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JAY HALEY
Die Kunst der Psychoanalyse
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"Der "eins-drüber"-Meister in der Behandlung von Psychopathen ist ein umstrittener Psychiater, den man in Kollegenkreisen zärtlich "den Bullen" nennt. Wenn ein Zwangsredner ihm nicht zuhören will, zieht der "Bulle" ein Messer gegen den Burschen und lenkt ihn dadurch ab."

Selbst wenn er in der Ausbildungsanalyse nach zwei oder drei Jahren erlebt, wie seine schwachen Kunstgriffe zunichte gemacht werden, wird der Analytiker gelegentlich einen davon bei einem Patienten anwenden und sich selbst in eine "eins-drunter"-Position gedrängt finden. Trotz der brillanten Struktur der analytischen Festung und des Waffenlagers an Kunstgriffen, die er in der Ausbildung gelernt hat, sind alle Menschen menschlich, und menschlich sein heißt: gelegentlich "eins-drunter" sein.

Die Ausbildung lehrt nachdrücklich, wie man aus der "eins-drunter"-Position rasch herauskommt, wenn man in ihr ist. Der allgemeine Kunstgriff besteht darin, die "eins-drunter"-Position "freiwillig" hinzunehmen, wenn sie unvermeidlich ist, dann mag der Analytiker zu ihm sagen: "Ein Punkt für Sie" oder "Ich muß zugeben, daß ich einen Fehler gemacht habe." Der wagemutigere Analytiker wird sagen: "Es ist zu beachten, daß alle diese Aussagen den Analytiker "eins-drunter" und den Patienten "eins-rauf" zu zeigen  scheinen.  Aber die "eins-drunter"-Position erfordert defensives Verhalten. Indem er seine unterlegene Position absichtlich anerkennt, behauptet der Analytiker tatsächlich seine überlegene Rolle, und der Patient findet, daß einmal mehr sein geschickter Kunstgriff durch einen Hilflosigkeits- oder durch den Kampfverweigerungs-Kunstgriff mattgesetzt wurde.

Manchmal kann die "Hinnahme"-Technik nicht angewandt werden, weil der Analytiker auf dem Gebiet zu feinfühlig ist. Sollte ein Patient feststellen, daß ein solcher Analytiker in Verlegenheit gerät, wenn homosexuelle Vorstellungen zur Sprache kommen, dann mag er dies schnell ausnützen. Der Analytiker ist verloren, der solche Bemerkungen persönlich nimmt. Seine einzige Chance zu überleben besteht darin, daß er in den diagnostischen Besprechungen jene Patienten im voraus erkennt, die fähig sind, diese Schwäche zu entdecken und auszunutzen, und sie an Analytiker zu verweisen, die andere Schwächen haben.

Auch die verzweifeltsten Kunstgriffe von Patienten werden in der analytischen Ausbildung vorweggenommen. Ein Patient wird bisweilen derart entschlossen sein, "eins-drüber" gegenüber dem Analytiker zu gelangen, daß er den "Selbstmord"-Kunstgriff anwenden wird. Viele Analytiker leiden sofort unter einem "eins-drunter"-Gefühl, wenn ein Patient mit Selbstmord droht. In ihren Halluzinationen erscheinen ihnen Schlagzeilen in Zeitungen, oder sie hören im voraus, wie ihre Kollegen sich freuen, wenn sie flüsternd die Gesamtzahl der Patienten aufzählen, die ihnen überlegen waren, indem sie von der Brücke sprangen.

Der übliche Weg, den Gebrauch dieses Kunstgriffes zu verhindern, ist, es unpersönlich zu nehmen. Der Analytiker sagt etwa: "Nun, es täte mir leid, wenn Sie Ihr Hirn zertrümmerten, ich würde aber meine Arbeit fortsetzen." Der Patient gibt seine Pläne auf, sobald er merkt, daß sogar sein Selbstmord ihn nicht "eins-über" diesen Mann bringt.

Orthodoxe psychoanalytische Kunstgriffe können dadurch richtig zur Wirkung gebracht werden, daß man sie unorthodoxeren Manövern gegenüberstellt. Da gibt es beispielsweise Rogers System von Kunstgriffen, in dem der Therapeut bloß wiederholt, was der Patient sagt. Dies System ist auf alle Fälle erfolgreich. Keiner kann sie über eine Person erheben, die bloß seine Gedanken wiederholt. Wenn der Patient dem Therapeuten vorwirft, für ihn nutzlos zu sein, antwortet der Therapeut: "Sei meinen, ich nütze Ihnen nichts." Der Patient sagt: "Stimmt, Sie taugen überhaupt nichts." Der Therapeut sagt: "Sie sagen, ich tauge überhaupt nichts." Mehr noch als der orthodoxe Schweige-Kunstgriff löst dieser Kunstgriff jedes Triumphgefühl im Patienten auf und läßt den Patienten sich nach einer Weile recht dumm vorkommen (ein "eins-drunter"-Gefühl). Die meisten orthodoxen Analytiker halten Rogers Kunstgriffe nicht nur für schwach, sondern für nicht ganz anständig. Sie geben dem Patienten keine Chance.

Die Ethik der Psychoanalyse erfordert, daß dem Patienten wenigstens eine einigermaßen faire Chance gegeben wird. Kunstgriffe, die den Patienten einfach zerstören, sind wenig geschätzt. Analytiker, die sie anwenden, scheinen mehr Analyse zu benötigen, damit ihnen einen Anzahl legitimerer Kunstgriffe bekannt wird und sie sich trauen, sie anzuwenden. Es wird als nicht richtig angesehen, einen Patienten zu ermutigen, über ein Thema zu sprechen und dann das Interesse zu verlieren, wenn er es tut. Dies bringt den Patienten "eins-drunter", aber es ist ein vergeudeter Kunstgriff, da der Patient nicht versucht, "eins-rauf" zu kommen. Macht der Patient einen solchen Versuch, dann freilich kann es ein notwendiger Schachzug sein, das Interesse zu verlieren.

Eine weitere Variation orthodoxer analytischer Kunstgriffe zeigt einige ihrer Grenzen. Der Psychopath demonstriert ständig, daß er orthodoxen Kunstgriffen überlegen ist. Er weigert sich, für die Analyse zu "volontieren". Geld spielt hierbei keine Rolle. Er will nicht ruhig auf der Couch liegen und reden, während der Analytiker, für ihn unsichtbar, zuhört. Die Struktur der analytischen Situation scheint den Psychopathen zu irritieren. Wenn orthodoxe Kunstgriffe gegen ihn angewendet werden, wird der Psychopath tatsächlich wahrscheinlich die Einrichtung zertrümmern und dem Analytiker in die Genitalien treten (dies nennt man  Unfähigkeit, eine Übertragung herzustellen). 

Dem durchschnittlichen Analytiker sind psychopathische Kunstgriffe unbehaglich, und er meidet deshalb solche Patienten. Neuerdings haben einige mutige Therapeuten herausgefunden, daß sie bei einem psychopathischen Patienten "eins-drüber" kommen können, wenn sie zu zweit arbeiten. Dies nennt man jetzt die "Es-braucht-zwei-um-einen- unterzukriegen" oder "multiple Therapie". Wenn zum Beispiel ein Psychopath zwanghaft redet und nicht einmal aufhören will um zuzuhören, betritt ein zweiter Therapeut das Zimmer, und die Therapeuten beginnen miteinander eine Unterhaltung. Unfähig, seine Neugierde zu zügeln (eine "eins-drunter"-Emotion), wird der Psychopath zu sprechen aufhören und zuhören, wodurch er sich in die Lage bringt, "eins-runter" zu kommen.

Der "eins-drüber"-Meister in der Behandlung von Psychopathen ist ein umstrittener Psychiater, den man in Kollegenkreisen zärtlich "den Bullen" nennt. Wenn ein Zwangsredner ihm nicht zuhören will, zieht der "Bulle" ein Messer gegen den Burschen und lenkt ihn dadurch ab. Kein anderer Therapeut ist so geschickt, sogar den entschlossensten Patienten zu überlisten. Andere Therapeuten benötigen Krankenhäuser, Pfleger, Schockbehandlungen, Stirnhirnoperationen, Psychopharmaka, Zwangsjacken und Wannen, um den Patienten in eine hinreichend "eins-drunter"-Position zu bringen. Dagegen erreicht es der "Bulle" mit bloßen Worten und dem gelegentlichen Blitzen eines Taschenmessers, daß der schwierigste Psychopath sich "eins-drunter" fühlt.

Ein interessanter Gegensatz zum "Bullen" ist eine Frau, die im Beruf als die "liebliche Logen-Dame" bekannt ist. Als Anführerin des Bundes für subtile Überlegenheit über Psychopathen vermeidet sie die Kunstgriffe des "Bullen", die man oft recht grob und nicht immer als von gutem Geschmack beurteilt. Besteht ein Patient darauf, er sei Gott, wird der "Bulle" darauf bestehen, daß  er  Gott sei, und den Patienten auf die Knie zwingen, wodurch er auf ziemlich einfache Weise "eins-drüber" kommt. Um mit einem ähnlichen Anspruch eines Patienten fertig zu werden, wird die Logen-Dame lächeln und sagen: "In Ordnung, wenn sie Gott sein wollen, habe ich nichts dagegen." Der Patient wird auf vornehme Weise "eins-runter" gesetzt, wenn er bemerken muß, daß niemand als Gott irgend jemand anderes Gott sein lassen kann.

Obgleich die orthodoxen analytischen Kunstgriffe bei Neurotikern nur beschränkt anwendbar sind, kann niemand ihren Erfolg leugnen. Der erfahrene Analytiker kann einen Patienten "eins-runter" setzen, während er zur gleichen Zeit überlegt, wo er zu Mittag essen wird. Freilich hat dieses Geschick, immer die Oberhand zu gewinnen, außerordentliche Probleme aufgeworfen, wenn Analytiker in Versammlungen der psychoanalytischen Vereinigungen miteinander wetteifern. Bei keiner anderen Ansammlung von Leuten werden so viele komplizierte Methoden, die Oberhand zu gewinnen, sichtbar.

Die meisten Kämpfe bei Analytikerversammlungen finden auf einer ziemlich persönlichen Ebene statt. Offene Kämpfe erfordern Angriffe, erstens um zu zeigen, wer Freud am nächsten stand oder ihn am längsten zitieren kann, und zweitens, wer die meisten Leute in Verwirrung zu stürzen vermag, indem er Freuds Terminologie auf gewagte Weise erweitert. Der Mann, der diese beiden Ziele am besten erreicht, wird im allgemeinen zum Präsidenten der Vereinigung gewählt.

Die aufregendsten Phänomene bei einer Analytikerversammlung ist die Manipulierung der Sprache. Unklare Begriffe werden definiert und durch noch unklarere Begriffe nochmals definiert, während Analytiker sich auf wütende theoretische Diskussionen einlassen. Dies trifft besonders zu, wenn es sich um die Streitfrage handelt, ob eine bestimmte Behandlung eines Patienten  wirklich  Psychoanalyse war oder nicht. Eine derartige Frage wird unvermeidlich aufgeworfen, sobald eine besonders brillante Krankengeschichte vorgetragen wird.

Was zwischen Analytiker und Patient vorgeht - oder die Kunst, oben zu bleiben -, wird selten auf den Versammlungen diskutiert. Die Technikern sind für eine öffentliche Diskussion offenbar zu geheim. Die Folge davon ist, daß die Prozesse innerhalb des dunklen und dumpfen Inneren des Patienten zum Thema der Auseinandersetzung werden. Bei dem Versuch, den anderen bei Erklärungen der bizarren Innenseiten von Patienten zu übertreffen, wird jeder Redner ständig von Zurufen aus dem hinteren Teil des Saales unterbrochen, wie etwa "keineswegs! Sie verwechseln einen Es-Impuls mit einer schwachen Ich-Grenze!" Oder: "Der Himmel helfe Ihren Patienten, wenn Sie  das  Kathesis nennen!"

Selbst der geschickteste Analytiker gerät ins Schwimmen, sobald er in Schauer von Energietheorien, libidinösen Trieben, instinktiven Kräften und Superego-Hemmungen gerät. Der Analytiker, der die Gruppe am gründlichsten verwirren kann, überläßt seine Kollegen dem Gefühl der Frustrierung und des Neides ("eins-runter"-Gefühl). Die Verlierer kehren zu ihren Studien zurück, um in ihrem Geiste, in ihren Wörterbüchern, in den Zeitschriften für "Science-Fiction" und bei Freud nach noch ausgefeilteren metaphorischen Höhenflügen nachzuforschen, um sich für die nächste Versammlung vorzubereiten.

Die Kunstgriffe von Analytiker und Patient, wie sie während eines typischen Behandlungsverlaufes auftreten, lassen sich kurz zusammenfassen. Die individuellen Fälle unterscheiden sich durch die Manöver, die der individuelle Patient anwendet - vom Analytiker "Symptome" genannt, wenn es sich um Kunstgriffe handelt, die kein vernünftiger Mensch verwenden würde -, aber der allgemeine Verlauf läßt sich leicht verfolgen.

Der Patient tritt in die Analyse in der "eins-drunter"-Haltung ein, indem er um Hilfe bittet und sofort versucht, den Therapeuten "eins-runter" zu setzen, indem er ihm schmeichelt. Dies nennt man die Flitterwochen der Analyse. Der Patient beginnt damit, den Therapeuten zu beglückwünschen, wie wundervoll er sei, und wie rasch er (der Patient) erwarte, daß es ihm besser gehe. Der geschickte Analytiker läßt sich von diesen Manövern nicht täuschen (bekannt als "Reich's-Widerstands-Kunstgriff"). Wenn der Patient sich ständig "eins-runter" gesetzt fühlt, ändert er die Taktik. Er wird gemein, beleidigend, droht damit, die Analyse aufzugeben, und zieht den Verstand des Analytikers in Zweifel.

Dies sind die "menschliche Reaktions"-Kunstgriffe. Sie treffen auf eine unbewegliche, unpersönliche Mauer, wenn der Analytiker sich in Schweigen hüllt oder den Beleidigungen mit einer einfachen Feststellung begegnet wie: "Haben Sie bemerkt, daß dies der zweite Dienstag nachmittag ist, an dem Sie eine solche Bemerkung gemacht haben? Ich frage mich, was es mit dem Dienstag auf sich hat." Oder: "Sie scheinen auf mich zu reagieren, als ob ich jemand anderes wäre. In seinem aggressiven Verhalten frustriert ("Widerstands-Kunstgriff"), kapituliert der Patient und gibt die Führung der Situation ostentativ an den Analytiker zurück. Indem er den Analytiker von neuem erhöht, lehnt er sich an ihn an, hängt sich an jedes seiner Worte, besteht darauf, wie hilflos er und wie stark der Analytiker sei, und wartet auf den Augenblick, in dem er den Analytiker weit genug gebracht haben wird, um ihn mit einem geschickten Kunstgriff zu vernichten.

Der erfahrene Analytiker begegnet dem geschickt mit einer Serie von "herablassenden" Kunstgriffen, indem er darauf hinweist, daß der Patient sich selbst helfen müsse und nicht erwarten könne, daß irgend jemand anderess für ihn alles löse. Wütend schaltet der Patient wieder von unterwürfigen auf herausfordernde Kunstgriffe um. Mittlerweile hat er vom Analytiker dessen Techniken erlernt, und es geht ihm besser. Er benutzt alle gewonnenen Einsichten (dem Laien unbekannte Kunstgriffe), um auf jede Weise die Beziehung derart zu gestalten, daß der Analytiker "eins-runter" kommt.

Die ist die schwierigste Periode der Analyse. Nachdem er den Boden durch eine gründliche Diagnose (Zusammenstellung schwacher Punkte) vorbereitet und dem Patienten eine Folge von Zweifeln an sich selbst beigebracht hat, gelingt es dem Analytiker immer wieder, den Patienten im Laufe der Jahre unterzukriegen. Schließlich ereignet sich etwas Bemerkenswertes. Ziemlich beiläufig versucht der Patient "eins-rauf" zu kommen, worauf der Analytiker ihn "eins-runter" setzt; mit einem Mal wird der Patient nicht mehr verwirrt. Er hat den Punkt erreicht, wo es ihm nicht mehr  wirklich  darauf ankommt, ob der Analytiker oder er die FÜhrung der Beziehung hat. Mit anderen Worten, er ist geheilt.

Der Analytiker entläßt ihn so rechtzeitig zu einem Zeitpunkt, bevor der Patient von sich aus mitteilt, daß er nicht mehr komme. Der Analytiker nimmt sich seine Warteliste vor und läßt einen anderen Patienten zu sich kommen, definitionsgemäß wieder jemand, der darum kämpfen muß, "eins-rauf" zu kommen und den es in Verwirrung stürzt, wenn er "eins-runter" gesetzt wird. Und so geht die Tagesarbeit in der schwierigen Kunst der Psychoanalyse weiter.
LITERATUR - Jay Haley, Die Kunst der Psychoanalyse, in "Wort und Wirklichkeit", Beiträge zur Allgemeinen Semantik, Hrsg. Günther Schwarz, Darmstadt 1968