cr-2cr-2MillTh. AchelisP. NatorpE. PfleidererPh. FrankC. Göring    
 
ELSE WENTSCHER
Das Problem des Empirismus
[dargestellt an John Stuart Mill]
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"Mill  fesselt das Problem, das den Kern seines Systems der Logik bildet: die Erfahrungsgrundlage des Denkens und die  Induktion.  Er sieht unmittelbar auch den Zusammenhang, der zwischen dieser und dem Kausalproblem obwaltet, weil es der eigentliche Zweck der induktiven Urteile in der Naturwissenschaft ist, ursächliche Zusammenhänge zu untersuchen. So fragt er nach dem Recht der Generalisation vom Einzelnen auf das Allgemeine."

"Die Antwort auf alle Fragen, die gestellt werden können muß in  Urteile  gekleidet sein; alle Wahrheit und aller Irrtum liegt in wahren und falschen Urteilen. Ein Urteil ist eine Aussage, in der etwas von einem Ding behauptet, bejaht oder verneint wird. Jede Bejahung oder Verneinung ist, in Worte gekleidet, ein Satz; einen Satz bejahen oder verneinen heißt: ihn  glauben  oder nicht glauben."

"Wenn wir einmal festgestellt haben, daß alle Menschen sterblich sind, dann ist das Urteil  Sokrates ist sterblich  im ersten Urteil bereits enthalten, und es ist eine  petitio principii, [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp]es als daraus erschlossen hinzustellen. Man muß sich vielmehr klar machen, daß man niemals aus einem allgemeinen Urteil ein besonderes folgern kann, das in jenem nicht bereits mitgedacht wäre. Wenn also der Schlußsatz eines Syllogismus etwas aussagt, was in den Prämissen nicht enthalten war, so ist die Argumentation fehlerhaft."

"Jede Induktion besteht in dem Schluß, daß dasjenige, was für einen besonderen Fall gilt, auch in allen den Fällen wahr sein wird, die jenem  ähnlich  oder  gleich  sind. Die Induktion hat in der wissenschaftlichen Forschung den Zweck, die Tatsachen zu erklären und sie vorauszusagen, d. h. die Bedingungen zu bestimmen, unter denen  ähnliche  Tatsachen, wie die beobachteten, wiederkehren werden."


Zweites Kapitel
Die induktive Logik

In Deutschland herrschte in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Logik noch fast unumschränkt die dialektische Methode HEGELs. Die Reaktion gegen ihn geht von wenigen selbständigen Geistern aus, vor allem von LOTZE und TRENDELENBURG. Beide sind von der Überzeugung durchdrungen, daß die dialektisch-spekulative Methode nicht vermag, einen adäquaten Ausdruck für die Gesetze unseres Denkens zu bieten. Weist TRENDELENBURG im Gegensatz dazu wieder auf den Formalismus der aristotelischen Logik hin, so sucht LOTZE, im eigenen Denken, unabhängig von der Überlieferung, eine neue Basis der Logik zu gewinnen. Dabei kommt es ihm vor allem darauf an, stets die Fühlung der logischen Probleme mit den naturwissenschaftlichen und mathematischen Methoden herzustellen. - Viel lebhafter noch wird zu jener Zeit in England der Zusammenhang der Logik mit den Erfahrungswissenschaften betont; dafür zeugen die Werke von SIR JEAN HERSCHEL (17), von WHEWELL (18) und ganz besonders das theoretische Hauptwerk von JOHN STUART MILL: "A System of Logic Ratiocinative and Inductive." (19)

Der junge MILL hatte sich von seinem 20. Jahr an logischen Studien zugewandt und in Gemeinschaft mit seinen Freunden z. B. die "Computatio sive Logica" von HOBBES durchgearbeitet. Von dieser Zeit an haben die logischen Probleme ihn nicht mehr losgelassen. Im Jahre 1828 schreibt er für die "Westminster Review" einen Artikel über WHATELYs "Logik" und bald reift in ihm der Plan, selsbt ein Werk über Logik zu schaffen. Im Jahre 1830 macht er die ersten Aufzeichnungen dazu, und zwar fesselt ihn sofort das Problem, das den Kern seines Systems der Logik bildet: die Erfahrungsgrundlage des Denkens und die  Induktion.  Er sieht unmittelbar auch den Zusammenhang, der zwischen dieser und dem Kausalproblem obwaltet, weil es der eigentliche Zweck der induktiven Urteile in der Naturwissenschaft ist, ursächliche Zusammenhänge zu untersuchen (20). So fragt er nach dem Recht der Generalisation vom Einzelnen auf das Allgemeine, während er sich andererseits auch "den Kopf zerbricht am großen Paradoxon der Erschließung neuer Wahrheiten durch allgemeine Schlüsse". Er fühlt jedoch bald, daß er dieser Probleme nicht Herr werden kann ohne eine genaue Kenntnis der experimentellen Wissenschaften, die sich der induktiven Methode bedienen. So studiert er physikalische, chemische und physiologische Werke u. a. LIEBIG und FARADAY und er empfängt viel Anregung durch WHEWELLs "History of the Inductive Sciences". Er liest alle diese Werke unter dem Gesichtspunkt, die Bedingungen der gültigen Beweise zu finden. Den Keim zu seiner späteren Theorie der Deduktion entnimmt er der Logik des schottischen Philosophen DUGALD STEWART (21), der der Assoziationspsychologie nahesteht.

Dagegen lernt er COMTEs Positivismus erst kennen, nachdem er seine Theorie der Induktion bereits vollendet hatt. Alle diese Studien beschäftigen den jungen Denker mehr als ein Jahrzehnt; 1840 ist das  WHEWELL, die "Philosophy of the Inductive Sciences" erschienen; sie bietet ihm "eine ausführliche Behandlung des Gegenstandes durch einen Antagonisten" und dadurch den Anstoß, seine eigenen Ideen noch klarer zu fassen und gegen Angriffe zu verteidigen. So fügt er seinem Buch jetzt die Kontroverse gegen WHEWELL ein und behandelt noch einige durch COMTE angeregte Fragen. Im Jahr 1843 endlich erscheint MILLs induktive Logik das Werk, das BAIN "das best angegriffene Buch jener Zeit" nennt, und dem die Naturforscher LIEBIG und HERSCHEL die höchste Anerkennung zollen.

Die induktive Logik gibt uns von der Geistesarbeit MILLs ein sehr charakteristisches Bild; polemische Gesichtspunkte ganz bestimmter Art sind, wie für seine ganze Lebensarbeit, so auch für die Logik wesentlich geworden. Es ist der Kampf gegen die "intuitive Philosophie", mit ihren unbegründeten Voraussetzungen und ungeprüften Vorurteilen, der unseren Denker unter immer neuen Gesichtspunkten in die Schranken gerufen hat. Denn MILL sieht in dieser Geistesrichtung eine Gefahr für die Theorie, wie für das praktische Leben; sie dünkt ihm "eines der stärksten Hemmnisse für den menschlichen Fortschritt und die Quelle der Reaktion des 19. gegen das 18. Jahrhundert". (22) Muß doch jeder Reformer, ja jeder Kritiker beständig auch solche Ansichten und Einrichtungen angreifen, die sich auf fest gewurzelte Gefühle stützen. Nichts aber ist einer solchen Arbeit hinderlicher als eine Lehre, die in "Lieblingsdoktrinen intuitive Wahrheiten sieht und die Stimme der Natur oder Gottes darin erkennt, die mit weit höherer Autorität spricht als unsere Vernunft" (a. a. O.). MILL, der keine größere Leidenschaft kennt als den Kampf für die Wahrheit, muß in einer solchen Lehre schärfste Gegnerschaft erblicken; er muß darum alles tun, "die Axt an die Wurzel der intuitiven Philosophie" zu legen. In diesem Kampf bietet sich ihm als Waffe die überlieferte Methode der psychologischen Analyse dar, die auch BENTHAM erfolgreich zur Kritik der intuitiven Moralprinzipien verwendet hatte; die eigentliche Basis für seine Polemik aber sind die Prinzipien des  Empirismus MILL sieht "keinen Grund zum Glauben, daß irgendetwas anderes Gegenstand unserer Erkenntnis sein kann als unsere Erfahrung, oder daß irgenwelche Ideen, Gefühle oder Fähigkeiten im menschlichen Geist vorhanden sind, die man nicht erklären kann, ohne ihren Ursprung auf eine andere Quelle zurückzuführen". (23) Aus dieser in MILLs tiefstem Wesen wurzelnden Überzeugung erkennen wir die beiden charakteristischen Züge, die in seinem Denken gepaart sind: die rationalistisch-kritische Methode, die mit der Leuchte der Vernunft, im Kampf für Wahrheit und Sachlichkeit, auch gegen geheiligte Überlieferungen und Glaubenssätze vorgeht und nichts hinnimmt, was vor dem Forum des Verstandes nicht standhält, - und andererseits den auf die Spitze getriebenen Empirismus, der in allem nur den Ausdruck der Erfahrungstatsachen sehen will.

MILL definiert die Logik als "die Wissenschaft des Beweises oder der Evidenz" (24); da der bei weitem größte Teil unseres Wissens aus Folgerungen besteht, so ist fast das ganze Gebiet der Wissenschaft und der Erkenntnisse des täglichen Lebens der Autorität der Logik unterworfen. Denn sie untersucht, welchen Bedingungen eine Tatsache entsprechen muß, wenn sie andere beweisen will. Sie ist die Wissenschaft von den Verstandesoperationen, die zur Schätzung des Beweises dienen: sowohl des Prozesses selbst, als auch der daran beteiligten Hilfsoperationen. Zu diesen gehört vor allem die Sprache; MILL widmet ihrer Analyse, den Namen und Definitionen eine eingehende Untersuchung (25). Er erörtert in diesem Zusammenhang auch die "durch Namen bezeichneten Dinge": er bietet eine kurze erkenntnistheoretische Untersuchung der letzten Bestandteile der Außen- und Innenwelt; wir werden unten (Kap. 4) darauf zurückkommen. Auch im Rahmen seiner Urteilslehre streift er sehr oft die Grenzen von Logik und Erkenntnistheorie. Er wendet sich darin in treffender Kritik gegen die überlieferte rein formale Umfangstheorie, und er kommt in seiner eigenen Urteilsanalyse der heute vertretenen Immanenztheorie sehr nahe. Die Antwort auf alle Fragen, die gestellt werden können, so führt er aus, muß in  Urteile  gekleidet sein; alle Wahrheit und aller Irrtum liegt in wahren und falschen Urteilen. Ein Urteil ist eine Aussage, in der etwas von einem Ding behauptet, bejaht oder verneint wird. Jede Bejahung oder Verneinung ist, in Worte gekleidet, ein Satz; einen Satz bejahen oder verneinen heißt: ihn glauben oder nicht glauben. Insofern besteht die eigentliche Urteilsfunktion in einer Zustimmung, einem Glaubensakt; es ist jedoch nach MILLs Überzeugung nicht Aufgabe der Logik, diesen Glaubensakt zu analysieren. Nicht das Urteilen, sondern die Urteile sind Gegenstand der Logik.

Sie wirft die Frage auf: Was ist es, dem wir im Urteil unsere Zustimmung geben oder versagen? Und sie kann darauf nur antworten: Nicht unsere Idee von den Dingen, sondern die Dinge selbst, eine objektive Beziehung zwischen ihnen, ist der Gegenstand unserer Zustimmung oder unserer Ablehnung. MILL unterscheidet reale und verbale Urteile; zu letzteren gehören die Benennungen, aber auch diejenigen Behauptungen, die einen geltenden Sprachgebrauch feststellen. In den realen Urteilen aber bringen wir zum Ausdruck, daß der Prädikatsinhalt zum Subjektsinhalt in einer bestimmten Beziehung steht. Und zwar müssen wir fünf Arten solcher Beziehungen unterscheiden:  Koexistenz, Sukzession, Existenz, Verursachung  oder  Ähnlichkeit Das Subjekt eines jeden Urteils besteht aus einer oder mehreren Tatsachen des Bewußtseins, oder aus einer oder mehreren der verborgenen Kräfte oder Ursachen, die in den Bewußtseinserscheinungen zutage treten. Alles aber, was wir von diesen Subjekten in Realurteilen aussagen, hat eine der fünf genannten Beziehungen zum Gegenstand. Jedes Urteil behauptet, daß irgendein Subjekt ein Attribut besitzt oder nicht besitzt, oder daß ein Attribut in einem Subjekt mit einem bestimmten anderen Attribut vereinigt ist oder nicht.

Aber nicht die Urteilslehre ist der Kernpunkt von MILLs Logik; dieser besteht vielmehr in der Lehre vom  Schluß  oder  Beweis.  Jeder Schluß hat den Zusammenhang von Grund und Folge aufzusuchen und die Frage zu beantworten: wie werden Behauptungen, die nicht auf eine unmittelbare Anschauung zurückgehen, bewiesen oder widerlegt? Unter "Beweisen" und "Schließen" verstehen wir die Herleitung eines Urteils aus einem anderen evidenten Urteil. Das Charakteristikum der MILLschen Logik ist nun der Nachweis, daß die Schlußweise, in der die Logiker seit ARISTOTELES vornehmlich das Wesen des Folgerns erblickt haben, daß der Syllogismus kein eigentliches Schließen, kein Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten, darstellt (26). Wenn wir z. B. einmal festgestellt haben, daß alle Menschen sterblich sind, dann ist das Urteil "Sokrates ist sterblich" im ersten Urteil bereits enthalten, und es ist eine  petitio principii  [Fehler im Ansatz - wp], es als daraus erschlossen hinzustellen. Man muß sich vielmehr klar machen, daß man niemals aus einem allgemeinen Urteil ein besonderes folgern kann, das in jenem nicht bereits mitgedacht wäre. Das geht schon aus dem Grundsatz der logischen Überlieferung hervor: Wenn der Schlußsatz eines Syllogismus etwas aussagt, was in den Prämissen nicht enthalten war, so ist die Argumentation fehlerhaft. Darum hatte der Syllogismus als Schlußform offenbar nur so lang eine Bedeutung, wie man die Universalien als besondere, von den Einzeldingen unterschiedene Wesenheiten betrachtete; damals war das "dictum de omni et nullo" [Satz von allem und keinem - wp] kein identischer Satz. Was aber bedeutet heute die Versicherung: was von der ganzen Klasse gilt, muß auch von den darunter fallenden Individuen gelten?

Ähnlichen Bedenken gegen die Gültigkeit des Syllogismus, wie den hier erhobenen, begegnen wir öfter in der Geschichte der Logik: Zuerst in der antiken Skepsis bei SEXTUS EMPIRICUS und AGRIPPA; sie machen gegen ARISTOTELES' Theorie der unmittelbar gewissen Prämissen, der  amesa  geltend, daß die wissenschaftlichen Beweise vielfach auf Annahmen beruhen, die das zu Beweisende bereits voraussetzen (27), daß der Syllogismus einen Zirkelschluß darstellt. Auch BACON, DESCARTES und LOCKE erheben das Bedenken gegen die syllogistische Schlußweise, daß sie keinen Fortschritt im Denken erzeugen kann. Im selben Jahr mit MILLs Werk aber erscheint in Deutschland LOTZEs  Logik;  auch diese beschäftigt sich eingehend mit dem Einwand, daß die erste aristotelische Schlußfigur lediglich auf eine Tautologie hinausläuft, ja, daß sie im Schlußsatz weniger aussagt, als im Obersatz bereits vorausgesetzt ist (28). Völlig anders aber als der englische, stellt sich der deutsche Denker zu dem Einwand. Jener, dessen Geist wesentlich aus der Quelle der Assoziationspsychologie gespeist ist, den die Vertreter der intuitiven Philosophie gelehrt hatten, gegen "Denknotwendigkeiten" skeptisch zu sein, nimmt die Bedenken gegen das syllogistische Schließen zum willkommenen Anlaß, den Empirismus bis zu der Behauptung zu erweitern: Es gibt kein rational-analytisches Schließen, keine von der Erfahrung unabhängigen wirklichen Denknotwendigkeiten. Für LOTZE dagegen wird jene Einsicht vielmehr zum Anstoß, die überlieferte Theorie des Syllogismus zu revidieren und erheblich weiterzuführen.

Der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere kann also nach MILL nichts beweisen, sondern er läuft auf einen Zirkel hinaus. Dennoch verkennt er nicht, daß in jenem Beispiel das Endurteil "Sokrates ist sterblich" das Resultat eines Schlusses ist: Nicht jedoch eines Schlusses aus dem allgemeinen Obersatz, sondern aus etwas, was diesem vorhergeht. Die im Obersatz festgelegte allgemeine Wahrheit kann nur der Erfahrung entstammen; hier aber beobachten wir lediglich individuelle Fälle. Aus ihnen folgern wir die allgemeine Wahrheit auf dem Weg der  Induktion,  indem wir schließen, daß das, was wir bisher als gültig erfahren haben, es auch künftig sein wird. Wir müssen im syllogistischen Schließen zweierlei, was zumeist vermengt wird, auseinander halten: den folgernde und den registrierenden Teil (29). Was bisher als Kern der syllogistischen Gedankenführung galt, der Übergang vom Allgemeinen zum Besonderen, gehört nur der registrierenden Seite unseres Denkens an; so schließen wir z. B. nicht aus der Sterblichkeit aller Menschen auf die eines bestimmten Einzelnen; in diesem Übergang liegt keine Folgerung, er drückt kein Verhältnis von Grund und Folge, keinen Schluß von Bekanntem auf Unbekanntes aus. Ein solcher liegt immer nur vor im umgekehrten Verfahren, in der aus der Erfahrung geschöpften Generalisation vom Einzelnen auf das Allgemeine, also in der Induktion, deren Resultat wir im allgemeinen Obersatz ausdrücken. Haben wir diese Generalisation einmal gedacht und in einem allgemeinen Urteil formuliert, "so bleibt nichts mehr zu tun als ein Entziffern unserer eigenen Notizen", nämlich der einzelnen darin niedergelegten Beobachtungen. Wir könnten darum sehr wohl vom Besonderen gleich auf ein anderes Besonderes schließen, ohne den Umweg durch den allgemeinen Obersatz zu nehmen, "durch den der Begrüundung kein Jota zugefügt wird". So ist der Syllogismus für MILL also ein Schluß vom Besonderen auf das Besondere, von einzelnen beobachteten Gegenständen auf andere Einzeldinge. Wir mögen, um uns der Gültigkeit des Schlusses zu versichern, ihn immerhin durch die Generalisation des Obersatzes hindurchführen; für den Prozeß des Folgerns selbst wird dadurch nichts gewonnen; geboten ist dieser Umweg nur, wo "wissenschaftliche Genauigkeit verlangt wird". Stellt jede obere Prämisse "ein Register von möglichen Schlüssen aus vergessenen Tatsachen" dar, so bietet uns die formale Logik in der Lehre vom Syllogismus die Regeln dar, nach denen dieses Verzeichnis zu benutzen ist. Insofern bleibt die syllogistische Form ein unentbehrliches Kriterium "für die Richtigkeit der Generalisation", die wir im Obersatz aussprechen, wenn auch die Beweiskraft, der Zusammenhang von Grund und Folge, in dem "im Syllogismus nur verschleierten Schluß vom Besonderen auf das Besondere liegt".

Zweifellos hat diese Gedankenführung, zumal in MILLs glänzender Diktion, etwas Bestechendes. Ist sie jedoch wirklich zwingend? (30) MILLs Ausstellung an der überlieferten Schlußlehre wendet sich gegen den Syllogismus mit induktiv-allgemeinen Prämissen; dieser aber besagt tatsächlich mehr, als es zunächst scheint. Wir nehmen noch einmal das auch von MILL benutzte, bekannte Schulbeispiel. Genau zergliedert, behauptet dessen Obersatz: alle Menschen sind bisher gestorben, also werden auch alle jetzt und künftig lebenden Menschen sterben. Der Untersatz aber besagt:  X  hat alle Merkmale, die bisher an allen lebenden Menschen beobachtet worden sind; also wird er auch alle übrigen Merkmale haben. Wir unterscheiden somit in den beiden Prämissen zwei Bestandteile: den registrierenden und den induktiven, und zwar erschließen wir (mit welchem Recht, wird die Theorie der Induktion lehren!) den zweiten Teil aus dem ersten. Wenn der Schlußsatz daraufhin lautet: "Also wir  X  Selbstzweck; sterben", so ist deutlich, daß dieser "das Besondere zu den zweiten, den induzierten Bestandteilen der Prämissen" ist (BENNO ERDMANN) (31). Er stellt somit einen  Schluß  dar und nicht, wie MILL beweisen möchte, einen Zirkel; denn der Schlußsatz ist bei den Syllogismen mit induktiv-allgemeinen Prämissen nicht im Obersatz schon vorausgesetzt, sondern er folgt aus den beiden Prämissen. Und zwar folgern wir ihn, indem wir ein aus früheren Erfahrungen gewonnenes Allgemeines auf ein Besonderes, das in jenem nicht enthalten war, übertragen. Darum analysiert der Syllogismus nicht, wie MILL behauptet, nur ein schon vorhandenes Wissen, sondern er erweitert es, indem er es auf neue, bisher nicht beachtete Fälle überträgt. So besteht also die logische Beziehung von Grund und Folge auch im Syllogismus selbst zurecht und nicht nur in einer ihm vorhergehenden Induktion. MILL verkennt, wie SIGWART zeigt, den Charakter des allgemeinen Obersatzes, wenn er darin eine bloße Summierung von Einzelurteilen sieht. Dieser drückt vielmehr die  Notwendigkeit  aus, mit dem Subjekt das Prädikat zu verknüpfen. MILL verwechselt "die Beschreibung des psychologischen Prozesses der Folgerung mit der logischen Gesetzgebung für dieselbe". Gewiß schließt man oft vom Einzelnen auf das Einzelne, aber "es fragt sich, ob man so schließen darf". Darüber entscheidet, was allein den Schluß legitim macht: die Gültigkeit des allgemeinen Satzes. (32)

In der Kritik am Syllogismus offenbart sich ein Zug in MILLs Denken, der uns immer wieder begegnen wird: der Psychologismus, die Tendenz, logische und (wie wir später sehen werden) auch erkenntnistheoretische Fragen zu lösen mittels psychologischer Analyse. Erklärt er doch einmal sogar die Logik für "einen Zweig der Psychologie". (33)



Wie wenig er dabei den Gesetzen unseres Denkens gerecht wird, tritt vor allem in seiner Kritik an den Lehrsätzen und Axiomen der Mathematik zutage; auch diese sind ihm nichts anderes als induktiv gewonnene Wahrheiten. Mit dieser Behauptung geht MILLs Empirismus über den von HUME vertretenen weit hinaus; er zieht die Konsequenz, die nach KANTs Urteil schon HUME hätte ziehen müssen: er leugnet den Begriff der Notwendigkeit auch auf dem Gebiet der Mathematik. Sah HUME in den mathematischen Sätzen den Ausdruck von "relations of ideas", so sind diese für MILL, ebenso wie die Resultate jeder Tatsachenwissenschaft, Ergebnisse der Erfahrung. Insofern hat er den Empirismus ebenso auf die Spitze getrieben, wie einst SPINOZA den Rationalismus. Galt diesem alles  causari,  jede Naturwirksamkeit als ein "sequi ex definitione" [ergibt sich aus der Definition - wp], so nimmt MILL umgekehrt alle Definitionen, Lehrsätze und Axiome der Mathematik, ebenso wie all unser Wissen um kausale Zusammenhänge für Ergebnisse der Erfahrung. Auch diese Übertreibung des Empirismus ist historisch zu verstehen. Die Vertreter der intuititiven Philosophie beriefen sich oft darauf, daß auch in den Axiomen der Mathematik ein intuitives Moment enthalten ist, darum glaubt MILL, seine Gegner am sichersten aus dem Feld zu schlagen durch den Beweis, daß jene vielmehr ein Ergebnis der Erfahrung sind.

Die Mathematik hat also für MILL die Bedeutung einer Tatsachenwissenschaft; die Geometrie z. B. ist eine "streng physikalische Disziplin"; denn ihre Gebilde, die Linien, Punkte und Figuren sind Kopien aus den Gebilden der Sinneswahrnehmung. In ihren Lehrsätzen kommen "Gesetze der äußeren Natur" zum Ausdruck, die "durch Generalisation von der Beobachtung und dem Experiment" aus gewonnen werden (34). Auch die elementaren Wahrheiten der Algebra, die Axiome der Gleichheit und die Definitionen der Zahlen, sind der  Erfahrung  entnommen; denn die in der Definition einer Zahl neben der Worterklärung behauptete Tatsache ist eine "physikalische". Jede Zahl nämlich "bezeichnet ein physikalisches Phänomen und mitbezeichnet eine physikalische Eigenschaft dieses Phänomens (35), und dieses beruth zuletzt auf der sichtbaren Tatsache, daß z. B. drei Dinge sich von zwei Dingen unterscheiden. MILL denkt also bei der Mathematik nicht so sehr an mathematische Begriffe, als vielmehr an konkrete Gebilde, wie etwa bstimmte gezeichnete Kreise, oder an Dinge, die eine Anzahl repräsentieren. Weil aber die Mathematik für ihn eine Tatsachenwissenschaft ist, so kann den Sätzen ihres Gebietes keine andere als nur empirische Gültigkeit zukommen. Und umgekehrt: weil MILL, seiner ganzen Denkweise nach, apriorische Wahrheiten, Axiome und Denknotwendigkeiten nicht anerkennt, so würde die Mathematik sich für ihn mit Nichtigkeiten, mit "Non-Entitäten" beschäftigen, wenn er sie nicht zur Tatsachenwissenschaft und ihre Sätze zu empirischen stemmpeln wollte. Sie stünde sonst auf gleicher Stufe, wie ein System von Sätzen aus ganz willkürlichen Hypothesen, so als wenn z. B. ein Zoologe sich ein imaginäres Tier dächte, und aus den bekannten physiologischen Gesetzen dessen Naturgeschichte deduktiv ausarbeiten würde.

Wie beweist MILL diesen induktiv-empirischen Ursprung der mathematischen Definitionen und Axiome? (36) Er vertritt, in Anlehung an DUGALD STEWART, den Gedanken: die Fundamentallehren der Geometrie sind auf Hypothesen gebaut, die aus der Erfahrung abstrahiert sind. Die eigentümliche Gewißheit, die die mathematischen Sätze trotzdem auszeichnet, aber verdanken sie der logischen Strenge, mit der von den Hypothesen aus weiter geschlossen wird; nur sofern sie aus diesen Voraussetzungen notwendig folgen, sind sie notwendige Wahrheiten. Die Voraussetzungen selbst aber sind "soweit entfernt, notwendig zu sein, daß sie nicht einmal wahr sind", sondern sich "absichtlich mehr oder weniger von der Wahrheit entfernen". Nehmen wir z. B. die den meisten Lehrsätzen zugrunde liegenden geometrischen Definitionen, etwa die des Punktes oder der geraden Linie. Da sie für MILL nichts anderes sind als "die ersten und augenfälligsten Generalisationen aus der Erfahrung", so gelten sie stets nur annäherungsweise. Sie unterscheiden sich deutlich von der Wirklichkeit, in der es weder einen ausdehnungslosen Punkt, noch eine Linie ohne Breite gibt, Gebilde, die wir uns auch im Denken nicht vorstellen können. So ist die absolute Genauigkeit, die wir für die mathematischen Begriffe in Anspruch nehmen, tatsächlich eine "nur eingebildete". Damit steht freilich im Widerspruch, daß MILL andererseits von der "unwiderstehlichen Zustimmung" spricht, die wir den mathematischen Wahrheiten zollen. - Welche Evidenz aber kommt den mathematischen  Axiomen  zu? Sie unterscheiden sich von den Definitionen dadurch, daß sie "ohne Beimischung von Hypothesen" gelten. Dennoch sind auch sie lediglich experimentelle Wahrheiten, Generalisationen aus der Erfahrung. Das weist unser Denker an dem Satz nach: "Zwei gerade Linien können keinen Raum einschließen." (37) Was bürgt uns für seine Gültigkeit? Alle, so argumentiert er, sind sich darüber einig, daß uns die erste Kenntnis jenes Satzes aus der Erfahrung stammt. Nicht aber soll, nach der Ansicht der Aprioristen, die  Gültigkeit,  die  Evidenz  der Axiome aus der Erfahrung herzuleiten sein; sie soll vielmehr in der Beschaffenheit unseres Geistes wurzeln. Darum bedürfen sie, einmal von uns erfaßt, der Bestätigung aus der Erfahrung nicht mehr. Gegen diese z. B. von WHEWELL vertretene Gedankenführung aber wendet MILL ein: ob das Axiom der empirischen Bestätigung bedarf oder nicht - es erhält sie beständig. Ja, diese Beweise häufen sich so sehr und so ausnahmslos, daß wir hier bald einen stärkeren Grund als nur irgendwo haben, das "Axiom" vielmehr für eine empirische Wahrheit zu halten.

Nirgendwo wird so deutlich wie hier, daß MILL die psychologische Frage nach dem  Ursprung  einer Erkenntnis mit der logischen nach ihrer  Gültigkeit  verwechselt. Er macht sich nicht klar, daß eine Erkenntnis, deren erster Ursprung, deren Veranlassung uns aus der Erfahrung stammt, noch lange nicht in der Erfahrung allein ihre Begründung findet. Er hat KANTs transzendentale Deduktion der Kategorien offenbar wegen des darin enthaltenen Apriorismus abgelehnt, ohne sie völlig durchdacht zu haben. So verwickelt er sich, wie SAENGER es ausspricht, "in die schwersten Widersprüche, ... indem er die Erfahrung erklären will und sie als Erklärungsmittel beständig im Mund führt". Gewiß hat ihn "der Kampf gegen das scholastische Spiel mit den ewigen Wahrheiten" stumpf gemacht für den logisch rationalen Anteil an unserer Erfahrung (38). Noch öfter werden wir bemerken, daß ihn das starke polemische Element in seinem Denken über sein eigentliches Ziel hinausschießen läßt. Auch in diesen Gedankengänägen der Logik spielt die Polemik eine bedeutende Roll; sie wendet sich gegen WHEWELLs im Jahr 1840 erschienene "Philosophy of the Inductive Sciences" (39). Dieser geht, in Übereinstimmung mit allen deutschen Denkern seit KANT, von der Überzeugung aus: Wir halten die Axiome nicht allein für wahr, sondern auch für universell und notwendig wahr. Notwendige Wahrheiten aber sind solche, durch die wir nicht allein innewerden, daß ein Urteil wahr  ist,  sondern daß es wahr sein  muß.  Als Beispiel gibt WHEWELL das Urteil  2 + 3 = 5;  seine Notwendigkeit folgt daraus, daß wir nicht imstande sind, im Gegensatz dazu "infolge einer Grille" [dumme Idee - wp] etwa zu denken  2 + 3 = 7.  So erweist sich die Negation eines notwendigen Urteils als denkunmöglich, und der Satz selbst somit als denknotwendig. Gegen diese Gedankenführung erinnert MILL an seine uns bekannte Abteilung der algebraischen Sätze aus der Erfahrung: nur die empirische Tatsache, daß z. B. 2 Kieselsteine zu  3  anderen gelegt  5  ergeben, führt uns zu dem Urteil  2 + 3 = 5.  Auch unsere Unfähigkeit, Urteile zu vollziehen, die im Gegensatz zu den sogenannten "notwendigen" stehen, beruth auf einer empirischen Tatsache: auf den unseren Geist beherrschenden empirisch begründeten Assoziationsgesetzen und zwar auf dem Gesetz der "inseparable association" [untrennbare Gedankenverbindung - wp]. STUART MILL hat dieses Gesetz, auf das wir unten (Kap. 3) näher einzugehen haben, von seinem Vater übernommen. Es besagt: Haben wir oft zwei Ideen in Verbindung miteinander in uns aufgenommen, so gehen sie in unserem Geist eine so enge Assoziation ein, daß sie nicht mehr getrennt werden können, und daß wir deshalb auch die ihnen entsprechenden Dinge als notwendig verbunden ansehen. So wird die Vorstellung ihrer Trennung für uns schließlich denkunmöglich. Die Geschichte des menschlichen Geistes aber lehrt, daß viele von den für unzertrennlich geltenden Ideenverbindungen schließlich doch aufgelöst werden können, wenn andere, den bisherigen entgegengesetzte Erfahrungen eintreten. Auf Erfahrung und Assoziation glaubt MILL also die Denknotwendigkeit und andererseits die Undenkbarkeit stützen zu können, die wir in den mathematischen Axiomen, Definitionen und Lehrsätzen aussprechen. Hat er sich von der allbeherrschenden Macht der Assoziationspsychologie in manchen Punkten befreit, so ist sie so dennoch ein mächtiger Faktor in seinem Denken, die Hauptstütze des Empirismus, geblieben.

Gewiß werden wir unserem Philosophen einen weitgehenden Einfluß der Assoziationsgesetze auf unser Denken zugestehen müssen; aber es fragt sich, ob sie die einzige unseren Geist beherrschende Gesetzlichkeit darstellen, ob es nicht darüber hinaus Gesetze gibt, von denen die Ideen selbst, abgesehen von ihrer Verbindung abhängen (40). Man hat mit Recht gefragt: Warum können wir uns z. B. ein Kalb mit zwei Köpfen vorstellen, ohne je eins gesehen zu haben, während wir die Vorstellung von zwei parallelen Gerade, die einen Raum einschließen, nicht vollziehen können? Warum ist die Denkgewohnheit in jenem Fall zu überwinden, in diesem aber nicht? Den Grund dieses Unterschiedes müßte MILL angeben, wenn er seinen Empirismus beweisen wollte! Niemals aber wird ihm eine empirische Ableitung der mathematischen Lehrsätze gelingen; schon der Versuch dazu "verkennt das Wesen des mathematischen Denkens" (BENNO ERDMANN). Bemerkenswert ist, daß selbst ein so empiristisch orientierter Denker wie HERBERT SPENCER gegen MILL die Denknotwendigkeit verteidigt und zeigt, daß ein dieser Stütze entbehrender "reiner Empirismus von einer Ungewißheit ausgeht und sich in einer Reihe von Ungewißheiten bewegt". -



MILL hat auch in seinem zweiten Hauptwerk, der "Examination of Sir William Hamiltons Philosophy" die Frage nach der Evidenz der notwendigen Wahrheiten berührt und den Sinn des Begriffs "unvorstellbar" erörtert (41) . Verschieden können die Gründe sein, aus denen unser Geist sich von einer Sache keine Vorstellung bilden kann; es kann uns entweder kein Attribut des betreffenden Dings bekannt sein, oder die gegegebenen Attribute können "nicht in einem Bild zu vereinen sein". Einfachste Beispiele dieser Art sind solche Fälle, die gegen den Satz des Widerspruchs verstoßen, so die Vorstellung, daß etwas gleichzeitig exstiert und nicht existiert, daß es zugleich ein bestimmtes Attribut besitzt und nicht besitzt. Zu solchen "Unvorstellbarkeiten" pflegt man auch den Gedanken zu rechnen, daß Zeit und Raum ein Ende haben und ferner alle Vorstellungen, die den mathematischen Begriffen widersprechen, wie etwa die Idee einer runden Quadrats. In welchem Sinn sind diese Dinge für uns "unvorstellbar"? Sie sind es, so antwortet MILL, indem "unser Geist und unsere Erfahrung sind, was sie sind". Strittig aber bleibt, ob sie auch dann unvorstellbar wären, wenn unser Geist derselbe, unsere Erfahrung aber eine andere wäre. Ein rundes Quadrat z. B. können wir uns nur darum nicht vorstellen, weil in unserer Erfahrung ein Ding aufhört rund zu sein, wenn es anfängt viereckig zu sein, und weil eben darum der Anfang des einen Eindrucks "untrennbar mit dem Aufhören des anderen assoziiert ist". Ebenso zwingt uns eine empirisch begründete untrennbare Ideenverbindung,  2 · 2 = 4  und nicht  5  zu denken und sie verhindert uns,  4  und  5  als identisch vorzustellen, weil beide in unserer Erfahrung "in einer solchen Beziehung stehen, daß jedes von ihnen mit dem Aufhören des anderen assoziiert ist". Auch hier findet ferner das Axiom, daß zwei parallele Gerade keinen Raum einschließen können, die bekannte empiristische Begründung.

Stimmt die Gedankenführung in dem Werk von 1865 bis zu diesem Punkt mit der Logik überein, so sieht unser Denker sich hier, wo er die psychologischen Grundlagen seines Empirismus entwickelt, an eine  Grenze  dieser Auffassung geführt, die er in der Logik nicht einräumt. Dort erklärt er ausdrücklich auch den Satz des Widerspruchs für "eine unserer ersten und geläufigsten Generalisationen aus der Erfahrung" (42). Jetzt dagegen gibt er zu, daß dieser Satz einen Tatbestand ausdrückt, dessen Gegenteil für uns denkunmöglich ist. "Daß dasselbe Ding gleichzeitig sein und nicht sein, dieselbe Behauptung sowohl wahr als auch falsch sein soll, ist nicht allein unvorstellbar für uns, sondern wir können uns auch nicht denken, daß es vorstellbar gemacht werden könnte. Wir können der Behauptung keinen genügenden Sinn beilegen, um uns die Annahme einer verschiedenen Erfahrung in dieser Sache vorstellen zu können. Wir können deshalb nicht einmal die Frage aufwerfen, ob die Unvereinbarkeit in der ursprünglichen Einrichtung unseres Geistes liegt, oder ob sie nur durch unsere Erfahrung hineingelegt worden ist". (43)

Mit dieser Konzession durchbricht MILL den in der Logik vertretenen absoluten Empirismus; denn er sieht sich gezwungen, Denkunmöglichkeiten und dementsprechend Denknotwendigkeiten anzuerkennen; diese aber stammen nicht aus der Erfahrung, sondern aus der Natur unseres denkenden Geistes. Es ist aber klar, daß viele von den Denkunmöglichkeiten, die MILL empirisch-assoziativ aufzulösen bestrebt ist (z. B. das runde Quadrat oder die Gleichsetzung von zwei verschiedenen Zahlen), letzten Endes darum unvollziehbar sind, weil ihrer Vorstellbarkeit der Satz des Widerspruchs entgegensteht, also das Prinzip, das auch MILL schließlich als unumgänglich für unser Denken anerkennen muß. Dieses Zugeständnis aber sprengt im Grunde den Rahmen seiner rein empirisch fundierten "induktiven Logik".

Wir mußten diese Gedanken aus dem späteren Hauptwerk heranziehen, um ein abgeschlossenes Bild von MILLs Stellung zu den axiomatischen Wahrheiten zu gewinnen. In der Logik glaubt er, auch den Satz des Widerspruchs als eine der "geläufigsten Generalisationen aus der Erfahrung" ansprechen zu können. Der genaueren Analyse aber, die ihm im späteren Werk zuteil wird, hat diese Auffassung nicht standgehalten. Daß MILL sich dieser Einsicht, die seinen Empirismus geradezu durchbricht, nicht verschließt, zeugt von der Objektivität seines Forschergeistes.



Wir wenden uns nun zum Kern von MILLs Logik, der Lehre von der  Induktion.  Man hat seine Leistung für die Theorie der Induktion mit Recht dem an die Seite gestellt, was ARISTOTELES für den Syllogismus getan hat. Besteht MILLs Behauptung, daß jedes Schließen ein Induzieren ist, auch nicht zurecht, so sind seine Untersuchungen zur Induktion doch bahnbrechend. Er steht darin auf dem Boden von HUME, aber er führt die Lehre über diesen weit hinaus. Jede Induktion besteht in dem Schluß, daß dasjenige, was für einen besonderen Fall gilt, auch in allen den Fällen wahr sein wird, die jenem ähnlich oder gleich sind. Eine wirkliche Induktion aber erkennt MILL nur in den Fällen an, wo ein Übergang von Bekanntem zu Unbekanntem, also ein eigentliches Folgern vorliegt, nicht aber da, wo es sich lediglich um eine Wiederholung der Prämissen oder um ein Verzeichnis von schon bekannten Tatsachen handelt. Die Induktion hat in der wissenschaftlichen Forschung den Zweck, die Tatsachen zu erklären und sie vorauszusagen, d. h. die Bedingungen zu bestimmen, unter denen ähnliche Tatsachen, wie die beobachteten, wiederkehren werden (44). Man kann die induktive Schlußweise allgemein als "Generalisation von der Erfahrung aus", als Folgerung von Beobachtetem auf nicht Beobachtetes definieren. Es liegt ihr stets der Schluß zugrunde, daß eine Erscheinung, die sich in bestimmten Fällen ereignet hat, immer wiederkehren wird, so oft ähnliche Umstände wieder eintreten. Schon hier ist deutlich, daß das induktive Schließen auf einer grundlegenden Voraussetzung über den Gang der Natur beruth: auf der Annahme, daß es "in der Natur parallele Fälle gibt", daß, was "einmal geschehen ist, bei einem gewissen Grad von Ähnlichkeit wieder und immer wieder geschehen wird", kurz: auf der Voraussetzung, daß der Naturlauf gleichförmig, gesetzlich ist. Diese Annahme ist das Grundprinzip, das allgemeine Axiom der Induktion. Wir dürfen jedoch darin nicht eine Erklärung des induktiven Verfahrens erblicken; es ist vielmehrr selbst eine Induktion, und zwar die allgemeinste, die wir überhaupt erheben können. Weit entfernt aber, unsere früheste Induktion zu sein, ist diese allgemeinste Annahme vielmehr erst das Resultat von früher angestellten, weniger umfassenden Generalisationen. Denn erst, nachdem der Menschengeist in vielen einzelnen Fällen Regelmäßigkeit erfahren hatte, konnte er schließen, daß alle Erscheinungen nach allgemeinen Gesetzen verlaufen. In welchem Sinn aber kann das Prinzp von der Allgemeingesetzlichkeit allen Geschehens als Gewähr für alle anderen Induktionen betrachtet werden? MILL entnimmt die Antwort auf diese Frage seiner Theorie des Syllogismus. Dieselbe Rolle, die das allgemeine Urteil, der Obersatz, für die syllogistische Beweisführung spielt, erfüllt jene allgemeinste Induktion im induktiven Denken. Sie trägt nichts zum Beweis selbst bei; aber sie ist eine notwendige  Bedingung  des Beweises. Denn kein Schluß ist wahr, wenn sich nicht eine allgemeine obere Prämisse für ihn finden läßt. In jeder induktiven Schlußweise kommt der Gedanke zum Ausdruck: Was von  A k - An  gilt, das gilt von allen  A.  Dieser Gedanke aber hat seine letzte Stütze in der Einsicht, daß eine andere Annahme sich mit der Allgemeingesetzlichkeit der Natur nicht vertragen würde. Löst man, wie MILL es stets für möglich hält, den Gang irgendeines induktiven Arguments auf in eine Reihe von Syllogismen, so gelangt man schließlich zu einem Schluß, der als Obersatz das Urteil ausspricht: Der Gang der Natur ist gleichförmig. Auf der Gültigkeit dieses Satzes beruth jede Generalisation aus der Erfahrung, also jede Induktion.

Der eigentliche Ausdruck für die Gleichförmigkeit des Geschehens ist auch für MILL das  Kausalgesetz er widmet ihm die eingehendste Erörterung und er hat die Theorie der Induktion vor allem dadurch so erheblich gefördert, daß er ihren Zusammenhang mit dem Kausalgesetz aufgezeigt und logisch erwogen hat. Als FRANCIS BACON mit dem Problem der Induktion rang, hatte er es nicht lösen können, weil seine Anschauungen von der Natur der Kausalität noch völlig im Bann der aristotelisch-scholastischen Überlieferung steckten. Einen entscheidenden Fortschritt aber führt in diesem Punkt derjenige englische Denker herbei, der zum erstenmal darauf hinweist, daß sich alle unsere Schlüsse auf reale Tatsachen stützen auf die Beziehung von Ursache und Wirkung: DAVID HUME. Er hat einer fruchtbaren Behandlung des Kausalproblems und damit zugleich des Induktionsproblems die Wege gebahnt. (45) Insofern steht MILL auf dem Boden dieses Denkers; aber er geht doch auch hier über ihn hinaus. Auch HUME wirft zwar die Frage auf: Wie kommen wir dazu, zwischen Vorgängen, die sich beständig folgen, eine ursächliche Verknüpfung anzunehmen? Aber er antwortet darauf: durch nichts anderes sind diese Vorgänge verbunden, als durch eine gewohnheitsmäßige Assoziation der entsprechenden Vorstellungen in unserem Geist. Er versucht also, eine erkenntnistheoretische Frage rein psychologisch zu lösen, und er bleibt somit die Antwort auf den Kern des Kausalproblems schuldig. Ebenso psychologistisch ist es, wenn THOMAS REID, der gleich HUME auf den Zusammenhang von Induktion und Kausalität hinweist, für unseren Glauben an das Kausalgesetz eine "instinctive prescience" [instinktive Vorahnung - wp] ins Feld führt. MILL dagegen, der sonst auch stark zum Psychologismus neigt, begnügt sich hier mit einer solchen Erklärung nicht. Zwar sieht auch er den psychologischen  Anlaß,  von Bekanntem auf Unbekanntes, von Einzelnem auf Allgemeines zu schließen, in einer Gewohnheit und Neidung unseres Geistes und letztenendes in den Assoziationsgesetzen. Aber er fragt auch nach dem logischen  Recht  zu diesen Schlüssen, und er sucht andererseits die erkenntnistheoretische Grundlage für die Gültigkeit des Kausalgesetzes; darum führt er die Theorie der Induktion und der Kausalität weit über das hinaus, was seine Vorgänger geleistet haben. Die eigentliche Behandlung des Kausalproblems bei unserem Denken gehört in das Kapitel "Erkenntnistheorie"; jetzt haben wir es nur soweit zu berühren, als es mit der Theorie der Induktion zusammenhängt.

Schon BACON hat gezeigt, daß die "inductio per enumerationem simplicem" [Induktion durch einfache Aufzählung - wp], durch die man ohne Kritik Unbekanntes aus Bekanntem erschließt, unzulänglich ist. Es genügt zu einer wohlbegründeten Generalisation aus der Erfahrung nicht, daß daß wir keinen der Induktion widersprechenden Fall  kennen;  wir müssen die unbedingte Gewißheit haben, daß, wenn es in der Natur dennoch entgegengesetzte Fälle gäbe, diese auch wirklich zu unserer Kenntnis gelangt wären. Es gibt jedoch Fälle, in denen ein einziges Beispiel zu einer vollständigen Induktion ausreicht; so schließen wir mit Recht oft aus einem einzigen von einem zuverlässigen Naturforscher beobschteten Fall auf ein allgemeines Gesetz. Dem gegenüber aber stehen solche Fälle, wo die reichste Wiederholung uns nicht zu der unbedingten Zuversicht führt daß nicht dennoch einzelne Geschehnisse der bisher aufgestellten Induktion widersprechen könnten. "Das große Problem der Induktion" ist es, den Grund für dieses verschiedene Verhältnis von Tatbestand und gültigem Schluß zu erforschen (46). Die Gesetzmäßigkeit, die wir in der Natur beobachten, und die wir bei jeder Induktion voraussetzen, stellt eine aus einzelnen Gleichförmigkeiten zusammengesetzte komplizierte Tatsache dar, deren einzelne Tatbestände Naturgesetze heißen. Jede wohlbegründete Generalisation spricht entweder ein Naturgesetz oder ein Resultat aus Naturgesetzen aus, wenn man unter diesen nur die einfachsten Annahmen versteht, aus denen die ganze Ordnung der Natur hervorgeht. Das Studium der Natur besteht in der Erforschung von Gesetzen; die Aufgabe der induktiven Logik aber kann in der Beantwortung der Fragen gesehen werden: Wie werden Naturgesetze bestimmt? Und wie verfolgt man, nachdem sie festgesetzt sind, ihre Resultate? Die Wissenschaft wendet zur Auffindung von Gesetzen zunächst dasselbe Verfahren an, wie das beobachtende vorwissenschaftliche Denken: sie konstatiert die gleichförmigen Folgezusammenhänge, und sie knüpft an diejenigen an, die jenes schon entdeckt hat. Aber sie sieht sich dabei bald genötigt, jene spontanen Verallgemeinerungen einer Revision zu unterziehen; sie findet sich vor die bereits berührte Schwierigkeit gestellt, daß aus manchen Gleichförmigkeiten, auch wenn sie noch so oft beobachtet werden, keine unbedingt gültige Verallgemeinerung gezogen werden kann, während in anderen Fällen vielleicht eine einzige Beobachtung dazu ausreicht. So konnte man auf das Zeugnis auch nur eines zuverlässigen Reisenden, der schwarze Schwäne beobachtet hat, ohne weiteres deren Existenz annehmen, obgleich die Menschheit in dreitausendjähriger Beobachtung die Induktion gebildet hatte: alle Schwäne sind weiß. Dagegen versagte sie dem Zeugnis des PLINIUS den Glauben, daß es Menschen gibt, deren Köpfe unter die Schultern und nicht über diese hinaus gewachsen sein (47). Warum fand man die eine Aussage annehmbarer als die andere? Offenbar, weil weniger Beständigkeit in der Farbe der Tiere als in ihrem anatomischen Bau herrscht - eine Tatsache, die selbst freilich nur aus der Erfahrung bekannt ist. So müssen wir also die  Erfahrung  fragen, unter welchen Bedingunen die aus ihr geschöpften oder als beobachtet behaupteten Argumente gültig sind. Wir müssen die Erfahrung selbst somit zu ihrer eigenen Probe machen. Sie zeigt aber, daß es unter den Gleichförmigkeiten, die sie darbietet oder darzubieten scheint, solche gibt, auf die man sich eher verlassen kann als auf andere. Darum kann eine Gleichförmigkeit, wenn sie einer so beständig beobachteten einzuordnen ist, aus einer gegebenen Zahl von Fällen mit größerer Glaubwürdigkeit erschlossen werden, als andere Beobachtungen. So ergibt sich als Typus der wissenschaftlichen Induktion das Verfahren, eine Generalisation durch eine andere, eine engere durch eine weitere, eine schwächer begründete durch eine strengere zu korrigieren. Finden wir ein Mittel, eine weniger genau beobachtete Induktion aus einer strengeren abzuleiten, dann erlangt diese "die ganze Strenge derjenigen", aus der wir sie erschließen, und umgekehrt: wenn eine aufgefundene Induktion einer anderen allgemeineren widerstreitet, so muß sie, wenn jene sich nicht als zu weit erweisen sollte, aufgegeben werden.

In diesen Gedankengängen gibt MILL somit die Antwort auf das von ihm aufgeworfene große Problem der Induktion: ein einziges Beispiel ist zu einer überzeugenden Induktion hinreichend, wenn es sich darstellt als Spezialfall eines größeren, allgemeinen Gesetzes, und es kann umgekehrt eine als wissenschaftlich behauptete Beobachtung ohne weiteres zurückgewiesen werden, wenn sie allgemein anerkannten Gesetzen widerspricht. Durch unzählige Fälle aber kann die notwendige Allgemeingültigkeit einer Tatsache nicht mit Sicherheit dargetan werden, wenn wir ein ihr übergeordnetes strenges Gesetz nicht kennen.

Wenn eine noch so verbreitete Annahme, wie z. B. der Glaube an eine Verbindung von astronomischen Erscheinungen mit dem Menschenschicksal es einst war, sich als mit wissenschaftlichen Induktionen unverträglich herausstellt, so ist ihr Ungültigkeit dargetan. Umgekehrt aber stützen alle diejenigen Induktionen sich gegenseitig, die auseinander abgeleitet werden können. Aus all dem ergibt sich, daß eine wirklich induktive Logik nur dann durchführbar ist, wenn es Gleichförmigkeiten in der Natur gibt, die - soweit unser Wissen reicht - unfehlbar gelten. Denn diese können dann auch eine Fülle anderer Gesetze auf dieselbe Stufe der Gewißheit heben, wenn sich zeigen läßt, daß diese mit jenen allgemein-gültigen stehen und fallen. Es gibt aber tatsächlich solche allgemeinste Gleichförmigkeiten; MILL erblickt sie einmal in den für ihn ja induktiv gewonnenen Gesetzen des Raumes und der Zahl. Aus diesen können allerdings keine Gesetze für das Geschehen abgeleitet werden, denn sie sagen nichts aus über die Abfolge der Naturerscheinungen, über ihren Verlauf in der Zeit.

Es gibt jedoch ein grundlegendes Gesetz auch für die  Sukzession,  das, ebenso wie die Gesetze der Geometrie, allgemeingültig ist: es ist das Gesetz, daß alles, was einen Anfang hat, auch eine Ursache hat, das  allgemeine Kausalgesetz.  Da es das gesamte Geschehen, soweit unsere Erfahrung reicht, beherrscht, so ist der Begriff der Ursache "die Wurzel der ganzen Theorie der Induktion". Und umgekehrt: eine wissenschaftliche Theorie der Induktion, eine induktive Logik, ist möglich, weil wir im Kausalgesetz eine allgemeinste Gleichförmigkeit besitzen, der alle einzelnen als Spezialfälle untergeordnet werden können. Aber nur der Ursachbegriff, den die  Erfahrung  darbietet, kommt für die Induktion in Betracht. Die Ursache einer Naturerscheinung ist stets ein anderer empirischer Vorgang, die induktive Logik hat also nichts zu tun mit einer Deutung der Kausalität im Sinne einer überlieferten "causa efficiens" [Zweckursache - wp], der letzten metaphysischen Ursache der Dinge, oder mit einem "geheimnisvollen wirksamen Band", das die Erscheinungen verbindet. Sie kümmert sich lediglich um die der Erfahrung entnommenen "physikalischen Ursachen". Diesen allein entnehmen wir den Begriff einer im Naturgeschehen waltenden "unveränderlichen Ordnung der Sukzession", wonach bestimmten Tatsachen stets bestimmte andere folgen. Wir nennen die unveränderlich vorhergehende Tatsache die Ursache, die stets folgende die Wirkung, und
    "die Allgemeinheit des Kausalgesetzes besteht darin, daß eine jede folgende auf irgendeine Weise mit einer vorhergehenden oder mit einer Reihe von vorhergehenden Tatsachen verknüpft ist." (48)
Diesem Gesetz entsprechend, besteht für jeden Vorgang eine Kombination von negativen und positiven Umständen, deren Erfüllung den Vorgang zur unweigerlichen Folge hat.

Definiert man die Ursache eines Vorgangs als des "antecedens [Vorausgehende - wp], dem jener Vorgang jedesmal folgt", so hat man, wie MILL sich bewußt ist, den Einwand zu erwarten, den man öfter in der Geschichte der Philosophie gegen die rein empiristische Fassung des Ursachbegriffs erhoben hat: man setze die Kausalfolge der beständigen zeitlichen Sukzession gleich, wie sie z. B. in der regelmäßigen Folge von Tag und Nacht vorliegt. Es gilt darum, den Unterschied zwischen beiden Phänomenen zu bestimmen. Er liegt darin, daß der nur zeitlich folgende nicht unter allen Umständen, sondern nur unter bestimmten Bedingungen an den vorhergehenden Faktor geknüpft ist. So folgt der Tag der Nacht nur unter der Bedingung, daß die Sonne erst unter dem Horizont steht und dann darüber steigt; bliebe sie stets darunter, so wäre es ewig Nacht, ohne daß dieser ein Tag folgt. Darum stehen Tag und Nacht nicht in einem kausalen Zusammenhang, sondern beide sind Wirkungen von der Bewegung der Erde um die Sonne. Die kausale Folge ist also von der bloß zeitlichen durch die nur ihr zukommende Notwendigkeit, im Sinne der  Unbedingtheit  geschieden; diese besagt: daß dem  A B  folgen wird, "welche Voraussetzungen wir auch in Bezug auf alle anderen Dinge machen mögen". Darum modifiziert MILL den Ursachbegriff nunmehr so, daß er von dem der regelmäßigen zeitlichen Sukzession deutlich geschieden ist: Ursache eines Naturvorgangs ist das Antezedens, oder das Zusammenwirken von Antezedenzien, worauf dieser "unveränderlich und unbedingt" folgt (on which it is invariably and unconditionally consequent) (49). Nichts anderes als die Erfahrung selbst aber lehrt uns, welche Gleichförmigkeiten der Folge bedingt und welche unbedingt sind, welche Vorgänge wir somit als Ursache und Wirkung anderkennen müssen.

Überall also ist uns nur die in Erscheinung tretende Außenseite der Kausalität gegeben; es gibt jedoch ein Gebiet, von dem man annimmt, daß es uns einen Einblick in das tatsächliche Zustandekommen des Wirkungszusammenhangs gewährt: es sind die unserem  Wollen  entstammenden Handlungen. MILL setzt sich eingehend mit der Theorie auseinander, die im Wollen eine für sich evidente "causa efficiens" erblickt, und er zeigt, daß uns auch hier der Einblick in das wirkliche Zustandekommen der Kausalität fehlt, daß wir auch hier nur aus Erfahrung wissen, daß an den Willensentschluß die beabsichtigte Handlung geknüpft ist. Aber selbst wenn wir glauben dürften, in den Willenshandlungen den einzigen begreiflichen Fall von Kausalität zu besitzen: was würde uns das Recht geben, in diesen den Typus  alles  ursächlichen Geschehens zu erblicken? Nirgends ließe sich ein inneres Recht zu einem so weitgehenden Analogieschluß finden. MILL nimmt mit dieser Argumentation Gedankengänge wieder auf, in denen in der neueren Philosophie die ersten Spuren eines Positivismus, die erste Kritik am überlieferten Kausalbegriff zum Ausdruck kam: wenn GEULINCX (50) an der Gliederbewegung klar macht, daß wir nicht einmal in diesem uns geläufigsten Fall des kausalen Geschehens einen Einblick in dessen wirkliches Wesen haben. Freilich zieht der Okkasionalismus [Lehre von den Gelegenheitsursachen - wp] aus dieser Erkenntnis völlig andere Konsequenzen als unser modernes Denken: er verlegt den Kausalzusammenhang, den er im Naturgeschehen nicht begreifen kann, in Gott. Aber er macht doch als erster an eben dem Beispiel des psychophysischen Zusammenhangs klar, daß wir auch hier das eigentlich kausale Band nicht erkennen, und er gibt damit den ersten Anstoß zu einer Kritik, die schließlich bei HUME und KANT zu einer Zersetzung des überlieferten rational-metaphysischen Kausalbegriffs führt. Auch diese beiden Denker zeigen ja insbesondere am Beispiel der psychophysischen Beziehung, daß uns jeder Einblick in die innere Natur des kausalen Geschehens fehlt (51). Daß trotz dieser Kritik die innere Begreiflichkeit des psychophysischen Zusammenhangs auch zu MILLs Zeiten noch eifrige Anhänger hatte, zeigt seine eingehende Behandlung des Gegenstandes und die Polemik, die er dabei gegen zeitgenössische Schriftsteller richtet (52).

Alle Gleichförmigkeiten in der Sukzession der Naturerscheinungen und die meisten in ihrer Koexistenz sind entweder selbst Gesetze des kausalen Zusammenhangs oder deren Folgesätze. Wir würden den gesamten Gang der Natur überschauen und vorhersagen können, wenn wir von allen Ursachen die Wirkungen und von allen Wirkungen die Ursachen kennen würden. Es ist darum die vornehmste Aufgabe der Naturwissenschaften, die kausalen Zusammenhänge aufzusuchen, und es die Pflicht der induktiven Logik, die Methoden der dazu führenden Beobachtung und des Experiments aufzuzeigen. MILL widmet dieser Frage eine eingehende Untersuchung; sie führt ihn zur Aufstellung der vier oder eigentlich fünf "Methoden der experimentellen Forschung" (53). In ihnen kommt recht eigentlich zum Ausdruck, daß die Gültigkeit der Induktion geknüpft ist an die Geltung des Kausalgesetzes, und daß nur  in dem  Vorgang die Ursache eines andern liegen kann, der jenem unbedingt und unter alle Umständen vorhergeht. Aus dieser Erkenntnis folgt für die Forschung das Axiom: "Ein jeder Umstand, den man ohne Nachteil für die Naturerscheinung ausschließen kann, ist durch kein Kausalverhältnis damit verknüpft." Aus diesem Satz ergeben sich für die experimentelle Forschung zwei Methoden; die erste ist diejenige der Übereinstimmung, nach dem Grundsatz: wenn zwei oder mehrere Fälle einer Naturerscheinung nur einen einzigen Umstand gemeinsam haben, so kann ihre gemeinsame Ursache nur in diesem liegen. Es ergibt sich aber aus jenem Axiom ferner die Differenzmethode; ihr Grundsatz lautet: wenn eine Naturerscheinung in einem Fall zutrifft, im anderen nicht, beide Fälle aber alle Umstände bis auf einen gemeinsam haben, dann ist dieser eine die Ursache bzw. die Wirkung jener Naturerscheinung. Aus diesen beiden Prinzipien zusammen ergibt sich als dritte die vereinigte Methode der Übereinstimmung und des Unterschiedes. Wir besitzen aber noch andere Mittel, um die Naturgesetze durch spezifische Beobachtung und durch Experiment zu erforschen. Zieht man von einer Naturerscheinung all die Faktoren ab, deren Ursachen wir kennen, so ist der Rest die Wirkung derjenigen Akzedenzien, die wir bisher übersehen, oder deren Erfolg wir nicht gekannt haben. Nach diesen Prinzip verfährt die Methode der Rückstände. Gilt es jedoch, die permanenten Ursachen oder die unzerstörbaren Agentien der Natur zu untersuchen, so muß man dazu noch eine andere Methode anwenden: wir können zwar diese permanenten Begleitumstände nicht ausschließen, aber wir können sie willkürlich abwandeln und die gesetzmäßigen Wirkungen beobachten, die damit verknüpft sind. Auf diese Weise lernen wir, welcher Wirkungskoeffizient diesen Begleitumständen zukommt. MILL hat diese Methode diejenige der sich begleitenden Veränderungen genannt. Die eingehenden und mannigfachen Beispiele, mit denen er diese methodologischen Erörterungen belegt, bezeugen, wie vollkommen er die verschiedensten Gebiete der Naturwissenschaften beherrscht.

Wir haben nun die Grundzüge von MILLs Theorie der Induktion kennengelernt, in der wir den Nerv seiner gesamten Gedankenführung erblicken dürfen. Ein abschließendes Bild davon können wir freilich erst gewinnen im Rahmen der erkenntnistheoretischen Gedanken. Denn diese erst können seine Lehre von der Kausalität im Zusammenhang des ganzen Weltbildes zeigen. Zur Würdigung der Induktion aber müssen wir vorwegnehmen, daß das Kausalgesetz für MILL im letzten Grund selbst nichts anderes ist, als eine umfassende Induktion, die wir durch Generalisation von vielen einzelnen Gleichförmigkeiten aus gewinnen. Und zwar erblickt er darin eine Induktion von jener Art, die er als unzulänglich erklärt hatte, eine "inductio per enumerationem simplicem". Hatte er diesen ungenügenden Generalisationen die strengeren, die die Geltung des Kausalgesetzes zur Grundlage haben, gegenübergestellt, so soll dieses selbst jetzt auf einer solchen unzulänglichen Induktion beruhen. Zwar macht MILL mit Recht geltend, daß die primitive Induktion durch eine einfache Aufzählung an Sicherheit gewinnt, je häufiger die beobachteten Fälle sind, und daß wir noch niemals einen dem Kausalgesetz widersprechenden Fall erfahren haben; aber seine Argumentation ist dennoch von einem Zirkel nicht freizusprechen, der umso schwerer wiegt, als er die Durchführbarkeit der induktiven Logik an das Vorhandensein unfehlbarer Gesetze geknüpft hatte. Wenn das Grundgesetz, das alle Gleichförmigkeiten im Weltall trägt, das Kausalgesetz, nun seinerseits das Resultat der primitivsten Induktion sein soll, so entzieht er durch diesen zugespitzten Empirismus der induktiven Logik selbst das Fundament.

Dennoch bleibt unserem Denken das große Verdienst, daß er die Einsicht in die Theorie der Induktion bahnbrechend gefördert hat, daß er die Probleme der Kausalität und der Induktion, die HUME rein psychologisch lösen wollte, logisch erfaßt und die Aufgabe scharf umrissen hat. Seine Methoden der induktiven Forschung und ihr Zusammenhang mit dem Kausalgesetz bleiben gültig, auch wenn er dieses Gesetz selbst nicht genügend fundiert hat.

Übersehen aber hat unser Denker, daß das induktive Schließen neben der Geltung des Kausalgesetzes noch eine andere Voraussetzung erhebt. Der eigentliche Grundsatz der Induktion liegt ja nicht in der Erkenntnis, daß in dem uns bekannten Naturgeschehen Gesetzlichkeit geherrscht hat, sondern in der darüber hinausgehenden Annahme: auch in der Zukunft und den uns unbekannten Fällen der Vergangenheit und Gegenwart werden die gleichen Gesetze gelten. Das Wesen der Induktion soll nach MILL im Schließen von Bekanntem, Beobachtetem auf Unbekanntes liegen; ihr Ziel soll es sein, die Tatsachen zu erklären und vorauszusagen. Was aber gibt uns die Gewißheit, daß das Unerforschte dem Bekannten gleichen wird? Was trägt unser Denken von der Vergangenheit und Gegenwart in die unbekannte Zukunft? Das vermag keine noch so genaue Einsicht in die  bisherige  Gesetzlichkeit des Wirklichen, wenn wir nicht darüber hinaus noch die Voraussetzung erheben, daß dieselbe Gesetzlichkeit auch in der Zukunft herrschen wird. Diese Annahme aber ist nicht das Resultat eines Wissens, sie ist vielmehr ein Postulat, das wir an das Unbekannte heranbringen. Sie ist: "Das Musterbild der Voraussetzung, die in jeder Induktion stattfindet, die allgemeinste Hypothese, die in jeder Induktion zum Ausdruck kommt" (ERDMANN) (54). Indem MILL sich nicht klar macht, daß die strenge Gesetzlichkeit des noch unerforschten Wirklichen nicht das Resultat eines Wissens, sondern einer Voraussetzung ist, wird er auch dem spezifischen Charakter des Induktionsschlusses nicht gerecht: der problematischen Gültigkeit, die ihm im Gegensatz zum Syllogismus zukommt, und in der es begründet ist, daß jede Induktion der empirischen Besätigung bedarf, und daß ihre Gültigkeit mit der Zahl der beobachteten Fälle zunimmt. Gewiß haben wir keinen Anlaß, zu bezweifeln, daß die bisher geltende Gesetzlichkeit auch ferner gelten wird; der Logiker, der den Wert der Induktionsschlüsse untersucht, aber hat die Pflicht, auf das Hypothetische aufmerksam zu machen, das diese Schlüsse dadurch gewinnen, daß sie über das Gebiet der bisherigen Erfahrung hinausgehen. Daß MILL diesen Charakter der Induktion nicht sieht, hat seinen tiefsten Grund natürlich in seiner Stellung zum Syllogismus. Dieser ist ihm ja, wie wir wissen, nichts anderes als eine besondere Form der Induktion, und umgekehrt soll jede Induktion, durch die Hinzufügung einer oberen Prämisse, in einen Syllogismus verwandelt werden können. Unter dieser Voraussetzung würde zwischen beiden Schlußformen in der Tat kein Wesensunterschied bestehen; beide rücken vielmehr in ihrem Geltungsgrad, in ihrer Beweiskraft einander sehr nahe, wenn dem Syllogismus die Denknotwendigkeit abgesprochen, und wenn andererseits in den Erfahrungsschlüssen das Moment des Hypothetischen übersehen wird.

Aber nicht diese Fragen der letzten Begründung entscheiden über den wissenschaftlichen Wert der induktiven Logik; ihr unvergängliches Verdienst besteht darin, daß das Problem der Induktion hier zum erstenmal allumfassend behandelt und mit den grundlegenden logischen und erkenntnistheoretischen Fragen in Zusammenhang gebracht ist, und daß eindringlicher als es bisher geschehen ist, die Methode der naturwissenschaftlichen Forschung und des Experiments untersucht wird. MILL war dazu imstande, weil er mit dem logischen Scharfblick und der philosophischen Bildung eine umfassende Beherrschung der Naturwissenschaften verband. Welche wertvolle Bereicherung darum auch das naturwissenschaftliche Denken von ihm empfangen hat, bezeugt kein Geringerer als der Chemiker LIEBIG. Er verdankt nach seinem Bekenntnis MILLs Logik die beste Anregung und Belehrung bei seinem Versuch, das Verhältnis der Chemie und Physik zur Physiologie und Pathologie zu bestimmen; ja, er habe dabei selbst nichts weiter getan, "als einzelne von diesem eminenten Philosophen aufgestellte Grundsätze der Naturwissenschaft weiter auszuführen." (55)

MILL hat in seiner Logik auch die Grundzüge für eine Methode der Geisteswissenschaften gegeben; da er sich dabei vor allem auf die Gesellschaftslehre stützt, so werden wir im Kapitel über die Soziologie darauf zurückkommen. - Das System der induktiven Logik fand ganz wider Erwarten seines Autors eine außerordentlich günstige Aufnahme. Während seines Lebens ist es in acht Auflagen erschienen, seit der dritten bereichert umd die Antwort WHEWELLs Entgegnungen. Auch die achte Auflage brachte noch einmal wichtige Erweiterungen: die Polemik gegen HAMILTON und vor allem die Auseinandersetzung mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wir werden unten (Kap. 4) darauf eingehen.
LITERATUR - Else Wentscher, Das Problem des Empirismus, Bonn 1922
    Anmerkungen
    17) Sir J. HERSCHEL, "A preliminary Discours on the Study of Natural Philosophy" (1831)
    18) W. WHEWELL, "History of the Inductive Sciences" (1837) und "Philosophy of the Inductive Sciences, founded upon their History" (1840).
    19) Die Logik wird, wenn nichts anderes bemerkt wird, zitiert nach der deutschen Übersetzung von J. SCHIEL (4. Auflage, Braunschweig 1877).
    20) Selbstbiographie, Seite 101, 132 und 150
    21) Daselbst Seite 150 und 184f
    22) Daselbst Seite 229
    23) MILLs Aufsatz über COLERIDGE aus dem Jahr 1840 (Werke, übersetzt unter Redaktion von GOMPERZ, Bd. 10, Seite 200).
    24) Logik, Einleitung, § 4.
    25) Logik, Buch I, Kap. 1 bis 3.
    26) Logik, Buch II, Kap. 2f; vgl. auch: SIEGFRIED BECHER, Erkenntnistheoretische Untersuchungen zu STUART MILLs Theorie der Kausalität (Halle 1906). Ferner: S. SAENGER, John Stuart Mill, sein Leben und Lebenswerk (Stuttgart 1901).
    27) Vgl. SEXTUS EMPIRICUS, Pyrrhon, Institut. II, 14, 193f; vgl. auch WINDELBAND, "Geschichte der antiken Philosophie", Seite 297f und BENNO ERDMANN, Logik, § 549f.
    28) LOTZE, Logik (Leipzig 1843) - Vgl. auch Max Wentscher, "Hermann Lotze", Bd. I, Kap. 3
    29) MILL, Logik, Buch II, Kap. 3, § 3.
    30) Vgl. zur Kritik an MILLs Lehre auch: ELSE WENTSCHER, "Geschichte des Kausalproblems in der neueren Philosophie" (Leipzig 1921), Kap. 16.
    31) Vgl. in BENNO ERDMANNs Logik, § 544 bis 547f, die Entgegnung auf MILLs Einwürfe.
    32) Vgl. SIGWART, Logik I, Seite 468 und BECHER, a. a. O., Teil II
    33) STUART MILL, "An Examination on Sir William Hamiltons Philosophy" (in deutscher Übersetzung von H. WILMANS), Seite 507.
    34) MILL, Logik III, Kap. 24, § 7
    35) MILL, Logik III, Kap. 24, § 5
    36) MILL, Logik II, Kap. 5, § 1f
    37) MILL, Logik II, Kap. 5, § 4.
    38) SAMUEL SAENGER, John Stuart Mill, Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. IX)
    39) Logik, Buch II, Kap. 5, § 4f
    40) siehe auch die Kritik von ULRICI an MILLs Logik, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 21, Seite 1.
    41) a. a. O., Kap. 6
    42) Logik II, Kap. 7, § 5.
    43) MILL, "Examination" in deutscher Übersetzung von H. WILMANNs (Halle 1908), Seite 101.
    44) Logik II, Kap. 2f
    45) vgl. BENNO ERDMANN, Logik, § 585; vgl. auch E. WENTSCHER, "Geschichte des Kausalproblems", Kap. 7 und 16.
    46) MILL, Logik III, Kap. 3, § 3.
    47) MILL, Logik III, Kap. 3, § 3 und 4, § 2.
    48) MILL, Logik III, Kap. 5, § 2; vgl. auch MILLs Essay "Theismus" und vgl. zu MILLs Kausaltheorie: ELSA FREUNDLICH, J. St. Mills Kausaltheorie, Düsseldorf 1913.
    49) Logik III, Kap. 5, § 6.
    50) GEULINCX, Metaphysica I scient V, und Ethica, tract. I, Kap. 2, § 2, 4.
    51) HUME, "Enquiry" Chap. VII; KANT, Werke (Akademie-Ausgabe), Bd. II, Seite 370.
    52) Logik III, Kap. 5, § 11.
    53) Logik III, Kap. 8
    54) vgl. B. ERDMANN, Logik II, Kap. 86, derselbe, "Zur Theorie des Syllogismus und der Induktion" (phil. Aufsatz EDUARD ZELLER gewidmet).
    55) Vgl. JUSTUS von LIEBIG, "Organische Chemie", Vorrede der 3. Auflage.