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LUJO BRENTANO
Die Entwicklung der Wertlehre
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"Thomas von Aquin  gestattet dem Verkäufer, in einer Zeit, da die Geldwirtschaft in Italien in allen Erwerbszweigen gegenüber der Naturalwirtschaft siegreich vordringt,  dann  mehr zu nehmen, wenn die Ware, die er verkauft, für ihn mehr wert ist, als ihren Anschaffungskosten entspricht, denn ohne eine solche Mehrforderung würde er Schaden leiden, was ihm niemand zumuten kann. War also die zu verkaufende Ware, seit ihr derzeitiger Inhaber sie gekauft hatte, nur mehr teurer zu beschaffen, so sollten beim Wiederverkauf nicht die früheren Beschaffungskosten, sondern die Reproduktionskosten maßgebend sein. Auf diese Weise ließ sich die Ausnahme noch immer mit der Kostenwerttheorie in Übereinstimmung bringen. Nicht so aber hat  Thomas  seine Ausnahme begründet, sondern mit Rücksicht auf die besondere Bedeutung der Ware für die Person des Verkaufenden. Damit wurde ein subjektives Preisbestimmungsmoment als berechtigt anerkannt, also ein Abweichen vom Normalmenschen als Ausgangspunkt."

Das christliche Altertum und das Mittelalter erhofften unter Verwerfung der Haupttriebfeder des wirtschaftlichen Handelns diese Verwirklichung in erster Linie von religiösen Mitteln; seit Anerkennung des Christentums als Staatsreligion kamen dazu Mittel der weltlichen Zwangsgewalt. Mittels obrigkeitlich festgestellter Taxen suchte man einen den Kosten entsprechenden Preis zur Geltung zu bringen.

Die Lehre der Kirchenväter wurde dann durch die Scholastiker noch philosophisch vertieft, indem sie sie mit der Lehre des ARISTOTELES in Übereinstimmung brachten. Dies scheint allerdings auf den ersten Blick als ein Ding der Unmöglichkeit. Denn ARISTOTELES war, wie gezeigt wurde, subjektiver Werttheoretiker, die Kirchenväter waren Kostenwerttheoretiker. Wie den Widerspruch zwischen den beiden Autoritäten beseitigen?

ALBERTUS MAGNUS und THOMAS von AQUIN haben die Antwort auf diese Frage nicht direkt gegeben. Sie tragen nebeneinander vor, daß Arbeit und Kosten, und dann wieder, daß das Bedürfnis der Maßstab des Wertes sei, und zwar so, als ob beides dasselbe wäre. Sie stimmen ARISTOTELES zu, daß der Bestand des Austauschverkehrs zur Voraussetzung habe, daß beide Austauschenden gleich viel erhalten; das Urteil hierüber setzt voraus, daß man die auszutauschenden Güter, um sie zu messen, vergleicht und die Meßbarkeit hat zur Voraussetzung, daß ihnen beiden etwas gemeinsam ist. Nun aber erfolgt die Abweichung von ARISTOTELES. Dieser hatte ausdrücklich geschrieben (Nikomachische Ethik V, 8): "An und für sich ist das kein Hindernis (der Gleichheit beim Geben und Nehmen), daß das Werk des einen etwas Besseres und Kostbareres ist, als das Werk des andern" und das Gemeinsame in dem Bedürfnis gesehen wird, dem die auszutauschenden Güter dienen; soviel größer das Bedürfnis nach dem Werk des Baumeisters als nach dem des Schusters sei, soviel Paar Schuhe müßten für ein Haus bezahlt werden. ALBERTUS MAGNUS und THOMAS von AQUIN dagegen erklären, das  justum pretium  [der gerechte Preis - wp] sei dann gegeben, wenn in beiden zum Austausch gelangenden Gütern gleiche Mengen von Arbeit und Kosten (labores et expensae) enthalten seien. Nichtsdestoweniger stimmen sie gleich darauf der Lehre des ARISTOTELES ausdrücklich zu, daß das Bedürnis der Wertmaßstab sei.

Die Stellen bei ARISTOTELES enthalten für uns aber einen Widerspruch. Wenn ALBERTUS MAGNUS und THOMAS von AQUIN sie aber hart aufeinander folgen lassen, so ist das ein Zeichen, daß sie nichts Widersprechendes in ihnen fanden. Wie ist dies zu erklären? Das Rätsel löst sich, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß beide nicht mit unseren Augen, sondern erfüllt von den eben dargelegten Anschauungen der Kirchenväter an das Studium des ARISTOTELES herantraten. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß man bei der Frage nach dem Wert einer Sache von einem Einzelnen mit besonderen Bedürfnissen unter besonderen Verhältnissen ausgehen kann. Der Preis der Dinge, heißt es am Schluß der zuletzt zitierten Stelle, wird bestimmt nach dem Maß, in dem nicht ein einzelner Mensch, sondern "die Menschen" ihrer zu ihrem Gebrauch bedürfen. Daß sie einen nach den besonderen Bedürfnissen und Verhältnissen eines Einzelnen bemessenen Preis als Wucher ansehen, zeigen die Ausführungen der Summa (4), wonach es verboten ist, das besondere Bedürfnis des Käufers auszunützen, um teurer zu verkaufen, als man gekauft hat. Wie die Kirchenväter gingen sie von einem Normalmenschen mit normalen Bedürfnissen unter als normal gedachten Verhältnissen aus. Damit war, wie schon dargelegt, der Einfluß der subjektiven Wertbestimmungsgründe auf den Preis ausgeschaltet. Wenn trotzdem mit ARISTOTELES das Bedürfnis als Wertmaßstab anerkannt wurde, so bezog sich dies nur auf das Maß, in dem der Normalmensch der verschiedenen Güter zur Befriedigung seiner normalen Bedürfnisse unter normalen Verhältnissen benötigt. Ihre Brauchbarkeit konnte dafür nicht maßgebend sein, denn es gibt Dinge, die unentbehrlich sind, die aber trotzdem keinen Wert haben; auch nicht die natürliche Rangordnung der Wesen (5). Es blieben also für vermehrbare Güter als einziger Wertbestimmungsgrund die Kosten. Dabei entsprach es der Gerechtigkeit, wenn jeder eine Ware erhielt, in der gleichviel Arbeit und Kosten steckten wie in der Ware, die er hingab. Die subjektive Wertlehre des ARISTOTELES war damit allerdings in ihr Gegenteil verkehrt; aber wenn die Bedeutung, welche der Normalmensch einem Gut für die Befriedigung seiner Bedürfnisse beilegt, mit dem Kostenwert des Gutes übereinstimmte, befand sich der nach dem Maßstab der Kirchenväter bemessenen tatsächlich in Übereinstimmung.

Trotz dieses Festhaltens der Scholastiker an der Lehre der Kirchenväter brachte ihre Lehre eine Modifikation der letzteren; und dafür, wie die Einflüsse, unter denen die Menschen leben, auch die Anschauungen derjenigen, die am strengsten an der Tradition festhalten, bestimmen, ist diese Modifikation nicht minder charakteristisch wie ihr eben dargelegter Kompromiß mit der Lehre des "Philosophen". Die Scholastiker erachteten also, wie die Kirchenväter, den den Beschaffungskosten entsprechenden als den gerechten Preis, und zwar bestimmte nach THOMAS von AQUIN das, was der Verkäufer zur Erhaltung seines Hauses benötigte, die Höhe des Preises, den er fordern durfte. Allein die Kirchenväter hatten in der Zeit der Herrschaft des römischen Rechts gelebt und waren, wie dieses, von der natürlichen Gleichheit der Menschen ausgegangen; das Wort des PAULUS, "wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so laßt uns begnügen", galt ihnen für alle Verkäufer, und ebenso galt ihnen jeder Aufwand zur Bestreitung von Luxusbedürfnissen als widerrechtlich den Armen entzogen. Im Mittelalter dagegen bestehen alle Völker aus zwei Nationen, aus einer Nation von Herrenmenschen und einer von Untertanen. Sie waren nicht demselben Gesetz unterworfen. Die einen waren unbeschränkt in ihrem Willen, die anderen waren unfrei und hatten nichts als ihre Arbeit. Desgleichen bestimmte das Recht des Standes, dem einer angehörte, die ihm zustehende Lebenshaltung, diese das Maß dessen, was zum Unterhalt eines Hauses nötig war, und somit auch die Höhe des Preises, den er zu fordern berechtigt war. Dementsprechend finden wir bei BURIDAN (1300 - 1358) im Gegensatz zu den Kirchenvätern auch die Luxusbedürfnisse der Reichen als Faktoren, die bei der Wertbemessung zu berücksichtigen sind, und der Vizekanzler der Pariser Universität, HEINRICH von LANGENSTEIN (gest. 1397) lehrt, um die Preise festzustellen, braucht die Obrigkeit nur zu berechnen, wieviel nötig sei, damit einer seinen Stand fortführen und sich in demselben angemessen ernähren möge. Die Beschaffungskosten der Scholastiker waren also nach dem Status der Verkäufer bemessene Beschaffungskosten.

Die fortschreitende Bedeutung des Handels im Wirtschaftsleben nötigte die kirchlichen Preistheoretiker zu noch weiteren Kompromissen mit der Wirklichkeit. Das Prinzip des Handels ist, teurer zu verkaufen als man gekauft hat. Ebendeshalb war er vom Anbeginn des Christentums an scheel angesehen. THOMAS von AQUIN gestattet dem Verkäufer, in einer Zeit, da die Geldwirtschaft in Italien in allen Erwerbszweigen gegenüber der Naturalwirtschaft siegreich vordringt, dann mehr zu nehmen, wenn die Ware, die er verkauft, für ihn mehr wert ist, als ihren Anschaffungskosten entspricht, denn ohne eine solche Mehrforderung würde er Schaden leiden, was ihm niemand zumuten kann. War also die zu verkaufende Ware, seit ihr derzeitiger Inhaber sie gekauft hatte, nur mehr teurer zu beschaffen, so sollten beim Wiederverkauf nicht die früheren Beschaffungskosten, sondern die Reproduktionskosten maßgebend sein. Auf diese Weise ließ sich die Ausnahme noch immer mit der Kostenwerttheorie in Übereinstimmung bringen. Nicht so aber hat THOMAS seine Ausnahme begründet, sondern mit Rücksicht auf die besondere Bedeutung der Ware für die Person des Verkaufenden. Damit wurde ein subjektives Preisbestimmungsmoment als berechtigt anerkannt, also ein Abweichen vom Normalmenschen als Ausgangspunkt. Ein anderer Scholastiker, der 1289 gestorbene HEINRICH von GENT, ging in seinen Kompromißversuchen sogar so weit, daß er erklärte, dadurch, daß ein Warenkenner ein Gut kauft, werde dessen Wert erhöht; für diese seine Tätigkeit könne er Entgelt beanspruchen. Es wird also die bloße Tatsache, daß ein Händler kauft, zu den Arbeitskosten gerechnet, um ihm zu gestatten, beim Wiederverkauf mehr als den Ankaufspreis zu fordern. Der Kommentator HEINRICHs, der Kalmadulensermönch VITALIS ZUCOLIUS PATAVINUS hat unter Billigung dieser Lehre hinzugefügt: "Quod autem rationabili aliqua ex causa sit id licitum esse videtur." [Wenn es aus irgendeinem Grund vernünftig ist, dann ist es auch rechtmäßig. - wp] Mit dieser Art der Rechtfertigung war aber die ganze Lehre vom Kostenwert als dem gerechten Preis ad absurdum geführt. Es war daher begreiflich, daß der Psychologe BURIDAN (1300 - 1358) in seinem Kommentar zur Nikomachischen Ethik ohne weitere Verkünstelungen zur einfachen Lehre des ARISTOTELES zurückkehrte, die das Bedürfnis für den wahren Maßstab des Wertes erklärt hatte, und ebenso dessen Schüler ORESMIUS. Wie dem ARISTOTELES so ist BURIDAN der dem Bedürfnis entsprechende der gerechte Preis, allein nicht das Bedürfnis dieses oder jenes Einzelnen, sondern, wie den klassischen römischen Juristen, das gemeine Bedürfnis derjenigen, die untereinander tauschen können, soll als Maßstab dienen. Also eine Rückkehr zur subjektiven Wertlehre mit großer Vorsicht, um es nicht als gerechtfertigt erscheinen zu lassen, wenn man von dem, der ein Bedürfnis mit besonderer Dringlichkeit empfand, einen höheren Preis nahm.

Die Bekämpfung des Wuchers hat dann den Franziskaner BERNARDIN von SIENA (1380 - 1444) zu einer energischen Rückkehr zur Lehre vom Kostenwert als dem  justum pretium  veranlaßt. Es zeigt sich in seiner Begründung derselben aber ein bedeutsames Abweichen von den bisherigen Begründungen. Er stützt sein Postulat nicht mehr bloß mit moralischen Gründen, sondern auch durch den Hinweis, daß der Preis unter normalen Verhältnissen tatsächlich durch die Kosten bestimmt wird, was für vermehrbare Güter richtig ist, wenn man von einem Normalmenschen mit normalen Bedürfnissen unter normalen Verhältnissen ausgeht. Die den Wert bestimmenden Kosten sind ihm ferner nicht der Aufwand, den ein individueller Produzent gemacht hat, sondern der, welcher normalerweise gemacht werden mußte, um eine Ware herzustellen. Schon bei ALBERTUS MAGNUS und THOMAS von AQUIN finden sich Sätze, die dasselbe besagen, dann aber wieder andere, die an die Stelle davon den Lebensunterhalt des Produzenten setzen; das letztere gilt noch mehr für ihre Nachfolger. Durch BERNARDIN wurde dagegen unzweideutig die Menge der in einem Produkt objektiv steckenden Arbeit und Kosten zum Wertmaßstab gemacht.

So blieb die Lehre bis zum 16. Jahrhundert. Nach wie vor steht das Seinsollende bei ihr im Vordergrund. Allein eine große Änderung in der Stellungnahme zum Seienden hat doch stattgefunden. Dieses wird von den Scholastikern nicht mehr so absolut wie von den Kirchenvätern als dem Seinsollenden entgegengesetzt hingestellt. Stand doch auch die Kirche selbst nicht mehr, wie im christlichen Altertum, dem Leben als das Seinsollende gegenüber. Sie war nicht nur ein Teil der bestehenden Ordnung geworden, sondern, selbst verweltlicht, war sie längst nichts weniger als ein Protest gegen die Welt, wie sie infolge des Sündenfalls geworden war. Am Sondereigentum, das die Kirchenväter als Folge des Sündenfalls bezeichnet hatten, hatte sie sogar übermäßigen Anteil erlang und empfand weniger ein Bedürfnis nach Bekämpfung als nach Rechtfertigung des Seienden vor dem Seinsollenden. Sehr begreiflich daher, daß das unter als normal angenommenen Verhältnissen angeblich Seiende sogar zur Begründung der ethischen Postulate herangezogen wurde, der Vorläufer des Triumphes, den das Seiende über das Seinsollende zu Beginn des 16. Jahrhunderts feiern sollte.

Dieser Triumph hängt mit dem Aufschwung, den der Handel im Gefolge der Kreuzzüge nahm, eng zusammen. Dieser führte zur Ersetzung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft, zuerst in den Städten, dann auf dem Land, und zwar nacheinander in allen Wirtschaftszweigen, zuletzt auch in der Landwirtschaft. An die Stelle der feudalen trat die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Die Güter, die bis dahin lediglich nach ihrer technischen Brauchbarkeit geschätzt worden waren, komen nur mehr als Verkörperungen von Geldwert in Betracht. Geld wird in der Herstellung oder im Ankauf einer Ware angelegt, um diese wieder in Geld zurückzuverwandeln. Worauf es ankommt, ist, daß dabei möglichst große Überschüsse über die Anlage gewonnen werden. Daher ein fortwahrendes Rechnen und Vergleichen. An die Stelle der Beteiligung der Einzelnen an der vorhandenen Güterenge aufgrund von Autorität, Herkommen und Standesrecht tritt das Streben nach dem größtmöglichen Geldgewinn. In Verbindung damit ein Wiederaufleben des Studiums des römischen Rechts. Als Folge der Auflösung der alten Gebundenheit die Betrachtung der gesellschaftlichen Erscheinungen statt vom Standpunkt des Seinsollenden vom dem des Seienden.

Diese geistige Umwälzung fand naturgemäß zuerst in Italien statt. Hier war die wirtschaftliche Umwälzung, die sie hervorrief, zuerst vor sich gegangen. Hier wurden auch die Beobachtungen, die man in Jahrhunderten angesammelt hatte, einheitlich geordnet durch MACHIAVELLI. Er sah, wie man sich, während man die erhabensten Lehren über das Seinsollende vortrug, rücksichtslos von seinem Vorteil leiten ließ, "daß, wer nicht achtet, was man tut, und sich allein damit beschäftigt, was man tun sollte, eher sein Verderben lernt als seine Erhaltung" (6), und wandte sich zur rücksichtslosen Beschreibung des Seienden. Damit wurde er der Begründer der modernen Staatswissenschaft. Auf dem Gebiet der Wertlehre bedeutete dies die einfache Darlegeung der Gesichtspunkte, von denen sich die Welt bei Kauf und Verkauf leiten läßt.

Nun sollte man meinen, daß damit in der Wertlehre eine weit größere Übereinstimmung wie früher eingetreten sei. Ist doch in den Wissensgebieten, die sich auf die Erforschung des Seienden beschränkten, der Beweis möglich, der auch den Gegner zur Zustimmung zwingt, während überall, wo das Seinsollende in Frage kommt, eine solche Beweisführung ausgeschlossen erscheint; denn wo gäbe es eine zwingende Beweismethode, die gegenüber Wünschen, die in Interessen, Vorurteilen, Idealen wurzeln, zur Anwendung kommen könnte! Seit man sich auch bei der Behandlung wirtschaftlicher Fragen von den aus dem Mittelalter überkommenen Vorstellungen vom Seinsollenden freizumachen anfing, hätte man also auch in der Wertlehre zur Übereinstimmung gelangen müssen. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Die Meinungsverschiedenheit ist seitdem weit größer geworden. Denn die Anschauungen über das Seinsollende hatten die Menschen bis dahin nicht getrennt. Das Seinsollende hatte während der vorausgegangenen anderthalb Jahrtausende für alle Christen festgestanden, und hatte damit alle, die seit den Kirchenvätern aüber den Wert geschrieben haben, zu einer Übereinstimmung wenigstens in der Grund auffassung geführt. Seit man von dieser überkommenen Auffassung vom Seinsollenden abging, galt es erst die Tatsachen des Seienden festzustellen, von denen die Betrachtung ihren Ausgang zu nehmen hatte, und schon dies führte zu Meinungsverschiedenheiten, die bis heute bestehen. Die einen gingen von der Betrachtung einzelner Vorgänge aus, wie das Leben sie aufwies, suchten ihre Aufeinanderfolge festzustellen und ihren ursächlichen Zusammenhng anhand ihrer Vorstellung von der menschlichen Natur zu erklären. Die anderen gingen von der Natur des Menschen aus, wie sie ihnen als seiend erschien, und deduzierten daraus ein Lehrgebäude. Die Verschiedenheit der angewandten Methode zeitigte sehr verschiedene Ergebnisse auch in der Wertlehre, und zwar umso mehr, als die Volkswirtschaftslehrer trotz MACHIAVELLI wieder bewußt oder unbewußt von Vorstellungen vom Seinsollenden beeinflußt wurden, so daß viele von ihnen heute völlig darauf verzichten, daß einer den anderen überzeuge. (7)

Maßgebend für die Verschiedenheit der angewandten Methode und der darauf beruhenden Verschiedenheit der Lehrmeinungen erscheint, ob die Schriftsteller den Wert in Anknüpfung an irgendeine praktische Frage, die sie beschäftigt, erörtern, oder ob sie über die Volkswirtschaft im allgemeinen philosophieren und den Wert im Zusammenhang mit ihrem System ihrer Betrachtung unterziehen.

Alle, welche konkrete Fragen erörterten, waren subjektive Werttheoretiker. Dies gilt selbst für Schriftsteller, die wo sie über den Wert im Zusammenhang ihres Systems philosophierten, einer objektiven Wertlehre huldigten. Die konkreten Erscheinungen des Lebens zwangen sie, auf die unter den gegebenen Verhältnissen vorhandenen Bedürfnisse und das Maß, in dem eine bestimmte Menge eines Gutes verlangt wurde, um sie zu befriedigen, zurückzugehen, um den Wert zu erklären. Die Fragen, welche im 16., 17. und 18. Jahrhundert zu Äußerungen über die Bestimmungsgründe des Werts Anlaß gaben, waren vornehmlich Münzfragen, Zinsfragen, Handelsfragen, Landfragen.

Vielfach waren diejenigen, die über die ersteren Fragen schrieben, selbst Kaufleute; auch wo sie es nicht waren, nötigte sie die Frage, die sie behandelten, den Wert vom Standpunkt des Kaufmanns zu betrachten. Der ganze Erfolg des Kaufmanns aber beruth auf der Berücksichtigung der Verschiedenheit der subjektiven Bedürfnisse dem Ort und der Zeit nach: dort kaufen, wo das Bedürfnis nach einem Gut, weil es im Überfluß vorhanden ist, gering ist, um da zu verkaufen, wo einem geringen Vorrat ein starkes Bedürfnis gegenübersteht. Den Normalmenschen, der allenthalben und zu jeder Zeit einer bestimmten Menge von Gütern bestimmter Art mit gleich großem Bedürfnis gegenübersteht, konnte man zur Erklärung dieser örtlichen und zeitlichen Wertverschiedenheiten nicht brauchen. Sie waren nur als Folge der je nach der Verschiedenheit der individuellen Reizempfindlichkeit und der Sättigung der Subjekte bestehenden Verschiedenheit im Intensitätsgrad der Bedürfnisse zu begreifen. Somit triumphiert die subjektive Wertlehre bei den Merkantilisten, aber auch bei ihren Gegnern, sobald sie den Markwert behandeln. In der Betrachtung der Einzelfragen hält die Lehre, daß das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Wert bestimmt, ihren Einzug.

Allein sie ist zunächst rein deskriptiv, grob empirisch, wissenschaftlich roh; insbesondere fehlt es, wo dei Formel "Angebot und Nachfrage" gebraucht wird, an präzisen Angaben, was unter Angebot und was unter Nachfrage zu verstehen ist. Wo es sich um den Wert des Geldes handelt, artet die Lehre bis zur Vorstellung aus, auf der einen Seite ständen alle umzusetzenden Waren, auf der anderen die vorhandene Geldmenge; die Gesamtheit aller im Verkehr befindlichen Güter sei ebensoviel wert wie die Gesamtmenge des umlaufenden Geldes; dessen Kaufkraft verändere sich also, wenn sich seine Menge ändert. Diese roheste Quantitätstheorie wird besonders gefördert, als nach der Entdeckung von Mexiko und Peru die Einfuhr von Edelmetallen den Wert des Geldes herabdrückt. Zu diesen primitiven subjektiven Werttheoretikern gehören u. a. JEAN BODIN in seiner 1568 erschienenen Antwort an MALESTROIT betreffend die durch das Einströmen des amerikanischen Edelmetalls verursachte Teuerung, der Florentiner Kaufmann DAVANZATI in einer Abhandlung "delle Monete" von 1588, MONTINARI in seinem um 1685 verfaßten "Trattato mercantile della moneta".

Eine ganz andere Einsicht findet sich in der Schrift des waghalsigen Gründers und Spekulanten NICHOLAS BARBON, "Discours of Trade", 1690. Er lehrt: Alle Güter werden um des Nutzens willen, den sie abwerfen, begehrt; das Verhältnis ihres Vorrats zum Bedürfnis bestimmt die Höhe ihres Wertes; das, was über das, was gebraucht werden kann, vorhanden ist, ist wertlos. Dabei klassifiiert er bereits die Bedürfnisse, auf denen der Gebrauchswert und damit der Tauschwert der Dinge beruhen, nach ihrer Dringlichkeit. Die meisten Bedürfnisse wurzelten in der Vorstellung der Menschen, daher ändert sich der Wert auch mit diesen Vorstellungen. Nicht die allgemeine Brauchbarkeit der Dinge bestimmt deren Wert, sondern ihr Verhältnis zu den gegebenen Bedürfnissen. - Das war alles vortrefflich. Das war wieder dasselbe, was der große empirische Philosoph des Altertums gelehrt hatte, der im Bedürfnis den Maßstab des Wertes gesehen und ausgesprochen hatte: "es liegt in der Natur einer jeden nützlichen Sache, daß ein Übermaß derselben ihrem Besitzer entweder schaden muß oder ihm zumindest keinen Nutzen bringt".

Überall, wo die darauf folgenden Schriftsteller sich mit konkreten Preiserscheinungen befassen, indem Spezialfragen der Gegenstand ihrer Betrachtungen sind, ist es bei dieser Auffassung geblieben. Häufig gelangt sie allerdings auch in solchen Gemeinplätzen zum Ausdruck, wie "quo quid rarius, eo carius" [Das Seltene ist teurer. - wp] was schon HERMANN CONRING, "De aerario", 1663, geschrieben hat (8) oder in so unklaren Formulierungen, wie derjenigen JOHN LOCKEs, wonach die Veränderungen im Marktwert eines Gutes bedingt werden durch Veränderungen im Verhältnis der Menge desselben zum "Verkauf" (vent), d. h. wohl vom Verhältnis der angebotenen Menge zu der in der verkauften Menge sich offenbarenden kauffähigen Nachfrage, eine Erklärung, die, da die verkaufte Menge vom Marktwert wesentlich bedingt wird, das, was sie erklären soll, als bekannt voraussetzt. JOHN LAW hat dann LOCKEs Formulierung verbessert, indem er an die Stelle des Wortes "vent" das, was LOCKE darunter verstand, nämlich "Nachfrage" setzt, so daß nach LAW also der Marktwert durch das Verhältnis der angebotenen zur begehrten Menge bestimmt werden soll; aber auch dabei bleibt noch immer ungesagt, was als die eine und andere der beiden einander entgegengesetzten Größen zu verstehen ist. Ich will auf weitere Abarten der LOCKE'schen Ausführungen, wie die von JOCELYN oder GERVAISE, weil zu unerheblich, nicht eingehen.

Weit wichtiger als das wissenschaftlich unartikulierte Stammeln der ebengenannten Autoren waren dagegen die systematischen Massenbeobachtungen des politischen Arithmetikers GREGORY KING über das Verhältnis der Getreidepreise zum Ausfall der Ernte. Sie sollen 1696 vollendet worden sein und wurden von DAVENANT 1699 zuerst veröffentlich, befinden sich aber merkwürdigerweise nicht in dem wörtlichen Abdruck der Schrift, der sie entnommen sein sollen, so daß STANLEY JEVONS die Möglichkeit andeutet, die Berechnung stamme von DAVENANT selbst. Gleichviel, wem sie zu danken sein mag, die Berechnung ist von größtem Interesse, umso mehr, als noch der große Preisstatisker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, THOMAS TOOKE, sie als annähernd zutreffend bezeichnet hat. Es heißt bei DAVENANT: "Wir nehmen an, daß ein Ausfall der Ernte den Getreidepreis in folgendem Maß erhöht:
    Ausfall von einem Zehntel erhöht den Preis über den üblichen Satz um 3 Zehntel

    von 2 Zehntel um 8 Zehntel
    von 3 Zehntel um 16 Zehntel
    von 4 Zehntel um 28 Zehntel
    von 5 Zehntel um 45 Zehntel
Wenn der Getreidepreis auf das Dreifache des üblichen Satzes steigt, läßt sich somit annehmen, daß wir mehr als ein Drittel des üblichen Ertrages entbehren; und wenn wir 5 Zehntel oder die Hälfte des üblichen Ertrages entbehren, würde der Preis auf nahezu (? mehr als das!) das Fünffache des üblichen Preises steigen."

Wie immer es sich nun mit der Richtigkeit dieser Zahlenreihen im Einzelnen verhalten mag, jedenfalls war der ihnen zugrunde liegende Gedanke der englischen Geschäftswelt im 18. Jahrhundert geläufig; nach Lord LAUDERDALE galt es ihr als etwas Bekanntes, daß bei der Vermehrung des Ernteertrags um ein Zehntel der Kornpreis um die Hälfte sinkt, bei einer Minderung der Ernte sich der Preis um ein Drittel verdoppelt und daß bei einer weiteren Mehrung oder Minderung das Mißverhältnis zwischen Menge und Preis enorm zunimmt.

Es ist bemerkenswert, daß ADAM SMITH von GREGORY KING wiederholt spricht als von einem Mann, der wegen seiner Kenntnis auf dem Gebiet der Preise berühmt sei und dessen Berechnungen sich allgemeiner Anerkennung erfreuten; die hier wiedergegebene Regel über das Verhältnis des Getreidepreises zur Erntemenge hat er jedoch weder erwähnt, noch wurde er in seiner Wertlehre von ihr beeinflußt. Wäre dies der Fall gewesen, so wäre ihm sein Fundamentalirrtum vom Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert, von dem noch die Rede sein wird, erspart geblieben. Denn mit der in der KING'schen Regel niedergelegtenn Erfahrung der damaligen Geschäftswelt stehen wir bei der modernen Lehre vom Grenznutzen, allerdings nicht psychologisch oder sonstwie begründet, sondern einfach als Tatsache hingestellt, als Erkenntnis, gefunden auf dem Weg empirischer Beobachtung.

Allein die damalige Geschäftswelt kannte nicht bloß die Tatsache, sondern auch deren Ursache. Hatte doch schon BARBON 1696 gesagt, daß es nicht die inneren Eigenschaften der Güter, sondern das Maß ist, in dem sie den jeweiligen Bedürfnissen entsprechen, was ihren Wert bedingt. Und nicht allzu lang ließ auch der theoretische Kopf auf sich warten, der die schulgerechte psychologische Begründung der der Geschäftswelt bekannten Tatsachen brachte. Der glänzendste unter den Nationalökonomien, GALIANI, hat im Alter von 21 Jahren in seinem berühmten Werk über das Geld eines subjektive Wertlehre gegeben, die nur wenige Verbesserungen nötig hat, um vortrefflich zu sein. Er geht vom Bedürfnis aus als der Ursache allen Werts. An ihrer Tauglichkeit für die Befriedigung der Bedürfnisse werden die Güter gemessen. Diese Tauglichkeit aber ist keine absolute. Die Bedürfnisse sind nicht bloß die elementaren der Lebenshaltung; der Menschen Begehren ist unendlich, und kaum ist ein Bedürfnis befriedigt, so verlangt ein neues mit der gleichen Heftigkeit nach Befriedigung. Dann verliert ein weiterer Zuwachs von Gütern, welche dem früheren Bedürfnis dienen, seinen Wert, dagegen erlangen die, welche dem neuen dienen, Bedeutung. DAVANZATI behauptet, ein Ei, dessen Wert vielleicht ein halbes Gran Gold beträgt, hat ausgereicht, den Grafen UGOLINO noch am 10. Tag am Leben zu erhalten, während alles Gold der Welt dazu nicht imstande gewesen ist. Es ist aber eine grobe Täuschung, wenn er dem Preis, den jemand für das Ei zahlt, der, auch wenn er das Ei nicht erlangt, nicht sterben würde, den Preis gleichstellt, den Graf UGOLINO für das Ei gegeben hätte. Wer sagt denn DAVANZATI, daß der Gran in seinem Hungerturm nicht noch 1000 Gran Gold mehr für das Ei gegeben hätte? Der Nutzen eines Gutes hängt also nicht von seiner Tauglichkeit im allgemeinen ab, sondern auch von seiner Seltenheit, d. h. vom Verhältnis seiner Menge zum Gebrauch, der davon gemacht wird. Dabei unterscheidet GALIANI Naturgaben und Güter, deren Erzeugung und Vermehrung vom Willen der Menschen abhängig ist. Die Seltenheit der ersteren werde allein durch die Menge bedingt, mit der die Güte der Natur sie zur Verfügung stellt; die der letzteren sei abhängig von der Menge Menschen, die nötig sind, um sie herzustellen, der Zeit, während deren sie arbeiten, und dem Preis, den sie kosten. Diese Kosten der beliebig herstellbaren Güter bedingt deren Wert, denn sie bestimmen ihre Seltenheit. Somit ist GALIANI, auch wenn er sagt, es sei die Arbeit allein, welche den Wert dieser Güter bestimmt, doch kein Kostenwerttheoretiker (9); denn nicht die Arbeit ansich ist es, was nach ihm den Wert bestimmt, sondern die durch das mehr oder weniger der auf ihre Herstellung verwendeten Arbeit bedingte Seltenheit von Dingen, die für die Bedürfnisbefriedigung tauglich sind.

Man pflegt GALIANI noch zu den Merkantilisten zu rechnen. Jedenfalls hat er mit ihnen gemein, daß er nicht durch das Suchen nach einem idealen Seinsollenden geleitet wird. Was an merkantilistischen Schriftstellern noch auf GALIANI gefolgt ist, teilt seine Grundanschauung, denn ihre Ziele sind mit einer anderen als einer subjektiven Wertlehre kaum vereinbar; aber keiner fördert die Lehre weiter. Das gilt auch von den im 18. Jahrhundert auftauchenden Versuchen einer systematischen Darstellung der Volkswirtschaft, soweit sie Merkantilisten zu Verfassern haben, so von GENOVESI, Sir JAMES STEUART, ORTES, JOSEPH von SONNENFELS.

Anders wie gelegentlich der Erörterung des Wertes von Dingen, die von den Menschen beliebig hergestelltwerden können, und der Erörterung des Wertes des Geldes macht die Beziehung auf den Nutzen für das Bedürfnis der Menschen bei der Erörterung des Wertes des Bodens sich geltend. PETTY, den wir da, wo er über die Frage nach den Bestimmungsgründen des Werts im allgemeinen philosophiert, alsbald als objektiven Werttheoretiker kennen lernen werden, geht doch, wo er von den tatsächlichen Bestimmungsgründen des Bodenpreises redet, von der Bedeutung aus, welche der Reinertrag eines Grundstücks für das Leben einer Familie, bestehend aus einem fünfzigjährigen Großvater, einem 28-jährigen Vater und einem siebenjährigen Sohn hat. In England schätzt man drei Leben gleich 21 Jahren. Folglich sei der Wert des Landes gleich dem 21-fachen Betrag seines Reinertrags. Allein je nach den konkreten Verhältnissen kann er auch größer oder kleiner sein. Größer ist er in solchen Ländern, wo die Rechtstitel, aufgrund deren das Land besessen wird, besser, die Bevölkerung zahlreicher, die Meinung über Wert und Dauer von drei Leben vielleicht richtiger sei, oder wo mit dem Landbesitz besondere Ehren, Vergnügen, Privilegien, Gerichtsbarkeit verknüpft seien. Geringer sei er, wo, wie in Irland, infolge der häufigen Revolutionen, der unter den angesiedelten Engländern herrschenden gegenseitigen Anfeindungen, des häufigen Wechsels im Personal der Regierung, der geringen Bevölkerung, des unbefriedigenden Zustands der Rechtsprechung die Erträge unsicherer seien; hier werde der Reinertrag mit einer niedrigeren Zahl von Jahren multipliziert, mit anderen Worten: hier werder er mit einem Zins, der, weil eine höhere Risikoprämie enthaltend, höher sei, kapitalisiert; das Land sei billiger. PETTYs ganze Würdigung des Wertes des Lands geht also von der Bedeutung aus, die sein Ertrag hat für die Befriedigung der Bedürfnisse des Inhabers während einer größeren oder geringeren Zahl von Jahren. Das sind im Prinzip dieselben Anschauungen, die uns dann auch in den Ausführungen JOHN LOCKEs über die Bestimmungsgründe des Wertes von Land entgegentreten.

Anders die Wertlehre, wo der Wert von den Schriftstellern jener Zeit nicht bloß gelegentlich, in Anknüpfung an eine Frage des Lebens, sondern prinzipiell, im Zusammenhang mit der "naturgemäßen Volkswirtschaft", die man dem wirklichen Leben entgegenstellt, erörtert wurde.

Die Betrachtung der wirtschaftlichen Dinge vom Standpunkt der Naturgesetze beginnt in ihren ersten Regungen schon im 16., zeigt sich in steigendem Maße im 17., gelangt zur Vollendung im 18. Jahrhundert. Auf dem Gebiet der Wertlehre macht sie sich eigentlich erst im 17. Jahrhundert fühlbar. Wir finden dann Schriftsteller, wo sie im allgemeinen über den Wert philosophieren, als objektive Werttheoretiker, die wir, wo sie darüber im Zusammenhang mit einer konkreten Frage reden, als subjektive Werttheoretiker kennengelernt haben. Der Grund ist, daß man sich bei der Erörterung der naturgemäßen Volkswirtschaft einer anderen Methode bediente als bei der von Einzelfragen. Bei dieser begreiflicherweise als Methode die Beobachtung der einzelnen Tatsachen des Lebens, bei jener ein Ausgehen von der Natur des Menschen, aus der man ableitete, welche Erscheinungen sich ergeben, wo die Menschen zu den Dingen in Beziehung treten. Dabei wurde unbewußt, mitunter sogar bewußt, der Naturzustand, von dem man ausging, mit den Postulaten, die man verwirklichen wollte, in Einklang gebracht, und so hielten auch bei denen, die sich von den überkommenen christlichen Vorstellungen frei gemacht hatten, Vorstellungen vom Seinsollenden wieder ihren Einzug auch in die Wertlehre.

Der natürliche Mensch, von dem man bei der Untersuchung der Bestimmungsgründe des Werts ausging, war ein aller konkreten Individualität entbehrender, unter Verhältnissen, die für alle gleich gesetzt wurden, lebender, abstrakter Einzelner. Alle Menschen werden also als gleich gesetzt; alle haben die gleichen Bedürfnisse; auch die Verhältnisse, unter denen diese empfunden werden, werden als für alle gleichmäßig gegeben erachtet; es handelt sich nur darum, zu ergründen, was die Bedeutung bestimmt, welche der Mensch ansich einem Ding ansich beilegt.

Daß dies in erster Linie davon abhängt, in welchem Maß der Mensch ein Bedürfnis nach dem Gut empfindet, wird unter Berufung auf ARISTOTELES ausdrücklich anerkannt; allein nichtsdestoweniger wird, und zwar ganz konsequent, gleich darauf das Bedürfnis als ein für die Wirklichkeit brauchbarer Wertmaßstab abgelehnt. Denn setzt man alle Menschen als gleich und in gleichem Maß von den gleichen Bedürfnissen beseelt, so bleibt kein anderer Maßstab des Bedürfens als die Brauchbarkeit, welche ein Ding ansich für die Erhaltung und die Annehmlichkeiten des Lebens hat; der Satz des ARISTOTELES, "es liegt in der Natur einer jeden nützlichen Sache, daß ein Übermaß derselben ihrem Besitzer entweder schaden muß, oder ihm zumindest keinen Nutzen gewährt", ist aus der Betrachtung ausgeschaltet; die allgemeine Brauchbarkeit aber als Wertmaßstab zu gebrauchen, stand mit der Wirklichkeit, die Dinge trotz der größten allgemeinen Brauchbarkeit als wertlos aufweist, in Widerspruch; man gelangte also bestenfalls dazu, das Bedürfnis nach einem Gut nur als Wertmaßstab des natürlichen Menschen im Naturzustand gelten zu lassen. In der Wirklichkeit dagegen bleibt dem Normalmenschen nach dieser Ausschaltung aller die Bedeutung einer nützlichen Sache für sein Bedürfnis bestimmenden Momente kein anderer Wertmaßstab als der Kostenaufwand: der Kostenpreis entspricht dem Normalwert. Nun zeigt das Leben Abweichungen des Preises von diesem Kostenpreis. Sie sind die Folge der Abweichungen vom Normalmenschen in vorausgesetzter normaler Lage, wie die Verschiedenheiten der Menschen, ihrer Bedürfnisse und der Verhältnisse, unter denen sie empfunden werden, sie veranlassen. Daher ist der augenblickliche Marktpreis vom Normalpreis zu scheiden. Der Normalpreis wird durch die Kosten, der augenblickliche Marktpreis durch Angebot und Nachfrage bestimmt.

So die Naturrechtslehrer GROTIUS, PUFENDORF und andere, wo sie in ihren Naturrechtssystemen die Wertlehre berühren. So auch die entstehende moderne Nationalökonomie, die auf den herrschenden naturrechtlichen Anschauungen aufgebaut wurde. Bei allen Nationalökonomien des 17. und 18. Jahrhunderts, welche die Wertlehre prinzipiell erörtern, dieselbe Ausscheidung des Bedürfnisses aus der Betrachtung, sei es aus dem Grund, den schon GROTIUS geltend gemacht hat, sei es, indem man das Bedürfnis als selbstverständlich gegeben voraussetzt und das verschiedene Maß, in dem es gegeben ist, dann ignoriert; bei allen dieselbe Unterscheidung zwischen dem Kostenpreis als dem Normalwert, für den dann auch die Bezeichnung natürlicher Wert aufkommt, und dem Marktpreis, wie er durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Ein Unterschied findet sich unter den verschiedenen Nationalökonomen nur je nach ihrer nicht selten von bestimmten Vorstellungen vom Seinsollenden beeinflußten Auffassung von dem, worin die maßgeblichen Kosten zu erblicken seien. Dies wird das Folgende zeigen.

Es ist eine Betrachtung, die sich von selbst aufdrängt, daß der Mensch alles, was ihm zur Befriedigung seiner Bedürfnisse verfügbar ist, teils in sich findet, teils der Welt außerhalb seiner selbst entnimmt. PETTY drückt diesen Gedanken in den Worten aus: "Die Arbeit ist der Vater und das aktive Prinzip des Reichtums, wie die Erde seine Mutter ist." Als Folge würde demnach der Wert durch die Menge Bodenertrag und Arbeit bestimmt, die in einem Produkt enthalten sind. PETTY aber bemüht sich, ein Verhältnis zwischen Land und Arbeit herzustellen, so daß der Wert jedes Dings sowohl in Land als auch in Arbeit allein ausgedrückt werden kann. Er geht aus vom normalen Tagesbedarf einer erwachsenen Mannes; dieser Tagesbedarf zeigt, wieviel Bodenertrag ein Mann erhalten muß, um arbeitstüchtig zu bleiben; die Zahl der Arbeitstage  x,  welche die Herstellung eines Produks  P  erfordert, zeigt dann, wieviel Bodenertrag  y  in ihm enthalten ist. Man kann also die Dinge messen nach der Menge Bodenertrag, die sie entsprechend der auf ihre Herstellung verwendeten Zahl von Arbeitstagen enthalten, oder  P = x = y.  Wie ist es dann aber, wenn zur Erhaltung des Mannes während der  x  Arbeitstage weniger Bodenertrag  y  erforderlich ist, als der Mann in den  x  Arbeitstagen an Bodenertrag hervorbringt? Dann wäre der Bodenertrag  P  grßer als  y,  nichtsdestoweniger aber  P = x = y!  Tatsachlich ist es nach PETTY augenscheinlich lediglich die Menge Arbeitszeit, die auf die Herstellung eines Gutes verwendet werden mußt, was dessen Wert bestimmt.

So auch bei LOCKE. Er unternahm es, das Privateigentum als Produkt der Arbeit zu rechtfertigen; daraus ergab sich als naturrechtliches Ideal die Übereinstimmung von Tauschwert und Arbeitskosten. Dem entsprechend schränkt er den Anteil der Natur an der Produktion erheblich ein und schreibt, wenn man recht untersuche, welchen Anteil Natur und Arbeit daran hätten, so finde man bei jedem Gut, daß 99 Prozent desselben der Arbeit gutzuschreiben sei.

Dagegen hat CANTILLON die Lehre PETTYs wieder aufgenommen, wonach die in einem Produkt enthaltene Menge Land und Arbeit seinen Wert bestimmt; der Wert einer Sache sei meßbar nach der Menge Land, die zu seiner Herstellung verwendet wurden, und nach der Menge der darin enthaltenen Arbeit, d. h. nach der Menge Land, dessen Ertrag man dem Arbeiter zuweist. Nach CANTILLON erscheint also die Natur als die letzte Quelle des Reichtums und der letzte Nenner aller Werte. CANTILLON würde damit als Vorläufer der Physiokraten erscheinen, hätten diese die Konsequenz ihres Satzes: "la terre est l'unique source de richesses" [Der Boden ist die einzige Quelle des Reichtums. - wp] für die Wertlehre gezogen. Wenn man nämlich wie die Physiokraten von der Anschauung ausging, daß nur die Rohproduktion (Landwirtschaft, Bergbau und Abbau von Steinbrüchen) neue Werte erzeuge, weil sie allein zum vorhandenen Stoffvorrat neue Stoffe hinzufüge, hätte die Konsequenz erfordert, zu sagen, der natürliche Wert eines Dings werde durch die Menge Rohstoff bedingt, die es enthält. Allein diese Konsequenz haben die Physiokraten nicht gezogen. Sie beschäftigen sich nur mit dem Marktwert, der nach ihnen durch die Konkurrenz von Käufern und Verkäufern bestimmt wird. Dieser Wert ist ihnen auch der natürliche Wert. Die Erneuerung der stoischen Naturrechtslehre, wie sie seit der Wiederbelebung des römischen Rechtsstudiums stattgefunden hat, erreicht nämlich bei den Physiokraten ihren Höhepunkt. Wie den Stoikern war ihnen die Übereinstimmung der natürlichen und der sittlichen Ordnung oberstes Prinzip. Der Preis, wie er sich unter dem Streben von Käufer und Verkäufer nach dem größtmöglichen Gewinn bildet, war ihnen daher sowohl der natürliche als auch der gerechte Preis. Das war gewiß richtiger, als wenn sie den dem Gehalt an Rohstoffen entsprechenden Wert für den natürlichen und gerechten Preis erklärt hätten; Aber wenn auch richtiger, so war es doch nicht in Übereinstimmung mit ihrer Produktivitätslehre.

ADAM SMITH huldigte denselben naturrechtlichen Anschauungen wie die Physiokraten; er kehrte jedoch zu der seit GROTIUS üblichen Unterscheidung von einem normalen und einem Marktpreis zurück. Wie GROTIUS lehnt er es ab, bei der Bemessung des Wertes von der Bedeutung auszugehen, die inem Gut für die Bedürfnisbefriedigung beigelegt wird, und mit den gleichen Argumenten. Wie bei GROTIUS die Unterscheidung von Naturzustand und Wirklichkeit. Im ersteren sind es die Arbeitskosten der Güter, die maßgebend sind für deren Tauschwert; in der Wirklichkeit sind Arbeitslohn, Profit und Rendite die drei ursprünglichen Quellen allen Einkommens wie allen Tauschwerts. Der Preis jedes Gutes läßt sich in den einen oder anderen oder in alle diese drei Teile auflösen; der Aufwand von Arbeit, Kapital und Land bei der Herstellung eines Gutes ist maßgebnd für dessen natürlichen Preis. Von ihm verschieden ist der Marktpreis, der durch Angebot und Nachfrage, bestimmt wird. Überläßt man den Markt der freien Konkurrenz, so zeigt er das Streben, mit dem natürlichen Preis übereinzustimmen. Dieser natürliche Preis kann bemessen werden an der Menge Arbeit, die man mittels der drei Bestandteile, die seine Höhe bestimmen, eintauschen kann.

Bei dieser Auffassung, wonach selbst die Bodenrendite als ein Teil der wertbestimmenden Kosten erschien, sollte es jedoch nicht lange bleiben.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung Englands begonnen; die Bevölkerung nahm in steigendem Tempo zu; die Getreidepreise gingen entsprechend in die Höhe. Als die darunter leidende Bevölkerung das Steigen der Bodenrendite hierfür verantwortlich machte, führte JAMES ANDERSON in einer gegen ADAM SMITH gerichteten Schrift aus, die Bodenrendite übe keinerlei Einfluß auf die Getreidepreise; vielmehr seien es die Getreidpreise, welche die Höhe der Bodenrendite bestimmen. Bald darauf die schlechtesten Ernten und gleichzeitig die Behinderung der Getreidezufuhr durch den Krieg Englands mit Frankreich. Die Getreidepreise erreichten eine nie dagewesene Höhe; die Bodenrendite stieg ausnahmslos um das Doppelte, nicht selten um das Fünfzehnfache. MALTHUS, der Verteidiger der Grundbesitzer, nahm die ANDERSON'sche Lehre auf, daß die Bodenrendite kein Faktor der Preisbildung des Getreidespreises ist, sondern durch diesen bestimmt werde. Da kam RICARDO und schmiedete in einer Umbildung der SMITH'schen Wertlehre aus dieser Verteidigung der Bodenrendite eine Angriffswaffe gegen dieselbe. Die Brauchbarkeit einer Ware für die Befriedigung eines Bedürfnisses vorausgesetzt, wird ihr natürlicher Preis durch die Kosten bestimmt, welche ihre Herstellung verursacht, durch die Kosten des unter den ungünstigsten Verhältnissen hergestellten Teils des Produkts, dessen Herstellung zur Deckung des Bedarfs noch notwendig ist, - beim Getreide durch die Kosten des ungünstigsten Bodens, der zur Ernährung der Bevölkerung herangezogen werden muß. Dieser ungünstigste Boden wirft keine Rendite ab; wohl aber erhalten die Besitzer der besseren Böden mühelos eine steigende Rente, je schlechter die Böden werden, welche infolge der unzureichenden Erntemengen zur Deckung des heimischen Bedarfs in Anbau genommen werden müssen. Die Kosten, welchem dem Produzenten des zur Deckung des Bedarfs nötigen Produkts ersetzt werden müssen, sind die Kosten der aufgewendeten Arbeit und des aufgewendeten Kapitals. Kapital aber ist nichts anderes als angesammelte vergangene Arbeit. Alle Kapitalkosten lassen sich somit in Arbeitskosten auflösen. Nicht, wie ADAM SMITH gesagt hat, die Menge Arbeit, die man mittels eines Gutes einkaufen kann, sondern die Menge Arbeit, die seiner Herstellung gekostet hat, bestimmt seinen Wert. So wie RICARDO dann seine ganze Schule: JAMES MILL, MacCULLOCH, de QUINCEY, JOHN STUART MILL u. a.

Allein nachdem man einmal den Wert der Menge Arbeit, welche die Herstellung eines Produkts gekostet hat, gleich gesetzt hatte, konnte man bei der Ausmerzung der Bodenrendite als unverdienten Anteil an dem vom Arbeiter geschaffenen Wert nicht stehen bleiben. Auch der Kapitalgewinn wird aus den komponierenden Teilen der Produktionskosten, welche den Wert des Produkts bestimmen, ausgeschaltet, und es bleibt als einziger wertbestimmender Faktor die aufgewendete, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. HODGSKIN betont 1825 in seiner Broschüre "Labour defended against the claims of capital by a labourer" den Unterschied zwischen dem natürlichen Preis des Produkts, welcher der Menge der auf seine Herstellung verwendeten Arbeit gleich ist und dem Wert der Arbeit, der in dem besteht, was der Arbeiter erhält. Der Mehrwert des ersteren über den zweiten bildet den Kapitalgewinn, nicht geschaffen vom Kapital, sondern vom Arbeiter, genauso wie die Bodenrendite ein Anteil am Arbeitsertrag eines anderen ist. Von THOMPSON wird dann die HODGSKIN'sche Lehre in seiner Schrift "Labour rewarded" 1827 weiter ausgeführt und popularisiert; von KARL MARX wird sie zum Eckstein seiner Lehre vom Kapital gemacht. Schon vor MARX hat auch RODBERTUS die auf die Herstellung eines Produkts verwendete, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für den Wert der Dinge für maßgebend erklärt, dabei aber zugegeben, daß es sich bei dieser Lehre nur um eine Idee, d. h. um ein Postulat, nicht um die Wirklichkeit handelt.

Damit waren die objektiven Werttheorien angelangt, wo sie logisch enden mußten. Triumphiernd sitzt auf dem Grab der naturrechtlichen Betrachtungsweise eine Arbeitskostentheorie, die wie in ihrem Ausgangspunkt, so auch in ihrem Ende mit den Anschauungen der Kirchenväter übereinstimmt (10); wie deren Lehre ist sie getragen von der Entrüstung über die ungerechte Wirklichkeit und, wie diese, soll sie der Begründung des Postulats dienen, die Wirklichkeit höheren sittlichen Anforderungen zu unterwerfen.

In England sind in der Zeit, da die Engländer die Führung in der ökonomischen Theorie hatten, die objektiven Werttheorien die herrschenden gewesen. Nicht als ob "die wissenschaftlichen Vertreter der agrarischen Interessen, wie LAUDERDALE und MALTHUS, sich nicht auch gegen das theoretische Fundament des gegnerischen Programms gewendet hätten. Sie hielten fest an der auf dem Boden des Merkantilismus erwachsenen Lehre von Angebot und Nachfrage, die künstlichen Maßnahmen zur Hebung des Getreidepreises nicht entgegenstand". Allein gerade der Interessencharakter ihrer Ausführungen stand ihrer Anerkennung auch da, wo sie Richtiges geltend machten, im Weg. Vor allem aber unterließen sie es, sich gegen das  proton pseudos  [erster Irrtum, erste Lüge - wp] aller objektiven Werttheorien, von den Kirchenvätern an bis heute, zu wenden, gegen die Ausschaltung der Grundlage allen Wertes, des Bedürfnisses, aus der Betrachtung der Wertbestimmungsgründe und gegen die damit zusammenhängende Behauptung eines Gegensatzes zwischen Gebrauchswert und Tauschwert.

Die Wurzel dieses Fehlers aller objektiven Werttheoretiker ist, daß sie alle, die Brauchbarkeit eines Gutes mit seinem Gebrauchswert verwechselnd, diesen als eine gleichbleibende Eigenschaft ansehen. Daher jene trivialen Ausführungen, die mit geistloser Monotonie die Betrachtungen über den Wert die Jahrhunderte begleiten, daß es Dinge gebe, ohne welche die Menschen nicht leben könnten, und die trotzdem keinen Wert haben, wie Luft oder Wasser, während im Austausch gegen die unnützesten Dinge Millionen gegeben werden. Daß schon ARISTOTELES geschrieben hat: "es liegt in der Natur einer jeden nützlichen Sache, daß ein Übermaß derselben entweder ihrem Besitzer schaden muß oder ihm zumindest keinen Nutzen gewährt", war vergessen; daß BARBON bemerkt, "der Überschuß der Waren über das, was gebraucht werden kann, wird wertlos", wurde nicht beachtet; die Berechnungen GREGORY KINGs über den Einfluß des Ernteertrags auf den Getreidepreis lobte man, aber man zog daraus keine Schlüsse; selbst die glänzende Widerlegung, die GALIANI dem DAVANZATI hatte zuteil werden lassen, hinderte nicht, daß ADAM SMITH schreiben konnte: "Die Dinge, welche den größten Gebrauchswert haben, haben häufig einen geringen oder gar keinen Tauschwert; und umgekehrt haben diejenigen, welche den größten Tauschwert haben, häufig einen geringen oder gar keinen Gebrauchswert. Nichts ist nützlicher als Wasser; aber es läßt sich damit kaum irgendetwas kaufen; kaum irgendein Gegenstand kann damit eingetauscht werden. Ein Diamant umgekehrt hat kaum irgendeinen Gebrauchswert; allein eine sehr große Menge anderer Güter kann häufig dagegen eingetauscht werden." Diese Ausführungen SMITHs stellt dann RICARDO an die Spitze seiner Ausführungen über den Wert, um, nach einem Kompliment vor der Brauchbarkeit als unentbehrlicher Vorbedingung des Werts, den Gebrauchswert aus der Betrachtung der Bestimmungsgründe des Werts zu entlassen. J. B. SAY, der den Wert als durch die Nützlichkeit der Dinge bedingt hinstellen möchte, kann eben wil er sich nicht zur Unterscheidung zwischen Nützlichkeit und Gebrauchswert durchringt, in seinem Briefwechsel mit RICARDO gegen diesen nicht aufkommen. Der getreue Schüler RICARDOs MacCULLOCH bezeichnet es gar als eine große Entdeckung ADAM SMITHs, daß der Tauschwert der Dinge nicht durch deren Gebrauchswert bestimmt wird, wobei er Gebrauchswert mit Brauchbarkeit verwechselt. PROUDHON macht aus dem Widerspruch zwischen Gebrauchs- und Tauschwert einen Pfeiler seines "Systems der ökonomischen Widersprüche"; und es nützt nichts, daß HILDEBRAND dagegen geltend macht: "Je mehr die Quantität eines nutzbaren Gegenstandes vermehrt wird, desto mehr fällt bei unverändertem Bedürfnis der Nutzwert jedes einzelnen Stücks"; gleich auf der zweiten Seite des ersten Bandes des "Kapitals" von KARL MARX heißt es doch wieder: "Die Nützlichkeit eines Dings für das menschliche Leben macht es zum Gebrauchswert", und an unzähligen anderen Stellen seines Buchs wird der Gebrauchswert als eine inhärierende Eigenschaft der Dinge hingestellt, als ob das Wasser die gleiche Bedeutung hätte für den, den es vor dem Verdursten rettet, und den, der darin ertrinkt.

Diese hartnäckige Verwechslung von Brauchbarkeit und Gebrauchswert seitens der hervorragendsten nationalökonomischen Theoretiker macht die Geschichte der Wertlehre nicht zu einem Ruhmesblatt in der Geschichte der ökonomischen Doktrin. Die logischen Fehler, welche der vielhundertjährigen Behauptung eines Widerspruchs zwischen Gebrauchswert und Tauschwert zugrunde liegen, sind dann doch nicht so schwer zu erkennen. halten wir uns bei ihrer Prüfung an die Ausführung von SMITH. Sein Fehler und ebenso der all derjenigen, die vor ihm und nach ihm einen Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert behauptet haben, besteht darin, daß er da, wo er vom Gebrauchswert spricht, andere Größen und andere Bedürfnisse voraussetzt als wo er vom Tauschwert spricht. Der Widerspruch hört auf, sobald man bei der Betrachtung des Gebrauchswerts von gleichen Größen und gleichen Bedürfnissen wie bei der Betrachtung des Tauschwerts ausgeht.

Wenn man nämlich vom Tauschwert von etwas spricht, d. h. von seiner Fähigkeit einen Preis zu erzielen, hat man stets abgegrenzte Größen vor Augen, und zwar besteht eine Abgrenzung in doppelter Hinsicht:
    1. eine fest abgegrenzte Menge, sei es ein individuelles Stück, sei es eine abgegrenzte Menge von Fungibilien [Gütern - wp] bestimmter Art, die vertauscht werden soll. Denn vertauscht werden immer nur abgegrenzte Mengen, und das Wort "Tauschwert" bezieht sich stets auf etwas individuell oder der Menge nach Begrenztes, das gegen andere abgegrenzte Größen hingegeben wird. Außer im Hinblick auf abgegrenzte Größen läßt sich von Tauschwert nicht reden: also wohl vom Tauschwert eines Liters Wasser, nicht aber von dem des Wassers als Gattung.

    2. Abgegrenzte Bedürfnisse. Man setzt einzelne Personen voraus, denen diese begrenzten Mengen unter der Annahme gewisser Verhältnisse zur Bedürfnisbefriedigung dargeboten werden. Denn ein Austausch und damit ein Tauschwert ist nur denkbar unter der Annahme einzelner Personen, denen andere gegenüberstehen.
Wenn ADAM SMITH dagegen sagt: "Nichts ist nützlicher als Wasser", so hat er
    1. keine abgegrenzte Menge vor Augen, denn nur unter dieser Voraussetzung ist sein Satz richtig. (11) Er spricht nicht von einem bestimmten Maß Wassers, sondern vom Wasser im allgemeinen, vom Wasser als Gattung. Wollte man sagen, nichts ist nützlicher als dieser eine Liter Wasser, so würde jeder Bewohner einer modernen Stadt lachen, denn er kann den einen gebotenen Liter Wasser durch tausend andere ersetzen. Nur dann, wenn eben nur dieser eine gebotene Liter Wasser vorhanden wäre, wäre auch für die begrenzte Menge ADAM SMITHs Satz richtig; dann aber wäre die Fortsetzung falsch: "es läßt sich damit kaum irgendetwas eintauschen." Denn der Tauschwert des Liters Wasser stiege sodann genau entsprechend seiner Nützlichkeit. Dies führt zu dem zweiten Fehler

    2. Wenn ADAM SMITH sagt: "Nichts ist nützlicher als Wasser" oder "ein Diamant hat kaum irgendeinen Gebrauchswert", so setzt er das Wasser und die Diamanten  nicht  in Beziehung zu einzelnen Personen, deren Bedürfnissen sie in bestimmten Verhältnissen dienen sollen, sondern zur Gesamtheit der menschlichen Bedürfnisse klassifiziert nach ihrer Wichtigkeit für die Erhaltung der Gattung. Nur dann nämlich sind seine Sätze richtig. Sobald man dagegen das Wasser und die Diamanten in Beziehung setzt zu einzelnen Personen und deren Bedürfnissen unter bestimmten Verhältnissen, sind die Sätze falsch. Es gibt sogar Fälle, wo nichts schädlicher ist als Wasser, z. B. wenn es in die Keller dringt, die Häuser zum Bewohnen unbrauchbar macht, Felder und Bauten zerstört, Vieh und Menschen vernichtet, und ebenso Fälle, in denen Diamanten den größten Gebrauchswert haben, z. B. einer Dame, die sich schmücken will, um auf einem Ball zu glänzen. Die Hauptfrage ist hier die, wann die Dinge nützlich sind und wann sie es nicht sind. Dies hängt lediglich davon ab, wann wir sie brauchen oder nicht. Allein sobald man die Verhältnisse, unter denen die Dinge gebraucht werden, auch bei Bemessung ihres Gebrauchswertes zugrunde gelegt, zeigt sich abermals eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Das Wasser, das in die Keller eindringt, hat sowohl negativen Gebrauchs- wie Tauschwert; die Diamanten, mit denen eine Dame vor anderen glänzt, haben einen ihrem Tauschwert entsprechenden Gebrauchswert.
Also: es besteht kein Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert; das Wasser ist nicht immer nützlich, oft ist es schädlich; das Wasser entbehrt keineswegs stets des Tauschwerts, es kann den höchsten Tauschwert erlagen. Es kommt alles auf die Quantitäten an und die Verhältnisse, unter denen sie sich den Menschen zur Bedürfnisbefriedigung bieten. Weit entfernt, daß ein Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert besteht, ist es sogar der Gebrauchswert, der den Tauschwert bestimmt. (12) Es fragt sich nur der Gebrauchswert welchen Teils einer vorhandenen Menge?

Die Antwort auf diese Frage ist den Nationalökonomen zuerst von Seiten der Mathematik gekommen. BUFFON erzählt (13) in seinem "Versuch einer moralischen Arithmetik", wie er, angeregt von dem Genfer Professor der Mathematik H. CRAMER, sich mit der Frage des Werts der Hoffnung beim Glücksspiel beschäftigt hat. Die Antwort, die er in einem Brief vom 30. Oktober 1730 Professor CRAMER gegeben hat, stimmt ganz übereint mit der, welche DANIEL BERNOULLI in seinem 1738 veröffentlichten "Versuch einer neuen Theorie der Wertbestimmung von Glücksfällen" gibt. In dieser 1730 oder 1731 verfaßten Schrift geht BERNOULLI als von einem feststehenden Erfahrungssatz davon aus, daß die Lustempfindung mit der Zunahme der Befriedigungsmittel eines Bedürnisses abnimmt; er zeigt, daß der Vorteil des Glücksgewinns mit der Größe des Gewinns überhaupt zunimmt, aber umso geringer erscheint, je größer das vorhandene Vermögen ist, mit anderen Worten: daß er eine zunehmende Funktion des Gewinns, eine abnehmende des Vermögens sein muß. Ein Jahr später, 1739, veröffentlichte EULER seine Lehre von der Abhängigkeit der Empfindung der Tonhöhen von den Schwingungszahlen, die auf demselben Prinzip beruth, daß in den höheren Teilen der Reizskala ein gleich großer Reizzuwachs eine abnehmende Stärke der Empfindung hervorruft. Von GALIANI steht es fest, daß er BERNOULLI kannte, als er gegen DAVANZATI polemisierte, und bei der Universalität der Bildung der geistigen Führer des 18. Jahrhunderts darf wohl auch von CONDILLAC angenommen werden, daß er die Schriften eines BERNOULLI, BUFFON, EULER kannte, als er 1776 schrieb (14): "Im Überfluß empfindet man ein Bedürfnis weniger, weil man keine Sorge hat, das man entbehre. Aus dem umgekehrten Grund empfindet man es stärker bei Seltenheit und Mangel. Da nun der Wert der Dinge auf dem Bedürfnis beruth, ist es natürlich, daß ein stärker empfundenes Bedürfnis den Dingen einen größeren Wert verleiht, ein minder empfundenes Bedürfnis einen geringeren Wert. Der Wert der Dinge wächst also mit der Seltenheit und sinkt mit dem Überfluß. Er kann im Überfluß sogar bis auf Null sinken. Ein mehr als überflüssige Ding, z. B., wird überall wertlos sein, wo man keinen Gebrauch davon machen kann, da es da völlig unnütz ist."

Weder GALIANI noch CONDILLAC haben einen maßgebenden Einfluß auf die Entwicklung der Nationalökonomie geübt. Ebenso bleibt ziemlich gleichgültig, ob, was wahrscheinlich ist, BENTHAM BERNOULLI, BUFFON und EULER gekannt hat, als er die BERNOUILL'sche Lehre von der abnehmenden Lustempfindung mit Zunahme der Befriedigungsmittel als eines der Axiome hinstellte, welches für den Gesetzgeber namentlich in allen Fragen, welche die Güterverteilung betreffen, maßgebend sein müsse; denn BENTHAM selbst hat, wo er vom Wert spricht, aus dieser Lehre keine Nutzanwendung gezogen. Desgleichen finden wir im Jahre 1822 den Gedanken bei einem Schüler BENTHAMs und ROBERT OWENS, bei WILLIAM THOMPSON zwar als einen der Gründe für eine gleichmäßige Güterverteilung, aber auch hier ohne Zusammenhang mit seinen Anschauungen über den Tauschwert.
LITERATUR - Lujo Brentano - Die Entwicklung der Wertlehre [Sitzungsbereichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Vortrag gehalten am 15. Februar 1908] München 1908
    Anmerkungen
    4) THOMAS von AQUIN, Summa Theologica, 2a, 2ae, qu. 77, art. 4
    5) Was in der oben angeführten Stelle des Kommentars des THOMAS zur Ethik über die  dignitas naturae  gesagt ist, ist von manchen nationalökonomischen Schriftstellern mißverstanden worden. Es knüpft dies an die Lehre des ARISTOTELES vom höheren Rang der intellektuellen Wesen gegenüber den sensitiven und dieser gegenüber den vegetativen, der lebenden Wesen überhaupt gegenüber den toten, der Tätigkeit gegenüber dem bloßen Verstandesvermögen, der theoretischen gegenüber der praktischen Tätigkeit. Jede der relativ tieferen Stufen des Lebens erscheint gegenüber der höheren als tot, die Pflanze gegenüber dem Tier, das Tier gegenüber dem Menschen. (Vgl. ARISTOTELES, Metaphysik XII; auch Nikomachische Ethik I und VIII
    6) MACHIAVELLI, Il Principe, Kapitel 15.
    7) Vgl. meinen Aufsatz in der Aprilnummer 1896 der Zeitschrift  Cosmopolis  "Über die Ursache der Meinungsverschiedenheit unter den Volkswirtschaftslehrern".
    8) Vgl. WILHELM ROSCHER, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, München 1874, Seite 260.
    9) Wie aus dem Dargelegten hervorgeht ist J. B. SAY daher im Unrecht, wenn er GALIANIs Lehre als mit der späteren von ADAM SMITH, daß die Arbeit die alleinige Schöpferin und der wahre Maßstab des Wertes ist, als identisch hinstellt. Ebenso im Unrecht ist MARX, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1859, Seite 35
    10) Dies wird von katholischer Seite anerkannt. "Sieht doch der christlich-sozial gerichtete Freiherr von VOGELSANG eben den besonderen Vorzug der scholastischen Wertlehre darin, daß sie eben objektiv, in ihr "der Subjektivismus ausgeschlossen" gewesen sei, und WILHELM HOHOFF in den "christlich-sozialen Blättern" stellt sich sogar auf den Boden der MARX'schen Wertlehre. (RUDOLF KAULLA, Die geschichtliche Entwicklung der modernen Werttheorien, Tübingen 1906, Seite 278)
    11) Damit erledigt sich die Behauptung von KARL MARX, Das Kapital, Bd. 1, Hamburg 1867, Seite 2: "Bei der Betrachtung der Gebrauchswerte wird stets eine quantitative Bestimmtheit vorausgesetzt, wie ein  Dutzend  Uhren, eine  Elle  Leinwand, eine  Tonne  Eisen usw." Alle Theoretiker, welche Gebrauchswert und Tauschwert als sich widersprechend hinstellen, haben bei der Betrachtung des Gebrauchswertes  keine  quantitative Bestimmtheit vor Augen.
    12) Vgl. meine Ausführungen in "Die Arbeiter und die Produktionskrisen", Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich II, Leipzig 1878, Seite 570f
    13) Buffons sämliche Werke, in deutscher Übesetzung von SCHALTENBRAND, Bd. IV, Köln 1840, Seite 462f.
    14) Le Commerce et le gouvernement. Oeuvres complétes des Condillac. tome IV, Seite 11, Paris 1798