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    ra-2 Objektivität in der SozialforschungFranz BleiLujo Brentano    
 


GUNNAR MYRDAL
Das politische Element in der
nationalökonomischen Doktrinbildung


"Es besteht ein allgemeines Bedürfnis dafür, eine Konversation in sozialen Fragen über die Grenzen der politischen Überzeugungen hinweg führen zu können. Solche Diskussion muß sachliche Fragen angehen, die letzten Wertsetzungen dagegen können nur postuliert, nicht logisch kritisiert werden. So ist von verschiedenen Seiten aus eine gemeinsame Front geschaffen worden gegen die soziale Metaphysik, d. h. gegen die Methode, politische Wertsetzungen zu rationalisieren und wissenschaftlich zu verkleiden."

"Man meint augenscheinlich in der Nationalökonomie nicht dasselbe mit Beobachtungen und Fakten, wie sonst im wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Man scheint  eine objektive und der Beobachtung zugängliche Wertsphäre  anzunehmen. Vielleicht nahmen wir es auch zu leicht, indem wir uns auf eine hundertjährige Kontinuität der prinzipiellen erkenntnistheoretischen Auffassung beriefen. Vielleicht sind es nur die Worte, die gleich sind, während man zuinnerst etwas ganz anderes meint."


Vorwort

In diesem Buch soll die Rolle, die die politische Spekulation in der Nationalökonomie gespielt hat, in großen Zügen historisch und kritisch dargestellt werden.

Es muß jedoch sogleich eine Einschränkung gemacht werden. Das Buch behandelt nur diejenige politische Doktrinbildung, die im Rahmen der eigentlichen Theorie stattgefunden hat, also innerhalb der wissenschaftlichen Entwicklungslinie, die von den Physiokraten herkommend über die klassische Schule schließlich in den neuklassischen Marginalismus der verschiedenen Prägungen ausgemündet ist. Der "wissenschaftliche Sozialismus" und die von ihm befruchtete Doktrinbildung innerhalb der deutschen historischen Schule sind nur im Vorbeigehen berührt, um gelegentlich Zusammenhang und Hintergrund zu gewinnen. Dank dieser Beschränkung ist die zur Darstellung kommende Gedankenwelt einigermaßen homogen.

Trotz der Begrenzung bleibt aber die Aufgabe noch zu weit gesteckt und wir haben allenthalben noch weiter einschränken und beschneiden müssen. Eine Menge Generalisationen und Konstruktionen mußten weniger gut verifiziert bleiben, als möglich gewesen wäre. Die positiven, zur Behandlung kommenden Doktrinen sind nur als typische Exempel anzusehen, das Bemühen ist gleichwohl dahin gegangen, die allgemeinen, wesentlichen und gemeinsamen Grundgedanken herauszustellen.

Gänzlich außerhalb des Rahmens dieser Arbeit liegen alle Prioritätsdebatten. Wir haben es nicht für unsere Aufgabe angesehen, aufzuspüren, in welcher obskuren Publikation irgendein Idee zuerst aufgetaucht ist. Auch die wechselseitigen Einwirkungen der verschiedenen Autoren untereinander zu verfolgen, haben wir kein Interesse gehabt. Unser Ziel ist nur gewesen, die durchgehende, wenn auch mit der Zeit sich allmählich verschiebende doktrinäre  Basis  für die politische Spekulation in der ökonomischen Theorie logisch zu rekonstruieren und kritisch zu analysieren. Die Beziehungen zur allgemeinen Gesellschaftsphilosophie und Wissenschaftstheorie bekommen dabei primäre Bedeutung. - Wo es galt, Repräsentanten für die behandelten Anschauungen auszuwählen, mußte das Bemühen des Verfassers ständig dahin gehen, die Theoretiker herauszugreifen, die sich durch einen besonders klaren Ausdruck des zu charakterisierenden Gedankens auszeichnen. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Wahl meistens, wenn auch nicht immer, auf die Autoren fallen, die den größten Einfluß auf die Entwicklung der ökonomischen Theorie ausgeübt haben.

Die Arbeit ist, wie gesagt, doktrinhistorisch angelegt. In der Tat kann man die neuere wirtschaftspolitische Spekulation nicht anders als in doktrinhistorischer Beleuchtung begreifen und logisch präzisieren. Die Mehrzahl auch der allermodernsten wirtschaftspolitischen Doktrinen sind anzusehen als mehr oder weniger modifizierte Reminiszenzen altbekannter politischer Theorien, stammend aus der Zeit, da man die Nationalökonomie noch ganz offen normativ orientierte. Gewiß sind heute in weitem Ausmaß ganz andere Gesellschaftsprobleme aktuell und die soziale Entwicklung hat mehr oder weniger große Modifikationen notwendig gemacht, damit die politischen Doktrinen überhaupt ernst genommen werden können. Man trifft sie auch heute nicht mehr isoliert, sondern hier und da eingestreut als formell weniger wesentliche Bestandteile neben einem mit den speziellen aktuellen Problemen wechselnden empirischen Stoff und neben rein wissenschaftlichen Analysen dieses Stoffes. Da nun das statistische Erkenntnismaterial gewachsen, die ökonomische Analyse verfeinert und die wirtschaftlichen Beziehungen immer verwickelter geworden sind, so sind die Probleme selbst und damit auch die politischen Doktrinelemente, die sich in die Problemlösungen eingeschmuggelt haben, in ungeheurem Grad differenziert worden. Aber trotzdem können die wirtschaftspolitischen Doktrinen, wenn sie durch logische Analyse isoliert und fixiert sind, mehrere Generationen zurückverfolgt werden. Selbst die Formulierungen sind oft im wesentlichen die alten.

Betrachtet man die politische Spekulation in der Nationalökonomie unter diesem Gesichtspunkt, so zeigt es sich, daß sie sich um drei zentrale Vorstellungen kristallisiert: die Wertidee, die Freiheitsidee und die Idee einer gesellschaftlichen Wirtschafts- oder Haushaltsführung. Diese drei Vorstellungen vereinigen sich in verschiedenen Mischungsverhältnissen und geben den ökonomischen Doktrinen ihren politischen Einschlag. Es liegt in der Natur der Sache, daß sie streng genommen nicht voneinander getrennt werden können. Gleichwohl können wir sagen, daß unsere Darstellung im folgenden das Interesse der Reihe nach jeweils auf eine dieser drei Vorstellungen konzentriert.

Im ersten Kapitel orientieren wir uns über die Beschaffenheit des Problems, im zweiten Kapitel zeichnen wir seinen geistesgeschichtlichen Hintergrund. Die beiden folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Wertidee, in Gestalt der klassischen und neuklassischen Wertlehre, die von methodischem Gesichtspunkt am wichtigsten und entscheidensten ist. Das Kapitel über den wirtschaftlichen Liberalismus behandelt vor allem die Freiheitsidee und ihre Entwicklung. Die Idee der gesellschaftlichen Wirtschaftsführung kommt ganz allgemein im 6. Kapitel zur Behandlung und mit Bezugnahme auf ein spezielles Problem im 7. Kapitel, das die Finanzlehre behandelt. Im letzten Kapitel wird dann ganz kurz die Frage diskutiert, wie die Nationalökonomie "praktisch" sein kann, ohne in rationelle Politik auszumünden.

Wenn im folgenden gewisse gesellschaftsphilosophische Spekulationen einer logischen Kritik unterzogen werden, so nur in ihrer Eigenschaft als wissenschaftliche Prämissen für ökonomische Theorie, nicht dagegen als Ausdruck für eine persönliche politische Anschauung. Selbst wenn es sich erweisen sollte, daß ihnen nicht nur wissenschaftliche Objektivität, sondern auch innerer logischer Zusammenhang mangelt, so ist das ein Fehler nur vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Es ist sicher eine Jllusion, zu glauben, die politische Einstellung eines Individuums oder einer Gesellschaftsgruppe müsse sich in Form untereinander widerspruchsfreier Urteile formulieren und irgendeinem höchsten, wenn auch nicht objektiven Prinzip unterordnen lassen. Wir werden uns mit dieser Auffassung am Schluß des Buches noch beschäftigen. Sie gründet sich jedenfalls auf eine falsche Analogie von der intellektuellen Sphäre des Seelenlebens zur emotionellen, eine falsche Analogie, die zudem im engen Zusammenhang steht mit der stark intellektualistischen Auffassung vom Menschen in unserer abendländischen Kulturwelt. Also die Kritik gilt immer nur den Gesellschaftsvorstellungen als Gliedern eines wissenschaftlichen Gedankengangs und nicht als Ausdruck einer persönlichen politischen Einstellung.

Mit Ausnahme vielleicht des Kapitels über die Finanzlehre wird man finden, daß sich die Arbeit im allgemeinen recht wenig in einem speziell deutschen Gedankenmilieu bewegt, es ist vielmehr die angelsächsische, vorwiegend die englische Gedankenwelt, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben; die österreichische Grenznutzenschule gehört in jüngster Zeit der Sache nach fast dazu. Nun heißt das nicht etwa, daß die eigentlich deutsche Nationalökonomie von den hier zu kritisierenden Ideen sich freigehalten hat. Auch die deutsche historische Schule ist ja in eine Objektivierung hat man sich nur wegen eines allgemeinen Desinteressements an Theorie ferngehalten, nicht weil es dem deutschen Denken überhaupt fern gelegen hätte.

Heute nun scheint sich in Deutschland eine Umorientierung anzubahnen. Das Interesse an theoretischen Fragen ist wieder erwacht. In Ermangelung fast jeder eigenen Tradition in Theorie sucht man zum Teil über die Österreicher Anlehnung an das altetablierte Doktringebäude der angelsächsischen Neuklassiker, das durch seine filigrane Durcharbeitung und nicht zuletzt durch die politische Stellung der Angelsachsen in der Welt und die Stellung seiner namhaftesten Vertreter in der internationalen Politik und Wirtschaft unerschütterlich gefestigt erscheint, jedenfalls ganz andere Autorität genießt und wohl auch verdient als irgendeines der ja auch in Deutschland vorfindlichen "Systeme".

Eine solche Entwicklung der Nationalökonomie in Deutschland müßte aber dennoch bedauert werden. Wenn irgendetwas zu wünschen wäre, dann gerade, daß die deutsche Wissenschaft mit ihrem neu erwachenden Interesse an der Theorie und der nur zu begrüßenden Abkehr vom historischen Epigonentum nicht die Entwicklung noch einmal durchläuft, die die angelsächsische durchlaufen hat und mit der sie - wenigstens was die eigentliche Theorie angeht - in der heutigen Sackgasse angelangt ist. Die deutsche Nationalökonomie hat genug Möglichkeiten, an die großen philosophischen und historisch-soziologischen Traditionen der deutschen Geistesgeschichte anzuknüpfen und diese auch für die internationale Entwicklung unserer Wissenschaft fruchtbar zu machen. Daß sich die deutsche Nationalökonomie beim bevorstehenden Neubau der ökonomischen Theorie eine gesundkritische Einstellung bewahren und sich nicht an einem doktrinären Nachbeten der Angelsachsen genügen lassen möge, dazu möchte die deutsche Auflage dieses Buches an ihrem bescheidenen Teil beitragen. Die Zeit der mastodontischen [mammuthaften - wp] "Systeme", der Schulenbildungen und Prinzipienschlachten, die mit Hilfe autoritätsgläubiger Schülerscharen ausgefochten wurden, ist hoffentlich endgültig dahin. Die Nationalökonomie dieses Typs, die es in Deutschland heute noch gibt, wirkt für jeden, der die Tendenzen der internationalen Entwicklung überschaut, wie ein Atavismus [Rückfall - wp] aus einem überwundenen Wissenschaftsmilieu. Wenn sich ein Wandel anbahnt, so hat dazu zweifellos der Kontakt mit den klassischen Traditionen des Auslands beigetragen, deren gesündeste Eigenschaft doch immer eine gewisse Portion "common sense" gewesen ist. Aber der "common sense" der klassischen Ökonomie enthält Metaphysik wertphilosophischer Natur. Es steht zu befürchten, daß sich diese Metaphysik bei der Übernahme der klassischen Tradition mit einschleicht. Erste Aufgabe der Wissenschaft ist aber gerade eine Kritik der in der common-sense-Einstellung enthaltenen populären Metaphysik.



1. Kapitel
Politik und Nationalökonomie

Die sozialwissenschaftliche Forschung durchlebt gegenwärtig eine kritische Übergangszeit. Es handelt sich u. a. darum, allenthalben und endgültig nur soviel von dieser Forschungseinrichtung zu verlangen, wie sie erkenntnistheoretisch leisten kann. Es gilt, mit voller Klarheit die Grenzen zu ziehen zwischen "Sein" und "Sollen", zwischen Urteilen auf der einen Seite, denen man das Attribut "wahr" oder "unwahr" beilegen kann und Werturteilen auf der anderen Seite. Solange man, oft unbewußt, wissenschaftliche Fakten und politische Ideale, Theorien und Ideologien vermengt, wird die gegenwärtig hoffnungslose Begriffs- und Meinungsverballhornung auch weiterhin herrschend bleiben. Viel spekulative Begabung und dialektisches Talent wird auf fiktive Probleme und auf einen Streit um Worte nutzlos vergeudet. In den Diskussionen, die rein wissenschaftlich sein sollten und auch den Anschein haben, es zu sein, diskutiert man in Wahrheit und ohne es zu merken schon um Wertideologien. Dadurch wird die rein wissenschaftliche Problemstellung verfälscht und eine logische Verwirrung muß die Folge sein.

Aber auch die Diskussion der Wertideologien selbst leidet darunter und bewegt sich auf einem tieferen Niveau, als nötig wäre. Allzuoft muß sie der Unterlagen entbehren, die ihr von einer wissenschaftlichen Erforschung der relevanten Ursachenzusammenhänge geliefert werden könnten. Immer wieder muß man feststellen, daß die politische Diskussion von der Wissenschaft her geradezu einen schädlichen Einfluß erfährt. Sie übernimmt zuviel von der Mentalität jener wissenschaftlichen Rationalisierung politischer Glaubensbekenntnisse, die z. B. die liberalistische Nationalökonomie charakterisieren, sowohl in der klassischen wie in der neuklassischen Schule. Man bedient sich derselben Art steriler "Beweise" für das, was "gesellschaftlich nützlich" oder "dem Wohl des Landes dienlich" ist, Beweise, an denen man umso hartnäckiger festhält, da sie scheinbar rein rationelle Schlüsse aus selbstverständlichen Vordersätzen darstellen. Die ideenpolitische Diskussion zeigt dieselbe Vorliebe für logistische Formeln und axiomatische Zauberworte und täuscht sich mit diesen bedenklichen intellektuellen Prozeduren einen rein rationellen und strng sachlichen Charakter der eigenen Gedankenführung vor. Die politische Diskussion zeigt somit gewisse Züge, welche sie zuweilen zu einer Karikatur der wissenschaftlichen Diskussion in denselben Fragen machen.

Hier bedarf es einer konsequenten erkenntnistheoretischen Grenzziehung. Sie ist in erster Linie vonnöten, um der wissenschaftlichen Forschung selbst den Weg zu neuer Erkenntnis frei zu machen. Wer unbefangen sieht, wird seine Verwunderung nicht unterdrücken können über den augenscheinlich sterilen Charakter, der der nationalökonomischen Forschung eigen ist auf einigen der wichtigsten Gebiete, die sich mit der praktischen Politik berühren, z. B. in der Finanzlehre. Die erkenntnislehre Bereinigung ist weiterhin vonnöten, damit die ökonomische Forschung so angelegt werden kann, daß sie wirklich den Erfordernissen des politischen Lebens dient, d. h. die Wirklichkeitsauffassung von Irrtümern freimacht, aufgrund deren sich die politischen Werturteile bilden. Der Grenzziehung bedarf es schließlich, um die Politik wirklich zu rationalisieren, d. h. im vorliegenden Fall vor allem, die Politik von der rationalistischen Chimäre zu befreien.

Früher hat man, wie bekannt, nicht einmal einen Versuch gemacht, diese Grenzlinie klar zu ziehen. Man hatte auch keinen Grund dazu, da man der Überzeugung war, des politischen Problems ganz und gar mit Hilfe des Denkens Herr werden zu können. Eine Staatstheorie war ein mixtum compositum von Beobachtungen, Reflexionen und Wertsetzungen. Eine Theorie der "freien Konkurrenz" war nicht nur eine wissenschaftliche Erklärung dafür, wie die ökonomischen Verhältnisse sich gestalten würden unter gewissen angegebenen Voraussetzungen. Sie war gleichzeitig eine Art Beweisführung, daß diese preisbildungsmäßigen Voraussetzungen zu "maximaler Produktion", "größtmöglicher Bedarfsbefriedigung" führen würden und daß es sich deshalb rein a priori um ein politisches Desideratum handele. Die Forschung war gewissermaßen schieläugig: sie sah mit einem Auge auf die wissenschaftlich beobachtbare Wirklichkeit und mit dem anderen auf den "gesellschaftlichen Nutzen", "das allgemeine Beste" oder welchen Ausdruck man auch immer fand für die Vorstellung von etwas, das rein objektiv wünschenswert, "wirtschaftlich" sein sollte.

Allmählich sind gewisse Voraussetzungen geschaffen worden, die die Forderung nach einer methodisch durchgeführten, streng wissenschaftlichen Grenzziehung stützen. Die Forderung würde zuerst immer bestimmter von der allgemeinen Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre geltend gemacht. Die Grenzziehung ist weiterhin dringlicher geworden, je mehr unser empirisches Erkenntnismaterial gewachsen ist und je größer der Teil der ökonomischen Forschung wird, der es mit Gewinnung, Ordnung und theoretischer Analyse dieses Beobachtungsmaterials zu tun hat. Schließlich vereinbart sie sich auch mit der größeren Skepsis gegenüber rationalen Argumenten in politischen Fragen, die heutzutage herrscht und die unsere Zeit gegenüber früheren Jahrhunderten kennzeichnet.

Es besteht ein allgemeines Bedürfnis dafür, eine Konversation in sozialen Fragen über die Grenzen der politischen Überzeugungen hinweg führen zu können. Solche Diskussion muß sachliche Fragen angehen, die letzten Wertsetzungen dagegen können nur postuliert, nicht logisch kritisiert werden. So ist von verschiedenen Seiten aus eine gemeinsame Front geschaffen worden gegen die soziale Metaphysik, d. h. gegen die Methode, politische Wertsetzungen zu rationalisieren und wissenschaftlich zu verkleiden.

Einzige Aufgabe der Nationalökonomie ist es, Empirisches zu beobachten und zu beschreiben und Ursachenzusammenhänge klar zu legen. Sie kann möglicherweise noch die Verhältnisse und die Zusammenhänge studieren, die herrschen würden in einem Gesellschaftszustand, der auf lediglich gedachten, mehr oder weniger abstrakten Voraussetzungen aufgebaut ist. Dagegen läßt sich rein wissenschaftlich nicht beweisen, daß ein Gesellschaftszustand vor einem anderen politisch vorzuziehen ist.

Damit wird nicht behauptet, daß die Ergebnisse ökonomischer Forschung für die Bildung politischer Attitüden ohne Interesse wären. Zunächst ist es möglich, Argumente, die sich in der politischen Diskussion finden, wissenschaftlich zu kritisieren. Das gilt überhaupt für alle Argumente außer denjenigen, die unmittelbar auf subjektiven Wertsetzungen ruhen. Die politische Diskussion bedarf stets gewisser Vorstellungen darüber, was faktisch ist. Diese Vorstellungen lassen sich objektiv kritisieren. Im Gegensatz zu den äußersten Wertsetzungen können sie durch wissenschaftliche Analyse als richtig oder falsch erwiesen werden. Ausnahmslos bedürfen sie der Vervollständigung. Logisch gesehen spielen die Wertsetzungen hier nicht herein, daß sie es psychologisch gesehen doch tun, ist ein weiterer Grund für eine streng wissenschaftliche Kritik. Die emotionale Färbung unseres Bildes von der Wirklichkeit ist nämlich, was wir in der wissenschaftlichen Arbeit eine "subjektive Fehlerquelle" nennen. In diesem Sinne muß die politische Diskussion gewiß rationalisiert werden. Durch eine unparteiische Kritik der politischen Argumente, die sich in der Sphäre des Sachlichen halten, kann die Wirtschaftswissenschaft eine recht wichtige Aufgabe auch im Politischen erfüllen. Oft beruhen politische Meinungsverschiedenheiten nicht auf einer verschiedenen Auffassung dessen, was als gesellschaftliches Zukunftsbild für wünschenswert gehalten wird und dessen, was als politisches Mittel seiner Verwirklichung zu gebrauchen statthaft ist, sondern auf einer schiefen, subjektiv gefärbten Auffassung von dem, was faktisch ist.

Wissenschaftlich kann man auch oft etwas aussagen über die Möglichkeiten, politische Ziele durch gewisse Mittel zu erreichen. Auch in der Politik gibt es ja solche, die das Unmögliche wollen. Sehr wichtig ist ferner das Aufzeigen der Nebenwirkungen, die durch eine an und für sich vielleicht zweckmäßige politische Maßnahme ausgelöst werden. Im sozialen Leben ist ja jede Einzelerscheinung mit jeder anderen irgendwie verbunden. Man hat die Nationalökonomie paradoxal genannt; die Zusammenhaänge sind so weitläufig und so unübersichtlich, daß sie fast immer ganz anderer Natur sind, als es bei oberflächlichem Zusehen den Anschein hat. Eine politische Maßnahme, die unter Außerachtlassung der Nebenwirkungen durchaus motiviert erscheint, erweist sich oft als vom Standpunkt derselben politischen Wertsetzung absurd, sobald man  alle  ökonomischen Wirkungen aufzeigt.

Die Politik ist ja die Kunst des Möglichen und stellt gerade damit Forderungen an die Wissenschaft. Sie verlangt von ihr, daß sie die Wirkungen alternativ möglicher Verhaltensweisen gegenüber einer gegebenen Ausgangslage klarlegt. Darüber hinaus darf die Wissenschaft nicht gehen, darüber hinaus bedarf es nämlich noch einer Prämisse, über die die Wissenschaft nicht verfügt, einer Wertsetzung, die darüber entscheidet, welche Wirkungen politisch wünschenswert und welche Mittel zu ihrer Verwirklichung zulässig sind. Führt man diese Prämisse ein, so hat man damit ein rein wissenschaftliches zu sein und ist es am allerwenigsten dann, wenn diese Voraussetzung bei der Darstellung des Ergebnisses verschwiegen wird.

Die erkenntnistheoretische Auffassung, die hier vertreten wurde, ist nicht des Verfassers Auffassung allein. Im Gegenteil kann man mit gutem Grund behaupten, daß sie die offizielle Auffassung der ökonomischen Theorie seit ungefähr einem Jahrhundert ist. Im fünften seiner brillanten Jugendessays (1), das den Titel trägt "On the Definition of Political Economy; and on the Method of Investigation proper to it" sucht JOHN STUART MILL den wissenschaftlichen Teil der Nationalökonomie zu beschränken auf die Fragen, was faktisch ist und was faktisch erwartet werden kann. Schon in seiner Antrittsvorlesung für die neu errichtete Professor in Oxford hatte SENIOR dasselbe ausdrücklich betont (2) und er wird nicht müde, es in späteren Schriften zu wiederholen. (3) Er sagt ausdrücklich, daß die Untersuchungen des Gelehrten ihm unter keinen Umständen das Recht geben, politische Verhaltensmaßregeln seinen Ergebnissen hinzuzufügen, selbst wenn diese Ergebnisse allgemeingültige Wahrheiten sind (4). Womöglich noch bestimmter drückt sich CAIRNES, der letzte große Klassiker, in dieser Frage aus. (5) Die Aufgabe der Nationalökonomie ist, sagt CAIRNES, "not to attain tangible results, not to prove any definite thesis, not to advocate any practical plan, but simply to give light, to reveal laws of nature, to tell us what phenomena are found together, what effects will follow from what causes". (6) Die Nationalökonomie ist ihm in politischer Hinsicht neutral und nicht gebunden an irgendein bestimmtes von "competing social schemes". Sie ist im selben Sinn neutral, wie die Mechanik neutral ist gegenüber verschiedenen Methoden des Eisenbahnbaus und die Chemie gegenüber verschiedenen sanitären Projekten. Der Autor, der diese Prinzipien nicht klar vor Augen hält, "labors under a constant temptation to wander from those ideas which are strictly appropriate to his subject into considerations of equity and expediency ... Instead of addressing himself to the problem, according to what law certain facts result from certain principles, he proceeds to explain how the existence of the facts in question is consistent with social well-being an natural equity; and generally succeeds in deluding himself with the idea that he has solved an economic problem, when, in fact, he has only vindicated, or persuaded himself he has vindicated, a social arrangement". (7)

Der gleichen Einstellung begegnet man bei BAGEHOT (8), SIDGWICK (9), JOHN MAYNARD KEYNES (10) und einer Anzahl anderer Autoren. In der einen oder anderen Formulierung kann man sie heutzutage auch in populärwissenschaftlichen Abhandlungen finden. Der Gedanke ist zu betrachten als ein Ausdruck für den Ehrgeiz, den die Nationalökonomen immer gehabt haben, ihre Arbeit als Wissenschaft gerechnet zu wissen.

Die prinzipielle Einigkeit über den wissenschaftlichen Charakter der Nationalökonomie und über den Inhalt dieser Forderung wirkt jedoch verwirrend. Es ist doch nur zu wohl bekannt, daß die Nationalökonomen ununterbrochen und während des ganzen Jahrhunderts Auffassungen über das soziale "Sollen" im Namen ihrer Wissenschaft vertreten haben.  Direkt aus dem wissenschaftlichen Material  haben sie die "nationalökonomisch richtige" Verhaltensweise herauskalkuliert und sie haben gewisse Maßnahmen bekämpft mit dem Argument, daß sie eine "Außerachtlassung" oder geradezu "Übertretung" der ökonomischen Gesetze bedeuten würden. Sie haben politische Fragen "vom nationalökonomischen Gesichtspunkt aus" beurteilt. Auch wo man sich nicht direkt so ausgedrückt hat, liegt doch  implizit  in den Ergebnissen der Gedanke, daß die ökonomische Forschung "Gesetze" im werttheoretischen Sinn von  Normen  erbringen könne, Gesetze also nicht im Sinn  beobachteter Regelmäßigkeit  im Zeitablauf.

Man hat Theorien aufgestellt über etwas, das man "Bevölkerungsoptimum" genannt hat. Man hat gesprochen von der "nationalökonomisch richtigen Verteilung der Arbeitskraft über den Erdball". Zuweilen hört man noch heute, daß eine freie Kapitalbewegung vom "weltwirtschaftlichen Gesichtspunkt" vorteilhaft ist, auch wenn sie sich als unvorteilhaft für einzelne Staaten erweisen sollte. Freie Kapitalbewegung würde nämlich das "Einkommen der Weltwirtschaft" maximieren lassen. Man spekuliert "richtige", "gerechte" oder "nationalökonomische" Prinzipien für die steuerliche Lastenverteilung aus. Die Finanztheorie wird ja meistens geradezu definiert als die Lehre darüber, wie das Steuersystem beschaffen sein  soll.  Somit gibt es auch eine nicht unbedeutende Literatur über den "richtigen" oder "gerechten" Einkommensbegriff in der Finanzlehre. In derselben Weise spekulieren wir noch immer über den "richtigen Geldwertbegriff". Aus den Begriffen "Einkommen" und "Produktivität", wie sie ADAM SMITH gebrauchte und wie sie sonst überall in der wissenschaftlichen Forschung aufgegeben sind, aus diesen Begriffen deduzieren wir noch ausführliche Normen dafür, in welchem Ausmaß öffentliche Körperschaften Anleihen aufnehmen dürfen und nach welchen Grundsätzen diese Anleihen in richtiger Weise amortisiert werden sollen. Ähnliche Beispiele ließen sich unendlich viele anführen.

Bisher sind die Beispiele aus der mehr allgemeinen nationalökonomischen Spekulation entnommen worden, aber es wäre nicht schwer, sie durch andere aus mehr speziellen Diskussionen zu ergänzen. Aber wir wollen uns daran genügen lassen. Wir wollten nur einleitungsweise hinweisen auf den gänzlichen Mangel einer Übereinstimmung zwischem den wissenschaftstheoretischen Rahmen, in dem seit altersher die nationalökonomische Forschung präsentiert wird und der Praxis ihrer Arbeit. Niemand kann verneinen, daß sich aus dieser Konstellation ein ernstes methodisches Problem ergibt.

Der Gegensatz wird oft in der Weise überdeckt, daß die prinzipielle erkenntnistheoretische Erklärung ihren Ehrenplatz in der Einleitung bekommt, dagegen kommen die normativen Arbeitsmethoden in den Spezialproblemen zur Anwendung.

Nicht nur die zentraltheoretische Richtung in der Nationalökonomie, mit der wir uns weiterhin hauptsächlich beschäftigen wollen, beweist jenes seltene Geschick, ohne klare Wertprämissen zu politischen Verhaltensmaßregeln zu kommen. Die deutsche historische Richtung mündete ganz ebenso in eine objektive Sozialpolitik aus. Die Kritik dieser Schule gegen die klassischen Traditionen galt mehr den aprioristischen und abstrahierenden Arbeitsmethoden und der speziellen normativen Einstellung der Klassiker, dagegen lehnten sie nicht die Findung von Normen als Forschungsaufgabe überhaupt ab.

Dasselbe gilt für die institutionalistische Schule in Amerika. Sie war ja bisher ziemlich heterogen und eine klare Wissenschaftstheorie hat sie jedenfalls nicht entwickelt. Ihr Grundgedanke ist jedoch, daß man vollständige, quantitative und voraussetzungslose Studien der sozialen Verhältnisse anstellen will. Man kritisiert energisch das geringe Interesse der traditionellen Nationalökonomie für die Bedeutung der sozialen Institutionen, ihre rationalistische Auffassung vom Menschen und ihre allgemeine Vorliebe für freie Konkurrenz. Man frischt also die Opposition der historischen Schule wieder auf, indem man die Arbeitsmethoden der herrschenden Theorie ablehnt und damit auch einige Ergebnisse der Theorie in der Frage, wie die soziale Wohlfahrt gefördert werden kann, die mit Hilfe dieser Methoden erlangt sind.

Die Wohlfahrtsidee selbst liegt jedoch nach wie vor zugrunde. Man betrachtet die gesellschaftlichen Institutionen unter dem Gesichtspunkt, daß sie "Funktionen" zu erfüllen haben im Dienste der Gesellschaft. Dann untersucht man, wieweit sie diese Funktionen wirklich erfüllen. Man hat also im Grunde dieselbe unbewußte Wertprämisse wie in der klassischen Doktrinbildung. Gewiß spricht man nicht mehr so gern vom gesellschaftlichen Nutzen oder von der Maximierung der Bedürfnisbefriedigung, aber statt dessen von der Effektivität der Produktion oder ähnlichem, ein Begriff, den man für quantitativ bestimmter hält, schon deshalb, weil man ihn ununterbrochen "mißt". Man redet auch gern von den Funktionen der Institutionen oder davon, wie sie diese Funktionen erfüllen. Man ist interessiert an Details und macht deshalb Regeln aus den Ausnahmen der klassischen Theorie. Man bekommt eine Theorie für "social control" anstelle des alten individualistischen Postulats eines Nichtinterventionismus. Aber dieses Postulat wie überhaupt das ganze klassische Doktrinsystem hat tiefere Wurzeln. Aus den Zirkelschlüssen des doktrinären Denkens kommt man nicht dadurch heraus, daß man lediglich die normativen Schlußsätze variiert und differenziert.

Der charakterisierte Gegensatz zwischen dem wissenschaftstheoretischen Grundsatz und der Praxis der Forschung ist es, der unser Problem entstehen läßt. Man meint augenscheinlich in der Nationalökonomie nicht dasselbe mit Beobachtungen und Fakten, wie sonst im wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Man scheint  eine objektive und der Beobachtung zugängliche Wertsphäre  anzunehmen. Vielleicht nahmen wir es auch zu leicht, indem wir uns auf eine hundertjährige Kontinuität der prinzipiellen erkenntnistheoretischen Auffassung beriefen. Vielleicht sind es nur die Worte, die gleich sind, während man zuinnerst etwas ganz anderes meint.
LITERATUR - Gunnar Myrdal, Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Berlin 1932
    Anmerkungen
    1) Essays on Some Unsettled Questions of Political Economy, London 1844
    2) An Introductory Lecture on Political Economy, London 1826
    3) Artikel "Political Economy" in der Encyclopedia Metropolitana, London 1836, separat herausgekommen in zweiter Auflage, London 1850. - Ferner: Four Introductory Lectures on Political Economy, London 1852 und Industrial Efficiency and Social Economy, herausgegeben von LEVY, New York 1928.
    4) MILL, Political Economy, 6. Auflage, London 1872, Seite 3
    5) The Charakter and Logical Method of Political Economy, London 1857, Essays in Political Economy, Theoretical and Applied, London 1873 und Some Leading Principles of Political Economy, Newly Expounded, London 1874.
    6) The Character and Logical Method of Political Economy, 3. Auflage, London 1888, Seite 34
    7) a. a. O. Seite 32. Für dieses und die vorhergehenden Zitate vgl. auch die übrigen angeführten Arbeiten.
    8) The Postulates of English Political Economy, in Economic Studies, posthum. ed., herausgegeben von HUTTON, London 1879, zitiert nach der 2. Auflage, London 1895. BAGEHOT sagt: "But the aim of that science is far more humble; it says these and these forces produce these and these effects, and there it stops. It does not profess to give a moral judgement on either; it leaves it for a higher science and on yet mor difficult, to pronounce what ougth and what ought not to be." (Seite 27)
    9) Principles of Political Economy, London 1883
    10) Scope and Method of Political Economy, London 1891