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BERNHARD SCHMEIDLER
Über Begriffsbildung und Werturteile
in der Geschichte

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"Die Werturteile zerstören die Allgemeingültigkeit und die Realbegriffe sind ein Schein, eine Täuschung, etwas unserer Erkenntnis in Wahrheit nicht Gegebenes, sind Scholastik."

"Das Urteil über Friedrich Wilhelm IV., das der Forscher gewinnt, auch ganz unabhängig von den Zielen, die er der Entwicklung Preußens setzt, besagt nur, welche der vorhandenen Möglichkeiten durch Friedrich Wilhelm verwirklicht worden ist und wie man, allgemein menschlich gesprochen, sein Verfahren und seine dabei zutage tretenden Charaktereigenschaften nennen wird. Das Verfahren ist ein Prozeß der Isolierung, der Benennung, der Subsumtion unter Begriffe, aber gar nicht der Bewertung."

II. Kapitel
Begriffsbildung, Werte und
Werturteile in der Geschichte


1.

Das Resultat, zu dem wir im vorigen Kapitel gelangten, war dieses, daß eine Allgemeingültigkeit beanspruchende, wissenschaftliche Geschichtschreibung auf einem System allgemeinster Begriffe beruhen muß, welche jeden denkbaren geschichtlichen Stoff zu umfassen, abzugrenzen und in seinem Wesen zu erfassen imstande sind. Wir hatten ferner gesehen, daß die tatsächlich geübte Geschichtsschreibung wirklich auf ein System solcher höchster Begriffe hinzielt, daß es allem wissenschaftlichen Ergreifen geschichtlichen Stoffes zugrunde liegt. Es erwächst uns jetzt die Aufgabe, zu prüfen, in welchem Sinne bei dieser festgestellten logischen Struktur wissenschaftlicher Geschichtsschreibung noch von einem Einfluß menschlicher Werte und Werturteile auf die Geschichtschreibung geredet werden kann.

Sieht man sich zunächst einmal das System allgemeinster Begriffe an, die oben als Prinzipien der Begriffsbildung entwickelt wurden, das Streben nach Macht als Grundlage der politischen Geschichte, nach Einheit der Erkenntnis, nach bester Lebensgestaltung als Grundlage der Geschichte der Philosophie, der Wirtschaft usw., so könnte wohl jemand auf den Gedanken kommen und sagen, dies seien ja alles gar nichts anderes als die RICKERTschen Kulturwerte und das Beziehen auf einen Wert sei demnach ganz in Übereinstimmung mit ihm als Prinzip der historischen Begriffsbildung erwiesen! In der Tat liegt scheinbar eine große Ähnlichkeit zwischen den beiden Resultaten vor, in den eigentlich entscheidenden Punkten sind sie sich aber geradezu entgegengesetzt. Das ist ja RICKERT ohne weiteres zuzugeben, daß alle Geschichte im engeren Sinn von Kulturwerten handelt, da sie sich doch eben mit menschlichem Streben, welches naturgemäß stets auf den Menschen bezogene Werte gerichtet ist, beschäftigt. Das Resultat, die geschichtliche Begriffsbildung gehe durch Beziehung auf Kulturwerte vor sich, besagt also gar nichts anderes, als daß das Streben nach gewissen Gütern der letzte Schlüssel zum Verständnis menschlicher Handlungen und aller menschlichen Geschichte sei, was wohl auch vorher niemandem unbekannt gewesen ist. Die für die Logik entscheidende Verhältnis zueinander (Wert: Macht, Anerkennung; historischer Grundbegriff: Streben nach Macht), darum sind sie aber nicht dasselbe und bedingen ein beidemal ganz verschiedenes logisches Verfahren der Begriffsbildung.

Was ferner den einheitlichen den einheitlichen Aufbau des Inhalts der Geschichte betrifft, zu dem RICKERT durch sein System von Wertbegriffen gelangt, so ergibt sich in dieser Beziehung bei unseren obersten Allgemeinbegriffen ein ganz anderes Bild. Diese Begriffe enthalten nämlich, wie sehr sie auch darauf ausgehen, alle Betätigungen der menschlichen Seele zu erfassen und auszudrücken, jede Regung und Bewegung in der Geschichte zu beschreiben, nicht das mindeste Moment systematischer Natur, (11) etwa derart, daß sie alle Regungen der menschlichen Seele zu einer bestimmten Zeit in eine höchste Einheit zusammenzufassen gestatteten, aus der das Einzelne dann logisch deduziert und mittels deren durch das Gesetz der Kausalität die zukünftige Entwicklung als einheitlich notwendige Folge aus dem Gegenwärtigen erschlossen werden könnte. Sondern sie sind nur leere Begriffe ohne Beziehung zum Umfang der zu ergreifenden Tatsachen, ohne quantitative Bestimmtheit, lediglich Mittel der universalen Begreifung und Darstellung. Nicht von ihnen, sondern von den konkreten Tatsachen geht der Geschichtsforscher aus und nur diese sind das Ziel seiner Darstellung, die Begriffe nur das Mittel derselben; die Begriffe zum Ziel nehmen, heißt Psychologie treiben oder Geschichtsphilosophie, eine systematische Wissenschaft, nicht Historie. Diese beschäftigt sich immer nur damit, wie es denn eigentlich gewesen sei und um das allgemeingültig und einwandfrei darzustellen - je nach dem Stand der Quellen -, dazu bedient sie sich dieser Begriffe und muß sie sich ihrer bedienen.

Indem diese Begriffe aber eine Reihe nebengeordneter sind, die sich nicht unter einen höchsten subsumieren lassen - denn der Begriff "Menschennatur", dem man sie als untergeordnet auffassen kann, ist dafür auch gänzlich leer und inhaltslos, für das Einzelne nichtssagend -, ergibt sich mit Notwendigkeit ein durchaus lockerer Aufbau der Geschichtswissenschaft. Die Weltgeschichte durch ein Wort, eine Formel auszusprechen, als das Resultat eines einzigen, innerlich notwendigen Entwicklungsprozesses darzustellen, wie es so vielfach das Bemühen der Geschichtsphilosophie ist, kann darum nie gelingen; aufgrund des vorhandenen Begriffsmaterials kann man immer nur aussagen, wie eine Erscheinung oder eine Reihe von solchen gewesen und geworden sei, wie sie sich entwickelt habe, aber nicht, wie "die Geschichte" verlaufen sei; die Totalität des menschlichen Daseins und der menschlichen Entwicklung läßt sich nicht einheitlich begrifflich ausdrücken. (12)

Ist das aber richtig, so ergibt sich zugleich, daß zur Bearbeitung einer Erscheinung immer ein Entschluß, eine Auswahl des Forschers notwendig ist, daß für das Zustandekommen wissenschaftlicher Arbeiten diese Begriffe allein überhaupt keine Rolle spielen. Es muß noch ein anderes Prinzip hinzutreten, das die Auswahl bedingt, Werte, des Forschers, der Zeit, welcher Herkunft auch immer und ihren Einfluß auf die Wissenschaft wollen wir nunmehr untersuchen.

Schon der konkrete Stoff, von dem, wie gesagt, der Historiker ausgeht, der durch jene Begriffe bearbeitet werden soll, ist unzweifelhaft bereits durch Werte gesichtet und ausgewählt; was den Zeitgenossen bedeutend erschien, zeichneten sie auf und überlieferten es der Nachwelt, anderes fiel der Vergessenheit anheim. Und selbst in den jeweiligen Richtungen der - so wissenschaftlich wie immer möglich gerichteten- Geschichtsschreibung läßt sich der Einfluß von Werten nicht verkennen; eine Zeit sammelt mit Eifer alles und berichtet über das, was zur politischen, eine andere, was zur Wirtschaftsgeschichte gehört und läßt andere Gebiete derweil fast unberührt liegen. Auf die konkrete Entwicklung und Gestaltung der gesamten Geschichtswissenschaft haben also Wertgesichtspunkte unzweifelhaft einen großen Einfluß. Es ist nur eine ungeheure Übertreibung und Einseitigkeit, sie für das einzige, bei der Bearbeitung maßgebende Prinzip zu erklären. In Wahrheit stellt sich die Geschichtsschreibung vielmehr als das Resultat zweier ineinander arbeitender Prinzipien dar. Auf der einen Seite der nach Wertgesichtspunkten und manchen anderen Momenten überlieferte Stoff, der je nach den vorherrschenden Werten an verschiedenen Stellen von der Wissenschaft bearbeitet wird, aber bearbeitet durch ein System von Begriffen, die auf das Ganze des geschichtlichen Lebens gehen, die die wenigen überlieferten Tatsachen als die Trümmer größerer Zusammenhänge zu erfassen suchen, das Einzelne nicht auf seine Bedeutung für die Gegenwart in Beziehung auf absolute Werte, sondern auf sein inneres Wesen und sein Verhältnis zum Ganzen untersuchen, dem es angehört.

Auf diese Weise ist das Verhältnis klargestellt, das zwischen Wertgesichtspunkten und jene obersten Begriffen in historischer Bearbeitung besteht, bzw. ohne inneren Widerspruch bestehen kann: die Werte geben den Anstoß, die Veranlassung zur Bearbeitung eines Ereignisses einer Partie der Geschichte, die Begriffe bestimmen die Art, die Methode der Arbeit, die Ausführung. Indem sie das ganze menschliche Leben umschreiben, ohne es zur Einheit eines höchsten Begriffes zusammenzufassen, gestatten sie eine sichere Abgrenzung der einzelnen Tätigkeiten und damit eine Heraushebung einzelner Ereignisse oder von Reihen aus dem geschichtlichen Ganzen, ohne durch diese Isolierung eine Verfälschung zu bedingen, es kann durch sie das Ereignis in seinem Wesen erfaßt und beschrieben, daher auch in allen wesentlichen Beziehungen zu anderen erforscht und so als eine innere Einheit aus dem Strom des Ganzen herausgehoben werden. Bei der Fülle der Ereignisse kann sich nun der Forscher eben denjenigen zuwenden, denen seine Neigung gilt und diese Auswahl des Stoffes ist nicht im mindesten unwissenschaftlich zu nennen, verstößt auf keine Weise gegen die Allgemeingültigkeit, wenn sie nur, nach den obigen Regeln vollzogen, die innere Einheit des Gegenstandes nicht zerstört, sein Wesen betreffende Beziehungen zu anderen Erscheinungen nicht übersieht.

Noch in einer anderen Hinsicht können sich Wertgesichtspunkte in der wissenschaftlichen Arbeit geltend machen, ohne die Wissenschaftlichkeit der Resultate im Einzelnen zu beeinträchtigen. Wie erinnerlich, will die Geschichte darstellen, wie es eigentlich gewesen ist und die erörterten Begriffe haben den Zweck, durch Abkürzung und Abstraktion eine solche Darstellung zu ermöglichen. Dabei bleibt es aber Sache des Taktes und des Interesses, wie weit man bei dieser Abkürzung geht oder nicht. Der eine Forscher mag sich befriedigt fühlen, wenn er die Darstellung der großen Begebenheiten vollendet zu haben, wenn er zur Anschauung des Objektiven der großen Tatsachen gelangt zu sein glauben durfte, wenn er die großen Linien der Entwicklung erfaßt und dargestellt hat; ein anderer vielleicht meint seine Aufgabe erst gelöst zu haben, wenn er auch alle kleinen Faktoren erkannt und gewürdigt hat. So werden in der politischen Geschichte nach Erforschung der Taten der Könige und großen Feldherrn die einzelnen Minister, die Maitressen und Kammerdiener, die Regimenter und Leutnants usw. untersucht und auch in bezug auf alle diese Dinge wird genau festgestellt, wie es eigentlich gewesen ist. Die Grenze, die die Wissenschaft hier zu ziehen hat, ist methodologisch nicht zu bestimmen, sie wird durch das Interesse, die Wertgesichtspunkte der Zeit und des Einzelnen bestimmt. Aber die Art der Bearbeitung, die Beziehung des Einzelnen auf das Ganze und das Allgemeine, hängt lediglich von den oben entwickelten Begriffen und der Eigenart der Methode ab.


2.

Haben wir so die wirkliche Geschichtsschreibung als ein Resultat mannigfachen Zusammenwirkens von Wertgesichtspunkten und methodischer Arbeit nach naturwissenschaftlicher Methode erkannt, so müssen wir uns schließlich noch mit einer Meinung auseinandersetzen, die noch in anderer Weise als RICKERT Werten, und zwar persönlichen Werten, einen weitgehenden Einfluß auf die Wissenschaft einräumen zu müssen meint; es ist dies die Meinung, daß die Auswahl der Tatsachen durch die persönlichen Werturteile des Forschers nicht nur bedingt werde, sondern notwendig bedingt werden müsse, daß die Werturteile eine notwendige und unentbehrliche Funktion historischer Methodik sind. (13) Ein Werturteil ist eine Aussage von jemandem über die Stellung, die er zu einem Objekt einnimmt, ob er es gut oder schlecht, nützlich oder schädlich, billigenswert oder verwerflich findet; es sagt etwas aus über den inneren Zustand des Beurteilers, an sich nichts über die Beschaffenheit des Objekts. Wohl aber ist es oft mit Aussagen über die Natur des Objekts eng verbunden, in der Art, daß die Aussage die Begründung des Werturteils abgibt; indem das Objekt in eine Klasse von Gegenständen eingereiht wird, denen allen das Werturteil gilt, fällt dasselbe dann naturgemäß auch auf das einzelne, soeben erwähnte zurück. Versuchen wir uns nunmehr klar zu machen, in welcher Weise die Werturteile auf geschichtliche Erkenntnis Einfluß zu haben vermögen und ob dieser Einfluß notwendig, auf keine Weise auszuschalten sei.

Der erste Grund, den man dafür beizubringen pflegt, ist die Fülle des historischen Stoffes. Dieser mache eine Auswahl des Bedeutsamen notwendig, dessen, was der Historiker für Wert erachte, in die Darstellung aufgenommen zu werden und was nicht und eine solche Auswahl sei notwendigerweise durch die persönlichen Werturteile des Forschers bedingt, könne nicht in allgemeingültiger Weise vorgenommen werden.

Wir sehen, dieser Ausgangspunkt ist genau das Problem des vorigen Kapitels, das Problem der Begriffsbildung, der Auswahl des Stoffes. Die Behauptung, Werturteile seien für die historische Methodik unentbehrlich, ist nichts als ein Versuch der Lösung dieses Problems. Nun haben wir im vorigen Kapitel einen ganz anderen Lösungsversuch gegeben und haben uns daher jetzt mit diesem andersartigen auseinanderzusetzen.

Die Behauptung, Begrenzung und Bearbeitung des Themas sei notwendigerweise von persönlichen Werturteilen des Forschers abhängig, hat nur einen Sinn und eine Berechtigung, solange eine allgemeingültige Gliederung und Begrenzung des gegebenen Stoffes durch allgemeingültige Begriffe ausgeschlossen, prinzipiell unmöglich ist. Wenn das aber nicht der Fall ist, wenn die Möglichkeit gegeben ist, die Gesamtheit des Stoffes in gewissen Begriffen zu gliedern und zu erschöpfen, so ist nicht einzusehen, welche Notwendigkeit und Stelle die Werturteile noch haben sollen. Gliederung und Teilung des Stoffes findet doch in allen Wissenschaften statt und man würde denjenigen Methodologen wohl etwas verwundert betrachten, der behauptete, die Forschungen eines Naturwissenschaftlers seien einseitig, subjektiv gefärbt, weil er sich nur die Erscheinungen der Elektrizität und nicht die aller natürlichen Vorgänge zum Arbeitsgebiet genommen habe. Wenn also in gleicher Weise sachlich und erschöpfend die Erscheinungen der Geschichte sich ihrem inneren Wesen nach scheiden lassen wie die Erscheinungen der Natur, so findet die Behauptung, Werturteile seien ein notwendiger Bestandteil historischer Methodik, an der Notwendigkeit der Begriffsbildung und Scheidung des Stoffes keine Stütze mehr. Es ist nicht einzusehen, wie die aus der immerhin persönlichen Neigung des Forschers entsprungene Themenwahl die Allgemeingültigkeit der Bearbeitung gefährden soll, wenn es möglich ist, das Thema in allgemeingültiger und notwendiger Weise zu umgrenzen und zu bestimmen.

Dennoch liegt nach einer weitverbreiteten Empfindung in der Geschichte ein Moment, das viele Forscher in einer solchen Art der Bearbeitung keine objektive Wissenschaft mehr sehen läßt. Es ist dasjenige Moment, das RICKERT meinte, wenn er die Geschichte als Wirklichkeitswissenschaft gegenüber der Natur- als Begriffswissenschaft erschöpfend zu charakterisieren glaubte. In der Natur, meint man, sei es zwar richtig und angebracht, zu isolieren, denn da wolle man nur die allgemeinen, abstrakten Eigenschaften der Dinge wissen, die Geschichte aber sei auf das zeitliche Moment gerichtet, die Vergangenheit, wie sie wirklich gewesen und geworden sei und das könne nur durch Charakteristik der gesamten Vergangenheit und Aufnahme in die Darstellung erreicht werden, jede Isolierung sei in diesem Fall wider die Wahrheit, eine Verfälschung.

Der eine Ausweg, den man aus dieser Schwierigkeit gesucht hat, ist der oben genannte, der die Werturteile die Funktion der Auslese übernehmen ließ und der in Wahrheit kein Ausweg, sondern ein Verzweifeln an einer vollen Lösung des Problems ist, ein anderer, aber gleichfalls vielbetretener der, daß man Realbegriffe in der Geschichte zu bilden suchte, solche Begriffe, die die Summe des Nebeneinanderbestehenden und das innerste Wesen desselben ausdrücken sollten, die die Summe der Gegenwart und die Bedingungen der Zukunft in sich enthielten, den eigentlichen Inhalt der Geschichte zwar vereinfacht, aber doch in seiner Totalität umspannten. Hierher gehört der Versuch, ein eigentliches Arbeitsgebiet der Geschichte anzugrenzen wegen der materiellen Wichtigkeit des unter den Begriff politische Geschichte fallenden Stoffes oder allumfassende Begriffe zu bilden, die den wesentlichen Inhalt je eines "Kulturzeitalters" und alle Bedingungen für den Fortschritt derselben ausdrücken und enthalten und so den gesamten wesentlichen Inhalt der Geschichte und ihren Fortgang in ein Schema zu bringen, um auf diese Weise das Einzelne auch gesondert ohne Willkür betrachten zu können; denn indem es immer auf das Schema und seine Begriffe, nicht auf - angeblich - willkürlich und vereinzelt gebildete Begriffe bezogen wird, werde sein wesentlicher individueller Inhalt ebenso wie seine Wichtigkeit für den Fortgang der Begebenheiten ausgedrückt. Ebenhierher gehören alle Versuche einer allgemeingültigen chronologischen Einteilung des Stoffes, die doch immer nur aufgrund von höchsten allumfassenden Begriffen zur Charakteristik des gesamten geschichtlichen Daseins möglich ist.

Weder der eine noch der andere Weg ist gangbar, wenn man die Geschichte als eine Wissenschaft aufrechterhalten will; denn die Werturteile zerstören die Allgemeingültigkeit und die Realbegriffe sind ein Schein, eine Täuschung, etwas unserer Erkenntnis in Wahrheit nicht Gegebenes, sind Scholastik. Der einzige mögliche Ausweg ist der, anzuerkennen, daß auch die Geschichte eine Begriffs-, keine Wirklichkeitswissenschaft im obigen Sinne ist, daß für jede Bearbeitung irgendeines geschichtlichen Stoffes eine Begriffsbildung, eine Scheidung notwendig ist; in dieser Tatsache an sich liegt noch keine Verfälschung der geschichtlichen Wahrheit. Dies wäre erst dann der Fall, wenn die Scheidung unmöglich in allgemeingültiger, als notwendig beweisbarer Weise sich vollziehen ließe, wenn sie je nach Belieben auf verschiedene Weise vollzogen werden könnte. Stehen dafür aber allgemeingültige Begriffe zur Verfügung, welche den gesamten Stoff gliedern - ohne ihn deshalb in einen allerhöchsten Realbegriff zusammenfassen zu wollen -, so liegt in der Funktion der Sonderung des Einzelnen vom Ganzen auf keine Weise eine Verfälschung, ein Verstoß gegen die Wahrheit und die Bearbeitung des geschichtlichen Stoffes ist in durchaus allgemeingültiger Weise ohne jede Benutzung von Werturteilen ermöglicht.

Das andere Moment, auf das man die Notwendigkeit von Werturteilen bei der Bearbeitung des geschichtlichen Stoffes begründet, ist die oben charakterisierte Art historischer Begriffsbildung. Die Elemente historischen Daseins, die wir abstrahieren, kennen wir und abstrahieren wir nur aufgrund der Beschaffenheit unserer eigenen Seele, wir nähern uns dem Stoff durch Hineinfühlen, durch Verstehen, nicht durch Sinneseindrücke und deren Messung. Bei solcher Lage der Dinge, sagt man, ist es unvermeidlich, daß die Beschaffenheit der Seele des einzelnen Forschers, das Instrument, mit dem er arbeitet, Einfluß auf die Resultate gewinnt. Diejenige Richtung des menschlichen Seelenlebens, die in ihm selbst am feinsten ausgebildet ist, wird er auch in der Geschichte überall am ehesten aufspüren, sie verstehen können, sie lobend hervorheben, während er anderes übersieht, es nicht versteht, in seiner Bedeutung fälschlich und ungerecht zurücksetzt.

Für den einzelnen Forscher ist das gewiß richtig und hundertmal nachgewiesen, für die Wissenschaft im ganzen liegt hier keine Schranke vor. Denn was im Forscher selbst Wertgefühl, halb unbewußt ist und ihn treibt, um es mitzuteilen, muß er es aussprechen, seine Meinung und Ansicht der Dinge in allgemeinverständlichen Worten und Sätzen formulieren. Diese aber lassen sich als wahr oder falsch nachprüfen, kontrollieren; Vorgänge, die ein Forscher vernachlässigt, zieht ein anderer heran, das Einseitige kann nachgewiesen, das Falsche ausgeschaltet werden. Vielmals ist dieser Prozeß vollzogen worden, das Resultat kann nur sein, daß wir immer allgemeingültigere Begriffe bilden, unter denen wir den historischen Stoff begreifen, daß persönliche Werturteile, Neigungen und Abneigungen immer mehr ausgeschlossen werden.

Wenn also auch zugegeben werden muß, daß infolge der Beschaffenheit menschlicher Natur und geschichtlicher Methode ein Einfluß der Werturteile auf die Auffassung sehr wohl möglich und unzähligemale vorgekommen ist, so ist doch auch zu sagen, daß dieser Einfluß stets bemerkt und gerügt wurde, daß er ausgeschaltet werden kann und kein methodologisch notwendiger Bestandteil historischer Methodik ist derart, daß ohne das Waltenlassen von Werturteilen die im Wesen historischen Denkens und Forschens liegenden Ziele nicht erreicht werden könnten.


3.

Um aber die obigen Sätze und Erörterungen zu verdeutlichen und zu beleben, gebe ich einige Beispiele, die den Einfluß von Werturteilen auf die Geschichtsschreibung zeigen und zugleich den Weg erkennen lassen, auf dem sie ausgeschaltet werden. Als Beispiele dienen die bekannte Kontroverse zwischen SYBEL und FICKER über das mittelalterliche Kaisertum, TREITSCHKEs deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert und die Beurteilung FRIEDRICH WILHELMs IV. in der neueren Literatur.

Der Streit zwischen SYBEL und FICKER drehte sich um die Bedeutung des mittelalterlichen Kaisertums. Im Jahre 1859 hielt SYBEL in der Münchner Akademie eine Festrede: Über die neueren Darstellungen der deutschen Kaiserzeit, in der er hauptsächlich im Gegensatz zu GIESEBRECHTs Kaiserzeit den Gedanken ausführte, wie die mittelalterlichen Kaiser von KARL dem Großen ab stets ein unbegrenztes Streben nach Weltherrschaft verfolgt, die deutsche Nation in Kämpfe aller Orten verwickelt hätten, die keineswegs in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse lagen und sie wirtschaftlich und politisch beinahe ruiniert hätten, wie alle großen, dauernden Erfolge deutscher Geschichte nicht durch, sondern ohne oder selbst gegen das Kaisertum durchgesetzt und errungen worden seien. Er bestimmte ein theokratisch gefärbtes Streben nach Weltherrschaft als das Wesen des Kaisertums und verurteilte es infolgedessen als antinationale, dem Gedeihen des eigenen wie der fremden Völker gleichmäßig schädliche Institution.

Dagegen trat FICKER 1862 mit einigen am Ferdinandeum zu Innsbruck gehaltenen Vorlesungen über "das deutsche Kaiserreich in seinen universalen und nationalen Beziehungen" auf, die ursprünglich zwar nicht direkt gegen SYBEL gerichtet waren, aber doch eine der seinen entgegengesetzte Anschauung vertraten. Zunächst bekämpfte er darin die Berechtigung der - auch bei SYBEL hervortretenden - Anschauung, man könne die politischen Gebilde aller Zeiten nach ihrem Verhältnis zu den Nationen und deren Bedürfnisse als mit einem für alle Zeiten gültigen Maßstab messen. Die politischen Bedürfnisse seien sehr verschieden und nicht immer werde ihnen durch die Gebilde nationaler Staaten am besten genügt, auch die Weltreiche haben ihre Berechtigung als politische Form. Dann geht er dazu über, durch Gegenüberstellung des Kaisertums und der Bedürfnisse, denen es genügte, das Wesen desselben festzustellen, nachzuweisen, wie es seinem Wesen nach viel mehr in sich enthielt als theokratische Eroberungstendenzen einzelner Herrscher, wie es nach dem Karolingischen Weltreich, das er ebenso wie SYBEL charakterisiert und nach seiner Absicht, nicht so sehr nach seinem Erfolg verwirft, wie es also seit OTTO dem Großen und abschließend seit KONRAD II. ein festbegrenztes, territoriales Staatsgebilde gewesen sein, das, in der Mitte des Erdteils gelegen, mit einer ungemein überlegenen politischen Macht über alle gleichzeitigen Staatsgebilde ausgestattet, die Ruhe Europas nach innen und außen gesichert habe, fremden Eroberungsgelüsten jeder Art siegreich entgegengetreten sei und den Gang der europäischen Kulturentwicklung überhaupt erst ermöglicht habe. Die ungemessenen Eroberungstendenzen einzelner Kaiser verwirft er nicht minder als SYBEL, sieht aber in ihnen nicht ausschließlich das Wesen des Kaisertums, sondern nur eine der Kräfte, die dasselbe konstituierten; andere solche Kräfte sind die Tendenzen der Kirche und die der deutschen Nation und, wie erwähnt, die allgemeinen politischen Bedürfnisse des Erdteils. Gerade darin, daß sich das Kaisertum trotz der seinen Bestand oft in Frage stellenden Eroberungstendenzen immer wieder herstellte und mehrere Jahrhunderte hindurch unerschüttert und unangreifbar bestand, sieht FICKER den besten Beweis für die Notwendigkeit seines Bestehen, für das Dasein und Wirken anderer Bedürfnisse, denen es diente, als nur eines ungemessenen, unberechtigten Ehrgeizes. Der Sturz des Kaisertums ist dann nicht so sehr von Anfang an in seinem Wesen notwendig begründet als vielmehr in der Überschreitung seiner Grenzen durch die Erwerbung des sizilianischen Königreiches. Hierdurch wurde das Kaisertum seiner deutschen Grundlage und seinen ursprünglichen Aufgaben entfremdet und in einen Kampf auf Leben und Tod mit dem Papsttum verwickelt, in dem es zugrunde ging. Nicht das deutsche, nur das staufisch-sizilianische Kaisertum trug den Keim des Verderbens in sich, in das es dann allerdings das deutsche Kaisertum und Königtum mit sich gerissen hat.

Der Kern der FICKERschen Ausführungen war also eine neue Bestimmung des Begriffs "Deutsches Kaisertum", indem er eine Reihe von neuen Momenten in den Begriff aufnahm, den SYBEL durch ein einziges richtig und erschöpfend charakterisiert zu haben meinte.

SYBEL ging in seiner Entgegnung über "die deutsche Nation und das Kaiserreich" weniger auf die neue Begriffsbestimmung ein, als daß er vielmehr die Richtigkeit der seinen zu erweisen suchte. Jedesmal habe das Kaisertum, wenn die Bedingungen irgend gegeben waren, seine Grenzen zu überschreiten, sich schrankenlos auszudehnen gesucht, und jedesmal sei dem Versuch der Fall, die tiefe Erschöpfung gefolgt. So auf KARL den Großen die Wirren des 9. und 10. Jahrhunderts, auf OTTO den Großen die Kämpfe unter OTTO II., der Verfall unter OTTO III., auf HEINRICH III. die Wirren des Investiturstreites, auf FRIEDRICH BARBAROSSAs erste Periode die Zerstörung und Demütigung des deutschen König- und Kaisertums von 1176 - 1177 an, für das die sizilianische Periode nur ein letzter Versucht der Rettung, nichts anderes gewesen sei.

Es war ohne Zweifel der einzige Weg zur Entscheidung des Streites, den SYBEL beschritt, die Verifizierung der beiderseits gebildeten Begriffe an den Tatsachen und FICKER konnte ihm sogleich nachweisen, daß er auf diesem Weg völlig scheiterte. Entgegen den Tatsachen mußte er, um seine Behauptungen aufrecht zu erhalten, den Ausgang des Investiturstreites als volle und unbedingte Niederlage des deutschen Königtums hinstellen und aller geschichtlichen Wahrheit zum Hohn die zweite Periode FRIEDRICH BARBAROSSAs als Zeit vollster Ohnmacht und Schwäche schildern. Sein Begriff des Kaisertums erwies sich als unfähig, die Tatsachen zu erklären, brachte ihn in Widerspruch mit der geschichtlichen Wahrheit und konnte dadurch als falsch, als einseitig erwiesen werden.

Dieses Beispiel ist charakteristisch für den Einfluß, den Werturteile auf geschichtliche Erkenntnis haben und für die Art, wie sie entfernt und ausgeschaltet werden können. Der Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein Werturteil, die Abneigung gegen universalistische politische Pläne und Gebilde, - eine Abneigung, die mit Ereignissen der Gegenwart mehr oder minder eng zusammenhängt; solche Pläne werden an einem Gebilde einseitig nach diesen Plänen begriffen und verurteilt aufgrund des allgemeinen politischen Satzes, daß ungemessene, über das Bedürfnis hinausgehende Pläne den Untergang der Urheber und vieler anderer Betroffener nach sich ziehen müssen. Damit wird das Werturteil, das, solange es rein als solches ohne Beziehung auf den Verlauf der Dinge ausgesprochen wird, unangreifbar ist, der Kern einer Begreifung und Erörterung der Tatsachen, wird es in allgemeine und Allgemeingültigkeit beanspruchende Aussagen umgewandelt. Diese Aussagen können jederzeit an den Tatsachen gemessen und nach den Regeln des allgemeinen Denkens als wahr oder falsch, die Begriffsbildung aufgrund des Werturteils kann als einseitig und dem Wesen der Dinge nicht gerecht werdend erwiesen werden. Gerade das den Werturteilen so oft innewohnende Bestreben, als allgemeingültige Sätze formuliert und in solche umgewandelt zu werden, ermöglich es, sie von der wahrhaften Begreifung der Tatsachen zu scheiden, aus der Begriffsbildung auszuschalten. Der Satz, daß die Werturteile ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil historischer Methodik seien, da ohne sie die Auswahl der Tatsachen nicht vollzogen werden kann, läßt sich also geradezu umkehren und dahin aussprechen, daß durch Prüfung der Begriffsbildung eines historischen Werkes, durch Analyse der Prinzipien, nach denen die Auswahl vollzogen wird, am leichtesten der Einfluß erkannt werden kann, den persönliche Werturteile auf die Auffassung der Tatsachen gehabt haben und auf diese Weise die Berechtigung oder Einseitigkeit dieser Auffassung am ehesten nachgewiesen wird.

Ein Werk, dessen Grundbegriff nicht auf einer wahrhaft innerlichen Begreifung aller in Betracht kommenden Tatsachen beruth, sondern vielmehr wesentlich durch Werturteile gebildet und begründet wird, ist TREITSCHKEs "Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert"; alle Schwächen dieses Werkes lassen sich im wesentlichen auf diesen Mangel eines genügenden Grundbegriffes zurückführen. Das Ziel der Darstellung sind die großen Ereignisse der Jahre 1864 - 1870; alles was dazu half, sie herbeizuführen, wird als gut und billigenswert, alles Hemmende und Entgegengesetze als schädlich und verwerflich aufgefaßt. Sein Begriff "deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" lautet etwa: Zwei Mächte haben Deutschland aus der Vernichtung und Zerstörung des dreißigjährigen Krieges gerettet und emporgehoben, Preußen und der Protestantismus; deutsche Geschichte schreiben heißt verfolgen, wie diese historischen Mächte das Werk der Wiedergeburt vollzogen haben. Es ist klar, daß hier eine ganz unzulässige Verengung des Begriffs "Deutsche Geschichte" vorliegt; nach unbefangener Auffassung müßten zunächst einmal alle für die wichtigsten der zu behandelnden Ereignisse maßgebenden Faktoren in ihrem Wesen und ihrer Betätigung untersucht, es müßte dargestellt werden, wie sei in ihrem Zusammenwirken den Verlauf der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert bedingt haben. Hier aber werden einige dieser Faktoren herausgegriffen und ausführlich erläutert, andere nur als Gegensatz dazu, und um ihre Verwerflichkeit zu zeigen, behandelt. Daß damit weite Tatsachenreihen von einem eigentlichen Verständnis ausgeschlossen bleiben müssen, ist klar und auch in diesem Falle längst erwiesen; TREITSCHKE hat sich keine richtige Vorstellung von den wahren Beweggründen des Fürsten METTERNICH zu bilden verstanden und dessen in den Zuständen Österreichs nur allzusehr begründete Politik völlig verkannt; seine Darstellung der Politik der kleineren deutschen Fürsten am Anfang des 19. Jahrhunderts, die er durch die Brandmarkung als verräterisch zugleich erklären will, berücksichtigt die tatsächlichen Verhältnisse und ihren Zwang, unter dem diese Fürsten standen, viel zu wenig und ist daher in vielen Fällen als falsch und ungerecht nachgewiesen worden. Auch hier zeigt sich also der Satz von der Notwendigkeit der Werturteile und ihrer auslesenden Funktion keineswegs bestätigt; wo sie eine solche übernehmen, führen sie nicht zu einer Erkenntnis, sondern zu einer Verkennung der behandelten Tatsachen.

Haben die bisherigen Beispiele den verhängnisvollen Einfluß gezeigt, den Werturteile auf die Auslese der Tatsachen und Auffassung der Zusammenhänge haben können, - einen Einfluß, der aber, wie wir gleichfalls gezeigt haben, sehr wohl zu beseitigen ist -, so wollen wir uns nunmehr noch mit einem speziellen Gebiet historischer Auffassung beschäftigen, wo sich solche Einflüsse leicht geltend machen und der Frage, wie und ob sie dabei auszuschalten sind, nälich auf dem Gebiet der Erkenntnis historischer Persönlichkeiten. Als Beispiel diene die Behandlung FRIEDRICH WILHELMs IV. in der neueren historischen Literatur. Auf zwei Weisen kann man eine historische Persönlichkeit zu erfassen und darzustellen suchen, indem man sich durch psychologische Analyse ein Bild der Einheit ihres Wesens, ihres Charakters macht und ihre einzelnen Handlungen daraus abzuleiten sucht, oder indem man von der objektiven Weltlage, in die sie eingriff, ausgeht und hier die Motive ihres Handelns sucht. Beide Betrachtungsweisen ergänzen einander derart, daß die eine ohne die andere nicht vollzogen werden kann, es kann aber doch im gesamten Verfahren der eine oder der andere Gesichtspunkt vorherrschen. So wurde bisher das Verhalten FRIEDRICH WILHELMs IV. in der Märzrevolution und folgenden Zeit lediglich aus der Schwäche und Unsicherheit seines Willens, aus seiner ganz unstaatsmännischen Art abgeleitet, das Mißgeschick und die Niederlagen, die er erfuhr, wurden nur seinem Ungeschick und seiner Unentschlossenheit zugeschrieben, in der man wohl gar schon etwas Pathologisches, Vorboten der späteren Krankheit erkennen wollte. Von der gerade entgegengesetzten Seite faßte zuerst M. LENZ das Problem an (14). Er wies auf die ungeheuren Schwierigkeiten hin, die der Absicht des Königs, Preußen eine Verfassung zu geben, entgegenstanden, auf die naturgemäße Verquickung in der alle preußischen Angelegenheiten mit den deutschen standen, die sich wiederum mit den Verhältnissen zum Ausland, d. h. wesentlich Österreich und Rußland, aufs allerengste berührten. Preußen eine Verfassung geben hieß der Politik nach innen und außen eine neue Richtung geben und die Grundlagen für diese neue Politik konnten nicht so schnell gefunden, mußten erst allmählich gelegt werden. So wird hier auf das politische Problem hingewiesen, vor dem FRIEDRICH WILHELM IV. stand, es wird als Moment zur Erklärung seines Handelns herbeigezogen.

Hatte LENZ nur den prinzipiell anderen Standpunkt ausgesprochen, von dem aus man des Königs Verhalten beurteilen kann, ohne sich weiter auf Beweise im Einzelnen einzulassen, ohne auch nur die These von der Willensschwäche des Königs, die allein all das Unheil verschuldet habe, ernstlich anzufechten, so brachte schon die nächste Zeit die überraschendsten Beweise für die Richtigkeit des neuen Standpunktes, von hier aus konnte mit quellenmäßigen Beweisen das Verhalten des Königes viel besser verständlich gemacht werden, als bisher. Das Schauspiel des 18. und 19. März und der Folgezeit enthüllte sich als eine Aktion politischer Kräfte, das bisherige Bild des tatenlosen und vor der Verantwortung zurückbebenden Schwächlings, des modernen HAMLET auf dem Thron, erwies sich als dringend der Korrektur bedürftig.

Zunächst zeigte KOSER (15) in einem auf die Akten gegründeten Aufsatz, daß eine der treibenden Kräfte in FRIEDRICH WILHELM und seiner Politik von 1840 - 1848 der deutsche Gedanke war, das Streben nach neuem Aufbau und Ausbau der deutschen Verfassung, unter gebührender Berücksichtigung der Machtstellung Preußens, wenn möglich mit Österreich, wenn nötig ohne und gegen dasselbe. Als Mittel für diesen seinen deutschen Gedanken betrachtete er die Schaffung einer Verfassung in Preußen, da ein absolutistisches, "reaktionäres" Preußen, wie er wohl wußte, das Vertrauen Süddeutschlands niemals erwerben konnte. Es ließ sich also bereits von hier aus annehmen, daß die Haltung des Königs in der Revolution, seine Proklamation an meine lieben Berliner, das Annehmen der deutschen Kokarde usw. nicht nur ein schwächliches Nachgeben vor der Bewegung bedeuteten, sondern zum weitaus größeren Teil auch seinen eigensten Gedanken und Absichten entsprachen, die er unter den veränderten Umständen nunmehr mit veränderten Mitteln durchzusetzen gedachte. Einen weiteren Fortschritt brachte F. RACHFAHL in seinem Buch über "Deutschland, Friedrich Wilhelm IV. und die Märzrevolution." (16) Nach einer ausführlichen Würdigung der politischen Lage und der politischen Schwierigkeiten wandte er sich zu einer Untersuchung unserer Quellen über die Haltung des Königs am 18. und 19. März und kam zu dem überraschenden Resultat, daß die Aussagen über die Willensschwäche und Feigheit des Königs alle aus einem Kreis kamen, von hohen Militärs und Aristokraten am Hof, während andere Berichte nichts von einer solchen zu melden wissen; es ließ sich ein weiter Gegensatz der politischen Ansichten zwischen dem König und dieser seiner Umgebung in bezug auf die Politik in der deutschen und in der Verfassungsfrage feststellen, man sieht den vollsten Unmut des preußischen Junkertums über die liberalen und deutschen Allüren des Königs; es blieb endlich auf dem Gouverneur von Berlin, Oberst von PRITTWITZ, der dringende und schwere Verdacht haften, in diesem Unmut über die politische Haltung des Königs wider den Willen desselben die volle Zurückziehung der Truppen am Vormittag des 19. März befohlen zu haben, so daß durch diesen fast als Felonie [vorsätzlicher Treuebruch, wp] zu bezeichnenden Akt der Herrscher schutzlos allen weiteren Stürmen preisgegeben wurde.

Ergab sich das alles aus der genauen Prüfung der alten Quellen, die infolge des neuen Standpunktes vielfach ganz anders verstanden und verwertet werden konnten, so erfolgte endlich die volle Bestätigung der neuen Ansichten durch die Auffindung neuer Quellen, der Papiere des Stadtrates NOBILING, eines vielfach an den Ereignissen mithandelnd beteiligten Mannes. (17) Durch sie wurde mit Evidenz das Märchen von der Fassungslosigkeit und den Tränen des Königs, so daß ihm die Erlaubnis zu jedem Vorgehen der Truppen fast mit Gewalt entrissen werden mußte, eben als Märchen, als pure Erfindung der Junker- und Militärpartei erwiesen, die ihr eigenes, keineswegs einwandfreies Vorgehen damit decken und rechtfertigen wollte. Die Verantwortung für die Zurückziehung der Truppen fällt fast ganz auf PRITTWITZ, der einen Befehl des Königs in beinahe böswilliger Weise mißverstand. Jede einzelne Phase des Ereignisses läßt sich als ein Spiel und Gegenspiel politischer Kräfte erweisen, in dem zwar die persönliche Eigenart der beteiligten Personen, speziell des Königs, noch immer zutage tritt, (18) aber bei weitem nicht mehr die überragende Rolle spielt, die man diesem Moment früher anweisen zu müssen geglaubt hatte. Die individuell-psychologische Interpretation ist in weitem Umfang verdrängt durch die politische, die Ereignisse werden nicht mehr durch Beziehung auf einen individuellen Charakter, sondern auf den allgemeinen Begriff "Politik", "politisches Handeln", "politisches Leben" erklärt. Durch Hineinbeziehung der unter diesen Begriff fallenden Ereignisse und Verhältnisse ergibt sich ein neuer, bisher nicht beachteter Zusammenhang, der die einzelnen Ereignisse besser und den Quellen gemäßer erklärt, als die alte Auffassung.

Im Zusammenhang unserer Gedanken bedeutet das Beispiel einen Beweis für die Bedeutung und Wichtigkeit der allgemeinsten Begriffe, durch die alles geschichtliche Werden aufgefaßt werden kann. Denn es ergibt sich hier wieder ein weites Feld historischer Erkenntnis, das, an sich dem Einfluß persönlicher Neigungen und Bewertungen des Forschers sehr ausgesetzt, durch die obige Methode nunmehr auf beweiskräftig zwingende Weise allgemeingültig bearbeitet werden kann, die Erkenntnis der historischen Persönlichkeit. Solange nämlich ein Bild ihres Wesens zu bilden heißt, durch Hineinfühlen in die verschiedenen bekannten Lebensäußerungen innerlich Kern und Wesen der Persönlichkeit in sich entstehen zu lassen, wird der subjektiven Willkür und Veranlagung weitester Spielraum gegeben sein; eine leidliche Sicherheit der Erkenntnis ist nur möglich, wenn man von den objektiven Bedingungen des Handelns, in die jene Person versetzt war, ausgeht, sie für jede Handlung einzeln prüft und mit den vielen vorhandenen Möglichkeiten jene, die durch die Persönlichkeit verwirklicht worden ist, vergleicht und abwägt. (19) Nach diesen Operationen wird sich meistens beurteilen lassen, ob jene Person den Umständen entsprechend gehandelt hat oder nicht, ob sie sich umsichtig und kühn oder ungeschickt und feige benommen hat, es wird sich durch Untersuchung möglichst vieler Momente und Entschlüsse der dauernde Charakter und die Eigenart der betreffenden Persönlichkeit sicher feststellen, ihr Einfluß von dem der Umstände und des Glückes unterscheiden lassen. Durch Beziehung auf die objektiven Probleme und Verhältnisse des Lebens, die durch jenes System allgemeinster Begriffe beschrieben und aufgefaßt werden, kann das Wesen einer Persönlichkeit sicherer und richtiger erfaßt werden, als durch ein intuitives Hineinfühlen in ihre Äußerungen und Eigentümlichkeiten und den persönlichen Neigungen und Werturteilen, die sich bei einem solchen Vorgehen unvermeidlich bemerkbar machen und die Allgemeingültigkeit der Erkenntnis störend beeinflussen müssen, ist bei dieser langsamen und sicheren methodischen Arbeit kein Spielraum gegeben.

Damit sind wir am Ziel unserer Ausführungen. Sie gipfeln in dem Bestreben, nachzuweisen, daß Erkennen und Bewerten zwei fundamental verschiedene Äußerungen des menschlichen Geistes sind, daß wenigstens auf dem Gebiet historischer Methodik ein Bund und eine Vermischung beider niemals zum Segen der Erkenntnis ausschlagen kann. Erkennen heißt, die Einzeldinge oder -erscheinungen unter allgemeinen Begriffen vorstellen, sie durch dieselben ordnen und gestalten und zwar in einer Weise, die für jedermann zwingend und beweisbar ist; eine Erkenntnis verdient und erhält diesen Namen erst, wenn sie allgemeingültig ist. Bewerten ist die praktische Stellungnahme des einzelnen Menschen zu den Dingen dieser Welt. Auch das Bewerten strebt nach einer Art Allgemeingültigkeit, aber einer ganz anderen als die Erkenntnis; stellt jemand für sich einen Maßstab als Wert auf, so werden ihm unbedingt alle Dinge, die diesem entsprechen, als wertvoll, alle anderen als gleichgültig oder wertfeindlich erscheinen. Deswegen können aber andere Menschen durchaus andere Wertmaßstäbe haben, ohne daß dieser Zwiespalt auf einen Ausgleich drängte. Das innerste Empfinden jedes Menschen wird sich vielmehr dem widersetzen, daß man ihm seine Werte als richtig oder unrichtig beweise; sie sind eine Tatsache des Lebens und seines Gefühls und niemals wird er sie den Regeln der Logik unterwerfen. Ebensowenig darf dieses Bewerten sich aber als Erkenntnis ausgeben, die Erkenntnis meistern wollen; sowie ein Werturteil als Aussage über eine äußere Wirklichkeit - nicht das Innenleben des Beurteilers - gegeben wird, unterliegt es unerbittlich der Prüfung an den Tatsachen nach den Regeln der Logik und wird wohl stets dadurch ad absurdum geführt werden: Erkenntnisse, die den Wertgefühlen des Menschen entstammen, haben jedenfalls von vornherein mindestens nicht die Wahrscheinlichkeit für sich, in allen Momenten treu die Wirklichkeit wiederzugeben.

Sind somit diese beiden Äußerungen des menschlichen Geistes in ihrem Ursprung und Prinzip verschieden voneinander, so kann nicht eingesehen werden, wie sie auf irgendeinem Gebiet so eng miteinander verknüpft sein sollen, daß die Aufgaben der einen Funktion unmöglich ohne die Betätigung der anderen gelöst werden können. Wir haben in den obigen Ausführungen praktisch zu zeigen versucht, wie eine nach gewissen Beziehungen allgemeingültige Erkenntnis auf historischem Gebiet ohne die Zuhilfenahme von Werturteilen möglich ist. Wir haben gesehen, wie der historische Stoff nach den Regeln der allgemeinen Begriffsbildung bearbeitet, in ein System letzter, allgemeinster Begriffe aufgelöst wird, welche vermöge ihrer Eigenschaft, die wesentlichen Grundtriebe des Menschen zu erfassen, geeignet sind, jede spezielle historische Gestaltung und Komplikation der Dinge zu umschreiben und darzustellen, die Auswahl des Einzelnen aus dem Ganzen auf unanfechtbare, allgemeingültige Weise vorzunehmen, die Betätigung des einzelnen Menschen in ihrem wahren Wesen und ihren Wirkungen zu erkennen und zu beurteilen. Da gerade die letzten beiden Probleme, die Auswahl und Begrenzung eines Themas und die Beurteilung der einzelnen Persönlichkeiten den Anlaß zur behaupteten engen Verbindung zwischen Erkennen und Werten gegeben haben, so ist mit der anderweitigen Lösung dieser Probleme jener Standpunkt hinfällig geworden; ich hoffe gezeigt zu haben, daß weder von einem besonderen Prinzip historischer Begriffsbildung noch von einem aus der Tatsache der Begriffsbildung notwendig entspringenden, unvermeidlichen Einfluß der Werturteile auf geschichtliche Erkenntnis in der Logik der Geschichte mit Recht geredet werden kann.
LITERATUR - Bernhard Schmeidler, Über Begriffsbildung und Werturteile in der Geschichte, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 3, Leipzig 1904
    Anmerkungen
    11) Hier liegt der Unterschied der obigen Begriffe zu den LAMPRECHTschen Kulturzeitaltern und Konstruktionen ähnlicher Art, die alle eben auf ein System der Wissenschaft, den Aufbau einer einheitlich notwendigen Entwicklung, hinzielen.
    12) Von einem anderen Problem her kommt O. RITSCHL zu einem zumindest ähnlichen Resultat in seiner Schrift: Die Kausalbetrachtung in den Geisteswissenschaften. Bonn 1901, Seite 26 - 28. Den daselbst ausgesprochenen Gedanken, daß Monographien großen Stiles die bedeutendsten geschichtsschreiberischen Leistungen seien, habe ich an einem speziellen Beispiel durchgeführt, nämlich in Erörterung der Geschichtsschreibung RANKEs. Vgl. SCHMOLLERs Jahrbuch für Gesetzgebung usw., Bd. 27, Seite 117 - 162: Zur Entwicklung der Geschichtsschreibung Rankes. Ein Versuch ihrer theoretischen Würdigung. Vgl. besonders Seite 152 - 157
    13) Lange, aber meist wenig zielführende Ausführungen über diese Frage bietet A. GROTENVELT in seinem bereits erwähnten Buch über die Wertschätzung in der Geschichte. Der Hauptanlaß, sich mit dem Problem zu beschäftigen, liegt in der Stellung, die BERNHEIM in seinem Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie dazu eingenommen hat, vornehmlich Seite 704 - 705. Daß RICKERT keineswegs dieselbe Stellung einnimmt, geht aus dem obigen hervor.
    14) M. LENZ, "1848", Preußische Jahrbücher, Bd. 91, Seite 532f
    15) REINHOLD KOSER, Friedrich Wilhelm IV. am Vorabend der Märzrevolution, Historische Zeitschrift, Bd. 83, Seite 43f
    16) FELIX RACHFAHL, "Deutschland, Friedrich Wilhelm IV. und die Märzrevolution", Halle 1901
    17) König Friedrich Wilhelm IV. und die Berliner Märzrevolution im Lichte neuer Quellen, Preußische Jahrbücher, Bd. 110, Seite 264f, Seite 413f
    18) Auch wenn man alle Ergebnisse RACHFAHLs annimmt, die doch im einen oder anderen Punkt noch nicht voll bewiesen sind, so bleiben auch nach seiner eigenen Darstellung noch genug Momente übrig, die das Verfahren des Königs zumindest als ein nicht sehr klares, autoritatives erkennen lassen; er hielt auch danach seine Absichten vielfach in einem merkwürdigen Halbdunkel (z. B. PRITTWITZ gegenüber) und trägt so an der Verwirrung und Ratlosigkeit jener Tage reichlich Mitschuld.
    19) Dies ist noch etwas anderes, als die von O. LORENZ und BERNHEIM "Lehrbuch der historischen Methode usw." Seite 712f vertretenen relativen Wertmaßstäbe. Es ist die objektie Beschreibung der Wirksamkeit einer Persönlichkeit, der Veränderungen, die sie in der Weltlage hervorbrachte, ohne jede Beziehung auf ein Ziel des Geschehens, auf Werte, die bei BERNHEIM, Seite 715, sich doch wieder als die letzte Grundlage des von ihm empfohlenen Verfahrens erweisen. In unserem Beispiel ist demgemäß das Urteil über FRIEDRICH WILHELM IV., das der Forscher gewinnt, auch ganz unabhängig von den Zielen, die er der Entwicklung Preußens setzt, es besagt nur, welche der vorhandenen Möglichkeiten durch FRIEDRICH WILHELM verwirklicht worden ist und wie man, allgemein menschlich gesprochen, sein Verfahren und seine dabei zutage tretenden Charaktereigenschaften nennen wird. Das Verfahren ist ein Prozeß der Isolierung, der Benennung, der Subsumtion unter Begriffe, aber gar nicht der Bewertung.