ra-2p-4Oswald KülpeJonas CohnEdmund BurkeAugust Döring    
 
ROBERT VISCHER
(1847-1933)
Über das optische Formgefühl
[3/6]

    Vorwort
1. Über die Formen der räumlichen Auffassung
2. Gesichtsempfindung
3. Bildvorstellung
4. Gefühl und Gemüt
5. Der Phantasiewille
6. Der Künstler
7. Das künstlerische Umbilden

"Wir sehen, die Vorstellung ist eine Mischerin. In ihrem weichen Element fließen die Weltgegensätze, Ruhe und Bewegung, Ich und Nichtich zu einem rätselhaften Ganzen zusammen."


Bildvorstellung

Ein Bewegungsreiz hat durchaus nicht immer die entsprechende wirkliche Bewegung zur Folge, stets aber die Vorstellung derselben. Vorstellung ist ein geistiger Akt, durch welchen wir ein Etwas, das vorher dunkler Inhalt unserer Empfindung war, uns in unserem Inneren gegenüberstellen und markieren und zwar in anschaulich sinnlicher Form. Will man das Wort auch von abstrakten Gedanken brauchen, so gibt man hiermit zu, daß auch sie immer noch von Denkbildern begleitet sind. Wir haben also nunmehr einen geistigen Akt. Daß auch dieser wesentlich zugleich ein Akt der Zentralnerven ist, begreift sich aus der Einheit von Leib und Seele an sich. Die Gehirnfunktion hat eben selbst ihre verschiedenen Stufen. (1)

Es gibt Vorstellungen einer anderen und Vorstellungen meiner eigenen (Leib-)Form; es gibt aber auch Vorstellungen, die sowohl objektiv als subjektiv sind. Von diesen wollen wir hier sprechen und nur um diese kann es sich in der Ästhetik handeln. - Wenn ich mir einen abwesenden Gegenstand im Geist vergegenwärtige, so habe ich eine  Objektvorstellung;  eine subjektive, sagen wir, eine  Selbstvorstellung  vollziehe ich, wenn ich mir innerlich meinen eigenen Leib vergegenwärtige. Die unbewußteste, dunkelste Form der letzteren zeigt sich im niederen Organleben; z. B. der Embryo im Mutterleib kann nicht wohl anders heranwachsen als nach einem zugrunde liegenden Musterbild, nach einer Vorstellung. Und zwar muß angenommen werden, daß diese Vorstellung nicht nur Schablone, sondern zugleich die treibende, entwirkende Kraft ist. (2)

Bewußt wird erst die Selbstvorstellung, wenn sie, sei es nun negativ oder positiv, sich zu einem Objekt oder zu einer Objektisvorstellung in Beziehung setzt. - Eine geheimnisvolle Kombination jener mit dieser zeigt uns der blinde Halbbruder des Genius, der Traum. Das Material für denselben liefert die Erfahrung des Tages, die Wirklichkeit. Die Formung dieses Materials ist aber das Resultat von Leibreizen. Die Bilder dienen so lediglich als Spiegelungen subjektiver Dispositionen und zwar in nachstehender Weise: die von einer Erregung betroffenen Glieder (bzw. Nerven und Muskeln), werden nach Analogie ihrer Gestaltung  nachgeahmt  (meistens in vergrößerter Form) mit Hilfe eines nur annähernd ähnlichen Objektes. Besonders ist es, wie SCHERNER an einer Fülle von Beispielen nachweist, die Vorstellung des  Hauses  und der Hausteile, welche der Traum zur Andeutung der Körpertotalität wie der Körperteile zu benutzen liebt. (3) Ich kann z. B. vom gefähr überhängenden Erker eines Hauses träumen, weil mir der Kopf an der Seite des Bettes herunterhängt. Bei Gesichtsreizen wählt sich der Traum vorzüglich das Dachgebälk des Hauses, um das Faserwerk der erregten Netzhaut darzustellen. Ist der Reiz sehr stark, so kann die Vorstellung hinzutreten, daß das Gebälk brenne. Ich träume, ich sei in einem Zimmer, dessen ganze Decke mit Spinnweben bedeckt ist; auf der einen Seite derselben rechter Hand, schießen scheußliche dickbäuchige Spinnen herum - und ich erwache an Kopfweh, mit einseitigem Stechen an der rechten oberen Schädelpartie. - Doch bewegt sich dieses Symbolisieren keineswegs bloß in architektonischen Formen, eine Baum, ein Fels, auch ein künstliches Gerät, ein Tisch, Wagen (4) kann als gleichnis für die menschliche Gestalt dienen. So kann sich zu b. ein überfüllter Magen durch einen aufgeblähten Dudelsack oder durch eine an Gestalt ihm ähnliche runde Schachtel ausdrücken, deren Kuchen-Inhalt sehr eng zusammengepreßt ist.

Dieses dunkle Getriebe von Bildreizen läßt sich nun in ähnlicher Weise am Leben der wachsenden Phantasie verfolgen; denn bei genauer Selbstbeobachtung ist unschwer zu erkennen, daß es neben all den bestimmteren Abstraktionen einen Zustand reiner Versunkenheit gibt, wobei man sich diese oder jene Erscheinung des eigenen Körper- Ichs einbildet. Ganz wie im Traumleben markiere ich mir auf bloße Nervensensationen hin eine feste Form, die meinen Körper, dieses oder jenes betroffene Organ bedeutet. - Umgekehrt erregt eine objektiv erlebte, zufällige Erscheinung immer eine verwandte Selbstvorstellung in sensitiver oder motorischer Form. Und zwar ist hier zunächst für uns gleichgültig, ob das Objekt ein vorgestelltes oder ein wirklich angeschautes ist; dadurch, daß unsere Selbstvorstellung hinzutritt, wird es doch wieder ein vorgestelltes, ein Schein. - Die Art nun, wie sich die Erscheinung aufbaut, wird zu einer Analogie meines eigenen Aufbaus; ich hülle mich in die Grenzen derselben wie in ein Kleid. Dagegen bewege ich mich, von einer motorischen Vorstellung geleitet (sei es nun direkt oder indirekt durch Reflexreize von den sensitiven Nerven aus), an der Erstreckung einer Hügelkette hin, ganz wie ich mich von eilenden Wolken in die Ferne tragen lasse. Es ist kein Sehen mehr, sondern ein  Zu sehen: die Formen scheinen sich zu bewegen, während nur  wir  in der Vorstellung uns bewegen. Wir bewegen uns in und an den Formen. Allen Raumveränderungen tasten wir mit liebenden Händen nach. Wir klettern an dieser Tanne empor, wir recken uns in ihr selbst empor, wir stürzen in diesen Abgrund usw. (5)

Blicken wir nun zur Empfindung zurück, so zeigt sich dieselbe durch den Hinzutritt der Vorstellung wesentlich erweitert und vertieft. Erweitert insofern, als hiermit eine besondere Bildempfindung entsteht, welche rein als solche ohne sichtbares Objekt, andererseits aber auch in und mit der Wirklichkeitsempfindung auftreten kann (Vorstellung von Selbstmotionen); vertieft insofern, als sie hiermit aus der bloß formalen Beziehung, bzw. Trennung  in  die Erscheinung, in ihr Inneres zu dringen imstande ist. Die  Zuempfindung  kann ganz äußerlich bleiben; sie kann sich nun aber auch vertiefen und konkreszieren [sich zusammenballen, wp] zu einer  ruhigen,  zuständlichen  Einempfindung;  die  Nachempfindung  kann ebenfalls äußerlich bleiben und sie vermag sich andererseits mit dieser Beihilfe der Vorstellung in die Formen einzuschleichen als  bewegt,  willensmäßige  Einempfindung  und zwar, wie wir gesehen haben, selbst angesichts von nicht (d. h. nur subjektiv) bewegten Formen.

Wir sehen, die Vorstellung ist eine Mischerin. In ihrem weichen Element fließen die Weltgegensätze, Ruhe und Bewegung, Ich und Nichtich zu einem rätselhaften Ganzen zusammen.

Vergleichen wir nun mit Rücksicht auf den Bildcharakter die Vorstellung mit der Anschauung, so zeigt sie als Ersatz für die leibhafte Nähe dieser die innere Freiheit des ungestörten, unbeschränkten Fixierens. Sie hat nicht die Deutlichkeit, aber auch nicht die Blendungen der Wirklichkeit; denn durch das Verinnern der Form wird eben diese gleichsam verklärt - vergeistigt. Andererseits aber kann diese Unabhängigkeit von den engen Bedingungen der Realität auch ein doppelt intensives Einschreiten des stofflichen Reizes bewirken.

So lange die exakte, zwingende Zucht der Wirklichkeit fehlt, ist es möglich, alles zu übertreiben, also auch den stofflichen Reiz. In diesem Übertreibungstalent offenbart sich die Vorstellung bereits als Einbildungskraft. Diese hat den eigenen Vorzug, ein selbstgefertigtes, relativ neues Bild aufbauen zu können. Doch bleibt sie als solche immer noch in der unreifen Neigung zu subjektiver, privater Spielerei, willkürlicher Seltsamkeit befangen. - Erst die Innen-Phantasie (6) abstrahiert wahrhaft von der Konfusion und Irrationalität der Natur und vermag sich, geleitet von der unbewußten Norm leiblicher Vollkommenheit, harmonische Einzelformen, Mikrokosmen, herzustellen. Allein bei aller Reinheit haben dieselben doch als Innengebilde noch etwas Nebelhaftes und erlangen die erwünschte Evolution und Schärfe erst dadurch, daß sie anhand der Kunst oder Außen-Phantasie wiederum zu einer objektiven Anschaulichkeit zurückgeführt werden.
LITERATUR Robert Vischer Über das optische Formgefühl - ein Beitrag zur Ästhetik, Leipzig 1873
    Anmerkungen
    1) Vgl. hierzu KARL ALBERT SCHERNER, Das Leben des Traums, Berlin 1861, Seite 85
    2) EDUARD von HARTMANN, Philosophie des Unbewußten, Berlin 1869
    3) Vgl. SCHERNER, Leben des Traums, den Abschnitt über die symbolischen Grundformationen für den Leibreiz Seite 114 - 127
    4) SCHERNER, Leben des Traums, Seiten 123, 183, 207, 210, höchst interessant.
    5) SCHERNER, Leben des Traums, Seite 164 und 183
    6) Was unter Phantasie zu verstehen ist, wird sich aus dem Folgenden ergeben. Denn dieselbe ist doch nicht wohl als eine besondere Grundkraft der Seele, sondern nur als ein spezifisches Zusammenwirken der drei Hauptkräfte: Gefühl, Vorstellung und Wille zu bezeichnen.