ra-4
Gegen Bescheidwissen
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno

  Zu den Lehren der Hitlerzeit gehört die von der Dummheit des Gescheitseins. Aus wievielen sachverständigen Gründen haben ihm die Juden noch die Chancen des Aufstiegs bestritten, als dieser so klar war wie der Tag. Mir ist ein Gespräch in Erinnerung, in welchem ein Nationalökonom aus den Interessen der bayrischen Bierbrauer die Unmöglichkeit der Uniformierung Deutschlands bewies. Dann sollte nach den Gescheiten der Faschismus im Westen unmöglich sein. Die Gescheiten haben es den Barbaren überall leicht gemacht, weil sie so dumm sind. Es sind die orientierten, weitblickenden Urteile, die auf Statistik und Erfahrung beruhenden Prognosen, die Feststellungen, die damit beginnen "Schließlich muß ich mich hier auskennen", es sind die abschließenden und soliden  statements, die unwahr sind.

HITLER war gegen den Geist und widermenschlich. Es gibt aber auch einen Geist, der widermenschlich ist: sein Merkmal ist wohlorientierte Überlegenheit.

Zusatz

Daß Gescheitsein zur Dummheit wird, liegt in der historischen Tendenz. Das Vernünftige, in dem Sinn, der noch CHAMBERLAIN leitete, als er zur Zeit von Godesberg HITLERs Forderungen  unsreasonable nannte, besagt soviel, wie daß eine Äquivalenz von Geben und Nehmen innegehalten werden soll. Eine solche Vernunft ist am Tausch gebildet. Zwecke soll man nur vermittelt, gewissermaßen über den Markt erreichen, vermöge des kleinen Vorteils, den die Macht unter Anerkennung der Spielregel Konzession gegen Konzession herauszuschlagen vermag. Das Gescheitsein wird hinfällig, sobald die Macht der Spielregel nicht mehr gehorcht und zur unmittelbaren Aneignung schreitet. Das Medium der bürgerlich traditionellen Intelligenz, die Diskussion, zergeht. Schon die Individuen können sich nicht mehr unterhalten und wissen es: darum haben sie das Spiel zu einer ernsten und verantwortlichen Institution gemacht, die alle Kräfte verlangt, so daß es weder mehr zum Gespräch kommt noch das Verstummen erfahren wird. Im Großen vollends geht es nicht anders zu. Dem Faschisten läßt sich nicht gut zureden. Wenn der andere das Wort ergreift, empfindet er es als unverschämte Unterbrechung. Er ist der Vernunft unzugänglich, weil er sie bloß im Nachgeben der anderen erblickt.

Der Widerspruch von der Dummheit des Gescheitseins ist notwendig. Denn die bürgerliche Ratio muß Universalität betreiben und sich zugleich zu deren Beschränkung entfalten. Wie im Tausch jeder das Seine bekommt und doch das soziale Unrecht sich dabei ergibt, so ist auch die Reflexionsform der Tauschwirtschaft, die herrschende Vernunft, gerecht, allgemein und doch partikularistisch, das Instrument des Privilegs in der Gleichheit. Ihr präsentiert der Faschist die Rechnung. Er vertritt offen das Partikulare und enthüllt damit die Ratio, die zu Unrecht auf ihre Allgemeinheit pocht, als selber begrenzt. Daß dann mit einem Mal die Gescheiten die Dummen sind, überführt die Vernunft ihrer eigenen Unvernunft.

Aber auch der Faschist laboriert an diesem Widerspruch. Denn die bürgerliche Vernunft ist in der Tat nicht bloß partikular, sondern auch allgemein, und ihre Allgemeinheit ereilt den Faschismus, indem er sie verleugnet. Die in Deutschland zur Macht kamen, waren gescheiter als die Liberalen und dümmer. Der Fortschritt zur neuen Ordnung wurde weithin von denen getragen, deren Bewußtsein beim Fortschritt nicht mitkam, von Bankrotteuren, Sektierern, Narren. Gegen das Fehlermachen sind sie gefeit, solange ihre Macht jegliche Konkurrenz verhindert. In der Konkurrenz der Staaten aber sind die Faschisten nicht nur ebenso fähig, Fehler zu machen, sondern treiben mit Eigenschaften wie Kurzsichtigkeit, Verbohrtheit, Unkenntnis der ökonomischen Kräfte, vor allem aber durch die Unfähigkeit, das Negative zu sehen und in die Einschätzung der Gesamtlage aufzunehmen, auch subjektiv zur Katastrophe, die sie im Innersten stets erwartet haben.


LITERATUR, Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, New York 1944