ra-2Über die Grundbegriffe in der NationalökonomieR. Liefmann    
 
FRIEDRICH GOTTL-OTTLILIENFELD
(1823-1900)
Die wirtschaftliche Dimension
[2/8]

    Einleitung
I. Anlauf der Kritik
II. Vom Tatbestand der Wirtschaftlichen Dimension
III. Vom Werden der Wirtschaftlichen Dimension


"Es stünde bedenklich um die Erfolge unseres Handelns, wollten wir als selber Handelnde immer bloß den Redensarten entlang denken, die sich über das Handeln aus dem sprachflüssigen Denken niedergeschlagen haben. Unser Handeln ist eine viel zu ernste Sache, wir dürften uns dabei wahrlich nicht auf das sprachflüssige Denken verlassen."

"Nur zu oft dringt das sprachflüssige Denken nicht tiefer in die Sache ein, entwirrt den Zusammenhang gar nicht weiter, als es gerade noch dazu erforderlich ist, um sich über einen Tatbestand  ohne inneren Widerspruch hinwegzusprechen,  rein nur in pragmatischer Wahrheit."

"Es hängt im ganzen daran,  daß die heutige Theorie in aller Wirtschaft eitel Erwerb sieht.  Wieder nur durch die Grundbegriffelei, kraft der Gewalt dieser problemvertretenden Worte, bleibt die Theorie eingebunden in eine,  ganz einseitig auf die Erwerbswirtschaft zugeschnittene Problematik.  Gemeint ist hier der  handelsmäßige  Erwerb, im Wege gewinnstrebigen Doppeltausches."

"Hinter all diesen Handlungen steht auch gar nicht der  Wirtschaftsmensch,  nicht einmal der  business man,  sondern ein reiner Automat: eben der am Faden des Gewinnstrebens zappelnde Hampelmann des Erwerbs."

"Es gilt hier keinerlei Austrag mit dem  Inhalt  der verschiedenen Werttheorien, sondern mit der  logischen Haltung der ganzen Wertlehre  ist abzurechnen. Bloß dazu präpariere ich hier den logischen Gehalt dieser Streitfrage mühselig heraus."


I. Anlauf der Kritik

1.

Weil für ihre Kritik noch am meisten dabei herauskommt, greife ich aus der Wertlehre zuerst die  Streitfrage  auf, ob sich beim Tausch  "gleiche Werte"  oder  "ungleiche Werte"  begegnen;  ob also der Tausch die "Äquivalenz" des Vertauschten mit sich bringt oder nicht.  Wie ein roter Faden zieht sich dieser Streit um die Äquivalenz beim Tausch durch die ganze Wertlehre. Seit einem Jahrhundert und länger wird zu ihm Stellung genommen. Der einzelne Theoretiker ergreift entweder ausdrücklich Partei oder sucht den Widerspruch, zu dem sich die Frage zuspitzt, in einer Weise aufzulösen, die nicht minder einer Stellungnahme gleichkommt. Die Frage ist schon als solche so geartet, daß sich in der Beziehung auf sie alle Theorien des "Wertes" gleichsam selber einen stummen Streit liefern, weil ihr Inhalt entweder besser mit der einen oder mit der anderen Formel in Einklang zu bringen ist. Darum knüpfen auch landläufigste  Einteilungen  der Theorien mittelbar an die Frage an; mit welchem Glück, stellt sich später noch heraus. Diese Streitfrage ist auch keineswegs veraltet; in Monographien und Lehrbüchern kehrt sie immer wieder. So spielt sie z. B. in der Argumentation gegen KARL MARX bis zur jüngsten Zeit ihre Rolle. In ihrer ganz unwahrscheinlichsten Zähigkeit darf sie als Sinnbild gelten für die streitlustige Verfassung der Wertlehre. Es trifft sich also gut, die Kritik an der Wertlehre von dieser Streitfrage her aufzurollen; und trifft sich um so besser, weil diese Frage ganz das Zeug an sich hätte, die Wertlehre selber noch zu überleben, falls man sie nicht gesondert totschlägt.

An die Streitfrage als solche heranzukommen, hat aber seine guten Wege. Vorerst sind die  zwei Aussagen,  die sich zu ihr verbeißen,  je für ihren Teil zu untersuchen.  Mit der einen ist man allerdings bald fertig. Nicht so mit jener anderen, von der die Äquivalenz beim Tausch bejaht wird. Bevor auch ihr gegenüber Kritik einsetzt, will erst mit einem  Tatbestand  abgerechnet sein, der sich mit ihr berührt: die später so zu nennende  Wirtschaftliche Dimension!  Dabei greift man aber in ein richtiges Wespennest. Wenn schon dieser Tatbestand ungleich verwickelter ist, als es auf den ersten Blick scheint, überschneidet er sich überdies noch mit anderen Tatbeständen und von höchster Verwicklung. Und auch dorthin muß erst der feste Boden geschaffen werden, auf dem sich die Kritik mit voller Sicherheit bewegen kann. So kommt der ganze Gedankengang, von der Streitfrage her gesehen, äußerlich total aus der Form; aber der Zwang zu innerer Folgerichtigkeit läßt da keine andere Wahl.

Die Aussage, der Tausch wäre an  "ungleiche Werte"  gebunden, verrät eine eigentümliche Doppelnatur. Fürs erste tritt auch sie als  Theorem  auf, als eine Aufstellung im Verband bestimmter Theorien, aus deren Inhalt sie hervorgeht. Das gilt für alle Theorien, bei denen "Wert" irgendwie mit der  Motivation des Tauschenden  zu hat; sei es, daß man ihn als "Bedeutung für das Bewußtsein des handelnden Menschen" oder schlechthin als "Nutzen" bestimmt oder als "Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gütern" oder wie auch immer. Damit verträgt sich jedesmal nur die Ansicht, daß der Tausch dem "höheren Wert" nachgehe, in Gestalt der "höheren Bedeutung", des "größeren Nutzens" usw. Soweit das Theorem. Daneben aber wahrt sich die Aussage, noch ihren  eigenen  Belang, ganz unabhängig von aller Theorie. Hinter ihr stehen  Redewendungen,  die uns schon beim gewöhnlichen Sprechen ganz geläufig sind. Man sagt dann etwa: "Ich habe das Haus gegen das Feld vertauscht, weil dieses mir viel wertvoller dünkt." Mit solchen und ähnlichen dem Alltag geläufigen Wendungen hängt die Aussage nicht minder zwingend zusammen, wie sie als Theorem zusammenhängt mit dem Inhalt bestimmter Theorien. Diese Wendungen legt uns die eingebürgerte Art unseres Sprechens überall dort nahe, wo der Tausch seinem Hergang nach in Frage steht. Um in solcher Weise über den Tausch zu reden, bedarf es sicherlich gar keiner Werttheorie; weder der "Grenznutzenlehre", noch sonst einer. Im Geiste dieser Wendungen versteht es sich schlechthin von selber, daß beim Tausch nach dem "höheren Wert" gegriffen, der "mindere Wert" dafür hingegeben wird. Daraufhin leuchtet uns auch die Aussage ganz unmittelbar ein, es würden stets "ungleiche Werte" vertauscht. Wir empfinden sie geradezu als eine Aussage von  anschaulicher Evidenz. 

Der Eindruck als solcher läßt sich nicht bestreiten. Aber wer steht uns eigentlich für das Ausgesagte gut, sofern wir diesem Eindruck anschaulicher Evidenz nicht blindlings vertrauen? Die so oft berufene Weisheit der Sprache? Kaum in einem Fall wie hier. Auch wieder auf den ersten Blick, handelt es sich hier um einen recht verwickelten Tatbestand: die Stellung des Tauschenden zum Hin und Her des Vertauschten. Als Leistung der Sprache steht hier, wo einem so verwickelten Tatbestand zu quittieren ist, doch noch etwas mehr auf dem Spiel, als einfach das "Glück" einer Benennung oder der "Feinsinn" einer Unterscheidung oder worin sich sonst die Weisheit der Sprache tatsächlich bekundet. Was sich in den fraglichen Wendungen vom "höheren Wert" niederschlägt, ist offenkundig unser  Denken beim Sprechen;  jenes, das gewohnte Sprechen begleitende und dessen eingebürgerten Wendungen sich hingebende Denken, das gleichsam im Fluß des Sprechens selber dahinfließt; sagen wir, das  sprachflüssige  Denken. Ein Denken, offenbar, das ebensowenig Erkenntnis zu vermitteln hat, als es einer Kritik verantwortlich wäre oder dazu verpflichtet, sich stets wieder an Schärfe sich selber zu überbieten; mit einem Wort, ein spezifisch nicht-wissenschaftliches Denken, das  vorwissenschaftliche Seiner Aufgabe genügte es einfach so, daß es im Alltag unserem Handeln den Weg ebnet oder ihm mindestens nicht im Wege steht. Darum reden wir auch, trotz KOPERNIKUS, vom "Aufgang" und vom "Untergang" der Sonne, tun es getrost und übrigens auch mit vollem Recht, weil diese Auffassung für die Relation auf unser alltägliches Handeln nicht bloß zureicht, sondern auch zutrifft. Die Erkenntnis aber, was außerhalb dieser Relation eigentlich vorgeht, war offenbar nur  jenseits  dieser Redewendungen zu suchen; sie selber führen diese Erkenntnis auf den Holzweg. Nicht anders liegt es hinsichtlich der Tatbestände unseres Handelns selber, sogar noch viel schlimmer! Es stünde bedenklich um die Erfolge unseres Handelns, wollten wir als selber Handelnde immer bloß den Redensarten entlang denken, die sich über das Handeln aus dem sprachflüssigen Denken niedergeschlagen haben. Unser Handeln ist eine viel zu ernste Sache, wir dürften uns dabei wahrlich nicht auf das sprachflüssige Denken verlassen. Eben darum entbehren die Redewendungen über das Handeln schon gar aller Schärfe und Verläßlichkeit. Nur zu oft dringt das sprachflüssige Denken nicht tiefer in die Sache ein, entwirrt den Zusammenhang gar nicht weiter, als es gerade noch dazu erforderlich ist, um sich über einen Tatbestand  ohne inneren Widerspruch hinwegzusprechen,  rein nur in pragmatischer Wahrheit. Dafür hier ein glänzendes Beispiel.

Hier, bei den Redewendungen über den Tausch, ist das sprachflüssige Denken vorübergehend in die Rolle des theoretischen Nationalökonomen gezwungen. Wie zieht es sich aus der Schlinge? Nun, es tut erstens so, als ob der Tausch, als Vorgang, schlechthin einer  Wahl  gleichzusetzen wäre zwischen dem her- und dem hingetauschten Ding. Das glücklich unterstellt, gebärdet sich das sprachflüssige Denken zweitens so, als ob etwas da wäre - als "Wert" vorgeführt -, das beim Wählen allemal dem einen vor dem anderen Ding den  Vorzug  einräumen ließe, in der einfachen Art, daß es beim Vorzuziehenden eben mehr un dbeim anderen Ding weniger vorhanden wäre. Hält sich die Wendung nicht schon daraufhin frei von jedem inneren Widerspruch, mit der wir sagen, der Tausch vollzieht sich einfach so, daß man das "minder Wertvolle" hingibt, um das "Wertvollere", den "höheren Wert" zu erlangen? Man sieht, der Tatbestand ist schon daraufhin in der plausibelsten Weise bewältigt. Mehr läßt sich vom vorwissenschaftlichen Denken kaum verlangen. Hat es doch sozusagen die nächstliegend-plausible Lösung gefunden oder besser, den  Weg des geringsten logischen Widerstandes!  Das ist aller Ehren wert. Ob nun jene erste und zweite Unterstellung hinsichtlich des Tausches auch wirklich zutrifft? Darum hat sich das vorwissenschaftliche Denken nicht weiter zu scheren. Wer tatsächlich zu tauschen in die Lage kommt, verläßt sich ohnehin nicht auf derlei Redensarten, der wird sich der Sache schon näher annehmen. Allein, dazu ist eigentlich doch auch die Wissenschaft da! Zwar wird auch sie, um sich "kommunikabel" zu erhalten, schließlich hinführen zu einer bestimmten Art des Sprechens über die Wirklichkeit. Aber nicht umsonst hat man die Wissenschaft die "vollendete" Art zu sprechen genannt und damit wohl gemeint, daß sie von der "gewöhnlichen" Art des Sprechens abweicht, in dieser also nicht stecken, an eingebürgerten Redensarten nicht hängen bleiben darf.

Kommt nun der Tausch wirklich einer Wahl gleich? Soviel ist richtig, in je lässigerer Weise er vollzogen wird, so recht als ein launischer Einkauf aus dem Stegreif, desto mehr nähert er sich tatsächliche einer Wahl: kaufen - oder mit dem Geld in der Tasche weitergehen. Und selbst dann wählt man weniger bloß zwischen dem Her- und Hingetauschten, als zwischen dem Zustand ohne und dem Zustand bei Vollzug des Tausches. Wie ist es nun beim regelrechten Tausch, abseits also des eben erwähnten und jenes noch zu berührenden Fehltausches, der wieder nur der Wohlfeilheit halber eingegangen wird.? Selbst der regelrechte Tausch wird einer Wahl um so ähnlicher scheinen, je  oberflächlicher man darüber denkt!  Freilich wem die Wirtschaft gleich von Haus aus "atomistisch" in eitel Handlungen zerfällt, von denen jede ihren Weg ganz für sich sucht, der sieht eben darum alles wirtschaftliche Handeln als ein Tauschen an, z. B. auch die Produktion als "inneren Tausch" zwischen Aufwänden und Ergebnissen. Dann erscheint ihm folgerichtig jeder Tausch wieder, in seiner Vereinzelung, als eine Wahl: Hier die eine "Gütermenge", dort die andere, soll ich nun tauschen und wie soll ich tauschen?

Gerade aber auf den Boden dieser "atomistischen" Auffassung stellt sich die hergebrachte Theorie. Das sei hier bloß eineschaltet; in der Schrift "Freiheit vom Wort" bin ich besonders auch diesen Dingen nachgegangen. Es hängt im ganzen daran,  daß die heutige Theorie in aller Wirtschaft eitel Erwerb sieht.  Wieder nur durch die Grundbegriffelei, kraft der Gewalt dieser problemvertretenden Worte, bleibt die Theorie eingebunden in eine,  ganz einseitig auf die "Erwerbswirtschaft" zugeschnittene Problematik.  Gemeint ist hier der  handelsmäßige  Erwerb, im Wege gewinnstrebigen Doppeltausches. Daraufhin sieht die Theorie überhaupt nur Tausch vor sich, es zerfällt ihr die ganze Wirtschaft in ein Gegenspiel vereinzelter Handlungen. Man hat dies als "methodologischen Individualismus" ausgegeben. Was immer man unter "Individualismus" meinen mag, damit sicher hat jene "atomistische" Auffassung nichts zu tun. Denn mit ihr wird überhaupt nicht  zum  menschlichen Zusammenleben Stellung genommen, sondern aus dem Zusammenleben stellt man sich bei dieser Auffassung ganz  heraus!  Es ist heller Atomismus der Handlungen; nicht zu Individuen, zu versprengten Handlungen wird dabei das Wirtschaftsleben zerfällt. Diese Handlungen, die man immer bloß gemäß ihrem paarweisen Gegenspiel beim Tausch würdigt, beim wirklichen und beim "inneren" Tausch, beziehen sich auch gar nicht auf das Individuum, als Widerpart gedacht zu irgendeiner Universalität. Hinter diesen Handlungen steht auch gar nicht der "Wirtschaftsmensch", nicht einmal der "business man", sondern ein reiner Automat: eben der am Faden des Gewinnstrebens zappelnde Hampelmann des Erwerbs. Daher die "reine" Theorie solcher Haltung selbst noch dieses Gezappel von "Handlungen" wegzudenken vermag, sofern nur gleichsam das Bewegungsmoment der Gütermechanik übrig bleibt und sich überall dort geltend macht, wo noch eine "Wertdifferenz" verbleibt, sozusagen ein "Wertgefälle" vorhanden ist und seines Ausgleichs harrt.


2.

Wie es in der Folge sattsam zu erhärten ist, vollzieht sich kein einziger Tausch, ohne nicht gleich den ganzen Zusammenhang innerhalbt des beteiligten Gebildes aufzurühren. Darum kann allemal nur mit dem Blick auf das  Ganze  der Wirtschaft, immer nur  aus der Erwägung des Zusammenhangs zum Ganzen heraus  die Entscheidung fallen, ob und wie getauscht wird. Und so ist der Tausch, soweit er überhaupt der Wirtschaft gegenüber sinnvoll vollzogen wird, himmelweit davon entfernt, daß man ihne als eine  Wahl  auffassen oder ihn gar der Wahl zwischen dem Her- und Hingetauschten gleichsetzen dürfte. Es ist zwar beim Wirtschaftsgebilde ganz anders um jenen Zusammenhang bestellt, als bei der Unternehmung, beim Erwerbsgebilde; letzten Endes aber beherrscht da wie dort der Zusammenhang zum Ganzen alles Ob und Wie des Tausches.

Über diesen Sachverhalt setzt sich nun die  atomistische  Auffassung der hergebrachten Theorie einfach hinweg. Man glaubt zwar, in der Theorie anders gar nicht vorgehen zu können, aber doch nur, weil man überhaupt bloß von wortgebundener Theorie weiß und eben darum nichts von jener Bindung an das Wort ahnt, woran allein das alles hängt. Der Atomismus wird übrigens auch nicht damit gutgemacht, daß man den Tauschenden wenigstens bei der "Wertschätzung" einigermaßen an den Zusammenhang der Wirtschaft denken läßt; indem z. B. der vorgeblich alles entscheidende "Wert" eines Objekts davon abhängen soll, welche verschiedenen Bedürfnisse nebeneinander auf dessen verfügbare Menge Anspruch erheben und so ähnlich. Welcher lächerliche Umweg wird da dem Wirtschafter nicht zugemutet! Vorher hätte er immer erst das Objekt zu "schätzen" und nur hinterher würde er sich auf den wahrhaft alles entscheidenden Zusammenhang zurückbesinnen. Nein, sondern mit dem Blick  geradeaus  auf diesen Zusammenhang trifft der Wirtschafter seine Entscheidung über die Objekte, einheitlich und großen Zuges; auch was fallweise wieder der Entscheidung bedarf, wird immer wieder zurückbezogen auf jene Einheit in der Entscheidung und abermals nur daraus entschieden. Und nur, was daraufhin den Objekten, dem tatsächlichen Hergang nach, als ihre Behandlung widerfährt, nur das nimmt sich  hinterher  so aus, als wären hierbei die Objekte mehr oder minder "geschätzt" worden.

Nur immer für den oberflächlichen Blick scheint es, als ob es so wäre; auf diesen bloßen  Schein  aber legt sich die Redewendung von dem "ungleichen Werten" sofort fest. Deshalb stutzt sie den Tausch schon von vornherein zu einer Wahl zurecht. Läßt doch bloß eine Wahl ihre Vornahme in jener rührend schlichten Weise als plausibel darstellen, als ein richtiges "Hölzchenziehen": Rechts ist etwas, links ist etwas, beides nur in der Größe verschieden und wo nun das Größere, da eben der Vorzug! Und nennen tut man es "Wert". Aber wie malt sich nun eigentlich im sprachflüssigen Denken dieses bündige Kriterium des Vorzugs? Hängt unser "Denken im Sprechen" etwa der "Grenznutzenlehre" an oder welcher Werttheorie sonst?  Überhaupt keiner;  aus dem einfachen Grund keiner, weil der Ausdruck "Wert" hier ein reines  Gleichnis  der Sprache" spielt; erscheint er doch ausdrücklich so verwendet, um uns alles  inhaltliche Denken zu ersparen,  über den Vorgang im allgemeinen, über den Grund des Vorzuges im besonderen. Man darf es so sagen, nicht für einen fehlenden, gar nur für einen  entbehrlichen  Begriff springt das Wort hier rettend ein. Von "Wert" zu sprechen, ist hier von keinem anderen Belang, als es zu ermöglichen, daß man sich den Tausch als eine Wahl und die Vornahme dieser Wahl so verständlich macht, daß irgendetwas, irgendwie, irgendwarum, für den Vorzug des Hergetauschten  mehr  spricht, als für den Vorzug des Hingetauschten. Inhaltlich kommt daher die Aussage rein nur der Feststellung gleich, daß überhaupt  aus guten Gründen  getauscht wurde! Von diesen Gründen wissen wir daher nichts anderes, als daß es  Gründe des Vorzuges bei einer Wahl  sind; aller  Inhalt  der Gründe bleibt im wesentlichsten Sinn völlig dahingestellt. Dieses kluge Sich-aus-schweigen über die Gründe selber, diese gar nicht zu überbietende Vorsicht bei der Erläuterung des Vorganges, wie gut verträgt sich das mit dem Eindruch "anschaulicher Evidenz" der Redewendung! Sie vergibt sich ja nach keiner Seite etwas, läßt in sich hineindenken, was man nur immer will, verträgt sich mit allem, spricht also für Alle schlechthin die Wahrheit aus.

Da dient also ein Wort zu einem Gleichnis der Sprache, um einen Vorgang plausibel zu gestalten, ohne daß wir lange darüber nachdenken müßten. Wie trefflich just der Ausdruck "Wert" sich dazu schickt, ist leicht einzusehen. Besonders wenn es richtig wäre, daß die älteste substantivische Bedeutung des Wortes "Loskaufpreis" sei. Dann webt einfach der Zusammenhang atavistisch [rückbildend, wp] zurück bis zu jener Urverwendung des Stammlautes "verd". Der "verd", das spätere "Wergeld", war bekanntlich gering beim Sklaven, höher beim Freien, noch höher beim Edeling und so fort. Mithin war es etwas, was um so höher auflief, je höher die Einstufung erfolgte in eine gestaffelte Reihe zunehmenden sozialen Belangs, sozialer Geltung. Aber jede höhere Einstufung, wie sie sich jedesmal in einem höheren "verd" bekundete, war gleichbedeutend mit einem Vorzug, mit einem Vorgezogensein vor anderen. Wo also ein solcher Vorzug galt, da auch der höhere "verd". Beides war unzertrennlich und so genügte dann eine einfache Umkehrung, wie sie den späteren Zeiten mit dem späteren Wort "Wert" immer geläufiger wurde, um einen Vorzug allemal kurzweg auf einen "höheren Wert" zurückzuführen. Unausweichlich wäre so dieses Wort dazu geworden, was es als Gleichnis der Sprache auf jeden Fall ist:  Sprachliches Sinnbild für den zureichenden Grund des Vorzugs!  Das Gleichnis selber entbehrt des eigenen Inhalts. Inhaltlich, um es zu wiederholen, wird mit seiner Verwendung nichts gesagt, als daß das Vorzuziehende vorgezogen wird, daß also einfach der Vorzug seinen guten Grund habe. Aber weil vielleicht jene atavistischen Gefühlswerte mitschwingen, vor allem aber, weil die Aussage gleichsam das unbeschriebene Blatt für jegliche Wahrheitsmeinung bleibt, erlangt sie ihre besondere Schlagkraft. An sich wäre es eine ganz nichtssagende Wendung; so aber empfinden wir sie als eine unmittelbar einleuchtende Erläuterung des ganzen Vorganges. Der Schein ihrer anschaulichen Evidenz erblüht daraus.

Eine Redewendung aber, die so viel zu sagen scheint, während sie in Wahrheit auf ein Gleichnis ohne Inhalt gestellt ist, sinkt zur bloßen  Redensart  herab. Hier erschleicht sie noch dazu den Schein anschaulicher Evidenz und wie springt sie nicht mit dem Tatbestand des Tausches um! Näher besehen, ist es eine ganz  nichtsnutzige  Redensart. Natürlich legt man dann den Maßstab des erkennende Denkens daran; denn vom Standpunkt des sprachflüssigen, des vorwissenschaftlichen Denkens wäre ja alles in schönster Ordnung. Aber jenen strengen Maßstab muß man anlegen, sobald die Theorie einer Wissenschaft von einer solchen Redensart mittelbar oder gar unmittelbar Gebrauch macht. Das geschieht auch. Wie es mittelbar geschieht - indem gewisse, sicher nicht die unwichtigsten Werttheorien sich haarscharf im Zuge dieser mehr als fragwürdigen Redensart bewegen, ihr also sozusagen aufsitzen - das ist in diesem Zusammenhang durchaus nebensächlich. Es gilt hier keinerlei Austrag mit dem  Inhalt  der verschiedenen Werttheorien, sondern mit der  logischen Haltung der ganzen Wertlehre  ist abzurechnen. Bloß dazu präpariere ich hier den logischen Gehalt dieser Streitfrage mühselig heraus.
LITERATUR Friedrich Gottl-Ottlilienfeld, Die wirtschaftliche Dimension - eine Abrechnung mit der sterbenden Wertlehre, Jena 1923