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HANS KELSEN
Hauptprobleme der Staatsrechtslehre
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"Nur ein vernunft- und willensbegabtes Subjekt, nur der Mensch - so behauptet man - kann unter der Herrschaft der Norm stehen, nur menschliches Verhalten, menschliche Handlungen und Unterlassungen können den Inhalt der Norm bilden. Allein es kann immerhin fraglich sein, ob sich die Norm nur an Menschen richten kann. Das tägliche Leben zeigt uns, daß Befehle auch an Tiere gerichtet und von Tieren befolgt werden. Die oft erstaunlichen Resultate der Tierdressur zwingen zur Annahme, daß dem Tier gegenüber nicht nur der individuelle Befehl seinen Zweck erfüllt, daß auch eine generelle Norm im Bewußtsein oder Seelenleben des Tieres  wirksam  werden kann."

"Der moralische Nihilist kennt die Sittengesetze sehr wohl, ohne sie anzuerkennen, ja er bekämpft sie, weil er sie kennt; und insofern existieren sie auch für ihn, wenn er sich auch ihnen nicht unterwirft, als eine existente, reale Macht, durch welche die anderen beherrscht werden. Trotzdem kann er eine konkrete Handlung, die er sogar billigt, als im Widerspruch zur herrschenden Moral stehend erklären, denn mit einem solchen Urteil unterwirft er sich nur den Normen der Logik, die der  moralische  Nihilist nicht zu verwerfen braucht."

"Wenn in keinem Menschen die geringsten Anstalten gemacht würden, dem Sittengesetz zu gehorchen, so wäre auch das Sittengesetz kein Gesetz, sondern ein theoretischer Satz, von welchem man sagen könnte, er würde auch ein Gesetz sein, wenn es eine Anerkenntnis desselben gäbe? Kann man also wohl sagen, das Sittengesetz würde gelten, wenn auch nie etwas demselben gemäß geschähe? Das Gesetz ist also nur Gesetz, insofern es also auch ein Sein bestimmt und nicht als ein bloßes Sollen, wie denn auch ein solches strenggenommen gar nicht nachgewiesen werden kann."

1. Buch
Voruntersuchungen

I. Kapitel
Naturgesetz und Norm

"Das Zivilrecht beinhaltet einen Befehl und die Pflicht, das wissenschaftliche Gesetz ist eine Beschreibung und kein Rezept. Das Zivilrecht ist nur für eine besondere Gemeinschaft gültig zu einem besonderen Zeitpunkt; das wissenschaftliche Gesetz gilt für alle normalen Menschen, und unveränderlich ist so lange wie die Wahrnehmungsfähigkeiten auf der gleichen Stufe der Entwicklung bleiben. Für ... viele ... Philosophen ..., war das Gesetz der Natur keine geistige Formel, sondern eine wiederholte Sequenz von Wahrnehmungen. Diese wiederholte Sequenz von Wahrnehmungen projizierten sie aus sich selbst heraus und betrachteten sie bedingungslos als Teil einer externen Welt und unabhängig von Menschen. In diesem Sinne des Wortes, ein Sinn, der leider viel zu allgemein ist, konnte es Naturgesetz geben, bevor es durch den Menschen erkannt wurde." - Karl Pearson, The grammar of science, London 1900, Seite 87


Eine Untersuchung der Lehre vom Rechtssatz muß ihren Ausgang nehmen von der Darlegung jener besonderen und eigenartigen Beziehungen, die zwischen diesem Begriff und solchen verwandter Art bestehen. - Das gemeinsame Band, das den Rechtssatzbegriff mit einigen anderen Termini verknüpft ist, ist zunächst ein rein äußerliches; es ist der Sprachgebrauch des Wortes "Gesetz", das in seiner Bedeutung als Naturgesetz dem Sittengesetz gegenübergestellt und vom Rechtsgesetz unterschieden wird. Versteht man unter Rechtsgesetz ebenso wie unter Naturgesetz und Sittengesetz den einzelnen Satz, so fällt der Begriff des Rechtsgesetzes mit dem des Rechtssatzes zusammen. In diesem Sinne gebraucht auch die philosophische Terminologie den Ausdruck. Gerade in der Jurisprudenz jedoch wird das Wort "Gesetz" häufig nicht als eine Einheit sondern als eine Mehrheit als ein Komplex von Einzelnormen verstanden und von den einzelnen Rechtssätzen unterschieden. Man spricht von einem Strafgesetz und meint damit nicht - wie man unter einem Naturgesetz einen einzelnen Satz versteht - einen konkreten Strafrechtssatz einen einzelnen Satz versteht - einen konkreten Strafrechtssatz, sondern alle Strafrechtssätze eines Rechtsgebietes, dessen Strafgesetzbuch; und so entspricht dem einzelnen Naturgesetz, dem speziellen Sittengesetz auf dem Gebiet des Rechts der Rechtssatz (1).

Man pflegt gewöhnlich den Naturgesetzen, die das tatsächlich Bestehende erklären, alle anderen Arten von Gesetzen, die ein Sollen statuieren, wie die Sitten- und Rechtsgesetze, logische, grammatische, ästhetische Gesetze, als  Normen  gegenüberzustellen (2). Allein auch der Normbegriff wird mitunter für alle Arten von Gesetzen gemeinsam verwendet und ihm die doppelte Bedeutung beigelegt: "einmal dessen, was allgemein, generisch geschieht, dann dessen, was geschehen soll, wenngleich es vielleicht nicht geschieht". (3)

Diese Gemeinsamkeit des Sprachgebrauchs für zwei voneinander verschiedene Begriffe findet ihre Begründung in der Geschichte der Begriffsbildung (4). Der Begriff des Gesetzes oder der Norm ist ursprünglich im Vorstellungskreis der Politik entstanden und die älteste Rechts- und Staatswissenschaft war es, die ihn ausgebildet hat. (5) Erst von hier aus ist er von den übrigen Disziplinen übernommen worden und hat dort eine eigenartige Umwandlung erfahren, eine Tatsache, die für die Erkenntnis des Gesetzesbegriffs von größter Bedeutung ist. (6) Der Staat mit dem Herrscher an der Spitze, der durch Gesetze, d. h. von den Untertanen zu befolgende Befehle, die Verhältnisse der Gemeinschaft regelt, das gab der ältesten menschlichen Erkenntnis das Analogon für die Ordnung der Natur, deren Elemente man einem obersten, göttlichen Willen ebenso unterworfen dachte, wie man die Bürger den Vorschriften des Gesetzgebers gehorchen ah. Wie im staatlichen Leben das Handeln der Untertanen, so führte man in der Natur das Verhalten aller Objekte auf einen außer- und überhalt stehenden Willen zurück, den man im Universum wie im Staat als  Gesetz  bezeichnete (7). Mit dem tieferen Eindringen der erklärenden Naturwissenschaft in das Wesen ihres Gegenstandes, mit der Emanzipation von der Vorstellung eines obersten Willens, dem die beseelte und unbeseelte Natur wie einem Herrscher gehorcht, vollzog sich ein vollständige Wandlung in der Bedeutung des von der Politik entlehnten Gesetzesbegriffs der Naturwissenschaften, und so steht heute das Naturgesetz der erklärenden Disziplinen in einem scharfen Gegensatz zum Rechtsgesetz, dem ihm verwandten Sittengesetz, dem grammatischen und ästhetischen Gesetz der normativen Disziplinen, der Norm im eigentlichen und engeren Sinne.

Dieser Gegensatz, der für die Methode der normativen Disziplinen und insbesondere der Rechtswissenschaft von größter Bedeutung ist, beruth auf einer Verschiedenheit des Standpunktes, von dem aus man die betrachtet (8). Während es sich die Naturwissenschaften zur Aufgabe machen machen, das tatsächliche Verhalten der Dinge aufzuzeigen und zu erklären, das Sein zu erfassen, stellen andere Disziplinen Regeln auf, die ein Verhalten vorschreiben, ein Sein oder Nichtsein fordern, das heißt ein Sollen statuieren. Den ersteren Standpunkt bezeichnet man als den explikativen, den letzteren als den normativen, und die ein Sollen statuierenden Regeln als Normen, während die Regeln des Seins als Naturgesetze im weitesten Sinne gelten.

Dementsprechend wird das Wort  Gesetz  im Sinne von Naturgesetz als eine Aussage betrachtet darüber, daß in der Natur etwas tatsächlich geschieht. das Naturgesetz ist ein Urteil, das ein Geschehen als notwendige Folge eines anderen in einer Gruppe gleichartiger Aufeinanderfolgen zusammenfaßt und damit erklärt. So lautet die bekannte HELMHOLTZsche Definition des Naturgesetzes (9): "Jedes Naturgesetz sagt aus, daß auf Vorbedingungen, die in gewisser Beziehung gleich sind, immer Folgen eintreten, die in gewisser anderer Beziehung gleich sind."

Da das Gebiet Gebiet des Naturgesetzes die Welt des Seins, des wirklichen Geschehens ist, stellt sich jedes Naturgesetz als spezielle Anwendung des allgemeinen Kausalgesetzes dar; es zeigt eine besondere Art des Geschehens als notwendige Folge eines andern, daß etwas und warum es so und nicht anders geschehen kann, also geschehen muß (10): es rückt das tatsächliche Geschehen dem menschlichen Verständnis näher, es  erklärt. 

In einem völlig anderen Sinn wird das Wort "Gesetz" gebraucht, wenn man - nicht vom explikativen, sondern normativen Standpunkt aus - darunter jene Sätze versteht, die ein bestimmtes Geschehen vorschreiben, indem sie die Forderung eines gewissen Verhaltens aufstellen, ein Sein oder Nichtsein befehlen: ein Sollen statuieren. Die Logik, Grammatik, Ästhetik, Ethik und Rechtswissenschaft sind die Disziplinen, die sich mit solchen "Normen" befassen; ihre Betrachtungsweise wird darum als normative bezeichnet. Die Sitten- und Rechtsgesetze, die Normen der Logik, Grammatik und Ästhetik sind nicht, wie die Naturgesetze, Erklärungen des Seienden; sie behaupten nicht ein wirkliches Geschehen, sie fordern bloß ein solches; sie sagen nicht aus, daß etwas vor sich gegangen ist oder vor sich geht, weil es so vor sich gehen muß, sondern daß es vor sich gehen soll. die Norm ist keine Anwendung des Kausalgesetz, denn sie erfaßt das Geschehen nicht als notwendige Folge einer Ursache: als gemußt, sondern lediglich als gesollt. Während die Naturgesetze das Geschehen, das sie aussagen, als ein wirkliches, tatsächlich sich vollziehendes, also in seiner  Realität  betrachten, kommen die Tatsachen, die den Inhalt der Normen bilden, für diese nur in jener ganz besonderen Relation der  Idealität  in Betracht, nämlich als gesollte.

Wenn hier die Rechtswissenschaft zu den normativen Disziplinen gerechnet wird, so bedarf diese Charakterisierung noch einer gewissen Einschränkung, damit ein mögliches Mißverständnis vermieden wird. Der normative Charakter der Rechtswissenschaft äußert sich negativ darin, daß sie - wie bereits bemerkt - tatsächliches, der Welt des Seins angehöriges Geschehen nicht zu erklären hat, d. h. also keine explikative Disziplin ist; positiv aber darin, daß sie zu ihrem Gegenstand  Normen  hat, aus denen - und nicht aus dem wirklichen, unter dem Kausalgesetz stehenden Leben - ihre besonderen Rechtsbegriffe abzuleiten sind. Damit ist jedoch keineswegs der Rechtswissenschaft - die nur eine Wissenschaft des positiven Rechts sein kann - jener Charakter gegeben, weswegen man mit vollem Recht heute die Naturrechtssysteme verwirft. Denn wenn der modernen Rechtswissenschaft zur Aufgabe gestellt ist, nicht, was tatsächlich geschieht, kausal zu erklären, sondern Normen zu gewinnen, die statuieren, was geschehen soll, so darf der Inhalt dieser Normen - es sind die Rechtssätze - nicht - wie es die Naturrechtslehrer getan haben - aus der "Vernunft", aus der "Natur der Sache" oder aus sonst einen außerrechtlichen Prinzip, sondern ausschließlich und allein aus dem positiven Recht geholt werden. Nicht darum ist das allgemeine Staatsrecht der naturrechtlichen Schule zu verwerfen, weil es normativen Charakter hatte, sondern darum, weil die Normen, die es systematisch darstellte, keine Normen eines positiven Rechts und darum überhaupt keine Rechtsnormen, sondern - wie die folgenden Untersuchungen noch zeigen werden - Normen der Moral, Religion und anderer sozialer Mächte waren. (11)

Ein vollkommener Gegensatz zwischen Naturgesetz und Norm ist nur möglich aufgrund einer vollkommenen Disparität [Nebeneinander von Ungleichem - wp] von Sein und Sollen. Wie ich von etwas behaupte: es ist, so kann ich von eben demselben sagen: es soll sein, und habe in beiden Fällen etwas völlig Verschiedenes ausgesagt. Sein und Sollen sind allgemeinste Denkbestimmungen, "worunter wir alles in uns und außer uns fassen" (12). Treffend sagt SIMMEL: "Das Sollen ist eine Kategorie, die, zu der sachlichen Bedeutung der Vorstellung hinzutretend, ihr eine bestimmte Stelle für die Praxis anweist, wie sie eine solche auch durch die Begleitvorstellung hinzutretend, ihr eine bestimmte Stelle für die Praxis anweist, wie sie eine solche auch durch die Begleitvorstellung des Seins, des Nichtseins, des Gewolltwerdens usw. erhält" (13). Ebenso wie das Sein ist das Sollen eine "... ursprüngliche Kategorie", und ebensowenig, wie man beschreiben kann, was das Sein oder das Denken ist, ebensowenig, wie man beschreiben kann, was das Sein oder das Denken ist, ebensowenig gibt es eine Definition des Sollens (14). Das Sollen "betrifft Vorstellungen, denen wir das Sein noch absprechen, oder wenigstens insoweit nicht zusprechen, als sie eben bloß gesollt werden und dennoch nicht in der Gleichgültigkeit des Nichtseins verharren" (15). "Das Sollen ist ein Denkmodus wie das Futurum und das Präterium, oder wie der Konjunktiv und der Optativ". (16)

Die prinzipielle Verschiedenheit beider Denkformen läßt Sein und Sollen als zwei getrennte Welten erscheinen. Sehr treffend charakterisiert KITZ (17) den Gegensatz:
    "Daraus, daß dieses  ist,  folgt wohl, daß jenes  war  oder jenes sein wird, aber nie und nimmer, daß ein anderes sein soll. Etwas kann sollen und doch ist es weder früher gewesen, noch ist es jetzt, noch wird es künftig sein. Sein und Sollen sind daher gänzlich verschiedene Grundgedanken, die von einem gemeinschaftlichen Prius zusammengehalten werden mögen, aber aus einander ebensowenig zu erklären sind wie Steinkohlenformationen oder ein guter Vorsatz; das Sollen unterscheidet sich dadurch vom Sein, daß es gar nicht ins Sein zu treten, noch auch aus dem Sein zu kommen braucht und doch ein Sollen ist und bleibt. Das Sollen geht zwar auf ein etwas-Sein, aber es ist weder durch ein anderes diesem Etwas vorangegangenes seiendes Ding, noch ist es selbst ein solches Etwas."
Der gegenseitigen Unabhängigkeit des Sollens vom Sein kann auch dadurch kein Abbruch geschehen, daß sich von einem besonderen, im folgenden näher zu charakterisierenden Standpunkt aus gewisse Wechselbeziehungen zwischen Sein und Sollen ergeben. Der Gegensatz von Sein und Sollen ist ein formal-logischer und insolange man sich in den Grenzen formal-logischer Betrachtung hält, führt kein Weg vom einen zum andern, stehen beide Welten durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt einander gegenüber. Die Frage nach dem Warum eines konkreten Sollens kann logisch immer wieder nur zu einem Sollen führen, wie die Frage nach dem Warum eines Seins immer nur ein Sein zur Antwort erhält. Auch hier kann auf die treffende Darstellung SIMMELs hingewiesen werden. "Das Sein überhaut kann nicht bewiesen, sondern nur erlebt und gefühlt werden und darum läßt es sich nie aus bloßen Begriffen deduzieren, sondern nur aus solchen, in welche irgendwo das Sein schon aufgenommen ist. Das Sollen verhält sich in gleicher Weise. Daß wir etwas sollen, läßt sich,  wenn es logisch erwiesen werden soll,  immer nur durch die Zurückführung auf ein anderes als sicher vorausgesetztes Sollen erweisen; an sich betrachtet ist es eine Urtatsache, über die wir vielleicht  psychologisch,  aber nicht mehr logisch' hinausfragen können." (18) Und ganz ebenso kann logisch die Aufhebung eines Soll nur wieder durch ein Soll begründet werden.

Es ist keine formal-logische, sondern eine materiell-historisch-psychologische Betrachtung, die zeigt, daß regelmäßig oder doch sehr häufig der  Inhalt  eines Sollens auch der  Inhalt  eines spezifischen Seins ist, daß es als gesollt gilt, was in bestimmter Weise tatsächlich geschieht oder geschehen ist. Was man als "normative Kraft des Faktischen" (19) bezeichnet, ist eben jene historisch-psychologische Tatsache, daß als gesollt dem Einzelnen entgegentritt, was in der Regel und seit altersher von allen oder den Meisten beobachtet wurde. Und die analoge Tatsache liegt vor, wenn ein konkretes Sollen aus dem Bewußtsein der Menschen schwindet, ein bestimmtes Verhalten in der Vorstellung der Subjekte den Charakter des Gesolltseins verliert, wenn es dauernd und von den Meisten nicht geübt wird. Wie ein qualifiziertes Sein ein Sollen  psychologisch  entsteht, so geht der Inhalt eines Sollens durch qualifiziertes Nicht-Sein verloren, wird ein Sollen durch qualifiziertes Nicht-Sein psychologisch zerstört. Allein dabei muß man sich stets bewußt sein, daß diese Art der Betrachtung, sofern sie das Sollen aus dem Sein ableitet, das Sollen nicht mehr in jenem formal-logischen Sinn als Gegensatz zum Sein erfaßt. Vielmehr erscheint hier tatsächlich von vornherein schon das Sollen als ein Spezialfall des Seins. Denn worauf allein gibt diese Erkenntnis von der normativen Kraft des Faktischen eine Antwort, was allein wird durch sie  "erklärt"?  Tatsächliche Vorgänge, sei es äußerer oder innerer Art. Erklärt wird, warum gewisse Gebote an die Einzelnen gerichtet werden, jener tatsächliche Vorgang, jene besonderen psychischen Willensakte, in denen man bestimmte Normen an Subjekte ergehen läßt; und weiter: die realpsychischen Willensakte jener, die sich diesen Geboten unterwerfen, sie zur Richtschnur ihres eigenen Handelns machen; und endlich: diese normenentsprechenden Handlungen selbst. All dieses Wollen und Handeln ist aber kein Sollen - im formal-logischen Sinn - sondern ein Sein, ein tatsächliches psychisches oder körperliches Geschehen, ist der Inhalt eines Sollens, aber nicht dieses Sollen selbst, das nur eine Form ist. Wie man historisch-psychologisch das Soll seinem Inhalt nach aus dem Sein abzuleiten bemüht ist, so versucht man das Sein aus einem Soll zu erklären, wenn man die Welt auf das Werdegebot eines überirdischen Schöpfers zurückführt. es ist das gleiche psychologische Begrenzungsbedürfnis, das hier die logisch unendliche Kette des Seins mit einem "Soll" beginnen läßt, und das dort die logisch ebenso unendliche Kette des Soll mit einem Sein abschließt. Es ist außerordentlich bezeichnend, daß man die Frage nach dem Anfang und dem Ende, der Entstehung und der Zerstörung des Soll nur insofern beantworten kann, als man aus der Welt des Soll in die des Seins übergeht; und daß man bei derselben Frage in Bezug auf das Sein in die Welt des Soll gerät.  Darin zeigt sich deutlich, daß die Frage nach der Entstehung und Zerstörung des Seins ebenso außerhalb der Seinsbetrachtung und deren spezifische explikative (kausale) Erkenntnismethode fällt, wie die Frage nach der Enstehung und Zerstörung des Soll nicht mehr in der nur auf das Soll gerichteten Beobachtungsebene und innerhalb der normativen Erkenntnismethode liegt. 

Faßt man das Sollen in einem streng logischen Sinn als Form in einem vollständigen Gegensatz zum Sein, dann darf man es mit keinem seiner Inhalte identifizieren, darf kein wie immer geartetes Sein als Sollen ausgeben. Inbesondere darf man nicht, was allerdings häufig geschieht, das Sollen als ein Wollen, also als einen realpsychischen Vorgang gelten lassen. Das Wollen gehört der Welt des Seins an, ist ein psychisches Geschehen und darum etwas Wesensverschiedenes vom Sollen. Ebensowenig wie das Handeln, kann das Wollen ein Sollen sein. Denn Wollen kann wie Handeln Inhalt des Sollens, niemals das Sollen selbst sein. Wie ich handeln soll, kann ich wollen sollen. Ich kann etwas wollen, ohne es zu sollen. Ich kann etwas sollen, ohne es zu wollen. Dabei kann mir der Widerspruch zwischen meinem Wollen und meinem Sollen wohl bewußt sein. Das Bewußtsein etwas zu sollen, ist prinzipiell zu trennen vom Wollen. Auch dann noch, wenn ich will, was ich soll; geschweige dann, wenn ich will, obgleich ich mir bewußt bin, das Entgegengesetzte zu sollen. Schließlich: Ich kann  wollen  sollen, aber ich kann nicht  sollen  sollen, was logisch ebenso unsinnig wäre wie:  wollen  wollen.

Ist das Sollen zu unterscheiden vom Wollen desjenigen, der soll, an den das Soll gerichtet ist, so ist es auch nicht identisch mit dem Wollen desjenigen, von dem das Soll ausgeht, genauer: Durch dessen Wollen der Inhalt des Sollens bestimmt wird. Das Sollen, das für den  A  mit dem Befehl der Autorität  B  entsteht, ist durchaus nicht identisch mit dem psychischen Willensakt, der im Befehl des  B  zum Ausdruck kommt. Die Urteile: "Ich will, daß du ..." und "Du sollst das ..." werden zwar häufig als gleichbedeutend gebraucht, allein genau genommen müßte es heißen: "Ich will, daß du ... und daher sollst du ..." Man bedenke auch, daß ein Soll dauernd zu konstatieren ist, nachdem längst schon der begründende Willensprozeß der Autorität abgelaufen, daß ja in den meisten Fällen ein Soll angenommen werden muß und im Bewußtsein des Pflichtsubjekts besteht, ohne daß überhaupt irgendein psychischer Willensakt einer menschlichen Autorität - und ein anderer ist nicht denkbar - konstatierbar wäre. Daß ich irgendein konkretes sittliches Verhalten soll, heißt nicht etwa, daß irgendjemand oder die Meisten dieses mein Verhalten  "wollen";  das letztere wäre eine psychologische Fiktioni. Überdies stünde  über  dem "Wollen" dieser anderen ebendasselbe "Soll", demzufolge sie das entsprechende sittliche Verhalten von mir zu wollen hätten. Dieses Soll könnte also nicht ihr Wollen sein.

Aber vielleicht heißt  ich soll  - wenn nicht immer so doch für gewisse Gebiete des Sollens -  ich will,  wobei "Ich" nicht nur im Sinn dessen steht, an den das Soll gerichtet ist, sondern von dem es ausgeht. Vom Standpunkt einer autonomen Moral aus erscheint das Individuum tatsächlich in dieser Doppelrolle als Pflichtsubjekt und Gesetzgeber, und es wird in einem späteren Zusammenhang zu prüfen sein, ob auch von diesem Standpunkt aus die scharfe logische Trennung von Wollen und Sollen und damit von Sein und Soll notwendig ist. Daß sie theoretisch möglich ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Denn wenn hier auch ein "ich soll" stets und ausnahmslos verbunden ist und inhaltlich übereinstimmt mit einem qualifizierten: "ich will", so kan doch immerhin beides theoretisch getrennt werden. Fraglich ist nur, ob diese formale Trennung angesichts der durchgehenden materiellen Identität eine besondere Bedeutung hat und daher eine Vernachlässigung des Unterschiedes bzw. eine Identifizierung von Sollen und Wollen erlaubt oder doch nicht besonders fehlerhaft ist.

In jener streng  objektiven  Bedeutung, in welcher der Begriff des Sollens bisher entwickelt wurde, derzufolge, was gesollt ist, ohne Rücksicht auf das subjektive Wollen oder Wünschen eines Menschen festgestellt werden kann, in jener Bedeutung, in der das  Sollen  ganz besonders als formal-logische Kategorie im Gegensatz zum Sein auftritt, kommt es gerade für das Recht und dessen Normen in Betracht, und nur im Hinblick auf den objektiven Charakter des rechtlichen Sollens, das unabhängig ist von allem Wollen der rechtspflichtigen Subjekte, sind die bisherigen Konstatierungen erfolgt. Sollte aber schon jetzt das Bedenken geltend gemacht werden, daß das rechtliche Sollen der rechtssubjekte identisch sei mit dem Willen des Staates, so muß auf die Ausführungen des 2. Buches verwiesen werden, wo dieser Einwand durch die Klarstellung dessen, was unter "Staatswille" zu verstehen ist, seine Widerlegung findet.

Nicht nur in der besonderen Relation, in der das "Gesetz" zu den von ihm beinhalteten Tatsachen steht, sondern auch im Umfang jener Tatsachen, für die das "Gesetz" gilt, hat man zwischen den beiden Arten von Gesetzen unterschieden. Das Naturgesetz hat jede Art physischen oder psychischen Geschehens zum Gegenstand, vorausgesetzt, daß dieses Geschehen nur tatsächlich vor sich geht (vor sich gehen kann). Ja, es ist sogar ein Postulat der Erkenntnis, jedes wirkliche Geschehen als ein notwendiges auf ein Gesetz zurückzuführen. Die Norm dagegen, die als Befehlt an das zu normierende Objekt herantritt, kann nur solchen Tatsachen gegenüber geltend gemacht werden, die ihrer Natur nach fähig sind, Befehle zu empfangen und zu befolgen: nur ein vernunft- und willensbegabtes Subjekt, nur der Mensch - so behauptet man - kann unter der Herrschaft der Norm stehen, nur menschliches Verhalten, menschliche Handlungen und Unterlassungen können den Inhalt der Norm bilden. Allein es kann immerhin fraglich sein, ob sich die Norm nur an Menschen richten kann. Das tägliche Leben zeigt uns, daß Befehle auch an Tiere gerichtet und von Tieren befolgt werden. Die oft erstaunlichen Resultate der Tierdressur zwingen zur Annahme, daß dem Tier gegenüber nicht nur der individuelle Befehl seinen Zweck erfüllt, daß auch eine generelle Norm im Bewußtsein oder Seelenleben des Tieres  wirksam  werden kann. Diese Feststellung ist für den in den folgenden Untersuchungen zu behandelnden Begriff der Persönlichkeit von Bedeutung, den man im Zusammenhang mit der Frage nach der möglichen Adresse der Norm auf den Menschen einschränken zu müssen glaubt. Die Frage, an wen man eine Norm ergehen lassen kann, ist eben zu scheiden von der Frage, an wen man die Norm mit mehr oder weniger  Erfolg  richten kann, an wen Normen zu richten  zweckmäßig  ist. Und von diesem Standpunkt, führt SIMMEL richtig aus, kann für die ganze Natur, nicht nur für Mensch oder Tier, ein Sollen konstruiert werden.
    "... Wie wir uns eine ganze Welt theoretisch vorstellen können, mit allen Gesetzen und Einzelheiten, und dann noch zu fragen haben, ob sie wirklich ist oder nicht, so können wir ebenso fragen, ob sie sein soll oder nicht. Denn von vielem sagen wir, daß es sein soll, was persönlich anzubefehlen sinnlos wäre; wenn KANT behauptet, der Natur gegenüber könne es kein Sollen geben, weil sie einfach den Gesetzen ihrer Wirklichkeit gehorcht und kein Ohr hat, einen darüber hinausgehenden Imperativ zu vernehmen, so ist das psychologisch nicht ganz richtig; auch vom natürlichen Lauf der Dinge, an dessen Notwendigkeit wir nicht zweifeln, sagen wir oft genug, daß es hätte anders sein sollen. Und zwar nicht nur im Vorblick, der uns noch keine Sicherheit des Verlaufs gewährt, sondern auch im Rückblick auf das schon Vollendete. (20) Wenn wir uns nicht scheuen, dem unausweichlich bestimmten Handeln der Menschen doch ein Sollen anderen Inhalts entgegenzusetzen, so sehe ich nicht ein, weshalb wir uns durch die nicht größere Bestimmtheit der übrigen Natur brauchten verhindern zu lassen, auch für sie ein Sollen zu konstruieren. Nur daß es unnütz ist, weil ganz allein an psychologischen Wesen das ausgesprochene Sollen seine Nützlichkeit ausüben kann, dürfte den Hinderungsgrund bilden. Und gerade KANT, indem er die ungerechte Verteilung von Tugend und Glückseligkeit in der Welt als etwas ganz Unerträgliches hervorhebt, empfindet das angemessene Verhältnis, nach dem der Gute seinen Lohn und der Böse seine Strafe erhält, als ein Sollen, das der Natur gegenüber gilt und dem sie dann auch in einer jenseitigen Welt nachkommt. Der Imperativ ist nur ein einzelner Fall des Sollens oder vielmehr ein Mittel, durch welches das Sollen in das Sein übergeführt wird." (21)
Doch wird im folgenden immer nur vom Gesolltsein menschlicher Handlungen die Rede sein.

Innerhalb der menschlichen Handlungen allerdings muß nicht jede einzelne zu einer Norm in ein Verhältnis gebracht, als unter der Herrschaft einer bestimmten Norm stehend erkannt werden, vielmehr gibt es zahlreiche vom normativen Standpunkt aus völlig indifferente Handlungen, ein Verhalten, das in keiner Weise als geboten oder verboten erscheint, ohne daß wir darum die normative Gesetzgebung als lückenhaft empfinden und als einer Ergänzung bedürftig erachten würden, während wir vom explikativen Standpunkt aus das Nichtzurückführenkönnen irgendeines tatsächlichen Geschehens auf ein Naturgesetz als eine vorläufige Unzulänglichkeit unserer momentanen Erkenntnis betrachten, die zu beheben als Aufgabe der Wissenschaft gilt. Treffend führt schon SCHLEIERMACHER (22) als Unterschied zwischen Naturgesetz und Sittengesetz aus,
    "daß alles Natürliche, wie es geschieht, sich auf Gesetze zurückführen läßt, vermöge deren es geschieht, nicht aber auf dem Gebiet der praktischen Vernunft alles auf solche Gesetze, vermöge deren es geschehen soll."
Das Naturgesetz ist ein  erklärendes  Urteil. Seine "Geltung" besteht in seiner Wahrheit d. h. es "gilt" nur insofern, als die von ihm behaupteten Beziehungen richtig sind, und nicht weil es selbst wirkt, d. h. als verursachende Kraft in den Dingen Veränderungen hervorruft. Es ist zwar eine populäre aber durchaus ungenaue Anschauung, die das Gesetz als Ursache der zu erklärenden Erscheinung betrachtet, das Gesetz als  causa efficiens  [Wirkursache - wp] wirken läßt.

Das Gesetz selbst ruht nicht als wirkender Faktor in den Dingen, sondern ist nur die gedankliche Formel ihrer Erklärung (23). Nicht ganz so verhält es sich bei der Norm. Denn diese  kann  "wirken", ja es ist geradezu ihr  Zweck  selbst als Ursache zu fungieren, motivierend auf den Willen der Menschen Einfluß zu nehmen, diesen Willen zu bestimmen. Die Norm soll nicht wie das Naturgesetz Seiendes erklären, sie soll ein Neues schaffen, ein Geschehen hervorbringen. Allein auch die Norm  "gilt"  nicht, weil und insofern sie "wirkt"; ihre Geltung besteht nicht in ihrer Wirkung, in ihrem tatsächlichen Befolgtwerden, nicht in einem Sein (Geschehen), sondern in ihrem Sollen. Die Norm gilt, sofern sie befolgt werden  soll;  der Zweck der Norm ist wohl ihre Wirkung. Sie kann, aber sie muß nicht ihren Zweck erfüllen; auch die wirkungslose Norm bleibt Norm.  Für die spezifische "Soll"-Geltung der Norm bleibt die Realisierung ihres Zwecks bedeutungslos. 

Damit hängt zusammen, daß sich die Norm ihrem  Zweck  und ihrer Wirkung nach stets nur auf künftige, nicht auf vergangene oder gegenwärtige Handlungen bezieht. Weil die Norm, unter dem explikativen Gesichtspunkt des Zwecks oder der Wirkung betrachtet, ein Verhalten  verursachen  will und das Subjekt, an das sie sich richtet, vor eine Wahl stellt, die Norm zu befolgen oder zu übertreten, muß sie der Handlung, die sie beinhaltet, bzw.  bezweckt  und die das Resultat der Wahl des Subjekts ist, vorausgehen (24). Sieht man aber vom Zweck der Norm, ein tatsächliches Verhalten der Subjekte künftig herbeizuführen, ab - einem Zweck der Norm, ein tatsächliches Verhalten der Subjekte künftig herbeizuführen, ab - einem Zweck, der für die Norm ja nicht spezifisch ist, da sie ihn mit anderen Tatsachen, die nicht Normen sind, gemeinsam hat - betrachtet man nicht die "Wirkung", sondern die "Geltung" der Norm, ihr  "Sollen"  - und in der Statuierung eines Sollens, einer Pflicht liegt das spezifische Wesen der Norm - so ist eine Frage nach dem zeitlichen Umfang der Handlungen, die den Inhalt des Sollens bilden können, nicht möglich. Denn weder gegenwärtige, noch vergangene oder künftige Handlungen können streng genommen Inhalt des Sollens sein. Denn  in der Zeit  kommen alle Handlungen nur in ihrer  Realität,  d. h. aber in der Form des Seins, nicht aber des Sollens in Betracht. Eine Handlung, die erfolgen  wird,  ist als reale wirkliche, dem Sein angehörige oder doch in Zukunft angehörige Tatsache gedacht und erscheint in einer ganz anderen Denkform als eine Handlung, die geschehen  soll. 

Von der "Geltung" wie von der "Wirkung" der Norm ist zu unterscheiden die "Anwendung" der Norm.

Wenn eine Norm auf eine bereits erfolgte Handlung in Anwendung gebracht wird, so kann dies in zweifacher Weise geschehen. Zunächst in dem Sinne, daß eine vollzogene Handlung lediglich mit einer Norm verglichen, auf ihre Übereinstimmung mit einer Norm hin objektiv geprüft wird. Die Norm fungiert hier nicht ihrem ursprünglichen und primären  Zweck  nach als Verursachung der normierten Handlung, sie bedeutet für die Handlung, auf die sie angewendet wird, nicht das gleiche, wie für die von ihr beinhaltete Handlung - sie dient nur als Beurteilungsmaßstab dessen was geschehen ist. Die geschehene Handlung kann niemals mehr zur Norm in jener eigenartigen Relation stehen, die für das Verhältnis der Norm zur Handlung charakteristisch ist: in der Relation des Sollens. Denn die geschehene Handlung - dem Gebiet des Seins angehörig - ist für immer dem Wirkungs- und Geltungskreis der Norm entzogen, aus deren Welt des Sollens ausgeschieden. Als Beurteilungsmaßstab verwendet, entbehrt die Norm gerade der beurteilten Handlung gegenüber auch ihrer Eigenschaft des Danachachtungsgebotes, der motivierenden Ursache. Sie fungiert in diesem Fall als indifferentes Vergleichsobjekt in ganz derselben Weise, wie auch andere Regeln als Grundlage der Bemessung oder Bewertung verwendet werden, die durchaus keinen Normcharakter an sich tragen, da sie keinerlei Sollen statuieren oder verpflichten. Den Urteilen, daß ein Berg hoch oder niedrig, eine Bewegung schnell oder langsam ist, liegen Regeln zugrunde, die keineswegs normierende Bedeutung haben. Es muß aus formalen Gründen mit Nachdruck betont werden, daß das Urteil, durch welches eine bestimmte Handlung als mit einer Norm im Einklang oder im Widerspruch stehend ausgesagt wird, von vornherein durchaus nicht unter allen Umständen identisch ist mit jenem Urteil, in dem die Norm selbst erscheint und das diese Handlung als gesollte bezeichnet. Das Urteil, welches die Lüge als Verletzung eines Sittengesetzes erklärt, ist nicht das Sittengesetz selbst, das die Lüge verbietet. Ein solches Urteil behauptet ein Sein, kein Sollen; eine konkrete Handlung als böse, normwidrig beurteilen, heißt nicht urtelen: Diese bestimmte Handlung, welche bereits vollzogen ist, soll nicht sein; eine vollzogene Handlung kann ja überhaupt nicht mehr unter die Kategorie des Sollens fallen. Der Sprachgebrauch bediente sich daher mit einem richtigen Instinkt in diesen Fällen des Präteritums [1. Vergangeheit - wp]: sie sollte nicht sein, oder hat nicht sein sollen, aber sie ist. Bei einer geschehenen Handlung kann von Sollen oder Nicht-Sollen keine Rede mehr sein. Was auch jetzt noch nicht sein soll, sind andere Handlungen, als die vollzogene, Handlungen, die nicht in der Welt des Seins gedacht sind. Und das diesen Gedanken ausdrückende Urteil ist eben die Norm selbst, die vom Urteil, das die unvollzogene Handlung zum Gegenstand hat, formal unterschieden werden muß.

Die Anwendung der Norm auf eine bereits geschehene Handlung kann jedoch auch noch auf eine andere Weise erfolgen. Das Urteil, das die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung einer Handlung mit einer Norm aussagt, kann verbunden sein mit einer  Billigung  oder  Mißbilligung  dieser Handlung durch den Urteilenden. Diese Verbindung ist nicht unter allen Umständen eine notwendige. Vom Standpunkt einer heteronomen, nicht autonomen Gesetzgebung, bei Annahme einer außer- und überhalb der Subjekte stehenden Norm ist die Erkenntnis der Normgemäßheit oder Normwidrigkeit einer Handlung ansich durchaus nicht schon eine Billigung oder Mißbilligung derselben durch den Urteilenden. Die Billigung oder Mißbilligung, die sich mit einem Urteil über eine Handlung verbindet, ist hier nicht die notwendige Konsequenz der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung dieser Handlung mit der  objektiven  Norm, sondern mit einem subjektiven Wollen oder Wünschen. Man billigt jenes Verhalten, das einem angenehm ist, das man wünscht. Das kann mitunter ein solches sein, das zu einer objektiven Norm im Widerspruch steht. Ja es kann sogar ein Urteil, das eine Handlung als mit einer objektiven Norm im Widerspruch stehend konstatiert, mit einer Billigung dieser Handlung verbunden sein. Man kann die Handlungsweise eines NAPOLEON bewundern und im höchsten Grade billigen und sie dennoch als grausam bezeichnen, da sie gegen die Norm, Menschenleben zu schonen, gegen das Sittengesetz der Menschenliebe verstößt. Das Verhalten, das im Billigen der normgemäßen und im Mißbilligen der normwidrigen Handlung gelegen ist, untersteht selbst der Norm, der die Tätigkeit des Beurteilens ebenso unterworfen ist, wie die des Handelns. Die Norm, welche die Lüge verbietet, fordert zunächst das Unterlassen der Lüge, sekundär aber auch das Mißbilligen, das Verurteilen derselben. Dieser letzteren, sekundären (25) Forderung der Norm kann Folge geleistet werden oder nicht, ebenso wie die Norm im Hinblick auf das von ihr primär geforderte Handeln befolgt oder verletzt werden kann. Während das Urteil, das eine konkrete Handlung mit einer Norm vergleicht, die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Handlung mit einer sittlichen Norm konstatiert, dieser Norm selbst nicht unterworfen ist, sondern sich nach  logischen  Gesetzen vollzieht, ist die Tätigkeit des Billigens oder Mißbilligens einer Handlung eben jener Norm unterworfen, wie diese Handlung selbst. Wir  sollen  eine normwidrige Handlung mißbilligen kraft eben derselben Norm, aufgrund deren wir sie unterlassen sollen. Darum geht es nicht an, das Wesen der Norm ganz allgemein darin zu erblicken, daß sie Beurteilungsregel ist, in dem Sinne, daß man aufgrund derselben tatsächlich billigt oder mißbilligt. Denn ebenso wie das Wesen der Norm ihrer primären Funktion nach nicht darin besteht, daß entsprechend derselben gehandelt,  wird,  sondern gehandelt werden  soll,  ist ihr Wesen der sekundären Funktion nach lediglich darin zu erblicken, daß nach ihr gebilligt oder mißbilligt werden  soll.  Das Wesen der Norm ist nicht, daß sie Beurteilungsregel ist, sondern daß sie Beurteilungsregel sein soll, wobei unter  Beurteilen  ein billigendes oder mißbilligendes Urteilen verstanden wird.

Die Behauptung, daß alle Urteile, welche die Übereinstimmung einer Handlung mit einer Norm konstatieren, notwendig Billigungsurteile sind und solche, die das Gegenteil feststellen, Mißbilligungsurteile, beruth auf der Voraussetzung, daß das subjektive Wünschen des Urteilenden mit der objektiven Norm übereinstimmt, daß die Kenntnis der Norm auch immer deren Anerkennung bedeutet. So berechtigt eine solche Annahme vom Standpunkt einer autonomen Gesetzgebung (26) sein mag, die als Norm nur gelten läßt, was subjektiv als solche, d. h. als Pflicht empfunden wird, vom Standpunkt einer heteronomen Gesetzgebung, die eine vom subjektiven Empfinden des Individuums unabhängige außer- und überhalb der Menschen existente Norm kennt, - und das kommt für die Jurisprudenz besonders in Betracht - muß sich eine solche Anschauung als Fiktion erweisen. Von diesem Standpunkt kann das Kennen einer Norm nicht identisch sein mit Anerkennen derselben. Für eine solche Betrachtungsweise muß es zahlreiche Fälle geben, in denen die ins Bewußtsein des Einzelnen gedrungene objektive Norm, das erkannte Gesetz ohne jede Anerkennung bleibt. Der moralische Nihilist kennt die Sittengesetze sehr wohl, ohne sie anzuerkennen, ja er bekämpft sie, weil er sie kennt; und insofern existieren sie auch für ihn, wenn er sich auch ihnen nicht unterwirft, als eine existente, reale Macht, durch welche die anderen beherrscht werden. Trotzdem kann er eine konkrete Handlung, die er sogar billigt, als im Widerspruch zur herrschenden Moral stehend erklären, denn mit einem solchen Urteil unterwirft er sich nur den Normen der Logik, die der  moralische  Nihilist nicht zu verwerfen braucht. Die Anerkennung ist ein subjektiver Akt, der sich im Inneren des Individuums abspielt, er bedeutet die Selbstunterwerfung unter das erkannte Gesetz, den Beschluß, das Gesetz zum Motiv des eigenen Wollens und Handelns zu machen. Nur vom Standpunkt einer heteronomen Gesetzgebung hat es eines solchen besonderen Begriffs der Normanerkennung bedurft, dieser ist selbst der beste Beweis dafür, daß die bloße Kenntnis der objektiven Norm nicht genügt, um sie zum Motiv des Handelns und damit sekundär zur Grundlage des Billigens und Mißbilligens zu machen. So notwendig und selbstverständlich sich diese formale Unterscheidung zwischen Kenntnis und Anerkennung der Norm, zwischen Billigung oder Mißbilligung einer Handlung und dem Urteil, das diese Handlung mit der Norm vergleicht, für die Theorie einer heteronomen Gesetzgebung erweist, so überflüssig mag diese Trennung für alle Fälle einer Autonomie sein, bei denen die objektive Norm und das subjektive Pflichtgefühl eins sind, so daß streng genommen nur als Norm gelten kann, was subjektiv als solche empfunden wird. Einer besonderen Anerkennung der erkannten Norm, das ist eines Prozesses, durch den der Inhalt des objektiven Gesetzes zum Inhalt des subjektiven Willens wird, bedarf es hier schon darum nicht, weil die Norm von vornherein nichts anderes ist als ein bestimmt qualifizierter Wille des Subjekts.

Von einem solchen Standpunkt aus stellt sich überhaupt der ganze Gegensatz zwischen Naturgesetz und Norm, zwischen Sein und Sollen als kein so vollständiger und absoluter dar, wie er in den bisherigen Erörterungen formal entwickelt wurde. Insbesondere auf dem Gebiet der Sittengesetzgebug, deren autonome Natur allgemein anerkannt wird, ist der  formale  Gegensatz zwischen Sein und Sollen von der Theorie gegenüber den tatsächlich bestehenden innigen  materiellen  Wechselbeziehungen zwischen beiden in den Hintergrund gedrängt und das Verhältnis zwischen Sein und Sollen auf verschiedene Weise als durchaus kein gegensätzliches dargestellt worden; (insbesondere seit jenem Zeitpunkt, da die immer stärker werdende Tendenz einsetzte, die formalistische Anschauungsweise der kantischen Ethik zu verlassen.)

Wenn im folgenden auf diese Anschauungen näher eingegangen werden soll, geschieht dies deshalb, weil zahlreiche Gedankengänge, die auf dem Boden der Ethik zur Entwicklung kamen, von Juristen für das Gebiet des Rechts übernommen wurden und bei der Konstruktion einiger Haupt- und Grundbegriffe der Rechtswissenschaft Bedeutung erlangten, ohne daß bei dieser Übertragung von Resultaten moralphilosophischer Betrachtung in die Rechtswissenschaft auf die prinzipielle Verschiedenheit zwischen der heteronomen Natur des Rechts und der autonomen der Moral sowie auf den streng formalen Charakter der Jurisprudenz Rücksicht genommen wurde.

Da das Wesen des Sollens darin gelegen ist, daß es sich das Sein unterwirft, scheint es unmöglich, den Gegensatz zwischen beiden zu überbrücken und das Sollen aus dem Sein oder umgekehrt das Sein aus dem Sollen abzuleiten oder zu begründen. (27) Allein, wenn man diesen formalen Standpunkt verläßt und die Frage nach Inhalt und Entstehung er Norm aufwirft, ergeben sich eine Reihe von Beziehungen zwischen Sein und Sollen, die vielen Theoretikern das Verhältnis zwischen beiden als ein derartiges erscheinen lassen, daß sie das Sollen als einen Spezialfall des Seins, als einen besonders qualifizierten Zustand des Seins ansehen zu müssen glauben. Die soziolgische Forschung, welche die konkreten Sittengesetze einer Gemeinschaft zu einer bestimmten Zeit untersucht, zeigt, daß als Moralnorm vom Einzelnen stets nur dasjenige gefordert wird, was seit Menschengedenken von den Gemeinschaftsgenossen tatsächlich und regelmäßig geübt wurde und was für die Existenz der Gemeinschaft notwendig ist. Das zur Erhaltung der Gesamtheit erforderliche, den egoistischen Tendenzen des Einzelnen entgegengesetzte Verhalten, insofern es von den allermeisten Gesellschaftsgliedern regelmäßig tatsächlich geübt wurde und geübt wird, ohne welches Verhalten die Gemeinschaft überhaupt niemals hätte bestehen können, bildet den Inhalt der sittlichen Normen, die in einem Volk Geltung haben; die Moralvorschriften sagen aus, unter welchen Existenzbedingungen die Gesellschaft bisher bestanden hat, gegenwärtig faktisch besteht und in Zukunft bestehen kann. Sie sind das Ergebnis einer Abstraktion, die das tatsächliche Verhalten der Einzelnen zusammenfaßt. So sagt SIMMEL (28):
    "Tiefern Einblick (in das Verhältnis zwischen Sein und Sollen) gewinnen wir noch von der Erkenntnis aus, daß die soziale Gruppe im allgemeinen dasjenige als Pflicht vom Einzelnen fordert, was mehr oder minder tatsächlich und von jeher in ihr geübt wird, weil es die Bedingung ihrer Selbsterhaltung ist ..."
Subjektiv beruth dieses tatsächliche Verhalten der Einzelnen, das den Inhalt der abstrakten Regel ausmacht, auf jenen, dem Menschen als gesellschaftlich lebendem Wesen, als  zoon politikon,  angeborenen Trieben, die - im Gegensatz zu den egoistischen - nicht auf Erhaltung des Individuums, sondern auf Erhaltung der Gattung, der Gemeinschaft gerichtet sind. Diese altruistischen Triebe, die regelmäßig bei den allermeisten Menschen in größerer oder geringerer Intensität auftreten, werden häufig mit der moralischen Disposition der Menschen identifiziert. Indem diese moralist-altruistischen Tendenzen des Individuums mit seien egoistischen Neigungen in Widerstreit zu geraten, kommen sie ihm als Pflicht, als "gesollt" zu Bewußtsein. Einer derartigen psychologisch-soziologischen Betrachtungsweise erscheint somit das Sollen im objektiven Sinn, die Norm, als Regel tatsächlichen Geschehens, das Soll im subjektiven Sinn, die Pflicht, als ein altruistischer Trieb, eine nach äußerlicher Realisierung strebende, mit egoistischen Trieben im Kampf liegende Willensrichtung - jedenfalls aber als ein tatsächlicher Vorgang, als real-psychischer Zustand des Individuums, als ein Sein. Ganz in dem ausgeführten Sinn stellt auch SIMMEL (29) das subjektive Sollen dar, wenn er sagt:
    "Immer sind es wirkliche historische Zustände der Gattung, die dem Einzelnen zu triebhaftem Sollen werden", und an anderer Stelle ausführt (30) ausführt: "daß das Sollen nichts anderes bedeutet als solche (altruistische) gefühlte Triebe in uns, die nicht auf den Egoismus zurückführbar, also überhaupt nicht weiter erklärbar sind".
Wenn der Einzelne das sittliche Soll, die Norm, nicht bloß als subjektiven Trieb empfindet, sondern als eine von Außen, von einer höheren Macht aus an ihn herantretende Forderung, so wird das auf einen eigenartigen Prozeß der Objektivierung zurückgeführt, durch welchen der Mensch gewisse psychische Tatsachen nach außen projiziert, von wo aus dieselben zu ihm in Formen wieder zurückkehren, die ihren Ursprung kaum mehr erkennen lassen (31). So ist die Idee der Gottheit nur die Objektivation des metaphysischen Ich, die Eigenschaften Gottes nur objektivierte menschliche Vorzüge und so zeigt sich das als der höhere Wille einer außer- und überhalb des Menschen stehenden Macht empfundene Sittengesetz - das die Theologie ja auch als Wille Gottes erkennt - nur als die Objektivierung der sittlichen Triebe des Menschen. Was im Grunde schon eigenes Wollen und Wünschen des Subjektes, was aber - weil noch nicht intensiv genug betont und im Widerstreit zu den starken egoistischen Trieben stehend - noch nicht alleinige und herrschende Willensrichtung geworden, die Stimme des Gewissens, das wird auf dem Weg jenes eigenartigen Gedankenprozesses der Objektivierung zur Forderung einer dem Individuum übergeordneten Autorität, zum Willen einer übermenschlichen Macht. Vom Standpunkt einer Naturgeschichte der Moral, einer Psychologie des Pflichtgefühls muß anerkannt werden, daß vom Menschen kein Moralgebot fordert, was er nicht schon früher gewollt hat. Aufgrund einer solchen Anschauungsweise wäre es auch völlig verfehlt, das sittliche Handeln und das sittliche Wollen des Individuums auf die objektive Norm zurückzuführen. Denn unter diesem Gesichtspunkt stellt sich das Verhältnis gerade umgekehrt dar: Die Norm ist nur aus dem sittlichen Wollen des Subjekts, aus seiner moralischen Disposition abzuleiten, ist nur deren Objektivierung.

Betrachtet man, auf dem Boden einer autonomen Moral stehend, die Norm als den in objektivierter Form an den Menschen herantretenden sittlichen Trieb, dessen moralisches Wollen, dann ergibt sich mit voller Klarheit, was früher bereits angedeutet wurde, daß "Erkennen" und "Anerkennen" der Norm nur Eins ist. Während die Norm, die Inhalt und Ursprung - anders als das Sittengesetz - keinem subjektiven Wollen des Individuums verdankt, sobald sie in das Bewußtsein dringt, also erkannt wird, noch einer Anerkennung bedarf, das ist des Beschlusses befolgt zu werden, um eine motivierende Macht des Willenslebens zu sein, ist die Moralnorm materiell selbst schon dasjenige, was sie formell zu bewirken hat: das sittliche Wollen und Verhalten des Subjektes. Der Norm in diesem Sinne - allerdings nur in diesem Sinne, und es wird noch zu zeigen sein, daß die Norm in diesem Sinne nicht in allen normativen Disziplinen erfaßt werden kann - wohnt das Moment des psychischen Zwanges von vornherein inne. Von diesem Sittengesetz kann WINDELBAND (32) sagen: "mit unmittelbarer Evidenz knüpft sich an das Bewußtsein der Norm eine Art von psychologischer Nötigung, sie zu befolgen". Ja das Wesen dieser Norm ist gewiß in der ihr immanenten unmittelbaren Evidenz zu erblicken. Und dagegen kann auch der für die objektive Norm einer heteronomen Gesetzgebung gewiß zutreffende Einwand nicht vorgebracht werden, daß es zahlreiche Fälle gäbe, in denen die in das Bewußtsein gedrungene Norm, das erkannte Sittengesetz, gar keine bestimmende Wirkung ausübt; denn die erkannte Norm ist schon der bewußt gewordene Trieb zum sittlichen Handeln, und als Norm und Pflicht wird von diesem subjektivistischen Standpunkt nur gelten gelassen, was als faktische Willensrichtung auftritt. Die Richtigkeit und Zulässigkeit dieser Betrachtungsweise vorausgesetzt, muß man mit WINDELBAND sagen (33):
    "Wer sich einer besonderen oder allgemeinen ethischen Maxime bewußt geworden ist, der fühlt sich dadurch veranlaßt, dieselbe zum Motiv seines Wollens zu machen", und kann die Identität von "bewußt werden" d. h. erkennen und "anerkennen" voraussetzend fortfahren: "wer eine Norm als solche anerkennt, der ist eben damit überzeugt, daß er, so wie alle andern danach verfahren sollten."
Wird von diesem subjektivistisch-autonomen Standpunkt aus überhaupt noch von "Anerkenung" einer Norm neben dem Erkennen, Bewußtwerden der Norm gesprochen, so hat der durch die Objektivierung scheinbar nach Außen projizierten Moralautorität in das Innere des Subjekts, das einzig und allein als Sittengesetzgeber fungieren kann. Die notwendige Konsequenz eines derartigen autonom-subjektivistischen Normbegriffs ist dann auch die Tatsache, daß ein Urteil, durch welches eine konkrete Handlung auf ihr Verhältnis zu einer Norm geprüft wird, stets ein Billigungs- oder Mißbilligungsurteil sein muß, denn ein solches Urteil, das eine Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Handlung mit einer Norm aussagt, konstatiert zugleich die Harmonie oder Diskrepanz dieser fremden Handlung mit dem eigenen subjektiven Wünschen des Urteilenden, dessen Handlungs- und Beurteilungstendenz, die ja identisch ist mit der Norm (34).

Für eine Betrachtungsweise, der das Sollen nur als ein Spezialfall des Seins erscheint, muß auch der Gegensatz zwischen Naturgesetz und Norm - zumindest auf sittlichem Gebiet - verschwinden. Diese soziologische, psychologisch-genetische Methode muß von vornherein zu anderen Resultaten gelangen als die formalistische. Die Normen stellen sich als Regeln dar, nach denen "der Wert dessen, was naturnotwendig geschieht, beurteilt wird", (35) d. h. also Regeln, aufgrund deren etwas Tatsächliches geschieht: nämlich das  Be urteilen, während die Naturgesetze der urteilenden Vernunft angehören, d. h. das naturnotwendige Geschehen frei von Billigung oder Mißbilligung, ohne jede Bewertung als naturnotwendig erkennen lassen. (36) Die der Norm entsprechenden Handlungen erfolgen ebenso naturnotwendig wie alle anderen. Das Verhältnis der Norm zum Naturgesetz, das ebenfalls ein naturnotwendiges Geschehen beinhaltet, wird dann - nach WINDELBAND - in der Weise aufgesucht und festgestellt, daß man die normgemäßen Handlungen, das sind jene, welche dem "normativen Bewußtsein, dem sittlichen Gewissen entsprechen", auch nur als solche Willensbetätigungen erkennt, die nach dem Motivationsgesetz - d. h. dem Kausalgesetz des menschlichen Willens - möglich sind und verwirklicht werden. Die Gebote des sittlichen Gewissens nun sind "gewisse Formen der Motivation, welche durch den naturgesetzlichen Prozeß hervorgerufen werden können, aber durchaus selten wirklich hervorgerufen werden." Die Normen sind daher mit den Naturgesetzen zwar nicht identisch, sie stehen denselben aber auch nicht
    "als ein fremdes und fernes gegenüber: jede Norm ist vielmehr eine solche Verbindungsweise psychischer Elemente, welche unter dem naturnotwendigen, gesetzlich bestimmten Prozeß des Seelenlebens unter geeigneten Umständen ebenso wie viele andere und wie auch die entgegengesetzten hervorgerufen werden kann. Eine Norm ist eine bestimmte durch die Naturgesetze des Seelenlebens herbeizuführende Form der psychischen Bewegung."
Die Normen sind daher "besondere Formen der Verwirklichung von Naturgesetzen", "die Normalgesetzgebung ist mit der Naturgesetzgebung weder identisch noch im Widerspruch; sie ist eine Selektion aus den durch die Naturgesetzgebung bestimmten Möglichkeiten". (37)

Deutlich tritt bei diesen Gedankengängen der psychologische Standpunkt, die Tendenz, das tatsächliche Geschehen nämlich das normgemäße Handeln zu erklären, hervor. Aufgrund dieser Voraussetzungen, die das Sollen als besonders qualifiziertes Sein erscheinen lassen, kann und darf eine Disparität zwischen Naturgesetz und Norm nicht vorhanden sein. Fraglich ist nur - und zur Prüfung dieser Frage allein wurden diese Gedankengänge hier eingehender reproduziert - ob diese Methode der Betrachtung auch für die Normen des Rechts innerhalb der Jurisprudenz zulässig ist.

Auf der Basis einer die Seins-Tatsachen des sittlichen Lebens zu berücksichtigenden Ethik mußte auch die berühmte Formel KANTs, derzufolge das Sittengesetz volle Geltung hat, ungeachtet der Tatsache, ob es befolgt oder nicht befolgt wird, jene Formel, die das Sollen unabhängig von allem Sein konstruiert, Widerspruch finden. Insofern man die Norm überhaupt nur als Tatsache des subjektiven Seelenlebens, als eine real existente Willensrichtung im Individuum gelten läßt, kann ein Sittengesetz gar nicht denkbar sein, das nicht seine Befolgungstendenz in sich selber trüge. Für die objektivierte Norm muß dann angenommen werden, daß sie aufhört, Norm zu sein, wenn sie nicht mehr befolgt wird, daß die Geltung der Norm, ihr Sollen, steht und fällt mit ihrer Wirkung: ihrem Sein. Eine objektive Norm, die nicht mehr als eine subjektive Handlungstendenz in den einzelnen Menschen tatsächlich lebt, hat ihren Charakter als Sittengesetz verloren. Der Grundsatz, daß eine Norm nur insofern als solche angesehen werden kann, als sie nicht bloß ein Sollen statuiert, sondern auch ein Sein bestimmt, gründet seine Berechtigung eben auf die Tatsache, daß jedes Sittengesetz aus dem Innern des Menschen als sittlicher Trieb entspringt und mit diesem verschwindet. Für die psychologisch-genetische Betrachtung ist der Gegensatz zwischen dem objektiven Sittengesetz und dem subjektiven Willen des Individuums nur ein scheinbarer; das reale Substrat der Norm ist ausschließlich die sittliche Willensdisposition des Individuums, der gegenüber eine selbständige objektive Norm nur als Konstruktion eines gedanklichen Objektivierungsprozesses erscheint.

Auch unter einem anderen Gesichtspunkt als dem streng subjektivistischen einer autonomen Moral ist ein Sittengesetz undenkbar, das niemals oder nicht mehr und unter keinen Umständen tatsächlich befolgt würde. Denn, wie schon oben gezeigt, stellt sich jedes konkrete Sittengesetz, seinem Inhalt nach, historisch betrachtet, als eine Abstraktion dessen dar, was lange Zeit, tatsächlich und regelmäßig geübt wurde. Der Natur und dem gewöhnlichen Verhalten des Durchschnittsmenschen entsprechend, wendet sich diese Regel des menschlichen Handelns und Unterlassens als Norm - im Sinne des Darnachachtungsgebotes - gegen das nichtbefolgende Individuum als eine Ausnahme von der Regel. Und diese Regel verliert natürlich ihren Normcharakter - im Sinne des Sollens - sobald sie aufhört, eine Regel des tatsächlichen Geschehens - des Seins - zu sein.

Vom Standpunkt der oben charakterisierten autonom-subjektiven Auffassung hat es vielleicht tatsächlich keinen praktischen Zweck, den formalen Gegensatz zwischen Sein und Sollen beim Sittengesetz in jener Schärfe aufrecht zu erhalten, in der KANT und FICHTE ihn formuliert haben; und die Theoretiker, die der formalistischen Anschauungsweise der KANT-FICHTE'schen Formel widersprochen haben, konnten sich auf die Tatsache stützen, daß dem formalen Gegensatz von Sein und Sollen die substantielle Identität beider Momente - einerseits für die psychologische Betrechtung in Innern des Subjekts, die das Sollen als tatsächliches Wollen erkennt, andererseits für die historische Betrachtung, die den Inhalt der Norm als Reel tatsächlichen und durchschnittlichen Geschehens aufzeigt - gegenübersteht.

Schon SCHLEIERMACHER hat in dem bereits zitierten Aufsatz über den Unterschied zwischen Naturgesetz und Sittengesetz gegen die KANT-FICHTE'sche Formel polemisiert, und seine Ausführungen, deren Grundgedanke in den meisten späteren Schriften über das fragliche Problem wiederkehren, sollen hier darum wiedergegeben werden, weil sie eine Argumentation enthalten, die aus einem doppelten Grund für die Jurisprudenz von Bedeutung ist: Einmal haben die meisten Rechtsphilosophen und Theoretiker des positiven Rechts diese Argumentation für das Rechtsgebiet übernommen, und zweitens schließt SCHLEIERMACHER die Ungültigkeit der kantischen Formel für das Sittengesetz aus seiner angeblichen Unanwendbarkeit für das Rechtsgesetz: a. a. O. Seite 407 führt er aus: "Besteht - denn darauf laufen die kantischen und FICHTE'schen Erklärungen hinaus - besteht die absolute Gültigkeit des Sittengesetzes darin, daß es immer gelten würde, wenn auch niemals geschähe, was es gebietet, weil ja doch das Soll desselben besteht, auch wenn ihm ein Sein gar nicht anhängt, die absolute Gültigkeit des Naturgesetzes hingegen darin, daß immer geschehen muß, was darin ausgesagt ist? Was das erste betriff, so ist allerdings wahr, daß die Gültigkeit des Gesetzes nicht abhängt von der Vollständigkeit seiner Ausführung; ja es ist der richtige Ausdruck für unsere Annahme des Gesetzes, daß, ungeachtet, daß wir keine einzige menschliche Handlung für schlechthin vollkommen, also ganz dem Gesetz entsprechend erkennen, die Gültigkeit des Gesetzes dadurch dennoch gar nicht leidet. Allein auf der anderen Seite muß doch immer etwas vermöge des Gesetzes geschehen, sonst wäre es auch kein Gesetz.  Denn wenn wir auf den Prototyp des Sollens, nämlich auf das bürgerliche Gesetz zurückgehen, würde wohl jemand sagen, das sei wirklich ein Gesetz, das zwar ausgesprochen sei als solches, aber niemand mache auch nur die geringste Anstalt, dem Gesetz zu gehorchen? Gewiß würden wir verneinen, aber dann auch hinzufügen, der Gesetzgeber sei auch keine Obrigkeit, weil seine Aussprüche nicht anerkannt werden und das ganze Verhältnis nur im Anerkennen bestehe.  Werden wir nun nicht  auf dieselbe Art  auch vom Sittengesetz sagen müssen: Wenn in keinem Menschen die geringsten Anstalten gemacht würden, demselben zu gehorchen, und das was KANT die Achtung für das Gesetz nennt, gar nicht vorhanden wäre; denn diese ist doch immer schon ein wenngleich unendlich kleiner Anfang des Gehorsams: so wäre auch das Sittengesetz kein Gesetz, sondern ein theoretischer Satz, von welchem man sagen könnte, er würde auch ein Gesetz sein, wenn es eine Anerkenntnis desselben gäbe? . . . Kann man also wohl sagen, das Sittengesetz würde gelten, wenn auch nie etwas demselben gemäß geschähe? . . . Das Gesetz ist also nur Gesetz, insofern es also auch ein Sein bestimmt und nicht als ein bloßes Sollen, wie denn auch ein solches strenggenommen gar nicht nachgewiesen werden kann." (38)

Bebvor untersucht werden soll, inwiefern, ja ob überhaupt die hier vorausgesetzte Analogie zwischen Rechtsgesetz und Sittengesetz besteht und ein Schluß vom einen auf das andere zulässig ist, muß das gegenseitige Verhältnis von Norm und Naturgesetz in einer bestimmten Hinsicht hervorgehoben werden, nämlich in Bezug auf die Relation zur Gesetz, bzw. Normwidrigkeit.

Faßt man das Naturgesetz in einem exakten, strengen Sinn, dann kann es keine Erscheinung geben, die gegen ein Naturgesetz verstößt. Jede solche Tatsache würde nur die Falschheit des Naturgesetzes zeigen, würde zu dem zwingenden Schluß führen, daß das angebliche Naturgesetz keines gewesen ist. Bedient man sich jedoch des Wortes  Naturgesetz  in einem weniger strengen Verstand, und begreift man darunter Regeln, die eine konstante - wenn auch nicht absolute und ausnahmslose Gleichförmigkeit im Naturlauf ausdrücken (39), so wie es etwa die Gesetze der Psychologie, die Formeln der Biologie (40) tun, dann hat man es mit Gesetzen zu tun, die eine Ausnahme wohl zulassen; und diese Ausnahmen stellen die Richtigkeit der Regel, solange sie gegenüber der Majorität der der Regel entsprechenden Fälle nur vereinzelt bleiben, nicht nur nicht in Frage, es gilt von ihnen sogar die populäre Anschauung, daß sie diese Regel bestätigen.

Betrachtet man das Sittengesetz unter dem streng formalistischen Gesichtspunkg der objektiven Norm und sieht man seine Geltung nur in seinem Sollen ohne jede Rücksicht auf ein entsprechendes Sein, dann verträgt die Norm ebensowenig eine "Ausnahme", wie das exakte Naturgesetz, das sich als ein Spezialfall des Kausalgesetzes darstellt. Läßt sich ein einziger Fall nachweisen, der dem Inhalt der Norm nach unter diese fällt, für den jedoch die Norm nicht gelten  soll,  dann muß diese Norm als ebenso ungültig betrachtet werden, wie das vermeintliche Naturgesetz, dem ein tatsächlicher Vorgang widerspricht. Etwas anderes ist es, wenn der Fall eintritt, daß eine Norm tatsächlich nicht befolgt wird; denn das bedeutet keine Ausnahme von ihrer "Geltung", d. h. von ihrem Sollen, das ja auch diesem Fall gegenüber bestehen bleibt, sondern von ihrer "Wirkung".

Der Geltung des Naturgesetzes und der Ausnahme hiervon entspricht bei einer vergleichsweisen Analogie mit der Norm nicht deren tatsächliches Befolgtwerden und das vielleicht ausnahmsweise Nichtbefolgtwerden - sondern deren Befolgtwerdensollen und ein etwaiges Nicht-Befolgtwerdensollen. Vom objektiven Standpunkt einer heteronomen Gesetzgebung ist es gewiß unrichtig, einen Fall der Nichtbefolgung der Norm als "Ausnahme" von dieser Norm zu betrachten Denn die Geltung der Norm ist für diesen Fall gar nicht ausgenommen, auch für diesen Fall "gilt" die Norm d. h. soll sie befolgt werden, und nur weil sie gilt, stellt sich dieser Fall als ein besonderer gegenüber den anderen dar: als Normwidrigkeit. Als "Ausnahme steht ein Fall jener Regel gegenüber, die - obgleich der betreffende Fall dem Inhalt der Regel nach unter diese fällt - dennoch für ihn nicht zutrifft; ein solcher Fall ist dem exakten Naturgesetz gegenüber gleichbedeutend mit dessen Vernichtung; bei einer bloßen - nicht ausnahmslosen - Regel zeigt er jedenfalls, daß eine Geltung des Gesetzes für ihn nicht besteht. Man muß eben - steht man auf einem objektiven Standpunkt - scharf zwischen der Bedeutung unterscheiden, die "Geltung" beim Naturgesetz und bei der "Norm" hat. Und man muß vermeiden, die "Wirkung" der Norm, d. h. ihr tatsächliches Befolgtwerden mit der "Geltung" des Naturgesetzes zu vergleichen; wobei letztere ihre Analogie bei der Norm ebenfalls in deren "Geltung", d. h. deren "Befolgtwerdensollen" findet.

Betrachtet man die Tatsachen des sitllichen Lebens, das sittliche Verhalten der Menschen unter dem Gesichtspunkt der explikativen, erklärenden Disziplinen, muß sich das normgemäße Verhalten, das Befolgen der Moralvorschriften seitens der Menschen als ein ebenso naturnotwendiges, also unter Naturgesetzen stehendes Faktum darstellen wie jeder tatsächliche Vorgang. Kommt man aufgrund der Beobachtung des tatsächlichen Verhaltens zu der Erkenntnis, daß das Verhalten der Menschen in den meisten Fällen den Normen entspricht, die sich zur Richtschnur ihres Lebens nehmen, kann man die Regel aufstellen, daß die Menschen im allgemeinen die Normen befolgen. Dieser Naturregel gegenüber ist der Einzelfall einer Nichtbefolgung eine "Ausnahme"; und diese Regel des tatsächlichen Verhaltens ist es, die einem solchen Fall gegenüber versagt, nicht gilt, während die formale Norm auch in diesem Fall befolgt werden soll, also in ihrem besonderen eigensten Sinnn "gilt". Das Moralgebot, fremdes Eigentum zu achten, gilt auch für den Dieb, während die Regel, daß die Menschen im allgemeinen fremdes Eigentum respektieren, dem einzelnen Diebstahl gegenüber angenommen ist. Die Normwidrigkeit ist nicht eine Ausnahme von der  Geltung  der Norm, sondern von der ihre tatsächliche  Wirkung  konstatierenden Regel - einem Naturgesetz im weitesten Sinne.

Auch dieser Gegensatz zwischen Naturgesetz und Norm verliert stark an Bedeutung, wenn man den hier bereits wiederholt charakterisierten subjektiven Standpunkt der autonomen Gesetzgebung einnimmt und die Norm ihrem Inhalt nach als Kulturhistoriker betrachtet.

Berücksichtigt man, daß jede Norm nur ein Verhalten statuiert, das regelmäßig eintritt, also ihrem Inhalt nach auch eine Regel des tatsächlichen Handelns und Unterlassens der Menschen ist, dann stellt die normwidrige Handlung oder Unterlassung eine Ausnahme jener Regel dar, die man als Substanz der Norm erkennt. Als typisch für diese Anschauungsweise können die Ausführungen gelten, die PAULSEN (41) über diesen Punkt in besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Naturgesetz und Norm in seinem System der Ethik gibt. Nachdem er als Naturgesetze in einem weiteren Sinn auch die nicht ausnahmslosen Regeln der Biologie und der medizinischen Diätetik [Lebenskunde - wp] erklärt hat, fährt er fort:
    "In diesem Sinne kann man auch die Sätze der Ethik Naturgesetze nennen: Sie drücken ebenfalls regelmäßige Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen und Rückwirkungen auf die Lebensgestaltung aus. Lüge hat die Tendenz, Mißtrauen hervorzurufen, Mißtrauen hat die Tendenz, menschliches Gemeinschaftsleben zu stören und zu zerstören, das sind Generalisierungen von derselben Art wie die, daß Alkohol die Tendenz hat, das Nervensystem zu zerstören."
Man sieht, daß PAULSEN die Norm überhaupt in gar keinen Gegensatz zum erklärenden Naturgesetz stellt, sondern direkt als Naturgesetz bezeichnet. Noch deutlicher wird sein Standpunkt in folgenden Sätzen:
    "Es wird eingewendet: die Sätze der Ethik oder die Sittengesetze drücken ein Sollen, nicht aber ein Sein aus, wie es die Naturgesetze tun. Du sollst nicht lügen - das ist ein Gesetz der Moral, und zwar ein allgemeingültiges, trotz aller Abweichungen der Wirklichkeit. Mit den Rechtsgesetzen, sagt man, stehen die Moralgesetze in nächster Verwandtschaft, nicht mit den Naturgesetzen. - Sicherlich sind sie mit diesen verwandt, ja vielleicht kann man sagen: die ursprünglichen Rechtsgebote sind nur ein Ausschnitt aus dem Sittengesetz aber das hindert nicht, daß sie auch mit den Naturgesetzen verwandt sind. Die Rechtsgesetze drücken freilich zunächst ein Sollen aus, von dem das wirkliche Verhalten Ausnahmen macht; aber doch eben nur Ausnahmen. Die Regel ist doch, daß das Gesetz auch das wirkliche Verhalten der Bürger ausdrückt. Ein Gesetz, das alle Welt überträte, würden wir wohl nicht mehr zu den geltenden Gesetzen zählen. Zu seiner Wirklichkeit gehört nicht bloß, daß es auf einem Stück Papier gedruckt steht, sondern daß es das wirkliche Verhalten - wenn auch nicht mit absoluter Regelmäßigkeit bestimmt. Dazu kommt noch ein zweites: das Rechtsgesetz hat zwar zunächst seinen Ursprung im Willen des Menschen, aber zuletzt hat es seinen Grund in der Natur der Dinge, in kausalen Zusammenhängen zwischen Handlungen und ihren Rückwirkungen auf die Lebensgestaltung. Du sollst nicht fälschen, stehlen, brandstiften, oder wie es im Gesetz heißt: wer fälscht, stiehlt, wird so und so bestraft; dieses Gebot hat seinen eigentlichen Grund darin, daß diese Dinge bedrohliche Wirkungen für das Gemeinwesen haben. Stehlen hat die Tendenz, die Eigentumsordnung, fälschen die Tendenz, den öffentlichen Glauben zu untergraben, schließlich also die Gütererzeugung und den Güterumsatz zu zerstören. Dieses Naturgesetz ist der letzte Grund des Rechtsgesetzes; das Rechtsgesetz ist eine Regel für das Verhalten der Mitglieder der Rechtsgemeinschaft, welche die Sicherung der Lebensbedingungen der Gemeinschaft zur Absicht hat. beides gilt auch für die Moralgesetze. Ein Sittengesetz drückt nicht bloß ein Sollen, sondern auch ein Sein aus. Der Kulturhistoriker wird ohne Zweifel sagen: es drückt regelmäßiges, wenn auch nicht ausnahmsloses Verhalten der Glieder des Kreises aus, der es als gültig anerkennt; und jedenfalls ist es ein Prinzip, nach welchem regelmäßig über Handlungen geurteilt wird."
Deutlich tritt hier die in erster Linie die Tatsachen des sittlichen Lebens berücksichtigende historische Methode hervor, die das formale Moment mehr oder weniger vernachlässigt. PAULSEN selbst betont ausdrücklich den  kulturhistorischen  Standpunkt seiner Argumentation. Inwieweit derselbe für die Erfassung der Rechtserscheinungen brauchbar ist, soll später erörtert werden. Für das Gebiet der Ethik muß jedenfalls zugegeben werden, daß, wenn auch die hier für den objektiven Standpunkt geforderte formelle Unterscheidung zwischen der Regel des tatsächlichen Geschehens und der ein entsprechendes Sollen statuierenden Norm auch für den subjektiven Standpunkt möglich ist, sie doch für den letzteren an Bedeutung wesentlich verliert und leicht ganz verwischt wird.

Was insbesondere die Versuche anlangt, die Sittengesetze als moralisch-diätetische Regeln zu fassen und sie so in eine Linie mit den Naturgesetzen zu stellen, ist folgendes zu bemerken: Betrachtet man, um Naturgesetz und Norm miteinander zu vergleichen, beide von einem gemeinsamen Standpunkt aus, so zeigt sich, daß sie sich schon durch den Zweck voneinander unterscheiden (42): Der ein Naturgesetz beinhaltende Satz will ein Seiendes  erklären,  bestehende Zusammenhänge konstatieren - die Norm will ein Neues schaffen, setzt sich zur Aufgabe, ein bestimmtes Verhalten der Menschen zu erzielen. Die Form, in der die Norm erscheint, in der sie ihren eigentümlichen Zweck erfüllt, kann eine sehr verschiedene sein. Als nackter Imperativ erscheint das göttliche Gebot: liebe deinen Nächsten; in einem hypothetischen Urteil verspricht das Gebot der Elternverehrung irdische Vorteile eines langen Lebens für den Fall der Danachachtung, und bei primitiven Völkern mögen beispielsweise Reinlichkeitsvorschriften keine andere Sanktion haben als den Hinweis auf die nachteiligen natürlichen Folgen für die Gesundheit und das Leben der Übertreter. Eine solche Norm ist äußerlich nichts anderes als die Konstatierung eines tatsächlichen Zusammenhangs zwischen einem menschlichen Verhalten und seinen naturgesetzlichen Folgen. Zur Norm wird ein solcher Satz, sofern er die nicht weiter erklärbare Fähigkeit hat, ein Sollen zu statuieren, die Subjekte zu einem bestimmten Verhalten zu verpflichten. Dieser Satz nun, der als Norm gilt, kann auch einer teleologischen Betrachtung unterworfen werden und weist dann eben jenen Zweck auf, der oben charakterisiert wurde: Veranlassung zu einem bestimmten Verhalten (43). Der Satz: die Lüge ist dem sozialen Leben schädlich, ist zunächst ganz ebenso eine erklärende Regel, wie der Satz: der Alkohol zerstört das Nervensystem. Im Mund des Soziologen hat der erste Satz ebensowenig normativen Charakter, wie der letztere im Munde des Physiologen. Wie aber der erste Satz von einem Pädagogen, einem praktischen Moralisten, einem Seelsorger als Norm verwendet werden kann, wie er von der Kanzel herabgesprochen als Verbot der Lüge wirkt, so ist der letztere eine diätetische Vorschrift des  Arztes,  durch die der Alkoholgenuß verboten wird.

Festgehalten muß also werden: daß die Norm einen Zweck hat und daß sie diesen Zweck in den verschiedensten Gestalten verfolgen kann, auch in der äußeren Erscheinung eines Naturgesetzes oder einer Naturregel, von der sich die Norm auch durch den  Zweck  unterscheidet, ganz abgesehen davon, daß sie, im prinzipiellen Gegensatz zur Naturregel, die einen  Seins zusammenhang erklärt, ein  Sollen  statuiert,  was allerdings für die teleologische Betrachtung, unter der allein der Zweck der Norm erscheint, nicht hervortritt. 

Faßt man aber den Zweck des Sittengesetzes ins Auge, indem man auf die Frage,  warum  ein bestimmtes Verhalten als Inhalt einer Norm gefordert wird, zeigt, daß es ein der Gesamtheit Schädliches ist, das verboten, ein der Gesamtheit förderliches, das geboten wird, eben aus dem Grund der Schädlichkeit oder des Nutzens für die Gesamtheit, stellt man sich also auf den explikativen Standpunkt der teleologischen Betrachtung und formuliert man dann das Sittengesetz als eben diese Regel, durch welche die natürliche Rückwirkung jenes Verhaltens auf die Gesamtheit ausgedrückt wird, dann betrachtet man das Sittengesetz als Soziologe. Es kann wohl auch unter diesem Gesichtspunkt zwischen dem Satz unterschieden werden, der die tatsächlichen Beziehungen zwischen einem individuellen Verhalten und der Existenz der Gesamtheit - also ein Sein feststellt - und jenem, der materiell gestützt auf diesen, aber formell selbständig und ohne Rücksicht auf ihn dieses bestimmte Verhalten fordert - ein Sollen statuiert. Allein diese Unterscheidung tritt für jene Betrachtung, die das Sittengesetz  erklären  will, in den Hintergrund.

Nun ist hier gewiß nicht der Ort, um zu der Frage Stellung zu nehmen, inwieweit so ein explikativer Standpunkt in der Ethik eine Berechtigung hat. Der Streit, ob die Ethik eine Wissenschaft von den menschlichen Handlungen ist, wie sie tatsächlich geschehen, oder eine Wissenschaft von den menschlichen Handlungen, wie sie geschehen sollen, ob die Ethik ausschließlich oder nur zum Teil eine normative Disziplin ist (44), kann hier nicht des näheren erörtert werden. Was festgestellt werden muß, ist die Tatsache, daß bei der Behandlung ethischer Probleme zwei verschiedene Methoden möglich sind, eine formalistisch-normative und eine soziologisch-psychologisch-explikative. Es muß darauf hingewiesen werden, daß, wenn der Psychologe oder der Soziologe sich die Aufgabe stellt, das Wesen der Norm zu ergründen, sein Resultat von vornherein dahin determiniert ist, daß nur ein Seiendes als Wesen des Sittlichen sich ergeben kann, daß der für die formalistische, streng normative Betrachtung so wesentliche Kontrast zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, mit den Mitteln einer naturwissenschaftlichen erklärenden Disziplin nicht erfaßbar ist. Allein man kann sich auch nicht der Erkenntnis verschließen, daß auf dem Boden einer autonomen Moral, der sich die Norm als subjektives Pflichtgefühl oder Pflichtbewußtsein darstellt, das Sollen als Sein zeigt, eine vollständige Scheidung zwischen explikativer und normativer Methode, wenn schon nicht unmöglich, so von fraglichem Wert ist, daß eine scharfe Trennung beider Standpunkte aber auch dann sehr schwierig ist, wenn die Norm ihrem Inhalt und ihrer Entstehung nach eine Regel tatsächlicher Übung, wirklichen Verhaltens ist. Dies gilt nicht etwa nur für die Moral. So kann auch die Grammatik sich nicht darauf beschränken, vorzuschreiben, wie gesprochen werden soll, sie muß als historische Sprachforschung zeigen, wie zu verschiedenen Zeiten gesprochen wurde, wie in der Gegenwart gesprochen wird; ja, ihre normierende Funktion erfüllt die Grammatik nur dadurch, daß sie die Regelmäßigkeit, die überaus häufige Erscheinung einer Sprachform, ihr tatsächliches Vorkommen bei bedeutenden Schriftstellern - also ein qualifaziertes Sein - konstatiert.
LITERATUR Hans Kelsen, Hauptprobleme der Staatsrechtslehre,[entwickelt aus der Lehre vom Rechtssatze], Tübingen 1911
    Anmerkungen
    1) ZITELMANN, Irrtum und Rechtsgeschäft, Leipzig 1879, Seite 205: "Das einzelne Gesetz auf dem Gebiet des Rechts ist der Rechtssatz."
    2) Vgl. WINDELBAND, Normen und Naturgesetze, in Präludien, Freiburg i. Br. 1884, Seite 211f
    3) SIMMEL, Einleitung in die Moralwissenschaft, Berlin 1892
    4) EUCKEN, Geistige Strömungen der Gegenwart, 1909, Seite 154
    5) WUNDT, Logik I, 3. Auflage 1906, Seite 56f
    6) Treffend bemerkt EUCKEN a. a. O. Seite 154: "Der Begriff des Gesetzes ist vom Bereich des Menschen zur Natur gewandert, hat hier eine neue Gestalt gewonnen und kehrt mit ihr zum Menschen zurück, um auch sein Leben und Handeln in ein neues Licht zu rücken. Es ist ein sinnfälliges Beispiel der Erscheinung, daß der Mensch sein eigenes Bild in das All hineinsieht und es, erweitert wie umgewandelt, aus ihm zurückempfängt. Dem einen dünkt das ein bloßer Zirkel und Anthropomorphismus, der andere erhofft von einem solchen Ausgehen und Zurückkehren eine innere Erweiterung des Menschen."
    7) Von "Störungen im Begriff des Naturgesetzes noch in neuerer Zeit spricht EUCKEN a. a. O. Seite 158. Sie "kommen aus einem mehr oder minder versteckten Fortwirken des  älteren Gesetzesbegriffs  mit seiner Beziehung auf ein überlegendes Wollen; das geschieht wenn Denker des 17. und 18. Jahrhunderts aus der Gesetzlichkeit der Natur eine gesetzgebende Gottheit glauben erschließen zu können."
    8) Vgl. WUNDT, Ethik, 3. Auflage, Stuttgart 1903, Seite 1f
    9) von HELMHOLTZ, Vorträge und Reden II, 1884, Seite 226
    10) Damit soll natürlich keineswegs gesagt sein, daß die Naturgesetze Regeln sind, "nach welchen sich die Vorgänge der Natur richten  müssen,  ähnlich den bürgerlichen Gesetzen, nach welchen die Handlungen der Bürger sich richten  sollen",  welche Bedeutung des Begriffs "Naturgesetz" MACH, Erkenntnis und Irrtum, 2. Auflage, Leipzig 1906, Seite 449 mit Recht zurückweist. Auch liegt das Naturgesetz keineswegs in den Objekten, sondern ist lediglich eine gedankliche Formel zu deren einheitlicher Zusammenfassung oder, wie MACH, a. a. O. Seite 453f sagt, "ein Erzeugnis unseres psychologischen Bedürfnisses, uns in der Natur zurecht zu finden, den Vorgängen nicht fremden und verwirrt gegenüber zu stehen."
    11) In diesem Sinne ist der Gegensatz, den HATSCHEK, Allgemeines Staatsrecht I, Berlin 1909, Seite 13f und "Konventionalregeln oder über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung im öffentlichen Recht (Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, herausgeg. von JELLINEK, LABAND und PILOTY, 1909, Seite 48f zwischen dem modernen Positivismus und der naturrechtlichen Schule annimmt, zu modifizieren. Man kann durchaus auf dem Standpunkt des modernen Positivismus stehen, der besagt: "Nur was aus den offiziellen Rechtsquellen, Gesetz und Gewohnheitsrecht (bei manchen auch Wissenschaft) stammt, ist Recht, alles andere ist Naturrecht", und doch dem allgemeinen Staatsrecht einen normativen Charakter zuschreiben; nach HATSCHEKs Darstellung scheint letzteres unrichtig. Allein auch darin gleicht die Rechtswissenschaft der gerade von HATSCHEK sehr geistreich zum Vergleich herangezogenen Grammatik, allerdings nicht der historisch-psychologisch-explikativen, die erklären will, warum, wie es gekommen ist, daß man so oder so tatsächlich spricht, sondern der rein normativen Grammatik, die feststellt, wie man sprechen soll, den Inhalt der Sprachnormen aber nicht aus der Vernunft, sondern aus der - dem positiven Recht vergleichbaren - "Schriftsprache" nimmt.
    12) KITZ, Seyn und Sollen, 1869, Seite 74
    13) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 8
    14) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 8
    15) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 9
    16) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 9
    17) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 74
    18) Simmel, Einleitung a. a. O. Seite 12
    19) JELLINEK, Allgemeine Staatslehre, 2. Auflage, Berlin 1905, Seite 329f
    20) Diesem letzteren Gedanken kann hier allerdings nicht bedingungslos beigepflichtet werden (siehe weiter unten).
    21) SIMMEL, Einleitung in die Moralwissenschaft, Berlin 1892, Seite 9 und 11
    22) SCHLEIERMACHER, Über den Unterschied zwischen Naturgesetz und Sittengesetz, gelesen am 6. Januar 1825, Sämtliche Werke, III. Abteilung, 2. Bd. Seite 405.
    23) "Eine leere rhetorische Phrase ist es, von Naturgesetzen so zu sprechen, als ob die bloße Formel eine magische Macht über die Erscheinung übte und ihnen etwas zumutete, was nicht aus ihrer eigenen Natur von selbst folgte. Gesetze können nie Gründe des wirklichen Geschehens sein, sondern nur die konstante Art und Weise ausdrücken, wie reale Dinge sich verhalten." - SIGWART, Logik II, Seite 512. Sehr fein charakterisiert auch MACH jenen Prozeß, durch den, was nur Prinzip einer gedanklichen Zusammenfassung und Orientierung ist, in die Außenwelt projiziert wird: a. a. O. Seite 454: "Es ist sehr natürlich, daß in Zeiten geringer Schärfe der erkenntnistheoretischen Kritik die psychologischen Motive in die Natur projiziert und dieser selbst zugeschrieben worden sind. Gott oder die Natur strebt nach Einfachheit und Schönheit, dann nach strenger Gesetzmäßigkeit und Bestimmtheit, endlich nach Sparsamkeit und Ökonomie in allen Vorgängen, nach Erzielung aller Wirkungen mit dem kleinsten Aufwand."
    24) Vgl. WUNDT, a. a. O. Bd. 1, Seite 6: "Nur wo diese Fähigkeit (der Wahl zwischen verschiedenen möglichen Handlungen) existiert, können Befolgung und Nichtbefolgung bestimmter Normen voneinander, und kann daher der Begriff des Sollens von dem des Seins unterschieden werden. Da die Wahl den Handlungen, die aus ihr entspringen, vorausgeht, so kann nur ihr gegenüber die Norm den wahren Charakter des Befehls besitzen, als eine Regel, die sich nicht auf die Beurteilung bereits gegebener Tatsachen, sondern auf die Hervorbringung zukünftiger bezieht. Jede Norm ist ursprünglich eine Willensregel, und als solche ist sie zunächst eine Vorschrift für die bevorstehende, noch der Wahl unterliegende Tat."
    25) WUNDT, a. a. O. Seite 6. "Jede Norm ist  ursprünglich  eine Willensregel und als solche ist sie zunächst eine Vorschrift für die bevorstehende noch der Wahl unterliegende Tat, damit aber auch  sekundär  eine Vorschrift für die  Beurteilung  der bereits geschehenen Handlung."
    26) Der Gegensatz von Autonomie und Heteronomie wird im folgenden stets in jenem Sinne verstanden, wie LIPPS (Die ethischen Grundfragen, Hamburg und Leipzig 1899, Seite 98) diesen Gegensatz formuliert hat: "Sofern mein Willensentscheid einen  eigenen Zug  zum Sittlichen entstammt und das Gebot nur Anlaß ist diesen Zug zu wecken, ist mein Willensentscheid sittlich autonom. Das Prinzip meines Wollens und Handelns ist nichts anderes als: Es ist ein Prinzip der Bestimmtheit des sittlichen Wollens und Handelns, durch mich, ist ein Prinzip der sittlichen Selbstgesetzgebung. Soweit dagegen das sittliche Gebot lediglich als ein fremdes mir gegenübersteht und sich seinem Inhalt nach nicht zugleich ein Gebot meiner eigenen Natur oder als ein  Gesetz meines Willens  darstellt, will oder handle ich heteronom. Das Prinzip meines Wollens oder Handelns ist ein Prinzip der Heteronomie. Das heißt wiederum nichts anderes als dies, daß das Gebot als ein fremdes und anderswoher kommendes auf mich wirkt. In jenem Fall ist das Sittliche mein eigener von mir selbst gesetzter Zweck, in diesem Fall ist es ein mir von Anderen vorgesetzter Zweck, in mir selbst aber oder für mich ein bloßes Mittel zum Zweck."
    27) Vgl. JULIUS von KIRCHMANN, Die Grundbegriffe des Rechts und der Moral, Berlin 1869, Seite 48
    28) SIMMEL, Einleitung in die Moralwissenschaft I, Berlin 1892, Seite 19
    29) SIMMEL, Einleitung, Seite 19
    30) SIMMEL, Einleitung etc., Seite 30
    31) Vgl. KIRCHMANN, a. a. O. Seite 96
    32) Vgl. WINDELBAND, Normen und Naturgesetze, in Präludien, Freiburg i. Br. 1884, Seite 237
    33) Vgl. WINDELBAND, a. a. O., Seite 237
    34) Vgl. SIGWART Logik I, Seite 159f, Anm.
    35) WINDELBAND, Normen und Naturgesetze, Seite 219
    36) Vgl. WINDELBAND, a. a. O., Seite 219
    37) WINDELBAND, a. a. O., Seite 224 - 226
    38) Zu diesen Ausführungen SCHLEIERMACHERs bemerkt EUCKEN a. a. O. Seite 163, das Problem des Verhältnisses von Natur- und Sittengesetz sei durch KANT in den Vordergrund gebracht. "Denn indem er die Moral über alles seelische Getriebe hinaushob, mußte sich das Sittengesetz mit seinem Soll vom Naturgesetz bis zu einem schroffen Gegensatz abheben. Einem SCHLEIERMACHER schien damit das Sittliche unter einen einseitigen Anblick gestellt und eines sicheren Haltes in der menschlichen Natur beraubt; das trieb ihn, den engen Zusammenhang von Natur- und Sittengesetz zu verfechten. Aber diesen berechtigten Gedanken hat SCHLEIERMACHER stark überspannt und das Charakteristische der Moral dadurch abgeschwächt. Wer die Moral zur Natur des Menschen rechnet, der gibt dem Begriff der Natur einen neuen Sinn und hat sie scharf von allem bloßen Dasein zu scheiden; so ist schließlich KANT in einem besseren Recht als SCHLEIERMACHER. Die unmittelbare Gleichsetzung von Natur- und Sittengesetzen entspricht dem Stand der antiken Ethik; sie ist hinfällig geworden und widerspricht der weltgeschichtlichen Lage, nachdem das Verhältnis des Menschen zum Geistesleben schwere Verwicklungen hat erkennen lassen. Auch wäre leicht zu zeigen, daß wo immer moderne Denker die Sittengesetze prinzipiell als Naturgesetze faßten, der Verlauf der Untersuchung sie immer wieder zur Anerkennung einer abweichenden Art gezwungen hat."
    39) FRIEDRICH PAULSEN, System der Ethik, 7. Auflage, 1906, Seite 13
    40) PAULSEN, a. a. O. Seite 13
    41) PAULSEN, a. a. O. Seite 13f
    42) Vgl. dazu die Ausführungen über die teleologische Betrachtung der Norm weiter unten.
    43) Verfehlt wäre die Annahme, daß dieser Zweck das Wesen der Norm sei. Nicht alles, was den Zweck hat, jemanden zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen, ist eine Norm, sonst wäre ja jede Bitte, jeder geäußerte Wunsch und vieles andere eine Norm, das keineswegs die Fähigkeit hat, ein Sollen, eine Pflicht zu statuieren. Das Nähere über das Verhältnis von Zweck und Norm vgl. weiter unten.
    44) Vgl. PAUL HENSEL, Hauptprobleme der Ethik, Leipzig 1903, Seite 1