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JOSEF CLEMENS KREIBIG
Psychologische Grundlegung
eines Systems der Werttheorie

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"Nach unserer Überzeugung ergibt sich im Sinne des allen Wertgebieten gemeinsamen Fundamentes als empirisch höchstes, d. h. wertvollstes Gut schlechthin  die möglichst reiche Entfaltung und Betätigung der geistigen und leiblichen Kräfte des Menschen.  Im höchsten Gut liegt das Maximum der Wertverwirklichung beschlossen. Wir glauben in der Behauptung nicht fehlzugehen, daß unser Standpunkt aus der dem deutschen Geist eigentümlichen Lebensauffassung mit Notwendigkeit fließt. Die weltfremde Gemütsruhe des antiken Weisen, die asketische Willenlosigkeit des Yogi, die mystische Ekstase des Neuplatonikers verblassen - neben dem Daseinszweck harmonischen und machtvollen Tuns - zu Idealen eines ermüdeten Gefühls- und Willenslebens."

1. Teil
Einleitung und Vorblick
auf die Werterscheinungen

[Fortsetzung]

6. Wir haben bereits die Tatsache gestreift, daß gewisse Inhalte direkt die zugeordneten Wertgefühle auslösen und der Beachtung zuführen, während bei anderen Erlebnissen das beachtete Wertgefühl an den Ablauf eines längeren oder kürzeren Assoziationsvorgangs gebunden eintritt. Im ersteren Fall sprechen wir von  Eigenwerten,  im letzteren von  Wirkungswerten.(1) Eigenwert haben alle Empfindungs- und Denkinhalte mit unmittelbarer Gefühlsbedeutung, sofern die Analyse ergibt, daß diese Gefühlsbedeutung nicht erst durch gedachte oder wenigstens ursprünglich gedacht gewesene assoziative Zwischenglieder vermittelt sei, z. B. eine gehörte Harmonie, die Vorstellung eines Dolchstiches, die Tätigkeit des echten Wohltäters und schaffenden Künstlers. - Inhalte mit einer Gefühlsbedeutung, welche von der assoziativen Verknüpfung mit einem anderen Inhalt herrührt - also Inhalte mit Wirkungswert - sind beispielsweise die Tugenden des Fleißes und der Ordnungsliebe, Werkzeuge und Maschinen, nützliche Bücher, die Rechtsordnung usw. Daß begrifflich der Bereich der Wirkungswerte außerordentlich größeren Umfang als jener der Eigenwerte besitzt, bedarf wohl keiner Beweisführung.

Der volkstümliche Sprachgebrauch ist geneigt, viele Inhalte, welche nach unserer strengen Definition bloß Wirkungswert haben, als eigenwerte zu bezeichnen. Die Wissenschaft, der Friede, die Dichtkunst, oft auch der Reichtum gelten vielen Menschen als  um ihrer selbst willen  wert. Wie freigiebig so manche Ethiker mit  Werten ansich  sind, ist allbekannt. Es handelt sich hierbei offenkundig um Inhalte, welche durch Assoziation von nur wenigen Gliedern mit eigenwerten Inhalten verknüpft sind und den letzteren daher relativ nahestehen, wobei die Voraussetzung besteht, daß die beteiligten Werturteile gewiß sind.

Die Neigung zur unberechtigten Zuerkennung von Eigenwert wird durch den Umstand gefördert, daß im Sinne des Gesetzes der psychischen Verkürzung die häufig vollzogenen Assoziationen durch Ausfall von ursprünglich diskret vorgestellten MIttelgliedern alsbald stark vereinfacht und beschleunigt ablaufen. Wir die assoziative Vermittlung zwischen einem Wirkungswert und dem dazugehörigen Eigenwert unbewußt, so sprechen wir von  vollendeter Wertübertragung oder Wertverschiebung.  Der Wirkungswert gilt dann für das naive Bewußtsein als Eigenwert und es bedarf der wissenschaftlichen Analyse, um die verblaßten Beziehungen wieder zu erkennen. Die im täglichen Leben am häufigsten auftretenden Werte gründen sich auf unvollendete Wertverschiebungen. Die nähere Ausführung dieser Anschauungen sei späteren Abschnitten vorbehalten.

7. Wertdefinition.  Die Induktion aus unserer bisherigen Beschreibung der Werterscheiungen führt zu folgender Definition:
    Unter Wert im allgemeinen verstehen wir die Bedeutung, welche ein Empfindungs- oder Denkinhalt vermöge des mit ihm unmittelbar oder assoziativ verbundenen aktuellen oder dispositionellen Gefühls für ein Subjekt hat. 
Der positive Wert entspricht der verbundenen Lustqualität, der negative der verbundenen Unlustqualität; das unmittelbare Verbundensein konstituiert den Eigenwert, das assoziative den Wirkungswert. Wir unterscheiden ferner den aktuellen Wert vermöge aktueller Gefühle und den dispositionellen Wert vermöge dispositioneller Gefühle.

Es wird eine wichtige Aufgabe unserer nachfolgenden Untersuchungen sein zu zeigen, daß die Lustreaktion psychologisch an eine Weckung oder Förderung der psychischen Tätigkeit des Subjekts, die Unlustreaktion an eine Unterdrückung oder Hemmung dieser Aktivität im ganzen geknüpft sei.

Wenn wir vom Werten (verbum), Wertschätzen oder Werthalten sprechen, so verstehen wir den oben geschilderten psychischen Akt des Zumessens von positiver oder negativer Bedeutung, welcher Akt von der Denkseite her gesehen ein Werturteilen, von der Willensseite ein Wollen zu nennen ist.

An dieser Stelle unserer Untersuchung obliegt uns ein kurzer Bericht über die Werttheorien von MEINONGs und von EHRENFELS.

MEINONG war unseres Wissens der erste, der eine deskriptive Psychologie des Wertphänomens geliefert und die Tragweite der hier auftauchenden Probleme gewürdigt hat. Seine Untersuchungen zur Werttheorie sind eine Fundgrube von Anregungen, insbesondere für die verwickelten Fragen des Verhältnisses von Wertgefühl und Urteil. Die Wertdefinition, zu welcher MEINONG nach sorgfältiger Analyse gelangt, lautet: "Ein Gegenstand hat Wert, sofern er die Fähigkeit hat, für den ausreichend Orientierten, falls dieser normal veranlagt ist, die tatsächliche Grundlage für ein Wertgefühl abzugeben." (2) Daß diese Definition mit unserer Bestimmung des üblichen Sinnes von "objektiver Wert" im Wesen übereinstimmt, fällt ins Auge. Als allgemeine Wertdefinition vermögen wir freilich diesen Satz schon wegen seiner beträchtlichen Unbestimmtheit nicht anzunehmen und auch MEINONG erblickt darin nur einen Teilausdruck seiner verzweigten Theorie. Das Gefühl der Werthaltung ist nach MEINONG "psychologisch dadurch gekennzeichnet, daß es allemal auf ein bejahendes oder verneinendes Existenzurteil als auf seine psychische Ursache zurückweist." (3) Wertgefühle sind somit Urteilsgefühle (nicht Vorstellungsgefühle), d. h. es ist ihnen ein Urteil als Voraussetzung wesentlich. In den zum Werten Anlaß gebenden Urteilen selbst lassen sich neben dem Haupturteil, welches unmittelbar dem Gefühl vorangeht, auch Nebenurteile unterscheiden, deren Einfluß auf Größe und Qualität der Werthaltung überaus wesentlich ist. Die Richtigkeit der Nebenurteile charakterisiert nämlich den objektiven Wert gegenüber dem subjektiven.

Inwieweit unsere Auffassung des grundlegenden Tatbestandes von der MEINONGs abweicht, ist in wenigen Worten gesagt. Wir glauben nicht, daß das primäre Urteil die Voraussetzung oder Ursache des Wertgefühls sei, sondern daß es das Korrelat des Wertgefühls auf der Denkgrundseite des Phänomens bedeute. Ferner finden wir durch die Richtigkeit der Nebenurteile nicht den objektiven, sondern den wahren Wert charakterisiert, wobei wir zwischen objektiv und wahr unterscheiden.

Von einer Reihe spezieller Lehren MEINONGs soll an zugehörigen Stellen später gesprochen werden.

Von MEINONGs Anregungen ausgehend, aber sowohl in der Problemstellung als in der psychologischen Auffassung durchaus selbständig, hat EHRENFELS in seinen beiden Arbeiten über Werttheorie das timologische Gebiet beschrieben und systematisiert. (4)

EHRENFELS hat in dankenswerter Weise die fruchtbaren Vorarbeiten österreichischer Nationalökonomen heranzuziehen verstanden und damit die Theorie um manchen wichtigen Gesichtspunkt bereichert.

Von den Lehren EHRENFELS' glauben wir folgende hervorheben zu sollen: "Wert ist eine Beziehung zwischen einem Objekt und einem Subjekt, welche ausdrückt, daß das Subjekt das Objekt entweder tatsächlich begehrt oder doch begehren würde, falls es von dessen Existenz nicht überzeugt wäre - oder daß durch die möglichst anschauliche, lebhafte und vollständige Vorstellung vom Sein des betreffenden Objekts beim Subjekt ein auf der Gefühlsskala Unlust-Lust höher gelegener Zustand bedingt wird, als durch die ebenso beschaffene Vorstellung vom Tatbestand beim Nichtsein des Objekts. Die Größe des Wertes ist proportional der Stärke des Begehrens, sowie dem Abstand zwischen den beiden charakterisierten Gefühlen." (5) An anderer Stelle faßt sich EHRENFELS kurz in die These: "Der Wert eines Dings ist seine Begehrbarkeit." (6) Die Werte im Ganzen teilt er ein in
    a) unvermittelte und

    b) vermittelte (diese in rein konstitutiv, rein kausal und rein konstitutiv-kausal vermittelte),
ferner in
    a) Eigenwerte (unvermittelte und rein konstitutiv vermittelte) und

    b) Wirkungswerte (rein kausal vermittelte, gemischt konstitutiv-kausal vermittelte. (7)
Hierbei versteht EHRENFELS im Anschluß an MEINONG unter konstitutiver Verbindung diejenige zwischen Teil und Ganzen, d. h. "das Ganze wird um eines physischen oder metaphysischen Teils willen wert gehalten."

Auf EHRENFELS' spezielle Thesen vom Grenzfrommen, (8) welche an MENGERs Grenznutzentheorie anknüpft und vom Kampf ums Dasein der Wertungen (9) kann hier nur andeutungsweise verwiesen werden. Als für sein System wichtig sei noch des Begriffes der "Zielfolge" Erwähnung getan. Er sagt über denselben: "Wenn man ... die Gesamtwirkungen von vielen auf ähnliche Zwecke gerichtete Handlungen ... vergleicht und das Gemeinsame heraushebt, so erhält man eine Kette von Geschehnissen, von denen jedes vorausgehende einen Teil der Ursache des nächstfolgenden enthält und in welcher sich alle drei Gruppen, der Mittel, des Zwecks und dder Folgewirkungen unterscheiden lassen.  Diese  für ein bestimmtes Gebiet von Wirkungen bezweckter Handlungen  typische Kette  stellt nun unseren neu bildenden Begriff dar. Wir nennen sie Zielfolge." (10)

Innerhalb dieser Zielfolge unterscheidet EHRENFELS eine Wertbewegung nach abwärts (vom Zweck zum Mittel), nach aufwärts (vom Zweck zu den Folgewirkungen), nach seitwärts und innen, womit ein theoretisches Gerüst für die Beschreibung der Abfolge der Werte innerhalb der Reihen von Handlungen gegeben erscheint.

In der psychologischen Grundlegung der Timologie weichen unsere Anschauungen von jenen EHRENFELS' weniger beträchtlich ab, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wenn EHRENFELS das Begehren in den Mittelpunkt seiner Definition stellt, so will er sich damit nicht in einen prinzipiellen Gegensatz zur Gefühlstheore stellen, da für ihn (aufgrund einer besonderen psychologischen Grundmeinung) die beiden Elemente Gefühl und Wille im Vorstellungsmerkmal der relativen Glückförderung aufgehen. (11) Ein wesentlicher Differenzpunkt scheint uns jedoch das Zurücktreten der Urteilsseite des Wertphänomens bei EHRENFELS zu sein, womit eine gewisse Verwischung der Tatsache, daß die Wertschätzungen nach polaren Gegensätzen erfolgen, zusammenhängt. In der Hauptsache, der Forderung nach psychologischer Fundierung der Werttheorie aus emotionalen Elementen befinden wir uns sowohl mit MEINONG als mit EHRENFELS im Einvernehmen. (12)

Ausführlich und gewissenhaft behandelt JONAS COHN (13) die prinzipielle Vorfragen der Werttheorie. Er findet, daß  in  jeden schematisch vorgestellten seelischen Vorgang ein Gefühl eingeht, welches zu einer positiven oder negativen Wertung des Empfundenen führt." Als Grundklassen stellt COHN die intensive und die konsekutive [nachfolgende - wp] Wertung auf und erklärt in seiner entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung das niedere Tier als vollkommenen Typus intensiver Wertung, d. h. einer solchen nach der Augenblicks-Annehmlichkeit. Doch sei "die durch den Reiz und das Gefühl unmittelbar gegebene Handlungsweise selbst nur ein Mittel zu einem höheren Ziel, der Erhaltung des Individuums und der Gattung", d. h. ein Ausdruck konsekutiver Wertung.

8. Die Wertgebiete.  Soll unsere Auffassung des Wertphänomens als fruchtbare gelten, so muß sie sich fähig erweisen, die Grundlage für eine erschöpfende und als System befriedigende Gruppierung sämtlicher Wertungsfälle zu liefern. Von der Bestimmung der Grundklassen der Wertungsfälle hängt zugleich das Substrat ab, welches den einzelnen Zweigdisziplinen des Bereichs der praktischen Philosophie zukommt. Der hiermit gegebenen Aufgabe sei unsere Untersuchung zunächst gewidmet.

Beschreiben und zerlegen wir zureichend viele und reiche Reihen von Bewertungen verschiedenster Art, so gelangen wir durch fortschreitende Induktion zur Einsicht, daß jede Bewertung mindestens nach einem der drei folgenden Wertgegensätze vollzogen wird:
    1.  Die Wertung nach den Gegensätzen "gut" und "schlecht" im Sinne von "lustauslösend und unlustauslösend, bezogen auf das Subjekt des Wertenden".  Diese Wertung entspricht dem Gebiet der  Autopathik,  (14) als deren wichtigsten Teil wir die  Hygienik  im weiteren Sinne kennen lernen werden.

    2.  Die Wertung nach den Gegensätzen "gut" und "schlecht" im Sinne von "lustauslösend und unlustauslösend, bezogen auf ein fremdes Subjekt".  Sie entspricht dem Gebiet der  Heteropathik,  deren Hauptteil die  Ethik  ist. Als der für die Ethik charakteristische Wertgegensatz wird sich ein Spezialfall des heteropathischen Gegensatzes, nämlich "gut" und "böse" erweisen.

    3.  Die Wertung nach den Gegensätzen "schön" und "häßlich" im Sinne von lustauslösend und unlustauslösend bei reiner Hingabe an das Objekt, d. h. ohne Beziehen auf das eigene oder fremde Subjekt".  Sie entspricht dem Gebiet der  Ergopathik,  dem die  Ästhetik  zugehört.

    Bringt man diese drei Grundklassen von Wertungen in die Dichotomie:

      a) Wertungen unter Beziehung auf ein Subjekt und zwar
        1. auf das eigene
        2. auf ein fremdes
      b) Wertungen ohne Beziehung auf Subjekte,
so ergibt sich, daß wir die Werterscheinungen nach ihrem vollen Umfang eingeteilt haben. (15)

Es ist aus rein technischen Gründen unmöglich, daß wir hier sofort die logisch zu fordernde Fülle von Einzelinstanzen und Zwischenstufen jener Induktion anführen, welche zur Bildung der soeben bezeichneten Grundklassen berechtigt. Wir beschränken uns daher auf die Aufzählung einiger typischer Wertungsfälle und behalten uns die Vermehrung des empirischen Materials für die Erörterung der einzelnen Wertgebiete vor.

Die Wertungen, welche in den Urteilen "Die frische Luft tut mir gut", "Der Verzweiflung sich widerstandslos zu überlassen ist für mich schlecht" ausgedrückt sind, zählen wir zu den autopathischen, weil sie im Sinne von Gefühlsgegensätzen erfolgen, welche ausschließlich auf das Subjekt des Wertenden bezogen werden. Als heteropathisch - und zwar speziell als ethisch charakterisiert sind beispielsweise die Wertungen "Barmherzigsein ist gut", "Verleumden ist böse". Diese Wertungen weisen offenkundig die grundlegende Beziehung auf Lust und Unlust eines fremden Subjekts auf.

Zur ergopathischen Grundklasse von Wertungen gehören Wertungen wie "Die Stefanskirche ist schön", "Der Schmutz ist häßlich", bei welchen der Wertende sich der Gefühlswirkung des betreffenden Inhalts ohne Beziehen auf das eigene oder ein fremdes Subjekt überliefert. Wie aus den vorstehenden Beispielen zu entnehmen ist, werden die drei Wertungsarten oder Wertklassen nicht durch verschiedenartige psychische Bedeutungen, sondern nur durch verschiedenartige Beziehungen bestimmt, unter welchen diese Bedeutung erlebt wird.

9. Güter und Übel.  Im unmittelbaren Anschluß an unsere Gruppierung der Wertungen ergibt sich eine gleichartige der Güter und Übel.

Als "Gut" (substantivum) bezeichnen wir von der subjektiven Seite her die Lust schlechthin im Sinne FECHNERs (16), von der objektiven Seite her jede Lustquelle, Lustquellen sind aber Wertobjekt, welche autopathisch, heteropathisch oder ergopathisch bewertet werden. Wir unterscheiden deshalb drei Klassen von Gütern, autopathische (einschließlich der hygienischen), heteropathische (einschließlich der ethischen) und ergopathische (einschließlich der ästhetischen), wofür wir Beispiele bei der Besprechung der einzelnen Gebiete liefern werden.

Das "Übel" ist subjektiv die Unlust schlechthin, objektiv die Unlustquelle, die wir gleichfalls im Sinne der drei Wertklassen zu determinieren haben.

An dieser Stelle sei noch eine (Späterem vorgreifende) Feststellung vollzogen. Es wird sich zeigen, daß die Lust-Reaktion regelmäßig an eine Weckung oder Förderung der psychischen und physischen Tätigkeit des den Inhalt erlebenden Subjekts, die Unlust-Reaktion aber an eine Hemmung seiner Aktivität gebunden ist.

Von der Seite der Inhalte angeblickt, sind daher Güter und Übel die Ursachen von Steigerungen und Herabsetzungen der geistigen und leiblichen Kräfte.

Das volkstümliche und mit ihm auch das philosophische Denken hat sich nun seit altersher zur Aufstellung eines  höchsten Gutes  gedrängt gefunden. Daß in der Beziehung eines Gutes als "höchstes" der positive Grenzpunkt einer Wertskala liege, ist merkwürdigerweise oft übersehen worden, im Grunde aber selbstverständlich.

Nach unserer Überzeugung ergibt sich im Sinne des allen Wertgebieten gemeinsamen Fundamentes als empirisch höchstes, d. h. wertvollstes Gut schlechthin  die möglichst reiche Entfaltung und Betätigung der geistigen und leiblichen Kräfte des Menschen.  Im höchsten Gut liegt das Maximum der Wertverwirklichung beschlossen. (17) Dieses höchste Gut determiniert sich nach der autopathischen Wertungsweise durch die Beziehung auf die Persönlichkeit des wertenden Einzelsubjekts, vom heteropathischen Standpunkt aus durch die Beziehung auf den Inbegriff der fremden Subjekte und im Sinne der Ergopathik durch die Beziehung auf die unpersönliche Hingabe an die wertvollen Inhalte. Die vorstellbare, aber im Leben nicht erreichbare volle Verwirklichung des höchsten Gutes in seinen drei Gestalten nennen wir höchstes  Ideal zu welchem abgeleitete Ideale in assoziativem Unterordnungsverhältnis stehen.

Der von uns vertretenen Lehre fehlt es nicht an Berührungspunkten mit dem zeitgenössischen Fühlen und Denken. Der Begründer der deutschen Gesellschaft für ethische Kultur, FELIX ADLER, sagte in seiner Rede vom 3. Juli 1892 in Berlin: "Der Mensch betätigt sein innerstes Wesen am reinsten und herrlichsten dann, wenn schöpferische Urkraft in ihm auflodert, wenn er Neues, Nochniedagewesenes, Seinsollendes schafft, wenn er nicht allein die wirkliche Welt im Sinne seiner Ideale umschafft, sondern diese Ideale selbst umbildet, erhöht, erweitert." - Der Anarchist PETER KROPOTKIN (18) schließt sein Moralbüchlein mit den Sätzen: "Wenn aber Jugendkraft in Deinen Adern rinnt, wenn Du leben, das volle, ganze, überfließenden Leben genießen willst, d. h. die herrlichste Freude, die ein lebendes Wesen sich wünschen kann, dann - sei stark, groß, tatkräftig in allem, was Du vollbringst. Das Ringen ist ein umso mächtigeres Leben, als der Kampf lebendig sein wird. Und dann wirst Du  gelebt  haben und für einige Stunden solchens Daseins nicht Jahre pflanzenartigen Dahinfristens im faulenden Sumpf eintauschen." - Dem gleichen Gedanken- und Gefühlskreis gehört auch NIETZSCHEs Lehre von der Herrlichkeit der machtvollen Persönlichkeit, trotz ihres äußerlich moralfeindlichen Gebärdens. - Unter den gelehrten Ethikern möchte ich vor allem PAULSEN nennen, von dessen zwingenden Ausführungen wir in diesem Punkt beeinflußt worden sind. PAULSEN sagt: "Ein vollkommenes Menschenleben, d. h. ein Leben, in dem es zu voller Entfaltung und Betätigung aller leiblich-geistigen Kräfte des Menschen kommt, das ist für den einzelnen das höchste Gut." (19) Für die Gesamtheit ist, "das geistig-geschichtliche Leben, in dem für die Betätigung aller menschlich-geistigen Kräfte und Tüchtigkeiten Raum ist", das höchste Gut und zugleich das Ideal des Lebens. (20) PAULSEN gibt seiner Lehre vom höchsten Gut den der Verbreitung würdigen Namen "energetische Lebensauffassung" im Gegensatz zur "hedonistischen" EPIKURs und ARISTIPPs. (21)

Der Nachweis, daß unsere Fundierung des Werthaltens auf Lust und Unlust des Subjekts durchaus nicht zu einem psychologisch-ethischen Panegoismus, Eudämonismus oder Hedonismus führe, sondern eine "energetische" Lebensauffassung begründe, sei späteren Ausführungen vorbehalten.

Die  Antike  bildete mehrere Werttheorien in der Form allgemeiner Güterlehren (Agathologien) aus. In diesen Agathologien finden sich timologische Kritiken von allerlei auto-, hetero- und ergopathischen Gütern ohne Unterschiedsbestimmung nebeneinander eingeschlossen. Eine wirkliche Ethik gibt es jedenfalls erst seit dem Christentum, welches durch die Beziehung des moralisch Guten auf das Wohl und Weh des Nächsten die entscheidende Determination vollzieht. Die Ästhetik (von den platonischen, aristotelischen und plotinischen Exkursen abgesehen) zweigt sich eigentlich nicht vor BAUMGARTENs Werk von der allgemeinen Güterlehre ab. Eine selbständige Autopathik, zu welcher Beiträge etwa bei FEUCHTERSLEBEN, HUFELAND, LAROCHEFOUCAULD und den Schriftstellern über Hygienik zu finden wären, fehlt bis heute.

In der  Neuzeit  wurden die Versuche der Begründung einer allgemeinen Theorie der Güter und Werte fortgesetzt, indem entweder eine Ästhetik, welche die ethischen und autopathischen Werthaltungen einschließt (SHAFTESBURY, HERBART) oder aber eine Ethik (in die dann alles Autopathische hineininterpretiert wird) als praktische Universaldisziplin auf den Plan tritt.

Einer der wenigen Autoren, welche eine allgemeine Güterlehre ohne ästhetischen oder ethischen Ausgangspunkt gewagt haben, ist AUGUST DÖRING, (22) dessen verdienstliches Werk als erster Versuch einer vorwiegend autopathischen Auffassung und Verwendung des Gutbegriffs angesehen werden kann.

DÖRING definiert: "Ein Gut ist etwas, was Wert hat. Ein Gut ist ein Objekt, das Lust erregt, ein Übel ein Objekt, das Unlust erregt." (23) Als höchstes Gut gilt ihm "die berechtigte Selbstschätzung aufgrund wahren Eigenwertes, der der sittlichen Gesinnung zukommt." (24) Eine Systematisierung der Güter hat sich nach DÖRING auf eine Systematisierung der Bedürfnisse zu gründen; ein Bedürfnis sei jedoch das Gefühl im Stadium der Potentialität oder die allgemeine Möglichkeit von Lust und Unlust. Als Grundarten von Bedürfnissen unterscheidet er
    1. die materialen Bedürfnisse des körperlichen Organismus, 2. die formalen oder Funktionsbedürfnisse des körperlichen Organismus (wozu das Betätigungsbedürfnis gehört),

    3. die materialen seelischen Bedürfnisse (Jllusionen über den Wert der Welteinrichtung für uns) und

    4. die formalen seelischen Bedürfnisse (nach psychischer Beschäftigung, Spiel, Kunst. (25)
Im Anschluß an diesen systematischen Unterbau untersucht DÖRING die innere und die äußere Möglichkeit der Güter überhaupt und die Frage der relativen und absoluten Möglichkeit der Glückseligkeit. Letztere ist durch Überordnung eines Bedürfnisses über andere in Annäherungen zu verwirklichen und wäre durch den Besitz des höchsten Gutes absolut erreicht. Daß sich DÖRING schließlich zu der Übertreibung versteigt, die Philosohie einfach zur Güterlehre zu erklären, sei nebenher erwähnt.

Nach unserer Meinung liegt die Bedeutung der DÖRINGschen Güterlehre weniger in der Grundlage des timologischen Systems als in glücklich formulierten Einzelheiten der psychologischen Beschreibung. Zu einer klaren und strengen Unterscheidung einzelner Wertungsklassen ist DÖRING jedenfalls nicht durchgedrungen.

10. Der Begriff "gut".  An diesem Punkt der Untersuchung ist die wünschenswerteste Gelegenheit gegeben, eine überaus wichtige Äquivokation [ein Begriff für verschiedene Dinge - wp] ins Reine zu bringen, nämlich die  mehrfachen Bedeutungen  des Adjektivums "gut". Dieser Begriffsname hat - ebenso wie  agathos  und  bonus  - mindestens drei Hauptbedeutungen und zwar eine autopathische, eine ethische und eine ästhetische. Im autopathischen Sinn bedeutet gut = dem Wertenden eigene Lust bringend (z. B. guter Schlaf), im heteropathischen Sinne = Fremden Subjekten Lust bringend (z. B. guter Vater, gute Gesinnung), im ergopathischen Sinn = lustauslösend bei objektivem Genießen (gutes Gemälde, gute Charakterzeichnung). Dazu kommt noch der spezielle Sinn des technischen "gut" (z. B. gute Handhabe) und das logische "gut" in der Bedeutung "richtig" (z. B. gut getroffene Lösung) usw. Manche Anwendungen von "gut" zeigen eine Verbindung mehrerer Wertgesichtspunkte, z. B. in den Aussagen gutes Wetter (schönes und angenehmens Wetter), guter Freund (oft = nützlicher und mitfühlender Freund), gutes Brot (wohlschmeckend und nahrhaft).

Für die Werttheorie ist es sehr belangvoll, insbesondere das autopathische gut (für mich lustbringend) und das heteropathische gut (für andere lustbringend) streng zu unterscheiden. Die Verwendung von "gut" in einem zum Bereich des Schönen gehörigen Sinn ist ziemlich selten. Doch sei in dieser Hinsicht auf den Begriff "edel" verwiesen, welcher eine Verbindung von "schöne" und "dem Durchschnitt überlegen" (autopathisch und ethisch) einschließt.

Das Adjektiv "schlecht" scheint die gleiche Zahl von Sinnfärbungen aufzuweisen wie "gut", während der Name "böse" nicht äquivok ist und ausschließlich ethische Bedeutung besitzt.

Sinnverschiedenheiten weist auch das Wort "Tugend", deutlicher noch das griechische  arethe  und das lateinische  virtus  auf. Das Wort in seiner ursprünglichen Allgemeinheit (als persönliche Tüchtigkei) schließt mindestens eine autopathische und eine heteropathische Bedeutung ein; ohne Gewaltsamkeit läßt sich wohl auch eine ästhetische Sinnnuance annehmen.

Daß in der neueren Zeit die engere Formel "Tugend = sittliche Kraft" vorwiegend in Geltung steht, unterliegt keinem Zweifel. Von den Tugenden der drei Wertgebiete wird noch die Rede sein.

11. Vorblick auf die Wertentwicklung.  Unsere Werttheorie steht in innerem Zusammenhang mit den Anschauungen der neueren  Biologie.  Im Gefühl erblicken die Biologen jene Einrichtung des Organismus, durch welche das Individuum zur selbst- und arterhaltenden Reaktion auf die umgebende Welt bestimmt wird. Die Lust richtet den Willen im allgemeinen auf das Erlangen und Erhalten des Lebensfördernden, die Unlust auf das Beseitigen und Abwehren des Lebenshemmenden. (Wie die diesbezüglichen Ausnahmen zu beurteilen sind, soll im II. Teil besprochen werden.)

Psychologisch erkennen wir in diesem Verhalten des menschlichen Individuums zur äußeren Welt das positive und negative  Werten  bestimmter Inhalte wieder. Das Werten und dessen Anpassung an die Lebensbedingungen erscheint uns als eine Voraussetzung nicht nur der physischen, sondern auch der psychischen Existenz und Wohlfahrt der Subjekte. Die autopathischen Wertungen sind zum Teil auf Selbsterhaltung (Wert der Nahrung, Unwert der Krankheit), zum Teil auf Arterhaltung (positiver Wert der sexuellen Verbindung), die heteropathischen Wertungen fast ausschließlich auf Arterhaltung fördernd zurückwirkt.

Das Wertphänomen weist sowohl innerhalb des Einzellebens als innerhalb der Kulturgeschichte der Völker eine vielseitige  Entwicklung  auf. Die Entwicklung bezieht sich vor allem auf den relativen Einfluß der Wertklassen auf die Lebensgestaltung. Während das Kindesalter vorwiegend von autopathischen, das Jugendalter von ethischen und ästhetischen Interessen getragen wird, ist der Lebenszeit der Kraft und Reife ein gewisses Gleichgewicht der Wertklassen, aber auch die Möglichkeit lebhafter Wertkonflikte eigentümlich; im Greisenalter nimmt der Einfluß grüblerischer Selbstberücksichtigung zu. Diese Individualentwicklung stellt bis zu einem gewissen Grad eine Wiederholung der Stammesgeschichte dar. Die Interessen des prähistorischen Menschen erschöpfen sich fast ganz in der Bewältigung der elementaren Lebensnot und erst nach Entstehung größerer, wirtschaftlich gesicherter Verbände gewinnen die Äußerungen der heteropathischen Werthaltung an Gewicht. Blühende Völker räumen den ergopathischen Werten eine bevorzugte Stellung ein, die denselben in Zeiten des Verfalls wieder verloren geht.

Innerhalb der einzelnen Wertgebiete entwickelt sich das Wertsubjekt, das Wertobjekt (die relative Güterschätzung, der Umfang und die zeitliche Bestimmtheit des Gewerteten), die Werturteilsfunktion und das Gefühlsfundament des Gebietes selbst, wovon wir im IV., V. und VI. Teil zu berichten haben werden. Als allgemeine Entwicklungsrichtung sei hervorgehoben, daß auf der tiefsten Stufe der fallweise und triebartige Charakter der Werthaltung, auf der Mittelstufe die Bereicherung und Verfeinerung des Wertungsprozesses durch die Reflexion und im Stadium der Reife der vorwiegend dispositionelle, selbstsichere Habitus im Werten hervortritt.

Eine das Wesentliche heraushebende Zusammenfassung der angedeuteten Tatsachenreihen führt uns zur Aufstellung von  drei Stadien der Wertentwicklung: 
    1. Das Stadium der fallweisen Reaktion auf gegebene Inhalte;

    2. das Stadium der Reflexion mit Rücksicht auf räumlich und zeitlich Fernes;

    3. das Stadium der erworbenen Dispositionen zu einheitlichen Verhaltensweisen.
Daß diese Stadien nur als Orientierungspunkte innerhalb des phänomenal gegebenen Flusses zu verstehen sind, bedarf wohl keines weiteren Hinweises.

12.  Wert und Normen im allgemeinen.  Bisher haben wir ausschließlich die  deskriptive  Seite der allgemeinen Werttheorie zur Darstellung gebracht. Die psychologische Erfahrung lehrt jedoch, daß die primären und sekundären Wertsubjekte im Laufe ihrer natürlichen Entwicklung zu einer  Normenbildung  fortschreiten, welche an den steigenden Einfluß der Reflexion über abweisende und zukünftige Inhalte und an bestimmte Ausgestaltungen der Willensbetätigung gebunden ist. a) Zur Bildung einer Wertnorm führt das primäre Wertsubjekt folgende psychische Entwicklung:
    1. Die fallweisen Wertungen des Subjekts bestimmen die fallweise Qualität, Intensität und Richtung seines Willens und wirken in der Handlung auf die Außenwelt über. Die bezweckten Folgen einer Handlung werden durch die äußeren Umstände bei der Verwirklichung des Gewollten zu den "realen Folgen" abgeändert.

    2. Die Vorstellung der realen Folgen gewinnt bei häufiger Wiederholung gleichartiger Wertungsakte einen wachsenden Einfluß (nicht nur auf die Form der Handlung, sondern auch) auf das Werturteil selbst, d. h. der Wertende wird durch das Leben zur bewußten Rücksicht auf die tatsächlichen äußeren Endwirkungen des einzelnen Wertungsaktes erzogen.

    3. Die hinzutretenden derartigen Vorstellungen mit ihren Gefühlsbetonungen bilden den Stoff einer  Reflexion,  welche den ursprünglichen einfachen Wertungsprozeß kompliziert und die Willensentscheidung und Handlung hinausschiebt. Die Reflexion wird sich nach Maßgabe der wachsenden Erfahrung über die realen Folgen auf  räumlich und zeitlich entfernte Wertobjekte und Wertungsfälle ausdehnen. 

    4. Die zunehmende Einsicht in die Nachteile der (komplizierenden und retardierenden) Wirkung der Reflexion und die Erkenntnis des oft zweckwidrigen Einflusses der zufälligen Umstände bei der einzelnen Willensentscheidung geben für das Subjekt die Impulse ab, nach Abkürzung jener häufig wiederkehrenden zusammengesetzte Prozesse zu streben. Es geschieht diese Abkürzung in der Weise, daß an die Vorstellung bestimmter Arten von Wertobjekten und Wertfällen möglichst nahe solche abschließende Werturteile angeknüpft werden, welche erfahrungsgemäß zu den im ganzen befriedigendsten realen Folgen der zugeordneten Handlung führen. Jene assoziativen Anknüpfungen stellen sich zunächst unwillkürlich ein, können aber bei reiferem Intellekt planmäßig vollzogen werden.

    5. Planmäßig vollzogene assoziative Anknüpfungen dieser Art führen direkt zur Bildung von festen Regeln für das Handeln, welche Maximen heißen.  Maximen  sind feste selbstgeschaffene Regeln eines Subjekts für die Art seines Handelns bei Eintritt einer bestimmten Art von Wertfällen. Die Motivkraft der Maxime beruth in einem allgemeinen (abwesende und zukünftige Inhalte einschließenden) Werturteile, durch welches im Einzelfall eine Reihe von Reflexions-Zwischenglieern ausgeschaltet wird.

    6. Dispositionell gewordene Maximen nehmen den Charakter einer inneren  Norm  an, d. h. das Wertsubjekt fühlt sich innerlich gedrängt, die Handlungen auch in solchen Einzelfällen im Sinne der Maxime zu leiten, in welchen die äußeren Umstände eine Neigung zu ausnahmsweiser Abweichung wecken.
Innerhalb einer Reihe von Normen können innere Gebote und innere Verbote unterschieden werden, deren Inbegriff speziell im hygienischen und ethischen Wertbereich  innere Pflichten  genannt wird.

b) Die Soziologie lehrt uns, daß auf dem Weg natürlicher Entwicklung nicht nur das primäre, sondern auch das  sekundäre  Wertsubjekt zur Bildung von Wertnormen gelangt.
    1. Die fallweisen Erfahrungen über die realen Folgen der Wertungen einzelner Mitglieder eines Verbandes für den Zustand der übrigen Mitglieder und den Verband überhaupt führen zu bestimmten allgemeinen Werturteilen, als deren Träger sich das sekundäre Wertsubjekt erweist.

    Das biologische Agens solcher Prozesse liegt in den Selbst- und Arterhaltungstrieben des Verbandes (der Familie, des Stammes, des Volkes, der Kulturmenschheit). Ausdruck finden die allgemeinen Werturteile des sekundären Wertsubjekts im Recht und in der Sitte, stückweise auch im Sprichwort, im ausgeprägten Zeitgeschmack, selbst im Modepublizisten. Über dem Durchschnitt stehende Gesetzgeber, Denker und Künstler pflegen in ihren Werturteilen, wenn auch nur in einer bestimmten Richtung, einen strengeren, feinsinnigeren oder energischeren Standpunkt als der Verband einzunehmen.

    Es scheint uns daher nicht zulässig, die Wertungen des sekundären Wertsubjekts mit jenen eines idealen Gattungssubjekts schlechthin zu identifizieren und sodann den Wertungen des letzteren den Charakter  objektiver Wertungen  zuzusprechen. Nicht mehr und nicht weniger darf behauptet werden, als daß die Wertungen des größten menschlichen Verbandes, der Gesamtmenschheit, sich den Wertungen eines gedachten Gattungssubjekts aus biologischen und soziologischen Gründen mit großer Wahrscheinlichkeit im allgemeinen  stark annähern.  Diese ziemlich unbestimmte Einsicht in ihrer Tragkraft zu überschätzen und zum Ausgangspunkt einer Ethik zu nehmen, wie dies wiederholt geschehen ist, scheint uns unberechtigt.

    2. Neben der Fülle von zeitlich und Örtlich wechselnden Wertungen der einzelnen Verbände ist bei tiefgehender Untersuchung eine Anzahl bleibender, fester Werturteile erkennbar, denen der Verband in gewissen  Normen  Ausdruck verleiht. Die Beobachtung der Norm in *Recht und *Sitte durch den Einzelnen sichert der Verband durch Lohn und Strafe, durch Achtung und Verachtung.

    Die Normen des sekundären Wertsubjekts lassen sich in äußere Gebote und äußere Verbote scheiden, deren Inbegriff auf heteropathischem Gebiet  soziale Pflichten  heißt. 3. Die Wertungen des sekundären Wertsubjekts werden durch Vererbung, Tradition und Umgebungseinflüsse (worunter die Erziehung fällt) bis zu einem gewissen Grad auf jedes primäre Wertsubjekt übertragen, in welchem sich die Einflüsse beider Werthaltungen gegenseitig verstärkend oder schwächend begegnen.

    In beiläufiger Annäherung entsprechen die Normen des Verbandes in seiner Blütezeit den Wertungen der autopathisch und heteropathisch Guten, deren faktische Obmacht im Verband dadurch in die Erscheinung tritt. Am wenigsten findet sich dieser Sachverhalt für die ergopathischen (speziell ästhetischen) Werte ausgeprägt, hinsichtlich welcher das sekundäre Wertsubjekt nur zu wenigen, unbestimmten Normen gelangt und zu labilen Augenblicksdurchschnitten (Moden) neigt.
In Zeiten des Verfalls pflegen die normativen Werthaltungen des Verbandes an Nachdruck im ganzen einzubüßen und den Indifferenzpunkt gegen die Unwertseite hin zu verschieben. Dem allgemein Menschlichen widersprechende Normen können sich jedoch niemals dauernd behaupten, da sie mit psychologischer und biologischer Notwendigkeit zum raschen Zersetzen und Untergehen des Verbandes führen.
LITERATUR - Josef Clemens Kreibig, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, Wien 1902
    Anmerkungen
    1) Diese Einteilung (jedoch mit einer abweichenden differentia specifica) hat sowohl MEINONG, Werttheorie, Seite 71, 74, wie auch EHRENFELS, Werttheorie I, Seite 75, ausführlich entwickelt.
    2) ALEXIUS von EHRENFELS, Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie, Graz 1894, Seite 25. - Vgl. ferner MEINONGs Abhandlung "Über Werthaltung und Wet" im Archiv für systematische Philosophie, Bd. I.
    3) MEINONG, Werttheorie, Seite 23.
    4) von EHRENFELS, Werttheorie und Ethik, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 183 und 1894; ferner System der Werttheorie, 2 Bde., Leipzig 1897 und 1898. Von früheren Arbeiten desselben Autors sind einschlägig: "Über Fühlen und Wollen", Sitzungsbericht der Akademie der Wissenschaften, Wien 1887 und "Von der Wertdefinition zum Motivationsgesetz" im Archiv für systematische Philosophie, Bd. II. Vgl. auch SCHMIDKUNZ, Von den Werten, Zeitschrift "Ethische Kultur" vom September 1899, Seite 274f
    5) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 65
    6) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 54
    7) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 77
    8) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 81f
    9) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 146f
    10) EHRENFELS, Werttheorie, Seite 133
    11) EHRENFELS drückt jene Grundmeinung in seiner Werttheorie wie folgt aus: "Ein besonderes psychisches Grundelement  Begehren  (Wünschen, Streben oder Wollen) gibt es nicht. Was wir Begehren nennen, ist nichts anderes, als die - eine relative Glücksförderung begründende - Vorstellung von der Ein- oder Ausschaltung irgendeines Objekts in das oder aus dem Kausalgewebe um das Zentrum der gegenwärtigen konkreten Ichvorstellung." (Seite 248) Das Gesetz der relativen Glücksförderung formuliert EHRENFELS zuletzt: "Jeder Akt des Strebens oder Wollens fördert bei seinem Eintritt den Glückszustand im Vergleich zu demjenigen Zustand, wie er für den Fall des Ausbleibens des betreffenden Aktes sich einstellen würde." (Seite 25) Die Brücke zu unserer Auffassung des Verhältnisses von Gefühl und Wille liefert EHRENFELS durch die Aussage, "daß alle Akte des Begehrens in ihren Zielen sowohl in ihrer Stärke von der relativen Glücksförderung bedingt werden, welche sie gemäß den Gefühlsdispositionen des betreffenden Individuums bei ihrem Eintritt ins Bewußtsein und während ihrer Dauer in demselben mit sich bringen." (Seite 41) Vgl. auch HÖFLER, Psychologie, Seite 519
    12) Nicht zugänglich waren uns die Arbeiten von ALEXANDER, "The idea of value" und von FINCK, Grundlegung für eine neue Rangordnung der Werte.
    13) JONAS COHN, Beiträge zur Lehre von den Wertungen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 110, Leipzig 1897, Seite 219f
    14) Wir sind uns der Berechtigung der Forderung nach möglichster Sparsamkeit im Einführen neuer (namentlich umfänglich weiter) Begriffsname wohl bewußt, glauben aber im hier gegebenen Fall vor einem unverkennbaren Zwang zu terminologischer Eigenprägung zu stehen.
    15) Wir haben unseren Arbeitsstoff a limine [von Anfang an - wp] auf die empirisch-philosophischen Werte beschränkt. Die  religiösen Werte  würden eine besondere, die theologischen Voraussetzungen würdigenden Untersuchung und Systemisierung fordern. Ob hierbei etwa vom dritten Buch der Summa theologica des heiligen THOMAS von AQUIN auszugehen wäre, müssen wir Berufenen zur Entscheidung anheimstellen. Wir glauben aber, daß eine solche Untersuchung das  psychologische  Wesen der religiösen Werte (mit PASCAL) in einer  Gefühlsbedeutung  finden würde.
    16) Vgl. GUSTAV THEODOR FECHNER, "Vom höchsten Gute", Leipzig 1846, Seite 6f
    17) Wir glauben in der Behauptung nicht fehlzugehen, daß unser Standpunkt aus der dem deutschen Geist eigentümlichen Lebensauffassung mit Notwendigkeit fließt. Die weltfremde Gemütsruhe des antiken Weisen, die asketische Willenlosigkeit des Yogi, die mystische Ekstase des Neuplatonikers verblassen - neben dem Daseinszweck harmonischen und machtvollen Tuns - zu Idealen eines ermüdeten Gefühls- und Willenslebens.
    18) Vgl. meine pseudonyme Publikation: "Dr. Laurentius, Kropotikins Morallehre und deren Beziehungen zu Nietzsche", Dresden 1896 und 1899, Seite 85f
    19) FRIEDRICH PAULSEN, System der Ethik, Seite 17
    20) PAULSEN, a. a. O., Seite 243. Vgl. auch HÖFFDINGs nicht genug scharfe, doch ähnliche Ausführung, Ethik, Leipzig 1888, Seite 35
    21) Die Art der Definition des höchsten Gutes bestimmte in den älteren Ethiksystemen (richtiger Agathalogien) den Charakter der ganzen praktischen Philosophie. Man vergleiche hierzu die Übersicht: Als höchstes praktisches Gut erklärte DEMOKRIT die  eudumia  [Heiterkeit, Frohsinn - wp], ARISTIPP die positive Augenblickslust, EPIKUR die Schmerzlosigkeit, woraus  ataraxia  [Seelenruhe - wp] fließt, die Stoa das natürlich-seelische Gleichgewicht, der alte PLATO die Gottähnlichkeit, ARISTOTELES das philosophische Denken, die Neuplatoniker die mystische Vereinigung mit Gott, CARTESIUS, LEIBNIZ, WOLFF, ULRICI die Vollkommenheit, SPINOZA die Erkenntnis Gottes, FERGUSON, PUFENDORF, die Selbsterhaltung in einem sehr weiten Sinne (ähnlich ein moderner Schriftsteller WILHELM STERN, die Erhaltung des Psychischen), die Enzyklopädisten die Lust, klug auf das ganze Leben verteilt, BENTHAM, MILL in älteren Schriften das größte Glück der größten Zahl.
    22) AUGUST DÖRING, Philosophische Güterlehre, Untersuchungen über die Möglichkeit der Glückseligkeit und die wahre Triebfeder des sittlichen Handelns, Berlin 1888
    23) DÖRING, a. a. O., Seite 1 und 2
    24) DÖRING, a. a. O., Seite 56 und 323
    25) DÖRING, a. a. O., Seite 77 - 152