ra-2K. C. PlanckM. SalomonE. BelingBolligerR. Loening    
 
GERARD HEYMANS
(1857-1930)
Zurechnung und Vergeltung
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Fünfter Artikel

"Das Leben in Kreisen, in denen die Sittlichkeit als eine lächerliche Schwäche verspottet, der raffinierte Egoismus dagegen als die wahre Lebensweisheit erhoben wird, hebt einerseits die egoistischen Motive für die Unterlassung unmoralischer Handlungen, die Furcht vor der öffentlichen Meinung und dgl. auf, führt aber auch andererseits dazu, daß man das unsittliche Handeln nach und nach als etwas Natürliches, Selbstverständliches betrachten lernt, das sich gar nicht anders denken läßt."

"Der größte Egoist kann sehr wohl herzlich wünschen, ein braver Mann zu sein, ja er müßte buchstäblich ein Teufel sein, um es nicht zu wünschen. Sein Wunsch nach Befriedigung seiner Leidenschaften usw. ist aber noch kräftiger, das zeigt er eben in seinem Handeln: zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl und er hat sich für das erstere entschieden. Ist nun aber später der Genuß vorüber und sind die Gewissensbisse eingetreten, so ist es kein Wunder, jedenfalls aber kein Zeichen wirklicher Besserung, daß ihm die Erinnerung an die Vergangenheit Schmerz verursacht: er würde eben, hätte er die Handlung nicht begangen, jetzt besser dran sein; wenn aber der gleiche Genuß noch einmal um denselben Preis zu kaufen wäre, würde er bei gleich klarer Vorstellung der Motive nicht anders handeln als zuvor."


Zweiter Artikel

Es darf also a priori vorausgesetzt werden, daß auch die Erscheinungen des menschlichen Wollens sich auf elementare, konstante Kräfte werden zurückführen lassen, daß also ein jeder bei vollständiger Selbsterkenntnis zwischen Vorstellungen gewisser Art und Strebungen von bestimmter Intensität einen festen, unveränderlichen Kausalnexus würde nachweisen können. Es gilt nur, diese elementaren Kräfte, deren qualitative und quantitative Beschaffenheit SCHOPENHAUER bekanntlich im Kollektivum  Charakter  zusammenfaßte, ausfindig zu machen. Da stellt es sich dann bald heraus, daß diejenigen Qualitäten, welche man im täglichen Leben Charaktereigenschaften nennt, also etwa Geiz, Rachsucht, Neid, wie die entgegengesetzen Tugenden, hierzu vollständig ungeeignet erscheinen. Denn erstens findet man schon bei genauerem Nachsinnen, daß die meisten derselben keineswegs elementar, vielmehr aus anderen - wie z. B. die Dankbarkeit und die Rachsucht aus Egoismus und Gerechtigkeit - zusammengesetzt sind; zweitens aber sind sie auch gewiß nicht konstant, sondern durch Erziehung, Lebenserfahrung usw. entstanden; können aber später wieder durch solche Einflüsse aufgehoben oder vermindert werden. Es ist wohl hauptsächlich dieser Umstand, - die Verwechslung also desjenigen, was man im täglichen Leben und was SCHOPENHAUER unter "Charakter" verstand, - welcher so viele dazu verführt hat, die Unveränderlichkeit der Charaktere als etwas der täglichen Erfahrung Widersprechendes zu verneinen. (1) Fragt man nun aber weiter, worin denn die Verbesserung oder Verderbung der Charaktere besteht und unter welchen Bedingungen dieselbe stattfindet, so stellt sich leicht heraus, daß man dabei doch immer wieder gewisse konstante Kräfte voraussetzt und daß die angebliche Charakteränderung nur auf eine Motivänderung hinausläuft; - das heißt also, daß der ethische oder Genußwert bestimmter Vorstellungen im Laufe des Lebens nicht derselbe bleibt, vielmehr in Folge der verschiedenartigsten Einflüsse gehoben oder herabgesetzt werden kann. Teilweise sind diese Einflüsse rein physiologischer Art. Ob mir irgendein Gegenstand einen materiell-sinnlichen Genuß zu verschaffen imstande ist, das ist vollständig von meiner Leibeskonstitution abhängig; hat sich also diese in einem bestimmten Zeitraum geändert, so werden Motive, welche früher eine mächtige Wirkung auszuüben imstande waren, vielleicht ihre ganze Bedeutung verloren haben oder auch umgekehrt. Es liegt aber in dieser Möglichkeit nichts, was uns nötigen sollte, die Unveränderlichkeit der egoistischen Kraft zu bezweifeln, vermöge derer die Vorstellung eines bestimmten Quantums Lust ein Streben von bestimmter Intensität hervorruft: das Quantum der vorgestellten Lust ist eben in den beiden Zeitpunkten ein durchaus ungleiches, wenn auch in demselben äußeren Objekt begründet. So ist es auch möglich, daß etwa infolge langjähriger Überreizung die Genußfähigkeit vollständig oder doch größtenteils verschwindet und kaum etwas mehr imstande ist, ein Motiv für den Egoismus abzugeben; in solchen Fällen wird dann die ganze Herrschaft den bisher zurückgedrängten sittlichen Kräften zufallen, d. h. bei jeder Willensentscheidung, bei der sittliche Motive ins Spiel kommen, werden sie, da die entgegengesetzten Motive fehlen, notwendig den Sieg davontragen; oder aber, wenn der Mann an die Unsterblichkeit glaubt, wird ihn die Hoffnung auf die unbekannten Genüsse des Himmels dazu führen, sich der Religion in die Arme zu werfen. In dergleichen Umständen spricht man nun wohl von Bekehrung und Wiedergeburt; nicht mit größerem Recht aber, als man auch dem übersättigtem Schlemmer, der sich nach genossener Mahlzeit mit Ekel von den übergebliebenen Speiseresten abwendet, diesen Ekel als Charakterverbesserung anrechnen kann.

Nicht anders verhält sich die Sache bei jeder Änderung des Geschmacks, - nicht anders auch bei der angeblichen Charakterveränderung infolge gebesserter Einsicht: einem Punkt, den schon SCHOPENHAUER scharf beleuchtet hat und den ich kaum besser als mit seinen eigenen Worten erläutern kann. "Der Charakter ist unveränderlich, die Motive wirken mit Notwendigkeit: aber sie haben durch die  Erkenntnis  hindurchzugehen, die das Medium der Motive ist. Diese aber ist der mannigfaltigsten Erweiterung, der immerwährenden Berichtigung in unzähligen Graden fähig: dahin arbeitet alle Erziehung. Die Ausbildung der Vernunft, durch Kenntnisse und Einsichten jeder Art, ist dadurch moralisch wichtig, daß sie Motiven, für welche ohne sie der Mensch verschlossen bliebe, den Zugang öffnet. Solang er diese nicht verstehen konnte, waren sie für seinen Willen nicht vorhanden. Daher kann, unter gleichen äußeren Umständen, die Lage eines Menschen das zweite Mal doch in der Tat eine ganz andere sein, als das erste: wenn er nämlich erst in der Zwischenzeit fähig geworden ist, jene Umstände richtig und vollständig zu begreifen; wodurch jetzt Motive auf ihn wirken, denen er früher unzugänglich war. In diesem Sinne sagten die Scholastiker sehr richtig: causa finalis (Zweck, Motiv) movet non secundum suum esse reale, sed secundum esse cognitum [Der letzte Grund bewegt sich nicht seinem realen Sein gemäß, sondern seinem Erkanntsein. - wp]." (2) "Die menschenfreundlichen (3) Motive, welche für den guten Charakter so mächtige Antriebe sind, vermögen als solche nichts über den, der allein für egoistische Motive empfänglich ist. Will man nun diesen dennoch zu menschenfreundlichen Handlungen bringen, so kann es nur durch die Vorspiegelung geschehen, daß die Milderung der fremden Leiden mittelbar, auf irgendeinem Weg,  zu seinem eigenen Vorteil  gereicht (wie denn auch die meisten Sittenlehren eigentlich verschiedenartige Versuche in diesem Sinne sind). Dadurch wird aber sein Wille bloß irregeleitet, nicht gebessert. Zu wirklicher Besserung wäre es erforderlich, daß man die ganze Art seiner Empfänglichkeit für Motive umwandelte, also z. B. machte, daß dem Einen fremdes Leiden als solches nicht mehr gleichgültig, dem andern die Verursachung desselben nicht mehr Genuß wäre oder einem Dritten nicht jede, selbst die geringste Vermehrung des eigenen Wohlseins alle Motive anderer Art weit überwöge und unwirksam machte. Das ist aber viel gewisser unmöglich, als daß man Blei in Gold umwandeln könnte. Denn es würde erfordern, daß man dem Menschen gleichsam das Herz im Leib umkehrte, sein tief Innerstes umschüfe. Hingegen ist alles, was man zu tun vermag, daß man den  Kopf  aufhellt, die  Einsicht  berichtigt, den Menschen zu einer richtigeren Auffassung des objektiv Vorhandenen, der wahren Verhältnisse des Lebens bringt. Hierdurch aber wird nichts weiter erreicht, als daß die Beschaffenheit seines Willens sich konsequenter, deutlicher und entschiedener an den Tag legt, sich unverfälscht ausspricht. Denn, wie manche gute Handlungen im Grunde auf falschen Motiven, auf wohlgemeinten Vorspiegelungen eines dadurch in dieser oder in jener Welt zu erlangenden eigenen Vorteils beruhen, so beruhen auch manche Missetaten bloß auf falscher Erkenntnis der menschlichen Lebensverhältnisse. Hierauf gründet sich das amerikanische Pönitentiarsystem [Strafsystem - wp]: es beabsichtigt nicht, das  Herz  des Verbrechers zu bessern, sondern bloß, ihm den  Kopf  zurechtzusetzen, damit er zu der Einsicht gelange, daß Arbeit und Ehrlichkeit ein sicherer, ja leichterer Weg zum eigenen Wohl sind, als Spitzbüberei." (4)

Die hier klargelegten Anschauungen scheinen unwidersprechlich; nur sind sie nicht vollständig. Denn es ist dabei die wichtige Rolle vergessen, welche die Gewohnheit, die Gedankenassoziation, bei den Willenserscheinungen spielt, - ein Faktor, der wohl in den meisten Fällen, wo von "Charakterveränderung" die Rede ist, derselben zugrunde liegt. Entweder durch Erziehung und andere Einflüsse von außen oder auch unwillkürlich durch öftere Wiederholung gleicher Handlungen bilden sich Vorstellungsverbindungen aus, welche mächtige und zwar nach jeder Befriedigung mächtigere Strebungen ins Leben rufen; die tägliche Erfahrung bietet davon eine Menge Beispiele. Schon gleich das Mitleid, nach SCHOPENHAUER eine der drei "Grundtriebfedern" des Handelns, zeigt sich vollständig von der Macht der Assoziation abhängig; stumpft auch durch vielfache Erregung, z. B. im Krieg, leicht ab, wie schon aus der Kriminalstatistik hervorgeht. In gleicher Weise entstehen aber einerseits die starken, keiner Verlockung zugänglichen, andererseits auch die schwachen, "willenlos" auf dem Strom der Leidenschaften hin- und hergeworfenen Charaktere, - die einen durch die stetige Eingewöhnung sittlicher Handlungsweisen, die anderen durch die fortwährende Befriedigung der Bedürfnisse des Augenblicks. Dem gegenüber scheint nun der oben angeführte pessimistische Ausspruch SCHOPENHAUERs von der Unmöglichkeit, trotz ernsten Vorsätzen und herzlicher Verabscheuung seiner moralischen Fehler und Gebrechen, diese loszuwerden, seine Bedeutung zu verlieren; denn wenn nur einmal der ernste Vorsatz da ist, kann doch die Person selbst zur Aufhebung der gefährlichen und zur Neubildung besserer Assoziationen kräftig mitwirken; er kann die Gelegenheit zu sündigen vermeiden, sich in einen Zustand versetzen, wo ihm während langer Zeit die Befriedigung seiner Leidenschaften unmöglich wird, sich irgendeiner Aufgabe unterwerfen, welche ihm nachgerade eine bessere Lebensführung zur Gewohnheit macht usw. Zwar muß, damit dergleichen zustande gebracht werden kann, ein sittliches Wollen vorhergehen; dieses aber kann sich in einem Augenblick der Reaktion gegen die Macht der Leidenschaft leicht einstellen und da ein solcher Augenblick oft genügt, um unwiderruflich für längere Zukunft die Umstände zu bestimmen, unter welchen man leben und handeln wird, so scheint es, als ob hier wirklich die Möglichkeit einer radikalen Charakterveränderung vorläge. Dem ist aber nicht so. Denn wenn wir die "assoziativen Strebungen" uns zu vergegenwärtigen suchen, so werden wir leicht finden, daß dieselben immer entweder durch ethische oder aber durch Lust- und Leidvorstellungen vermittelt sind; daß also die Wirkung der Assoziation eigentlich darin besteht, daß der Vorstellung eines an sich indifferenten oder selbst unerwünschten Zustandes vage Nebenvorstellungen angehängt werden, welche denselben als ethisch oder hedonistisch wertvoll erscheinen lassen und ihn dadurch für die betreffende Person zum möglichen Zweck erheben. Beim Kind z. B., dem man durch häufige Anwendung des Lohnes und der Strafe gewisse Handlungen zur zweiten natur, andere aber zu tatsächlichen Unmöglichkeit gemacht hat, haben sich nicht, wie man meinen könnte, zwischen bestimmten äußeren Veranlassungen und dem erziehungsmäßigen Reagieren unmittelbare Assoziationen ausgebildet; es haben sich vielmehr mit der Vorstellung dieser Veranlassungen nur diejenigen des Lohnes und der Strafe assoziiert, solcher Art, daß jene gar nicht mehr ohne diese vorgestellt werden können. Dadurch aber hat das an sich Verabscheute einen angenehmen, das an sich Erwünschte einen unangenehmen Beigeschmack erhalten, wodurch Ersteres in sehr vorteilhaftem Licht erscheint, das Zweite aber seinen ganzen Reiz eingebüßt hat. Es kommt aber noch ein zweites Moment hinzu. Sobald das Kind während der Erziehungsperiode einige Herrschaft über seine Vorstellungen erlangt, sieht es ein, daß es für seine eigene Seelenruhe am ersprießlichsten ist, an diejenigen angenehmen Sachen, auf deren Genuß unausbleiblich die größere Unlust der Strafe folgt, gar nicht mehr zu denken, jedenfalls nicht an die Lust, die sie verschaffen könnten; es verlieren diese Vorstellungen also nach und nach ihren Gefühlston; sie werden Adiaphora [nicht Unterschiedenes - wp], weil sie als vollständig unrealisierbar vorgestellt werden. Ein Genuß aber, den man sich nicht mehr als solchen, sondern als etwas Gleichgültiges denkt, verliert seine Kraft, Willenserscheinungen hervorzurufen.

Die Erziehung hat also wieder nicht den Charakter, die egoistische Willenskraft geändert: dazu würde es nötig sein, daß die klare und intensive Vorstellung des Genusses, den irgendein Gegenstand uns verschaffen könnte, an sich und ohne die Vorstellung unerwünschter Nebenfolgen betrachtet, den Willen indifferent ließe; faktisch aber fehlt in solchen Fällen die erst und ist die zweite deutlich vorhanden, wie jeder es leicht in sich wahrnehmen kann. Vollständig analog verhält sich die Sache bei allen anderen der Assoziation zu verdankenden Strebungen. Dem Opfer einer mächtigen Leidenschaft z. B. geht nach und nach die Herrschaft über seinen Vorstellungsverlauf verloren. Während der normale Mensch, wenn er zwischen gut und böse schwankt, sich in einem glücklichen Augenblick, in dem momentan die sittlichen Motive siegen, entschließen kann, gar nicht mehr an die anderen zu denken, ist dem Leidenschaftbeherrschten diese Macht abhanden gekommen: eine Vorstellung, die oft reproduziert und niemals zurückgedrängt wird, ist endlich mit keiner Anstrengung mehr aus dem Bewußtsein zu entfernen, drängt sich vielmehr bei jeder Gelegenheit mit unwiderstehlicher Gewalt ein. Jedenfalls ist die zur Beseitigung derselben erforderte Arbeit nach jeder Befriedigung eine größere, so daß sich, bei tatsächlich gleichbleibendem Charakter, scheinbar ein stetiger Rückgang zeigt. Dazu gewinnt das Objekt einer oft befriedigten Leidenschaft mit jedem Mal einen neuen Reiz, weil die reproduzierte Vorstellung des Genusses nach jeder Befriedigung klarer und sich dadurch verführerischer vom dunklen Hintergrund des alltäglichen, genußarmen Lebens abhebt; durch diesen Kontrast aber erscheint Letzteres in stets ungünstigerem Licht und so kann es auch geschehen, daß später, wenn die Genußfähigkeit abgestumpft worden ist und daher die Vorstellung der Befriedigung ihren ganzen Lustwert verloren hat, dennoch die Leidenschaft ihre volle Kraft beibehält, - eben weil alles andere in Folge dauernder Assoziationen etwas Höllenartiges bekommen hat, mit dem verglichen der kleinsten Lust oder selbst der Indifferenz ein unendlich hoher Wert beigelegt wird, - freilich wohl der verzweifeltste Zustand, in den ein Mensch je geraten kann. Also auch hier läuft die "Charakterveränderung" auf Modifikationen im Genußwert der Motive hinaus.

In derselben Weise läßt sich auch der Einfluß des bösen Beispiels klarmachen. Das Leben in Kreisen, in denen die Sittlichkeit als eine lächerliche Schwäche verspottet, der raffinierte Egoismus dagegen als die wahre Lebensweisheit erhoben wird, hebt einerseits die egoistischen Motive für die Unterlassung unmoralischer Handlungen, die Furcht vor der öffentlichen Meinung und dgl. auf, führt aber auch andererseits dazu, daß man das unsittliche Handeln nach und nach als etwas Natürliches, Selbstverständliches betrachten lernt, das sich gar nicht anders denken läßt. Die Motive, welche die egoistischen Neigungen in Bewegung setzen, hört man täglich, diejenigen aber, welche auf das moralische Gefühl zu wirken imstande wären, niemals erwähnen; so kommt man auch nachgerade dazu, die möglichen Zwecke des Handelns nur aus dem ersten Standpunkt zu betrachten, während der zweite vollständig aus dem Gesichtskreis entschwindet. Die Vorstellungen des Genusses, welchen bestimmte Handlungen zu verschaffen vermögen, werden immer geläufiger und leichter reproduzierbar; diejenigen aber des sittlichen Wertes oder Unwertes derselben werden, je seltener die Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird, umso schwerer und unvollständiger realisiert. Man kann also in solchen Fällen mit gewissem Recht sagen, die betreffende Person handle nicht ihrem Charakter gemäß, womit dann gemeint ist, sie handle nicht so, wie sie handeln würde, wenn sie sich die entgegengesetzten Motive gleich klar vorzustellen und gegeneinander abzuwägen imstande wäre. Einzig in solchen Umständen hat also auch die moralische Zurede eine Aufgabe zu erfüllen: sobald es gelingt, dem Gesunkenen in begeisterter Darstellung den Wert der sittlichen Ideale wieder klar vor Augen zu stellen, wird sich zeigen, daß die angebliche Charakterverderbung eigentlich nur eine Motivverdunkelung war; es werden eben die Bedingungen gegeben sein zu demjenigen, was die christliche Kirche Wiedergeburt zu nennen pflegt. In gleicher Weise kann aber auch das Umgekehrte stattfinden: dem egoistischen Menschen, der in guter Gesellschaft nach und nach seine schlechten Gewohnheiten abgelegt hat, kann die klare und eindringliche Vorstellung der Genüsse, welche ihm ein unsittlicher Lebenswandel verspricht, mit einem Schlag wieder auf die niedere, seinem eigentlichen Charakter entsprechende Stufe zurückwerfen. Es ist also, mathematisch zu reden, jede Tat eine Funktion von vier Faktoren: dem konstanten Charakter, den äußeren Umständen, der theoretischen Kenntnis derselben und der Klarheit, womit sie vorgestellt werden. Die Natur dieses Charakters selbst aber können wir uns am deutlichsten vorstellen, wenn wir denselben als eine Waage mit ungleichen Armen betrachten, wobei dem Verhältnis der egoistischen und sittlichen Kräfte das Längenverhältnis dieser Arme entspricht. Wenn es möglich wäre, einerseits für Genuß und Schmerz, andererseits für die ethischen Werte Maßeinheiten aufzufinden, so ließe sich jeder Charakter als ein Quotient vorstellen; bei einem Gott oder Teufel würde dann Zähler oder Nenner = 0; dadurch aber das Verhältnis zwischen beiden demjenigen einer beliebigen Zahl um Nichts oder zur Unendlichkeit gleich werden; d. h. das schwächste moralische Motiv wäre imstande, das stärkste egoistische zu besiegen oder umgekehrt.

Wissenschaftlich richtiger, wenn auch weniger anschaulich, könnte man sich jeden Charakter denken als das Verhältnis konstanter Attraktions- und Repulsionskräfte: so wie in der äußeren Natur jeder Konfiguration des Stoffes bestimmte Kraftwirkungen von beiden Arten und eine resultierende Kraft bestimmter Richtung und Größe entsprechen, so auch in der inneren jedem Vorstellungskomplex bestimmte egoistische und sittliche Strebungen und als deren Ergebnis ein Willensentschluß. Sollte es aber je gelingen, was mir sehr unwahrscheinlich erscheint, die Sittlichkeit auf den Egoismus zurückzuführen, also klarzumachen, wie aus hedonistischen Neigungen moralische Bestrebungen hervorwachsen können, so würde der Nachweis dieses Sachverhalts in keiner Weise die Unveränderlichkeit der Charaktere in Frage stellen, vielmehr sich ohne Schwierigkeit in diese Lehre hineinfügen lassen. Es würde einfach bewiesen sein, daß wir statt zweier nur eine Willenskraft anzunehmen genötigt wären; diese eine Kraft des Egoismus, welche dieser Ansicht zufolge den ganzen Charakter bilden sollte, bliebe dennoch seinem Wesen nach konstant und unveränderlich.

Damit wäre also die theoretisch präzise Darlegung jener großen Lehre von der Unveränderlichkeit der Charaktere vollendet, welche zuerst wissenschaftlich begründet zu haben meiner Ansicht nach wohl die größte, jedenfalls aber die fruchtbarste Tat SCHOPENHAUERs ist. Um sich mit derselben vollständig vertraut zu machen, braucht man nur das naturwissenschaftlich geschulte Denken auf diejenigen Begriffe des täglichen Lebens anzuwenden, welche sich auf die Willenserscheinungen beziehen; da wird sich bald die vollständige Analogie außer Frage stellen. Was man in der Physik Ursachen oder Bedingungen nennt, sind hier die Motive; nur muß man sich darüber klar werden, daß wir uns auf psychologischem Gebiet befinden und demgemäß niemals die äußeren Dinge selbst, sondern immer nur die Vorstellungen davon in ihrer qualitativen und quantitativen Beschaffenheit als Motive betrachten dürfen. Dagegen den Zweck des Handelns, die einzelnen Gefühlszustände, aus denen das Wollen regelmäßig hervorgeht, die Natur des Subjekts, vermöge welcher diese eintreten oder gar den Willensentschluß selbst Motiv zu nennen (5), - das kann nur eine hoffnungslose Verwirrung zustande bringen und die naturgemäße Auffassung vollständig verdunkeln.

Dem naturwissenschaftlichen Begriff der Kraft aber entspricht derjenige der Charaktereigenschaft, wobei man freilich nicht vergessen darf, daß beide Begriffe zunächst nur Postulate sind, welche nicht gegeben sind, sondern erst von der Forschung ihren Inhalt erwarten. Man kann niemals ganz dessen gewiß sein, daß man die wirklich elementare Kraft gefunden hat; immer bleibt es möglich, daß ihre scheinbare Konstanz nur eine Folge nicht berücksichtigter gleichbleibender Umstände war und daß später, wenn diese sich modifizieren, man auf "Ausnahmen" stoßen wird. Diese Möglichkeit besteht selbst für die Gravitationskraft, selbst auch für die Kraft des Egoismus. Trifft nun aber etwas dergleichen ein, so ist die Gefahr, daß man seine Bedeutung überschätzen wird, umso größer, da man tatsächlich das Wort Kraft in zwei verschiedenen Bedeutungen zu gebrauchen pflegt: einmal als das gesetzmäßig definierte, konstante Verhältnis zwischen bestimmten Ursachen und Wirkungen, dann aber auch als eine konkrete, quantitativ bestimmte Wirkung einer Kraft im ersten Sinne. So kann man im Allgemeinen die magnetische Kraft als diejenige Relation bezeichnen, derzufolge bestimmte Erscheinungen, festen Gesetzen gemäß, aus gegebenen Ursachen hervortreten; man kann aber auch von irgendeinem Magneten sagen, seine magnetische Kraft betrage 10 Kilogramm. Wenn man im ersten Sinn von Kraft redet, spricht man durchweg in hypothetischen Urteilen, welche aber, weil von der faktischen Verwirklichung unabhängig, überall und immer wahr bleiben; in dieser Bedeutung ist also die Kraft ewig und unveränderlich, - ein Erklärungsprinzip. Faßt man aber das Wort in der zweiten Bedeutung auf, so wird kategorisch behauptet, daß hier, in diesem besonderen Fall, jene Umstände, welche die Kraftwirkung bedingen, tatsächlich realisiert sind; dieser Satz gilt also nur für den Moment und diese Kraft ist etwas Zeitliches, Bedingtes, Veränderliches, - ein Ergebnis. Man kann nun im ersten Sinne versuchen, die äußere Welt aus dem Stoff und den (ewigen) Kräften zu begreifen; im zweiten kann man aber sagen, diese Welt bestehe in jedem Moment aus dem gegebenen Stoff und den (zeitlich in jedem Stoffteilchen wirkenden) Kräften. Genauso kann man auch im ersten Sinne die psychischen Erscheinungen aus den tatsächlich gegebenen Vorstellungen und den (unveränderlichen) psychischen Kräften aufbauen; im zweiten aber behaupten, in einem bestimmten Moment komme jeder Vorstellung (z. B. in Beziehung zum Wollen) eine bestimmte Kraft zu und die psychische Welt bestehe in diesem Moment, außer den Vorstellungen, nur aus jenen denselben innewohnenden, veränderlichen Kräften. Diese zweite Ausdrucksweise führt nun aber leicht dazu, die abstrakten, unveränderlichen Kräfte zu vernachlässigen und aus dem Auge zu verlieren, wie das z. B. BÖRNER in seiner mehrerwähnten Abhandlung passiert ist. Er behauptet (und ich stimme vollständig zu), "der Wille des Menschen (sei) nicht etwas außerhalb der Willenskräfte, vielmehr in seiner allgemeinen Bedeutung nur die Zusammenfassung der letzteren", (6) identifiziert dann diese Willenskräfte mit den "in der menschlichen Seele sich findenden ausgebildeten Strebungen, Neigungen, Leidenschaften usw." (7) und faßt damit das Wort Kraft in der zweiten von mir bezeichneten Bedeutung auf. Daß aber diese veränderlichen Willenskräfte andere zugrunde liegende konstante Kräfte voraussetzen und ohne dieselben gar nicht zu denken sind, das fällt BÖRNER nicht ein; zwar ist auch bei ihm von "ursprünglichen psychischen Kräften" die Rede, diese aber sollen "inhaltslos" sein und erst "durch die mittels der Sinne zugeführten Reize der Außenwelt" einen Inhalt bekommen; (8) keine eigentlichen Willenskräfte, "nur die Fähigkeit, ein Wollen auszubilden" (9), sei dem Menschen angeboren. Wie aber Erziehung und äußere Umstände auf vollständig inhaltslose Kräfte wirken können, mag BÖRNER begreifen; ich begreife nichts davon. Die anziehende Kraft, welche ein beliebiger Körper auf die Erde ausübt, wird größer, wenn die Entfernung zwischen beiden abnimmt; wir können diesen Sachverhalt nur begreifen, wenn wir die allgemeine Gravitationskraft voraussetzen, welche das Verhältnis beherrscht. Die Motivkraft, welche die Vorstellung irgendwelchen Genusses in Beziehung zum Wollen besitzt, wächst mit jeder Befriedigung; ohne die konstante Kraft des Egoismus ist aber die ganze Sache unerklärlich. Es ist gleich unrichtig zu sagen, daß die mittels der Sinne zugeführten Reize der Außenwelt den psychischen Kräften ihren Inhalt geben, als zu behaupten, daß die Naturkräfte der Attraktion und Repulsion den ihrigen der großen Näherung zweier Stoffteilchen verdanken. Beides gilt zwar für die wahrnehmbare Wirkung, keineswegs aber für das tatsächliche Dasein der Kraft.

Man wird aus dem Angeführten unschwer ableiten können, daß die Unveränderlichkeit der Charaktere die Möglichkeit nicht ausschließt, dasjenige zu verbessern, was man im gewöhnlichen Leben unter Charakter versteht. Zweifelsohne ist es dem normalen Menschen möglich, sich durch sittliche Selbsterziehung das Gute immer leichter, das Böse stets schwerer zu machen, unsittlichen Neigungen und Leidenschaften kräftig entgegenzuarbeiten, nach und nach ihre Macht zu beschränken und sie endlich vollständig zu besiegen, die Keime des Guten durch sorgfältige Pflege zu kräftigen und sich den "festen Charakter" auszubilden, der sich, über jede Verlockung erhaben, nach selbstgeschaffenen Maximen das Leben gestaltet und der staunenden Welt für Jahrhunderte sein Gepräge auf die Stirn drückt. Ich denke, man kann damit zufrieden sein. Daß aber diese wunderbare Umschaffung  nicht  stattfindet, wenn nicht im Charakter Handhaben dafür gegeben sind und günstige Umstände fördernd mitwirken, - daß sie auch niemals die eigentlichen Naturkräfte des Wollens, sondern immer nur die bewegende Kraft der einzelnen Vorstellungen betrifft, das sind eben Tatsachen, welche wir hinnehmen müssen, ob wir wollen oder nicht, - Tatsachen übrigens, welche nicht geleugnet werden können, ohne die Identität der Person und damit unsere ganze Selbständigkeit in Frage zu stellen.

Es scheint hier der geeignetste Ort zu sein zur kurzen Besprechung einer Kontroverse zwischen SCHOPENHAUER und LIEBMANN, welche ein lehrreiches Beispiel der Gefahren liefert, welche auf diesem Gebiet der Forschung drohen. Der erste hatte behauptet, es lassen sich die späten Gewissensbisse ROUSSEAUs über ein bekanntes Verbrechen seiner Jugend nur durch die Annahme erklären, daß er sich des unveränderten Wesens seines Charakters bewußt gewesen ist; (10) wogegen LIEBMANN bemerkt: "als ob nicht vielmehr, wenn ROUSSEAUs Charakter derselbe geblieben wäre, er zum Verbrecher, nicht zum Philosophen geworden und ins Zuchthaus, nicht zu aufrichter, ehrenhafter Reue gekommen wäre." (11) Formell haben beide vollkommen Recht; nur reden sie von ganz verschiedenen Dingen. SCHOPENHAUER meint, nicht die Reue, sondern die Selbstvorwürfe ROUSSEAUs, sein Verdammungsurteil über sich selbst, sei unbegreiflich, wenn er sich nicht bewußt war, derselbe geblieben zu sein; hätte sich sein Charakter geändert, so wäre er eben damals ein anderer gewesen als jetzt; diesen anderen, nicht ihn selbst, müßte sein Urteil treffen. LIEBMANN dagegen behauptet, die tätige Reue, das Jetzt-anders-wollen setze die Charakteränderung voraus; und dieses ist,  wenn die Vorstellung der Motive zu beiden Zeitpunkten dieselbe war,  ohne Zweifel richtig. Es läßt sich aber ebensowenig erweisen, daß die Motive, welche den Knaben ROUSSEAU zu jener falschen Beschuldigung trieben, noch 40 Jahre später mit vollkommener Klarheit vorgestellt wurden, noch auch, daß er, selbst wenn ihn seine Schlechtigkeit schmerzte, in gleichen Umständen jetzt anders gehandelt haben würde. Man muß eben zwischen Reue und tätiger Reue unterscheiden. Der größte Egoist kann sehr wohl herzlich wünschen, ein braver Mann zu sein, ja er müßte buchstäblich ein Teufel sein, um es nicht zu wünschen. Sein Wunsch nach Befriedigung seiner Leidenschaften usw. ist aber noch kräftiger, das zeigt er eben in seinem Handeln: "zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl" und er hat sich für das erstere entschieden. Ist nun aber später der Genuß vorüber und sind die Gewissensbisse eingetreten, so ist es kein Wunder, jedenfalls aber kein Zeichen wirklicher Besserung, daß ihm die Erinnerung an die Vergangenheit Schmerz verursacht: er würde eben, hätte er die Handlung nicht begangen, jetzt besser dran sein; wenn aber der gleiche Genuß noch einmal um denselben Preis zu kaufen wäre, würde er bei gleich klarer Vorstellung der Motive nicht anders handeln als zuvor. Es ist eben ein vergangener Genuß etwas ganz anderes, als ein zukünftiger: der erste läßt mich ziemlich kühl und gestattet also den gegenüberstehenden Motiven allen Raum; der zweite aber setzt die ganze Kraft des Egoismus in Bewegung. Jedenfalls möchte es gefährlich erscheinen, eben ROUSSEAU als ein Beispiel wirklicher Charakterverbesserung, "ehrenhafter Reue", anzuführen: selbst dasjenige, was man gewöhnlich so nennt, ist in seinem Leben, wie es in den "Confessions" vor uns liegt, wohl kaum nachzuweisen. Der Ausdruck LIEBMANNs aber, der die Unveränderlichkeit des Charakters als eine  "über dem Menschen  als unvermeidliches Schicksal schwebende bittere  anarche  die  eigenen Wesens"  bezeichnet (12), richtet in seinen inneren Widersprüchen sich selbst.

Aber auch die tätige moralische Reue schließt die hier vorgetragene Lehre keineswegs aus, erkennt vielmehr ihre Bedeutung für das spätere Leben vollständig an. Wenn ein Mann im Zorn einen anderen erschlagen hat, wird er wahrscheinlich gleich nach der Tat darüber die tiefste Reue empfinden, nicht weil sich in jenen wenigen Sekunden sein Charakter geändert hat, sondern weil er jetzt, was ihm im Affekt unmöglich war, die Motive gegeneinander wägen kann und einsieht, daß jene Tat nicht seinem Charakter entsprach, vielmehr nur aus einseitiger Berücksichtigung eines Teils der vorliegenden Motive hervorgehen konnte. Zu diesem Schmerz über die Tat kommt der Schmerz über ihn selbst; darüber nämlich, daß er ein solcher ist, diesen Affekten unterworfen, ohne genügende Selbstbeherrschung, momentan der ausschließlichen Herrschaft egoistischer Motive zugänglich: er schämt sich, "seine bessere Natur kommt nach oben", wie man zu sagen pflegt, d. h. wie vorher auf die unsittlichen, richtet sich jetzt seine ganze Aufmerksamkeit auf die sittlichen Motive; - das alles aber, ohne daß damit die primären Naturkräfte seines Charakters eine Änderung erfahren sollten. Zwar will er in diesem Moment etwas ganz anderes, ja Entgegengesetztes, als eine Stunde vorher, aber nur weil ihm jetzt ganz andere Motive gegenwärtig sind als damals; zwar kann dieser Moment für ihn den Übergang zu einem besseren Leben bilden, ihn zur Besiegung seiner Affekte, zur vollständigen Selbstbeherrschung erziehen helfen usw. - alles aber unter der Führung ganz derselben Willenskräfte, welche auch in der Stunde des Verbrechens in ihm gegenwärtig waren. Es bleibt also auch der Wert der Reue für die Umbildung des inneren Lebens vollständig anerkannt; nur eine "Schöpfung aus dem Nichts" darf derselben nicht zugemutet werden.
LITERATUR Gerard Heymans, Zurechnung und Vergeltung - eine psychologisch-ethische Untersuchung, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 8, Leipzig 1884
    Anmerkungen
    1) So z. B. MORITZ WILHELM DROBISCH, Die moralische Statistik und die menschliche Willensfreiheit, Leipzig 1867, Seite 80; FRANZ WOLLNY, Über Freiheit und Charakter, Leipzig 1876, Seite 52 bis 55; OTTO LIEBMANN, Über den individuellen Beweis für die Freiheit des Willens, Stuttgart 1866, Seite 96
    2) SCHOPENHAUER, a. a. O. Seite 52
    3) Die schopenhauersche Ethik lasse ich vollständig für seine Rechnung.
    4) SCHOPENHAUER, Die Grundlage der Moral, Sämtliche Werke IV, Seite 254
    5) Wie es z. B. geschieht in der sonst so klar gedachten Schrift SIGWARTs: "Der Begriff des Wollens und sein Verhältnis zum Begriff der Ursache", Tübingen 1879. "Das Motiv eines Almosens ist zunächst der Wille, dem Bedrängten zu helfen; der Wille, dem Bedrängten zu helfen, entspringt aus Mitleid, also ist Mitleid als momentaner Gefühlszustand das Motiv; dieser Zustand wird aber erregt, weil das Individuum dafür empfänglich ist, also ist Weichherzigkeit und Gutmütigkeit das Motiv; andererseits wird das Mitleid durch den Anblick der Not erregt, also wird in diesem der Grund des Mitleids und des Willens zu helfen und des Almosens gesucht" (Seite 20). Statt diese vollständig heterogenen Begriffe unter  einem  Namen zusammenzuschlagen, sollte man den Vorgang umschreiben: Der Anblick des leidenden Menschen ruft einerseits assoziativ die, wenn auch nur reproduzierte, doch unlustvolle, Vorstellung des eigenen Leides wach; jede Unlust wird aber ein Motiv für die Kraft des Egoismus, es entsteht also der Wunsch, die Ursache jener Unlust aufzuheben. Andererseits aber weckt die Vorstellung des unverdienten Leidens das Gefühl der sittlichen Empörung; dieses aber wird ein Motiv für die moralische Kraft und erweckt ein zweites Streben in dieselbe Richtung. Weil nun diesen beiden Strebungen keine anders gerichtete gegenübersteht, resultiert mit Notwendigkeit der Willensentschluß: ich werde dem Manne helfen. Damit ist aber die psychische Kausalreihe zu Ende; die Ausführung, das Geben des Almosens, geht über das Gebiet der Psychologie hinaus und ist Sache der Psychophysik. Der Wille, dem Bedrängten zu helfen, ist also nicht Motiv, sondern Wirkung, Ergebnis; der Anblick (richtiger: die Vorstellung) der Not an sich ist es auch nicht, sondern wird erst dazu, wenn dieselbe durch Assoziationen usw. einen Gefühlston bekommt; mit Weichherzigkeit und Gutmütigkeit kann entweder Nervosität, Beweglichkeit der Vorstellungen, persönliche Reizbarkeit gemeint sein: dann ist für dieselben in der Lehre des Wollens kein Raum; oder es können diese Worte bestimmte Willenskräfte, besonders die sittliche Abneigung gegen unverdientes Leiden bedeuten: dann sind sie Charaktereigenschaften; auf keinen Fall aber Motive. Bloß dsa Mitleid (als eine Art der Unlust) und das Gefühl der sittlichen Empörung darf man als solche betrachten.
    6) BÖRNER a. a. O. Seite 6
    7) BÖRNER a. a. O. Seite 7
    8) BÖRNER a. a. O. Seite 9
    9) BÖRNER a. a. O. Seite 11
    10) SCHOPENHAUER, Die Grundlage der Moral, Sämtliche Werke IV, Seite 51
    11) OTTO LIEBMANN, a. a. O. Seite 97
    12) OTTO LIEBMANN, a. a. O. Seite 94 . Ich unterstreiche.