ra-2F. EulenburgR. LiefmannW. SombartR. Liefmann    
 
GUSTAV CASSEL
(1866-1945)
Theoretische Sozialökonomie
[2/4]

    Vorwort zur ersten Auflage
§ 1. Wesen der Wirtschaft
§ 2. Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung
§ 3. Die Produktion
§ 4. Der fortdauernde Produktionsprozeß
§ 5. Die stationäre Wirtschaft
§ 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft

"Die Wirtschaft ist in der Hauptsache eine vorbereitende, auf die Ermöglichung einer künftigen Bedürfnisbefriedigung gerichtete Tätigkeit, setzt also das Verfolgen eines künftigen Ziels voraus. Im Wesen der Wirtschaft liegt also ein gewisses Rücksichtnehmen auf die Zukunft, ein gewisses Maß zielbewußten Handelns."

"Das Wirtschaften ist ein gemeinsames Streben, in dem sich alle Tätigkeiten von einem gewissen Gesichtspunkt aus einordnen lassen. Dieses Gemeinsame, das die wirtschaftliche Tätigkeit als spezifisch wirtschaftlich bestimmt, ist die Bedingung, unter welcher jede wirtschaftliche Tätigkeit betrieben wird, nämlich daß eine gewisse Begrenzung der Möglichkeit der gesamten Bedürfnisbefriedigung besteht. Zwar können gewisse Bedürfnisse ohne jede Beschränkung befriedigt werden, wie das z. B. mit dem Bedürfnis des Atmens normal der Fall ist. Die Befriedigung solcher Bedürfnisse scheidet aber auch aus dem Kreis der wirtschaftlichen Tätigkeiten aus.  Wirtschaftlich  nennen wir nur diejenigen Tätigkeiten, die unter der Voraussetzung einer begrenzten Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung betrieben werden."

"Es soll weder ein weniger wichtiges Bedürfnis vor einem wichtigeren befriedigt werden, noch ein an sich wichtiges Bedürfnis so ausschließlich berücksichtigt werden, daß andere Bedürfnisse dafür ganz vernachlässigt werden. Eine gewisse, wenn auch sehr allgemeine und vielleicht unbewußte Klassifizierung der Bedürfnisse nach ihrer Wichtigkeit gehört also mit zu einer wirklichen Wirtschaft."

"Eine gleichmäßige Verteilung der Mittel der Bedürfnisbefriedigung auf die Zeit oder auf die verschiedenen Arten der Bedürfnisse ist ein Idealbild, das vielleicht nie vollständig verwirklicht wird, von dem das wirkliche Leben sogar bisweilen ziemlich schroff abweicht."

Erstes Buch
Allgemeiner Überblick
über die Volkswirtschaft


Erstes Kapitel
Die Wirtschaft im allgemeinen

§ 1. Wesen der Wirtschaft

Zweck jeder Wirtschaft ist Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Die Wirtschaft ist also eine Tätigkeit, die auf Ermöglichung einer solchen Bedürfnisbefriedigung hinausgeht. Jedoch ist der Akt der Bedürfnisbefriedigung selbst nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu rechnen. Die Bedürfnisbefriedigung bedeutet als solche meistens eine gewisse mehr oder weniger aktive Tätigkeit der Person, die ihre Bedürfnisse befriedigt. Wer seinen Hunger stillen will, muß essen, wer sich mit einem Spaziergang erfrischen will, muß gehen, wer selbst Musik zu machen liebt, muß spielen oder singen usw. Solche Tätigkeiten gehören nicht in das Gebiet der Wirtschaft.

In gewissen Fällen kann das Bedürfnis einfach durch eine solche Tätigkeit befriedigt werden. So z. B. wenn jemand aus einem Bach trinkt, auf einem Spaziergang wilde Erdbeeren ißt, wenn wir uns sonnen oder unseren Luftbedarf einfach durch Atmen stillen. Meistens setzt aber die Bedürfnisbefriedigung eine vorausgehende, vorbereitende Tätigkeit, durch welche Mittel zur Bedürfnisbefriedigung geschaffen werden, oder, wenn dies nicht der Fall ist, jedenfalls eine auf die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung eines Subjekts gerichtete Tätigkeit anderer Personen voraus. Eine vorbereitende Tätigkeit zur Beschaffung von Mitteln der Bedürfnisbefriedigung ist z. B. die Herstellung einer Wasserleitung zur bequemeren Wasserversorgung oder das Einmachen von Beeren für den Winterbedarf. Eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung durch die Tätigkeit anderer findet z. B. statt, wenn das Musikbedürfnis durch das Anhören eines Konzerts befriedigt wird. Die Gesamtheit der die Bedürfnisbefriedigung ermöglichenden, aber nicht mit ihr zusammenfallenden Tätigkeit bildet die  Wirtschaft. 

Die Wirtschaft ist in der Hauptsache eine vorbereitende, auf die Ermöglichung einer künftigen Bedürfnisbefriedigung gerichtete Tätigkeit, setzt also das Verfolgen eines künftigen Ziels voraus. Im Wesen der Wirtschaft liegt also ein gewisses Rücksichtnehmen auf die Zukunft, ein gewisses Maß zielbewußten Handelns. Eine Wirtschaft einer isolierten Person ist dabei denkbar, muß aber recht kümmerlich ausfalen und kommt in Wirklichkeit nur in Ausnahmefällen vor. In der Regel bedeutet die Wirtschaft ein Zusammenwirken mehrerer Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Das Zusammenwirken zur Bedürfnisbefriedigung setzt natürlich eine mehr oder weniger umfassende und fein gegliederte Organisation voraus. Sobald die Wirtschaft mehrere Menschen umfaßt, ist sie also eine organisierte wirtschaftliche Tätigkeit. Je höher die Stufe der Wirtschaft, desto stärker treten diese beiden Faktoren der Rücksichtnahme auf die Zukunft und der Organisation hervor. Die ganze Zivilisation kann vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus als eine fortschreitende Entwicklung dieser Faktoren und Stärkung ihrer Bedeutung im wirtschaftlichen Handeln betrachtet werden.

In der Entwicklung einer gesteigerten Rücksichtnahme des wirtschaftlichen Handelns auf die Zukunft ist ohne Zweifel der Ackerbau ein grundlegender Faktor gewesen. Daß man säen muß, um ernten zu können, ist für die ganze wirtschaftliche Tätigkeit symbolisch geworden. Aber der Ackerbau setzt auch eine fortdauernde Pflege des Bodens voraus und zwingt deshalb zu einer Tätigkeit, die auf weit in der Zukunft liegende Zwecke Bedacht nimmt. Eine ähnliche Bedeutung hat das Wohnhaus gehabt: das Bedürfnis nach einer guten Wohnung konnte überhaupt nur bei einer Wirtschaft, die auch eine weite Zukunft mit in Betracht zog, befriedigt werden. In noch höherem Grad müssen weit in der Zukunft liegende Zwecke das wirtschaftliche Handeln mit bestimmen, wenn die sehr dauerhaften und sehr kostbaren Anlagen, deren sich die moderne Technik, besonders die Transporttechnik, bedient, möglich sein sollen. Solche Umstände haben also ein steigendes Rücksichtnehmen auf die Zukunft notwendig gemacht. Die Lust, auch Ziele, die in einer immer ferneren Zukunft liegen, mit in Betracht zu ziehen, ist in der strengen Schule der Wirtschaft allmählich erzogen worden und hat eine kräftigere Förderung durch die Ausbildung des Privateigentums gefunden. Das Erbrecht hat auch Zwecke, die außerhalb der Lebenszeit des wirtschaftenden Menschen liegen, mit in das Reich der wirtschaftlichen Motive hineingezogen. Die weiteste Rücksichtnahme auf die Zukunft ist den dauernden, wirtschaftlich sehr starken Organisatioinen, die besonders die moderne Zeit auszeichnen, z. B. den großen Aktiengesellschaften, vor allem aber dem Staat möglich.

Obschon der Kreis der menschlichen Tätigkeiten, die der Wirtschaft zugeordnet werden müssen, so weit wie es hier geschehen ist, gezogen werden muß, sind diese Tätigkeiten jedoch nur von einer gewissen Seite aus als wirtschaftlich zu betrachten. Alle haben sie daneben auch andere Seiten, z. B. technische, moralische, ästhetische. Die Wasserwerke, das Kochen, die Musik, sie alle besitzen ihre besondere für die Mitwirkenden wichtige und interessante Technik, sie können vom Gesichtspunkt ihrer hygienischen und ästhetischen Wirkungen beurteilt werden usw.

Das Wirtschaften aber ist ein gemeinsames Streben, in dem sich alle diese Tätigkeiten von einem gewissen Gesichtspunkt aus einordnen lassen. Dieses Gemeinsame, das die wirtschaftliche Tätigkeit als spezifisch wirtschaftlich bestimmt, ist die Bedingung, unter welcher jede wirtschaftliche Tätigkeit betrieben wird, nämlich daß eine gewisse Begrenzung der Möglichkeit der gesamten Bedürfnisbefriedigung besteht. Zwar können gewisse Bedürfnisse ohne jede Beschränkung befriedigt werden, wie das z. B. mit dem Bedürfnis des Atmens normal der Fall ist. Die Befriedigung solcher Bedürfnisse scheidet aber auch aus dem Kreis der wirtschaftlichen Tätigkeiten aus. "Wirtschaftlich" nennen wir nur diejenigen Tätigkeiten, die unter der Voraussetzung einer begrenzten Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung betrieben werden. Da die Mittel der Bedürfnisbefriedigung in der Regel nur in begrenzter Menge zur Verfügung stehen und da die Bedürfnisse der zivilisierten Menschen in ihrer Gesamtheit unersättlich sind, sind die Mittel der Bedürfnisbefriedigung im Verhältnis zu den Bedürfnissen in der Regel  knapp.  Nur solche Mittel kommen für die Wirtschaft in Betracht, nur knappe Mittel sind wirtschaftliche Mittel. Die ganze Wirtschaft wird also unter der Bedingung der Knappheit der Mittel geführt, sie wird in diesem Sinn vom  Prinzip der Knappheit  beherrscht. Die spezifische Aufgabe der Wirtschaft ist daher die nötige Übereinstimmung zwischen Bedürfnissen und Mitteln der Bedürfnisbefriedigung in möglichst vorteilhafter Weise herbeizuführen. In dem Maß, wie dies gelingt, nennt man die Wirtschaftsführung eine  wirtschaftliche,  ist also die Forderung auf "Wirtschaftlichkeit" erfüllt.

Die Lösung dieser Aufgabe kann von den Menschen auf drei verschiedenen Wegen gefördert werden, nämlich erstens durch angemessene Begrenzung der Bedürfnisse unter Ausmusterung weniger wichtiger Bedürfnisse, zweitens durch die bestmögliche Anwendung der zur Verfügung stehenden Mittel für die bestimmten Zwecke, drittens eventuell auch durch gesteigerte persönliche Leistungen.

Die Begrenzung der Bedürfnisse bekommt einen verschiedenen Charakter, je nach den verschiedenen Bedingungen, die diese Begrenzung notwendig machen. Ist ein Vorrat von Mitteln der Bedürfnisbefriedigung vorhanden, der für eine bestimmte Zeit ausreichen muß, dann wird es zur Aufgabe der Wirtschaft, die Mittel in der Zeit so zu verteilen, daß eine gewisse zeitliche Gleichförmigkeit der Bedürfnisbefriedigung gesichert wird. Die Versuchung mag vielleicht nahe liegen, die Mittel gleich in weitem Umfang in Anspruch zu nehmen, um eine relativ hohe Bedürfnisbefriedigung für den Augenblick zu gewinnen. Dafür muß dann die Bedürfnisbefriedigung im späteren Teil der Periode umso kärglicher werden. Das wirtschaftliche Streben geht hier darauf aus, die Bedürfnisse gleich von Anfang an so zu beschränken, daß die zur Verfügung stehenden Mittel für die ganze Periode ausreichen. Dieses Streben wird auch als ein "Wirtschaften" mit den Mitteln bezeichnet. So muß die Ernte der geschlossenen Bauernwirtschaft, nachdem eine gewisse Menge für die Aussaat abgezogen ist, für den Verbrauch eines ganzen Jahres hinreichen und also, wenn sie knapp ist, einigermaßen gleichförmig auf das Jahr verteilt werden. Dies ist ein Akt des Wirtschaftens, der unter Umständen den Charakter des Wirtschaftenden auf eine sehr harte Probe stellen kann. Ähnliches gilt unter modernen Verhältnissen für den Arbeiter oder Beamten, dessen Lohne für bestimmte Perioden ausgezahlt wird: der Lohn muß für die Lohnperiode hinreichen, die Ausgaben müssen demnach auf die Periode verteilt und die Bedürfnisse entsprechend beschränkt werden.

Betrachtet man eine Wirtschaft in ihrem Ganzen, so wird sie immer Mittel zur Bedürfnisbefriedigung besitzen, die für sehr verschiedene Zwecke verwendet werden können. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln können also verschiedene Bedürfnisse je nach Wunsch in verschiedenem Grad befriedigt werden und es wird eine gewisse Auswahl der Zwecke, für welche die zur Verfügung stehenden Mittel verwendet werden sollen, getroffen werden müssen, mit anderen Worten, es muß diejenige Anwendung der Mittel, die wir als die "wirtschaftlich beste" oder "wirtschaftlichste" bezeichnen können, angestrebt werden. Das wirtschaftliche Streben wird dann auf Herstellung einer gewissen Gleichmäßigkeit der Versorgung der verschiedenen Bedürfnisse hinausgehen, wobei auch die verschiedenen Bedürfnisse gewissermaßen gleichmäßig beschränkt werden müssen.

Es soll also weder ein weniger wichtiges Bedürfnis vor einem wichtigeren befriedigt werden, noch ein an sich wichtiges Bedürfnis so ausschließlich berücksichtigt werden, daß andere Bedürfnisse dafür ganz vernachlässigt werden. Eine gewisse, wenn auch sehr allgemeine und vielleicht unbewußte Klassifizierung der Bedürfnisse nach ihrer Wichtigkeit gehört also mit zu einer wirklichen Wirtschaft. Bei dieser Klassifizierung werden verschiedene Befriedigungsgrade einer und derselben Bedürfnisart als verschiedene Bedürfnisse aufgefaßt und an verschiedenen Plätzen in die Rangordnung der Bedürfnisse eingestellt. In einer geschlossenen Bauernwirtschaft kann z. B. die Beschaffung von mehr Lebensmitteln für den Augenblick das wichtigste Ziel der Wirtschaft sein. Nachdem das aber bis zu einem gewissen Grad gelungen ist, können andere Wünsche, z. B. Aufbesserung des Wohnhauses, Beschaffung von neuen Kleidern usw. als die augenblicklich wichtigsten hervortreten. Sind auch diese Wünsche verwirklicht, kann sich das wirtschaftliche Streben vielleicht wieder auf eine verbesserte Lebensmittelversorgung richten, wobei jedoch mit Rücksicht auf andere Bedürfnisse wiederum nur ein gewisser Sättigungsgrad dieses Bedürfnisses angestrebt werden darf. Auch diese relativ gleichmäßige Beschränkung ist eine Form des Wirtschaftens mit den zur Verfügung stehenden Mitteln der Bedürfnisbefriedigung. Die Forderung auf gleichmäßige Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung mit Hinsicht sowohl auf die Zeit wie auf die verschiedenen Bedürfnisarten können wir als das  Prinzip der Gleichmäßigkeit der Bedürfnisbefriedigung  bezeichnen.

Der zweite Weg, auf welchem die Aufgabe der Wirtschaft gefördert werden kann, ist das Streben, einen bestimmten Zweck mit möglichst geringem Aufwand von Mitteln zu erreichen. Diese Forderung, die wir als das  Prinzip des kleinsten Mittels  bezeichnen können, führt zu einer ganz besonderen Auswahl unter den technisch möglichen Methoden und wird zum Leitstern für die gute Organisation der Wirtschaft. Die ganze moderne Technik und die ganze Organisation des modernen Geschäftsbetriebes sind unter dem Druck der Forderung, daß sie in diesem Sinne wirtschaftlich sein sollen, ausgebildet. Wenn ein Bedürfnis auf mehrere verschiedene Weisen ungefähr ebensogut befriedigt werden kann, geht das wirtschaftliche Streben darauf hinaus, diejenige Weise herauszufinden, die mit dem kleinsten Aufwand von Mitteln zum wesentlichen Ziel führt, wenn auch mit untergeordneten Modifikationen in der Art der Bedürfnisbefriedigung. So wird z. B. das Nahrungsbedürfnis ungefähr ebensogut durch ziemlich verschiedene Speise-Ordnungen befriedigt und wer von diesen die billigste wählt, handelt in der Hauptsache nach dem Prinzip des kleinsten Mittels, wenn er auch daneben für diesen Zweck vielleicht einige wenig bedeutende Bedürfnisse des Geschmackssinnes unterdrücken muß. Eine scharfe Grenze zwischen dem Prinzip der Gleichmäßigkeit der Bedürfnisbefriedigung und dem Prinzip des kleinsten Mittels läßt sich in solchen Fällen natürlich nicht ziehen.

Die beiden genannten Prinzipien bilden den wesentlichen Inhalt der allgemeinen Forderung auf "Wirtschaftlichkeit" im menschlichen Handeln.

Denken wir uns, daß diese beiden Forderungen erfüllt sind, so ist eine weitere Steigerung der Bedürfnisbefriedigung jedenfalls nur unter vergrößerten Anstrengungen oder Aufopferungen, mit anderen Worten unter größeren persönlichen Leistungen möglich. Wenn und in dem Maße wie diese größeren Leistungen als Nachteile empfunden werden, müssen diese Nachteile gegen die durch dieselben zu gewinnenden Vorteile aufgewogen, sozusagen von den Vorteilen abgezogen werden, es muß eine Wirtschaftsführung angestrebt werden, die insgesamt den größtmöglichen Vorteil gewährt. Mit dieser Forderung wird dann die Forderung auf Wirtschaftlichkeit erweitert. In einem ersten Überblick über die menschliche Wirtschaft können wir annehmen, daß die persönlichen Leistungen in bestimmten Mengen zur Verfügung stehen. Diese Voraussetzung werden wir in diesem ersten Buch aufrechterhalten. Danach müssen wir aber auch die Bedingungen untersuchen, unter welchen eventuell eine Vermehrung dieser Leistungen durch den freien Willen der wirtschaftenden Menschen gewonnen werden kann.

Durch die jetzt angegebenen Forderungen ist die Forderung nach Wirtschaftlichkeit so weit charakterisiert, wie es in diesem vorbereitenden Stadium möglich ist. Mit dem Inhalt und den Konsequenzen dieser Forderungen werden wir uns im folgenden beschäftigen. Die Forderung selbst, also die Forderung, daß die unter gegebenen Verhältnisses höchstmögliche Bedürfnisbefriedigung erreicht werden soll, werden wir als  das allgemeine wirtschaftliche Prinzip  bezeichnen.

Im wirklichen Leben wird natürlich die Forderung nach Wirtschaftlichkeit nicht genau beobachtet. Oft wird sogar sehr unwirtschaftlich gehandelt. Eine gleichmäßige Verteilung der Mittel der Bedürfnisbefriedigung auf die Zeit oder auf die verschiedenen Arten der Bedürfnisse ist ein Idealbild, das vielleicht nie vollständig verwirklicht wird, von dem das wirkliche Leben sogar bisweilen ziemlich schroff abweicht. Der junge Student oder Künstler verausgabt nicht selten in einigen wenigen Tagen, was eigentlich für einen Monat oder länger ausreichen mußte, um dann recht kümmerlichen Tagen entgegenzugehen. In ganzen Klassen von Frauen herrscht die Sitte, für Kleider so viel auszugeben, daß für eine hinreichende Nahrung zu wenig übrigbleibt. Auch lehrt uns die Erfahrung, daß das Prinzip des kleinsten Mittels im täglichen Leben nur sehr unvollständig zum Ausdruck kommt und eigentlich nur in gewissen musterhaften Geschäftsbetrieben mit einiger Strenge durchgeführt wird. Ebensowenig wird mit den eigenen Arbeitskräften vernünftig gewirtschaftet. Einerseits sehen wir den Mann, der sich bis zum Tod überarbeitet, um Geld zu verdienen, von dem wenigstens er persönlich sehr wenig Freude hat, andererseits den Faulenzer, der schlimm daran ist, aber sich nicht zu enrsten und anhaltenden Anstrengungen, die seine Lebensstellung verbessern könnten, zu erheben vermag. In solchen Fällen fehlt eben eine richtige Abwägung zwischen Mühe und Bedürfnisbefriedigung.

Was die Wirtschaft von anderen menschlichen Tätigkeiten unterscheidet oder vielmehr als eine besondere Seite menschlicher Tätigkeit kennzeichnet, ist demgemäß nicht, daß nach dem allgemeinen wirtschaftlichen Prinzip auf wirtschaftlichem Gebiet gehandelt wird, sondern daß das Handeln von diesem Gesichtspunkt aus beurteilt werden kann und daß, wie auch gehandelt werden mag, die ganze Wirtschaft vom Prinzip der Knappheit beherrscht wird, d. h. der unumgänglichen Notwendigkeit unterworfen ist, eine Übereinstimmung zwischen Bedürfnissen und Mitteln der Bedürfnisbefriedigung herbeizuführen. Das wirtschaftliche Handeln soll nur helfen, diese Übereinstimmung in vorteilhaftester Weise durchzuführen. Aber vorteilhaft oder nicht, sie muß immer irgendwie zustande kommen.

Eine Wissenschaft, die das wirkliche Wirtschaftsleben zu ihrem Gegenstand macht, muß dieses Leben in seinem Ganzen umfassen, es so, wie es tatsächlich hervortritt, zu beschreiben und erklären suchen. Wollte man nur das "vernünftige wirtschaftliche Handeln" in Betracht ziehen, würde es schwer fallen, die Grenzen zu bestimmen. Die strenge Durchführung eines solchen Standpunktes würde lediglich eine Abstraktion ohne viel Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit übrig lassen. Bei der Begrenzung ihres Gegenstandes hat also die Wirtschaftswissenschaft nicht auf die Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit der menschlichen Handlungen zu sehen. Wohl aber fällt die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit einer Tätigkeit innerhalb des Gebietes der Wirtschaftswissenschaft. Von diesem Gesichtspunkt, aber auch nur von diesem, hat die Wirtschaftswissenschaft das menschliche Handeln zu prüfen. Im übrigen soll die Wirtschaftswissenschaft vermeiden, eine Beurteilung des menschlichen Handelns vom sittlichen oder irgendeinem anderen Standpunkt auf sich zu nehmen. Ganz besonders hat sie die Bedürfnisse mit ihren verschiedenen Intensitäten, so wie sie im wirklichen Leben hervortreten, einfach als gegeben zu betrachten.

Wie schon hervorgehoben, erfordert das Zusammenwirken der Menschen zur gemeinsamen Bedürfnisbefriedigung eine gewisse Organisation. Die Art dieser Organisation hat einen sehr großen Einfluß auf eine Menge wirtschaftlicher Erscheinungen. Gewisse wirtschaftliche Vorgänge sind von der Organisationsform des wirtschaftlichen Lebens vollständig bedingt, andere wieder sind in ihrem Kern von der jeweiligen Organisation der Wirtschaft unabhängig, wenn sie auch in ihrer äußeren Form von dieser beeinflußt werden. Es ist für die Wirtschaftswissenschaft von Bedeutung, solche Vorgänge, die für jede Wirtschaft wesentlich sind, als solche zu charakterisieren und auch sonst die etwa vorhandene relative Unabhängigkeit der wirtschaftlichen Erscheinungen von den wirtschaftlichen Organisationsformen hervorzuheben. Wo das versäumt wird, stellt sich leicht die Auffassung ein, die wirtschaftlichen Tatsachen wären lediglich von der zufälligen Organisation der Wirtschaft bedingt, besäßen ansich keine innere Notwendigkeit. Daß für eine solche Auffassung eben die wichtigsten Wesentlichkeiten des Wirtschaftslebens verloren gehen müssen, ist selbstverständlich und auch wahrlich zur Genüge von der Erfahrung bestätigt. Gegenüber der großen Leichtfertigkeit, die die populäre Auffassung und leider auch die politische Diskussion in wirtschaftlichen Fragen charakterisiert, ist es die zentrale Aufgabe der Wissenschaft,  die wirtschaftlichen Notwendigkeiten  zu entdecken und die Abhängigkeit der wirtschaftenden Menschen von diesen Notwendigkeiten festzustellen.

In diesem ersten Kapitel wollen wir unsere Untersuchungen auf die Vorgänge beschränken, die für jede Wirtschaft in Betracht kommen und somit für die Wirtschaft im allgemeinen eine wesentliche Bedeutung haben. Aus diesem Grunde machen wir hier keine Voraussetzung über die Organisation der Wirtschaft. Was hier ausgeführt wird, soll für jede Wirtschaftsform Geltung haben.

Nur müssen wir hier, wie in der ganzen vorliegenden Arbeit, voraussetzen, daß die betrachtete Wirtschaft eine vollständige ist, daß also alle erforderlichen Vorgänge sich bis zum Ende innerhalb derselben abspielen, mit anderen Worten, daß die Wirtschaft eine geschlossene, nach außen isolierte Wirtschaft ist. Nur unter dieser Voraussetzung kann die wissenschaftliche Untersuchung die wirtschaftlichen Vorgänge in ihrer Gesamtheit erfassen. Die populäre Auffassung wirtschaftlicher Fragen kennzeichnet sich immer dadurch, daß sie ein kleines Gebiet der Wirtschaft willkürlich herausgreift und die wirtschaftlichen Vorgänge, nur insofern sie sich innerhalb dieses Gebietes abspielen, beobachtet. Die gewöhnlichsten und gröbsten Irrtümer der populären Diskussion beruhen auf diesem Fehler. Demgegenüber muß die Wissenschaft grundsätzlich danach streben, den ganzen Zusammenhang klarzulegen. Dies ist nur bei der Betrachtung einer  geschlossenen Wirtschaft  möglich.


§ 2.

Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung sind teils  materielle Güter,  teils  Dienste. 

Die  materiellen Güter  sind teils  Verbrauchsgüter,  teils  dauerhafte  Güter. Verbrauchsgüter sind diejenigen materiellen Güter, die durch die einzelne Art der Verwendung verbraucht werden, d. h. aufhören, als Güter derselben Art zu existieren, dauerhafte Güter dagegen solche, die mehrere Male nacheinander oder eine fortdauernde Zeit gebraucht werden können, d. h. durch den Gebrauch zwar vielleicht mehr oder weniger abgenutzt werden, aber jedenfalls, als Güter wesentlich derselben Art, wenigstens eine Zeit lang fortbestehen. Diese Teilung der materiellen Güter in Verbrauchsgüter und dauerhafte Güter ist, wie sich aus dem folgenden ergeben wird, eine der allerwichtigsten Klassifizierungen der ganzen Wirtschaftslehre. Sie ist auch eine der schärfsten. Zwar kann eine wirtschaftliche Klassifizierung niemals die Schärfe einer mathematischen erreichen. Auch wenn die Teilkategorien vollständig natürlich gewählt worden sind und die Grenzlinie zwischen denselben mit möglichster Schärfe gezogen ist, wird man immer Fälle entdecken, die sich auf der Grenze befinden. Zwischen den hier aufgestellten Kategorien ist aber die Grenzlinie schärfer, als meistens auf wirtschaftlichem Gebiet erwartet werden kann. Die Speise, die ich esse, wird durch das Essen verbraucht. Der endgültige Verbrauch liegt in der Natur der Verwendung der Speise. Die Speise kann eben nur durch den Verbrauch ihren Nutzen abgeben. Das Geschirr, auf dem ich esse, verhält sich in dieser Beziehung ganz anders. Wohl kann es bekanntlich von unachtsamen Händen leicht zerschlagen werden. Aber diese Zerstörung liegt doch nicht in der Natur der Verwendung des Porzellan-Services; es soll normal jahrelang einem täglich wiederholten Gebrauch dienen. Die Unterscheidung zwischen Verbrauchsgütern und dauerhaften Gütern ist in diesem Fall ebenso natürlich wie klar und scharf. Gewisse dauerhafte Güter sind von sehr kurzer Dauerhaftigkeit. Das hindert nicht, daß sie sich gleichwohl ganz bestimmt von den Verbrauchsgütern unterscheiden. Handschuhe z. B. werden ziemlich schnell abgenutzt. Ihr Nutzen besteht aber gar nicht darin, daß sie abgenutzt werden. Sie leisten denselben Nutzen, auch wenn sie sich zufälligerweise eine kurze Zeit unverändert erhalten würden. Kohlen dagegen, die man verbrennt, leisten Nutzen genau in demselben Maße, wie sie verbraucht werden. Es kann vielleicht einige Stunden dauern, ehe die Kohlen, die ich in meinen Ofen gelegt habe, vollständig verbrannt sind. Aber jede Kalorie Wärme, die entwickelt wird, setzt den Verbrauch einer genau entsprechenden Menge Kohlen voraus. Es gibt aber auch Güter, die verschiedene Verwendungen haben und bei einer derselben den Charakter eines Verbrauchsgutes, bei einer anderen wieder den eines dauerhaften Gutes besitzen. Das beste Beispiel sind vielleicht unsere Kühe: als Schlachtvieh sind sie Verbrauchsgüter, als milchproduzierende Tiere dauerhafte Güter.

Einen Verbrauch im materiellen Sinne gibt es bekanntlich nicht. Der Verbrauch ist ein wirtschaftlicher Begriff. Als Verbrauch im wirtschaftlichen Sinne dürfen wir aber nicht nur das Verzehren oder Verbrennen rechnen, sondern überhaupt jede Verwendung, durch welche das Gut aufhört, als Gut wesentlich derselben Art zu existieren. So wird jedes Material, das zur Verfertigung dauerhafter Güter dient, durch seine Anwendung verbraucht, hört auf, wenigstens solange als das dauerhafte Gut besteht, als Material verwendet werden zu können. Das Eisen, das man zum Lokomotivenbau verwendet, wird als Material verbraucht, obwohl es in der Lokomotive noch materiell vorhanden ist und wenn die Lokomotive einmal verbraucht ist, als Schrott wieder Verwendung finden kann. Alle solche Materialien müssen wir offenbar zu den Verbrauchsgütern rechnen. Dasselbe gilt natürlich von den Materialien, die in die Verbrauchsgüter übergehen, z. B. vom Mehl, das zu Brot verbacken wird: es ist als Mehl verbraucht. Wenn man will, kann man die Materialien, die bei ihrer Verwendung in einem anderen Gut aufgehen, als eine besondere Gruppe der Verbrauchsgüter von den übrigen scheiden. Die übrigen Verbrauchsgüter würde man dann in speziellerem Sinne als Verbrauchsgüter bezeichnen können. Ihre Materie geht durch ihre Verwendung natürlich nicht in physischem Sinne, wohl aber für wirtschaftliche Zwecke ganz oder wenigstens zum Teil verloren. Als Beispiel solcher Verbrauchsgüter können unsere Speisen und Getränke sowie auch Dampfkohle, Maschinenöl usw. dienen.

Der Unterschied zwischen Verbrauchsgütern und dauerhaften Gütern liegt nach dem Gesagten wesentlich in der Art der Verwendung, meistens auch, obwohl nicht notwendig, in der physischen Natur der Güter selbst.

 Dienste  werden teils von Personen, teils von dauerhaften Gütern geliefert, sind also teils  persönliche Leistungen,  teils  Nutzungen dauerhafter Güter. 

Unter den persönlichen Leistungen steht die Arbeit in erster Linie. Es gibt aber daneben, wie wir im zweiten Buch sehen werden, noch andere Arten von persönlicher Leistung, welche für die Wirtschaft Bedeutung haben, nämlich die Spartätigkeit, in gewissem Sinne auch die Unternehmertätigkeit. Die Arbeit wird herkömmlich in geistige und körperliche Arbeit geteilt. Diese Klassifizierung hat aber keine größere wirtschaftliche Bedeutung und es ist unmöglich, die Grenze zwischen den beiden Kategorien auch nur einigermaßen scharf zu ziehen. Gewiß ist der Unterschied zwischen der Arbeit des wissenschaftlichen Denkers und der des Makadamklopfers [Straßenbelag aus Schotter, wp] sehr groß. Aber jede "körperliche" Tätigkeit erfordert ein gewisses Maß von geistiger Arbeit. Bei gewissen "körperlichen" Arbeiten ist die geistige Leistung ziemlich hoher Qualität, z. B. beim Überwachen komplizierter Maschinen, beim Setzen wissenschaftlicher Arbeiten, besonders in fremder Schrift, usw. Gewisse Arten von Büro-Arbeit stellen wieder sehr kleine Ansprüche auf geistige Tätigkeit.

Da wie oben (§ 1) ausgeführt, der Akt der Bedürfnisbefriedigung selbst nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu betrachten ist, müssen wir von den hier in Frage stehenden "persönlichen Leistungen" alle solche Tätigkeiten ausscheiden, die unmittelbar und notwendig zur eigenen Bedürfnisbefriedigung gehören. Wenn wir diese Grenzlinie möglichst scharf ziehen wollen, können wir alle der Bedürfnisbefriedigung dienenden Leistungen, welche unter den herrschenden Sitten von anderen Personen ausgeführt werden können, als Dienste im wirtschaftlichen Sinn bezeichnen, wobei es gleichgültig bleibt, ob sie tatsächlich vom Subjekt selbst oder von anderen Personen ausgeführt werden. Das Haarschneiden ist nach dieser Definition als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu betrachten, auch wenn jemand sein Haar selbst schneidet. Das Essen dagegen ist, soweit eine gesunde erwachsene Person in Betracht kommt, nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu betrachten, obwohl eine kranke Person oder ein kleines Kind von anderen gefüttert werden kann, was dann natürlich eine wirtschaftliche Tätigkeit ist.

Die Nutzungen dauerhafter materieller Güter bilden eine sehr wichtige Gruppe von Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung. Unter dieser Gruppe kommen vor allem die Nutzungen des Grund und Bodens in Betracht, dann aber auch die Nutzungen der Wohnhäuser, der Fabrikgebäude, der Maschinen und aller sonstigen produzierten dauerhaften Güter, deren sich besonders die moderne Technik in so ausgedehnter Weise bedient. Die Nutzungen der dauerhaften Güter sind als solche Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Die dauerhaften Güter selbst sind nur insofern Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, als sie die Nutzungen, deren sie fähig sind, nacheinander allmählich abgeben.

Gewisse dauerhafte Güter besitzen, wie schon bemerkt, eine sehr kleine Dauerhaftigkeit, können also nur eine kleine Menge von Nutzungen abgeben. Andere wieder haben eine sehr lange, sogar ewige Dauer, stellen im Lauf der Zeit eine große, ja unendliche Menge von Nutzungen zur Verfügung. Die wesentliche Verschiedenheit der dauerhaften Güter einerseits und der Nutzungen derselben andererseits tritt in diesen Fällen sehr langer Dauerhaftigkeit bsonders deutlich zutage, ist aber immer auch bei den wenig dauerhaften Gütern vorhanden. Wir werden später sehen, welche große Bedeutung für die Wirtschaftslehre dem Unterschied zwischen der Nutzung des Gutes und dem Gut selbst zukommt. Hier sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Unterschied den dauerhaften Gütern eigentümlich ist, daß sie eben in dieser Hinsicht von den Verbrauchsgütern getrennt sind. Denn ein Verbrauchsgut und die Nutzung desselben haben für die Bedürfnisbefriedigung identische Bedeutung.

Die materiellen Güter und die Dienste können mit dem gemeinsamen Namen  Güter  bezeichnet werden. Die Güter kommen für die Wirtschaft in Betracht, sind nur wirtschaftliche Güter, wenn sie knapp sind. Denn es ist, wie in § 1 hervorgehoben, für den Begriff der Wirtschaft wesentlich, daß die Mittel der Bedürfnisbefriedigung in einer gewissen Begrenzung vorhanden sind, daß also mit denselben "gewirtschaftet" werden muß. Diejenigen Güter, die wohl einer Bedürfnisbefriedigung dienen, aber nicht knapp sind, scheiden demgemäß aus dem Kreis der Objekte wirschaftlicher Tätigkeit aus. Solche Güter gibt es aber nur sehr wenige. Die Luft, die wir atmen, ist das allgemeinste Beispiel. Das Wasser, das ein Dampfschiff für seinen Dampfkessel benutzt, ist auch im Überfluß vorhanden, es braucht, damit nicht gewirtschaftet zu werden. In gewissen, schon relativ seltenen Fällen gilt dasselbe vom Trinkwasser.

In der Regel besteht eine gewisse Knappheit an Gütern. Diese Knappheit ist, wie schon hervorgehoben, die Grundbedingung jeder Wirtschaft. Die Knappheit eines Gutes ist von zwei Umständen bedingt: einerseits muß das Gut in einer irgendwie begrenzten Menge zur Verfügung stehen, andererseits muß für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen eine diese Menge überschreitende Qualität des Gutes mit Vorteil verwendbar sein. Die wirtschaftliche Knappheit ist demnach ein durchaus relativer Begriff und zwar existiert sie nur im Verhältnis zu den Bedürfnissen des Menschen.

Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung können auch in direkte und indirekte eingeteilt werden. Direkt nennt man diejenigen Mittel, die der Bedürfnisbefriedigung unmittelbar dienen. Sie können sowohl materielle Güter wie Dienste sein. Im ersten Fall sind sie Verbrauchsgüter, wie Brot, im zweiten Fall persönliche Leistungen, wie die eines Masseurs oder Dienste dauerhafter Güter, wie z. B. Nutzungen von Kleidern oder die Transportleistungen der Straßenbahnen. Alle diese direkten Mittel der Bedürfnisbefriedigung können wir auch als  fertige Güter  bezeichnen. Indirekte Mittel der Bedürfnisbefriedigung sind diejenigen, deren Mitwirkung für die Gewinnung der direkten Mittel in Anspruch genommen wird. Sie können Materialien, wie Baumwolle oder eigentliche Verbrauchsgüter, wie Dampfkohle, Dienste dauerhafter Güter, wie die des wirtschaftlichen Bodens, die Leistungen der Maschinen und die Gütertransporte der Eisenbahnen oder persönliche Leistungen, Arbeit usw. sein. Auch die dauerhaften Güter selbst sind deswegen als indirekte Mittel der Bedürfnisbefriedigung zu bezeichnen, weil sie selbst nicht, sondern nur durch die von ihnen abgegebenen Nutzungen der Bedürfnisbefriedigung dienen. Der Unterschied zwischen direkten und indirekten Mitteln der Bedürfnisbefriedigung bezieht sich wiederum wesentlich auf die Anwendung, die von denselben gemacht wird, nicht notwendig auf ihre eigene Natur. Manche Güter läassen sich nämlich sowohl unmittelbar als auch mittelbar für die Bedürfnisbefriedigung verwenden, wie das z. B. in Bezug auf Kohle der Fall ist und in größter Allgemeinheit von der menschlichen Arbeit gilt.

Die Natur der Knappheit eines Gutes wird wesentlich bestimmt von der Art der Begrenzung seiner Menge. In gewissen Fällen ist zwar die Menge vorläufig gegeben, kann aber durch geeignete Leitung der Knappheit des Gutes nicht selbständig bestimmt, sondern liegt in der Begrenzung dieser Vermehrungsmöglichkeit. Diese Begrenzung ist wiederum, wir wir im folgenden Paragraphen näher sehen werden, durch die Knappheit solcher indirekten Mittel der Bedürfnisbefriedigung, für welche eine Vermehrungsmöglichkeit dieser Art nicht besteht, gegeben.

Sehen wir von den so angegebenen Fällen ab, so sind die Güter entweder in absolut begrenzten Mengen vorhanden oder sie können durch Steigerung der Leistungen der wirtschaftenden Menschen vermehrt werden. Im letzten Fall ist die Knappheit des Gutes durch die Bedingungen einer solchen Steigerung gegeben. Diesen Fall lassen wir aber, wie schon bemerkt, in diesem ersten Buch außer Betracht.
LITERATUR Gustav Cassel Theoretische Sozialökonomie, Erlangen/Leipzig 1923