p-4ra-1H. CorneliusA. RapoportF. NicolaiF. MauthnerW. Wundt    
 
WILHELM MACKENSEN
Grundzüge einer Theorie
des Abstraktionsvermögens


"Das Symbol, der Charakter, das Zeichen oder wie man es nennen will, dient, nur dazu, für die Gegenstände, die wir nicht kennen, oder näher kennenzulernen weder Lust noch Veranlassung haben, gleichsam eine Erinnerung in unserem Gedächtnis zu machen. Indem wir einen Gegenstand bezeichnen, geschieht dieses nicht anders, als mit dem Vorbehalten, uns bei anderer Gelegenheit näher damit bekannt zu machen, und es ist, als ob wir hinzufügen, daß wir über sein Wesen und innere Natur weiter noch nichts bestimmten wollen. Wenn wir sagen: ein  Baum: so heißt das nichts anderes, als: dies ist ein Gegenstand, den ich Baum nenne."

"So wie beim Vorstellen eines äußeren Gegenstandes, der Eindruck auf einen Begriff gebracht wird, so werden beim Denken Begriffe auf Begriffe gebracht. Beides ist dieselbe Handlung des  Anerkennens, und so wie wir gezwungen sind, zu gestehen, daß das Anerkennen beim Auffassen eines äußeren Eindrucks uns über die Natur des Gegenstandes, der den Eindruck verursachte, nicht im mindesten belehrt: so werden wir auch nicht leugnen können, daß das Denken uns ebensowenig die Natur und das Wesen der Dinge kennenzulernen vermag."

"Wenn wir sagen, der Wind ist Ursache der Bewegung des Baumes, den ich sehe, so heißt das eigentlich: das, was ich  Wind  nenne, ist das, was ich  Ursache  nenne, von dem, was ich  Bewegung  nenne, dessen was ich  Baum  nenne, das mit mir in dem Verhältnis steht, das ich  sehen  nenne."

"Hume brauchte nicht der scharfsinnige Kopf zu sein, der er war, um durch die Betrachtungen, die  Locke  aufgestellt hatte, auf seine Zweifel über den Begriff der Kausalität geführt zu werden.  Locke legt es seinem Leser so nahe, darauf zu kommen, daß es kaum zu begreifen ist, warum er nicht schon früher andere dadurch aus ihren dogmatischen Träumen geweckt hat. Es ist merkwürdig, daß erst ausdrücklich ein Mann aufstehen und die Philosophen durch den lauten Ausruf:  Es gibt keine Ursache, erschrecken und in Besorgnis setzen mußte, ehe sie es der Mühe wert hielten, eine nähere Untersuchung darüber anzustellen."

"Die Einseitigkeit des Empirikers und seine Halsstarrigkeit gegen den Kritizismus rührt vorzüglich daher, daß seine Seele in lauter Worte so eingeklemmt ist, daß sie nicht die geringste Bewegung machen kann, um eine neue Ansicht zu gewinnen. Es ist zu hoffen, daß, wenn es glückt, diese Palisaden zu durchbrechen, ihr Geist seine ursprüngliche Freiheit fühlen und sich üben wird, sie gebrauchen zu lernen."


Vorrede

Die gegenwärtige Abhandlung war eigentlich dazu bestimmt, einer Sammlung philosophischer Aufsätze über die kritische Philosophie zur Einleitung zu dienen. Ich bin verhindert worden, jene Aufsätze jetzt zu liefern, inzwischen habe ich zweckmäßig gefunden, diese Abhandlung besonders vorauszuschicken, und jene Sammlung philosophischer Schriften demnächst nachfolgen zu lassen.

Abstraktion ist die Seele allen Philosophierens. Die kritische Philosophie wird ohne sie ein peinigendes, Herz und Geist verzehrendes Spiel mit Begriffen, aber durch Abstraktion aufgefaßt ist sie leicht, evident, erfreulich und seelenerhebend. Was ist nun aber eigentlich diese Abstraktion? Die Philosophen sprechen von einer intellektuellen Anschauung, die man sich erwerben, von einer Einbildungskraft, mit der man die Gegenstände und sich selbst überflügeln, von einem inneren Anschauen, in das man sich versetzen muß, und wenn man dies nicht kann, so wüßten sie weder Hilfe noch Rat, und müßten uns unserem Schicksal überlassen. Diese Worte sind alle sehr gut, es ist sogar Wahrheit in ihnen, aber man darf sich dennoch gar nicht wundern, wenn man so viele sieht, welche freimütig gestehen, daß sie keinen Sinn darin finden, und nimmermehr darin finden werden. Denn jene Philosophen verlangen zwar nur, daß man bei diesem oder jenem Begriff wenigstens abstrahieren soll, und scheinen ihre Forderung auf andere Gegenstände nicht ausdehnen zu wollen, aber gerade diese Einschränktung ist es, was die Sache unbegreiflich macht. Sollte diese Vorstellungsart nur für diesen einzigen Gegenstand, oder dieser Gegenstand nur für diese einzige Vorstellung gemacht sein? Das ist so rätselhaft, wie möglich. Allein wenn man zeigen kann, daß alle Gegenstände, die einer philosophischen Untersuchung fähig sind, auf diese Weise vorgestellt werden können, und also zum Zweck einer philosophischen Erkenntnis von denselben, so vorgestellt werden  müssen:  so erhält die Sache ein ganz anderes Ansehen. Und wenn man es vollends dahin bringen kann, den, der diese Vorstellungsweise verwirft, weil er, wie er sagt, nicht weiß, wie er dazu gelangen soll, bei einer Vorstellung, die er hat, anzuhalten und ihm zu sagen: so wie du dir dieses vorstellst, sollst du dir auch jenes vorstellen: so ist offenbar, daß für unsere Absicht alles gewonnen sein wird.

Das ist es, was ich in dieser Schrift zu leisten gesucht habe. Ich habe darin alles auf Abstraktion zurückgeführt, weil nur in der Abstraktion Wahrheit ist, und dabei gezeigt, wie man zu dieser Vorstellungsart gelangt, nicht, als ob dadurch das Abstrahieren erlernt werden soll, sondern um diese Vorstellungen durch eine Erklärung der Natur des diskursiven Denkens, welches ihnen gerade entgegengesetzt ist, zu erläutern und ins Licht zu stellen. Man hat das dialektische Verfahren gegen die Abstraktion umgetauscht; richtig genug, aber dennoch, wie es mir scheint, ohne weder das Eine noch das Andere gehörig zu kennen. Der Streit zwischen  Kantianern  und Anti-Kantianern, und der bürgerliche Krieg unter den kritischen Philosophen selbst, wird kein Ende nehmen, wenn man sich nicht hierüber zuerst vergleicht. In dieser Schrift habe ich den Versuch gemacht, die Natur und die Grenzen beider zu bestimmen. Man mag ihn immerhin verwerfen, wenn man nur die Notwendigkeit einsieht, etwas Besseres in dieser Art zu liefern.


Die Vorstellung durch Zeichen wird allgemein der unmittelbaren Vorstellung entgegengesetzt, allein beide sind so innig miteinander verbunden, daß so wie jene ohne diese gar nicht, so auch diese ohne jene nur höchst unvollkommen sein würde. Denn setzt man ein menschlicnes Erkenntnisvermögen, so setzt man auch ein Bezeichnungsvermögen. Der Mensch betrachtet die Gegenstände nur insofern sie etwas  sind,  das Tier nur insofern sie ihm schaden oder nutzen, insofern sie seine Instinkte und Triebe befriedigen oder nicht befriedigen. Der Mensch aber steht zu den Gegenständen in einem ganz anderen Verhältnis. Dem Tier, dem sie nur Lust oder Unlust gewähren können, sind sie, als Gegenstände betrachtet, gleichgültig, dem Menschen, wenn er sie nicht in jenem Verhältnis zu sich betrachten will, sind sie fremd. Er muß sie kennenlernen, und wenn sie etwas für ihn sein sollen, so muß er etwas aus ihnen machen.

Hier kommt also die Frage in Betracht: was ist dieser Gegenstand? Es ist hier noch nicht die Rede vom Wesen und der inneren Beschaffenheit der Dinge, sondern nur vom Verhältnis, das es als ein Wesen außer dem Menschen, zu diesem selbst hat. Ursprünglich aufgefaßt, drückt diese Frage nur den Zustand der Verwirrung und Verwunderung aus, den die Einwirkungn eines von ihm selbst verschiedenen Etwas, auf den Menschen, den wir hier noch als zur Bezeichnung sich anschickend, aber noch mit keinen Zeichen versehen, vorstellen müssen, machen mußte. Dieser Zustand wird für den Menschen ein Zustand der Betäubung sein, jeder Gegenstand wird ihn ganz einnehmen und hinreißen, und dennoch wird seine Aufmerksamkeit, durch die vielerlei Gegenstände, die ihn durch ihre Verschiedenheit verwirren, zerstreut, nirgend einen festen Ruhepunkt finden. Auf diese Weise würden ihm die Gegenstände immer neu bleiben, er würde sich an keinem auch noch so oft wiederholten Eindruck gewöhnen, alles Handeln würde ihm unmöglich gemacht werden, er würde in der Natur ewig ein Fremdling bleiben und nie zur Ruhe kommen.

Die bloß  anschauliche  Erkenntnis scheint also nicht einmal möglich zu sein, wenn nicht etwas Nicht-Anschauliches hinzukommt. Dies geschieht nun aber auf folgende Art: Die Vorstellung eines jeden Gegenstandes ist mit irgendeiner Empfindung begleitet, die wir, um keine Schwierigkeit herbeizuführen, deren wir hier enthoben sein können, in ungegliederte Töne wollen ausbrechen lassen. Ist dies geschehen, so ist der Gegenstand ein Etwas für den Menschen geworden, die Vorstellung davon ist vollendet und  sein  geworden, er ist nun mit dem Gegenstand bekannt. Wird ihm nun derselbe Gegenstand wiederum vorgeführt, so setzt er die Tätigkeit seiner Vernunft, den Gegenstand aufzufassen, und ihn im Verhältnis zu sich zu betrachten, sogleich dadurch zur Ruhe, daß er ihn als solchen anerkennt, der eine Empfindung dieser Art in ihm hervorbringt, d. h. daß er ihn bezeichnet. Was der Gegenstand nun übrigens sein mag, geht ihn nichts an, genug, daß er sich nicht von Neuem mit ihm bekannt zu machen braucht, und daß er ein Etwas für ihn ist. So sehen wir also, daß die Bezeichnung uns erst dazu verhilft, Gegenstände anzuerkennen, und daß sie also selbst zur anschaulichen Erkenntnis notwendig ist. Zu etwas anderem kann sie nicht dienen, und eine Verbindung zwischen ihr und den Gegenständen kann niemals stattfinden, wiewohl wir, durch lange Gewohnheit getäuscht, noch etwas mehr als dieses in den Wörtern zu haben glauben mögen.

Wenn wir diese Bezeichnungen schon Wörter nennen, so sehen wir davon ab, daß wir nur gegliederte Töne mit diesem Namen belegen. Denn es kann für unsere Untersuchung gleichgültig sein, von welcher Beschaffenheit diese Mittel zur Anerkennung sein mögen, und können es hier ganz dahingestellt sein lassen, von welcher Art die Empfindungen gewesen sein können, durch welche die wundersame Erscheinung der Gliederung (Artikulation) bewirkt worden ist.

So dienen uns also die Wörter nicht nur zur Mitteilung unserer Gedanken, sondern sie verhelfen uns auch zur ersten Bekanntschaft mit der Natur, die uns ohne sie durch ihre Mannigfaltigkeit und geheimnisvolle Erscheinung überwältigt, und uns nicht zur Besinnung würde haben kommen lassen. Durch die Wörter fertigen wir, sozusagen, die Eindrücke, die mit unberechenbarer Schnelligkeit abwechseln, in der Kürze ab, lernen uns dadurch in ihre Mannigfaltigkeit finden, bringen Ordnung, Stetigkeit und Zusammenhang in unsere Empfindung, und machen dadurch nicht allein einen Zusammenhang in den Gedanken, sondern das Denken selbst möglich. Es hat einige Schwierigkeit, es sich zu denken, daß wir ohne Wörter nicht einmal von einem gegenwärtigen und unmittelbar auf uns wirkenden Gegenstand sollten eine vollendete und nach allen ihren Teilen bestimmte Vorstellung haben können. Sollten wir uns nicht denken können, daß ein Mensch, ohne Sprache, sich vor einem Baum, für welchen er keinen Namen hat, ruhig hinstellen und sich an seinem schlanken Wuchs, seinem grünen Laub und seiner weißen Blüte nach Herzenslust soll ergötzen können? Allein hier schieben wir unvermerkt unsere gewöhnliche Vorstellungsart unter, nach welcher dieser Gegenstand nur dadurch ein Gegenstand für uns ist, daß wir ihn unter einem bestimmten Begriff anerkennen. Allein man bedenke nur, daß für den, der diesen Begriff nicht hat, der Eindruck immer ein bloßer Eindruck bleiben, also niemals eine Vorstellung werden wird. Was dem Taubstummen statt der Wörter dient, wissen wir nicht, er hat aber ohne Zweifel seine Empfindungsmerkmale, die die Vorstellung der Gegenstände begleitetm und wodurch er sie anerkennt. Daß aber, wenn die Anerkennung durch Wörter auf diese Art geschehen ist, es eine andere Ansicht eben dieser Gegenstände gibt, wobei wir die Wörter als gar nicht vorhanden betrachten müssen, das wird in der Folge auseinandergesetzt werden.

Sonach ist es lediglich das Werk der Wörter oder Begriffe, daß wir ungestört durch die Gegenstände, die uns umgeben, hindurchgehen und von den Eindrücken, die sie auf uns machen, nicht aufgehalten werden. Wier erkennen sie nämlich sogleich unter gewissen Wörtern an, indem wir uns im Stillen die Wörter  Haus, Mensch, Baum, Pferd, Wagen  zurufen und dadurch gleichsam zu uns selbst sprechen: diese Gegenstände sind die alle bekannt.

Sollen wir aber nun wohl glauben, daß unser Erkenntniskreis hiermit geschlossen ist und daß all unser Erkennen mit dem Geschäft, Eindrücke auf Begriffe zu bringen, anfangen und enden muß? ja, sollte das Geschäft, zu welchem jenes natürlicherweise führt, Begriffe auf Begriffe zu bringen, das heißt aber,  das Denken die einzige Quelle all unseres Erkennen sein?

Soviel sieht man sogleich, daß durch das Denken (das Wort in diesem eigentlichen Sinn genommen) weiter nichts als eine Verdeutlichung der Vorstellungen gewonnen werden kann. Daß man dadurch auf das Wesen der Dinge und die Erkenntnis der Wahrheit allein geleitet werden könnte, dieser Irrtum ist aus der Täuschung entstanden, da wir nämlich in den Wörtern die Dinge in ihrer Natur und inneren Beschaffenheit wie in einem wohlgetroffenen Bild zu besitzen glauben. Allein es ist offenbar, daß sie damit nichts zu tun haben, daß sie sich zunächst nur auf uns selbst beziehen, bloße Punkte für unser Erinnerungsvermögen sind, und, weit entfernt uns in die Natur der Gegenstände zu führen, dieselben gerade weit genug von uns abzuhalten bestimmt sind, damit wir nicht durch ihre zu große Nähe verwirrt und betäubt werden möchten.

Diese Behauptungen scheinen nun so natürlich und jedem Widerspruch so wenig unterworfen zu sein, daß man sich wundern möchte, wie man sich bei so augenscheinlichen Wahrheiten so lange aufhalten kann. Allein wenn es hier auch nicht so gehen sollte, als es wohl oft zu gehen pflegt, daß man nämlich da volles Licht zu sehen glaubt, wo man in der Tat nichts sieht, so verdiente diese Betrachtung doch, daß man sich länger bei ihr verweilte, und sie etwas ernsthafter ansieht, als bis jetzt geschehen ist. Denn es wird sich finden, daß, wenn man durch das bloße Denken über die Dinge etwas ausmachen will, man zuletzt, wenn man nur scharfsinnig und folgerecht genug ist, unvermeidlich dahin gebracht wird, daß man den Begriff eines Gegenstandes sich selbst widersprechend und nichtig wird finden müssen.

Wir wollen diesen Punkt hier nur vorläufig anführen, und werden erst dann zu ihm zurückkehren, um ihn ausführlich zu behandeln, wenn wir die Natur der symbolischen Erkenntnis und die Irrtümer, zu welchen sie ihrem Wesen nach unvermeidlich führen muß, werden ins Auge gefaßt haben.

Das Symbol, der Charakter, das Zeichen oder wie man es nennen will, dient, wie wir gesehen haben, nur dazu, für die Gegenstände, die wir nicht kennen, oder näher kennenzulernen weder Lust noch Veranlassung haben, gleichsam eine Erinnerung in unserem Gedächtnis zu machen. Indem wir einen Gegenstand bezeichnen, geschieht dieses nicht anders, als mit dem Vorbehalten, uns bei anderer Gelegenheit näher damit bekannt zu machen, und es ist, als ob wir hinzufügen, daß wir über sein Wesen und innere Natur weiter noch nichts bestimmten wollen. Wenn wir sagen: ein Baum: so heißt das nichts anderes, als dies ist ein Gegenstand, den ich Baum  nenne.  Dies scheint sich freilich von selbst zu verstehen, allein wenn wir die Natur der Bezeichnung ursprünglich auffassen, so werden wir gewahr werden, daß etwas ganz anderes damit gemeint ist, als wir uns bisher vorgestellt haben. Diese Bemerkung, recht eingesehen, ist nicht allein für die Dialektik, welche Sätze bildet, sehr wichtig, sondern sie gibt auch für die Metaphysik, die über alle Dialektik hinausliegt, den einzigen Aufschluß.

Das Anerkennen  der Gegenstände und die dadurch möglich gemachte Ordnung, die wir in die Erscheinungen der Natur zum Zweck für unser Vorstellen bringen, ist also das Erste, was wir den Wörtern verdanken. Allein sie leisten uns dadurch auch den wichtigen Dienst, unser Vorstellen willkürlich zu lenken und auf bestimmte Gegenstände zu heften. Wir würden nämlich sonst nur von den stärkeren oder schwächeren äußeren Eindrücken abhängig sein, und unser Vorstellen würde keine anderen Gegenstände haben, als die, welche uns durch die äußeren Empfindungen aufgedrungen werden. Durch die Wörter aber werden wir in den Stand gesetzt, etwas in ihre Stelle und ihnen entgegenzusetzen, und dadurch eine Lücke auszufüllen, die, wenn sie nicht von äußeren unwillkürlichen Empfindungen eingenommen wurde, leer hätte bleiben müssen. Hierdurch wird unser Vorstellen willkürlich, wir reihen mehrere Vorstellungen zusammen, und da wir nun eine Menge empfindbarer Zeichen haben, so können wir, durch eine unmittelbare Verknüpfung derselben unsere Empfindungen in eine zusammenhängende Kette zusammenziehen, die, wenn wir ernsthaft wollen, durch äußere Empfindungen nicht zerrissen werden kann.

Dies ist nun das eigentlich so zu nennende  Denken der erste Schritt zum Eingang in uns selbst. Im Denken gibt es eigentlich kein Mehr oder Weniger: die Ausdrücke: ein großer Denker, ein Mensch, der nicht denkt, und dergleichen, sind uneigentlich und beziehen sich auf ganz andere Verrichtungen unseres Geistes. Wer sprechen kann, denkt auch, un in diesem Sinne ist jeder Bauer ebensogut ein Denker wie der größte Philosoph.

Hat man nun wohl eingesehen, was es mit der Handlung des Anerkennens, die uns durch die Worte möglich gemacht wird, zu bedeuten habe: so muß man auch einsehen, was wir uns in dieser Hinsicht vom Denken zu versprechen haben. Es ist nichts anderes als ein abgeleitetes Anerkennen. So wie beim Vorstellen eines äußeren Gegenstandes, der Eindruck auf einen Begriff gebracht wird, so werden beim Denken Begriffe auf Begriffe gebracht. Beides ist dieselbe Handlung des Anerkennens, und so wie wir gezwungen sind, zu gestehen, daß das Anerkennen beim Auffassen eines äußeren Eindrucks uns über die Natur des Gegenstandes, der den Eindruck verursachte, nicht im mindesten belehrt: so werden wir auch nicht leugnen können, daß das Denken uns ebensowenig die Natur und das Wesen der Dinge kennenzulernen vermag.

Man nehme, um dieses einzusehen, den ersten, den besten Satz. Wenn wir sagen, der Wind ist Ursache der Bewegung des Baumes, den ich sehe, so heißt das eigentlich: das, was ich  Wind  nenne, ist das, was ich  Ursache  nenne, von dem, was ich  Bewegung  nenne, dessen was ich  Baum  nenne, das mit mir in dem Verhältnis steht, das ich  sehen  nenne. Wer würde aber eine solche Sprache aushalten? Es ist aber nützlich, ja notwendig eine solche Auseinandersetzung unserer eigentlichen Meinung in der Bezeichnung der Dinge vor Augen zu stellen.

Wenn man nun den eigentlichen Sinn jenes Satzes gefaßt hat: so wird es sogleich einleuchten, daß die Benennung gleichsam von selbst einprägt und hinzufügt: daß damit bei weitem noch nicht alles getan ist, daß man, wenn man sich allein an sie hält, nicht von der Stelle kommen wird und in der größten Unwissenheit bleiben muß. So liegt in dem Satz: der Magnet zieht Eisen an, wenn man ihn in seiner ursprünglichen Bedeutung versteht, ausdrücklich, daß dies eine Begebenheit ist, von der man durchaus weiter nichts weiß, und für deren Allgemeinheit und Notwendigkeit man nicht stehen kann. Da wir aber genötigt werden, dergleichen Sätze oft zu gebrauchen: so verdunkelt sich ihre wahre Bedeutung nach und nach, die Untersuchung, was der bezeichnete Gegenstand sein mag, hält uns zu lange auf, wir haben mehr zu tun und müssen weiter; und so entsteht in uns die Empfindung von einer Notwendigkeit, von der wir freilich nichts wissen, die wir aber nun doch ein für allemal dafür müssen gelten lassen.

In dieser Hinsicht war es keine bloße Hypothese, die, wenn auch nicht viel nutzen, so auch nicht schaden kann, was HUME aufstellte: daß es bloß die Gewohnheit ist, die da macht, daß wir eine notwendige Verbindung der Dinge annehmen. Die Notwendigkeit in allen allgemeinen Sätzen hat offenbar keinen anderen Entstehungsgrund als diesen, aber es ist nicht einzusehen, warum dies eine so fürchterliche Wahrheit sein soll.

Es scheint aber, als ob es in der Philosophie so geht, wie es in der gewöhnlichen Welt geht, daß man nämlich nur zudringlich und dreist sein muß, um zu Allem zu kommen und für Alles gehalten zu werden. Der gute LOCKE wird für ein ehrliches dogmatisches Lamm gehalten, der die Sache so genau nicht besehen wollte, und fünf gerne gerade sein ließ. Man braucht aber nur das zweite Buch seines  Essays  gelesen zu haben, um zu sehen, daß er die Schwierigkeiten, auf welche die dialektische Vorstellungsart der metaphysischen Begriffe führt, sehr wohl eingesehen habe. HUME brauchte nicht der scharfsinnige Kopf zu sein, der er war, um durch die Betrachtungen, die LOCKE aufgestellt hatte, auf seine Zweifel über den Begriff der Kausalität geführt zu werden. LOCKE legt es seinem Leser so nahe, darauf zu kommen, daß es kaum zu begreifen ist, warum er nicht schon früher andere dadurch aus ihren dogmatischen Träumen geweckt hat. Es ist merkwürdig, daß erst ausdrücklich ein Mann aufstehen und die Philosophen durch den lauten Ausruf:  Es gibt keine Ursache,  erschrecken und in Besorgnis setzen mußte, ehe sie es der Mühe wert hielten, eine nähere Untersuchung darüber anzustellen.

Freilich war LOCKE auf eine wunderbare Weise verblendet, indem er den scharfsinnigsten Untersuchungen über die Notwendigkeit der allgemeinen Sätze die seichte Behauptung hinzufügte, daß, wenn unsere Sinne weiter reichen würden, wir diese Notwendigkeit wohl damit ertappen könnten. So sehr kommt es auf den ersten richtigen Gesichtspunkt an, auf den, wie es scheint, uns oft nur ein Zufall oder ein plötzlich rege gewordenes Interesse führen kann. LOCKE zeigt so klar wie möglich, daß man aus dem Beisammensein mehrerer Eigenschaften einer Sache nie berechtigt sein kann, auf eine notwendige Beigesellung dieser Eigenschaften, die im Wesen des Dings, dessen Eigenschaften sie sind, gegründet sein sollten, zu schließen. Wir können immerhin sagen: Gold ist dehnbar; nur müssen wir weiter nichts darunter verstehen, als daß wir unter mehreren Merkmalen, die wir willkürlich zu einem Begriff zusammengefaßt haben, auch dieses Merkmal ein für allemal wollen aufgenommen haben. Sonach hieße der Satz: Gold ist dehnbar, eigentlich nur: ich habe im Begriff des mir seinem Wesen nach unbekannten Dings, das ich  Gold  nenne, nebst den Begriffen der gelben Farbe, der Unveränderlichkeit im Feuer etc. auch den Begriff der Dehnbarkeit aufgenommen. Für das stete Beisammensein dieser Eigenschaften kann ich nicht stehen, es ist ein Beisammensein, das nur in meinem Begriff verbunden ist und ich bin bereit, diese Notwendigkeit, sobald die Erfahrung es gebietet, Preis zu geben. Bilden wir aber den allgemeinen Satz: Alles Gold ist dehnbar, so verändert sich auf einmal die ganze Ansicht der Sache. Dann heißt es nicht mehr: das, was ich  Gold  nenne, ist dehnbar, sondern das Gold ist an und für sich dehnbar, die Dehnbarkeit ist etwas, das aus dem Wesen des Goldes notwendig fließt. Dies ist aber mehr als man je behaupten kann, denn für die Notwendigkeit kann man nicht einstehen.

Dieser Irrtum, der so fest mit allen unseren Vorstellungen zusammenhängt, und eine so tiefe Wurzel in unserem Verstand gefaßt hat, hat nun offenbar nirgendwo anders seinen Grund, als in dem Umstand, daß die Wörter, welche nur zum Anerkennen der Gegenstände dienen, sich durch den öfteren Gebrauch als etwas ganz anderes haben geltend gemacht, und sich in der Eigenschaft von Begriffen, als Muster und Repräsentanten der Gegenstände selbst aufgedrängt haben. Die Täuschung ist so stark, daß es scheint, man könne eher alles andere wegräumen, als die Einbildungen, die sie veranlassen. Es ist zu wetten, daß LOCKE selbst auf diese Untersuchung nicht gekommen sein würde, wenn ihm nicht, als er sich auf eine nähere Betrachtung der Sprache geführt sah, plötzlich ein Licht aufgegangen wäre. Er sah ein, daß die Begriffe weiter nichts als Erzeugnisse unseres eigenen Verstandes sind, daß sie aus der Sprache erklärt und zuerst in ihrer Natur als Wörter betrachtet werden müssen. Hieran ließ er es genug sein, und ging nicht weiter, woran er auch gerade nicht unrecht tat. Wollen wir aber diese Untersuchung zur Vollendung bringen, so müssen wir noch einen Schritt weiter gehen, um zu zeigen, was denn das eigentliche Geschäft dieser Wörter ist. Und dies ist, was ich vor Augen zu legen bemüht gewesen bin.

Man darf sich aber nicht so sehr wundern, wenn man so Wenige geneigt findet, in diese Untersuchungen einzugehen, da man sieht, daß ein Mann wie LEIBNIZ so wenig Sinn dafür hatte, und sich durchaus nicht für diesen Gesichtspunkt orientieren konnte. Seine Einwendungen gegen LOCKEs Behauptungen sind größtenteils von der Art, daß man sich wundern muß, wie er darauf hat kommen können. LEIBNIZ liebte große überraschende Ansichten, war ein Freund von Einfällen und hatte eine gewisse philosophische Neugier, die auch bloße Kuriosa nicht verschmähte, wenn sie nur immer unterhaltend waren und es dabei für sein Genie nur etwas zu tun gab (1). LOCKEs Philosophie konnte daher mit seinem Geschmack nicht zusammentreffen. Sie ist so rein und klar, aber auch so unschmackhaft wie Wasser, und wer in der Philosophie ein geistiges Berauschungsmittel sucht, wird es bei LOCKE nicht finden. LEIBNIZ wollte zu neuen Ansichten und Entdeckungen geführt werden, und LOCKE hielt ihn bei Dingen auf, die er schon längst zu kennen glaubte, und von welchen er sich eine andere Ansicht verschaffen sollte, als die, welche er bisher gehabt hatte und welche für falsch und für einen ihm selbst unbekannten Grund ebenso unerkannter Irrtümer erklärt wurde. Das konnte ihm nicht schmeicheln; und man sieht auch an manchen Stellen, daß er den Unwillen, den man dann empfindet, wenn man paradoxen Gedanken nicht die richtige Ansicht abgewinnen kann, nicht gut hat verbergen können.

Daß LEIBNIZ den LOCKE oft mißverstanden hat, scheint eine sehr kühne Behauptung zu sein, die man nicht wagen darf, wenn man nicht tüchtige Gründe dazu im Hinterhalt hat. Es wird genug sein, nur Eins anzuführen, um einen Beleg davon zu geben. Wenn LOCKE sagt: man kann nie sicher sein, daß die Eigenschaft im Feuer nicht verflüchtigt zu werden, sich bei der Substanz, die man Gold nennt, stets finden wird, da man das Wesen desselben und also auch die Folgen nicht kennt, die darin ihren Grund haben: so erwidert LEIBNIZ, allerdings kann man das, denn man kann zeigen, daß diese Eigenschaft von der Dehnbarkeit dieses Metalls abhängt. Nun ist ja aber diese Dehnbarkeit auch eine Eigenschaft, und LOCKE zeigt ganz klar, daß man ein notwendiges Zusammensein (Koexistenz) von Eigenschaften nie beweisen kann. Diese Behauptung mußte LEIBNIZ erst umstoßen, allein er kommt ihr so wenig nahe, daß man vermuten muß, er habe die Stärke von LOCKEs Räsonnement [Argumentation - wp] gar nicht gefühlt, und den eigentlich strittigen Punkt nie recht ins Auge gefaßt.

Man wird leicht mutmaßen, daß LEIBNIZ mit der Behauptung des LOCKE, daß die Begriffe von Substanzen die wesentlichen Eigenschaften derselben nicht enthalten, und man also auch vernünftigerweise nicht erwarten kann, durch Definitionen auf das Wesen derselben geleitet zu werden, nimmermehr wird einverstanden sein können. Die Beispiele, die er ihm entgegenstellt, sind größtenteils aus der Mathematik hergenommen, wo doch ein ganz anderer Fall eintritt. Die Frage ist: können die Merkmale einer Substanz das Wesen derselben angeben, oder gibt es überhaupt wesentliche Merkmale? LOCKE antwortet kategorisch: Nein; ich weiß ein für allemal nichts vom Wesen der Dinge, also auch nichts von Merkmalen, von welchen ich zuversichtlich behaupten könnte, daß sie in diesem Wesen begründet sind.

Das scheint nun auf einmal nicht allein alle Untersuchungen gänzlich abzuschneiden und alles metaphysische Räsonnement zu verbieten, sondern selbst die Logik scheint dadurch über den Haufen gestoßen zu werden. Wo bleiben denn nun die  essentialia, constitutiva  und  consecutiva,  das  genus proximum  [nächsthöhere Gattung - wp], die  differentia specifica  [spezifische Differenz - wp] und vergleichen, wodurch wir das Wesen der Dinge aus dem Wirrwarr zufälliger Beschaffenheiten, und vorüberfließender Bestimmungen geschickt herausheben, und rein und nett dem Verstand überliefern? Wenn man diese  Wesen  nicht missen will, so mögen sie immerhin Wesen bleiben, aber nicht Wesen der dinge, sondern  Wesen der Begriffe. 

Diese Unterscheidung, die der Logik einen schlimmen Streich zu spielen scheint, leistet ihr im Gegenteil einen wichtigen Dienst, indem sie ihr ein Amt abnimmt, das ihr viel Mühe machte, und das sie dennoch nie recht zu verwalten verstanden hat. Die  wesentlichen Merkmale,  die in den Definitionen angegeben werden sollten, haben so Manchem schon vergebliches Kopfzerbrechen gekostet. Wie mancher hat sie sich nicht gequält, die wesentlichen Merkmale der Substanz, der Ursache, der Größe, des Grades usw. anzugeben, und am Ende gefunden, daß er nach allen seinen Grübeleien gerade so klug war, wie zuvor.

Es versteht sich von selbst, daß hier nicht die Rede von solchen Begriffen ist, die lediglich ein Werk des Verstandes sind, und auf kein Ebenbild in der Natur bezogen werden, wie die von Tugend, Laster, Mord, Diebstahl und dgl. (wiewohl es Begriffe dieser Art gibt, die gleichfalls nicht eigentlich definiert werden können, wie z. B. der Begriff  Recht wovon unten mehr) sondern von den eigentlich metaphysischen Begriffen, von welchen wir behaupten, daß sie durch diese dialektische Behandlungsart von Grund aus verdorben worden sind.

Es frägt sich nun: was soll durch eine Definition gesucht oder bewirkt werden? was kann sie leisten, was kann sie nicht leisten? Die Antwort ist: durchaus weiter nichts als eine Verdeutlichung eines Begriffs zum Zweck der Anerkennung eines Gegenstandes durch diesen Begriff (2). Fragt man, sagt LOCKE, was der Mensch ist, und mutet mir an, durch eine Definition das Wesen desselben anzugeben, so antworte ich: danach fragt seinen Schöpfer, aber nicht mich, der ich selbst Mensch bin. Will man aber nur ein Merkmal zur Unterscheidung haben, so ist es einerlei, ob man definiert: es ist ein Tier mit Vernunft oder: es ist das Geschöpf, welches lacht, oder durch das bekannte  animal bipes implume latis unguibus  [Tier auf zwei Beinen ohne Federn mit breiten Nägeln - wp]. Es kommt nur darauf an, welche von diesen Definitionen den, welchem sie gegeben wird, am leichtesten auf den Begriff führt, den er sucht. Da nun zu vermuten ist, daß dieses durch die Angabe des nächsten Geschlechts und des nächsten Unterschiedes am ehesten wird erreicht werden, so ist es gut, wenn man diese aufsucht, aber dabei kann die Absicht nicht sein, das Wesen des Subjekts anzugeben, welches ohne Zweifel schon verfehlt sein würde, sobald man es mit einem Wort bezeichnet. Denn sobald ein Wort als Zeichen angegeben wird, so werden wir in den Aktus des Anerkennens versetzt, und da haben wir dann gezeigt, daß beim Anerkennen weiter nichts geschieht, als die Vorstellung des Gegenstandes von allen anderen Vorstellungen abzusondern, wobei, gleichsam zugegebenermaßen, unausgemacht bleibt, was dieser Gegenstand selbst ist.

Demnach sind alle Definitionen dieser Art identische Sätze, und sagen weiter nichts aus, als das Ding ist, was es ist. Denn da die Definition als Prädikat schon im Begriff gedacht war, so haben wir durch Definition weiter nichts als einen Satz erhalten. Ein Satz aber hat in der Beschaffenheit unseres Vorstellungsvermögens seinen Grund, nach welcher wir alle Merkmale eines Begriffs nicht zu gleicher Zeit gleich lebhaft vorstellen können. Wollen wir nun die Merkmale des Begriffs alle vorstellen, so kann dies nur sukzessive geschehen und wir erhalten so viele Sätze, wie Merkmale da waren. Wenn wir nun von dieser Beschaffenheit unseres Vorstellungsvermögens absehen, und einmal die Möglichkeit annehmen, alle Merkmale eines Begriffs auf einmal gleich lebhaft vorzustellen, so würde kein Urteil stattfinden, also kein Satz, also keine Definition. So wie nun in diesem Fall der Begriff bleiben würde, wie er ist, so bleibt er es auch offenbar im anderen Fall, das heißt aber, durch Definitionen kann der Gegenstand eines (metaphysischen) Begriffs nimmermehr seiner Möglichkeit nach gezeigt werden.

Wollte man z. B. den Körper so definieren, als sei er ein aus auseinander seienden Teilen bestehendes Ganzes, wobei diese Teile untereinander einen Zusammenhang haben, so ist doch offenbar, daß wir durch diese Definition nicht klüger geworden sind. Wir sind nur durch verschiedene Akte des Anerkennens geführt worden, und befinden uns zuletzt an dem Punkt, von welchem wir ausgingen. Denn all die Merkmale, die in der Definition enthalten sind, sind wiederum Begriffe, also Wörter, also Mittel zum Anerkennen, also sind ihre Gegenstände uns bekannt. Die Begriffe des Auseinanderseins, des Zusammenhangs sind durchaus weiter nichts als Zeichen, und können selbst durch keine Definition, so vollkommen sie auch sein mag, deutlich gemacht werden. Denn man setzt den, dem die Definition gegeben wird, in einen Akt des Anerkennens, wodurch er nicht weiter gebracht wird. Man stelle sich nur deutlich vor, was das Anerkennen durch Begriffe eigentlich ist, so wird nichts klarer sein, als diese Behauptung. Allein es tritt hier der Fall ein, daß das, was erklärt werden soll, immer dunkler werden muß, je mehr man es zu verdeutlichen sucht. Wir bemühen uns, dem Leser eine neue Ansicht der Vorstellung durch Zeichen zu geben, halten ihn aber eben dadurch in der alten gewöhnlichen Vorstellungsart auf, und vereiteln uns auf diese Weise unsere eigene Absicht. Selbst der, welcher die richtige Absicht hat, verfällt, indem er se andern mitteilen will, plötzlich in die falsche Ansicht zurück, und muß von Zeit zu Zeit einhalten, um sich selbst wiederum zu orientieren.

Vielleicht wird man am ehesten in dieselbe geführt werden, wenn man das Verfahren der Definitionslustigen etwas näher betrachtet. Man sehe zum Ende den Satz noch einmal recht an, den wir eben anführten, und lasse sich von einem Dialektiker die Begriffe entwickeln, die darin vorkommen. Wir haben behauptet, daß, wenn wir eine Aussage tun, wie diese: "der Wind ist Ursache der Bewegung des Baumes, den ich sehe", alle die Begriffe, die darin vorkommen, durchaus keinen Aufschluß über die Natur der Gegenstände selbst geben, und bloße Zeichen für Etwas sind, das uns seinem Wesen nach völlig unbekannt ist. Bittet nun einen Definitionsphilosophen, etwa einen WOLFF, euch die Natur dieser Dinge kennen zu lehren, so wird er lehren, daß Bewegung, Veränderung des Orts und Ursache dasjenige ist, was den Grund von etwas Anderem in sich enthält. Nun ist dies aber gerade  das,  was man vorstellte, und was man erklärt haben wollte. Wenn man fragt, was Bewegung ist, und die Antwort erhält: sie ist eine Veränderung des Orts, so geht die Frage weiter fort: diese Bewegung, welche eine Veränderung des Ortes ist, was ist sie, diese Ursache, welche den Grund von etwas Anderem in sich enthält, was ist sie?

Vielleicht daß eine andere Vorstellung dieser Meinung es vollendet, den Leser ganz in diese Ansicht zu führen. Man denke sich, daß wir statt der Wortsprache eine Gebärdensprache hätten, und daß diese uns zumindest die Dienste leistet, welche die Wortsprache im gemeinen Leben zum Verkehr der Menschen untereinander leistet. Aber auch hier haben wir sogleich wieder einen Kampf mit dem Erbfeind der Wahrheit, der Gewohnheit, zu bestehen, welche uns glauben machen will, eine solche Sprache muß so trocken, tot oder freundenlos sein, daß sie, wenn sie auch die Wortsprache einigermaßen ersetzen könnte, sie dennoch schwerlich angenehm und dem Menschen so natürlich würde werden können, wie diese. In der Wortsprache glauben wir die Gedanken des Andern unmittelbar wahrzunehmen, sie in seiner Seele zu sehen, oder zumindest zu hören, da wir hingegen in der Gebärdensprache beständig geschäftig sein müssen, aus den kalten Zeichen erst durch ein langes Nachsinnen das Bezeichnete zu erschließen, welches eine kalte ermüdende Arbeit sein müßte. Diesen Irrtum hat die Gewohnheit zu fest in die Gemüter eingeprägt, als daß er so leicht herausgerissen werden könnte. Wir müssen deshalb statt aller Bestreitungen desselben das Beispiel eines dänischen Frauenzimmers anführen, der Tochter eines Besitzers einer Pflanzung in den dänischen Besitzungen in Westindien, welche die Gebärdensprache in einer Vollkommenheit redete, die sie den Mangel der Wortsprache nicht würde haben bedauern lassen. Da sie in ihrer Kindheit oft mit den Sklaven und Sklavinnen allein gelassen wurde, so hatte sie sich, in diesem zu Erfindungen dieser Art vorzüglich geschickten Alter, eine Gebärdensprache erfunden, um sich mit den Sklaven unterhalten zu können. Diese wurde ihr durch die Länge des Gebrauchs so lieb und natürlich, daß sie sie zu ihrer gewöhnlichen und zuletzt gar zu ihrer einzigen Sprache machte, und dahin gebracht wurde, die Wortsprache gerade so anzusehen, wie wir die Gebärdensprache. Zwar artikulierte sie ziemlich gut, lernte auch, ihrer Mutter zu gefallen, das  Vater unser  in dänischer Sprache zu beten, aber man konnte es nicht dahin bringen, daß sie sie gegen ihre Gebärdensprache hätte vertauschen mögen. Sie redet noch jetzt, im erwachsenen Alter und bei vollkommener Munterkeit des Geistes, nichts als diese Gebärdensprache mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, und, wenn man so sagen kann, mit einer Richtigkeit des Ausdrucks, der nichts zu wünschen übrig läßt. Dieses Beispiel mag genug sein, um die Möglichkeit einer vollkommenen Mitteilung der Gedanken durch eine andere Sprache als die Wortsprache gezeigt zu haben.

Wir wollen also den Fall setzen, ein Mensch, der nichts als diese Gebärdensprache versteht, drückt jeden Satz auf seine Weise durch Gebärden aus. Dies anzunehmen, hindert uns nichts, wohl aber könnte man zweifeln, ob es für uns möglich ist, ihm die Bedeutung einer Frage, wie dieser: "Was ist Ursache" verständlich zu machen. Da man aber doch zumindest nicht die Unmöglichkeit davon zeigen kann, so können wir immer annehmen, daß wir ihm die Frage vorlegten, und er sie beantwortete. Wie wird nun diese Antwort ausfallen? Ohne Zweifel auf diese Weise: er wird das Zeichen, das er für den Begriff der Ursache hat, wiederholen und zwar deutlicher, ausdrücklicher, langsamer, aber doch mit mehr Stärke, mit schärferen Zügen, und mit dem sichtbaren Bestreben, den Begriff so deutlich wie möglich vor unsere Seele zu stellen. Er möchte das Machen der Wirkung, wofür es der Nichtphilosoph hält, die eigentliche Ursächlichkeit uns so gern recht deutlich vor Augen stellen. Dies ist seine Definition des Begriffs "Ursache". Und wofür hält man nun diese Definition? gewiß nicht für eine Erklärung des Begriffs, sondern für den Begriff selbst, der uns nur lebhafter und nach seinen Zügen lebendiger ausgezeichnet, wieder gegeben ist. Er hat uns keinen deutlichen, sondern statt des matten symbolischen einen recht tüchtigen Begriff gegeben.

Dies nun, und nichts weiter, wird uns auch in jeder Definition des Begriffs  Ursache  gegeben, der durch Worte ausgedrückt ist. Die Definition führt denselben Begriff wieder vor, aber lebhafter und frischer. Erklärt ist nichts dadurch, und kann nichts dadurch werden; es ist nur ein neues Zeichen, das die Vorstellungskraft durch die Abwechslung belebt, und die geistige Lebenskraft, an den Reiz des längst bekannten Zeichens gewöhnt, durch das neue Zeichen, wie durch einen neuen Reiz erfrischt und in Regsamkeit setzt.

Obgleich nun diese Erörterungen keineswegs in der Absicht gemacht worden sind, um der bestrittenen Behauptung der kritischen Philosophie, daß synthetische Urteile  a priori  nicht aus Begriffen bewiesen werden können, zu Hilfe zu kommen: so werden sie doch dazu dienen, eine Ansicht der Vorstellung durch Begriffe zu geben und zu zeigen, daß es Begriffe gibt, die sich nicht begreifen lassen. Die Einseitigkeit des Empirikers und seine Halsstarrigkeit gegen den Kritizismus rührt vorzüglich daher, daß seine Seele in lauter Worte so eingeklemmt ist, daß sie nicht die geringste Bewegung machen kann, um eine neue Ansicht zu gewinnen. Es ist zu hoffen, daß, wenn es glückt, diese Palisaden zu durchbrechen, ihr Geist seine ursprüngliche Freiheit fühlen und sich üben wird, sie gebrauchen zu lernen.

Zwar haben die besten von ihnen selbst gefühlt, daß es mit Analysen und Zergliederungen in der Philosophie doch wohl nicht getan sein mag. Selbst LAMBERT, der, wenn es an ihm gelegen hätte, alles Philosophieren in ein Rechnen verwandelt haben würde, der die Begriffe in Faktoren zerlegt, und die Wahrheit gern wie eine Quadratwurzel hätte herausziehen mögen, sieht sich doch zuletzt gezwungen zu gestehen, daß man bei manchen abstrakten Begriffen damit nicht auskommt. Er klagt, daß es so schwer sei, ihre  partes integrantes  [zusammenhängende Bestandteile - wp] zu finden, daß sie mehr enthalten, als sich durch Worte erklären läßt, und daß man immer genötigt sei, sich mit Beispielen an die Hand gehen zu lassen. Ein merkwürdiges Geständnis. Hätten alle Empiriker mit dem Ernst und der Wahrheitsliebe geforscht, wie der treffliche LAMBERT, so würde ihnen dieses Geständnis am Ende auch abgerungen sein, und dann würden sie auch zu einer ruhigen und unparteiischen Prüfung des Kritizismus mehr geneigt befunden worden sein.

Der berühmte WOLFF ließ sich von all dem nichts einfallen. Froh und wohlgemut geht er in seiner Ontologie seinen geraden Gang durch lauter identische Sätze fort, und sagt mit der größten Wohlgefälligkeit, daß Substanz, Substanz, Ursache Ursache und Bewegung Bewegung ist. Man ist dabei in einer sonderbaren Bewegung zwischen zwei Empfindungen, nämlich zwischen der sympathetischen Teilnahme an einem sorgenfreien von keinem philosophischen Kummer gequälten Gemüt und dem Unwillen, den man darüber empfinden muß, daß er Untersuchungen, welche die großen Geister der griechischen Philosophen durch ihren bewundernswürdigen Scharfsinn zuerst auf die Bahn brachten, so leicht von der Hand schlägt, und die Urheber seiner Wissenschaften, ohne welchen er seine Metaphysik gewiß nicht würde haben schreiben können, nicht einmal zu kennen scheint.

Denn, mit einem Wort: die Skeptiker sind es, die die Metaphysik hervorgebracht haben, und obgleich alle Welt in dem Wahn steht, daß die Skeptiker die Leute seien, welche der Philosophie den Garaus zu machen trachten, so ist nichts desto weniger gerade das Umgekehrt wahr: daß die Skeptiker die Philosophie herbeigeführt haben, und daß man nie philosophiert haben würde, wenn man nie gezweifelt hätte. Wie sollte man wohl darauf gekommen sein, Begriffe zu untersuchen, die uns durchaus nicht verdächtig vorkommen können, da sie uns treulich durch unser ganzes Leben begleiten, und nie rätselhaft scheinen können, da sie so wenig mystisch sind, daß der gemeine Verstand in ihnen eigentlich zuhause zu sein scheint und sie ihm so bekannt sind, wie die Genossen, mit welchen er von Jugend auf bis in sein Alter gegangen ist. Der Frage: Was sind diese Gegenstände? mußte also erst die Behauptung vorangehen: diese Gegenstände  sind nicht.  Und woher diese Behauptung?: aus dem Zweifel, und dieser Zweifel?: aus der plötzlichen und unwillkürlichen Wahrnehmung eines Widerspruchs nicht in den Begriffen von diesen Gegenständen, sondern in den Gegenständen selbst. Die Meinung ist: man hat diese Begriffe nie in der Absicht untersucht, um gewiß zu sein, daß man sich auch nicht im Gebrauch derselben betrügt. Kein Philosophe hat je gesagt: ich, der ich ein Philosoph bin, darf mir nichts aufbinden lassen, und deshalb muß ich den Begriff der Substanz erst durchforschen, um mir selbst Rechenschaft davon abzulegen, und um ihn nicht so auf Treu und Glauben anzunehmen; sondern Leute, von einem vorzüglichen Scharfsinn fanden, ohne philosophieren zu wollen, einen Widerspruch in diesen Begriffen selbst, gerieten nun in Nachdenken, teilten ihre Zweifel andern mit, ließen sich gegen einander ausführlich aus, untersuchten gemeinschaftlich, und so kam es, daß diese Untersuchungen hin und wieder verbreitet wurden und in einen Zustand der Dauer gerieten. Andere zu diesen Untersuchungen aufgelegte Köpfe sahen ein, daß es irgendeinen Weg geben muß, den mit sich selbst entzweiten Verstand wieder mit sich zu vereinigen, auf diese Weise wurde aus diesen zufälligen Einfällen einiger außerordentlicher Köpfe eine Angelegenheit, und so entstand schließlich die Philosophie.

Wie sollte man sich auch nur irgendwie vorstellen, daß Metaphysik entstanden sein könnte? Kann man sich wohl vorstellen, daß irgendein Mensch, in der Absicht eine Metaphysik zu liefern, sich hingesetzt und über Raum, Zeit, Substanz usw. aus heiler Haut zu philosophieren angefangen hat? Wenn man die Undenkbarkeit davon eingesehen und im ARISTOTELES auch nur geblättert hat, so wird man ganz klar sehen, daß die Philosophie nach dem Zeugnis der Geschichte, auf diese Weise entstanden ist. Das eigentliche Wort für das Untersuchen metaphysischer Begriffe ist beim ARISTOTELES  aporein  [ratlos sein - wp], das heißt aber eigentlich: weder aus noch ein wissen. Wo wir z. B. sagen: Untersuchungen über Raum und Zeit, da sagen die Griechen:  Verlegenheiten  über Raum und Zeit (aporiai). ARISTOTELES selbst nimmt keine Untersuchung vor, als über Dinge, die bezweifelt worden sind, und erklärt dies mit einem Ausdruck, der ganz deutlich sagt, es sei ihm hier nicht mit Zweifel vorgearbeitet worden und also nichts für ihn zu tun.

So ist es gekommen, daß diese Begriffe in Untersuchungen genommen worden sind. Das große Ansehen, welches ARISTOTELES Schriften erhielten, in welchen diese Streitigkeiten aufbehalten sind, verhinderte, daß sie in Vergessenheit gerieten, und so entstanden durch äußere Veranlassungen Lehrbücher der Metaphysik, die diese metaphysischen Begriffe von einem Jahrhundert zum andern bis auf uns gebracht haben. Aber auf diesem langen Weg ist ihr Geist ziemlich verflogen. Die Metaphysik hat das sonderbarste Schicksal gehabt; ihre Urheber sind für ihre Todfeinde gehalten worden, die sie zerstören wollen. Die Lehrer der Metaphysik stellten trockene und unfruchtbare Definitionen der metaphysischen Begriffe auf, und bestritten dann entweder ganz ausführlich die skeptischen Einwendungen, welche größtenteils von BAYLE, der sie den griechischen Philosophen abgeborgt hatte, vorgebracht waren, gleich als seien sie böse Neckereien, die nicht gegen diese Begriffe selbst, sondern gegen ihr System, welches man aufzuführen, ihnen die Freude nicht gönnen will, gerichtet wären, oder erwähnten ihrer entweder nur beiläufig und spottweise, als verrückte Einfälle mutwilliger Spekulanten, welchem man weiter keine Aufmerksamkeit schuldig ist. Ist nicht selbst der eleatische ZENO, vielleicht der scharfsinnigste unter den griechischen Philosophen, von manchem grundgelehrten Unwissenden zu einem wahnwitzigen Träumer erklärt worden, von dem man ein warnendes Beispiel gegen den Mißbrauch der Spekulation hernehmen kann? Selbst diejenigen aufgeklärten Gelehrten, welche der Meinung sind, daß diese Philosophen gewisse augenscheinliche Wahrheiten wegbewiesen haben, um einen von ihnen angenommenen Lieblingssatz sicher aufstellen zu können, wie dies z. B. Herr SPALDING (in seiner Schrift  de Zenone)  von ZENO behauptet, der, um seine Theorie, daß alles nur Eins sei, zu begründen, zuerst das Zeugnis der Sinne habe für falsch erklären müssen, haben dennoch den richtigen Gesichtspunkt verfehlt. Diese Zweifel haben durchaus keine andere Veranlassung, als die scheinbare oder nach gewissen Voraussetzungen wirklich Unmöglichkeit gewisser Gegenstände selbst.

So haben es also die Urheber der Metaphysik nie auf Metaphysik angelegt, und diese Wissenschaft, Disziplin, oder wie man sie nennen will, ist ebenso gelegentlich und zufällig entstanden, und fortgebildet worden, wie viele Anstalten in der bürgerlichen Welt, die ihren Ursprung einem zufälligen Zusammentreffen von Umständen zu danken haben, welche von eifrigen Köpfen, die da sahen, was sich aus ihnen entwickeln ließ, aufgenommen, auf gewisse Verhältnisse hingeleitet und zur Erreichung wichtiger Zweck benutzt worden sind. Die Magnetnadel mußte erst ein Spielzeug der Kinder sein, ehe sie gebraucht werden konnte, Völker, die durch weite Meere voneinander getrennt sind, zu freundschaftlichen Verbindungen zusammenzubringen.

Die in unseren Tagen gewöhnliche Vorstellung des Skeptizismus ist ein großes Hindernis, diese Ansicht der Metaphysik zu gewinnen. Man kennt heutzutage kein anderes Zweifeln, als das Zweifeln an Behauptungen und Sätzen, und jeder, der eine paradox scheinende Behauptung, die das Resultat vielfacher und lange fortgesetzter Reflexionen ist, und nur von dem verstanden werden kann, der die ganze Gedankenreihe, die auf diese Behauptung führte, nachgehen kann, durch das Paradoxe erschreckt, heftig angreift, halsstarrig bestreitet, trotzig verwirft, und dabei nicht vergißt, pochend zu versichern, er, als Skeptiker werde sich dergleichen nicht weis machen lassen, hat genug getan, um förmlich als Skeptiker ausgerufen und gekrönt zu werden. Wie könnte man sich also wohl einbilden, daß der Skeptizismus der Philosophie vorangegangen sein soll, da man sich so sehr in der Vorstellung gefällt, daß der Skeptiker der durchtriebene grundgescheite Schalk sei, der seine Freude daran hat, die Philosophen mühselige Systeme aufbauen zu lassen, um sie mit einem Mal über den Haufen zu werfen? Der neueste Skeptizismus ist nichts anderes als eine philosophische Renommiererei.

In der Tat hat die Unwissenheit sich wohl nie teurer verkauft, als in diesem Skeptizismus. Es gelingt ihm alles. Hört ein solcher Philosoph einen PYRRHO oder ZENO lobpreisen, so braucht er nur auszurufen: ich bin ein Sohn von ihm, um sich mit der ganzen Erbschaft des Ruhms seines angeblichen Vaters ausgestattet zu sehen. Eigentlich hätte er aber weiter nichts verdient, als daß man ihm sagte, man sieht auch wohl, daß der alte Spruch wahr ist: Großer Männer Söhne schlagen selten ein (heroum filii noxae). Es ist gleichfalls bemerkenswert, daß sie gerade durch ihre wiederholten Versicherungen, es gäbe keine Philosophie, es dahin gebracht haben, für die einzigen Besitzer der wahren gehalten zu werden. Sie sind wie die unredlichen Kaufleute, welche durch einen Bankrott reich zu werden gedenken. (3)

Die Zweifel der alten Philosophen sind von ganz anderer Art. Sie gehen nicht auf Behauptungen anderer Philosophen, sondern geradezu auf das Dasein der Gegenstände selbst. Da diese Zweifel nun alle Metaphysik hervorgebracht haben, da die Metaphysik weiter nichts sein soll, als gelöster Zweifel, so sollten sie billig nicht allein allen bisherigen Lehrbüchern der Metaphysik vorangeschickt worden sein, sondern sie sollten auch, ehe man noch die Auflösung derselben durch die kritische Philosophie vorträgt, ausführlich abgehandelt und in ihrer ganzen Stärke dargestellt werden. Es ist offenbar, daß es demjenigen, der gar nicht philosophiert hat, nichts als ein leerer Ton sein muß, wenn man ihm sagt: die Voraussetzung, daß man Dinge ansich erkennen kann, führe auf Widersprüche, die aber samt und sonders wegfallen, wenn man annimmt, daß wir die Gegenstände nur so erkennen, wie sie uns erscheinen. Trägt man aber jene Zweifel in ihrer ganzen Stärke und nach ihrer ganzen Unwiderlegbarkeit vor, so kann es nicht fehlen, daß nicht in dem Hörer, der in Nachdenken verwandelt ist, die Vermutung rege wird, daß dabei in irgendeiner Voraussetzung gefehlt wird, weil diesen Begriffen durchaus eine Realität zukommen muß.

Was ist dann aber nun der Usprung dieses Zweifels, welchen wir als das Erzeugnis eines großen Scharfsinns gepriesen haben, doch wohl nicht die Bemerkung, daß es damit nichts zu bedeuten hat? Dieser Zweifel hat in der Vorstellung durch Zeichen seinen Grund, in der natürlichen Täuschung, die uns glauben macht, daß wir, wenn wir uns in die Handlungen des Anerkennens der Gegenstände versetzen, diese Gegenstände ihrem inneren Wesen nach, selbst vorstellen und zwar mit dem Denken in einem Wort. Der Geist muß eine ganze andere Tätigkeit beweisen, als die ist, welche er beim Denken zeigt, wenn er begreifen will, was ein Gegenstand ist.

Es würde hier zu weitläufig sein, all die Zweifel vorzutragen, welche aus dieser dialektischen Vorstellungsart folgen. Nur das eine oder andere Beispiel wollen wir zur Erörterung anführen.

Der Begriff der  Ausdehnung,  oder der Ausdehnung selbst, geht gänzlich verloren, wenn man in Worten einen genauen Ausdruck davon auffassen will. Durch das Denken unterscheiden wir Teile im Ganzen, und dieses ist, solange wir wörtlich vorstellen, untadelhaft. Aber wenn wir weiter gehen, und eine Erkenntnis daraus machen wollen, so geraten wir auf den Satz: das Ganze  besteht  aus Teilen, und mit dieser Behauptung in ein Labyrinth unauflöslicher Zweifel.

Denn erstens, da diese Teile wiederum Ganze sind, so geht die Frage wieder von vorn an und man muß zuletzt gestehen, daß es nur Ganze gibt. Haben aber diese Teile wiederum Teile, und teilt man diese Teils-Teile solange, bis man auf einen letzten Teil kommt, so ist es gleich unbegreiflich, man mag diesen Teil aus Teilen bestehen oder unteilbar sein lassen. Ist er unteilbar: so kann aus vielen Unteilbaren nichts Teilbares zusammengesetzt werden, ist er teilbar: so heißt das soviel wie: es gibt keine Teile, sondern lauter Ganze, welche also nicht aus Teilen bestehen können, welches der Voraussetzung widerspricht. Auch müßte dann, da die Teilbarkeit ins Unendliche gehen würde, ein Zoll [2,54 cm - wp] Materie ebensoviel Teile enthalten, als eine Elle [50 cm - wp] ins Gevierte [im Quadrat - wp], also beide gleich groß sind, oder es müßte ein Unendliches größer sein, als ein anderes Unendliches, welches sich widerspricht.

Aber selbst angenommen, daß ein Ganzes aus nebeneinander befindlichen Teilen besteht, so müßten sich diese Teile berühren. Berührung aber ist unmöglich. Denn ein Teil kann den andern nur an einer Seite und mit einer Fläche berühren. Die Seite eines Körpers, welche einen anderen Körper rechts berührt, kann ihren eigenen Körper nicht links berühren, also kann auch kein Körper zwei andere berühren. Es ist demnach widersprechend, daß ein Körper aus Teilen besteht, die sich berühren. Da dies nun die Ausdehnung machen soll, so ist Ausdehnung unmöglich.

Wir wollen zu allem Überfluß aber noch annehmen, die Körper berührten sich wirklich, worin wird dann diese Berührung bestehen? Ohne Zweifel darin, daß einige Teile des einen Körpers einige Teile des anderen Körpers durchdringen, dadurch würden aber die nun zur Berührung gelangenden Körper einander gleichfalls durchdringen. Also bestände die Ausdehnung in einer Durchdringung.

Auch Durchdringung ist nicht möglich, denn ein Körper durchdringt den anderen, würde heißen: er ist in dem Ort, in welchem ein anderer Körper ist.

So enthält auch die Bewegung einen Widerspruch. Denn ein Körper bewegt sich, heißt: er ist nicht in dem Ort, in welchem er ist (4).

So auch die Ursache. Denn da die Ursache nicht  nach  der Wirkung kommt, so ist sie  vor  ihr. Wenn sie ihr aber vorhergeht: so müßte die Wirkung sein, ehe sie ist.

Dies sind einige von den Widersprüchen, die aus der dialektischen Vorstellungsart dieser Begriffe notwendig folgen. Noch etwas anderes ist die  Unverständlichkeit  dieser Begriffe, wie Herr BECK es sehr gut genannt hat. So haben wir beim Begriff der Ausdehnung nur den Widerspruch in der Annahme einer Berührung der Teile gezeigt, welche die Ausdehnung ausmachen sollen, das Unverständliche dieses Begriffs ist aber im Begriffs des Zusammenhangs der Teile. Was heißt das? die Teile hängen zusammen? "Ein Teil ist mit dem andern in einer genauen Verbindung, man kann den einen Teil nicht bewegen, ohne den andern zu bewegen." Aber wie geht das zu? wie geschieht das? was hält die Teile zusammen? "Es ist eine gewisse Kraft, welche die Teile zusammenhält." Das heißt, dasjenige, was sie zusammenhält, ist Etwas, das sie zusammenhalten kann.

Die Unverständlichkeit des Begriffs  Ursache  besteht darin, daß man nie finden kann, was das ist, welches die Wirkung  macht.  Man stößt hier immer das Dasein einer Substanz, und kann niemals finden, was dasjenige im Dasein dieser Substanz ist, welches das Dasein einer anderen Substanz nach sich zieht. Denn glaubt man es gefunden zu haben, so ist es nichts, als die Täuschung, daß man dem Begriff, dessen Möglichkeit man sucht, die Vorstellung des Begriffes selbst, als schon möglich, unvermerkt unterschiebt.

Nun unternehme man es einmal, diese Widersprüche durch deutliche Begriffe zu lösen oder diese Unverständlichkeit durch schulgerechte Definitionen verständlich zu machen. Das Erste hat CROUSAZ in seiner Prüfung des Pyrrhonismus, Gott und der Wahrheit zu Ehren, tun zu müssen geglaubt, das andere unternahmen, vor KANT, Empiriker und Rationalisten aller Art, ja in unseren Tagen glaubt noch selbst mancher Kantianer, der Sache damit auf den Grund zu kommen. Man besehe einmal die Gründe, die CROUSAZ den Pyrrhonisten entgegenstellt. Die oberste Ursache äfftuns nicht, sagt der einfältige Mann. Zur Widerlegung tut er weiter nichts, als daß er die gewöhnliche Vorstellung der Sache noch einmal herbetet, und etwa, nachdem er eine Einwendung des SEXTUS oder BAYLE mit ihren eigenen Worten angeführt hat, ausruft: wie zweideutig sind nicht diese Reden!

Daß nun auch durch Definitionen, sie mögen mit Wörtern aus der kritischen Philosophie angefüllt sein oder nicht, nichts ausgerichtet wird, das leuchtet hoffentlich aus dem, was bisher über die Natur und den Gebrauch der Wörter gesagt ist, deutlich hervor. Die Wörter müßten ihre Natur ganz verändern, wenn sie jemals das Wesen eines Dings, daß  Substanz Ursache  etc. ist, angeben sollten. Das Wort  Zusammenhang  tut als Wort, alle die Dienste, welches jedes andere Wort oder alle anderen Wörter, die zu einer Definition zusammengestellt sind, je leisten können. Diese werden ebensowohl Zeichen für etwas Unbekanntes sein, wie dasjenige Zeichen, in dessen Stelle sie in der Definition treten sollen, und eine solche Definition würde nicht sowohl sagen, daß der Zusammenhang dieses oder jenes, sondern vielmehr, daß dieses oder jenes ein Zusammenhang ist. Das wäre dann aber weiter nichts, als die eitle Mühe, Wörter zusammenzusetzen, um, was sie bedeuten sollen, durch ein anderes zu erklären, welches dann aber gerade dasjenige ist, welches erklärt werden sollte.

So sind demnach alle Definitionen, die durch Worte ausgedrückt werden können, und zu deren Verständnis weiter nichts erforderlich ist, als das Verstehen der Wörter, die sie ausmachen, sämtlich  Nominaldefinitionen.  Man mag sagen: das Wasser ist diejenige Flüssigkeit, welche sich im Regen, in Bächen, Flüssen, Seen, Teichen und im Meer befindet oder das Wasser ist ein Körper, der aus den Grundstoffen der Lebensluft und der brennbaren Luft besteht, so ist das eine wie auch das andere eine Nominaldefinition. Die letztere würde von allen Logikern gewiß als eine Realdefinition ausgegeben werden. Aber ist denn das  Wesen  des Wassers dadurch angegeben? Wenn auf die Frage: was ist dieser Gegenstand? geantwortet wird: er besteht aus solchen Teilen, so muß man doch wohl voraussetzen, der Antwortende habe nicht geglaubt, daß wir uns mit jener Frage nach dem Wesen dieses Gegenstandes erkundigt haben. Es wäre ihm also die Wahl übrig geblieben, ob er jene Definition habe geben wollen oder diese: es ist ein tropfbarflüssiger geschmackloser Körper, der so und so vielmal schwerer ist als die Luft, was jedermann zu einer Nominaldefinition erklären wird.

Die Lehre von den Definitionen wird aber, um dies beiläufig zu sagen, in den Logiken zu oberflächlich behandelt, was die natürliche Folge davon ist, daß man an keine Theorie des Satzes denkt, und nicht den Versuch macht, die verschiedenen Arten der Sätze, bloß dialektisch betrachtet, zu unterscheiden. Urteil, Satz, Aussage, Aufgabe, Definition usw. sind noch bei weitem nicht gehörig bestimmt. Man hält bloße Sätze oft für Definitionen und umgekehrt, und in unserer vermeintlichen Realdefinition haben wir ein Beispiel davon.

Was ist nun aber das für ein Vermögen, welches alles erklären soll, was durch Worte nicht erklärt werden kann und welches uns zu Wahrheiten führt, die sonst ewig für uns verborgen sein müßten? Man mache sich keinen zu hohen Begriff von diesem Vermögen, und sehe es ja nicht als etwas Mystisches an, welches nur wenigen Begünstigten verliehen worden ist. Es ist vielmehr ein Vermögen, welches selbst der Unphilosoph gebraucht, ohne es zu wissen, und welches unglücklicherweise nur den meisten Philosophen von Profession zu fehlen scheint; es ist das  Abstraktionsvermögen. 

Freilich ist man gewohnt, sich unter diesem Namen, ich weiß nicht, welche Majestät zu denken, oder auch wohl eine gewisse Peinigung der Denkkraft, etwas aus sich herauszudrücken, oder ein Bestreben, Begriffe zu sublimieren, und sie von allem Körperlichen so zu läutern, bis sie als Schatten reiner Geister ins Reich des Übersinnlichen hinüber wandern können; allein diese Vorstellungen sind falsch. Man erhält einen Begriff von diesem Vermögen, welcher fürs Erste hinreichend ist, wenn man es nur als ein Erkenntnisvermögen ansieht, welches dem symbolischen entgegengesetzt ist, und also Anschauungen liefern muß, welche aber nicht von der Art sein können, wie diejenigen sein müßten, welche gewöhnlich unmittelbare genannt und der Vorstellung durch Zeichen entgegengesetzt werden.

Man findet in KIESEWETTERs Logik das Abstraktionsvermögen das Vermögen genannt, eine Vorstellung  nicht  zu haben. Vortrefflich! Beim Abstrahieren, heißt es ferner, verdunkeln wir willkürlich gewisse Vorstellungen und teilen anderen eine umso größere Klarheit mit. Gleichfalls sehr richtig. Aber wenn es heißt, daß wir beim Abstrahieren gewisse Merkmale im Bewußtsein fallen lassen, so muß man doch fragen: wodurch dieser Niederschlag bewirkt wird? und was hinzutreten muß, um diese Merkmale von ihrer vorigen Verbindung abzulösen.

Denn wir können uns nicht denken, daß wir schlechthin eine Vorstellung sollten vernichten und gleichsam ihre Stelle leer lassen können. Dies führte uns auf ein negatives Vermögen, wobei sich nichts denken läßt. Man wird also sagen müssen: das Abstraktionsvermögen ist ein Vermögen, eine gewisse Vorstellung  nicht  zu haben und an ihrer Stelle willkürlich  eine andere  zu setzen.

Zwar scheint es, als sei dadurch, daß man sagt, einige Vorstellungen würdem beim Abstrahieren verdunkelt und andere  dagegen  desto lebhafter gedacht, schon darauf Rücksicht genommen, daß andere Vorstellungen an die Stelle der vorigen treten müssen. Allein da bleiben wir bei ein und demselben Begriff stehen, welchen das Abstraktionsvermögen behandeln soll, statt daß wir behaupten, das Abstraktionsvermögen sei nichts anderes als das Vermögen, den alten Begriff gleichsam beiseite zu schieben, sich von der symbolischen Vorstellung, die er uns aufdrängt, selbsttätig loszumachen und ihn entweder mit anderen Bestimmungen oder von einer anderen Seite und in einem anderen Licht anzuschauen.

Denn wir können auf keine Weise eingestehen, daß die allgemeinen Begriffe durch Abstraktion entstanden sind, für welche Behauptung die angeführte Definition des Abstraktionsvermögens gemacht zu sein scheint. Zwar könnten wir dies das niedere Abstraktionsvermögen nennen, so wie die Scholastiker  abstracta impura  einführten, und dasjenige, wovon hier eigentlich die Rede ist, das höhere, oder das Abstraktionsvermögen im eigentlichen oder engeren Sinn; allein dergleichen Ausflüchte dienen zu nichts, und die Metaphern von hoch und niedrig sind zwar in der Tonkunst erträglich, aber in die Philosophie müssen sie nicht aufgenommen werden, zumals sie zu Nebenvorstellungen Anlaß geben, welche vorzüglich in der Philosophie vermieden werden sollten.

Die allgemeinen Begriffe können nicht durch Abstraktion entstanden sein, wiewohl LOCKE selbst, auf dessen gesundes Auge man sich in dergleichen Untersuchungen so ziemlich verlassen kann, dergleichen gesehen haben will. Er stellt diese Entstehung so vor, wie sie mehrere Logiker nach ihm wiederholt haben, daß man nämlich zuerst durch das Auffassen desjenigen, was mehreren Individuen gemein ist, und das Weglassen desjenigen, was an ihnen verschieden ist, den Begriff der Art gebildet, dann aus der Ähnlichkeit der Arten auf eben die Weise, den Begriff der Gattung usw. Allein hiergegen hat LEIBNIZ sehr richtig angemerkt, daß man nicht von Individuen die Bezeichnung anfange, sondern daß die Bezeichnung ihrer Natur nach, sogleich und ursprünglich, auf die  Ähnlichkeit  treffen muß. Die Eigennamen sind nicht die ersten, welche erfunden wurden, sondern sie sind vielmehr ehemalige Gattungsnamen, welche, sozusagen, an Individuen hängen geblieben sind. Die Bezeichnung fällt also, sich überlassen, von selbst auf das Allgemeine, und wir sind also, schon durch diese Bemerkung, der saueren und doch unfruchtbaren Mühe enthoben, die Art ausfindig zu machen, wie der Verstand aus dem Einzelnen das Allgemeine herausgebracht haben mag.

Die Hauptschwierigkeit, welche die Vorstellung der allgemeinen Begriffe durch Abstraktion drückt, und welche vorzüglich Ursache ist, daß wir uns weigern, ihr beizutreten, ist die Unmöglichkeit, einen Grund zu finden, der das Abstraktionsvermögen bestimmt hätte, vielmehr dieses Merkmal als eins der anderen auszuheben. Wenn man sagt, daß durch einen Vergleich der beiden Vorstellungen Mann und Weib durch eine Weglassung desjenigen, worin sie sich unterscheiden, durch ein Absondern und Zusammenfassen dessen, was ihnen gemein ist, der Begriff  Mensch  entstanden ist, ferner durch Vergleich dieses Begriffs mit dem der animalischen vernunftlosen Wesen, der Begriff  Tier  gebildet ist: so sieht man nicht ein, was das Abstraktionsvermögen vermocht hat, diese Merkmale zu verlassen, um jene anzunehmen. Hingegen wird alles klar, wenn man annimmt, daß das Allgemeine zuerst dagewesen ist und daß man durch eine nähere Bestimmung des Allgemeinen zum Einzelnen heruntergestiegen ist. Da wir ferner das Einzelne nie so genau zu bestimmen vermögen, daß wir sicher sein könnten, alle Merkmale desselben aufgefaßt zu haben, um es von jedem anderen Einzelwesen genau und zu allen Zeiten unterscheiden zu können, so fällt nach unserer Vorstellung der Sache auch die Schwierigkeit weg, welche sich aus diesem Umstand gegen das Aufsteigen vom Einzelnen zum Allgemeinen hervortun würde. Denn das Einzelne, sagt LEIBNIZ, schließt eine Unendlichkeit in sich. Wenn man also aus dem Einzelnen das Allgemeine sollte entwickelt haben: so müßte uns dieses Einzelne durchaus und nach allen seinen Teilen bekannt gewesen sein, was aber unmöglich ist. Hingegen ist es nach der entgegengesetzten Vorstellungsart ganz natürlich, das Einzelne zu bezeichnen, da es dann weiter nichts ist, als eine mehr oder weniger genaue Bestimmung des Allgemeinen, welches durch neue Bestimmung immerfort noch mehr eingeschränkt werden kann.

Gewiß würde auch, wenn die allgemeinen Begriffe so regelmäßig gebildet worden wären, in der Sprache selbst weniger Unvollkommenheit sein, und es würde nicht so schwer werden zu bestimmen, was zu einem gewissen Begriff gehört und nicht gehört. Allein das Übertragen nach Ähnlichkeiten läßt nichts anderes erwarten, als was wir in der Sprache wirklich finden, dieses Schwanken nämlich und diese Ungewißheit der Begriffe. Man trug das Zeichen für einen Gegenstand (oder vielmehr für die Vorstellung von ihm) auf einen anderen über, der ihm in irgendeinem Stück ähnlich war, und von diesem zweiten Gegenstand auf einen dritten, der diesem zweiten zwar ähnlich, aber doch von einer ganz anderen Seite ähnlich war, als von welchem der zweite es dem ersten gewesen war, und so kamen ganz verschiedene Dinge unter  einen  Begriff.

Sollte wohl, um noch ein Beispiel anzuführen, der Begriff  Metall  so gebildet sein, daß man aus den Begriffen von Gold, Silber etc. die verschiedene Farbe, Schwere und andere Merkmale weglassen, hingegen die gemeinsamen der Dehnbarkeit, Härte, Feuerbeständigkeit, des vorzüglichen Glanzes zusammengefaßt, und den allgemeineren Begriff "Metall" gebildet hat? Man weiß, was dieses Wort bedeutet; gewiß keine Verbindung jener Eigenschaften in einer Substanz, sondern schlechthin etwas, was aus den Tiefen der Erde durch Menschenhände und Menschenarbeit hervorgeholt worden ist. Man könnte also auch Steinkohlen oder das Salz aus den gallizischen Salzwerken ebensogut  Metall  nennen. Allein der Zufall wollte, daß dieses Wort nur auf diejenigen Körper, die wir jetzt so nennen, übertragen wurde, und so haben wir ein Beispiel, daß Begriffe, die unter einem gewissen höheren Begriff hätten stehen sollen, darunter ausgeschlossen worden sind. So bedeutet auch das Wort  Eiche  ursprünglich ein Gewächs, und man könnte die  Buche,  die  Tanne  usw. mit Fug und Recht "Eiche" nennen. Da aber der Baum dieses Namens das Vorzüglichste aus dem Pflanzenreich in Deutschland war, so wurde dieser Name ihm eigentümlich und nun zeigen die Logiker, wie aus der Vergleichung der Begriffe Eiche, Buche, Tann, der Begriff  Baum  und schließlich der Begriff  Pflanze  entstanden ist.
LITERATUR - Wilhelm Mackensen, Grundzüge einer Theorie des Abstraktionsvermögens, Halle a. d. Saale 1799
    Anmerkungen
    1) Genialität ist der Charakter von LEIBNIZ' Philosophie. Er schien die Schwierigkeiten nur deshalb zu lieben, weil sie ihm eine Veranlassung zu geistvollen Einfällen gaben. Er würde ein vollkommener Skeptiker geworden sein, wenn ihm sein feuriger Geist einen so kalten Zustand, als der des Skeptikers ist, nicht hätte müssen unerträglich finden lassen. Es scheint, als sei es zu klein für ihn gewesen, sich mit Forschung nach Wahrheit zu peinigen, er machte vielmehr ein großes Gedankenspiel daraus, welches aber doch, durch die Überlegenheit über alle Spekulation, etwas Erhabenes hat. Seine prästabilierte [vorgefertigte - wp] Harmonie, ein ungeheuer witziger Gedanke, trägt dieses Gepräge am deutlichsten an sich. Es ist kaum zu glauben, daß es ihm Ernst damit gewesen ist, auch spricht er an anderen Orten ganz nach der gewöhnlichen Vorstellungsart, und scheint sie ganz vergessen zu haben, gleich als ob der Scherz nicht überall gut angebracht ist. Ohne DESCARTES würde er aber wohl schwerlich darauf gekommen sein. Es ist auch möglich, daß, wie TIEDEMANN vermutet, ein sonst wenig bekannter Kartesianer ihm eine noch nähere Veranlassung dazu gegeben hat. Es war LEIBNIZ' Sache, mit Wenigem Alles zu machen. Hierin zeigt sich eben sein Genie; nicht jedermann versteht, Karthago auf eine Kuhhaut zu bauen. Wie man aber darauf kommen konnte, die LEIBNIZsche Philosophie gegen die kritische in allem Ernst durchsetzen zu wollen, das wäre unbegreiflich, wenn man nicht einsehen würde, daß LEIBNIZ gerade der Mann danach war, seinen Leuten etwas in den Kopf zu setzen. Der gute HANSCH, welchen LEIBNIZ beim Kaffeetrinken versicherte, es könne gar leicht möglich sein, daß er eine ganze Welt künftig vernünftiger Wesen mit hinunterschlürfen wird, mag an diesem Gedanken wohl sein ganzes Leben hindurch genug zu tragen gehabt haben. Nimmt man zu all dem noch die Falschheit, eine  Theodicee  zu schreiben: so muß man gestehen, daß, ein so großer und umfassender Geist LEIBNIZ auch immer war, und so unendlich lehrreich seine Schriften auch sind, man doch nicht das Zutrauen zu ihm fassen kann, welches man zu einem Schriftsteller haben muß, von welchem man etwas zu lernen gedenkt.
    2) Wir lassen uns hier noch nicht auf den Unterschied unter Definition, Erörterung, Beschreibung, wie KANT ihn angibt, ein, denn wir haben hier noch mit denen zu tun, welche kein anderes Denken kennen, als das durch Begriffe und für diese wollen wir dartun, daß gewisse Gegenstände durch keine Begriffe, weder in Definitionen, noch Erörterungen usw. erklärt werden können.
    3) Ein gewisser moderner Skeptiker nennt sein gegen die kritische Philosophie gerichtetes Buch eine Verteidigung des Skeptizismus, gegen die Anmaßungen der Vernunftkritik. Sonderbar! Wenn man Fragen aufwirft, so erwartet man doch wohl Antworten. Verteidigt man sich dann gegen Antworten, die man selbst verlangt hatte? ist es wohl eine Anmaßung, Fragen zu beantworten? Eben dieser Schriftsteller sagt vom Skeptizismus: obgleich er behauptet, daß die Wahrheit nicht aufgefunden wurde, so gebe er doch nicht die Hoffnung auf, daß sie einmal aufgefunden werden kann, vielmehr macht diese Hoffnung ein wesentliches Merkmal des Skeptizismus aus, - behauptet aber einige Seiten nachher: der Skeptizismus wisse, daß die Wahrheit nicht gefunden wurde und nicht gefunden werden kann. - Das heißt dann, mit einem Rezensentenscharwenzel, "eine neue Ansicht des Skeptizismus, bei welcher die Philosophie nicht anders als gewinnen kann." - - - Aller Skeptizismus ist entweder metaphysisch oder psychologisch oder kritisch. Derjenige, von welchem oben die Rede gewesen ist, ist der metaphysische. In ihm besteht die Spekulation (aporia); wird er widerlegt, so hört die Spekulation auf, und die Philosophie tritt ein. Allein man kann es nicht eigentlich Widerlegung nennen, wenn die Zweifel, die er aufstellt, gehoben worden sind. Widerlegung geht nur auf einen Irrtum oder auf die Falschheit der Sätze, und wenn man jemanden widerlegt, so zeigt man ihm, daß er besser getan haben würde, zu schweigen. So ist es aber nicht mit dem Skeptizismus. Man muß ihm für seine Zweifel Dank wissen, weil sie zur Wahrheit geführt haben. Er ist selbst eine Widerlegung, indem er eine  deductio ad absurdum  gegen die Dogmatiker enthält und es verhindert uns nichts, den Skeptiker und den Kritiker in  einer  Person zu denken. Solange KANT zeigt, daß die gewöhnliche Vorstellung des Raumes etwas Unverständliches enthält, ist er Skeptiker, gibt er aber die transzendentale Erörterung derselben, so ist er Kritiker. Der Skeptizismus kann daher nur verständigt werden. Ganz anders ist es mit dem psychologischen Skeptizismus. Er ist die Beobachtung seiner selbst in den verschiedenen Zuständen. Indem er entdeckt, daß äußere Umstände, körperliches Befinden, eine veränderte Lebensweise, ein veränderter Umgang, Erziehung, Gewohnheit und dgl. einen so großen Einfluß auf unsere Meinungen und Überzeugungen haben, wird ihm die Beständigkeit einer Überzeugung, die die Vernunft soll geben können, verdächtig, und er hat daher den Wahlspruch: das menschliche Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding, wer mag es ergründen. Ein Skeptiker dieser Art enthält sich allen Urteilens, indem er seinem eigenen Zustand mißtraut. Dieser Skeptizismus entspringt oft aus einer tiefen Kenntnis der menschlichen Natur, und führt nicht nur zur Gleichmütigkeit, sondern auch zur Gleichgültigkeit, welche nichts auf der Welt weder hochschätzt noch verachtet. Die Franzosen pflegen, wenn sie lange in der großen Welt gelebt haben, in ihren männlichen Jahren in diesen Skeptizismus zu verfallen (Man denke an CHAMPFORD, VERGNIAUD etc.). Der kritische Skeptizismus entdeckt, daß wir uns in unseren Urteilen durch Verhältnisse, Ähnlichkeit und Kontrast, leiten lassen, daß die Überzeugung, die sie mit sich führen, ihren Grund, die dadurch entstehen, leer sind. So verfuhr  Hume  mit dem Begriff des Rechts, der Wahrscheinlichkeit u. a. Daß wir diese Art zu philosophieren, Skeptizismus nennen, geschieht nur im Hinblick auf die Folgen, die sie haben kann. Es ist eine Eigentümlichkeit des Skeptizismus überhaupt, daß er nur, wenn er mitgeteilt wird, Schaden stiftet, in dem Kopf aber, in welchem er entspringt, keine Unordnung zuwege bringt. Es ist gewiß eine höchst unschuldige Behauptung, daß der Betende, indem er seine Augen zum Himmel richtet, Gott nicht näher hat, daß unser Antipode in diesem Fall das Entgegengesetzte und doch dasselbe tut, und daß die Meinung, Gott müsse in der Höhe wohnen, eine Täuschung ist, deren Entstehung man vollkommen erklären kann. Wird aber diese Bemerkung einem Menschen, der dergleichen Reflexionen nie gemacht hat, mitgeteilt: so wird sie ihn, zumindest anfänglich, in eine Verwirrung setzen, die schlimme Folgen haben kann. Ebenso können die Bemerkungen: daß die Dankbarkeit gegen einen Wohltäter sich auch auf seine Kinder erstreckt, nicht aber so leicht auf seine Eltern übergeht; daß ein mit einem Großen geschlossener Vertrag für heiliger gehalten wird, als der mit einem Geringeren eingegangene, bei einem des Nachdenkens Ungewohnten Bedenklichkeiten erwecken, die er für Skeptizismus hält. Diese kritische Art zu philosophieren, muß demnach alle Untersuchungen begleiten, in welchen etwas ausgemacht werden soll, und der Mangel dieses kritischen Geistes ist dasjenige, was die Philosophie grüblerisch macht.
    4) Aber hat ARISTOTELES, könnte man einwenden, nicht jene Zweifel schon gehoben, und ARISTOTELES war doch kein kritischer Philosoph. Allerdings hat ARISTOTELES jene Zweifel so gut wie widerlegt, wie sie sich durch Begriffe nur widerlegen lassen. Die Zeit besteht nicht aus Augenblicken, sagt er, das Ende des Augenblicks ist der Anfang eines andern. Richtig genug; allein diese Augenblicke folgen doch aufeinander, zu einer Aufeinanderfolge gehört Zeit, also ist Zeit für Zeit erforderlich. Worin geht dann nun die Folge eigentlich vor sich? In der Zeit? Die Zeit besteht ja aber nach ARISTOTELES in der Aufeinanderfolge. Er wird also zuletzt genötigt sein, seine Erklärung zu verwerfen, und dadurch werden die Einwürfe der Gegner ihre ganze Stärke wieder erhalten. Man wird sich also nie rühmen können, jene Einwürfe befriedigend widerlegt zu haben, wenn man nicht gezeigt haben wird, was denn eigentlich dasjenige ist, worin die Zeit, die alles enthält, selbst enthalten ist. Die Zeit setzt etwas voraus, das nicht Zeit ist, was kann das aber sein, was für ein Etwas muß das sein? Würde nun jemand verlangen, daß man ihm einen Begriff davon verschaffen soll, so hieße das weiter nichts, als daß man ihm dieses Unbekannte nur nennen möge, damit er erfahre, was es für eins von ihm schon bekannten Dingen ist, welches er in dieser neuen Eigenschaft kennenlernen soll. Auf diese Weise würde nun aber jene Aufgabe weiter nichts als die Frage eines Rätsels sein, nicht aber ein Problem, welches schon, so wie es abgefaßt ist, vermuten läßt, daß die Auflösung desselben von den wichtigsten Folgen sein, und eine ganz neue Ansicht gewähren wird. Es ist also in dieser Untersuchung nichts mit Begriffen auszurichten, wiewohl sie, wenn sie vollendet ist, in Begriffe wird gekleidet werden müssen. - - - In Bezug auf die angehängte Abhandlung über das ursprüngliche Vorstellen bemerken wir hier an, wie wichtig es für den Vortrag der kritischen Philosophie ist, die Sinnlichkeit zuerst isoliert zu betrachten, und sie nicht zu früh mit dem Verstand zu verbinden.