ra-2P. SternJ. CohnWirklichkeitsstandpunktR. VischerE. Burke    
 
OSWALD KÜLPE
Grundlagen der Ästhetik
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"Die sogenannten ästhetischen Werte sind nur Schätzungen subjektiver Art, aus psychologisch feststellbaren Wertungen, unserem Anerkennen und Verwerfen, unserem Gefallen und Mißfallen hervorgegangen. Allgemeingültige Normen, nach denen wir uns zu richten hätten, objektive Werte, die wir trotz unseres Mißfallens anzuerkennen hätten, gibt es auf ästhetischem Gebiet nicht."

"Die Frage freilich ist, ob es ein einziges ideales Verhalten gibt oder ob nicht vielmehr individuelle Verwirklichungen verschiedener Spielart anerkannt werden müssen."


III. Die Ästhetik im System der Wissenschaften

Die Ästhetik als Wissenschaft vom schönheitsempfänglichen Verhalten und seinen Gegenständen, von deren Wert und Wirkung ist eine primäre, eine Einzelwissenschaft. Daß man sie heute noch zur Philosophie zählt, ändert daran nichts und steht damit nicht im Widerspruch. Sie befindet sich in der Loslösung von der Vormundschaft der Mutter Philosophie, wie die Psychologie und die Soziologie auch, wie früher einmal die Naturforschung. Die Normen der Ästhetik machen diese Wissenschaft noch nicht zu einer philosophischen Wissenschaft; mit ihren Idealen und Prinzipien ragt freilich die Ästhetik schließlich in die Metaphysik hinein, aber das teilt sie mit so ausgesprochenen Einzelwissenschaften, wie Mechanik oder Staatsrecht.

Fragt man, ob die Ästhetik ausschließlich zu den phänomenologischen Wissenschaften, zu den Real- oder zu den Idealwissenschaften zu rechnen sei, so wäre zu antworten, daß sie an allen diesen Gesichtspunkten teilnehmen kann. Ihr Gegenstand läßt sich als bloßes Phänomen fassen, als eine Gegebenheit, der gegenüber Kriterien körperlicher oder geistiger Realität gar nicht angewandt zu werden brauchen. Wer in ein Kunstwerk versunken ist, scheidet nicht zwischen sich und dem Objekt. Wo aber dann das Ich und sein Gegenstand einander gegenübertreten, da geschieht das in naiv-vergegenständlichender Weise. Das Ergebnis, so wie es wirklich ist, wird dann zum Gegenstand der ästhetischen Analyse. Eine Methode, die das Wesen des ästhetischen Erlebnisses vergegenwärtigen will, ohne auf die Einzelfälle seines psychischen Vollzugs zu achten, ist mit besonderem Feinsinn von der HUSSERLschen Schule als phänomenologische ausgbildet worden.

Aber auch der realwissenschaftliche Gesichtspunkt kann angewandt werden. Eine Ästhetik, die sich seiner bedient, wird sich nicht zu den Naturwissenschaften zählen, sondern zur Psychologie, also zu den Geisteswissenschaften. Das ästhetische Verhalten beruth zum großen Teil auf psychischen Faktoren, wie Vorstellungen, Gefühlen, Urteilen, Phantasie und unterliegt insofern der psychologischen Realisierung. Aber auch leibliche Erregung spielt herein; man denke nur an den Einfluß der Körperhaltung in manchen rezeptivem [wahrnehmendem, wp] Verhalten. Hier erhält die Psychophysik das Wort.

Schließlich kann man auch die idealwissenschaftliche Betrachtungsart in der Ästhetik zur Geltung bringen. Dann wird ihr Gegenstand, wie wir sahen, ein ideales, vollentfaltetes ästhetisches Verhalten, wie es nur in seltenen Fällen verwirklicht wird. Zum Unterschied von der Mathematik, die lediglich formale Bestimmungen vergegenständlicht, idealisiert solche Ästhetik materiale Bestimmungen. Dabei ist sie aber nicht wertindifferent, wie etwa die theoretische Physik. Blicken wir von hier zurück, so ergibt sich, daß alle einzelnen wissenschaftlichen Betrachtungsweiesn in der Ästhetik anwendbar sind. Der Streit der Ansprüche erweist sich demnach als Versuch, eine einzige von ihnen als auschließlich verwertbare darzutun. Die Ästhetik ist nicht nur Phänomenologie, aber sie kann phänomenologisch behandelt werden. Sie ist nicht nur Psychologie, aber diese ist besonders mit ihren Methoden stark an ihrem Ausbau beteiligt. Sie ist nicht nur Wert- und Normwissenschaft, aber sie muß auch in dieser Richtung ausgebaut werden. Der psychologische Ästhetiker hat durchaus recht, wenn er die Berechtigung seiner Forschungsart verficht, auch der phänomenologische Ästhetiker kann dies beanspruchen. Um aber einen methodisch glücklichen Ausgangspunkt zu gewinnen und soviel systematische Geschlossenheit, wie zwanglos tunlich, zu erreichen, müssen wir aus der Analyse des ästhetischen Verhaltens die drei dargetanen Gesichtspunkte ableiten.

Wenn wir die in der Literatur hervorgetretenen Betrachtungen über die Aufgaben der Ästhetik und ihre Stellung im System der Wissenschaften untersuchen, so finden wir folgendes geltend gemacht:

Die Ästhetik sei eine psychologische Wissenschaft; dahin gehörten ihre Gegenstände und Methoden. Das Schöne ist nach SEGAL in erster Linie ein Erlebnis und als solches Gegenstand der Psychologie. Die Eigentümlichkeit des ästhetischen Zustandes kann darum nur durch psychologische Analyse und einen Vergleich mit außerästhetischen Zuständen gefunden werden. Auch die Ursachen des ästhetischen Zustandes können nur psychologisch bestimmt werden. Die sogenannten ästhetischen Werte sind ihm nur Schätzungen subjektiver Art, aus psychologisch feststellbaren Wertungen, unserem Anerkennen und Verwerfen, unserem Gefallen und Mißfallen hervorgegangen. Allgemeingültige Normen, nach denen wir uns zu richten hätten, objektive Werte, die wir trotz unseres Mißfallens anzuerkennen hätten, gibt es auf ästhetischem Gebiet nicht. Schön ist, was gefällt, schöner, was vorgezogen wird. Normen sind bestenfalls psychische Naturgesetze, für das, was gesetzmäßig (Verschiedenen Verschiedenes) gefällt.

Alles, was hier hervorgehoben wird, zeigt doch nur, daß die Psychologie an der Ästhetik nicht unbeteiligt ist, aber nicht, daß sie schlechthin in Psychologie aufgeht. Sobald wir zwischen gutem und schlechtem Geschmack, zwischen grober und feiner Empfänglichkeit, zwischen richtigem und unrichtigem ästhetischen Urteil scheiden, überschreiten wir die Grenzen der Psychologie. Das Werten fällt gewiß hinein, aber nicht die Beurteilung des Ergebnisses einer solchen Wertung als eines richtigen oder unrichtigen. Nun kann man freilich dadurch einen Ausweg zu finden suchen, daß man von vornherein nur den Geschmack einer ästhetisch gebildeten Minderheit zum Ausgangspunkt für die psychologisch-ästhetischen Untersuchungen macht. Aber damit wird das Problem nur zurückgeschoben. Um zu bestimmen, wer zu einer solchen Minderheit gehört, muß man doch schon eine Norm oder Wertskala zur Verfügung haben. Außerdem kann die Minderheit auch irren. So wichtig es ist, die wirklichen Wertungen kennen zu lernen, damit ist doch die ganze Aufgabe der Ästhetik noch nicht bezeichnet.

Daß die psychologische Ästhetik noch in anderer Richtung ihre Grenzen hat, ist namentlich von >MEUMANN behauptet worden. Er weist auf die objektive Ästhetik hin, die von den Werken der Kunst und der schönen Natur ausgeht und sie im Sinne SEMPERs vergleichend-genetisch betrachtet. Zu dieser Richtung sind auch CORNELIUS, VOLKMANN, WAETZOLD und VOLL zu rechnen. Einer vergleichend-ethnologischen Methode huldigen E. GROSSE und WUNDT. Schließlich ist Raum genug für eine kulturhistorische Würdigung. Unter ästhetischer Kultur versteht MEUMANN die geschmackvolle Durchbildung unserer gesamten Daseinsform; so erfaßt die ästhetische Kultur Körper und Kleidung, Haus und Garten, samt allem Werkzeug. Danach unterscheidet MEUMANN vier Aufgaben der Ästhetik: Einmal eine Psychologie des ästhetischen Genießens, sodann eine Psychologie des künstlerischen Schaffens, ferner die Theorie der Künste, schließlich eine Lehre von ästhetischer Kultur.

Zusammengefaßt werden diese Aufgaben in eine Lehre vom ästhetischen Verhalten, als eines eigenartigen Verhaltens von Menschen zur Welt, in eine Wissenschaft auch von den Produkten dieses Verhaltens. Wie man sieht, wird dadurch die Ästhetik als Geisteswissenschaft bestimmt, der die Psychologie eine Fülle von Tatsachen und Forschungsmitteln erschließt.

Aus den oben erwähnten Gründen gilt anderen Denkern die Ästhetik geradezu als Wertwissenschaft, die Normen aufstellt. Maßgebend wären diese Normen für das ästhetische Urteil (eben für eine besondere Art von Werturteilen), richtunggebend auch für das künstlerische Schaffen, das wertvolle Werke wirken will. Sie machen geltend, daß eine streng psychologische Ästhetik ein Unding sei, da sie alle ästhetischen Urteile und Erzeugnisse als gleichwertig behandeln müßte. Sie weisen darauf hin, daß die ästhetischen Urteile selbst noch wieder bewertet werden müsen und nicht einfach als letzte Data hinzunehmen sind. Ebenso betonen sie, wie Naturschönheit und Kunstwerke von sehr verschiedenem ästhetischen Wert sind. Mögen diese Werte auch dem entwicklungsfähigen Kulturmenschen erst mit der Zeit aufgehen, so ändert das nichts an der Aufgabe, die üblichen Schätzungen auf letzte Normen zurückzuführen. Einen solchen Maßstab sucht VOLKELT in den Grundbedürfnissen der menschlichen Natur. Er glaubt davon folgende ausmachen zu können: wir verlangen nach gefühlerfülltem Anschauen, nach Ausweitung unseres fühlenden Vorstellens, nach Herabsetzung des Wirklichkeitsgefühls. Freilich scheint mir damit nicht viel gewonnen zu sein. Diese Angaben sind zu unbestimmt und lassen ganz verschiedene Urteile über denselben Eindruck als gleichberechtigt erscheinen. Was dem einen gefühlerfüllte Anschauung vermittelt, läßt den anderen ganz kalt. Mit solchen Normen haben wir kein Mittel gewonnen, um die verschiedenen Urteile über dieselben Werke selbst wieder bewerten zu können.

Ein anderer Weg, um Normen zu begründen, ist die Analyse der tatsächlichen Werturteile, die über Kunstwerke gefällt werden. Dabei wält man zweckmäßig vielfach anerkannte, sorgfältig begründete, auf genauer Beobachtung beruhende Werturteile, wie sie in den Kritiken von Berufenen vorliegen. Damit ist noch nichts über die Richtigkeit ihrer Urteile ausgemacht; aber es entspricht einer verständigen Gewohnheit, sich mehr an die Urteile geübter Sachverständiger zu halten, als an die beliebige Meinung unerfahrener Laien. Die vergleichende Analyse solcher Kritiken ist leider noch fast gar nicht in Angriff genommen worden. Man wird an SCHILLERs Besprechung des  Egmont  denken und sich fragen, ob in anderen Kritiken großer Rezensenten gleiche Prinzipien vorausgesetzt werden.

Auch ein anderes Verfahren der Normergründung, die Analyse hervorragender Kunstwerke, ist noch wenig angewandt worden. Hier müßte es gleichfalls möglich sein, durch vergleichende Analyse gewisse letzte Prinzipien aufzufinden und Werte, die von den Künstlern realisiert worden sind.

Die ästhetischen Objekte sind uns um ihrer selbst willen wert. Ihr Eigenwert wird im ästhetischen Verhalten auf sie gelegt, wo empfängliches Interesse und Gefallen sich ihrer merklichen Beschaffenheit zuwendet. Sicher hat solche Wertung sich einmal entwickelt. Was uns anfangs Fremdwert war, ist schließlich Eigenwert für uns geworden. Dem ästhetisch Unerzogenen ist heute noch die Nebenwirkung der schönen Dinge wert; er sucht im Roman Unterhaltung, Belehrung, im Theater die Ausspannung. Wir aber messen den ästhetischen Gegenständen unbedingten Wert zu. Das bedeutet: wir bezeichnen einen solchen Gegenstand als absolut wertvoll, sofern er das ideale ästhetische Verhalten befriedigt. Alle anderen Verhaltungsweisen sind dann unmaßgeblich. Die Frage freilich ist, ob es ein einziges ideales Verhalten gibt oder ob nicht vielmehr individuelle Verwirklichungen verschiedener Spielart anerkannt werden müssen.

Andere Denker neigen hingegen zu der Meinung: Weil die Schönheit ein Wert ist, darum wird sie erstrebt; sie hat nicht dadurch einen Wert, daß sie erstrebt wird. Weil das Kunstwerk schön ist, gefällt es; es ist nicht schön, weil es gefällt. Der Wert ginge so der subjektiven Anerkennung voraus. Ein solcher Wert kann aber nur metaphysisch erklärt werden. Die bloße Tatsache, daß solche Werte anerkannt und verehrt werden, reicht nicht aus, um ihre Objektivität sicher zu stellen. Metaphysische Zurückführung auf ein absolutes Subjekt sollte aber nur da versucht werden, wo alle anderen Deutungsversuche versagen. Auf dem Gebiet der Ästhetik ist es mißlich, daß es kaum einen Gegenstand geben dürfte, der nicht dem mißfallen, jenem gefallen kann, ohne daß man die Urteilsabweichung immer auf Unachtsamkeit, Verständnislosigkeit und Stumpfheit zurückführen kann. Nur die Erfahrung kann zeigen, wieweit prinzipiell konstante Gegenstandsbeschaffenheiten bestehen, denen positive oder negative Wertungen stets entsprechen. Denn wenn Objekte überhaupt als Bedingungen der Wertung gelten sollen, dann müsen gleiche Bedingungen gleichen Einfluß üben. Dann aber reicht unsere Erklärung des vollkommenen und reinen idealen Verhaltens als Wertquelle aus. Wir können uns dazu verstehen, der Schönheit einen objektiven Wert zuzuschreiben. Wir binden ihn an objektive Korrelate idealer positiver Wertungen, deren potenzieller Wert nicht verloren geht, wenn sie einmal ohne empfängliche Betrachter sind.

Wenn so in der Ästhetik die Gesichtspunkte der Wertwissenschaft an ihrem Ort mit Sinn angewandt werden, so braucht die Ästhetik doch nicht von vornherein absolute Werte und allgemeingültige Wertungen  vorauszusetzen.  Es genügen hypothetische Bestimmungen über den ästhetischen Wert und das wertende Verhalten. Innerhalb dieser Grenzen ist Allgemeingültigkeit möglich. Die Voraussetzung eines idealen ästhetischen Verhaltens ist dazu wichtigste Bedingung.


IV. Die Methoden der Ästhetik

Erfahrungen und Beobachtungen zur unmittelbaren Feststellung des ästhetischen Verhaltens führen dessen Untersuchung zunächst zu den subjektiven Methoden der Psychologie. Diese Wissenschaft hat sich erst erfolgreicher entfaltet, seit sie empirisch, d. h. mit induktiven Verfahren aufbaut. Die Ästhetik beginnt in ihrem psychologischen Teil mit Beobachtungen. Die Beobachtungen richten sich auf das determinierte ästhetische Verhalten. Dessen Störungen oder Herabsetzungen bleiben für die Ästhetik außer Betracht. Die qualitative Aufgabe ist dabei Beschreibung der im ästhetischen Verhalten gegebenen Erscheinungen, eine quantitative Aufgabe die Untersuchung des Einflusses, der den einzelnen Elementarerscheinungen für die Gesamtverfassung und für die ästhetische Wirkung zukommt. Nun wäre unsere Forschung sehr beschränkt, wenn sie lediglich auf zufällige und gelegentliche Beobachtungen gegründet wäre, wenn sie sich gar mit den Erlebnissen des untersuchenden Ästhetikers begnügte. Wir dürfen es nicht einfach dem Lauf der Dinge überlassen, ob er uns Gegenstände der Beobachtung über den Weg führen wird. Über Zufälligkeit und Individualität der Ergebnisse kann man zunächst dadurch hinauskommen, daß man Beobachtungen sammelt. Als die Dresdner und die Darmstädter Madonna von HOLBEIN zusammengestellt waren und die Echtheitsfrage aufgeworfen wurde, legte FECHNER ein Buch aus und ließ die Besucher über beide Werke ihr Urteil einzeichnen. So sammelte er vergleichbare Beobachtungen. MARY CALKINS legte 450 Versuchspersonen verschiedenen Alters drei Bilder vor, die gewisse charakteristische Unterschiede zeigten. Das eine war durch Färbung ausgezeichnet, das zweite durch zeichnerische Form und Umriß, das dritte durch einen Ausdruck. Sie sammelte die Vorzugsurteile und berechnete sie statistisch. Dabei ergab sich z. B., daß Kinder von sechs Jahren in 88% aller Fälle dem farbigen, Erwachsene in 60% der Fälle dem formschönen Bild den Vorzug gaben.

Über das Sammeln von Beobachtungen erhebt sich die experimentelle Methode dadurch, daß sie das Material von seiner zufälligen Beschaffenheit unabhängig macht und darum schon bei der Beobachtung selbst viel zuverlässiger und kritischer vorgeht. Das Material wird nach verschiedenen Gesichtspunkten variiert und gesichtet, die Versuchspersonen werden gewählt, geschult und kontrolliert. Dabei gibt es zwei Formen des Experiments, ein inneres und ein äußeres. Willkürlich hergestellt und variiert werden können ästhetische Eindrücke zunächst in der Phantasie. Man kann sich beliebige Raumformen, Konfigurationen und Elemente davon vorstellen, sie als mehr oder minder gefällig und wertvoll beurteilen. Dieses innere Experiment übt wohl gelegentlich einmal ein Künstler, der Einfälle prüfend vergleicht. Auch der Ästhetiker kann der Phantasie nicht entraten; er muß sich, so gut es gehen will, in die Seele empfänglicher Menschen, wohl auch schaffender Künstler hineinversetzen. Das äußere Experiment hat den Vorteil, von der Vorstellungsfähigkeit unabhängig zu machen, die ja individuell sehr verschieden ausgeprägt ist. Nach einigen Anfängen in der englischen Ästhetik des 18. Jahrhunderts hat es FECHNER zuerst mit vollem Bewußtsein der Tragweite durchgeführt.

Alles bisher bewährten experimentellen Methoden arbeiten mit der relativen Bevorzugung oder Zurücksetzung von Eindrücken, die zur Wahl stehen. Eindrucksmethoden zur Untersuchung des empfänglichen Verhaltens verwenden teils konstante, teils variable Eindrücke. Konstante Eindrücke erlauben Methoden der einfachen und mehrfachen Wahl, die Reihenmethode, die Methode der paarweisen Vergleichung. Die Variation der Eindrücke kann sich kontinuierlich oder diskret ändern; sie kann endlich auch Zeitvariation sein. Die von ferne auf das aktive ästhetische Verhalten gerichteten Herstellungsmethoden lassen unter bestimmten ästhetischen Gesichtspunkten Eindrücke aus gegebenen Elementen frei erzeugen. Die Ausdrucksmethoden registrieren die unter dem Einfluß des ästhetischen Verhaltens auftretenden Bewegungserscheinungen, Puls und Atmung. FECHNER hat drei Methoden vorgeschlagen: Wahl, Herstellung und Verwendung; eigentlich experimentelle Methoden sind aber nur die ersten beiden, weil sie eine willkürliche Variation zulassen. Die Methode der Wahl hat WITMER vervollkommnet, von mir ist die Reihenmethode hinzugestellt worden. COHN hat, wie vor ihm schon WITMER, paarweise vergleichen lassen. MARTIN hat die Methode der kontinuierlichen Änderung eingeführt, ich die Zeitvariation. Alle diese Methoden haben in relativer Wertordnung das Gefälligere dem weniger Gefälligen gegenübergestellt; unbestimmt bleibt es, inwiefern sich absolutes Wohlgefallen oder Mißfallen daran knüpft. In neuester Zeit hat man sogar eine absolute Wertskala einzuführen versucht (MAJOR, MARTIN, SEGAL, BAKER). Man empfahl den Versuchspersonen die Werturteile: sehr, mäßig, eben gefällig; indifferent; eben, mäßig, sehr mißfällig. Diese scheinbar absolute Wertbestimmung ist tatsächlich auch nur relativ; sie hat nur Geltung für die augenblickliche Stimmung, für die gegebenen Objekt. Streng durchgeführt reißt sie die Objekte aus dem Zusammenhang und macht dadurch gerade die Vergleichbarkeit aller Glieder einer Reihe, den Vorteil der Methode illusorisch.

Die Methoden der Herstellung und der einfachen Wahl sind insofern am einfachsten, als sie nur einen Wert ergeben. Dieser wird entweder aus gegebenen Elementen willkürlich hervorgebracht oder aus einer Anzahl ähnlicher Objekte ausgesucht. Man kann z. B. den gefälligsten Rhythmus, die gefälligste Form eines Kreuzes, eines Rechtecks, die gefälligste Farbenkombination, das gefälligste Tonintervall herstellen; wenn man nur einen geeigneten Apparat zur stetigen Veränderung der gebrauchten Elemente zu Verfügung hat. Andere Werte außer dem gefälligsten lassen sich nach diesen Methoden schwerlich gewinnen. Sobald man, wie FECHNER, viele Versuchspersonen an derselben Reihe wählen läßt, erhält man durch Verteilung der Werte eine Art von Maß für die durchschnittliche Gefälligkeit. Dabei bleibt es aber fraglich, wie die Nebenwerte zu qualifizieren sind. Die Methode der Wahl ist jedenfalls auf die Fälle beschränkt, wo die ganze Reihe auf einmal dargeboten werden kann, wie beim Gesichtssinn. Ein Versuch zur besseren Ausnutzung der Wahlmethode ist die Reihenmethode. War die Reihe der Wahlobjekte anfangs nach irgendwelchen objektiven Gesichtspunkten geordnet, so verlangt die Versuchsaufgabe, sie nun in eine Wertreihe umzuwandeln. Diese hat dann lediglich relative Bedeutung. Trotz des Wechsels der absoluten Gemütslage kann die relative Stellung der einzelnen Glieder in der Wertreihe erhalten bleiben. Die Reihenmethode ist am besten als eine sukzessive, die ganze Reihe hindurch fortgesetzte Methode der Wahl zu behandeln. Aufgrund ihrer Ergebnisse lassen sich Kurven konstruieren, die alle Werturteile nach willkürlicher Skal den Größenverhältnissen zuordnen. Die Methode, paarweise zu vergleichen, beruth auf der Gegenüberstellung von nur zwei miteinander gefühlswertig vergleichbaren Objekten. Insbesondere die ästhetische Prüfung von Farbenkombinationen drängte zu diesem Verfahren, weil in einer umfassenderen Reihe die einzelnen Glieder einander mannigfach beeinflussen würden. Jedes Glied muß mit jedem anderen verglichen werden, was eine übergroße Anzahl von Kombinationen ergibt. Diese Methode ist ersichtlich umständlicher, als die Reihenmethode und bei einer größeren Anzahl von Elementen nicht mehr durchführbar.

Meine Methode der zeitlichen Variation versucht, ästhetische Eindrücke von zeitlich begrenzter Dauer einwirken zu lassen. Mit einem Projektionsapparat werden Bilder auf einem Schirm entworfen. Die Versuchsperson sitzt im Dunkelzimmer. Die begrenzte Dauer der Exposition wird durch einen photographischen Momentverschluß hergestellt. Der Gedanke, von dem diese Methode ausgeht, ist die Tatsache, daß ästhetisches Verhalten Zeit braucht, um sich in seinen einzelnen Phasen entwickeln zu können. Man kann diese Stadien daher isolieren, wenn man den Eindruck 1, 2 oder mehrere Sekunden lang enthüllt. Hier lassen sich komplexe Kunstwerke verwenden; man kommt dadurch dem wirklichen ästhetischen Verhalten näher. Voraussetzung für die Benutzbarkeit dieser Methode ist die Erlesenheit der Versuchspersonen, ihre Fähigkeit zu treuen, zuverlässigen und reichen Aufgaben über ihre Erlebnisse und Beobachtungen. Man kann so eine unmittelbare ästhetische Wirkung von einer mittelbaren scheinden und ausmachen, welchem ästhetischen Typus die Versuchspersonen angehören.

Welche Methode die beste ist, läßt sich a priori nicht sagen; das läßt sich nur in Vorversuchen erfahren. Die Schwierigkeit bei all diesen Experimenten liegt im Hineinspielen des assoziativen Faktors. Bei Rechtecken reproduziert man die Vorstellung von Visitenkarten oder Bücherformaten. Das Gefallen und Mißfallen an solchen Vorstellungen bestimmt aber das Urteil mit. Eine besondere Methode zur exakten Untersuchung der mittelbaren ästhetischen Wirkung gibt es noch nicht; es fehlt hier sehr an genaueren Bestimmungen. Umso mehr ist die Differenzierung der Aufgaben vonnöten; dazu aber verfeinerte Selbstbeobachtung, damit festgestellt werden kann, welche Gesichtspunkte für das Urteil maßgebend waren. Es muß aufgezeichnet werden, ob eine Erinnerung an bekannte Gegenstände oder ein Wissen von solchen mitgewirkt hat, ob einem der Gegenstand wert war, dessen man sich erinnert hat. Man muß erfahren, ob das Gefallen etwa an einer Farbe einen Umweg über eine Stimmung gemacht hat. Trompetenschall kann einem Soldaten gefallen. Zeichen, Farben und Formen können als Symbole gewirkt haben. Auch über die Einwirkung sympathischer Einfühlung auf das Urteil kann nur die Selbstbeobachtung Auskunft geben. Große Aussichten hat vielleicht eine Methode, die einfache Gegenstände experimentell mit komplexen Werken vergleicht.

Die vergleichende Methode ergänzt die experimentelle da, wo es sich um komplexe Gegenstände handelt, die sich nicht mit experimentellen Mitteln variieren lassen. Man vergleicht etwa die musikalischen Vertonungen desselben Gedichts, man legt nebeneinandner ZELTERs, SCHUBERTs und LÖWEs Komposition des Erlkönigs. LUDWIG VOLKMANN hat Kunstwerk und Naturobjekt miteinander verglichen. Diese vergleichende Methode kann nicht so sehr über Gefallen oder Mißfallen Aufschluß geben, als vielmehr über das Verhältnis der einzelnen Faktoren des ästhetischen Eindrucks zueinander, über die Zusammenhänge von Form und Gehalt, von Ausdruck und Darstellungsmittel. Aber nicht nur die Gegenstände können dieser vergleichenden Methode unterworfen werden, sondern auch Urteile. Man läßt über dasselbe Objekt zu verschiedenen Zeiten urteilen und prüft, worauf der Unterschied im Verhalten beruth. Einmal wird der Zustand als konstant vorausgesetzt, einmal das Objekt. Die systematische Durchführung dieser objektiven Methode verspricht sehr wichtige Ergänzungen zu den subjektiven Methoden. Sie faßt die Urteile und Gegenstände als Äußerungen des ästhetischen Verhaltens auf, um von ihnen auf ihren Ursprung im Erlebnis zu schließen und so die gesetzmäßigen Zusammenhänge nachzuweisen, die zwischen den Bestandteilen der Objekte und den Zuständen obwalten, zwischen Absicht und Ausführung, Material und Gestaltung.

Aber wir können uns nicht auf diese objektive Methode allein verlassen. Sie kann nicht, wie die experimentellen Verfahren, Reihen vergleichbarer Gegenstände willkürlich herstellen. Sie kann nicht einzelne Momente eliminieren, gewisse Linien aus vergleichbaren Gestalten künstlich streichen. Sie kann nicht variable Momente stufenweise ändern, nicht verzerren und verzeichnen, wo es erwünscht ist, nicht Klänge verfärben, wo das Aufschluß verspricht.

Von einer historischen Methode hat DILTHEY geredet; doch kann das nicht im eigentlichen Sinne verstanden werden, da die historische Untersuchung an sich nichts über die ästhetische Bedeutung eines Tatbestandes entscheidet. Gewiß hilft sie zur Ergänzung des Materials, sonst aber hat die Kunstgeschichte Aufgaben und Methoden außerhalb der Ästhetik, die ihrerseits Hilfsdienste der Nachbarwissenschaft nicht versagt. Die Richtung, die TAINE und GROSSE eingeschlagen haben, um durch eine vergleichende Betrachtung der Kunstentwicklung über Wesen und Bedingungen der Kunst ins Klare zu kommen, ist nicht historische Methode, sondern eben vergleichendes Verfahren in unserem Sinne, ermöglicht durch die Ergebnisse der Kunstgeschichte. Aussagen der Künstler vergangener Zeiten über ihr Schaffen, die so wertvoll sind, überliefert der Geschichtsforscher treulich, der Ästhetiker aber erschließt sie dem Verständnis mit psychologischer Methodik.

Auch eine genetische Methode, die eine Entwicklungsgeschichte des ästhetischen Verhaltens schreiben will, kann nur ausgebaut werden, wenn mit den anderen Methoden der Ästhetik vorgearbeitet worden ist. Ob bei den Tieren Spuren ästhetischen Verhaltens vorliegen und wie es sich bei Naturmenschen und Kindern damit verhält, werden wir erst dann erkennen und würdigen können, wenn wir bereits das voll ausgebildete ästhetische Verhalten bei uns selbst nach seinen Möglichkeiten und Formen kennen gelernt haben. Man kann nicht einfach die Methoden der physiologischen Entwicklungsgeschichte nachahmen.

Ein deduktives Verfahren ist keine Methode der Forschung, sondern eine Methode der Darstellung gesicherter Ergebnisse. Ihr strebt jede Wissenschaft zu, weil nur so eine logisch befriedigende und überzeugende Kette von Voraussetzungen und Beweisen geschaffen werden könnte.

Unter den Mitteln, mit denen sich Erfahrungen sammeln lassen, sei schließlich noch des Fragebogens gedacht. So leicht er anzuwenden scheint, sobald ist er auch mißbraucht. Es ist nur Spielerei, alle namhaften Künstler mit der Frage anzufallen, welches sie für die schönste Oper halten. Der Fragebogen enthält nur Fragen in größerer Anzahl; seine wissenschaftlich brauchbare Beantwortung kann nur von gewissenhaften, sachkundigen, gleichwertigen Personen vorausgesetzt werden. Darum ist Aufstellung und Versendung eines Fragebogens eine schwierige Aufgabe. Man darf nur fragen, was sich ohne eingehende Untersuchung beantworten läßt. Fragen müssen so gefaßt sein, daß sich eine klare und bestimmte Antwort geben läßt. Ferner müsen die Personen, die zur Beantwortung ausersehen werden, nicht wild und zufällig gewählt sein. Nur ihre Gleichwertigkeit ermöglicht eine statistische Auswertung der Antworten. Andererseits dürfen sie nicht allzu gleichartig sein, damit die Antworten kein einseitiges Bild entwerfen. Auch muß die Anzahl der Personen groß sein; sonst lassen sich keine Wahrscheinlichkeitsschlüsse ziehen. Alle Bedingungen werden sich praktisch selten erfüllen lassen, so daß Vorsicht und Mißtrauen hier zur Pflicht werden.

In neuester Zeit hat die phänomenologische Methode wachsenden Einfluß gewonnen, ein Kreis von Forschern hat sich zu ihrer Ausbildung verbunden. Die phänomenologische Methode ist ursprünglich eine Analyse der Bedeutungen, dessen, was in Begriffen gedacht und in Urteilen behauptet wird. Das Ziel der Analyse liegt in der vollständigen Klärung der Bedeutung; d. h. in der adäquaten Erfüllung der Intentionen, in der Zurückführung auf letzte, einfache Tatbestände, die als Anschauungen gelten und mit der Anschauungsgewißheit, mit Evidenz erlebt werden. Eine solche Phänomenologie ist nicht einfach Beschreibung, deskriptives Verfahren, das sich mit ungeklärten Ergebnissen begnügt. Die Bedeutungsanalyse leistete der Logik und der Psychologie treffliche Dienste, soweit beide mit Bedeutungen zu tun haben.

Neuerdings wurde dann die phänomenologische Methode auch auf andere Gegenstände ausgedehnt. Im Prinzip kann ja jedem Gegenstand gegenüber die Frage aufgeworfen werden, was wir mit ihm meinen. Nicht nur die Bedeutung seiner Bezeichnung, sonder er selbst als Gegenstand der Wahrnehmung, der Erinnerung, der Phantasie kann analysiert werden. Auch hier haben wir es mit dem gedachten und insofern idealen Objekt zu tun. Das Naturobjekt, das Kunstwerk, das Erlebnis des Gefühls oder Willensaktes - all das kan in gleicher Weise geklärt und auf letzte Evidenzen zurückgeführt werden. In diesem Sinne hat CONRAD die Phänomenologie des ästhetischen Gegenstandes entwickelt, d. h. des musikalischen, poetischen, bildnerischen Gegenstandes.

Die Mängel der phänomenologischen Methode bestehen in der individuellen Natur ihrer Ergebnisse. Ob jeder andere dieselbe Intention und adäquate Anschauung hat, steht nicht fest. Zweifellos ist die Meinung bei solchen Gegenständen, zumal wenn sie allgemein sind, durch Mitteilung und gleichartige Erfahrung ein stark sozial gefärbtes Produkt. Aber individuelle Differenzen lassen sich nicht prinzipiell ausschließen, wo es sich um eine individualpsychologische Tatsache handelt und Eigenbeobachtung über ihren Gehalt entscheiden soll. Beengt ist die phänomenologische Methode durch die rein deskriptive Natur ihrer Ergebnisse. Indem eine Meinung erklärt wird, ist über deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit, Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nicht entschieden. Ebensowenig ist die Klärung eine Erklärung; sie bringt keinen Aufschluß über Entstehung und Bedingungen einer Meinung.

Der ästhetische Gegenstand ist nur ein besonderer Gegenstand unter Voraussetzung eines ästhetischen Verhaltens. Jeder Gegenstand kann darum auch ästhetischer Gegenstand werden, keiner braucht es zu sein. Es ist deshalb unerläßlich, auf das ästhetische Verhalten einzugehen, sonst ist man in der Analyse des ästhetischen Gegenstandes führerlos. Das zeigt sich auch bei CONRAD. Die genaue Aufzählung aller Einzelheiten einer Melodie, eines Verses, eines Ornaments kann für den ästhetischen Gegenstand ganz irrelevant sein. Andererseits frägt es sich, ob die einzelnen Phasen des ästhetischen Verhaltens, die Kontemplation, die Einfühlung, die >Wertung nicht vielleicht verschiedene Gegenstände haben. So bietet CONRAD einerseits zu viel, andererseits zu wenig.

Man kann den ästhetischen Gegenstand auch definieren als den Gegenstand, der eine ästhetische Wirkung ausübt oder auzuüben geeignet ist. Dabei darf man nicht übersehen, daß der Gegenstand nicht allein für die ästhetische Wirkung in Betracht kommt, sondern muß bedenken, daß auch der Zustand dafür wesentlich ist. Die Abgrenzung zwischen beiden kann nur so erfolgen, daß man zum Gegenstand alles rechnet, was vom Erlebenden getrennt, ihm gegenübergestellt werden kann.

Man unterscheidet zwischen selbständigen und unselbständigen Gegenständen. Jene bedürfen für ihr Dasein keines anderen Gegenstandes, diese dagegen bedürfen eines solchen. Jene sind Dinge, Objekte, diese deren Eigenschaften, Vorgänge, Zustände, Beziehungen. Dabei kann es unselbständige Gegenstände erster und zweiter Ordnung geben, insofern auch die Eigenschaften untereinander wieder in Beziehungen stehen. Im ästhetischen Verhalten können nun alle Formen des Gegenstandsbewußtseins beteiligt sein: Wahrnehmung, Erinnerung, Phantasie, Denken. Am wenigsten sichergestellt ist die ästhetische Wirkung der Denkgegenstände als selbständiger Gegenstände. Darin liegt die relative Berechtigung der Behauptung, daß die ästhetischen Gegenstände anschaulich sein müßten. Jedenfalls brauchen wir einem solchen Reichtum gegenüber außer der phänomenologischen Methode alle oben dargetanen Verfahren.

MORITZ GEIGER legt im Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung dar, daß die Gegenüberstellung "Induktiv" und "Deduktiv" keine vollständige Disjunktion sei. Die Induktion ist ihm nur eine Methode, auf Grund von Tatsachen zu Erkenntnissen zu kommen. Der Satz "Orange liegt in der Farbenreihe zwischen Rot und Gelb" ist nicht durch Induktion, durch Verallgemeinerung gewonnen; einmaliges Anschauen überzeugt, daß diese Beziehung ein für allemal gilt, daß sie gelten muß, daß es sich hier um Wesensgesetzlichkeit handelt, daß es gar nicht anders sein kann. Durch Einsicht in das allgemeine Wesen solcher Beziehungen an Hand des einzelnen Falles ist hier Erkenntnis möglich. Intuition, nicht Induktion hat dazu geführt. Auch hier kann das Experiment unterstützend eingreifen, aber nicht das induktive, bei dem aus den Aussagen der Versuchspersonen das Resultat gewonnen wird, sondern das intuitive, bei dem das Experiment nur die Aufgabe hat, die Tatbestände herzustellen, an denen die allgemeine Gesetzlichkeit einsichtig wird (ähnlich wie bei der Zeichnung in der Mathematik). Hier interessiert nicht die Fülle zufälliger individueller Erlebnisse, sondern die Wesensbestimmtheit der Phänomene.

Unleugbar besteht solche Intuition, wie GEIGER sie scharfblickend hervorhebt. Man darf nicht vergessen, daß Induktin und Deduktion Schlußweisen sind und daß sie die Sicherheit dessen, woraus geschlossen wird, voraussetzen. Die Axiome, die Träger eines deduktiven Lehrgebäudes, können nicht selbst wieder deduziert werden und eine Gewinnung durch Induktion würde ihnen die Gewißheit rauben, die sie besitzen müssen. Für diese Axiome ist darum sehr früh eine unmittelbare Einsicht, eine Intuition geltend gemacht worden. Aber auch die Voraussetzungen der Induktion sind Wahrheiten, Tatsachenwahrheiten. Die phänomenologische Methode wendet nun die Intuition auf solche Tatsachenwahrheiten an, indem sie den qualitativen Bestand einer Erscheinung genau festzustellen sucht und sich dabei auf ihr Wesen beschränkt. So abstrahiert sie von den individuellen Besonderheiten des zu erfassenden Zustandes und Gegenstandes bei ästhetischem Verhalten und sucht nur deren große bleibende Züge zu bestimmen. Sie unterscheidet etwa einen ästhetischen vom außerästhetischen Genuß, die Lust vom Wert, den Genuß vom Gefallen und sucht überall die Merkmale anzugeben, die einen solchen Tatbestand charakterisieren. Wiederholte Versenkung in dasselbe Phänomen, Wechsel in seiner Vergegenwärtigung (Wahrnehmung - Vorstellung - innere Konstruktion), Einstellung auf das Wesen gehören zur regelgerechten Anwendung der Methode, die an geschauten Tatsachen ihre natürliche Kontrolle findet. Von der psychologischen Untersuchung unterscheidet sich die phänomenologische nur dort streng, wo jene induktiv verfährt, wie bei Durchschnittsberechnungen, Aufstellung von Tabellen, von quantitativen Gesetzmäßigkeiten. Dagegen ist die psychologische Einzelbeobachtung, die doch die Grundlage zu solchen Induktionen bildet, ihrem Wesen nach nicht von der phänomenologischen Forschung verschieden, nur daß diese sich auf die notwendigen Züge beschränkt und eine viel eindringendere Beobachtung vornimmt. Die phänomenlogische Forschung nähert sich dem inneren Experiment, sofern sie die Phänomene, die sie beobachten will, durch phantasiemäßige Konstruktion herstellt und dem äußeren Experiment, sofern sie es durch Reize erzeugt. Sie findet ihre natürlichen Grenzen an den sogenannten Zufälligkeiten, an den inviduellen Unterschieden von Zustand und Gegenstand, an den quantitativen Beziehungen, an nur induktiv erkennbaren Gesetzmäßigkeiten und an den feinsten Differenzen, die sich der Schauung nicht mit Sicherheit enthüllen. So bildet die phänomenologische Methode eine Ergänzung der empirischen Methoden zur Erforschung des ästhetischen Verhaltens.
LITERATUR - Oswald Külpe, Grundlagen der Ästhetik, Leipzig 1921