe von Stoff und Form nicht bloß als  subjektiv  logische Formen betrachten, welche lediglich auf bestimmte Richtungen unserer Erkenntnisfunktionen hinweisen, sondern wir müssen ihnen einen  objektiven Erkenntniswert  zugestehen.

Dieser Umstand hat nun aber dazu geführt, daß man sie überhaupt als  trennbare  Objekte betrachtete, eine Anschauung, welche namentlich in Bezug auf den Formbegriff lange Zeit die Metaphysik beherrschte und welche in der Platonischen Ideenlehre ihren klassischen Ausdruck fand. Sind auch nach Platonischer Auffassung innerhalb der Sinnenwelt Stoff und Form aneinander gebunden, so gilt doch diese Verbindung als ein erst gewordenes Erzeugnis. Ursprünglich besitzen die Formen als Ideen eine unabhängige Existenz und als solche sind sie Gegenstände unserer Begriffsbildung. Aus dieser wird dann geschlossen, daß den objektiven Ideen selbst Allgemeinheit zukommt. Der Stoff, die Materie ist als das völlig bestimmungslose gar nicht Gegenstand des Begirffs; er ist, wie wir es heute ausdrücken würden, bloße Anschauung, als der ausgedehnte Raum, welcher in der Sinnenwelt den Ideen ihre konkrete Gestalt gibt. In alledem erkennt man noch deutlich die Nachwirkungen des Eleatischen Seins, das, zur Idee umgestaltet, den Stoffbegriff zwar heranzieht, um einen Übergang zur Erscheinungswelt zu gewinnen, aber eine Gleichberechtigung diesem Begriff noch keineswegs zugestehen will. Obgleich ARISTOTELES die völlige Transzendenz der Ideenwelt beseitigt, indem er das Wirkliche gerade im einzelnen Ding anerkennt, welches Stoff und Form in sich vereinigt, so bleibt seine Grundanschauung die Platonische. Nicht nur ist die Form allein Gegenstand der Begriffsbildung, sondern die Endpunkte der Entwicklung, der denkende Geist und die Gottheit, werden von ihm als reine, stofflose Formen betrachtet. Dies hängt mit einer aus der Platonischen Ideenlehre hervorgegangenen Begriffsvertauschung zusammen, deren Wirkungen noch heute nicht erloschen sind. An die Stelle des Verhältnisses von Stoff und Form tritt das von  Körper  und  Geist.  Indem der Geist als das  formbestimmende  gedacht wird, erscheint er als die Form selbst. Logisch betrachtet ist diese Begriffsübertragung eine unzulässige. Denn der objektive Erkenntniswert der Begriffe von Stoff und Form besteht gerade darin, daß dieselben auf unmittelbare Eigenschaften der Objekte hinweisen, die uns stets miteinander gegeben sind. Sobald man daher von der Form auf einen hypothetischen Grund derselben zurückgeht, so wird hier das Metaphysische dem Logischen substituiert. Dadurch wird aber die Auffassung des Verhältnisses von Stoff und Form umso mehr getrübt, als man von vornherein nur für die letztere einen solchen metaphysischen Grund voraussetzt. Wenn z. B. ARISTOTELES Gestalt, Bewegung, Zweck als Unterarten der Form bezeichnet, so ist es deutlich, daß diese Aufzählung von der metaphysischen Voraussetzung ausgeht:  Form ist, was eine geistige Ursache hat  und für die Feststellung des Begriffs "geistige Ursache" sind wieder gewisse Beobachtungen an den lebenden Wesen maßgebend geworden. Noch bei KANT wirkt diese Vermengung des Formbegriffs mit den metaphysischen Voraussetzungen über die Ursachen der Form darin nach, daß er den Formen der Erkenntnis, den Anschauungs- und Begriffsformen, einen intellektuellen Ursprung gibt, während er vom Stoff, den er in die Empfindung verlegt, lediglich behauptet, daß er uns empirische gegeben wird.

Suchen wir nun unabhängig von solchen zur Begriffsunterscheidung hinzugebrachten Voraussetzungen das Verhältnis beider Begriffe zu bestimmen, so haben wir von der Tatsache auszugehen, daß an den wirklichen Denkobjekten Stoff und Form immer  miteinander  gegeben sind, daß ebensowenig ein formloser Stoff wie eine stofflose Form für uns denkbar ist. In dieser Beziehung gleichen beide vollkommen den verwandten Begriffspaaren, dem Sein und dem Werden, dem Ding und seinen Eigenschaften. Aber während in Sein und Werden sich nur die einander gegenüberstehenden Formen der Abstraktion aus dem Gegebenen selbst ausgeprägt haben, ist andererseit im Ding und seinen Eigenschaften der Einfluß der Erfahrungsmomente noch mächtig genug, um die abstrakte Sonderung der Begriffe völlig zu hindern, so daß selbst die verwegenste metaphysische Spekulation unfähig sein würde, den Gedanken eines Dings ohne Eigenschaften oder einer Eigenschaft ohne dingliches Substrat zu verlangen. Hier liegen nun Stoff und Form genau in der Mitte. Alle Merkmale des Seins hat auch der  Stoff  beibehalten: die Existenz, die objektive Realität und die Unveränderlichkeit; aus dem Ding dagegen ist die Vorstellung des notwendigen Verbundenseins mit Eigenschaften und des Wechsels dieser Eigenschaften, des Zustandes, in ihn übergegangen. Wenn die Platonische Materie als das völlig bestimmungslose, daraum aber auch als das eigentlich nicht-seiende auftritt, so sind das Unzulänglichkeiten der Entwicklung, in denen das Sein der Eleaten noch deutlich seine Übermacht geltend macht.

Hat der Stoffbegriff dem Sein die abstrakten Elemente entlehnt, die ihn vom Dingbegriff scheiden, so ist nun aber das Verhältnis des  Formbegriffs  zum Werden keineswegs ein völlig entsprechendes. Vielmehr tritt hier die merkwürdige Erscheinung auf, daß das Sein, namentlich in den metaphysischen Verwertungen dieses Begriffs, fortwährend die Tendenz besitzt, auch der Form seine Merkmale, insbesondere das dem Werden direkt entgegengesetzte der absoluten Unveränderlichkeit, mitzuteilen. Von den Platonischen Ideen an bis auf SPINOZAs Causa sui und die Vis primitiva des LEIBNIZ herab ist die ontologische Metaphysik erfüllt vom Streben, das Prinzip der Veränderung dem des Beharrens dienstbar zu machen. Das ursprüngliche Motiv dieses Strebens liegt im Widerstand, welchen der empirische Dingbegriff der Anwendung des abstrakten Begriffs der Veränderung, des Werdens entgegensetzt. Dieser Widerstand äußert sich zunächst am Dingbegriff selbst, indem ihm  zwei  Relationsbegriffe gegenüberstehen, die  Eigenschaft,  bei der von jeder Veränderung abgesehen wird und der  Zustand,  auf welchen sich das Moment des Wechsels zurückgezogen hat. Da ber hierbei der Nebenbegriff relativ bleibender Eigenschaften nicht verloren gegangen ist, so bleibt auch dem Zustand das absolute Fließen des Werdebegriffs fremd. In Eigenschaft und Zustand sind auf diese Weise Konstanz und Veränderung  relative  Begriffe geblieben, wie solches dem empirischen Tatbestand unserer Vorstellungen, aus denen sie sich als nächste Abstraktionen niederschlugen, entspricht. Wie nun in den Stoffbegriff aus dem Ding die Vorstellung eines Komplexes bleibender Eigenschaften überging und in ihm unter dem Einfluß des abstrakten Seins sich zu absoluter Konstanz verdichtete, so geht in den Formbegriff die Vorstellung des Zustandes als eines zwar relativ veränderlichen, aber doch für die begriffliche Betrachtung fixiert zu denkenden ein. Der Begriff des Werdens aber kommt zur Geltung, indem man auf das Moment der  Entstehung eines gegebenen Zustandes  den entscheidenden Wert legt. Dadurch erleidet der Begriff der Form eine Verschiebung, die in seiner eigentlichen Bedeutung, wie sie noch im gewöhnlichen Sprachgebrauch erhalten geblieben ist, entfremdet. Nicht die relativ bleibende Gestaltung des Stoffes ist es, in welche das Formprinzip verlegt wird, sondern die  Ursache  dieser Gestaltung, die sich eben im Moment der Formentstehung betätigt. Auf die Ursache können aber, da nicht sie selbst im Wechsel der Erscheinungen gegeben ist, nunmehr alle Prädikate des Seins, insbesondere auch dasjenige des Beharrens, übertragen werden. So hat sich das Denken aus dem unversöhnlichen Widerstreit der abstrakten Gegensätze des Seins und Werdens gerettet, indem es, unter dem maßgebenden Einluß der relativen Beharrlichkeit der Vorstellungen und des von ihr getragenen empirischen Dingbegriffs mit seinen Prädikaten, dem Sein das Übergewicht zuerkannte. Alle Veränderung wird zur Erscheinungsform eines beharrenden Substrates. Dieses Substrat, wenn man es ohne jede Rücksicht auf die in ihm liegende Möglichkeit veränderliche Gestalt anzunehmen betrachtet, ist der  Stoff,  wenn man es aber mit Rücksicht auf diese Möglichkeit und als das Prinzip der Veränderung selbst betrachtet, die  Form.  Damit haben sich Stoff und Form zur Forderung eines einheitlichen Begriffs verbunden, welcher sie beide in sich schließt, indem der die einseitige Abstraktion, die jedem von ihnen zugrunde liegt, aufgibt, da er eben in der Forderung eines Substraktes besteht, welches Stoff und Form zugleich ist. Dieser Begriff, den zum ersten Mal in seiner für die ganze weitere Entwicklung folgenreichen Bedeutung diejenige Philosophie entwickelt hat, die eben in der Vereinigung des Stoff- und Formprinzips ihren Schwerpunkt besitzt, die Aristotelische, ist der Begriff der  Substanz.  Doch mit seiner Bildung haben Sein und Werden, Stoff und Form ihre Bedeutung nicht eingebüßt. Indem sie die unterscheidende Abstraktion dazu drängen, ein Prinzip des Beharrens von einem solchen der Veränderung zu sondern, bilden sich  Substantialität  und Kausalität als ein neues Paar von Korrelatbegriffen, in denen sich die ganze seitherige Entwicklung der Abstraktion samt den fortwährenden Einwirkungen des empirischen Dingbegriffs zu bleibenderen, in sich aber wieder mannigfach abweichenden Gestaltungen verdichtet hat.


c. Substantialität und Kausalität

Der Begriff der Substanz wird noch heute in einer Doppelbedeutung gebraucht, welche geeignet ist, die Auffassung des Verhältnisses, in welchem derselbe zu den vorangegangenen Begriffen steht, zu trüben. In seiner  logischen  Bedeutung bezeichnet er die den empirischen Dingbegriff begleitende Vorstellung des Beharrens beim Wechsel der Eigenschaften. Dies ist der Substanzbegriff LOCKEs, welchen HUME auf seine psychologischen Elemente zurückgeführt und KANT unter die erkenntnistheoretischen Kategorien aufgenommen hat. In seiner  metaphysischen  Bedeutung bezeichnet er das transzendente und als absolut unveränderlich vorausgesetzte reale Substrat der Erscheinungswelt. Dies ist der metaphysische Substanzbegriff, welcher in den ontologischen Spekulationen der neueren Philosohie verschiedene Entwicklungen erfahren hat und von KANT das "Ding an sich" genannt worden ist; ein weiterer, von der Philosophie mannigfach beeinflußter Ausläufer des letzteren ist der Substanzbegriff der Naturwissenschaft, welcher sich aber dadurch unterscheidet, daß ihm bloß ein hypothetischer Wert zugestanden wird. (1) Es bedarf kein der Bemerkung, daß die  erste  Form dieser Entwicklungen, die rein erkenntnistheoretische, hier ganz außer Betracht bleibt. Wird in diesem Fall doch schon der Name der Substanz eigentlich nur mit Unrecht verwendet, da bei der Vorstellung des empirischen Dings von einem  absolut  beharrenden Träger der Eigenschaften ebensowenig, wie von einer transzendenten Natur dieses Trägers die Rede sein kann. Die beiden Korrelatbegriffe relativ beharrender Eigenschaften und relativ veränderlicher Zustände enthält aber bereits der Dingbegriff selbst. Andererseits ist nur der metaphysische Substanzbegriffe in seiner untrennbaren Verbindung mit dem Kausalbegriff als der letzte Schritt jener Entwicklung anzuerkennen, deren vorbereitende Stufen uns in den Korrelatbegriffen von Sein und Werden, von Stoff und Form entgegentraten.

Das charakteristische Merkmal dieses Substanzbegriffs besteht nun gerade darin, daß in ihn jene Nebenbeziehung des  Transzendenten,  welche den vorangegangenen Begriffen an sich nicht zukommt, aufgenommen wird. Sein und Werden, Stoff und Form sind  abstrakte  Begriffspaare, welchen als solchen das Wirkliche selbst nicht entsprechen kann, ja sie sind wegen der vollkommeneren konträren Gegensätze, die sich in ihnen ausgeprägt haben, abstrakter als die Substanz, welche die Momente des Stoffs und der Form aufgehoben in sich enthält; aber sie sind Abstraktionen aus der unmittelbaren Wirklichkeit. Transzendente Beziehungen gelangen in sie erst durch die Absicht, mit der man den  einen  der sich ergänzenden Korrelatbegriffe, den Forderungen des empirischen Dingbegriffs, dem sie alle entstammen, zum Trotz, zum alleingültigen Prinzip erhebt. Nur das Sein, welches das Werden von sich ausschließt oder das Werden, in dem alles Sein untergeht, nur der formlose Stoff oder die stofflose Form sind transzendente Prinzipien. In ihrer Vereinigung gedacht behalten alle diese Begriffe den Wert von Abstraktionen, welche nicht nur zulässig, sondern in gewissem Sinne notwendig sind. Anders ist es mit der Substanz. Mit Rücksicht auf die Abstraktionsstufe betrachtet steht sie dem empirischen Dingbegriff nicht nur näher als alle jene vorangegangenen Relationsbegriffe, sondern sie steht geradezu mit ihm auf  gleicher  Stufe. Denn an die Substanz werden Eigenschaften, Attribute und veränderliche Zustände ebenso unveräußerlich gebunden gedacht, wie an das empirische Ding. In dieser Beziehung erscheint der Substanzbegriff lediglich als eine philosophische Umgestaltung des Dingbegriffs. Dagegen wird bei der Substanz auf jedes unmittelbare Gegebensein in der Anschauung verzichtet. Die Eleaten meinten, obgleich ihnen die Erfahrungswelt in ihrer Veränderlichkeit als Schein galt, doch in der unveränderlichen Raumerfüllung sicherlich nicht bloß ein Bild des Seins, sondern die unmittelbare Verwirklichung desselben zu sehen. PLATO lehrte eine Anteilnahme der Ideen an den Einzeldingen und diese war ihm nicht etwa eine übersinnliche, sondern sie äußerte sich unmittelbar in der Formgestaltung der Gegenstände. Für ARISTOTELES endlich ist das aus Stoff und Form bestehende Einzelne selbst die Substanz. Ganz anders in den letzten Entwicklungen des Substanzbegriffs: hier wird die Substanz toto genere [im Großen und Ganzen - wp] ein übersinnliches Ding, das bei SPINOZA noch in einzelnen seiner Attribute in die Erfahrungswelt hineinreicht, bei LEIBNIZ aber in seinem ganzen Umfang ein Noumenon ist, dem die Erfahrungswelt als ein gesetzmäßig verbundener Schein gegenübersteht; und der letzteren Auffassung entsprechen, abgesehen vom Zugeständnis des hypothetischen Charakters des Substanzbegriffs, durchaus die metaphysischen Voraussetzungen der neueren Naturwissenschaft.

Diese ganze Entwicklung findet sich nun in den Umgestaltungen, welche die vorangegangenen Relationsbegriffe erfahren haben, sichtlich schon vorgebildet. In ihnen allen lag die Tendenz, einen  konkreten  Inhalt zu gewinnen. Dieser Tendenz wurde durch die Aufnahme bestimmter Elemente aus dem empirischen Dingbegriffe Folge gegeben; insbesondere diente die untrennbare Verbindung des Dings mit seinen Eigenschaften und Zuständen als Vorbild jener Begriffsentwicklungen, welche dem Sein und Werden, dem Stoff und der Form ihren ursprünglichen Gegensatz nahmen, um ein einheitliches Prinzip für die denkende Auffassung der Welt zu gewinnen. Der natürliche Schlußpunkt dieser Entwicklung ist es, daß man in Bezug auf die objektive Vereinigung der Beziehungsbegriffe wieder vollständig beim Dingbegriff anlangt, dem nun aber außerdem alle die  absoluten  Bestimmungen hinzugefügt werden, welche bei den vorangegangenen abstrakten Begriffen gewonnen waren. Der so entstandene Begriffe ist die Substanz. Die Attribute sind an sie gebunden wie die Eigenschaften an das Ding. Gleichzeitig hat sie aber von der subjektiven Abstraktionsform des Seins die absolute Unveränderlichkeit, von der des Werdens das ihr immanente Prinzip eines absoluten Grundes der Veränderungen geborgt. Sie vereinigt in sich Stoff und Form; doch indem diese nicht mehr einander gegenübergestellt werden, sondern zu einer absoluten Einheit aufgehoben sind, ist eine Vermengung der Substanz mit den sinnlichen Einzeldingen, wie sie noch der Aristotelischen Metaphysik begegnet, fortan unmöglich. Die Einzeldinge und ihre Veränderungen können höchstens als Äußerungen oder Wirkungen der Substanz aufgefaßt werden. Die Substanz selbst aber bleibt transzendent; sie kann nur im Denken erfaßt, nicht in der Sinnlichkeit angeschaut werden. Alles, was die logische Abstraktion, vom Dingbegriff ausgehend, in korrelaten Allgemeinbegriffen einander gegenüberstellt, ist zu absoluten Bestimmungen des metaphysischen Substanzbegriffes verwendet worden und diese absoluten Bestimmungen sind es eben, die infolge ihrer Unvereinbarkeit mit der empirischen Dingvorstellung den transzendenten Charakter der Substanz hervorgebracht haben.

Durch diese  vollständig,  nicht bloß, wie bei den vorangegangenen Begriffsentwicklungen, teilweise anerkannte Transzendenz wird nun der Substanzbegriff zur wahren "coincidentia oppositorum" [Einheit der Gegensätze - wp]. Sein und Werden, Stoff und Form sind in ihm völlig zur Ruhe gekommen. Dieser Friede zwischen den ursprünglich entgegengesetzten Begriffen findet im Korrelatbegriff der Substanz, in der  Kausalität seinen Ausdruck. Vom Werden unterscheidet sich die Kausalität dadurch, daß sie keinen Gegensatz zum beharrenden Sein der Substanz bildet, sondern selbst ein beharrendes Sein ist; denn an die Stelle des Werdens ist in ihr der  Grund des Werdens  getreten. Von der Form unterscheidet sie sich dadurch, daß sie nicht notwendig als ein zum Stoff erst hinzukommendes und darum von ihm verschiedenes gedacht werden muß, sondern daß sie, als der  Grund aller Formbestimmung,  an den Stoff untrennbar gebunden in das ursprüngliche Wesen desselben verlegt werden kann. Während daher das Werden in einem unversöhnlichen Gegensatz zum beharrenden Sein stand, während die Form nur äußerlich und darum in gewissem Sinne zufällig an den Stoff gebunden war, ist die Kausalität mit der Substantialität zur vollständigen Einheit verschmolzen. "Keine Substantialität ohne Kausalität!" Mit diesem Wort hat HERBART die Grundvoraussetzung aller ontologischen Metaphysik ausgesprochen, (2) und das nämliche Wort läßt sich durchaus auf die naturwissenschaftliche Metaphysik anwenden. In beiden freilich hat dasselbe wieder einen etwas verschiedenen Sinn. Die philosophische Ontologie pflegt nicht nur die Substanz, sondern auch die Kausalität als ein transzendentes Prinzip zu betrachten; die Erfahrungswelt bleibt ihr ein "Schein", der höchstens in vermittelter Weise mit der an sich unerfahrbaren unmittelbaren Kausalität der Substanz zusammenhängt. Der naturwissenschaftlichen Metaphysik besteht der Unterschied zwischen beiden Korrelatbegriffen gerade darin, daß sie die Substanz als einen an sich der Erfahrung niemals zugänglichen und darum stets hypothetischen Begriff betrachtet, während die gesamten empirischen Naturerscheinungen aus der Kausalität jener Substanz erklärt werden. Dabei fehlt es freilich nicht an zwischenliegenden Standpunkten; doch pflegt die Naturwissenschaft, auch wenn sie eine Kausalität annimmt, die nicht selbst, sondern erst in ihren entfernteren Wirkungen der Beobachtung zugänglich ist, jene in empirischer Form vorzustellen, indem sie eine aus der Erfahrung bekannte Kausalität zugrunde legt. Auf diese Weise wird z. B. von der naturwissenschaftlichen Atomistik die Kausalität der Bewegung verwertet. Für die Bildung des Substanzbegriffs selbst dient dann die erfahrungsmäßige Kausalität ebenso als Leitfaden, wie umgekehrt wieder diese aus den Voraussetzungen über die Substanz abgeleitet wird. Das Verhältnis beider Begriffe gestaltet sich demnach in der naturwissenschaftlichen Metaphysik so, daß in der Substanz, als dem Träger der Kausalität, diejenigen Voraussetzungen über das Substrat der Erscheinungen vereinigt werden müssen, welche eine widerspruchslose Kausalerklärung möglich machen. Die wahren Motive zur Bildung des Substanzbegriffs liegen für den so gewonnenen Standpunkt darin, daß den Naturerscheinungen selbst eine unmittelbare Realität deshalb nicht zugeschrieben werden kann, weil eine solche Annahme in unauflösbare Widersprüche verwickelt. Die Geschichte der Physik ist darum ein fortwährender Kampf gegen diese Widersprüche mittels der Gestaltung hypothetischer Voraussetzungen über das Substrat der Naturkausalität. Der Satz "Keine Substantialität ohne Kausalität" hat hier die Bedeutung einer Warnung, man solle nicht solche Substanzvoraussetzungen machen, für welche innerhalb der Naturkausalität keine zwingenden Motive vorliegen. Wo darum eine Kausalität ohne solche Widerspruchsmotive gegeben ist, da liegt kein Grund vor, nun auf eine transzendente Substanz zurückzuschließen. Dieser Fall ereignet sich bei der inneren Erfahrung als solcher, auf welche zwar ebenfalls beide Korrelatbegriffe nebeneinander anwendbar sind, doch immer nur so, daß man sich ihrer als sich ergänzender Gesichtspunkte bewußt ist, unter denen das unmittelbar Gegebene der logischen Betrachtung unterworfen wird. Die Substanz der inneren Erfahrung ist der gesamte Tatbestand derselben, wenn wir ihn ohne Rücksicht auf die besonderen Beziehungen von Grund und Folge betrachten, die zwischen den einzelnen Teilen derselben stattfinden; die Kausalität der inneren Erfahrung dagegen besteht gerade in der Auffassung dieser Beziehungen. (3) Damit fallen nun aber die eigentümlichen Unterschiede, die für die äußere Erfahrung dem Substanz- und Kausalbegriff gegenüber den Wechselbegriffen des Seins und des Werdens, des Stoffs und der Form ihren Wert verleihen, überhaupt hinweg. Der tiefere Grund hiervon ist sichtlich darin zu suchen, daß ein  Dingbegriff,  wie er aus der äußeren Erfahrung entwickelt wird, für die innere überhaupt nicht existiert und daß also auch alle die Motive, welche dort zu einer Vereinigung jener abstrakten Beziehungsbegriffe mit dem Dingbegriff führen, hier wegfallen. Mit den Wechselbegriffen der Substantialität und Kausalität, in denen diese Reduktion der abstrakten Relationsformen sich auf den Dingbegriff verkörpert, sind die Entwicklungen abgeschlossen, die sich auf die Objekte, insofern dieselben als  logische Subjekte  in unseren Erkenntnisprozeß eingehen, beziehen. Es bleibt uns jetzt noch übrig, auf die  Prädikate  einen Blick zu werfen, die, von ähnlich abstrakter Natur und in ähnlichen korrelaten Beziehungen stehend, diesen Subjekten beigelegt werden.

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Zur Geschichte und Theorie der abstrakten Begriffe, Philosophische Studien 2, Leipzig 1884
    Anmerkungen
    1) Vgl. meine Logik I, Seite 411, 494
    2) HERBART, Metaphysik II, Seite 110 (Hartenstein-Ausgabe, Bd. 4)
    3) Vgl. hierzu meine Logik I, Seite 486; II, Seite 502