ra-2 ra-1F. SchillerH. CorneliusA. Schlesinger    
 
KARL SCHEFFLER
Idealisten
[2/4]

"Es müßte gleich zu einer Revolution kommen, wenn die Masse des Volkes ahnte, welcher Art die Gedanken, Interessen und Ideale der Männer sind, die das Land im Namen aller patriotischen Tugenden regieren. Diese selbst, die sich so stolz als Nenner brüsten, sind leere Nullen oder dürftige Brüche, die auch vereinigt sich nicht glatt zum Ganzen zusammenfügen. Hinter ihnen aber, die selbst harter Leitung bedürften, steht die millionenstarke Schar der unselbständigen Menschen, die unter allen Umständen geleitet sein will, die sich in ihrer Neutralität zum Guten wie zum Schlechten hinüberziehen läßt, die ein wenig gutmütig ist und ein wenig bösartig, zugleich träge und enthusiastisch. Dadurch wird diese Menge der Indifferenten zur kulturzerstörenden Gewalt. Sie ist in jedem Fall eine Großmacht: wenn sie sich von lebendigen und großen Konventionen der Ethik, Kunst oder des Staatsgefühls regieren läßt, aber auch, wenn sie, wie es heute ist, der Zeitmode und dem kranken Irrtum blind gehorcht."

Die Gehorchenden
[Fortsetzung]

Während es so im Volk aussieht, hat das Schicksal es gefügt, daß Deutschland in dieser Zeit von einem Kaiser regiert wird, dessen Art die Herrschaft auszuüben, die Ungunst der Verhältnisse außerordentlich verschärft, weil er sich zur Rolle eines Kommandierenden im Idealen besonders berufen fühlt. Ohne die Persönlichkeit WILHELMs des Zweiten wären viele Erscheinungen im heutigen Deutschland unerklärlich; darum muß notwendig auch von ihr gesprochen werden. Ihre Eigenart ist auf die Disposition der Zeit und der Nation getroffen wie der Ton auf seine Oktave, vorhandene Schwingungen zum schrillen Forte verstärkend.

In dem hier zu betrachtenden Zusammenhang sind vor allem zwei Eigenschaften des Kaisers wichtig. Er hat einerseits, gerade wie die Nation, eine entschieden materialistische Lebensanschauung und ist darum durchaus den Befehlen gewisser äußerlicher, autoritativ auftretender Ideen unterworfen und ganz unoriginell; und andererseits fühlt er einen unhemmbaren Trieb, seine Überzeugungen und Instinkte gewaltsam zu oktroyieren. Was gegenüber den Handlungen WILHELMs des Zweiten von Schmeichlern oder schlechten Psychologen oft genialische Impulsivität genannt wurde, ist die Ausdrucksweise eines heftigen, der Selbstdisziplin nicht leicht gehorchenden Naturells, das immer nur eines Gedankens, einer Empfindung, einer Beobachtung zurzeit fähig ist und dem es eben darum versagt ist, mit klarem Kausalitätsgefühl Ursache und Wirkung nebeneinander zu sehen und ein Ganzes mit beruhigter Sachlichkeit zu überblicken. Man kann vom Kaiser sagen, nicht er habe die Ideen, sondern die Ideen hätten ihn. Darum ist er aufs äußerste einseitig und infolgedessen unkritisch. Denn Kritik ist die Fähigkeit des Vergleichens. Er gelangt zu romantischen Übertreibungen, weil er das eine nicht durchs andere balanciert. Auch sein Gehorsam ist nicht frei, nicht schöpferisch.

Eine materialistische Menschlichkeit könnte heute auf einem Thron immerhin günstig genug wirken, wenn sie das, worin sie stark ist: den profanen Sinn für alles Gegenständliche, benutzte, um ein ideales Wollen der um sie versammelten Staatsbeamten durch nüchterne Einwände und selbst hausbackene Bedenken zu balancieren. In gewisser Weise ist der erste deutsche Kaiser vorbildlich nach dieser Richtung geworden, weil er, eine vornehme aber eigentlich profane Natur, in seiner bescheidenen Selbsterkenntnis einen feinen Spürsinn für die ihn überragende Geistigkeit hat reifen lassen. Bei seinem Ekel ist es nun aber fast tragisch, wie sich einer ungenialen Anlage ein selbstherrlicher Imperatoren gesellt. Wo der erste Kaiser es verstand, starke Schöpferkräfte zu seiner bürgerlichen Gestalt hinzuziehen und sich vom Glanz des fremden Talents verklären zu lassen, da zeigt WILHELM der Zweite eine unglückliche Gabe, das Talent aus seiner Nähe zu verscheuchen und seinen Helfern das Niveau anspruchsvoller Subalternität anzuweisen. Wie er der Autorität unlebendiger Ideen gehorsam ist, so verlangt er von anderen einen äußeren Gehorsam für seinen ihm selbst ideal erscheinenden Materialismus.

Die Art dieses Fürsten wäre nun eine durchaus zu ertragende Fügung der Geschichte, wenn die Nation seinem subjektiven Wollen sachlich gerichtete Ideale gegenüberzustellen hätte. Der allgemeine Materialismus der Zeit fühlt sich aber vortrefflich regiert von dieser im Grunde immer etwas Materielles meinenden Geistigkeit. Daß etwas Materielles gemeint wird, ist offenbar, weil in den jähen Willensgebärden, in der dynastischen Repräsentationslust, in den Erfolg heischenden Imperatorengesten deutlich ein zweckvolles Begehren, ein stofflich gerichteter Genußwille zum Ausdruck kommt. Der Kaiser gibt weniger auf die unsichtbare Wirkung als auf den schnellen Erfolg, er will nicht so sehr das Notwendige als das ihm wünschenswert Erscheinende, will das Objektive nur im Subjektiven. Materialismus ist in seiner Politik der Drang zur Weltherrschaft und zu unmittelbar verblüffenden Wirkungen; in der Kunst ist es der Wille zur Wertanhäufung auf Kosten der Wertverfeinerung. Die Reflexe dieses Wollens zeigen sich denn auch deutlich in seiner Umgebung. Materialismus beherrscht die Minister, die ihre Stellung mehr lieben, als die Wirkung ihrer Tätigkeit, die Beamten, die durch äußeren Gehorsam Karriere machen wollen, die Abgeordneten des Volkes, die sich sehr oft gefügt haben, wo sie standhaft bleiben mußten, die Künstler, die mehr nach Würden, Titeln und Aufträgen streben, als nach der Verkörperung innerer Erlebnisse und die Gemeinderegenten, die dem Imperatorgedanken schmeicheln, weil auch sie sich selbstsüchtig darin sonnen möchten.

Der Materialist gerade braucht am meisten ein repräsentationsfähiges Ideal. Denn mit hohen und edlen Formen der Vergangenheit täuscht er sich über seine profane Anschauungsweise hinweg. Der Kaiser ist unseren modernen Materialisten so willkommen, weil er sie glauben macht, sie alle wären Idealisten und edle Kulturträger, wären den Griechen und Renaissancemenschen ähnlich. Die Beteiligten merken es nicht, daß sich die willkürlich aus aller Welt errafften Idealformen der Kunst, der Politik, der Ethik in den Händen des Materialismus schnell verändern. Es kann nicht anders sein, weil die lebendige Seele nicht schöpferisch dabei ist. Das in diesen Jahrzehnten so laut und anspruchsvoll Begonnene schlägt der Nation darum fast immer zum Schaden aus. Es fehlt stets die innere Notwendigkeit. Und für die Mißerfolge erscheint die Gestalt des Kaisers dann nahezu symbolisch. Eigentlich meint man nicht ihn, auch wenn man auf sein Handeln direkt hinweist. Denn schließlich ist er ein determinierter Mensch, durch Zufall auf seine Höhe gestellt. Erst weil große Teile der Nation, weil Minister, Beamte, Künstler und Pädagogen, der Adel und das Bürgertum förmlich wetteifern, in den Tendenzen dieses Fürsten ihre Überzeugungen zu erkennen, weil sie ihre eigene Unzulänglichkeit auf den Namen des Kaisers, als auf den eines Vorbildes häufen, muß man das Sein und Handeln dieser Zeit so oft als ein beschämendes Unglück empfinden. wäre vom ersten Tag der Regierung WILHELMs des Zweiten ab die Nation anderen Sinnes gewesen als er, so hätte er nie die Macht gehabt, uns dahin zu leiten, wo wir nun stehen. Nur wenige haben widersprochen; viele haben es gehen lassen, wie es ging; die meisten aber waren überzeugt, gut regiert zu werden. Die Opposition hat sich immer darauf beschränkt, Einzelnes, Zufälliges und Nebensächliches nach den Leitsätzen der Parteidogmen zu bemängeln. Eben dieser Kaiser wollte die unendlich arbeitsame, aber in kalten Erwerbsinstinkten versunkene neudeutsche Nation. Fürst und Volk sind gleichmäßig den Suggestionen der Quantitäten unterlegen und beide verstehen gleich schlecht den Adel der Qualität; beide begeistern sich für Expansion, für die Anhäufung von Machtmitteln für den Besitz an Arbeit, Geld, Wissenschaft oder Kunst, nur um des Besitzes willen; beide verwechseln fortgesetzt Zivilisationswerte mit Kulturgütern, überschätzen die Phänomene des sichtbaren Erfolges und sind einig in der Abwehr der still wirkenden aristokratischen Geistesgewalten. Diese Zeit ist ganz unfaustisch. Es ist eine Zeit ungeheurer Güteranhäufung und kühnen Unternehmertums, glückloser Emsigkeit und eiliger Genußgier. Das deutsche Volk dieser Jahrzehnte ist stark, ja, beinahe groß im Materiellen und nicht eine Spur von Trägheit ist in ihm; aber es ist ohne Tiefe. Kühn ist es ohne Grazie, kräftig ohne Schönheit, klug ohne Weisheit, tugendhaft ohne schöpferische Sittlichkeit, gehorsam ohne frei dienende Ehrfurcht. Immer sind wir noch in Gründerjahren und schon darum gefällt der Nation die Gründerpolitik, der Parvenu-Imperialismus. WILHELM der Zweite ist der Kaiser aller merkantilen Interessen. Ein Kaiser des allgemeinen Industrie-Jllusionismus, ein Fürst aller Fehler des Überganges. Der im Land heute allmächtige Kaufmann hat ihn mit beleidigender Zärtlichkeit seinen "besten Geschäftsreisenden" genannt. Dieser gekrönte "Geschäftsreisende" ist es, dem die geschäftlich gewordene Nation so lange zugejubelt hat, denn unter seinem Regime ist sie reich geworden.

Die deutsche Politik dieser Jahrzehnte ist zugleich kaufmännisch und theatralisch betrieben worden, niemals staatsmännisch. Es wurden mit ihr alle materiell gerichteten Volksinstinkte in Bewegung gesetzt, die wirklich idealen aber ignoriert oder unterdrückt. Die Politik war bisher wirr, ziellos und grundsatzlos; sie schmeichelt der Macht und ist hart und rücksichtslos gegen den Machtlosen. Sie scheut es, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen und ist mehr eine Politik des Wortes als des Handelns. Ohne zu mehren, zehrt sie von dem, was die im Rationellen noch unerschütterte Arbeitstüchtigkeit der Nation aufhäuft. Ihr Ziel ist äußeres Ansehen und ihr Mittel ist der Kompromiß; sie ist ohne wahren Mut, aber auch ohne Vorsicht. Unfrei in ihren Ideen, ist sie auf Personenkult angewiesen; unbeständig muß sie sein, weil sie nicht bleibende Ziele hat und dem Schein jedes Augenblicks nachrennt. Den schlimmen Instinkten ihrer Diener ist sie eine üble Gelegenheitsmacherin und der Konvention gegenüber wirkt selbst ihr Konservatismus auflösend. Dem Sehenden zeigt sie in jeder Stunde wie wenig das nach außen geeinte Reich im Innern geistig schon geeint ist. Sie hat uns über viele Leidensstationen schon geführt und man brauchte nur Stichworte zu nennen, um gleich wieder daran erinnert zu werden, mit welchem Dilettantismus ein großes, mächtiges Reich seit nahezu zwei Jahrzehnten regiert worden ist. Deutschland steht heute, dank seiner ideenlosen Politik, isoliert da, mit Mißtrauen betrachtet von alten Freunden und alten Feinden. Die törichte Taktik, heute zu drohen und morgen zu schmeicheln, beides ohne zureichenden Grund, hat Völker, die sich früher mit Mißtrauen betrachteten, zu Bündnissen getrieben und Deutschland in ihrer Mitte, ist rings eingekreist vom klug vereinigten feindlichen Interesse. Man braucht nur die Worte  Bismarck, China, Marokko und Polen, Tweedmouth, Krüger  und viele andere auszusprechen, um moralisch Niederlagen zu bezeichnen, die einer Weltmacht unwürdig sind; man braucht nur auf diesen ganzen Komplex von Unrast und Kopflosigkeit zu blicken, der deutsche Politik heißt, um einzusehen, daß die Motive, die dahinter stehen, schon hart zu schelten wären, wenn sie nichts sein wollten als was sie sind, daß sie aber in parlamentarischer Weise undiskutierbar sind, wenn sie gar als ideal bezeichnet und der Bewunderung mit imperatorischem Zwang empfohlen werden.

Ebenso drastisch spricht die offizielle Kunst vom unwahren Idealismus der Zeit. Diese vom Hof, von den Regierungsgewalten und den Staatshochschulen ausgehende und das ganze Reich mit üblen Bildungen unmöglicher Afterstile überziehend Kunst ist ohne Gefühl und darum auch ohne Können im tieferen Sinne. Sie sucht den leeren Schein, das pomphaft Dekorative und täuscht dem Auge eine Reife vor, die niemals wachsend geworden ist, eine Schönheit, die vom Baum der Vergangenheit gestohlen ist, eine Fülle, die gewaltsame Anhäufung ist und einen Adel, dessen Abglanz schmerzhaft nur auf pietätlose Vergewaltigung hinweist. Diese Regierungskunst ist in ihrer akademischen Leblosigkeit mehr handwerksmäßig als ideal und mehr industriell noch als handwerksmäßig. Die Künstler, die sich ihr hingeben oder sich zu ihr kommandieren lassen, prostituieren sich selbst, während sie unsere ganze Generation vor der Geschichte kompromittieren. Ohne Konvention und Tradition ist diese Kunst in all ihrer schulmäßigen Imitationslust. Den Besseren sind ihre Produkte ein "Gelächter oder eine schmerzliche Scham"; denn was im Fürstenschloß beginnt, das endet gleichen Geistes in den Singspielhallen und Massenkneipen.

Muß noch einmal von der Siegesallee gesprochen werden, von dem Kunstgraus vor dem Brandenburger Tor, von den Plänen, dieses Tor selbst zu verschandeln oder von Bauten wie dem Dom oder dem Kaiser Friedrichmusem? Es ist gesagt worden und wiederum gesagt, was ausgesprochen werden mußte. Über ÄGIR, LAUFF, LEONCAVALLO sind wir zum Kaiser Wilhelmdenkmal und zum Bismarckdenkmal gelangt, haben die Straßen der Hauptstadt von Jahr zu jahr grotesker werden sehen durch eine fabrikmäßige Kunst, die erträglich war in den vereinzelten Kriegerdenkmalen, die in ihrer bewußten Organisation und Konzentrierung nun aber zerrüttend auf die künstlerische Moral wirkt; wir haben im Reich einen historischen Bau nach dem andern durch übereifrige, gelehrte Restauratoren zerstören sehen, haben hören müssen, wie der Kaiser eine ehrlich wollende Kunst, die sich um lebendige Werte müht, mit einem Schimpfwort belegt hat und haben es ertragen, daß sich freie Selbstverwaltungen deutscher Städte zur Regierungskunst haben kommandieren lassen. Auf hundert Jahre hinaus ist die Reichshauptstadt in ihren Stadtbildern kulturlos gemacht, die wichtigsten Bauaufgaben sind mit verderblicher Hast erledigt worden, in einer schöpferisch armen Zeit, die ruhig das Erstarken der jungen Kräfte abwarten sollte; und wo einmal etwas Bedeutendes organisiert worden ist, wie in der Nationalgalerie, da hat die willkürlich zugreifende Hand WILHELMs des Zweiten von neuem Verwirrung geschaffen.

Die Zukunft will einen neuen Fürstentyp. Aber Völker und Monarchen sehen es noch nicht ein; und das ist die Ursache so vieler Verwirrungen. WILHELM der Zweite sucht das Ideal seines Monarchenbewußtseins ungefähr so in der Vergangenheit, wie der Akademiker dort sein Kunstideal aufsucht; er empfängt sein Pflichtgesetz mehr aus toten Begriffen wie aus lebendigen Lebensgefühlen. Diesen Irrtum kann er ohne sonderliche Gefahr für sich begehen. Früher konnte eine mißverständliche Berufsauffassung den Fürsten Thron und Land kosten, weil es  sein  Thron,  sein  Land war; der Fürst aber, der heute Fehler begeht, tut es, wie etwa der mit festem Gehalt lebenslänglich angestellte Direktor einer Gesellschaft: sein Gehalt geht weiter und den Schaden tragen die Aktionäre. Nur wird er, wenn er vom alten Cäsarenschein nicht lassen mag, in allen Dingen das Unwirkliche packen; anstatt der modernste Mensch seines Volkes zu sein, wird er der unmodernste werden. Versteht er dagegen den neuen Sinn des Lebens und bescheidet er sich, nichts sein zu wollen als der Verwalter, als der Majordomus der sich ihrer selbst bewußt werdenden Willenskraft der Nation, so wird er finden, daß ihm immer noch ein ungeheures Machtgebiet bleibt. In anderer Weise müssen die Fürsten versuchen, wieder die Führenden der Völker zu werden, wie die Zeit es ist und es immer mehr sein will. Bürgerlich: das heißt nicht kleinlich krämerhaft, philistermäßig und unköniglich; es gibt auch eine Bürgerlichkeit, die griechisch ist, gesättigt mit monumentalen und heroischen Zügen, die genial ist, stark und selbstherrlich.

Das großbürgerliche Oberhaupt eines frei gehorchenden Volkes wird freilich in der Kunst nicht mehr ein Mäzen sein, wie JULIUS der Zweite, der MICHELANGELO Arbeitsgelegenheiten schuf, indem er seinem Regime Denkmale wünschte; er wird es aber auch nicht sein wie WILHELM der Zweite. Mäzen wird er nicht heißen, weil er persönlich Aufträge erteilt, sondern weil er den still für sich, nach den selbstdiktierten Gesetzen innerer Verantwortlichkeit schaffenden Künstlern Gelegenheit findet, ihre Fähigkeiten zu äußern, weil er die Nation mit ihren eigenen bildenden Kräften bekannt macht und der Schöpfer immer neuer Anlässe wird, die vorhandenen Bedürfnisse sich in schönen Formen entfalten zu lassen. Er darf dabei konservativ und bedächtig verfahren oder stürmisch genialisch, wie immer sein Temperament ihn treibt. Worauf es ankommt ist, daß  der,  der über die Kräfte der Zeit herrscht, sie auch kennt, sie mit Ehrfurcht betrachtet und sich in ihren Dienst stellt.

Die überzeugtesten Anhänger der in dieser Weise von oben herab befohlenen Idealität findet man im allgemeinen leider dort, wo am meisten Ursache zu einem selbstbewußt freien Gehorsam wäre: im Adel. Er vor allem sollte königlich denken und handeln, nicht aber subalten. Das täte er, wenn er die ihm von alters her überkommenen Vorrechte durch selbstgesetzte Pflichten neu erkaufte. Immer noch wäre der Adel berufen, die Familie zu einer höchsten vorbildlichen und symbolischen Form hinaufzuentwickeln und dem Staatsgedenken durch die Ausbreitung und Erhöhung des Familiengedankens die stärkste Stütze zu schaffen, die er haben kann. Der Adel läßt diese Möglichkeit immer mehr aber fahren, weil er sich, recht wie ein absterbender Teil der Gesellschaft, vom lebendigen Leben der Nation absondert und in unfruchtbarer Inzucht, von Erinnerungen sich nährend, dahinlebt. Die einst große, staatserhaltende Familienidee des Adels ist allgemach zu einer starren Gesellschaftsidee geworden, deren Exklusivität alle schöpferisch erneuernden Kräfte abstößt. Das ist umso schlimmer, als anstelle des Adels noch kein anderer Teil des Volkes die so notwendige Aufgabe intensiver Familienzüchtung schon durchzuführen vermag. enn in diesen Jahrzehnten der Erneuerungen steigen die neuen Energien immer aus dem Dunkel des Demos mit ihren Willensgebärden jäh ans Licht der Zeit, ohne Ahnenreihe, ohne Familientraditionen und darum ohne starkes Nationalgefühl. Und das Großbürgertum, das bürgerliche Patriziat, dem das Deutschland des 18. Jahrhunderts, zum Beispiel, so unendlich viel verdankt, ist längst schon bis auf kleine Reste zersprengt. Es sollte dem deutschen Adel zu denken geben, daß er, wenn er sich nach einenm Gegenbild seiner Pflichten umsieht, nirgend eines findet als nur vielleicht innerhalb der alten, traditionsgesättigten jüdischen Familie. Sie ist im Lauf dieser Zeiten zu einer Art von Patriziat geworden, zu einer Stätte entwickelnder Tradition, nicht nur, weil sie von den Verhältnissen zur Konservierung ihrer Geschlechter bildenden Energie gezwungen worden ist, sondern weil sie sich zu gleicher Zeit dem lebendigen Zeitgeist mit der Bereitwilligkeit des Hungers nach Zukunft hingegeben hat. Die jüdische Familienidee ist stark, weil sie an sich selbst festzuhalten vermag, während sie doch an allen Entwicklungen der Zeit lebendigen Anteil nimmt. Wenn sie trotzdem nicht eigentlich wertvoll für den Staat wird, so kommt das daher, weil diese Familienidee nicht von alters her in der Nation wurzelt, weil sie am frühesten Werden der Nation nicht Anteil hat. Das aber hat der Adel. Ihm könnte darum sehr wohl eine glänzende Erneuerung werden, wenn er das äußere Privileg bis zu gewissen Graden fahren ließe und sich entschließen könnte, dem Sinn nach wieder zu einer lebendig führenden Aristokratie zu werden, indem er aus dem Volk die mächtig sich regende neue Laienkraft, das zu schöpferischer Betätigung sich drängende Autodidaktentum, das ahnenlose Genie der Tat zu sich hinüberzöge und es nobilitierte. Ein Weg würde sich leicht finden, wenn der Wille nur lebendig wäre: der Wille der Erneuerung des Familienethos. Auf Familie ruht schlechterdings jeder Staat. Der Stand, der die machtvollste Familienkraft entwickelt, wird im Staat immer herrschen. Es genügt nicht, daß der Adel sich bis zu gewissen Graden noch mit dem Geist des Soldatenberufs identifiziert und daß er sich gerade im Heer, wo von jedem Einzelnen unbedingter Gehorsam gefordert wird, am meisten noch frei von den Lastern des falschen Gehorsams zeigt. Dieser Umstand hat ihn vielleicht vor der gänzlichen Desorganisation bewahrt; aber niemals wird der soldatische Berufsgeist dem Adel doch seine verlorene Position zurückgewinnen können. Umso weniger als dieser Geist selbst schon nicht mehr unbedingt fest in seinen Traditionen ruht. Der Adel wird dem Staat in demselben Maße nicht mehr gute Offiziere liefern können, wie er ihm nicht groß denkende Beamte und wahrhaft schöpferische Staatsmänner zuführt. Auch unser Heer ist durchaus dem Schicksal der Zeit unterworfen; es muß sich ebenso verbürgerlichen wie das ganze moderne Leben es tut. Macht der Adel diese Verbürgerlichung nicht mit, die ihm allein seinen Aristokratismus erhalten könnte, so wird er auch aus dem Heer langsam herausgedrängt werden. Diese Konsequenz sieht der deutsche Adel immer aber noch nicht ein. Die wenigen seiner Glieder, die ihre Geburt, ihre Vorrechte als tote Last empfinden und sie abwerfen, verlieren gleich den Zusammenhang mit der Tradition und geraten rettungslos in die Untiefen eines demokratischen Bohemelebens, werden wurzellos und damit untüchtig. Die Masse des Adels aber ist seit der Herrschaft der Reichsidee und der neuen wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur zum Hemmschuh des nationalen Lebens geworden - das wäre noch zu ertragen, weil auch retardierende Energien nützlich sein können -, sondern, wie gesagt, zu einer Brutstätte falscher Idealität. Stets findet sich dieser reichsdeutsche Adel bereit, der herrschenden Politik Beamte zu liefern, die sich höhere Ideen, wie immer sie gerade beliebt werden, kommandieren lassen. Und immer mehr auch sucht dieser Adel Anteil an der allgemeinen Bereicherung. Er benutzt gar zu oft nur seine alten ererbten Vorrechte, um einen in seinen Reihen doppelt widerwärtigen Egoismus damit zu unterstützen. Sein Ansehen, seine Verbindungen benutzt er, um sich Vorteile zu verschaffen, denen wertschaffende Leistungen nicht gegenüberstehen. So kommt es, daß der schöne alte Ehrbegriff zur Phrase, der echte Stolz zum Dünkel, das freie Standesgefühl zum Kastengeist entartet. Die Familienpolitik des Adels ist fast nur noch eine Politik der Angst. Alle Interessen sind defensiv gerichtet. Die Rechte aber, die noch verteidigt werden, kann das Volk nicht anerkennen, weil es nicht Nutzen mehr davon hat, sondern nur noch die Last. An diesen Adel denkt der Künstler schon nicht mehr als an einen Förderer und Käufer, der Dichter nicht als an seinen Leser und der Gelehrte nicht als an sein Laienpublikum. Und kaum ein Willensmensch geht aus seinen Reihen noch hervor. Was er konserviert, sind im wesentlichen Tugenden der Passivität. Die eigentliche Kulturarbeit aber verrichten immer wieder bürgerliche Autodidakten, denen jede gesellschaftliche Organisation fehlt.

Auch unser Beamtentum hat das beste von seiner Würde und Selbständigkeit verloren, seitdem es kritiklos allem Beifall gibt, was offiziell ist. Handeln und Denken, Fühlen und Sprechen, Liebe und Abscheu läßt der Beamte sich heute vorschreiben. Der Verwaltungsmann alter Schule, der ein Charakter war und ein Volksvertreter aus Liebe zur Nation und zur Sache, stirbt im bürokratischen Getriebe dieser Tage ganz aus. Wo er sich zeigt, da wird ihm die Arbeitslust bald verkümmert. Blindes Gehorchen gilt als oberste Beamtentugend. Was die Regierung will und tut gilt als heilig, auch wenn morgen das Gegenteil befohlen wird. Vor allem dem preußischen Beamten, dem höheren wie dem subalternen, scheint es Pflicht, die Politik und Kunst im Sinne seines Fürsten, seines Vorgesetzten aufzufassen. Selbständigkeit schickt sich nicht; blinde Loyalität gehört zur Standesehre und Familienmoral. Die Hofmode ist unter allen Umständen das vornehmste. Servil und dünkelhaft zugleich denken, heißt wohlgesinnt sein. Der Vorgesetzte verlangt von seinen Beamten heute nicht mehr Vaterlandsliebe, sondern standesgemäßen Patriotismus, nicht Erkenntniskraft und Ehrfurcht vor dem Notwendigen, sondern automatisches Wissen und systematische "Bildung", nicht Sachlichkeit, sondern Korrektheit. Was Wunder, daß es dem Beamten gleichgültig wird, ob es über den geistigen Saaten seines Vaterlandes stürmt, gewittert oder freunlich blaut, ob das Selbstgefühl der Volkspsyche gesund ist oder krank. Wenn ihm nur die Karriere gesichert ist, wenn das Reich nur beeinander bleibt, damit er lebenslänglicher Versorgung gewiß sein kann!

Beim Korpsstudenten, der nichts weniger mehr als der Träger echter studentischer Idealität ist, beginnt dieser ertötende Stolz auf einen servielen Glauben an alle offizielle Autorität, diese vornehm sein sollende Freude an der Unselbständigkeit; der Reserveoffizier bestärkt sich darin und der mann ist dann schon blind aufs System dressiert, wenn er als Beamter die Geschäfte der Nation zu besorgen beginnt. Es läßt sich heute der Baukünstler auf der Hochschule zum Baubeamten drillen und sich gleichmäßig akademisch tote Kunstideale und Beamtentugenden kommandieren; und es fügt sich willig der Lehrer der Jugend in Volksschule und Gymnasium den Befehlen der Obrigkeit, wie er den Kindern Patriotismus, Loyalität und Gottesfurch beizubringen habe. Sogar der Geistliche, der Beamte der Staatskirche, vergißt es in diesen Zeitläuften, daß er Gott mehr gehorchen soll als den Menschen; auch er unterwirft sich dem Diktum der Staatsautorität, das ihm das für die Politik Nützliche als das vom Himmel gewollte Ideale bezeichnet. Und die bürgerlich Unabhängigen drängen sich nicht weniger zu freiwilliger Entwürdigung. Für einen Titel, einen Orden geben sie stolz und freudig das ideale Selbstbestimmungsrecht auf, handle es sich nun um einen ärmlichen Hoflieferantentitel oder um das feierliche Prädikat Exzellenz. Mit pompösen Reden und großen Gebärden feiern die toten Seelen sich gegenseitig an und blicken verächtlich noch auf die Stillen und Tüchtigen hinab.

Die Folge ist, daß in erschreckender Weise die Persönlichkeit aus dem öffentlichen Leben verschwindet, deren Aufgabe es ist, als Nenner vor die Nullen zu treten und diese zu einer "wirkenden Zahl zu machen". Die Ideen und Entwicklungsgedanken gehen fast nie mehr von den Führern und Lenkern, von den Regierenden und Offiziellen aus, sondern von anonymen Energien, von halb oder ganz verborgenen Individuen, von Außenseitern. Wenn man in der bismärckischen Zeit die Namen leitender Staatsmänner und Politiker nannte, so bezeichnete man damit immer auch eine Sache, eine Idee, ein Programm. Mit den Namen heute herrschender Staatsmänner und Politiker kann man jedoch nationale Ideen nicht mehr identifizieren. Sie alle sind nicht schöpferische Willen, sondern Funktionäre, sind alle mehr oder weniger subaltern [unterwürfig - wp]. Eben darum aber wird unsere Politik immer mehr auch zu einer Personen- und Namenpolitik. Und dadurch dann gleich auch zu einem leeren Intrigen- und Interessenspiel. Diesem ganzen unaufhörlichen Geschiebe von Namen, diesem Kommen und Gehen in den Häusern der Regierung liegen nicht große politische Zeitströmungen zugrunde; es ist vielmehr ein Wettlauf um die Gunst der Stunde. Die hohe und höchste Politik wird zu Personalfragen und anstelle des Sachinteresses tritt der Personenklatsch. Es müßte gleich zu einer Revolution kommen, wenn die Masse des Volkes ahnte, welcher Art die Gedanken, Interessen und Ideale der Männer sind, die das Land im Namen aller patriotischen Tugenden regieren. Diese selbst, die sich so stolz als Nenner brüsten, sind leere Nullen oder dürftige Brüche, die auch vereinigt sich nicht glatt zum Ganzen zusammenfügen. Hinter ihnen aber, die selbst harter Leitung bedürften, steht die millionenstarke Schar der unselbständigen Menschen, die unter allen Umständen geleitet sein will, die sich in ihrer Neutralität zum Guten wie zum Schlechten hinüberziehen läßt, die ein wenig gutmütig ist und ein wenig bösartig, zugleich träge und enthusiastisch. Dadurch wird diese Menge der Indifferenten zur kulturzerstörenden Gewalt. Sie ist in jedem Fall eine Großmacht: wenn sie sich von lebendigen und großen Konventionen der Ethik, Kunst oder des Staatsgefühls regieren läßt, aber auch, wenn sie, wie es heute ist, der Zeitmode und dem kranken Irrtum blind gehorcht. Denn sie ist die "Nachfrage", der sogleich das geschäftlich denkende Angebot ersteht. Jenes Angebot, das nicht nach notwendnigen, nach idealen Bedürfnissen fragt, sondern nach Schwächen und Leidenschaften, die ausgenützt werden könnten. Darum hat der falsche Gehorsam seine mächtigen Organisationen überall auch im Volk; ihm stehen die Zeitungen zur Verfügung und alle anderen Publikationsorgane. Fast könnte es oft scheinen, als sei das von oben herab kommandierte Ideal das eigentliche Ideal der neudeutschen Nation, als lebte das mächtige Reich, das für seine Existenz materiell so hart und unverdrossen arbeitet, geistig nur noch von falschem Patriotismus und falscher Religiosität, von der Phrase und vom Autoritätswahn. Als sei das deutsche Ideal, wovon unsere Dichter so Herrliches zu sagen wußten, nur noch wenig mehr als eine ungeheure Lebenslüge.

Gewiß: es scheint nur so. Der große, schöpferische nationale Idealismus stirbt nicht von heute auf morgen. Latent ist er im selben Umfang wie früher auch jetzt noch vorhanden. Darum soll uns nichts die Zuversicht nehmen, daß der Genius der Nation auch die Krisis dieser Jahrzehnte überwinden wird, daß es der Zeit gelingen wird, eine unsichtbar schon wirkende, mit historischer Langsamkeit heranreifende Idee zu verwirklichen. Wir haben im Autoritätswahn unserer Tage eine Pubertätskrankheit des demokratischen Zeitalters, das in jeder Form zu neuer Bürgerlichkeit drängt, zu erblicken. Zu einer Bürgerlichkeit drängt, zu erblicken. Zu einer Bürgerlichkeit, die die monarchische Staatsform sehr wohl zuläßt, die aber die Gesinnung der Fürsten, des Adels, der Beamten und Soldaten, der Herrschenden und Subalternen gleichmäßig einer neuen großen, freien und sich frei beschränkenden Bürgergesinnung zu unterwerfen weiß. Erst wenn sich jeder Einzelne seines Bürgerwertes bewußt wird und auf persönliche Würde und reinliches Ehrgefühl sich selbst gegenüber hält, wird sich die ungeheure Masse der Stände und Berufe auch wieder lebendig in Stufen gliedern und die alte Form mit neuem Leben füllen; dann erst wird es wieder wahrhafte Autorität geben. Denn richtig gehorchen kann nur der Selbstbewußte. Wenn die Erfüllung da ist, werden all die wirren Fragen, die den Lebenden quälen, erledigt sein. Das Problem das der Deutsche heute mit dem Namen WILHELMs des Zweiten wohl oder übel verknüpfen muß, wird dann gelöst sein, weil die allgemeine Lebenskonvention, die lebendige Idealität stark genug sein wird, daß im Gegensatz zu ihr so wenig regiert werden kann, wie ein christlicher Fürst sich heute drei Ehefrauen zugleich nehmen könnte. Was uns vor allem fehlt, ist eben diese neue Konvention, die das Notwendige auf allen Gebieten sittlich macht, das Ideal, das über das ganze Volk gleichmäßig herrscht. Wie das Volk so der Fürst. Jede Nation hat im gewissen Sinn den Fürsten, die Regierung, die es haben will. Denn unmerklich determiniert sein Wollen das der Herrschenden. Die Klage hat sich also nicht so sehr gegen den Fürsten zu richten, der in seiner Art einer Überzeugung folgt, sondern vor allem gegen die Deutschen dieser Jahrzehnte. Nicht nur der Kaiser befindet sich im Widerspruch zu allen Lebendigen und Tüchtigen; fünf Sechstel des Volkes tun es. Somit bleibt keine Wahl, als die Erziehungsarbeit von unten herauf zu beginnen, damit sie Bestand habe. Die langsame und fürwahr undankbare Erziehung zur Selbsterziehung, deren Ziel eine Volkskraft ist, die ihre Ideale dem Notwendigen abgewinnt und in lebendiger, freier Weise Gehorsam übt.
LITERATUR: Karl Scheffler, Idealisten, Berlin 1909