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WERNER PETSCHKO
Kleines ABC der Wertlogik

"Der Zweck aller Begriffe ist zwar Denkökonomie, Arbeitsersparnis durch Zusammenfassung gleicher Einzelheiten, aber niemand soll sich einbilden, daß es notwendigerweise nur eine Art der Zweckmäßigkeit gibt, der unbedingt zu folgen ist.."


Wer vom Denken spricht, spricht immer auch über Logik und Sprache. Was für richtig oder falsch gehalten wird, hängt davon ab, wie logische Regeln und die Möglichkeiten sprachlicher Kategorisierung genutzt werden. Wie kann aber sichergestellt werden, daß diese Schlüsse auch zur Mehrung und Festigung von Erkenntnissen beitragen und nicht das Gegenteil bewirken?

Seit jeher haben die Führerpersönlichkeiten dieser Welt von sicheren Beweisen geträumt, die ein Geschehen als über jeden Zweifel erhaben bestätigen können. Aber das ist leider nur ein Traum, der zwar seinen Herrschaftszweck erfüllt, aber einer gründlicheren Nachprüfung nicht stand hält. Es gibt keine objektiven Zwecke und deshalb gibt es auch keine objektiven Beweise. Allgemeinheit ist nur als allgemeine Gültigkeit möglich und eine solche kann sich nur aus dem freien Willen jedes einzelnen Menschen konstituieren.

Jede Gesellschaft braucht eine Ordnung und diese Ordnung ist umso besser, je weniger Widersprüche darin vorhanden sind. Sollen Interessenkonflikte nicht gewaltsam unterdrückt werden, muß ein Gemeinwesen Möglichkeiten bereithalten, die eine Auseinandersetzung um die richtigen Prinzipien und moralisches Verhalten auf friedlichem Wege befördern können. Von einer solchen Streit- oder Diskussionskultur hängt es ab, ob sich die Ideale von Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit nur als leerer Wahn erweisen oder als Richtlinien für den moralischen Fortschritt der Menschheit dienen können.

Grundvoraussetzung jeder sinnvollen Kommunikation ist eine prinzipielle Verständigung über die logischen Regeln, die bei einem Gedankanaustausch gelten sollen. Der Satz von der Widerspruchsfreiheit gilt gewöhnlich als Garant für eine rationale Verständigung unter Menschen. Diese Regel wird im gesellschaftlichen Umgang aber weit mehr verletzt, als die meisten Normalbürger wahrhaben wollen. Niemand sieht die prinzipiell unzulässigen Verallgemeinerungen, die im Gebrauch jedes Wortes unbemerkt mitschwingen. Jedes Wort muß im Grunde als eine Kategorie betrachtet werden, die nicht allein den konkreten Gegenstand, wie er jemandem zu einer ganz bestimmten Stunde an einem ganz bestimmten Ort erscheint, erfasst, sondern unzählige andere auch, die zwar unter dieselbe Kategorie subsumiert werden, aber in keinem Fall gleich, nicht einmal ähnlich sind, wenn man sich vorher nicht auf die Grundsätze einigt, nach denen etwas als gleich oder ähnlich angesehen werden soll.

Es werden immer bestimmte Interessen verfolgt und die Bildung von Begriffen dient dabei zur praktischen Vereinheitlichung von Denken und Handeln. Durch Abstraktion wird eine Vielzahl individueller Personen (z.B. Mütter) oder unterschiedlicher Dinge (z.B. Rundfunkempfänger) einheitlich dargestellt. Jede Frau, die bestimmte Bedingungen (Definitionsmerkmale) erfüllt, ist eine Mutter und jeder Kasten, der bestimmte Laute von sich gibt, ist ein Radio.

Was gewöhnlich als Wissen bezeichnet wird, beruth in jedem Fall auf Definition und weil viele dieser Definitionen schon in der Kinderzeit gelernt werden, ist es auch ohne große Probleme möglich, bei vielen Dingen des praktischen Lebens eine zweckbedingte Verständigung zu erzielen. Man sollte sich nur hüten, die erfolgreiche Beantwortung einer Frage nach dem nächsten Geldautomaten mit der grundsätzlichen Eindeutigkeit rationaler Prinzipien zu verwechseln.

Philosophische Laien amüsieren sich oft über spitzfindige Debatten von Experten über Begriffe und nennen sie Haarspaltereien. Leute, die hauptsächlich an ihrem körperlichen Befinden interessiert sind, halten den Scharfsinn und die Gründlichkeit der Experten im alltäglichen Leben für entbehrlich. Das ändert nichts daran, daß sie ebenfalls in Begriffen denken, Gegenstände zu Klassen ordnen und mehrstufige Begriffshierarchien benützen. So sind etwa jeder Kennerin der deutschen Sprache Worte wie Blume, Fisch und Auto neben Rose, Karpfen und Volkswagen geläufig - wobei die ersten Begriffe eine Oberklasse, die letzteren eine Unterklasse darstellen. Der Unterschied von Laien und Experten ist vor allem: Experten können gemeinsame und trennende Merkmale benennen. Laien, obwohl sie ihre Begriffe für Zwecke ihres Lebens als ausreichend betrachten, sind meist unbeholfen bei der Aufzählung von einzelnen Begriffsmerkmalen.  Käse ist eben  Käse und eine  Zeitung eine  Zeitung.

Sobald man in seinen Überlegungen aber gewisse Zusammenhänge berücksichtigt, wird die Lage schon etwas komplizierter. Das Komplizierte daran ist hauptsächlich, daß es kaum jemand gelernt hat, zwischen Wort und Ding einen gehörigen Unterschied zu machen. Es braucht sich dafür auch niemand zu schämen, denn diese Unsitte kursiert auch bei vielen etablierten Wissenschaftlern. Daß das Wort  Baum aber nicht der Baum selbst ist, sollte jedem Menschen mit nur ein wenig Verstand klar sein, doch daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, erfordert schon etwas mehr Anstrengung. Daß das Wort  Freiheit nicht notwendigerweise etwas mit Freiheit zu tun haben muß, sollte zumindest jedem einleuchten, dem die Formulierung "naive Einbildung" ein Begriff ist. Und so ist es mit allen anderen Sachen auch. Es lassen sich immer Differenzen aufzeigen zwischen dem sprachlich Formulierten und dem eigentlichen Geschehen, so daß es immer Grund zum Streiten gibt, wo der aufrichtige Wille zur Verständigung fehlt. Diesen Umstand machen sich besonders jene Leute zunutze, die mit den herrschenden Verhältnissen zufrieden sind, denn wo alles in Frage gestellt werden kann, gibt es keinen triftigen Grund, an den bestehenden Zuständen etwas zu verändern. Nicht nur aus diesem Grund muß es als historische Schande verstanden werden, daß das grundsätzliche logische Problem der Beziehung zwischen Wort und Gegenstand trotz tausendjähriger Problemgeschichte immer noch nicht in seiner weitreichenden Relevanz erkannt wird. Wörtern muß nicht notwendigerweise etwas "Wirkliches" entsprechen und dieser Umstand wird auch heute noch weidlich ausgenutzt, wenn es darum geht, andere Leute zu belügen und zu betrügen.

Es ist von größter Wichtigkeit, daß Begriff (Idee) und Wort (Zeichen) nicht miteinander verwechselt werden. Wer das nicht begreift, ist auch unfähig, einen eigenen Willen zu haben, der nicht auf Einbildung beruth. Es gibt keine Idee, in der nicht ein bestimmtes Interesse zum Ausdruck kommt und ein solches ist - vom Willen Gottes einmal abgesehen, der außerhalb des menschlichen Verständnisses rangieren dürfte - vernünftigerweise nur in Verbindung mit einem menschlichen Geist denkbar. Wer das Gewollte nicht in seinen eigenen Worten versteht, weiß nicht, was er selbst will und ist ausschließlich von äußeren Mächten abhängig. Ein solcher Mensch geht leeren Idealisierungen auf den Leim und verbringt womöglich sein ganzes Leben in einem naiven Traum, in dem Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit ein Märchen sind.

Das oberflächliche Denken hält sich an Verallgemeinerungen. Im Grunde genommen ist aber jeder Begriff eine Verallgemeinerung und damit prinzipiell ein Problem. Die Dinge erscheinen in der Regel nur deshalb als unproblematisch, weil die meisten Leute keine Zeit oder Lust haben, sich mit einem Gegenstand gründlicher auseinanderzusetzen. Es ist ja auch viel bequemer von sicheren Definitionen auszugehen, als verschiedene Bedeutungsebenen auf ihren Wertgehalt zu prüfen. Manchen Menschen ist die Entscheidungsfreiheit eben eine Last und deshalb fügen sie sich in eine höhere Ordnung, auch wenn sie im Grunde gar nicht verstehen, was um sie herum vor sich geht. Ein solches Verhalten hat aber seine Gründe und einer davon dürfte sein, daß es in den Erziehungsmethoden aller etablierten Bildungsinstitute am erforderlichen kritischen Geist fehlt, um auf viele logische Widersprüche, die in dieser Welt kursieren, aufmerksam gemacht zu werden.

Erkenntnistheorie kann als Methodenlehre verstanden werden, in der es im entscheidenden Punkt um die Logik der Begriffsbildung geht. Der Einfachheit halber lassen sich grundsätzlich zwei Vorgehensweisen unterscheiden: Problemdenken und Systemdenken. Im Problemdenken werden die Begrifflichkeiten aus dem Himmel der Abstraktion auf individuelle Verhältnisse zugeschnitten, wogegen ein Systemdenker den Bedeutungsumfang seines Vokabulars tendenziell immer weiter aufbläst, um seinen Worten bei möglichst vielen Menschen zu verschaffen. Er verwendet Worthülsen, um Eindruck zu schinden, um Zustimmung zu erzielen, nicht aber, um Klarheit zu schaffen. Im Systemdenken geht es nicht mehr darum, was ich denke, sondern wieviele Leute begreifen, was ich will und tun das auch.

Im Systemdenken fallen die Einzelheiten raus, weil sie für das Ganze unwichtig sind. Damit wird aber auch gleichzeitig selbständiges Denken unmöglich gemacht. Niemand hat mehr die Freiheit, die für ihn wichtigen Unterschiede zu machen und ist gezwungen, sich einem übergeordneten System zu fügen, in dem nur noch große Einheiten zählen. Der Unterschied ist das wesentliche Denkprinzip. Denken ist eigentlich nichts anderes, als Unterschiede und Verallgemeinerungen zu erkennen. Wo den Leuten diese Fähigkeit abgeht, fehlt die Urteilskraft und das Fehlen dieser Urteilskraft ist eine Geistesschwäche, die im großen Maßstab verheerende Folgen haben kann.

Die gegebene Rechtfertigung für eine Verallgemeinerung besteht meist darin, nicht jeden Einzelfall beweisen zu müssen, sobald sich etwas mit scheinbar unbeschränkter Allgemeinheit beweisen läßt. In der Tat besteht der Sinn und Zweck einer Methode ja in der ökonomischen Vereinfachung von Operationen, die sich ohne Verlust automatisieren lassen, so daß nicht für jeden einzelnen Fall ein eigenes Prinzip erforderlich ist. Werden bei einem solchen Vorgehen aber die grundsätzlichen Zwecke und Interessen aus dem Auge verloren, wird es auch immer komplizierter, Qualität und Quantität zu unterscheiden, so daß am Ende immer mehr Menschen immer weniger verstehen. Systematisierungsfragen sind Fragen der Zweckmäßigkeit und damit stellt sich das Problem der Priorität, das nicht ohne klare Wertvorstellungen gelöst werden kann. Der Zweck aller Begriffe ist zwar Denkökonomie, Arbeitsersparnis durch Zusammenfassung gleicher Einzelheiten, aber niemand soll sich einbilden, daß es notwendigerweise nur eine Art der Zweckmäßigkeit gibt, der unbedingt zu folgen ist.

Allgemeingültiges Wissen ist nur unter Vernachlässigung von Einzelheiten möglich, aber jeder verantwortungsvolle Denker sollte sich fragen, wo sinnvollerweise die Grenze verlaufen sollte, zwischen dem, was für einen bestimmten Zweck noch wichtig ist und dem, was man getrost ignorieren darf. Oft spielen Einzelheiten keine Rolle, doch das Urteil darüber, muß jedem Menschen selbst überlassen bleiben. Eine Methode zu behaupten, die über die individuelle Entscheidung hinaus Gültigkeit beanspruchen kann, also eine ansich gültige Vorgehensweise, ist nicht nur dumm, sondern auch anmaßend. Dabei wird ein Herrschaftsrecht beansprucht, das jeder vernünftigen Begründung entbehrt und als irrationale Gewalt betrachtet werden muß. Es würde keine Wissenschaft geben ohne diese Einigung, unwichtige Einzelheiten zu ignorieren, doch die Entscheidung darüber, was wichtig und was unwichtig ist, läßt sich nicht ohne moralische Überzeugung vornehmen und deshalb wird sorgfältig darauf geachtet, daß derartige Konflikte ein Unternehmen nicht in seinem praktischen Erfolg gefährden. Wissenschaftler müssen objektiv sein. Eine Wissenschaft, die sich das Prädikat der Objektivität prinzipiell aberkennt, fällt damit ihr eigenes Todesurteil. Die etablierte Wissenschaft ist im Grunde ein bürokratisches Unternehmen. Indem sie den Vorrang der Methode vor der Sache behauptet, verfährt sie nicht anders als ein Bürokrat, der stur nach seinen Paragraphen geht, für den auch eine schwangere Frau ohne Wohnung kein Sonderfall ist, der berechtigt, von den Vorschriften abzuweichen.

Wertlogisches Denken bedeutet die Erkenntnis, daß jede Logik im Grunde eine Verwertungslogik ist und einem Zweck dient, der möglichst ökonomisch und ohne unnötige Verluste verfolgt werden soll. Ein solches Denken unterscheidet sich vom bloßen Pragmatismus dadurch, daß das Prinzip der Wahrheit als höchster Leitwert anerkannt wird, der nicht relativiert werden kann. Der eigentliche Wert der Wahrheitsidee liegt in der Unmöglichkeit, Wahrheit als Mittel zum Zweck zu mißbrauchen, so daß unlautere Methoden sofort an den Interessen erkannt werden, in denen irgendwelche anderen Zwecke der Wahrheit übergeordnet werden. Das heißt nicht, daß es in einem bestimmten Augenblick nicht auch gute Gründe geben kann, die Wahrheit zu verheimlichen. Entscheidend ist jedoch, daß ein solcher Zustand nicht von Dauer sein kann und auch nicht von Dauer sein darf. Alle Logik ist Verwertungslogik, weil es vernünftigerweise immer nur darum gehen kann, willentlich beschlossene Zwecke zu verwirklichen. Die Erkenntnis der Wirklichkeit ist auch nur ein Zweck, den sich Menschen setzen, ein Ordnungszweck, der vielmehr einem Ideal gleichkommt und als moralische Forderung gesehen werden sollte, als daß es dabei um allgemeingültiges Wissen gehen könnte. Ohne Fragen gibt es keine Antworten und die Antworten sind beeinflußt durch die sprachliche Formulierung dieser Fragen. Fragen bringen immer ein Interesse zum Ausdruck. Es wird nie die Natur selbst beobachtet, sondern die Natur, die einer bestimmten Fragestellung ausgesetzt ist. Alle Begriffe können auf eine bestimmte Fragestellung oder ein bestimmtes Interesse zurückgeführt werden. Am Anfang steht der Wille, nicht der Verstand. Basissätze sind, wie Grundsätze, willkürliche Festsetzungen durch Beschluß oder Konvention.

Der Ausgangspunkt ist immer das Problem. Der fehlerhafte Zirkel im Beweisen besteht darin, daß vorausgesetzt wird, was eigentlich erst bewiesen werden muß. Wenn aber die Anfangssätze nicht bewiesen sind, sind es auch die Schlußsätze nicht. Die richtige Fragestellung ist eigentlich schon die halbe Lösung. Das Gegebene ist eigentlich eine Aufgabe oder um mit HERMANN COHEN zu sprechen: "Das Gegebene ist das Gesuchte." Tatsachen sind vielmehr Begründungen und Begriffe, als ein Abbild der Wirklichkeit. Objektive Zusammenhänge werden lediglich hergestellt, um daraus praktische Absichten legitimieren zu können und solange die Masse der Leute einem naiven Realismus folgt, in dem zwischen Ding und Sache kein Unterschied gemacht wird, ist es weiterhin möglich, sich ungebührliche Rechtfertigungen zu erschleichen, ohne daß die logische Hinterlist dieser Methoden offenbar wird.

Alle Begriffe müssen erst definiert werden. Sie hängen nicht fertig an den Bäumen. Bei Definitionsfragen handelt es sich immer um Fragen der Zweckmäßigkeit und nicht der Wahrheit. Harmlose Gemüter durchschauen aber den Definitionscharakter vieler wissenschaftlicher Theoreme nicht. Alle Definitionen sind Gebrauchsdefinitionen. Immer besteht die Tendenz, sprachlich zu lösen, was sachlich nicht gelöst werden kann und möglicherweise auch nicht lösbar ist. Die Methode, Problemlösungen durch Definitionen zu ersetzen, ist aber kein besonders fruchtbares Verfahren. Unterschiede in der Terminologie müssen nicht unbedingt einen Unterschied in der Sache ausmachen.

Das Problem der Setzung ist immer ein Problem der Rechtfertigung. Die bloße Tatsächlichkeit ist nicht denknotwendig. Notwendigkeit ist etwas, das es nur im Denken gibt und nicht in den Gegenständen und ist letztlich ein moralisches Prinzip. Begründungen und Rechtfertigungen werden hergestellt, nicht festgestellt. Es gibt keine Ordnung in der Natur. Ordnung ist nur im menschlichen Verstand. Tatsachenfragen sind deshalb Geltungsfragen. Die Wirklichkeit in ihrer Besonderheit und Individualität ist die Grenze für jede Art der Begriffsbildung. Das Einzigartige ist der Prüfstein der Logik. Was bisher als Wissen bezeichnet wurde ist eher das, was  gilt,  weniger das was  ist.  Die Macht der Logik endet an der Einzelheit, da, wo das Gebiet des individuellen Lebens, des persönlichen Daseins, der Willensfreiheit und der Moral anfängt. Der wichtigste Bereich auf dem Gebiet der Geltung heißt Recht und Gesetz.

In Verwaltung, Rechtsprechung und Gesetzgebung, in Wirtschaft und Politik wird unablässig über die Bestimmung und Auslegung von Begriffen diskutiert. Die praktischen Auswirkungen der Definition und Auslegung der Begriffe sind von enormer Bedeutung. Begriffe begründen Rechte. Jedes Gesetz stellt eine Perlenkette von Begriffen dar. Die gesetzliche Begriffskette setzt der Richter in Beziehung zu einem Sachverhalt, der Tatbestand genannt und durch Beweisaufnahme ermittelt wird. Die Beziehung von Rechtsbegriff und tatsächlichem Geschehen nennt der Jurist Subsumtion. Juristische Probleme entstehen, weil Begriffe und Tatsachen nicht deckungsgleich sind. Die fallbezogene Anpassung und die Eingrenzung des Begriffs heißt dann  Auslegung.

Zum Beispiel ist das schlichte Sitzen auf einer Fahrbahn  Gewalt, obgleich der Mensch überhaupt nicht handgreiflich wird. Dennoch baut jemand eine psychische Hemmschwelle auf, die stärker wirkt, als ein gezielter Faustschlag. Die Frage ist also: in wieweit ist es zulässig, den Begriff der Gewalt zu vergeistigen, zu entmaterialisieren, damit ein strafwürdiges Verhalten noch geahndet werden kann? Der der  Gewaltbegriff ist also kein logisches, rational bestimmtes Gebilde, das aus einem juristischen Begriffshimmel fällt, sondern steckt tief in einem Wertungszusammenhang. Für den Richter sollen bei der Auslegung eines Gesetzes Wertungen bei der Gerechtigkeit des Einzelfalls die ausschlaggebende Rolle spielen.

Und dabei ändert sich am Wortlaut des Gesetzes wohlgemerkt nicht das Geringste. Deshalb wird die Bindung des Richters an das Gesetz vor allem von juristischen Laien oft überschätzt. Vielfach ist sogar die Neigung zu beobachten, delikate politische Entscheidungen auf die Gerichte abzuschieben, weil die weite oder auch enge Auslegung vorhandener Rechtsbegriffe mehr Erfolg verspricht, als ein umständliches und in seinem Ausgang ungewisses Gesetzgebungsverfahren. Die ethische Argumentation wird über logische Ableitungen verschleiert, weil hinter Recht und Gesetz ein praktisch-technisches Interesse steckt, das viel mehr mit Ordnung und Frieden, als mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Wer wertlogisch denkt, trennt nicht nur die Bewertung von den Tatsachen, sondern versteht auch die sogenannten Tatsachen als Willensprodukt, dem keinerlei Allgemeingültigkeit zukommt. Werte sind keine Eigenschaften der Dinge. Die Farbe eines Gegenstandes z.B. ist nicht objektiv gegeben, sondern die Zutat eines beobachtenden Subjekts, das imstande ist, in einer bestimmten Weise zu sehen. Jedes Bewußtsein ist einmalig. Die Überzeugung von der objektiven Qualität der Sinnesqualitäten ist Blödsinn. Es handelt sich lediglich um eine Sprachgewohnheit, wenn jemand glaubt, daß die Dinge Qualitäten haben. Streng genommen müßte es heißen: mir ist gelb und nicht ich sehe gelb. Mit den moralischen Einstellungen ist es nicht viel anders. Laster und Tugend können mit Tönen oder Farben verglichen werden. Diese sind ebenso keine Eigenschaften der Dinge, sondern Perzeptionen eines lebendigen Geistes. Nichts ist von sich aus gut oder schlecht, richtig oder falsch. Dazu müssen die Dinge erst gemacht werden.

Die klassische Physik beruhte auf der Illusion, daß sich die Welt beschreiben läßt, ohne daß jemand von sich selbst sprechen muß. Auf diese Weise war es möglich, den Menschen im Menschen auszuschalten. Der Mensch ansich ist aber kein Mensch - so wie alle Objektivität unmenschlich ist.

LITERATUR - Werner Petschko, Wertlogik für Anfänger, Penzberg 2008