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Wertorientierte Logik
Niemand soll glauben, daß in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts mehr Wahrheit für die breite Masse zur Verfügung steht, als in den Jahrhunderten zuvor. Es kursieren zwar jede Menge Daten, aber die sind in der Regel für den Sender viel wertvoller, als für die Empfänger. Wissen hat nach wie vor wenig mit Wahrheit zu tun, sondern wie zu allen Zeiten weit mehr mit Macht. Um Informationen für eine bestimmte Gruppe von Leuten nützlich zu machen, ist es erforderlich, daß dieses Wissen bei einer anderen Gruppe von Menschen Handlungen auslöst, die den Erfolg einer Ansage bestätigen. Es geht darum, den Willen der großen Masse zu beherrschen, wenn von staatlicher Ordnung oder dem Kreislauf in der Wirtschaft gesprochen wird. Legitimationsdiskurse, die mit den logischen Konsequenzen von grundsätzlicheren Einsichten verbunden sind, werden dabei als in einem pragmatischen Sinn irrelevant ausgeklammert. Wenn Recht und Moral die geistigen Geschwister der Wahrheit sind, dann werden sie, wie Abel vom Kain der Macht erschlagen. Besonders die Vorspiegelung scheinbarer Tatsachen trägt ganz besonders dazu bei, die ungebildeten Massen in ihrer geistig-moralischen Orientierung zu verwirren. Im Informationsmix der etablierten Medien werden unbemerkt sogenannte Fakten mit offensichtlichen oder heimlichen Interessen vermengt und der Streit nimmt kein Ende, weil die gemeinsame Basis und das logische Kritierium fehlt, um sich ohne Betrug und Manipulation zu verständigen. Von diesem Durcheinander profitieren heute, wie zu allen Zeiten, die Mächtigen dieser Erde, denn wo keine Klarheit herrscht, suchen die Leute ihre Sicherheit in der Macht und fügen sich kritiklos einem Geist, der materielle Motive zum Grund hat. Eine derartige Tyrannei der Verhältnisse, wie sie eine Politik der Sachzwänge vorgaukelt, hat mit einem demokratischen Gemeinwesen nichts zu tun, denn die Ideale einer moralischen Verfassung sind in einem solchen System nur Fassade und Wolkenkino, in dem der Aberglaube der breiten Bevölkerung an eine objektive Weltordnung, die für alle Menschen gleichermaßen gültig ist, zugunsten weniger "Befehlshaber" ausgenutzt wird. Soll eine demokratische Gesellschaftsordnung nicht nur ein täuschendes Manöver einer verschworenen Pseudo-Elite sein, muß die breite Masse der Menschen über eine Bildung verfügen, die es ihr erlaubt, das für sie relevante Geschehen von betrügerischem Informationsmüll zu unterscheiden. Das ist nur möglich, wenn die Leute lernen, scheinbar objektive Tatsachen als zweckbedingte Interessen zu erkennen. Bis zum heutigen Tage wird nach dem Wesen der Dinge geforscht und dabei werden die vielen kritischen Stimmen, die das Ding-ansich, die Natur oder das Wesen der Dinge, ihre objektive Allgemeingültigkeit, als Illusion erkannt haben, mit provinzieller Schlaumeierei ignoriert. Immer noch stellen scheinbar gebildete Leute sinnlose Fragen nach dem Wesen der Freiheit, der Liebe, der Politik oder faseln über die Natur des Menschen und man kann schon froh sein, wenn dies aus einer dümmlichen Naivität heraus geschieht und nicht aus perfider Boshaftigkeit. Beachten wir, auf welche logischen Voraussetzungen diese Fragen zurückgehen: Wer sich vom Wesen der Dinge irgendeine wichtige Wahrheit verspricht, geht von der Annahme aus, daß die Dinge über Eigenschaften verfügen, die sie unabhängig vom Betrachter, also objektiv haben. Diese Leute sind der Ansicht, daß man diese Eigenschaften nur gründlich genug erforschen muß, um daraus eine zwingende Logik und entsprechende Rechte ableiten zu können. Wer so vorgeht, geht davon aus, daß sich die Dinge mit ihren Eigenschaften identifizieren lassen. Daß diese Methode einen gültigen Maßstab ermangelt, der als allgemeines Kriterium dienen könnte, wird dabei bewußt oder unbewußt übersehen. Die Eigenschaften der Dinge lassen sich nicht messen, ohne daß eine logische Einheit verinbart wird, die zum Maßstab genommen werden kann. Es genügt in der Regel schon, daß etwas funktioniert, so daß man glaubt, es mit der Begründung nicht mehr so genau nehmen zu müssen. Und so wird in vielen Bereichen scheinbaren Wissens die Vereinbarung, das Bewerten und die Entscheidung unterschlagen und als selbstverständliches und sozusagen automatisch legitimiertes Wissen behauptet. Die scheinbare Sicherheit eines allgemeingültigen Wissens wurde in der Geschichte des menschlichen Denkens schon öfters hinterfragt. Die Kritik einer allgemeingültigen Rationalität wurde im Mittelalter Nominalismus genannt und viele Begriffe, die heute noch zur logischen Unterscheidung verwendet werden, stammen aus dieser Zeit. Die Nominalisten behaupteten, Gattungsnamen wie Mensch seien nichts als bloße Namen, so daß wirkliche "Existenz" nur individuellen Menschen, nicht aber der Menschheit zugeschrieben werden kann. Im Gegensatz zu dieser Denkrichtung stand der sogenannte Realismus, der auch heute noch unter diesem Namen kursiert und der Weltanschauung kleiner Kinder entspricht, die keinen Unterschied zwischen Wort und Sache machen. Realisten schreiben den Universalbegriffen wie Menschheit eine reale Existenz zu. Einer der hervorragendsten Vertreter des Nominalismus war WILHELM von OCKHAM (1295-1349). Er warnte ganz besonders vor hemmungslosen philosophischen Spekulationen, bei denen frischfröhlich neue Begriffe eingeführt werden, die den Eindruck tiefer Wahrheiten erwecken sollen. Verfolgt man etwas genauer, mit welcher Impertinenz der Wissenschaftsbetrieb der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts die eigentlich wichtigen Erkenntnisse der Vergangenheit mit irrwitzigen Aufarbeitungen verhunzt hat, dann möchte man fast seinen Glauben an die Menschheit ;-) verlieren. (Menschheit sollte übrigens besser als moralische Kategorie verstanden werden.) Viele Begriffe, die den meisten Leuten so selbstverständlich erscheinen, beruhen auf einer ganzen Ansammlung von Annahmen, die in keinster Weise bewiesen oder beweisbar sind. Die gewöhnliche Alltagssprache ist von Theorien nur so durchsetzt, ohne daß sich der einfache Mensch, über die möglichen Zusammenhänge seiner Ansichten im Klaren ist. Wer kritisch denken will, muß seine Aufmerksamkeit auf den Akt der Begriffsbildung und die jeweiligen Interessen bei der Formulierung eines Geschehens lenken und die gewöhnliche Annahme des natürlichen Denkens hinterfragen, nach der sprachliche und logische Prozesse Wirklichkeit sagbar und eindeutig mitteilbar machen. Mit sprachlichen Mitteln wird keine Realität wiedergegeben oder abgebildet, Worte stehen auch nicht für die Wirklichkeit. Sie repräsentieren oder spiegeln kein Geschehen, sondern sind Ausdruck eines individuellen Wollens, eines Zwecks, eines Interesses, das verfolgt wird. Man muß nur den nächtlichen Sternenhimmel betrachten, um sich über die möglichen Zusammenhänge Klarheit zu verschaffen, die ein und dieselbe Gegebenheit, den verschiedensten Menschen eröffnet. Wer ganz unvorbelastet zu ihm aufblickt, was allerdings fast unmöglich ist, wird viele blinkende, glitzernde, strahlende Dinge sehen. Wer das Firmament in romantischer Stimmung betrachtet, begreift es poetisierend als Himmelszelt und benutzt das Schauspiel vor seinen Augen als Projektionsfläche seiner Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte. Ein Kapitän auf hoher See dagegen, geschult in Astronomie und Nautik, liest den Himmel als Karte. Der Astronom schließlich, der sich jahrelang mit Kosmologie und Astrophysik beschäftigt hat, sieht auf Grund seines Wissens Sternbilder, Planeten, Fixsterne, etc. Mit anderen Worten: das jeweilige Interesse läßt den Betrachter einen jeweils anderen nächtlichen Sternenhimmel sehen. Das Interesse schafft also eigene, andere Welten, mit denen zugleich die jeweilige Perspektive des Betrachters zum Ausdruck gebracht ist. Je nach Interesse und Perspektive gegenüber Gegenständen und Sachverhalten wird unterschiedlich gefühlt, gedacht und gehandelt. Das Interesse und der Zweck, den wir mit einer Sache verbinden, schaffen eine ganz bestimmte eigene Wirklichkeit. Davon abgesehen ist es auch unmöglich, die verschiedenen Aspekte, die eine Sache haben kann, alle gleichzeitig zu registrieren oder im selben Moment darauf zu reagieren. Es müssen immer Prioritäten gesetzt werden und die erfordern eine Entscheidung, die nicht von der Wirklichkeit geliefert wird, sondern das hoffentlich profunde Urteil eines menschlichen Verstandes zum Grund hat. Wie unterschiedlich Wirklichkeiten durch Sprache erzeugt werden, zeigen die Forschungen von BENJAMIN LEE WHORF sehr deutlich: "Die Hopis nennen Insekten, Flugzeuge und Flieger alle mit dem gleichen Wort und sehen darin keine Schwierigkeit. Uns erscheint diese Klasse zu groß und umfassend, aber nicht anders erscheint den Eskimos unsere Klasse "Schnee". Wir haben nur ein Wort für fallenden Schnee, Schnee auf dem Boden, Schnee, der zu eisartiger Masse zusammengedrückt ist, wässrigen Schnee, windgetriebenen, fliegenden Schnee usw. Für einen Eskimo wäre dieses allumfassende Wort nahezu undenkbar. Er würde sagen, fallender Schnee, wässriger Schnee etc. sind wahrnehmungsmäßig und verhaltensmäßig verschieden, d.h. sie stellen verschiedene Anforderungen an unser Umgehen mit ihnen. Er benützt daher für sie und andere Arten von Schnee verschiedene Wörter."Jeder Zweck schafft seine eigene Sprache, seine eigene Wahrheit. Die Art der Bildung der Begriffe muß darum als eine Frage der Zweckmäßigkeit aufgefasst werden und nicht als Resultat objektiver Erkenntnis. Es gibt keine objektive Sprache, weil es keine objektive Bedeutung der Wörter gibt. Sprache ist ebensowenig neutral, wie Logik. Es gibt immer ein Abgrenzungsproblem, das sich nicht von selbst löst. Es braucht immer jemanden, der bestimmt, wie weit die Definition eines Begriffs gefasst werden soll und die Gründe dafür sind letzlich nicht logisch, sondern moralischer Natur, weil gewertet werden muß. Jeder, der spricht, konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Sprechen heißt Kategorisieren und Klassifizieren. Die Kategorie bestimmt nicht nur die Wahrnehmung von Gegenständen und Sachverhalten, sondern strukturiert auch die Art und Weise, wie die Welt denkend begriffen wird, so, wie sich jede wissenschaftliche Messung auf theoretische Voraussetzungen, Prinzipien und Hypothesen stützt, die einem Ergebnis diese oder jene Bedeutung geben. Alles Messen ist bloße Abstraktion und alles Maß ein Produkt des Denkens. "Schon der Wahrnehmungsprozess ist ein Akt der logischen Typisierung. Masse, Kraft, Äther, Atom, magnetisches oder elektrisches Potential etc. sind theoretische Setzungen und Konstruktionen, darauf gerichtet, das Wahrnehmbare in ein Meßbares und damit in einen Gegenstand der Physik zu verwandeln", so ERNST CASSIRER. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in wissenschaftlichen Kreisen die eigentliche Bedeutung der Identifizierungsmethoden bei der Formulierung eines Geschehens immer deutlicher, so daß schließlich von einer linguistischen Wende in der Philosophie gesprochen wurde. Die damit verbundenen Einsichten haben im Bewußtsein der großen Masse aber immer noch so gut wie keine Wirkung entfaltet. Nach wie vor glauben die Leute, daß sie mit ihren Worten eine Realität abbilden, wo sie bestenfalls ihren eigenen Begriff von einer Sache verdeutlichen. Der Grundgedanke einer interessen- bedingten Logik liegt in dem Umstand, daß Worte keine Wirklichkeit beschreiben oder erklären. Tatsachen festzustellen ist daher unmöglich. A ist nicht gleich A. Das Problem der Sprache ist, wie das Problem der Logik, ein Problem der Verallgemeinerung. Wörter stehen immer zugleich für eine größere Gruppe von Dingen, die unter dem Kriterium der gemeinsamen, d.h. allgemeinen Merkmale definiert werden. Diese allgemeinen Merkmale sind aber nie objektiv gegeben, sondern werden zweckbedingt konstruiert und auf Wertvorstellungen bezogen. Wo Wörter kursieren, wird interpretiert und zwar aus den verschiedensten Gründen und mit den verschiedensten Folgen. Eine hunderprozentige Definition ist eine Illusion. Jede Logik beruht auf ihren Voraussetzungen und das sind immer Werte und keine Tatsachen. Das Axiom ist immer ein Wert und diese Bedeutung hat der Begriff im Griechischen unter anderem auch. Objektiv definiert werden die Dinge an sich. Es gibt aber kein konkretes Ding-an-sich. Dinge an sich täuschen nur - den einen zum Vorteil, den andern zum Nachteil. Irrtümer, Mißverständnisse, aber auch Lug und Betrug sind das Ergebnis der bewußten oder unbewußten Verwechslung von Wirklichkeit und zweckhafter Konstruktion, zwischen neutralen Tatsachen und persönlichen Interessen. Das Wort Dummheit könnte auch zur Beschreibung der Unfähigkeit benützt werden, ein solche Unterscheidung zu treffen. Ohne der Meinungsbildung des geneigten Lesers allzusehr vorweggreifen zu wollen, sollen dennoch bereits jetzt gewisse logische Konsequenzen angedeutet werden, die eine logische Entobjektivierung des gängigen Wissensbegriffs nahelegt. Zu den wesentlichen Erkenntnissen einer wertorientierten Logik gehört die Einsicht, daß - keine allgemeingültige und damit logisch zwingende Wirklichkeit möglich ist. Die eine Welt ist eher eine moralische Forderung, als eine beweisbare Feststellung. Keine Wissenschaft liefert Tatsachen oder Fakten, die sich nicht auf Interessen gründen. Es ist keine Objektivität und damit auch keine Neutralität möglich. - es keine allgemeingültige und damit logisch zwingende Wahrheit geben kann. Wahrheit ist lediglich als logische Widerspruchslosigkeit zu den eigenen prinzipiellen Voraussetzungen möglich, als Wissen nach bestem Gewissen und nur so kritisierbar. Der Glaube an das Ideal moralischer Werte bestimmt letztlich die Prioritäten einer sinnvollen Ordnung und je klarer diese Prioritäten begründet sind, um so eher ist es möglich, unbegründete Rechtfertigungen auf einem gewaltlosem Weg zu entmachten. Die Betrachtung der Dinge ansich führt nicht weiter, denn die Freiheit ansich ist genausowenig gut, wie die Natur des Menschen gut ist. Derart allgemeingültige Fragestellungen sind sinnlos. Der Verstand logischer Ebenen, also von Abstraktionsstufen, bedeutet eine wesentliche Erleichterung bei der Beurteilung der ungeheuren Menge von Informationen, die pausenlos im öffentlichen Raum kursieren. Die Fähigkeit selbständig zu denken und sich eine eigene Meinung zu bilden gehören untrennbar zusammen. Wenn das Ideal der Demokratie kein Wahnbegriff sein soll, müssen genügend Menschen die grundsätzlichen Zusammenhänge ihrer geistigen Ordnung begreifen. Grundlegende und dauerhafte Veränderungen zum Besseren brauchen eine tragfähige Basis und die muß in den vielen Zusammenhängen der Menschen untereinander verankert sein. Von der Frage, ob ein Zusammenhang sinnvoll ist oder nicht, hängt das Wohl von Gesellschaft und Staat ab. Nur das eigene konstruktive Nachdenken und der kreative Gedankenaustausch von Menschen, die den Willen zur Wahrheit über ihren Willen zur Macht stellen, kann es auf Dauer verhindern, daß immer mehr Leute wie vollautomatisierte Marionetten dem Mechanismus einer rotierenden Wirtschaftsmaschine unterworfen werden, die sich gegen jede logische und moralische Kritik mit Macht immunisiert hat. Wenn erst einmal die Autorität einer objektiv zwingenden Logik unreflektierter Allgemeinheiten von ihrem unverdienten Sockel gestürzt ist, wird den Leuten hoffentlich klar sein, daß es kein Gesetz gibt, das nicht von Menschen gemacht ist. Das gilt auch für die sogenannten göttlichen Gesetze. Wenn es ein göttliches Gesetz gäbe, dann müßte es für den menschlichen Verstand unbegreiflich sein und wer das Gegenteil behauptet, lügt. Wer mit objektiven Wahrheiten, irgendwelchen Klischees, unzulässigen Verallgemeinerungen, Pauschalisierungen etc. argumentiert, verdient kritisches Mißtrauen und sollte mit äußerster Vorsicht behandelt werden oder belächelt, je nach seinem Gefährlichkeitsgrad. Allgemeines Interesse - also eine wie auch immer geartete Einheit der Menschen untereinander - ist nur auf der Basis einer wertbezogenen, moralischen Überzeugung möglich. Wem am Weltfrieden etwas liegt, tut gut daran, sich für die tiefer liegenden Ursachen vieler unnötiger und sinnloser Auseinandersetzungen zu interessieren und diese Gründe haben etwas damit zu tun, zu welchem Zweck Wort und Sache mit einander identifiziert werden. |