p-4cr-2G. TeichmüllerH. CorneliusA. DyroffK. Gebert    
 
OTTO ALEXANDER FRIEDRICHS
Beiträge zu einer Geschichte
und Theorie des Existentialurteils

[2/2]

"Das Erkennen ist erst durch eine Synthese aus Form und Stoff möglich, es ist eine Objektivation der Subjektivität aufgrund der Wahrnehmung. Wahrnehmen bedeutet Empfinden plus Beziehen auf ein Etwas, auf ein Draußen, es bedeutet eine Vergegenständlichung des Empfundenen."

"Unterbrechung der Perzeptionen, und doch Identität der Perzeptionen drängt zu der Annahme, daß  eine Perzeption existiert, ohne dem Geist gegenwärtig zu sein.  Die Antinomie wird dadurch aufgehoben, daß die Inhalte der Perzeption in zwei Bestandteile geteilt werden, in Akte der Wahrnehmung und in, von diesen real getrennte, Dinge, daß wir ein dauerndes Ding erdichten, welches die Unterbrechungen ausfüllt, und so unseren Perzeptionen eine vollkommene und vollständige Identität sichert als Objekten, nicht als Wahrnehmungen. Wir fingieren eine dauernde Existenz aller sinnfälligen Gegenstände, wir halten Perzeption und Gegenstand auseinander. Diese Fiktionstendenz, die ermöglicht und bestärkt wird durch die zahlreichsten von der Erinnerung dargebotenen ähnlichen Fälle, weist eine gewisse Stärke und Lebhaftigkeit, die Merkmale des  belief,  auf, sie trägt den Glauben an die dauernde und gesonderte Existenz der Körper. Dem Reich der Einbildungskraft gehört diese extramentale Existenz an. Diese Entwicklung einer  double existence,  die der Wahrnehmungen und eine gegenständliche, eine innere und eine äußere, eine abbildende und eine abgebildete, war zur Auflösung jener Antinomie nötig."

"Irrig ist die Annahme, daß wir in jedem Urteil, das wir fällen, zwei verschiedene Vorstellungen vereinigen. Das Existentialurteil enthält nur  eine  Vorstellung, da hier die Vorstellung der Existenz nicht als eine besondere Vorstellung figuriert. So können wir schließen, ohne mehr als zwei Vorstellungen zu verwenden. Wir gewinnen so einen Syllogismus ohne  terminus medius." 

3. Kapitel
§ 1.
Erkenntnispsychologische und
erkenntnistheoretische Vorbemerkungen:
Der Glaube an die Existenz der Außenwelt.

Demjenigen Etwas, Ding oder Gegenstand, das oder den ich mit meinen Sinnen perzipiere, kann ich das Prädikat "Sein, Existieren" ausschließlich zuerkennen. Durch die Wahrnehmbarkeit wird einem Ding ein  prae  von den andern vindiziert. Die Wahrnehmung, der Akt zur Empfindung, die Empfindung (1) selbst bieten eine gewichtige Bürgschaft dafür, daß sich nicht alle Welt- und Bewußtseinsinahlte rein im Subjekt erheben und ineinanderfließen, daß das innere Leben nicht in den Wellenbewegungen eines ewigen, in verwischten Konturen sich vollziehenden Auftauchens und Verschwindens im Geist, ähnlich dem Erwachen aus der Narkose und dem Zurückfallen in sie, besteht. Das Erkennen ist erst durch eine Synthese aus Form und Stoff möglich, es ist eine Objektivation der Subjektivität aufgrund der Wahrnehmung. Wahrnehmen bedeutet Empfinden plus Beziehen auf ein Etwas, auf ein Draußen, es bedeutet eine Vergegenständlichung des Empfundenen.

So steht sowohl bei DAVID HUME und JOHN STUART MILL (in seiner Schrift "Examination of Sir William Hamiltons Philosophy) als auch bei SIGWART (2) das Seine, das Existieren als Wahrgenommenwerden dem bloß Vorgestellten, Gedachten, Eingebildeten gegenüber; was "ist", das ist nicht bloß von meiner Denktätigkeit erzeugt, sondern unabhängig von derselben, bleibt dasselbe, ob ich es im Augenblick vorstelle oder nicht, dem kommt das Sein in demselben Sinn zu, wie mir selbst, es steht mir, dem Vorstellenden, als etwas von meinem Vorstellung Unabhängiges gegenüber, welches nicht von mir gemacht, sondern in seinem unabhängigen Dasein nur anerkannt wird.

Existieren heißt Gegenstand der Wahrnehmung sein, Objektiviertsein in und durch eine Welt, die wir als draußen, körperlich oder sonstwie charakterisieren; diese Welt des Nichtichs ist der des Ichs entgegengesetzt, das Reich des Subjektiven wird ergänzt und gestützt von einem Objektiven, es empfängt so gleichsam seinen wissenschaftlichen Geltungswert erst durch eine Relation zu einem von mir Unabhängigen, zu einem selbständigen Draußen, zu einer realen Außenwelt, die, um ein Wort JOHN STUART MILLs zu gebrauchen (3), existiert, wenn wir nicht daran denken, die existierte, bevor wir jemals daran dachten, und existieren würde, wenn wir selbst vernichtet würden. Eine weitere wichtige Frage im Anschluß hieran ist nun die, inwieweit ist das Stützende selbst gestützt, inwiefern das die Objektivität des Subjektiven Begründende selbst fest gegründet.

In fast jeder Universalgeschichte, selbst in der bloß essayartigen Behandlung der Philosophiegeschichte, liebt die Gegenwart geschichtsphilosophische Konstruktionen und Interpretationen.

Jene Subsumtion antiken, mittelalterlichen und modernen Denkens unter je vier, identisch ablaufende Phasen durch FRANZ BRENTANO (4) mag sicher den Anspruch auf Berechtigung verdienen, weil sie die Entwicklung der gesamten Philosophie heranzieht; bedenklicher ist es schon, das Jahrhundert der Aufklärung als ein dogmatisch beginnendes, dann skeptisch sich verhaltendes und kritisch abschließendes zu bezeichnen. Als ein bewußt aufgestelltes und akzeptiertes Schema hat es sicher seinen Wert, aber zu vergessen ist nicht, daß in der Welt der konkreten Tatsachen, wenn wir die Allgemeinheit und Abstraktheit des Weltbildes aufheben, jene disparaten Strömungen gleichsam einander fordern, wobei die eine allerdings vor der andern ziemlich prävalieren [privilegiert sein - wp] kann.

So geht mit dem Zeitalter des Kritizismus ein auf das Problem der Existenz der Außenwelt gerichteter Dogmatismus Hand in Hand, der Genüge findet an einem ungegründeten: "Es ist nun einmal so" und in einem unbewußten  ciruculus vitiosus  die Außenwelt und den Glauben an sie als das Sicherste und Bestimmteste annimmt, weil sie unmittelbar gewiß ist. Gliedert man diese Art der Argumentation in das System der erkenntnis-theoretischen Richtungen, so darf man sie bei positiv  kritizistischer  Grundrichtung als naiv empiristisches oder realistisches Rudiment bezeichnen (5). Es ist eben der Standpunkt des praktischen Lebens, der vor dem letzten radikalsten Schritt zurückscheut. Die Vernichtung aller realen Dinge außer uns, die Transformation unseres physischen Ichs in einen vagen Schein sind Ungedanken. Das eigene Ich, alles Sein, die ganze Außenwelt als bloßen Bewußtseinsinhalt zu nehmen, empfindet der "praktische" Denker als überspannt, als  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp] und greift mit Wohlbehagen als beste Kritik des Solipsismus und als Stützpunkt seines Glaubens an die Realität der Außenwelt die MOLIERE'schen Meditationen in der Rolle des SGANARELLE gegen MARPHURIUS auf (Die erzwungene Heirat, Szene VIII):
    MARPHURIUS: Unsere Philosophie verbietet irgendeinen Satz als positiv aufzustellen; wir sollen Alles stets in Ungewißheit lassen, und mit unserem Urteil zurückhalten. Deshalb dürft Ihr nicht sagen: ich bin gekommen, sondern: es scheint mir, daß ich gekommen sei.

    SGANARELLE: Es scheint mir?

    MARPHURIUS: Ja.

    SGANARELLE: Zum Teufel, es muß mir ja wohl so scheinen, weil es wirklich so ist.

    MARPHURIUS: Das ist keine Folgerung: es kann Euch etwas scheinen, ohne daß es sich wirklich so verhält.

    SGANARELLE: Ei was zum Henker, Ihr spaßt wohl. Hier stehe ich, hier steht Ihr ganz richtig da, und dabei ist kein "es scheint mir" nötig. (Er gibt dem Marphurius Stockschläge).

    MARPHURIUS: Au, au, au! Welche Frechheit einen Philosophen wie mich zu schlagen! -

    SGANARELLE: Ach was! Ihr solltet, wenn's Euch gefällig wäre, Euch besser ausdrücken. Man soll an allem zweifeln; darum dürft Ihr nicht sagen, ich habe Schläge bekommen, sondern es scheint mir, als ob ich Schläge bekommen hätte.
Es ist evident, daß der theoretische Solipsismus (6) mit dem praktischen nichts zu tun hat; (7) es ist weiter klar, daß, wenn auch beim  homo sapiens  der Glaube an die Außenwelt ein durch nichts zu erschütternder, die Außenwelt etwas Nichtszustreichendes, Unentbehrliches ist, wenn die Erkenntnispsychologie zu einem Ding-ansich, d. h. zur Außenweltrealität führt, die Erkenntnistheorie keineswegs zu demselben Resultat zu kommen braucht. Denn es ist etwas anderes, Tatsachen der Erkenntnis zu analysieren, als einen Wert, das Recht und die Grenzen der Erkenntnis zu fixieren.

Der Existentialsatz in der SIGWART'schen Fassung erhält sein Spezifikum, seine Eigennatur aufgrund psychologischer Fakta oder besser, eines psychologischen Faktums. Mit dieser Festlegung der Realität der Außenwelt darf man sich nicht begnügen, wenn jener Stützpunkt einer weiteren Analyse fähig, wenn er Komplex, nicht Element ist.

Orientieren wir uns zur Klarlegung der Natur des Existentialsatzes zunächst an der historischen Entwicklung über diese erkenntnispsychologische Frage der Realität der Außenwelt, um sie erst dann erkenntniskritisch zu beleuchten.

Die Frage nach dem psychologischen Ursprung des Glaubens setzt eine umfassend skeptische Disposition und die Fähigkeit zur weitestgehenden Analyse bei der Untersuchung voraus. Das griechische und mittelalterliche Forschen begab sich nicht auf den Weg einer solchen Problemstellung. Hier verhält sich auch DESCARTES ganz dogmatisch trotz seines  de omnibus dubitandum est  [alles muß bezweifelt werden - wp], indem er jeden Konnex zwischen psychischem und physischem Ablauf aufhob, um aber sofort dann die reale Wechselwirkung zwischen Leib und Seele zu statuieren, d. h. auch die reale Existenz der Außenwelt dogmatisch anzunehmen. Wenn sich bei GEULINCX okkasionalistisch und bei SPINOZA in kühnerer Weise der göttliche Zusammenhang vollzog, so verschob sich das Problem um nichts vorwärts, und für LEIBNIZ darf unser Problem überhaupt nicht bestehen, da die Monaden in ihrer reinen spirituellen Natur Genüge finden und die Relation auf ihnen korrespondierende "Objekte" als eine verkehrte Fragestellung abzuweisen ist. ARTHUR COLLIER in seinem "Clavis universalis or a new inquiry after truth, being a demonstration of the non-existence or impossibility of an external world", und BERKELEY mit seiner These "esse = percipi" (8) sehen im Gegenstand einen Komplex sinnlicher Empfindungen ohne jede äußere Realität, sie leugnen die Existenz einer Außenwelt und nehmen nur eine Welt der Vorstellungen an. Und dieses Reich der "perceptions" scheidet man in die Einbildungen, die nur in unserem Geist, und in die Wahrnehmungen, die in anderen Geistern, besonders aber im göttlichen Geist, fest begründet sind.

Diese verhältnismäßig wenig tiefgehende englische Skepsis wird originell amplifiziert und radikalisiert durch DAVID HUME, dessen argumentierende Darstellung im Folgenden am besten selbst skizziert wird. (9)

Zum Fenster hinaus blicke ich in die Nacht empor zum erleuchteten Sternenhimmel, zum Firmament und fixiere "Dubhe [Alpha Ursae Majoris - wp] im Sternbild des großen Bären, ich schließe die Augen einige Zeit über, öffne sie wieder und betrachte aufmerksam den am intensivsten leuchtenden Stern des Wagens. Viermal im ganzen habe ich so die Perzeption aufgenommen und aufgehoben. Vier zeitlich getrennte Wahrnehmungsakte, die einander nicht berühren, habe ich vollzogen (P1, P2, P3, P4). Sie sind verschieden voneinandern und unumkehrbar als ausgezeichnete Punkt auf der Zeikurve. Vier perzipierte Gegenstände haben sich mir dargeboten.

Trotz der Gesondertheit der einzelnen Perzeptionen taucht ein Gemeinsames auf, kommt bei aller Diszernibilität [Unterscheidbarkeit - wp] eine Kohärenz [Zusammenhang - wp] untereinander, eine Konstanz zum Bewußtsein. das zuerst durch  P1  perzipierte Objekt erscheint dem durch  P2  perzipierten in den charakteristischen Merkmalen, in den Teilen und der Anordnung der Teile als dasselbe. Und ebenso mit  P3, P4  ... Bei jeder Perzeption dieselbe Anordnung im Viereck als Ecke, auf der Geraden zwischen Stern  2  und dem Polarstern, auf der Geraden zwischen Stern  4  und Aldebaran, dieselbe Lichtintensität, dieselbe Umgebung beim ersten bis zum vierten Auftreten der Wahrnehmung.

So nähert sich das, was scharf geschieden wurde, einander. Diese Akte der Wahrnehmung, welche sich diskret verhalten, werden gleichsam durch eine Relation auf ein Höheres, auf eine sie umfassende Gattung vereinigt; auch das, was jene Akte trennt, fällt hier mit herein, wird darunter bezogen als negative Wahrnehmung, als Medium hin nach einer  uninterrupted perception. 

So werden jene unterbrochenen Wahrnehmungen wegen ihrer Ähnlichkeit als individuell identisch betrachtet, als ein und dieselbe Sache, als ein einziges Wahrnehmungs objekt,  obwohl bei der Unterbrechung der Existenz von einer vollkommenen Identität eines Gegenstandes eigentlich nicht die Rede sein kann. Zwei Urteile widerstreiten aufs Härteste eineinander, es besteht eine Antinomie.
     Thesis: 

    Die Unterbrechung zwischen den Perzeptionen  (P1, P2, P3, P4)  nötigt, die Perzeption (Akt und Produkt des Aktes)  P1  als vernichtet und  P2  als neu ins Dasein gerufen anzuerkennen. (Even our resembling perceptions are interrupted in their existence. [Auch unsere ähnlichen Wahrnehmungen sind in ihrer Existenz unterbrochen. - wp])  P1, P2, P3, P4  sind zeitlich unterbrochen, diskontinuierlich, nicht identisch.

     Antithesis: 

    Die mit Unterbrechung einander folgenden Perzeptionen  (P1, P2, P3, P4)  werden wegen ihrer Ähnlichkeit als individuell identisch angesehen. (Our resembling perceptions have a continued and uninterrupted existence.) Es besteht unter ihnen eine kontinuierliche Ähnlichkeit, Identität und Dauer.
Philosophische und instinktive Betrachtungsweisen schließen sich aus, doch eine jede will zu Recht bestehen. Das Dilemma bereitet Verlegenheit. Die Antithesis abzuweisen verbietet die Einbildungskraft mit ihrem Gedanken der dauernden, der aus ihr folgenden abgetrennten, unabhängigen Existenz, auf der anderen Seite können wir uns der in der Thesis niedergelegten Wahrheit nicht verschließen, die Unterbrechungen der Perzeptionen können nicht übersehen werden.

Unterbrechung der Perzeptionen, und doch Identität der Perzeptionen drängt zu der Annahme, daß  eine Perzeption existiert, ohne dem Geist gegenwärtig zu sein. 

Die Antinomie wird dadurch aufgehoben, daß die Inhalte  P1, P2, P3, P4  in zwei Bestandteile geteilt werden, in Akte der Wahrnehmung und in, von diesen real getrennte, Dinge, daß wir ein dauerndes Ding erdichten, welches die Unterbrechungen ausfüllt, und so unseren Perzeptionen eine vollkommene und vollständige Identität sichert als Objekten, nicht als Wahrnehmungen. Wir fingieren eine dauernde Existenz aller sinnfälligen Gegenstände, wir halten Perzeption und Gegenstand auseinander. Diese Fiktionstendenz, die ermöglicht und bestärkt wird durch die zahlreichsten von der Erinnerung dargebotenen ähnlichen Fälle, weist eine gewisse Stärke und Lebhaftigkeit, die Merkmale des  belief,  auf, sie trägt den Glauben an die dauernde und gesonderte Existenz der Körper. (10) Dem Reich der Einbildungskraft gehört diese extramentale Existenz an. Diese Entwicklung einer  double existence,  die der Wahrnehmungen und eine gegenständliche, eine innere und eine äußere, eine abbildende und eine abgebildete, war zur Auflösung jener Antinomie nötig. Wie z. B. in den beiden letzten kantischen Antinomien ist hier durch die Statuierung  zweier  logischer Subjekte,  zweier  Reiche der kontradiktorische Gegensatz der Prädikate aufgehoben.

Das Reich der Einbildungskraft führt eine  continuance to objects  herauf, das Reich der Vernunft eine  interruption to perceptions.  Die Möglichkeit einer Antinoie beruhte auf deiner Äquivokation [Mehrdeutigkeit - wp] des Begriffs "perceptions". Die sich ergebende Lösung einer psychologischen Analyse lautet:
    Thesis I:

    Die Sinneswahrnehmungen werden unterbrochen und sind, jedesmal, wenn sie auftreten, andere, diskontinuierliche.

    Thesis II:

    Die abgetrennten Gegenstände (Außenwelt) sind unterbrochen und besitzen dauernde Existenz und Realität (11).
Die Existenz der Außenwelt ist ein Etwas für sich, zwischen ihren Objekten und unseren Sinneswahrnehmungen besteht eine Grenze, über die es kein Herüber und Hinüber gibt. Wir sind so einmal zur Welt der Dinge-ansich, auf der anderen Seite zur Welt der Perzeptionen, zum psychischen Organismus fortgeschritten. Die Entstehnung des (nach HUME) irrtümlichen Existenzglaubens ist nachgewiesen.

HUMEs psychologische Erkenntnistheorie identifiziert wie BERKELEY Perzipiertwerden und Existieren. Jeder Eindruck, den wir haben, jede Vorstellung, der wir uns erinnern, wird als existierend aufgefaßt, die Vorstellung des Existierenden ist identisch mit der Existenz der Vorstellung. (12) "Whatever we conceive, we conceive to be existent. Any idea of a being is any idea we please to form. To reflect on any thing simply, and to reflect on it as existent, are nothing different from each other. The belief of existence joins no new ideas to those which compose the idea of the object. When I think of God, when I think of hin as existent, and when I believe him to be existent, my idea of him neither increases nor diminishes." [Was auch immer wir denken, wird als existent gedacht. Jede Idee von einem Sein ist eine Idee, die uns als solche zu formen gefällt. Einfach an einen Gegenstand zu denken und an ihn als existierend zu denken, sind nicht zwei verschiedene Dinge. Der Glaube an eine Existenz setzt unserer Idee vom Gegenstand nichts Neues hinzu. Wenn ich an Gott denke, wenn ich an ihn als existierend denke und wenn ich glaube, daß er existiert, erweitert weder den Umfang meines Begriffs von ihm noch verringert es ihn. - wp] (13) Diese Ansicht, daß die Vorstellung der Existenz keine Addition zur Perzeption, keine Relation zu einer Welt von Objekten, zu einem Draußen impliziert, fließt bei Hume konsequenterweise auch in die Behandlung des Existentialsatzes ein. (14) Irrig ist die Annahme, daß wir in jedem Urteil, das wir fällen, zwei verschiedene Vorstellungen vereinigen. Das Existentialurteil enthält nur  eine  Vorstellung, da auch hier die Vorstellung der Existenz nicht als eine besondere Vorstellung figuriert. So können wir schließen, ohne mehr als zwei Vorstellungen zu verwenden. Wir gewinnen so einen Syllogismus ohne  terminus medius. 

Jenen vorher skizzierten Untersuchungsgang mit dem dualistischen Resultat von Wahrnehmung und objektiver Außenwelt, welches jeder Synthese im monistischen Sinn nimmermehr Raum gewährt, muß HUME auf das Entschiedenste verwerfen. Jene Unterscheidung zwischen Gegenstand und Sinneswahrnehmung ist ihm das widernatürlichste Ergebnis zweier entgegengesetzter Voraussetzungen, verfehltes Mittel zu einem Zwangskompromiß. HUME versichert ausdrücklich, daß es weder in unserem Verstand noch in unserer Einbildungskraft einen Faktor gibt, der uns zum Glauben an eine zweifache Existenz veranlassen würde.  Die "perceptions" sind die einzigen Existenzen, deren wir unbedingt gewiß sind.  Es ist eine grobe Täuschung, anzunehmen, daß die einander ähnlichen Wahrnehmungen numerisch identisch sind.

"Dem Geist, dem Ich, einem Perzeptionsbündel, ist nichts gegenwärtig als Perzeptionen" .... ein ewig wiederkehrender Refrain bei HUME. HUME ist - so kann man wohl andeuten - Psychomonist, dogmatischer Philosoph.
    "Was die Eindrücke betrifft, welche von den Sinnen herstammen, so ist ihre letzte Ursache durch den menschlichen Verstand nicht zu erkennen. Es wird stets unmöglich sein, mit Gewißheit zu entscheiden, ob sie unmittelbar durch den Gegenstand veranlaßt oder durch die schöpferische Kraft des Geistes hervorgebracht werden oder schließlich vom Urheber unseres Seins herstammen." (15)
HUME ist Agnostiker, auch er resigniert mit einem "Ignorabimus".

Das HUMEsche Resultat ist demnach ein negatives, der Glaube an die Existenz der Außenwelt kommt durch Irrgänge der Einbildungskraft zustande und verschwindet sofort bei psychologischer Analyse. Aber bei aller Gegnerschaft zur Common-sense-Philosophie denkt doch HUME schon in ihrem Geist. Die Philosophen sind, wenn sie den Glauben an die Dauer und Unabhängigkeit unserer sinnlichen Wahrnehmungen abgrenzen, weit davon entfernt, damit den Glauben an eine dauernde Existenz abzuweisen; die Existenz der Außenwelt ist keine Setzung durch philosophische Operationen, sondern die Voraussetzung bei philosophischen Operationen, nur überspannte Skeptiker negieren sie (16), der Glaube an sie ist eine unbezweifelbare Tatsache. So liefert HUMEs Ausführung eine Bestätigung der von RICKERT angeführten oft wiederkehrenden Tatsache: Wissen und Welt kann nicht weiter als das Bewußtsein reichen, und doch hält man bei der Ungeheuerlichkeit des Solipsismus die Annahme der unabhängig vom Bewußtsein existierenden Wirklichkeit für gesichert. Und RICKERT gibt als Lösung und Antwort die Zurückweisen solchen verkehrten Fragens: Die Verneinung der Dinge ansich geht weder den naiven Menschen noch den Mann der Einzelwissenschaft an, sie ist ein Problem nur für den Erkenntnistheoretiker aus Interesse an einem richtigen Begriff des Erkennens.

HUMEs in positiver Hinsicht schwankende Ansichten über  continued  und  distinct existence  finden schließlich folgenden modifizierten Ausdruck (17): Wer den Ursprung der gewöhnlichen Anschauung, betreffend die dauernde und gesonderte Existenz der Körper, erklären will, der muß den Geist in seiner gewöhnlichen Verfassung nehmen, also von der Annahme ausgehen,  daß unsere Wahrnehmungen für uns die einzigen Gegenstände sind,  und daß  diese Wahrnehmungen fortfahren zu existieren, auch wenn sie nicht  wahrgenommen werden. (18) Das heißt über die These, daß alle Perzeptionen nur subjektive Existenz haben, wird in bewußter Weise, in Anerkennung der Inkonsequenz und der schädlichen Konzession an jene natürliche Anschauung des gemeinen Mannes, von HUME zu einer vom perzipierenden Geist unabhängigen objektiven Existenz (für einen Teil der Perzeptionen) fortgeschritten. Trotz dieser Modifikation ergibt sich doch auf das Klarste, daß HUME die wissenschaftsgemäße Gegründetheit der Realität der Außenwelt, welche durch den Wahrnehmungsakt ermittelt wird, annulliert hat. So nimmt das Existentialurteil, das eine Wahrnehmung konstatiert, keine prävalente [vorrangige - wp] Stellung neben vielleicht anders gearteten Existentialurteilen in der Logik ein, da seiner Funktion die Relation zu einer Wahrheitsgehalt verleihenden hyperidealen Welt entzogen, da ihm diese synthetische Natur genommen ist.

Den Lehren HUMEs sind ziemlich verwandt die JOHN STUART MILLs (19), für den Sein, Existieren identisch ist mit "irgendwelche, gleichviel welche Sinnesempfindungen oder sonstige Bewußtseinszustände Erregen oder Erregenkönnen", der den Glauben an die Existenz der Außenwelt als etwas Ursprüngliches, Unmittelbares, nicht weiter zu Analysierendes entschieden abweist. Die sinnliche Wahrnehmung liefert uns  aktuelle Sensationen,  die auftauchen und wieder verschwinden, die in einem ständigen Fluß sind. Die Gesetze der Ideenassoziation und die Phänomene der Erwartung führen uns auf der Basis einer aktuellen Sensation zur Konzeption möglicher Sensationen, die beständig und permanent sind, bis ihre "Conditions" realisiert sind, die sich auf Empfindungsgruppen, d. h. auf Körper beziehen. Nun findet eine Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse statt, ein permanentes Substratum wird dem System flüchtiger Sensationen untergelegt, die Idee von Ursache und Wirkung wird herangezogen. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten sind die Realitäten objektiver Natur, so gut in anderen Wesen als in mir, sie bilden deshalb eine Existenz außer mir; die wirklichen Wahrnehmungen sind Akzidenzen, nur Repräsentationen, Erscheinungen jener Realitäten, subjektiv, nur mir angehörend. So entwickeln sich aus der Unbeständigkeit der Wahrnehmungen, gestützt durch eine assoziative Kausalität, die Wahrnehmungsmöglichkeiten,  permanent possibilities of sensation,  der Glaube an sie, das ist der Glaube an die Realität der Außenwelt, nicht im HAMILTONschen Sinne "Faktum des Bewußtseins", vielmehr durch Assoziation erworben.

Gegen eine intuitionistische Theorie der Außenwelt hatte sich MILL aufs schärfste gewandt, für welche sich REID und die andern aus der schottischen Schule erklärt hatten. DESTUTT de TRACY huldigt auch dem Intuitionismus, wenn er mit der willkürlichen Bewegung den Ursprung unserer Vorstellung von Dingen außer uns gegeben sein läßt (20), ebenso ROYER-COLLARD, für den die Wahrnehmung einen durchaus objektiven Wert hat.

Eine bestimmt nuancierte intuitionistische Lehre von der Existenz der Außenwelt leugnet jede logische Wurzel seines Ursprungs, vermag sich aber ohne ein Draußen die Welt, das Leben nicht zu denken; auf ein irrationales Element (belief) wurde schon laut von HUME verwiesen, und es ist kein Zufall, wenn gerade F. H. JACOBI 1787 eine Schrift über "David Hume über de Glauben oder Idealismus und Realismus" verfaßt. Auch bei einem großen Zeitgenossen HUMEs finden wir die Existenz der Außenwelt im Alogischen, in der Sympathie begründet, d. h. in der unwillkürlichen Vergegenwärtigung einer Empfindung, die in einem andern lebt; (21) ADAM SMITHs "Theory of moral sentiments" ist psychologisch fundiert, in letzter Hinsicht ist die Bindung menschlichen Wollens nichts mehr als ein sympathetischer Zwang. Diesem Gedanken liegt es nicht allzufern, wenn positivistisches Denken und Betätigen zum  Grand Être  [großen Seienden - wp] rekurriert und ein sozialer Beweis für die Existenz der Außenwelt gegeben wird. "Die bloße Existenz altruistischer Gefühle in uns beweist die Existenz der Mitmenschen außer uns", behauptet ALOIS RIEHL (22). FICHTE degradiert die objektive Welt zu einem Erzeugnis des Ich, erhöht sie aber wieder zu einer moralisch zu Recht bestehenden Außenwelt als die Sphäre der anderen Personen, gegen die ich mich verpflichtet  fühle.  Und in ähnlicher Weise führt DILTHEY an (23): Aus dem Mitfühlen mit anderen entspringt zugleich die Überzeugung ihrer kernhaften, wertvollen Existenz, ... aus höher gelegenen sittlichen Erfahrungen, nach welchen dieser Wille Selbstzwecke, die ihm selber gleich sind an Realität und Rechtsansprüchen, anerkennt. Die Existenz der Außenwelt wird als ein Unmittelbares aus dem irrationalen Leben unseres Willens erklärt, aus dem Zusammenhang unseres Lebens überhaupt, indem man vom ganzen Menschen mit seinem Willen, seinen Trieben, seinem Gefühl ausgeht, unterstützt durch das Bewußtsein des Willensimpulses und der Intention einerseits, andererseits durch das der Hemmung der Intention.

Eine andere Erklärungsweise liefert der kritische oder erkenntnistheoretische Realismus von der Existenz der Außenwelt (24). Er rechnet mit Erscheinungen, die einesteils nur Bilder der Dinge im eigenen Bewußtsein, Vorstellungen sind, anderenteils, um die Differenz von den Halluzinationen zu wahren, der Relation auf Gegenstände als ihre Ursachen außer unserem Bewußtsein bedürfen. Die Zurückführung der Realität im allgemeinen auf ein von uns ganz Verschiedenes, auf das Gebiet der Dinge-ansich ist ein Akt des Denkens, das kausal verknüpft; sie offenbart eine intellektualistische Ausdeutung. So erhalten die Wahrnehmungsbilder ihr Ausgezeichnetes vor den Phantasiebildern, daß sie, unwillkürlich entstehend, eine größere Festigkeit und Dauer besitzen, daß wir bei ihnen eine Gegenwirkung erfahren, die sich in unserem Zustand äußert; sie stellen sie eben als Gegenstände einer äußeren Einwirkung dar, sie sind Zeichen des Daseins der Dinge. Aus einem Denkzusammenhang wurde so die Existenz der Außenwelt erklärt, durch ein unbewußtes Schließen von der Wirkung auf die Ursache.

Nach KANT sind die Gegenstände nur Erscheinungen, Synthesen aus apriorischer Form und empirischem Stoff, sie bilden die subjektive Form der Existenz der Wirklichkeit, zu welcher das Ding-ansich das Korrelat bildet. Die Erscheinungen sind bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen zusammenhängen, sie haben selbst noch Gründe, die nicht Erscheinungen sind. Erscheinungen sind die Vorstellungen, welche die Dinge ansich in uns wirken, indem sie unsere "Sinne" affzieren. (25) Damit ist natürlich derselbe Gedanke ausgesprochen, den KANT in den ersten Worten der transzendentalen Ästhetik angeführt hat: Der Gegenstand affiziert das Gemüt auf gewisse Weise. Es ist dabei nicht an die Sinnesorgane, Auge, Ohr usw. gedacht, d. h. eine psychophysiologische Erklärung, wie sie JOHANNES von MÜLLER und HELMHOLTZ geliefert hat, ist abzuweisen (auch das Ding-ansich ist nicht der bloße Reiz), vielmehr sind die "Sinne" gleich dem Gemüt, der Sinnlichkeit, die als "die Fähigkeit (Rezeptivität) Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen" definiert wird. Die Sinnlichkeit ist also eher ein Sinnesvermögen einer von KANT angenommenen Seelensubstanz als ein physisches Organ. Ob dadurch der kantische Ausgangspunkt nicht ein höchst dunkler wird, ob man nicht mit einem logischen Widerspruch einsetzt, wenn man den Kausalbegriffe auf etwas Zeitloses anwendet, das sind für diesen Zusammenhang gleichgültige Fragestellungen. - Es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein  von dem, was sie ansich sein mögen, wissen wir nichts,  (26) sondern kennen nur ihre Erscheinungen. Das Ding-ansich, abgesehen von seiner Stellung als reiner Grenzbegriff und religiöses Objekt, wird bei KANT als Empfindungserreger aufgefaßt. Diese Erregung setzt eine Relation von Ursache und Wirkung voraus. Die Ursache, von der ich nichts weiß, wird dogmatisch fixiert, nicht bewiesen. Die Fixierung dieser Kausalität widerspricht den Elementarprinzipien der kantischen Philosophie, nach denen die Kategorien ihre Struktur nur dem Reich der Erscheinungen aufdrücken (27). Aufs schärfste betont KANT seinen "kritischen Realismus" gegen den Kartesianismus und den Jllusionismus eines BERKELEY in der 2. Auflage der Kr. d. r. V. sowohl im Abschnitt "Widerlegung des Idealismus" als auch in einer Anmerkung am Ende der Vorrede zur 2. Auflage. Beim Phänomenalisten (vgl. BERKELEY, HUME) wird die ganze Körperwelt in den Umkreis des empirischen Bewußtseins hereingezogen, "alle Erscheinungen überhapt, d. h. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit" (28), der äußere Sinn ist nichts Originäres, er ist dem inneren Sinn subordiniert. Berührungspunkte zwischen KANT und BERKELEY mußte jeder Rezensent aus der Darstellung der Lehre von der Zeit in der transzendentalen Ästhetik und in der transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe herauslesen. Dies waren singuläre Inkonsequenzen, welche die Gegner in ihrer Nebensächlichkeit hätten erkennen müssen, da scharf dem empirisch-psychologischen Idealismus der transzendentale entgegengestellt wird. Das transzendentale Subjekt, die Vernunft, der Verstand besitzt die Formen des äußeren und des inneren Sinnes, welche koordiniert sind. Die erste liefert uns die Körperwelt, die zweite die Welt des empirischen Bewußtseins; beide sind Erscheinungswelten, hinter beiden steht das Reich der Dinge ansich, aber physische und psychische Welt sind scharf voneinander zu unterscheiden, sie schließen sich aus; die eine bleibt unangetastet von der andern; das Psychische ist ebenso mittelbar wie das Physische gegeben.

Das Wesen des transzendentalen Idealismus war fixiert worden in der Koordination von innerem und äußerem Sinn, durch die Hinneigung zur Subordination des äußeren unter den inneren Sinn war der Weg zum "Traumidealismus" ein naheliegener. Gegen diese Inkonsequenz und Modifikation des transzendentalen Idealismus, die der ersten Konzeption unterlaufen war, wandte sich die zweite gleichsam mit einem die Inkonsequenz beseitigen wollenden Beweis der Existenz der Außenwelt, indem von einer dritten Relation zwischen den Formen der Sinnlichkeit, von der Superordinatioin des äußeren Sinnes über den inneren ausgegangen wird; somit kann in der "Widerlegung des Idealismus" mit SCHOPENHAUER und KUNO FISCHER nicht eine Verwischung und Verwässerung der kantischen Lehre, vielmehr mit VAIHINGER gerade ein Weg zur Konsequenz gesehen werden. Die objektive Realität der äußeren Anschauung wird streng folgendermaßen bewiesen:
    1.  Das  empirische bestimmte Bewußtsein meines eigenen Daseins ist in der "Zeit". 2. Alle Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus.

    3. Die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht einerlei mit der beharrlichen Vorstellung.

    4. Die Wahrnehmung dieses Beharrlichen ist nur durch  ein Ding außer mir  möglich. Das Bewußtsein  meines Daseins in der Zeit  ist mit dem Bewußtsein eines aufgrund eines Kausalschlusses gewonnenen Verhältnisses zu etwas außer mir identisch verbunden; die Materie im Raum (Erscheinung) kann allein erst jede Zeitbestimmung für Vorstellungen, Gefühle usw. möglich machen. Diese Urgierung des äußeren Sinnes soll jene gefahrvolle Betonung des inneren Sinnes in der ersten Auflage kompensieren (vgl. Anmerkung 1 im Abschnitt "Widerlegung des Idealismus" zweite Auflage der Kr. d. r. V.) und die Lehre von der Koordination nicht zerstören.
So spricht sich auch die letzte Lehre, die Anerkennung einer erschlossenen Existenz der Außenwelt in KANTs eigenen Worten aus.

Die Realität des äußeren Sinnes ist mit der des inneren zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt notwendig verbunden; ich bin mir eben so sicher bewußt, daß es Dinge außer mir gibt, die sich auf meinen Sinn beziehen, wie ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der Zeit bestimmt existiere.

Der kritische Realismus, der die Realität der Außenwelt in Denkvorgängen aufgehen läßt, findet sich weiter als naturwissenschaftliche Hypothese bei JOHANNES MÜLLER, nach welchem das Sinnesorgan nur sich selbst empfindet und erst aus diesen seinen Erfahrungen dann zu etwas außerhalb Befindlichem kommt. HELMHOLTZ spricht in seiner physiologischen Optik sogar von Intellektualität der Sinneswahrnehmung; "wir können niemals aus der Welt unserer Empfindungen zur Vorstellung von einer Außenwelt kommen, als durch einen Schluß von der wechselnden Empfindung auf äußere Objekte als die Ursache dieses Wechsels", mit anderen Worten, es wird ein metaphysisches Kausalitätsgesetz postuliert. EDUARD ZELLER wirft in seiner Schlußabhandlung den Gedanken hin, daß die Annahme einer Realität der Außenwelt immer nur den Wert einer Hypothese hat, welche wir aufstellen, um uns diejenigen Bewußtseinserscheinungen zu erklären, die wir nicht als bloß subjektive Vorgänge zu begreifen wissen. Die Existenz der Außenwelt entsteht durch eine Ergänzung der Empfindungen aufgrund ihrer Eigenschaften (z. B. der Unverdrängbarkeit eines Willensimpulses) in Denkprozessen. Auch SCHOPENHAUERs Ansichten bewegen sich in dieser Richtung, (29) wenn er die These verficht, daß die Empfindung durch den Verstand gleich in die Anschauung eines Äußeren umgesetzt wird.

Der Zwillingsbruder des kritischen Realismus ist der Phänomenalismus (DILTHEY) oder der erkenntnistheoretische Idealismus (RICKERT, als dessen Vertreter hinsichtlich des Problems der Außenwelt wir schon englische Philosophen kennengelernt haben; beide gehören ja eng zusammen, differieren aber hinsichtlich der Konsequenz. Des ersteren Schwierigkeiten hatten sich in der kantischen Gedankenfolge schon offenbart, waren von KANT selbst zum Teil eingesehen, aber nicht gestrichen worden. Auf die Lehre vom Ding-ansich, seiner Affektion des Ichs und der Produktion des Vorstellungsstoffes als etwas Unhaltbarem wiesen schon SALOMON MAIMON und JAKOB SIGISMUND BECK hin, von der FICHTE'schen Argumentation gar nicht zu sprechen. Und auch in der Schrift (30), mit der jenes Wiederaufleben der kantischen Philosophie nach einem Zeitalter des Romantizismus und des Positivismus anhebt, wird das Ding-ansich, wie es bei KANT auftritt, für ein hölzernes Eisen, für ein Unding gehalten. Phänomenalismus ist die bewußt kritische Einschränkung der Wissenschaft auf Erscheinungen, der behauptet, daß nicht nur die Erkennbarkeit (wie zum Teil bei KANT), sondern auch die Existenz einer vom erkennenden Subjekt oder Bewußtsein unabhängigen Welt seiender Dinge in Frage gestellt und aufgehoben wird. Der oberste Satz der Philosophie als Satz der Phänomenalität (DILTHEY) oder als Satz der Immanenz (RICKERT) expliziert, daß alles, was für mich da ist, unter der allgemeinsten Bedingung steht, Tatsache meines Bewußtseins zu sein. Das Sein jeder Wirklichkeit muß als Sein im apsychischen und aphysischen Bewußtsein angesehen werden. Es wird bestritten, daß sich hinter dem, was als Körper oder Seele immanent existiert, noch eine transzendenten Realität verbirgt. Körperliches und Seelisches ist gleich immanentreal, das Eine gründet sich nicht im Anderen, bedarf nicht als Sein zweiten Grades eines Seins ersten Grades, d. h. der Transzendenz. Die Existenz der Außenwelt ist nur ein Phänomen innerhalb des Bewußtseinsreiches und seinen Gesetzen unterworfen, wie alle anderen Bewußtseinsinhalte; sie ist durch und durch Vorstellung  in anima  nicht das  extra animam  Existierende, sie ist nicht durch irgendwelche Prävalenz die Stütze anderer Immanenzen, sie vermag nicht durch den Rekurs zu einer ihr etwa eigenen hyperphänomenalen Natur "ausgezeichnete" Phänomene zu schaffen, da graduierte Bewußtseinsimmanenzen eine  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp] sind.

Die Existenz der uns räumlich umgebenden Außenwelt wird nicht bezweifelt, sie wird vielmehr als ein uns unmittelbar gegebener Bewußtseinsinhalt fixiert, der eben als Bewußtseinsinhalt Existenzgenüge findet und der Anlehnung, des kausalen Getragensein durch ein Transzendentes nicht bedarf. Die ganze Welt ist eben Bewußtseinsinhalt, und auf die Frage nach der Ursache eines Teils des Bewußtseinsinhaltes kann die Antwort nur lauten: Immer nur ein anderer Teil des Bewußtseinsinhaltes, kein Ding-ansich. Die Frage nach der Ursache des ganzen Bewußtseinsinhaltes ist als eine falsch gestellte abzuweisen.

Dies mag genügen zur Darlegung der phänomenalistischen Fassung der Existenz der Außenwelt; der weitere Schritt einer Bedingung und Urgierung des Seins, der Wirklichkeit durch ein Transzendentes (31), der Erhebung einer Welt des Sollens, der Normen über die Welt des Seins, der immanenten Inhalte auf irrationaler Basis geht uns hier nichts an.

In diesem Abschnitt begannen wir mit Argumentationen HUMEs, sie lieferten uns anfangs die Leitpunkte der Darstellung, wir zogen dann die hauptsächlichsten Weisen der Stellungnahme zum Problem der Existenz der Außenwelt heran, in Rücksicht auf erkenntnistheoretisch-metaphysische Fundamental-Anschauungen, und kamen so zu drei hauptsächlichsten Typen, die man, wenn man genau zusieht, insgesamt schon bei dem großen englischen Skeptiker, allerdings teilweise nur angedeutet, vorfinden kann. Sein Intuitionismus ist weniger offenkundig, da er den Instinkt, das biologische Interesse als verfälschend und irrtumsstiftend hereinspielen läßt, sein Phänomenalismus ist deutlich, da er die Fragestellungen, auf welche Affektion hin die Perzeptionen entstehen, als unbeantwortbar und müßig abweist, der Realismus läßt sich auch herauslesen, worauf auch MAX VERWORNs Vortrag "Über Naturwissenschaft und Weltanschauung" hinweist, in welchem die Perzeption HUMEs als ein Gebilde bezeichnet wird, welches kantische Ding-ansich gezeitigt hat.

Das Problem der Existenz der Außenwelt und die Entstehung des Glaubens an sie interessiert nicht rein  ansich,  vielmehr enthält dieser Abschnitt Vorbemerkungen zu kritischen Erörterungen über die Theorie des Existentialurteils, jenes Problem bedeutet hier eben nur etwas im Hinblick auf den Existentialsatz. In diesem Abschnitt wurde mehrfach das korrelative Verhältnis der beiden Probleme angedeutet, und es ist augenscheinlich, daß das Problem der Existenz der Außenwelt das speziellere ist, daß die Theorie des Existentialsatzes einen weiteren Umfang aufweist. Damit soll nun keineswegs geleugnet werden, daß einige grundsätzliche Berührungspunkte zwischen beiden bestehen, sodaß auch von der Theorie der Existenz der Außenwelt her Streiflichter auf die Urteilstheorie fallen, aber vorgebeugt werden soll dem Wähnen, daß sich letztere auf erstere gründen läßt. Dies könnte nur für den Fall möglich sein, wenn die Definition des Existierens als Wahrgenommen-, Perzipiertwerden eine erschöpfende wäre, wenn der Realismus mit seinem Satz recht hätte, daß das Seiende aller Wissenschaften nur durch die Wahrnehmung dem Denken zugeführt werden kann. Wie sich nun später zeigen wird, ist dies nicht der Fall, das Wahrgenommenwerden ist nur eine der Existenzformen, so daß von der Existenz der Außenwelt und ihrer erkenntnistheoretischen Gründung her die Stützen und die Geltungswert verleihenden Bedingungen nur für eine Partialexistentialtheorie übernommen werden könnten. Nichts destoweniger überitteln aber die Kontroversen und Theorien über die Existenz der Außenwelt für unser Urteilsproblem im allgemeinen wertvolle Anregungen und Einblicke, vor allem geben sie, wie später noch klarer werden wird, Orientierung über das Sein als Relationsprädikat und über die Materialien, welche die Relation tragen. Und in diesem Sinn hielten wir es für gut, das Problem der Existenz der Außenwelt in seiner Geschichte und theoretischen Variation unserem Thema als "Vorbemerkungen" vorauszuschicken.

LITERATUR: Otto Alexander Friedrichs - Beiträge zu einer Geschichte und Theorie des Existentialurteils, Prenzlau 1906
    Anmerkungen
    1) Auf das schwere und komplizierte Problem der Empfindung kann selbstverständlich in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden.
    2) SIGWART, Logik, Bd. 1, 3. Auflage, Seite 95f
    3) zitiert nach GUSTAV STÖRRING, John Stuart Mills Theorie über den psychologischen Ursprung des Vulgärglaubens an die Außenwelt, Halle/Saale 1889.
    4) In seiner letzten 1895 in Stuttgart erschienenen Arbeit "Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand".
    5) WILHELM WUNDT, Einleitung in die Philosophie, 1901, Seite 273f.
    6) Vgl. MARTIN KEIBEL, Wert und Ursprung der philosophischen Transzendenz, 1886 und RICHARD von SCHUBERT-SOLDERN, Grundlagen zu einer Erkenntnistheorie 1884.
    7) Vgl. besonders HEINRICH RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, 1904, Seite 65ff (nur für den  erkennenden,  nicht aber für den  handelnden  Menschen hat die Frage nach einer vom Bewußtsein unabhängigen Welt eine Bedeutung).
    8) Von allen Sinnesempfindungen darf keiner eine unperzipierte Existenz zugeschrieben werden. (BERKELEY über die Prinzipien der menschlichen Erkennen, Abschnitt 99)
    9) Vgl. "Treatise on human nature I, IV, 2 (Theodor Lipps)
    10) Im Treatise IV, 2 heißt es einmal: Der Glaube an die Außenwelt ist nicht durch die Sinne gegeben. An einer späteren Stelle: Er ist auch nicht durch die Vernunft vermittelt.
    11) Vgl. zu dem ganzen Vorhergehenden OTTO LIEBMANN, Die Klimax der Theorien, Straßburg 1884, Seite 77f, 80f. 1. Das Prinzip der realen Identität; 2. Das Prinzip der Kontinuität der Existenz; (Erläuterung: Das Kontinuitätsprinzip ist in einem erkenntnistheoretischen Sinn nicht empirisch, als unentbehrliche Voraussetzung der Empirie ist es legitim); auch 4. Das Prinzip der Kontinuität des Geschehens.
    12) Existenz bedeutet hier Bewußtseinsinhaltsein, nichts Objektives, Transsubjektives, kurzum nur eine subjektive Existenz.
    13) HUME, Treatise (Edition Green and Grose) Seite 370f und 395f.
    14) HUME, Treatise III, 7. Anmerkung
    15) HUME, Treatise (LIPPS), Seite 112 und 113
    16) Vgl. auch die Worte JOHN LOCKEs "Versuch über den menschlichen Verstand", Buch IV, Kap. XI, § 3: Niemand wird im Ernst so zweifelsüchtig sein, daß er das Sein der Dinge, die er sieht und fühlt, bezweifelt. Und dann: Gott hat mir genügend Gewißheit vom Dasein der Dinge außer mir gegeben.
    17) HUME, Treatise (Lipps), Seite 281
    18) Im Anschluß hieran sagt HUME: Diese gewöhnliche Anschauung ist aber, obgleich falsch, doch die natürlichste von allen und die einzige, die der Einbildungskraft von Haus aus genügen kann.
    19) Vgl. ÜBERWEG-HEINZEs "Grundriß der Geschichte der Philosophie", Bd. IV, § 53 und JOHN STUART MILLs Logik, 3 Bände, übersetzt von THEODOR GOMPERZ.
    20) Vgl. ÜBERWEG-HEINZEs "Grundriß" a. a. O., Bd. IV, § 40f.
    21) LESER, Adam Smith, Art. "Handwörterbuch der Staatswissenschaften", Bd. 6
    22) ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus II, Seite 172, zitiert nach RICKERT, Gegenstand a. a. O.
    23) DILTHEY, Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht, Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1890, Berlin 1890, Seite 998 und 999.
    24) DILTHEY, a. a. O. Seite 1014. - Diese Unterscheidung der Richtungen ist doch erkenntnistheoretisch bedingt, doch spielen auch psychologische Gesichtspunkte hier ihre Rolle. Es bestehen eben, wie auch RICKERT hervorhebt, zwischen der  quaestio juris  der Erkenntnistheorie und der  quaestio facti  der Psychologie Beziehungen.
    25) Vgl. KANTs Prolegomena, § 13, Anmerkung 2.
    26) Im schroffen Gegensatz zum kantischen Ding-ansich stehen, was hier wohl angeführt werden kann, die hinter den Erscheinungen stehenden wirklichen Realitäten der modernen Physik, die der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich sind und sich auf mathematische Formeln bringen lassen.
    27) Vgl. RICKERT, Gegenstand, Seite 47; Die Ursache und das Bewirkte müssen dieselbe Art des Seins haben.
    28) KANT, Kr. d. r. V., § 6, vgl. § 24, Von der Zeit.
    29) Zwischen HELMHOLTZ und SCHOPENHAUER besteht allerdings noch ein großer Unterschied im Hinblick auf unser Problem, indem HELMHOLTZ jenen unbewegten Schluß nur das finden läßt, was schon da ist; er ist dogmatischer Realist; dagegen soll SCHOPENHAUERs intuitiver Schluß die Anschauung der Objekte erst erzeugen, und das Objekt ist identisch mit dem Anschauungsinhalt; SCHOPENHAUER ist also subjektiver Idealist.
    30) OTTO LIEBMANN, Kant und die Epigonen, 1865
    31) Für RICKERT ist allerdings der Gegenstand, jenes Sollen, das sich in jedem Urteil, auch im Existentialurteil vorfindet, nichts Transzendentes, er will nicht Metaphysiker, er will nur reiner Erkenntnistheoretiker sein. Und das ist der Punkt, wo der Schüler andere Wege einschlägt als der Lehrer, der in den letzten Aufsätzen seiner Präludien jenes  ontos on  [seiendes Sein - wp] nicht verschmäht und das Transzendente statuiert. Ob jenes Sollen doch nicht ebenso transzendent ist wie irgendein Ding-ansich, das ist eine Frage der Kritik am geeigneten Ort.