tb-1p-4Glaube und UrteilDas Wesen des Urteilsvon der PfordtenA. Lasson    
 
WILHELM JERUSALEM
Über psychologische und
logische Urteilstheorien

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"Von einem solchen Bewegten nun, dessen normaler Zustand die Ruhe wäre, finde ich bei Betrachtung der psychischen Phänomene keine Spur. Was sich da in unserem Innern vollzieht, das sind nur Ereignisse, nur Tätigkeiten und sowie wir einen Täter dieser Taten suchen, zerfließt uns derselbe wieder in Tätigkeiten und Ereignisse."

"Ein psychisches Substrat, also ein Seelenwesen, ein metaphysisches Ich, ein transzendenter Wille ist eine Konstruktion, welche der Natur, dem Wesen der psychischen Vorgänge vollkommen widerspricht."

II.
- Fortsetzung -

Die psychischen Phänomene erscheinen uns, wenn wir genau und vorurteilsfrei darauf achten, immer als ein  Geschehen,  als  Ereignisse  und niemals als ein ruhendes, beharrendes Sein. Dagegen müssen wir für die physischen Phänomene, wenn wir dieselben denkend erfassen wollen, die Ruhe als den normalen Zustand annehmen und das selbst dann, wenn wir überzeugt sind, daß es absolute Ruhe tatsächlich nirgends gibt. Diese durch die Wahrnehmung der Objekte nahe gelegte und durch viele andere Umstände gefestigte Auffassung der physischen Phänomene findet ihren Ausdruck in den Begriffen  Substanz  und  Materie welch die moderne Physik allerdings überflüssig zu machen sucht, ohne daß ihr dies jedoch vollständig gelungen wäre. Das Stoffliche scheint mir all dem, was uns in der äußeren Erfahrung, also durch unsere Sinne gegeben ist, als das allerwesentliches Element zu inhärieren und ich glaube nicht, daß es gelingen kann, dieses Stoffliche in lauter Bewegungen, Energien und Relationen aufzulösen. Die Elimination des Substanz- und Kraftbegriffes, wie sie namentlich MACH in jünster Zeit so energisch befürwortet, dürfte sich voraussichtlich als ein wahrhaft großartiges Denkmittel bewähren und dazu beitragen, aus der Naturbetrachtung alles Metaphysische und Transzendente soweit zu eliminieren, als dies überhaupt möglich ist. Diese Möglichkeit scheint mir aber eine Grenze zu haben an dem, was uns jede Tastwahrnehmung mit unerbittlicher Gewalt aufzwingt. Darum meine ich, daß die physischen Phänomene immer wieder aufgefaßt werden müssen als die Bewegungen eines Bewegten und daß als Ausgangspunkt für die Ermittlung der Bewegungsgesetze wenigstens stillschweigend immer der Zustand der Ruhe wird vorausgesetzt werden müssen. Dieses Bewegte, dessen normaler Zustand die Ruhe ist, selbst wenn dieser Zustand niemals wirklich ist, nenne ich das Substrat und an ein solches Substrat scheint mir die Auffassung der physischen Phänomene ein für allemal gebunden. Es mag dies meinetwegen als der "schädliche Rest" von Metaphysik bezeichnet werden, den selbst die stärkste mathematische Luftpumpe aus unserer Naturanschauung nicht entfernen kann, sein Vorhandensein kann aber so wenig geleugnet werden, wie das des schädlichen Raumes in der wirklichen Luftpumpe.

Von einem solchen Bewegten nun, dessen normaler Zustand die Ruhe wäre, finde ich bei Betrachtung der psychischen Phänomene keine Spur. Was sich da in unserem Innern vollzieht, das sind nur Ereignisse, nur Tätigkeiten und sowie wir einen Täter dieser Taten suchen, zerfließt uns derselbe wieder in Tätigkeiten und Ereignisse.

Die Seele, das Ich, der Verstand und der Wille sind nichts als mehr oder minder konstante Gruppen von Ereignissen. Bekanntlich hat bereits HUME das vom Ich erkannt und WUNDT den ereignisartigen Charakter der psychischen Phänomene wiederholt energisch betont und als charakteristisches Merkmal derselben hingestellt. Diese Eigentümlichkeit der psychischen Phänomene schien und scheint mir noch immer jene zu sein, durch welche sich dieselben von den physischen unterscheiden. Um nun diesen Unterschied recht deutlich hervorzuheben, habe ich diesem ereignisartigen Charakter der psychischen Phänomene den Namen "Substratlosigkeit" gegeben. Ich wollte damit sagen, daß ein psychisches Substrat, also ein Seelenwesen, ein metaphysisches Ich, ein transzendenter Wille eine Konstruktion ist, welche der Natur, dem Wesen der psychischen Vorgänge vollkommen widerspricht. Was psychisch ist in dem Sinne, wie wir es in uns erleben, das kann nicht beharren, nicht ruhen, dessen Existenzform ist nicht das  Sein,  sondern das  Geschehen.  Aber wenn ein psychisches Substrat nicht annehmbar ist, dann liegt es ja nahe, an ein physisches Substrat, etwa an das Gehirn, zu denken und die psychischen Phänomene eben als Nervenprozesse zu fassen. Diese für die meisten Physiologen selbstverständlich und auch von Psychologen mehrfach verteidigte Auffassung kann jedoch mein Denken aus folgendem Grund nicht befriedigen. Das Gehirn und die Nerven sowie mein ganzer Körper gehören vom Standpunkt meines inneren Lebens zur Außenwelt und unterliegen denselben Gesetzen wie meine Umgebung. Wo ich aber in der physischen Welt ein Substrat oder ein Kraftzentrum wahrnehme, da kann ich auch seine Kraftäußerung wahrnehmen oder anschaulich vorstellen. Und wenn ich es auch heute nicht kann, so wird die Naturwissenschaft der folgenden Jahre oder Jahrhunderte es die Menschen lehren. So wie wir die Schwingungen der Luft in den Chladnischen Figuren gleichsam direkt sehen können, so werden wir vielleicht einmal die optischen und elektrischen Wellen direkt wahrzunehmen vermögen und selbst von den komplizierten chemischen Prozessen, die sich im Nervensystem abspielen, ist es nicht unmöglich, daß dieselben durch geeignete Instrumente einmal genau erkannt und anschaulich dargestellt werden können. Ein sinnlich wahrnehmbares, d. h. ein physisches Substrat kann nach unserem bisherigen Denken nur solche Kraftäußerungen hervorbringen, die ebenfalls sinnlich wahrnehmbar sind oder es werden können. Hier aber wird das sinnlich wahrnehmbare Gehirn als ein Substrat für Vorgänge aufgefaßt, die ich nie sinnlich wahrnehmnen kann, sondern immer in einer ganz anderen eigenartigen, mit allem Wahrnehmbaren unvergleichbaren Weise erlebe.

Nun macht es freilich die neuere Gehirnforschung unzweifelhaft, daß zwischen gewissen physiologischen Prozessen im Gehirn und gewissen psychischen Vorgängen ein gesetzmäßiger Zusammenhang besteht. Ob derselbe ein ausnahmsloser ist und ob jedem psychischen Vorgang, von dessen Vorhandensein uns die innere Wahrnehmung Kunde gibt, ein physiologischer entspricht, das ist heute noch nicht entschieden und wird auch nicht allgemein geglaubt. Aber selbst wenn dieser gesetzmäßige Zusammenhang für alle psychischen Vorgänge vollkommen genau erwiesen wäre, immer würde doch der Unterschied bestehen bleiben, der alles Psychische von allem sinnlich Wahrnehmbaren scheidet. Der unmittelbaren Beobachtung würden auch dann noch alle physischen Phänomene an ein räumliches Substrat gebunden erscheinen, während die psychischen sich der Beobachtung auch dann noch als ein unräumliches Geschehen darböten. Jedenfalls sind die psychischen Phänomene nicht in derselben Weise einem physischen Substrat immanent wie alles sinnlich Wahrnehmbare. Dies und nichts anderes habe ich mit meiner Behauptung gemeint, daß die psychischen Vorgänge substratlos erscheinen.

Die Urteile über selbsterlebte psychische Phänomene bilden eben wegen dieser Unvergleichbarkeit gewiß eine eigene Gruppe. Es ist nur eine Folge-Erscheinung dieser Eigenart, welche die psychischen Vorgänge charakterisiert, daß hier die Urteilsfunktion, wie ich mich ausdrückte, nur "im übertragenen Wirkungskreis tätig sein kann." Die Form und die Funktion, in und mit der wir die Welt für unser Denken erobern, hat sich an der äußeren Wahrnehmung und deren Verarbeitung entwickelt und als später die Innenwelt zum Gegenstand der Betrachtung gemacht wurde, da war die Form schon gefunden und mußte beibehalten werden. Dem Schema Ding- Eigenschaft, Kraftzentrum - Kraftäußerung, Subjekt - Prädikat entspricht nur die sogenannte äußere Wahrnehmung, die sinnlich wahrnehmbare Welt. Wird dieses Schema auf unser Seelenleben angewendet, so ist jedes Subjekt immer wieder eine Gruppe von Vorgängen und das sprachlich Zerlegte fließt bei genauer Beobachtung sofort in einen einzigen Vorgang zusammen. Dem entspricht ja auch die längst bekannte und häufig hervorgehobene Tatsache, daß die sprachlichen Bezeichnungen für die psychischen Vorgänge immer Bilder sind, die der sinnlichen Welt entnommen wurden. Der Gebrauch dieser Bilder hat aber selbst in der Psychologie vielfache und oft arge Mißverständnisse und Täuschungen hervorgerufen, welche lange Zeit das charakteristische Merkmal der psychischen Phänomene, nämlich ihren ereignisartigen Charakter, verkennen ließen.

Es war also keineswegs eine metaphysische Ansicht, welche ich zum Ausdruck bringen wollte, als ich die Substratlosigkeit als das charakteristische Merkmal der psychischen Phänomene bezeichnen zu müssen glaubte, sondern ich wollte damit nur den unräumlichen und zugleich ereignisartigen Charakter der psychischen Vorgänge scharf und deutlich hervorheben.

Die Urteile über selbsterlebte psychische Phänomene zeigen aber in ihrer Form genau denselben Typus wie die anderen Urteile, und diese Tatsache bietet einerseits eine Bestätigung meiner Urteilstheorie, während sie andererseits es rechtfertigt, daß diese Urteile eine besondere Klasse bilden. Die Formung und Gliederung, welche im Urteil und durch dasselbe mit dem in der inneren Wahrnehmung gegebenen Vorstellungsinhalt vorgenommen wird, ist hier nicht geeignet, den Vorgang selbst klarer und deutlicher zu machen, sondern trägt eher dazu bei, über die wahre Natur zu täuschen. Die psychischen Vorgänge können nur in einer Weise erlebt, aber in verschiedener Weise beurteilt werden. Unser geistiges Eigentum sind sie aber vor ihrer Formung durch das Urteil in viel höherem Grad als nach derselben. Deswegen habe ich die so oft behauptete Evidenz der inneren Wahrnehmung energisch bestritten (194) und behauptet, die psychischen Phänomene könnten in letzter Linie nur  intuitiv nicht  diskursiv  erkannt werden (260).

Die Urteile über selbsterlebte psychische Phänomene bilden demnach eine besondere Klasse von Urteilen. Mit unserer ersten Gruppe, den Urteilen der Anschauung, haben sie das gemein, daß sie sich der logischen Prüfung entziehen, weil ihnen der für jede logische Prüfung unentbehrliche Charakter der Allgemeinheit und der Begrifflichkeit abgeht. Es kann zwar Fälle geben, wo ich über meine psychische Eigenart eine Art allgemeinen Urteils fälle, wie z. B., wenn ich sage: "Ich bin etwas reizbar", "Ich vertrage den Straßenlärm nicht". In solchen Fällen liegen wiederum Begriffsurteile vor, die ebenso wie alle anderen, Gesetze des Geschehens bedeuten. Dies sind aber immer Urteile über psychische Dispositionen und nicht über psychische Zustände und gestatten unter gewissen Umständen eine logische Prüfung. Solche psychischen Dispositionen sind eben bleibende Eigenschaften eines bestimmten Organismus und von wirklich erlebten psychischen Vorgängen wesentlich verschieden. Die Urteile über dieselben werden vielleicht am passendsten als Übergangsform zwischen unserer zweiten und dritten Klasse zu bezeichnen sein. Das Ergebnis unserer Klassifikation veranschaulicht folgende Tabelle:

Übersicht der Urteilsformen

A. Grundformen

Bezeichnung Der
Vorstellungsinhalt
ist gegeben
Gegenstand der Behauptung
I. Urteile der Anschauung anschaulich ein individuell bestimmter und
individuell gefärbter, sinnlich
wahrnehmbarer Vorgang (Tatsache
im strengsten Sinne)
α) Wahrnehmungsurteil in der Wahrnehmung eben wahrgenommener Vorgang
β) Erinnerungsurteile in der Erinnerung ein früher erlebter Vorgang
γ) Erwartungsurteile in der Phantasie ein erwarteter Vorgang
II. Begriffsurteile im Denken ein Gesetz des Geschehens
III. Urteile der inneren
Wahrnehmung
in der
Selbstbeobachtung
ein selbsterlebter
psychischer Vorgang


B. Übergangsformen

1. Zwischen I. und II.
α) Benennungsurteile
anschaulich ein wahrgenommenes Objekt, dem durch
Benennung ein Komplex  bleibender 
Eigenschaften zugeschrieben wird
β) Typische Urteile anschaulich aber in
symbolischer Bedeutung
Gesetz des Geschehens
2. Zwischen II und III.
Urteile über eigene
psychische Dispositionen
in der Selbstwahrnehmung bleibende Eigenschaften des
Urteilenden, also Gesetz des
Geschehens
3. Zwischen I. und III.
Urteile über fremde
psychische Vorgänge
in der Wahrnehmung
der Ausdrucksbewegung
erschlossene psychische Vorgänge
im fremden Bewußtsein (wobei die
Selbstwahrnehmung vermittelnd
eingreift).
γ) Erwartungsurteile in der Phantasie ein erwarteter Vorgang
II. Begriffsurteile im Denken ein Gesetz des Geschehens
III. Urteile der inneren
Wahrnehmung
in der
Selbstbeobachtung
ein selbsterlebter
psychischer Vorgang

Die Tabelle bedarf nach dem Vorangegangenen nur kurzer Erläuterung. Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Begriffsurteile deshalb nicht weiter gegliedert wurden, weil nach meiner Ansicht deren Gliederung Sache der Logik ist. Ferner ist zu bemerken, daß ich bei meinem Versuch nur selbständige Urteile im Auge habe und von überlieferten, d. h. solchen Urteilen absehe, die fertig übernommen und nicht von Urteilenden aufgrund eigenen Denkens nacherzeugt werden. Dahin gehört namentlich die große Zahl der Urteile über geschichtliche Ereignisse, die ich in meinem Buch (175) unter der Bezeichnung "historische Urteile" besprochen und von den Erinnerungsurteilen zu unterscheiden gesucht habe. Endlich weise ich noch auf die in die Tabelle aufgenommene, früher nicht besprochene Übergangsform zwischen I und III hin, welche fremde psychische Vorgänge zum Gegenstand hat. Wir schließen dabei aus den wahrgenommenen Ausdrucksbewegungen auf eben vor sich gehende psychische Vorgänge, wobei wohl auch die Erinnerung an ähnliche Vorgänge mitspielt, die wir aus unserer Selbstwahrnehmung kennen.


III.

Aus den bisherigen Erörterungen ergibt sich, wie ich glaube, das Eine mit Sicherheit, daß eine rein psychologische Betrachtung des Urteilsaktes möglich und daß eine solche Betrachtung nicht nur eine nicht abzuweisende Aufgabe der Psychologie, sondern auch für die richtige Abgrenzung des Gebietes der Logik unerläßlich ist. Ich darf in diesem Punkt jetzt auch auf eine Bemerkung FRIEDRICH JODLs hinweisen, der in seinem kürzlich erschienen Lehrbuch der Psychologie (Seite 613) ebenfalls der Ansicht Ausdruck gibt, daß "die Behandlung des Urteilsproblems in der Regel zu ausschließlich unter logische Gesichtspunkte gestellt wird." Aus unseren Auseinandersetzungen geht ferner hervor, daß die Logik nur Begriffsurteile zum Gegenstand der Prüfung machen sollte, weil nur bei diesen von allgemeinen Bedingungen der objektiven Gewißheit die Rede sein kann.

Zum Schluß möchte ich noch versuchen, meine Ansicht über das Wesen der Urteilsfunktion, die mannigfachen Mißverständnissen begegnet ist, nochmals klar zu stellen und gegen einige der vorgebrachten Einwände zu verteidigen.

Das Wesen der Urteilsfunktion besteht nach meiner Überzeugung darin, daß im Urteil und durch dasselbe ein gegebener Vorstellungsinhalt  geformt, gegliedert  und  objektiviert  wird. Die Funktion entwickelt sich mit Naturnotwendigkeit als eine Art der Apperzeption, welche durch die Umgebung des primitiven Menschen wie des Kindes einerseits und durch die mächtigste, aus der Erinnerung an eigene Willensimpulse gebildete Apperzeptionsmasse andererseits ausgelöst wird. (1) Lust- und Unlustgefühle und damit verbundene Willensimpulse und Bewegungsempfindungen sind sicher das erste, was der werdende Mensch, auch schon im embryonalen Zustand, erlebt, und diese Erlebnisse schaffen die Apperzeptionsmasse, welche er an die Vorgänge in seiner Umgebung heranzubringen nicht umhin kann. JODL hat jüngst (Monist 1896, Seite 523) etwas Ähnliches behauptet, indem er sagt, daß das Bewußtsein der eigenen Tätigkeit und der dadurch hervorgerufenen Veränderungen in der Außenwelt für den Menschen zum Typus und zum Urbild für die Kausalität werde.

Auf den engen Zusammenhang, der zwischen der Entwicklung der Urteilsfunktion und den "Kategorien von Substantialität und Kausalität" besteht, habe ich in meinem Buch (252f) hingewiesen und im Hinblick auf diesen Zusammenhang habe ich im Eingang (Seite 2) behauptet, die Psychologie des Urteilsaktes sei geeignet, die Grundlage für die gesamte theoretische Philosophie zu geben. Professor KÜLPE bezeichnet diese Behauptung als eine "gewaltige Übertreibung", allein ich glaube, daß eine etwas genauere Kenntnisnahme meiner Gedankengänge ihm die Sache doch in etwas anderem Licht erscheinen lassen würde.

Meine Theorie geht von der längst bekannten und durch die Ergebnisse der Völkerkunde zur unumstößlichen Gewißheit gemachten Tatsache aus, daß der primitive Mensch seine Umgebung anthropomorphisch deutet. Diese Auffassung der Vorgänge der Außenwelt, welche wir auf der ganzen Ökumene ausnahmslos vorfinden, ist wohl deswegen so allgemein und so fest geworden, weil die Handlungen der Mitmenschen und der Tiere die Aufmerksamkeit des Urmenschen in erster Linie zu erregen und zu fesseln geeignet waren. Bei der Auffassung solcher Bewegungen ist diese Deutung einerseits richtig, andererseits die naheliegendste und biologisch zweckentsprechend. Wenn ich die Bewegungen der Mitmenschen und Tiere auf Willensimpulse zurückführe, so richte ich nach dieser Auffassung mein eigenes Verhalten ein und finde weiters diese sich mir unwillkürlich aufdrängende Deutung durch die folgenden Erfahrungen bestätigt. Dadurch nun werde ich veranlaßt, auch zu solchen Bewegungen, wo ich den Urheber nicht wahrnehme, einen solchen hinzuzudenken. Die Assoziation zwischen Bewegungen, Veränderungen in der Umgebung und verursachenden Willensimpulsen wird fest. Dazu kommt noch, wie ich bereits in meinem Buch (94) angedeutet habe, die vielfache  Nachahmung  fremder Bewegungen, wobei dann die Willensimpulse unmittelbar mit der Bewegung zugleich erlebt werden und auch das wirkt auf die Auffassung der nachgeahmten Bewegung zurück.

Diese, wie gesagt, allgemein verbreitete und auch gewissermaßen natürliche Auffassung der Vorgänge in der Umgebung des Menschen, d. h. der Anthropomorphismus entwickelt sich nun, wie ich glaube, nach zwei verschiedenen Richtungen. In Verbindung mit den mannigfachen Traumerfahrungen, in welchen die Träume als wirkliche Erlebnisse betrachtet werden und der sich daran schließenden Tätigkeit der Phantasie zeitigt der Anthropomorphismus, wie das ja hinlänglich bekannt ist, religiöse und mythologische Vorstellungssysteme. Andererseits aber gibt diese Art, die Welt zu deuten, dem aus biologischen Momenten sich notwendigerweise einstellenden Erkenntnistrieb zugleich Nahrung und Richtung. Die Frage nach dem  Urheber  wird später zur Frage nach der  Ursache  und der Menschengeist befriedigt und beruhigt sich nicht, bis er die Vorgänge seiner Umgebung in diese ihm gemäße Form gebracht, sie sich auf diese Weise angeeignet und so gewissermaßen für sich erobert hat.

Als Niederschlag nun und als sichtbaren Ausdruck dieser Apperzeptionsweise betrachte ich die Urteilsform mit ihrem Schema Prädikat - Subjekt, welches dem Schema Ding - Tätigkeit, Kraftzentrum - Kraftäußerung entspricht. Daß auch ein vorsprachliches Urteil möglich ist, habe ich ausdrücklich zugegeben (95). Die deutliche Ausprägung der Form, in welcher wir die Welt aufzufassen nicht umhin können, findet jedoch erst im Satz statt und zwar im  vollständigen,  d. h.  zweigliedrigen Satz.  Hier ist der in der Anschauung einheitlich gegebene Vorgang gegliedert und zugleich in die Sphäre der Allgemeinheit gehoben. Wer beim Anblick eines laufenden Hundes das Urteil fällt "der Hund läuft", der hat die einheitlich gegebene Anschauung des laufenden Hundes dadurch gegliedert, daß er das Laufen als eine Tätigkeit des (sonst ruhenden, liegenden) Hundes darstellt. Das Subjektwort "der Hund" sagt schon durch seine Existenz und seine Gebrauchsweise, daß der Träger dieser Bezeichnung ein Kraftzentrum ist, aus welchem gelegentlich auch andere Wirkungen hervorgehen. Wenn die Deutung, daß der Hund aus inneren Antrieben, infolge von Willensimpulsen läuft, hier richtig ist, so ist das nicht ein Beweis  gegen,  sondern  für  meine Theorie. Die Auffassung nämlich, welche sich bei wirklich gewollten Bewegungen bewährt, schafft die Form, in welcher dann auch diejenigen Vorgänge dem Verständnis erschlossen werden, welche nicht auf einen Willen zurückgeführt werden können. (2)

Daß das Verhältnis von Subjekt und Prädikat wirklich auf der ursprünglich anthropomorphischen Auffassung der Außenwelt beruht, dieselbe in sich enthält und den Typus der kausalen Verknüpfung bildet, dafür sind mir zwei auffällige Erscheinungen der Kulturentwicklung beweisend. Die eine dieser Erscheinungen ist der  Wortaberglaube von dem ich in meinem Buch einige Beispiele gegeben habe. Man betrachtet die Substantiva entschieden als Kraftzentren, als Träger geheimnisvoller, meist unheilvoller Kräfte und dies in viel reicherem Maße, als es allgemein bekannt ist. Der bekannte Ethnologe Baron ANDRIAN-WERBURG ist durch mein Buch zu Studien über Wortaberglauben angeregt worden, die in nächster Zeit zur Veröffentlichung gelangen und die zeigen werden, daß hier eine sehr verbreitete, fast allgemeine psychische Erscheinung im Völkerleben vorliegt. (3) Die andere hierher gehörige Erscheinung finde ich in der Tendenz zu Hypostasierungen [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] von Begriffen, eine Tendenz, die von PLATO angefangen, wo sie am kräftigsten entwickelt ist und am deutlichsten hervortritt, sich bis auf unsere Tage in der Geschichte des menschlichen Denkens verfolgen läßt. Auch die abstraktesten Begriffe werden, sobald sie substantivische Form erhalten, nicht nur vom naiven Bewußtsein, sondern auch von wissenschaftlichen Forschern als Wesen mit mehr oder weniger selbständiger Existenz gefaßt. NEWTONs Begriff der absoluten oder, wie er auch sagt, "wahren, mathematischen" Zeit mag als ein Beispiel einer solchen Hypostasierung angeführt werden, welches umso bedeutsamer ist, als es sich bei einem Denker von ungewöhnlicher Exaktheit findet. (Vgl. F. A. LANGE, Geschichtliche Entwicklung des Bewegungsbegriffes, Seite 49 und MACH, Die Mechanik in ihrer Entwicklung, 2. Auflage, Seite 207).

Wer in solchen Tatsachen aus der Geschichte des menschlichen Denkens nur Verirrungen erblickt, die höchstens als Vorstufen zu der längst erworbenen richtigen Ansicht Wert haben, der wird meiner Meinung nach diesen Erscheinungen nicht gerecht. Dieselbe geistige Tätigkeit, welche in das wahrgenommene Ding einen Willen introjiziert und eine Bewegung als gewollte auffaßt, hat auch alle die Denkmittel geschaffen, mit deren Hilfe wir heute das Geschehen in der Natur und in der Menschenseele zu begreifen und zu beherrschen gelernt haben.

Ich habe große Mühe darauf verwendet, nachzuweisen, wie durch das Auseinandertreten der Sprachwurzel in Subjekt und Prädikat das Subjektswort eine gewisse Selbständigkeit erlangt und wie dadurch der Anthropomorphismus wesentliche Modifikationen erfährt. Aus dem Willen wird nach und nach die unpersönliche Kraft und es sind nicht mehr bloß  aktuelle,  sondern auch  potentielle  Wirkungen, als deren Träger das Subjekt gilt. Indem durch die Erwartungsurteile (137) noch der Begriff der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit als wichtige Denkmittel hinzutreten und die Negation aus einer gefühlsstarken Zurückweisung eines Urteils zu einem  formalen  Urteilselement geworden ist, sind die Denkmittel geschaffen, mittels deren Gesetze des Geschehens im Geiste konzipiert und sprachlich ausgeprägt werden können. Daß solche Gesetze des Geschehens die wahre Bedeutung aller Begriffsurteile sind, wurde oben auseinandergesetzt. Dieselben werden dabei als Merkmale von Begriffen oder als ein Vorhandensein von Beziehungen dargestellt.

Man hat an meinen Ausdrücken "Kraftzentrum" und "Kraftäußerung" Anstoß genommen, allein ich wüßte keine anderen, die das bezeichnen, was ich sagen wollte. Man frage sich aber auch nur einmal ganz unbefangen, was die Merkmale eines Begriffes anderes sind, als potentielle oder aktuelle Wirkungen von Kräften, die allen jenen Dingen gemeinsam sind, welche im Begriff zusammengefaßt sind. Man hat namentlich meine Deutung der mathematischen Urteile gezwungen gefunden und gemeint, das hätte mich bedenklich machen sollen. Ich frage aber, was denn die Gleichung einer Kurve anderes aussage, als das Vorhandensein, die Existenz gewisser Beziehungen, welche Existenz sich eben in allen Operationen als wirksam erweist. Man hat freilich dabei die Erwägungen nicht beachtet, die ich über die Entstehung der Zahlbegriffe (254 - 257) angestellt habe und wie sich daraus die Hypostasierung der Zahlen, die nicht nur von den Pythagoreern und Zahlenmystikers vorgenommen wurde, sondern unbewußt auch heute noch vielfach geübt wird, aufs einfachste und einleuchtendste erklärt.

Nicht der Wunsch, eine einmal ersonnene Theorie um jeden Preis durchzuführen, selbst auf die Gefahr hin, widerstrebende Formen gewaltsam in die einmal gefundene Schablone hineinzuzwängen, sondern genaue Untersuchung dessen, was tatsächlich in uns vorgeht, wenn wir ein Urteil fällen und was wir bei den verschiedenen Arten wirklich meinen, hat in mir die Überzeugung gefestigt, daß der Typus des Urteilens in allen Formen derselbe bleibt. Das Band zwischen Subjekt und Prädikat hat der Anthropomorphismus gewoben und dieser ist, wenn auch in äußerst  verdünnter  und  sublimierter  Form, auch bei solchen Urteilen wirksam, deren Vorstellungsinhalt nur durch hohe Abstraktionen gewonnen werden kann.

Ob es möglich ist, denselben aus unseren Urteilen ganz zu entfernen und wie die modernen Naturforscher wollen, ohne die Begriffe von Ursache und Wirkung anzuwenden, lediglich Regelmäßigkeit in der Sukzession zu konstatieren und in mathematischen Formeln direkt und exakt zu beschreiben, das ist eine Frage, die ich hier nicht eingehend erörtern kann. Wenn für ERNST MACH, einen der energischsten Verfechter dieser Elimination, die Begriffe von Ursache und Wirkung einen Zug von Fetischismus haben (Populäre Vorträge, Seite 269), so gibt er damit selbst zu, daß die Quelle dieser Begriffe im menschlichen Willen oder im Anthropomorphismus zu suchen sei. (4) Wenn ich nun diese Elimination für nicht durchführbar halte, sondern in den Begriffen der Abhängigkeit, der Bedingtheit, in der Notwendigkeit, mit welcher sich aus einer mathematischen Formel viele anderen folgern lassen, immer noch Spuren eines allerdings fast bis zur Unkenntlichkeit sublimierten und nur mit einer Art psychischen Mikroskopes zu entdeckenden Anthropomorphismus zu finden glaube, so liegt hier entweder eine Grenze meiner Abstraktionsfähigkeit oder eine Selbsttäuschung jener Forscher vor. Immer aber wird man mir zugeben, daß durch breite und tiefe Schichten des Denkens das ursprünglich aus anthropomorhischen Fäden gewobene Band nicht entbehrt werden kann.

Sicher ist ferner das eine, daß mit der Antwort auf die Frage, was wir tun, wenn wir urteilen, die Frage nach Ursprung und Wesen der Kausalität aufs engste zusammenhängt und daß somit die Beantwortung dieser Frage von großer Bedeutung ist für die ganze theoretische Philosophie. Um diesen Zusammenhang darzutun, habe ich es gewagt, die erkenntniskritischen und metaphysischen Konsequenzen, die ich aus der Theorie ziehe, in skizzenhafter Weise anzudeuten. Der Kürze, die ich dabei anwenden mußte, dürfte es zuzuschreiben sein, daß diese Konsequenzen wenig gewürdigt worden sind. Allein trotz der Kürze glaube ich doch so klar gesagt zu haben, was ich meine, daß ich sehr überrascht war, meine Behauptung von der großen Bedeutung des Urteilsproblems als "gewaltige Übertreibung" bezeichnet zu finden. Jedenfalls hat der betreffende Kritiker die Gründe, die ich für meine Behauptung angeführt habe, mehr ignoriert widerlegt.

Man hat von meiner Urteilstheorie auch gesagt, dieselbe repräsentiere "die Durchschnittsmeinung" (Deutsche Revue, April 1896) und es sei in derselben nichts entschieden Neues zu finden (CREIGHTON in Philosophical Review V, Seite 539). Ich würde in dieser Bemerkung eher ein Lob als einen Tadel erblicken und mich nur freuen, wenn dieselbe wahr wäre. Ich was deshalb auch bemüht, nach Bundesgenossen zu suchen und habe in meinem Aufsatz "Glaube und Urteil" (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1894) auf Äußerungen von WUNDT, LOTZE und KROMAN hingewiesen, in denen ich ähnliche Gedanken zu finden glaubte. Wenn aber der letztgenannte Kritiker behauptet, die formende Funktion des Urteils sei schon von KANT, die Beteiligung des Willens bei dieser Formung schon von SCHOPENHAUER behauptet worden, so muß ich doch darauf hinweisen, daß es bei KANT die Kategorien sind, welche formen und nicht das Urteil und daß SCHOPENHAUER den Willen zwar zur Erklärung des Kausalbegriffes, aber, soviel ich weiß, nirgends zur Erklärung der Urteilsform herbeizieht. Gerade dieser Punkt ist es ja in meiner Theorie, der so lebhaft bestritten wird; gerade hier scheint den meisten Kritikern meine Lehre so neu, daß sie dieselbe als vollkommen verfehlt bezeichnen.

Was mich außer dem Gesagten noch bestimmte, an meiner Theorie festzuhalten, das ist der Umstand, daß dieselbe alle Seiten und Teilfunktionen des Urteilsaktes, die von verschiedenen Forschern bemerkt und als das Wesentliche des Aktes bezeichnet wurden, daß meine Theorie, sage ich, alle diese Teilfunktionen erklärt und das Urteil als eine Kombination derselben erweist. Man hat den Urteilsakt bald als analytische, bald als synthetische Funktion bezeichnet, während andere in der objektivierenden Tätigkeit das Wesen des Vorgangs erblicken. Aufgrund meiner Theorie erweist sich die analytische, die synthetische und die objektivierende Funktion als vorhanden und alle diese Funktionen fließen aus derselben Quelle.

Sicher aber erscheint mit das eine. Die rein psychologische Untersuchung des Urteilsaktes, die sich von jeder Rücksicht auf logische Prüfung der Richtigkeit der Aussagen ganz frei hält und den Akt in seinem Zusammenhang mit dem Gesamtleben sowie in seiner Entwicklung zu begreifen sucht, ist eine nicht abzweisende Aufgabe der Psychologie. Einen Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe glaube ich in meinem Buch gegeben zu haben und auch die vorstehenden Bemerkungen sollten diesem Zweck dienen. Dieselben wollen aber auch dahin wirken, die Fachgenossen von der Wichtigkeit dieser Aufgabe zu überzeugen und zur Mitarbeit anzuregen.
LITERATUR - Wilhelm Jerusalem, Über psychologische und logische Urteilstheorien, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 21, Leipzig 1897
    Anmerkungen
    1) Das Urteil wird somit von mir unter das allgemein bekannte psychologische Gesetz der Apperzeption subsumiert, was in meinem Buch (Seite 94) ausdrücklich hervorgehoben ist. Dadurch erweist sich der Vorwurf, den mit O. K. in der bereits öfters erwähnten Rezension gemacht hat, daß nämlich "die Subsumtion desselben unter bekannte psychologische Gesetze fast gänzlich fehle", doch wohl als unbegründet.
    2) Damit erledigt sich der Einwand, welchen HEINRICH GOMPERZ in seiner recht anregenden Schrift "Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen" (Seite 50) gegen meine Theorie erhebt. GOMPERZ meint: 1. die Wahrnehmung sei schon geformt und 2. es gebe Urteile, die nicht formen. Darauf muß ich nur antworten, daß geformte Wahrnehmungen eben Urteile sind und daß wir im entwickelten Denken vieles, was erst Resultat des Urteils ist, bereits in die Wahrnehmung hineintragen. Daß übrigens in der Wahrnehmung selbst eine frühere Phase der Urteilsfunktion zu suchen ist, sage ich ausdrücklich auf Seite 217f meines Buches. Daß es aber Urteile geben soll, die nicht formen, bestreite ich durchaus. Das dafür von GOMPERZ angeführte Beispiel ist nicht beweisend. "Wenn ich sage:  Dieser Mann ist mein Bruder,  dann kann auch die lebhafteste Phantasie das  Brudersein  nicht als  Kraftäußerung  dieses Mannes verstehen." Dazu gehört gar keine Phantasie, sondern nur eine ganz einfache Analyse des wirklichen Tatbestandes, wie ich sie in meinem Buch nachdrücklich fordere und zu üben versuche. Wenn ich jemandem mitteile: "Dieser Mann ist mein Bruder", so mache ich ihn damit mit neuen, ihm bisher unbekannten Beziehungen bekannt, deren Träger dieser Mann ist. Diese Beziehungen werden damit zugleich zu bleibenden Eigenschaften und enthalten auch die Keime potentieller Wirkungen in sich. Beide Argumente, die GOMPERZ gegen mich anführt, sind also vollkommen unstichhaltig.
    3) Während des Druckes dieser Abhandlung ist diese Studie bereits erschienen ("Über Wortaberglauben". Correspondenz-Blatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft, 1896, Nr. 10). Die Arbeit enthält reiches und wertvolles Material und bestätigt das, was ich von der weiten Verbreitung des Wortaberglaubens im Völkerleben behaupte, in reichlichem Maß.
    4) Übrigens hat MACH dies in seinem neuesten Werk (Prinzipien der Wärmelehre, Leipzig 1896, Seite 368f) mit voller Deutlichkeit ausgesprochen.