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KARL SCHEFFLER
Idealisten
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"Die Aufgabe des Kaufmanns ist es, für die Bedürfnisse der Nation zu sorgen. Es ist ebensowenig seine Lebensaufgabe, aus dieser Funktion seinen eigenen Nutzen zu ziehen, als es die des Geistlichen ist, sein Gehalt zu beziehen. Dieses Stipendium ist eine ihm gebührende und notwendige Beigabe, aber keineswegs, wenn er ein wahrer Seelsorger ist, der Zweck seines Lebens, ebensowenig, wie das Honorar für einen wahren Arzt der Zweck seines Lebens ist. Und ebensowenig soll der Gewinn für einen wahren Kaufmann der Zweck seines Lebens sein. Alle drei haben, ohne Rücksicht auf Lohn, wenn sie echte Menschen sind, eine Arbeit zu verrichten - um jeden Preis, ja selbst für das Gegenteil von Belohnung, indem der Geistliche zu lehren, der Arzt zu heilen, der Kaufmann für unsere Lebensbedürfnisse zu sorgen hat."

"Um zu handeln und tätig sein zu können, muß eben jeder Mensch seine Beschäftigung für wichtig, für ersprießlich halten; daher kommt es, daß jeder Mensch, in welcher Lage er sich auch befinden mag, sich immer eine Ansicht vom Leben und Treiben der Menschen bilden wird, daß seine Beschäftigung ihm als bedeutend erscheinen muß". Da das Gewissen aber doch immer leiser oder lauter das kategorische "du sollst" flüstert, so wird diese Handlung der Selbsterhaltung zu einer entsittlichenden Lüge. Arbeiter, die sich nur wie Maschinenteile im wirtschaftlichen Daseinskampf automatisch bewegen, reden sich gewaltsam ein, sie handelten aus idealer Überzeugung. Jeden Fabrikanten, jeden Händler, mögen sie den ärgsten Schund auch fabrizieren und vertreiben, findet man mit "heiligen Überzeugungen" vor seinen Waren aufgepflanzt; und da der Teufel ein guter Logiker ist, lassen sich auch immer Gründe finden, um zu beweisen, was bewiesen werden soll. Diese die Erkenntnis des Besseren hemmende Selbstbetrug ist die natürliche Folge schlechter, idealloser Arbeit. Er vermauert uns die Zukunft, nachdem er die Gegenwart verdorben hat."

"Wie ernst dieser Arbeitsmaterialismus zu nehmen ist, beweist auch die Erfahrung, daß ein übler Erwerbsgeist die akademischen Berufe mehr und mehr zu infizieren beginnt. Mit Recht spricht man zum Beispiel von einer Amerikanisierung unserer Universitäten. Die Jünglinge fragen sich heute nur noch selten, wenn sie die Fakultät wählen, ob sie den Beruf des Arztes aus einer inneren Leidenschaft zum Heil ergreifen, ob sie Richter werden wollen aus Liebe zur Gerechtigkeit und Geistliche aus wirklich lebendiger Frömmigkeit; sie sehen weniger auf ihre Talente und Neigungen, als vielmehr darauf, welches Studium ihnen, bei einem gewissen Aufwand von Studiengeldern und mit Rücksicht auf ihre äußeren Umstände am schnellsten, am sichersten oder am reichlichsten ein Einkommen sichert, welches die beste Karriere verbürgt."

Die Erwerbenden

Als ein Zeichen, daß dem Lebenden das Vertrauen zur Sittlichkeit des menschlichen Tätigkeitstriebes erschüttert worden ist, muß man die mmer wiederkehrenden Diskussionen über die "Würde der Arbeit" betrachten. Denn man theoretisiert nur über Dinge, die man nicht mehr oder noch nicht hat. Regungen eines schlechten sozialen Gewissens sind es, wenn von den einen mit selbstgerechter Moral der sittliche Adel schlechterdings jeder wirtschaftlichen Tätigkeit proklamiert und wenn von anderen mit einer literarischen Grimasse von der Niedrigkeit der Arbeit gesprochen wird. Es ist durchaus charakteristisch, daß es FRIEDRICH NIETZSCHE war, ein Mann, dessen zum Heroischen reichende Sensibilität sich für jede Schwäche, Krankhaftigkeit und Niedrigkeit seiner Zeit schuldig glaubte und sich der Fehler der Allgemeinheit schämte, wie man sich sonst nur eines persönlichen Fehlers schämt, der das Wort von der Unwürde der Arbeit wie eine Brandrakete ins Lager des materialistisch entartenden Bildungsphilisteriums schleuderte. Ihn leitete ein grimmiges Verantwortlichkeitsgefühl und es fällt nicht eigentlich ihm zur Last, wenn ewig jugendliche Literaten am echten Mut dieses Unbedingten ihren kleinen Bourgeoismut nun entzünden und schrill über den Markt krähen, Arbeit schände. NIETZSCHEs paradox verallgemeinerndes Wort trifft dennoch alle, denen die Arbeit nur ein lästiges Mittel zum Genuß ist, eine Not und eine Form der Sklaverei; und es trifft im gewissen Sinn die ganze Zeit, weil Menschen mit so einer niederen Auffassung ihrer Tätigkeit heute die kompakte Majorität bilden.

Die Arbeit kann ihrem Wesen nach beides sein: edel und würdelos; sie enthält, wie jede Naturkraft, Elemente des Erhabenen und Gemeinen. "Es gibt einen brutalen Mammonsdienst und eine gottähnliche Arbeit." Alle Tätigkeit ist einmal um des Erwerbs willen da, als Waffe der Notdurft im Kampf ums Dasein; und sie ist zum andern das einzige Mittel, um den der Menschheit eingeborenen Idealtrieben sinnliche Wirklichkeit zu geben. Sie ist ohne höhere Würde, insofern sie nichts tut als die nackte Existenz zu sichern; aber sie strebt auf den untersten Stufen gleich auch schon über das unbedingt Notwendige hinaus, weil sich der Mensch mit ihrer Hilfe erst zum Gefühl seines Selbst bringt. Selbstgefühl aber ist Ziel und Zweck allen Daseins, weil entwicklungsfähiges Leben nur ist, wo das Individuum sich selbst fühlt und in sich die Welt. Auch in der Arbeit also knüpft die Natur an das materiell Notwendige die geistige Idee. In den beiden Polen: Notdurft und höheres Selbstgefühl hängt die moralische Welt der Arbeit. Sie beide zugleich zu berühren, ist das Höchste. Denn wenn die Arbeit nur um des Lohnes oder Erfolges willen gemein ist, so wird die ausschließlich um des Ideals willen geübte Tätigkeit leicht zu einem nutzlosen, unsachlichen, selbsttrügerischen Spiel. Daß diese letzte Art der Arbeit jemals zu einer sozialen Gefahr werden könnte, ist nicht zu befürchten; umso drohender ist aber immer die Gefahr gegenwärtig, daß der Erhaltungstrieb in materialistischer Tätigkeit beharrt und degeneriert.

Eben jetzt ist diese Gefahr wieder riesengroß geworden. Niemals war es nötiger, den Deutschen an die sittliche Natur der Arbeit zu erinnern als heute, wo die ungeheure materielle Arbeitsleistung der Nation die idealen Endziele immer mehr verbaut. Denn wird für den Gelehrten, den Künstler, den Staatsmann die Notwendigkeit höherer Arbeitsideen auch immer noch zugestanden, so zeigt sich in unseren Tagen überall doch ein verdrossener Widerstand, wenn derselbe Grundsatz auf die Arbeit der reinen Erwerbsstufe angewandt wird. Und eben diese sind es doch, die unserer Zeit das Gepräge geben. Der Geschäftsmann, der Arbeiter meinen, es sei schon eine rühmenswerte Arbeitsethik, daß sie überhaupt tätig sind und sich von früh bis spät mühen und plagen. Glauben es umso mehr, als es sogar gelehrte Stimmen von Gewicht gibt, die in diesem wirtschaftlichen Wechselspiel von Angebot und Nachfrage die Ideen des ethischen Idealismus ausgeschaltet wissen wollen und darin nichts sehen als Versuche, die reine Kausalität der konkurrierenden Erwerbskräfte zu verwirren, die an nichts glauben als an das Mechanische des volkswirtschaftlichen Energiespiels. Nun sieht man allerdings einen rein mechanischen Prozeß von gegeneinander wirkenden, zum großen Teil berechenbaren und meßbaren Kräften, wenn man auf das wirtschaftliche Leben blickt, auf die Bewegungen des Kapitals, auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, auf die natürlichen Hilfsquellen eines Landes, auf die Zahl der Bevölkerung und auf deren Produktionskraft. Man sieht - wie SCHMOLLER es ausdrückt -, "natürlich technische und physiologische Vorgänge, die jeder für sich betrachtet, gar nicht als sittlich oder unsittlich, sondern nur als nützlich, geschickt, zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnet werden können." Aber alle diese Kräfte wachsen doch erst aus Gefühlen heraus. "Sie gehen zurück", - um weiter mit SCHMOLLERs Worten weiter zu reden - "auf ethisierte Triebe, auf ein geordnetes Zusammenwirken natürlicher und höherer, das heißt wesentlich auch sittlicher Gefühle, auf Tugenden und Gewohnheiten, welche aus dem sittlichen Gemeinschaftsleben entspringen; ... sie sind bedingt durch Moral, Sitte und Recht, durch Religion und sittliche Leitideen oder Ideale."

In welcher Weise das Volk selbst instinktiv, aus einem Gefühl der Selbsterhaltun, die ideale Forderung stellt, das wird deutlich, wenn man sein Verhalten verschiedenartigen Berufen gegenüber betrachtet. Die Grade von Achtung, die es gewissen Ständen und Berufen in ihren Vertretern erweist, sind sehr feine Zeichen seiner ethischen Unterscheidungskraft. So sehr das Volk in Urteilen irrt, die vom Bewußtsein, vom vergleichenden Verstand gefällt werden, so sicher geht es, wenn es, Instinktregungen folgend, Sympathie- und Antipathiegefühle bekundet. Es tut nichs zur Sache, daß diese Gefühle auf Schritt und Tritt mit groben und falschen Urteilen vermischt sind; denn sie beweisen in all ihrer Relativität doch immer die Gegenwart jenes synthetischen Ahnens und ethischen Lebensgefühls, die das Sprichwort meint, wenn es sagt, daß die Stimme des Volkes die Stimme Gottes sei.

Eine solche spontane Instinktäußerung ist es, wenn die reinen Erwerbsberufe heute nicht eben hoch eingeschätzt werden. Der Arzt, der Geistliche, der Richter oder Offizier kann versichert sein, daß man ihm mit Hochachtung, ja mit Ehrerbietung entgegenkommt, solange er sich der Standesehre, die ihn persönlich verklärt, nicht unwert zeigt. Beim Geschäftsmann aber, beim Fabrikanten und mehr noch beim Händler ist es umgekehrt. Man betrachtet sie zuerst, ihres Berufes wegen, mit weniger Respekt und nur der wiederholt bewiesene persönliche Wert erringt ihnen die Schätzung, die jene anderen schon a priori ihres Standes wegen genießen. Die Gründe dieser Volksurteile sind nur bedingt in der Achtung vor dem höheren Wissen der Studierten begründet; sie sind vielmehr Ergebnisse ethischer Differenzierung. Es gab Zeiten, wo der Arzt, der Söldner geringer geschätzt wurden als der Kaufherr. Was das Volk damals und heute mit oft wundervoller Richtigkeit gewürdigt hat, sind die idealen Motive des Handelns. Auch der Arzt, der Richter oder der Offizier wählen ihren Beruf, um die Existenz zu sichern; darüber hinaus aber fordert der Beruf von ihnen die Hingabe an eine Idee. Der Beruf des Offiziers ist es, für sein Land zu kämpfen und sich dafür töten zu lassen. Er mag sein wie er will, ein Spieler oder Mitgiftjäger: man wird ihm viel verzeihen, wenn er die Berufsehre nicht verletzt, die vor allem unbedingten Mut von ihm fordert. Vom Arzt weiß jeder, daß die Standesehre ihn zwingt, am Bett seiner Kranken jeder Lebensgefahr zu trotzen; vom Richter verlangt man Mißachtung aller persönlichen Vorteile zugunsten der Rechtsidee und nimmt bis zum Beweis des Gegenteils an, daß er lieber zugrunde geht, als daß er ein Urteil fälscht. Und beim Geistlichen setzt man voraus, daß er gegebenenfalls für seine Lehren alles aufzuopfern bereit wäre. Dem Mann der Wissenschaft wird von seiner Berufsehre befohlen, voraussetzungslos die Wahrheit zu erforschen; und der Künstler hat der ihm eingeborenen Idee der Schönheit zu dienen und sollte er darüber in Not und Elend geraten. Was das Volk in diesen Berufen ehrt, ist also die Opferfreudigkeit, die Uneigennützigen, die Hingabe an sittliche Energien der Menschennatur, die tätige Menschenliebe: das in der Selbstlosigkeit erst recht erstarkende Selbstgefühl. Ein Mitglied dieser Beruf wird am ehesten dann verachtet, wenn er sein Geschäft "kaufmännisch" betreibt. Das will sagen: vom kaufmännisch Erwerbenden setzt man heute stillschweigend voraus, daß ihm seine Berufsehre Uneigennützigkeit und Idealität nicht diktiert und daß er nur, oder doch fast nur des eigenen materiellen Gewinns wegen arbeitet. Sicher würde der Kaufmannsstand noch geehrt werden wie zuweilen in früheren Zeiten, wenn die Standesehre auch von ihm selbstlosen Dienst für die Allgemeinheit forderte und wenn er einem solchen Verlangen nachkäme. Heute fordert von ihm das Berufsgefühl aber kaum mehr als Respekt vor den geschriebenen Gesetzen; er folgt einem Ehrenkodex, der manche höchst moralische Bestimmung enthalten mag, der aber nicht eine einzige ideale Forderung aufgestellt hat. Es gilt allgemein als unbestreitbar, daß der Kaufmann keinen anderen Zweck vor Augen hat als den, sich zu bereichern und immer nur seinen äußeren Vorteil wahrzunehmen. Die Handlungsweise von jemandem, der anders verfährt, wird gerade in Berufskreisen oft als "unkaufmännisch" bezeichnet. Und diesen Mangel an idealen Berufsideen brandmarkt das Volk, indem es dem ganzen Stand die Ehrerbietung versagt.

Fragt nun der Kaufmann, der diese Tatsachen selbst dann zugeben muß, wenn er die hier gegebene Erklärung für falsch hält, wie er denn von Berufs wegen Idealität bekunden könne, so kann ihm eine Antwort RUSKINs vorgehalten werden, dessen Gedankengängen auch die oben angegebene Argumentation folgt: "Die Aufgabe des Kaufmanns ist es, für die Bedürfnisse der Nation zu sorgen. Es ist ebensowenig seine Lebensaufgabe, aus dieser Funktion seinen eigenen Nutzen zu ziehen, als es die des Geistlichen ist, sein Gehalt zu beziehen. Dieses Stipendium ist eine ihm gebührende und notwendige Beigabe, aber keineswegs, wenn er ein wahrer Seelsorger ist, der Zweck seines Lebens, ebensowenig, wie das Honorar für einen wahren Arzt der Zweck seines Lebens ist. Und ebensowenig soll der Gewinn für einen wahren Kaufmann der Zweck seines Lebens sein. Alle drei haben, ohne Rücksicht auf Lohn, wenn sie echte Menschen sind, eine Arbeit zu verrichten - um jeden Preis, ja selbst für das Gegenteil von Belohnung, indem der Geistliche zu lehren, der Arzt zu heilen, der Kaufmann für unsere Lebensbedürfnisse zu sorgen hat. Das heißt: er muß von Grund auf die Eigenschaften dessen, womit er handelt, sowie die Mittel, wie es erzeugt und herbeigeschafft wird, kennen; und er muß seine ganze Vernunft und Energie aufwenden, um es möglichst gut herzustellen oder es in vollkommen gutem Zustand herbeizuschaffen und zu möglichst billigem Preis dort, wo man seiner am meisten bedarf, zu verteilen."

Diesen Gedanken kann sich der Kaufmann nur entziehen, wenn er die Geltung der Sittlichkeit für das soziale Leben leugnet. Das kann er nicht, wie immer er auch mit gutem Recht vor allem Generalisieren in Fragen der Berufsethik warnen mag. Es ist durchaus wahr, daß jeder Beruf seine besonders determinierte Moral hat, daß innerhalb jedes Berufskreises gewisse soziale Tugenden betont und andere vernachlässigt werden müssen. Kein Verständiger wird vom Kaufmann persönlichen Mut und Asketenselbstlosigkeit verlangen; wie er vom Offizier andererseits nicht an erster Stelle Tugenden der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit, vom Richter nicht die allverzeihliche geistliche Milde und vom Priester nicht kühnen Unternehmungsgeist fordern wird. Die Arbeitsteilung, die dem Kaufmann die Fabrikation und den Vertrieb der Güter zuweist, verknüpft bei ihm den eigenen materiellen Vorteil viel inniger mit dem Vorteil der Allgemeinheit, als in irgendwelchen anderen Berufen. Der selbständige Kaufmann kann seinem Beruf nur nachgehen, wenn er ein Kapital hat, wenn er dieses umtreibt, vermehrt, es daran wagt und so verdoppelt. Er ist in mancher Beziehung ein Werkzeug des Kapitals und darum auch den Schicksalen des Kapitalismus unterworfen. Er kann das Gute, Neue und Wünschenswerte gar nicht ins Leben rufen, vorhandene Bedürfnisse nicht befriedigen, wenn er nicht seinen eigenen Vorteil sucht, er kann nur ideal handeln, wenn er vorher höchst real rechnet. Er nimmt eine besondere Stellung ein und kann sie nur mit Hilfe einer eigentümlich gearteten Berufsmoral behaupten, weil er nicht unmittelbar neue Werte schaffende Arbeit der Hand oder des Gehirns zur Grundlage seiner Existenz macht, sondern die teils angeborene, teils erworbene Fähigkeit, die in der Nation vorhandene Summe primärer Hand- und Gehirnarbeit zu organisieren und in Bewegung zu setzen. Was der Kaufmann tut, ist etwas Sekundäres; und darum muß auch seine Berufsmoral notwendig Züge einer sozusagen sekundären Ethik tragen.

Das hindert aber nicht, daß auch seine Sittlichkeit ein Teil der Menschheitsethik ist. Trotz ihrer besonderen Determination ist auch seine Arbeit idealer Natur. Das allgemein menschliche Arbeitsideal stellt sich im Kaufmann nur von einer anderen Seite dar. Es nimmt Umwege, es wird mittelbar. Dadurch wird es leicht unkenntlich und der Kaufmann selbst ist dann der Erste, der es in kritischen Zeiten aus dem Auge verliert. Im Drang und Kampf ums Dasein sind die reinen Erwerbsberufe insofern doppelt schwer dran, als der Geschäftsmann nicht das Bewußtsein einer unveräußerlichen Produktionsfähigkeit hat, als er ohne Kapitel überhaupt gehemmt ist zu arbeiten. Der Erwerb, die Verteidigung des Kapitals wird ihm daher in einer solchen Zeit wie heute leicht zum Selbstzweck; er ist dann geneigt, denjenigen für einen Ideologen zu halten, der ihm von idealen Endzielen seines Berufes spricht. Meistens gerät er in Verlegenheit, wenn man ihn auf ideale Möglichkeiten seiner Arbeit hinweist, bis er die Zumutung dann polternd, mit Gründen kaufmännischer Allerweltslogik zurückweist. Außerhalb seiner Berufsarbeit, im Kreise seiner Familie ist dieser selbe Mann durchaus selbstlos und aufopfernd; der Allgemeinheit gegenüber aber benimmt er sich nach Grundsätzen eines fatalistisch begriffenen, rücksichtslos geführten Erhaltungskampfes. Doch wundert er sich dann und schilt über Vorurteile, wenn andere Berufe dem seinen gesellschaftlich vorgezogen werden. Dem ganzen Kampf unserer Tage zwischen den Moralanschauungen des Händlers und des Mannes der Wissenschaft, des Kaufmanns und des Offiziers, des Handlungsgehilfen und Studenten, all den seltsamen Kastensonderungen der Berufe bei völlig freier Berufswahl liegen tiefe Divergenzen von sittlichen Lebensanschauungen und Lebensformen zugrunde. Und wenn diese Gegensätze sich in jüngster Zeit hier und dort mehr auszugleichen scheinen, so geschieht es leider nur, weil auch die akademischen Berufe sich mehr und mehr dem "kaufmännischen" Geist öffnen, weil auch in ihnen langsam die alte Berufsethik zerbröckelt. Es wäre ein besserer Ausgleich, wenn der moderne Geschäftsmann seine Berufsauffassung ideal erhöhte und sich gleichberechtigt neben den Arzt, den Offizier, den Richter stellte. Und dazu wäre er imstande, wenn freie bürgerliche Selbstachtung ihn in jedem Fall anhielte, den äußeren Beruf immer nur aus innerer Berufung abzuleiten, nur nach charaktervollen Überzeugungen Plan und Ausführung der Geschäfte zu betreiben und in seinem Handeln durchaus starken Arbeitspassionen zu folgen. Wäre es so allgemein, daß der Kaufmann immer auch bewußt ein Kulturinteresse vertritt, während er sein persönliches Interesse wahrnimmt, wie es allgemein ist, daß es ihm gleichgültig ist, ob er mit Schuhwichse, Preßkohlen, Elektrizität oder Architektur handelt, so würde sich aus seinem Tun ganz von selbst eine neue, zeitgemäße Berufsehre entwickeln.

Die Frage, ob es dem Kaufmann in absehbarer Zeit gelingen wird, seine Arbeit zu idealisieren, wird aber insofern entscheidend für die Kultur unseres Volkes sein, als die Zeit ganz ein Säkulum [Zeitalter - wp] kaufmännischer Tatkraft ist und jeder Beruf mehr oder weniger in den Strudel des wirtschaftlichen Unternehmungstriebes gezogen wird. Und als es in dieser Entwicklung zum Merkantilismus obendrein eine Notwendigkeit ist, der weder das Individuum noch das Volk entgegentreten können. Die fortschreitende Industrialisierung ist ein Schicksal, ist eine historische Konsequenz, die Menschenwille nicht aufhalten kann; und weder die Großstadt noch die Entwicklung des Weltverkehrs sind Willkürprodukte. Sogar die allgemeine sittliche Indifferenz der mit ungeheurer Anstrengung Arbeitenden läßt sich in einer Zeit, wo alle mit allen zu handeln, zu feilschen und sich zu unterbieten gezwungen sind, bequem genug erklären. Der bis zum Schrecklichen gesteigerte Kampf ums Dasein läßt zu höheren Bestrebungen ja keine Freiheit. Jeder Einzelne hat genug zu tun, sich nur zu erhalten; das bloße Dasein ist so schwer geworden, daß schon seltener Opfermut dazu gehört, neben dem drohenden Murren der Tagesstimmen noch die helleren Töne schöner Idealität nur zu hören. Im Gebraus des unendlich vielfältig gewordenen Lebens befällt den um die nackte Notdurft, um die Sicherung des schon Erreichten Ringenden eine heftige Lebensangst und er steht vor den Aufgaben höherer Ethik als Schwächling da. Des lebendig Idealen ist aber nur die des Sieges gewisse Kühnheit, ist allein der frohe Lebensmut fähig. Es läßt sich darum logisch beweisen, warum die Mehrzahl der Heutigen dem Idealen nicht gewachsen sind, es nicht sein können und daß diese Epoche materieller Wertanhäufung wahrscheinlich erst überwunden sein muß, bevor sich die Allgemeinheit auf das Geistige und Sittliche wieder neu besinnen kann. Ein solcher Beweis aber und sei er unwiderleglich, geht uns hier nur nebenbei an. Er soll uns gelten bis gestern, bis heute, bis zu dieser Stunde; aber nicht eine Minute darüber. Ohne Vorbehalt wird die offenbare und die verborgene, die historische und soziale Kausalität der Verhältnisse, in denen wir leben, zugegeben; nichts soll vertuscht, nichts gefärbt werden. Aber aufgrund der unausweichbaren Wirklichkeiten soll doch ohne Zaudern die Frage ausgesprochen werden, ob wir fernerhin Sklaven dieser Verhältnisse sein wollen oder Herrscher darüber, ob unser Gehorsam knechtisch und gemein sein soll oder frei und gestaltend und ob das Materielle der Zeit stärker bleiben muß als unsere sittliche Selbstbestimmungskraft. Diese Aufsätze wollen nicht historisch erklären, sondern ethisch propagieren. Ja, sie fürchten es selbst nicht, wenn sie mit einem heute sehr verrufenen Wort gekennzeichnet und moralische Abhandlungen genannt werden. Wie es an der Zeit wäre, diesem der Lächerlichkeit ausgelieferten Wort seine Würde zurückzugeben, so wäre es ebenfalls Zeit zur Einsicht, daß man auch als Moralist eine Art von Volkswirtschaftslehre geben, auch als Ethiker auf die "ehernen Gesetze" von Angebot und Nachfrage wirken kann.

Betrachten wir die Arbeit unserer Epoche, so mag der Geist wohl oft in staunender Bewunderung verweilen. Was keiner Zeit möglich schien, das erfüllt die unsere, den Lebenden gelingt, worum die Vergangenheit sich vergebens gemüht hat und was den Ahnen als Utopie vorschwebte, das wird heute wie etwas Selbstverständliches zur Tat. Die sozialen Erneuerungen eines revolutionären Jahrhunderts, die allgemeine Demokratisierung und die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen haben unser Leben in verwirrender Weise vielfältig gemacht. Große Scharen primitiver Menschen, mit rücksichtslosen Willensinstinkten, sind aus den Niederungen des Volkslebens emporgestiegen, Anteil am Lebensgenuß fordernd, an alten Schranken und ehrwürdigen Grenzzäunen ungeduldig rüttelnd und sich wahren und künstlichen Bedürfnissen gleich leidenschaftlich hingebend. Notwendiges und Überflüssiges wird mit rastlosem Fleiß ersonnen und produziert, damit nur alle Hände zu tun, alle Mäuler zu essen haben. In bewunderungswürdiger Weise hat sich die Zeit der Aufgabe, die sich drängenden Scharen von Produzenten und Konsumenten, den ganzen Arbeitsmarkt wirtschaftlich zu organisieren, gewachsen gezeigt. Das unendlich komplizierte moderne Wirtschaftsleben funktioniert, wenn man nur das Mechanische betrachtet, exakt wie eine gut berechnete Maschinerie. Wie mit bewußtem Scharfsinn sehen wir die Kräfte verteilt, die Interessen balanziert, die Leidenschaften hier angestachelt und dort eingedämmt, und mit scheinbarer Weisheit wird eine Art von harter Gerechtigkeit geübt. Künstlerisch geistreich fast muten die Ergebnisse der konsequenten Arbeitsteilung an, im Riesenverkehr der Massen untereinander liegt eine Stimmung monumentaler Epik, die Leistungen der wirtschaftlich dienenden Wissenschaften erfüllen mit Bewunderung und täglich werden, ohne jede Renommage, Taten der Technik vollbracht, deren Schilderung früher schon märchenhaft geklungen hätte. Die Summe von Arbeit, die jeder Einzelne, die selbst der Schwache zu leisten hat, ist ein Äußerstes; dafür stehen jedermann aber auch alle Genüsse und Genußmittel fast zur Verfügung, insofern das Geld der eigentliche Wertmesser aller Dinge geworden ist. Alles wird mehr und mehr zum Kaufwert; das Wenige aber, das nicht durch Arbeit und Reichtum erworben werden kann - im wesentlichen Güter der Tradition -, das wird von der neuen demokratischen Logik stündlich als überlebt oder schädlich gebrandmarkt, so daß dem rücksichtslos sich Emporkämpfenden in seinen Kreisen wenigstens ärgerliche Beschämung erspart bleibt. Es ist eine Zeit, alles in allem, die große Worte und mächtige epische Lebensempfindungen rechtfertigt und deren groteske Monumentalität etwas wie Ehrfurcht einzuflößen imstande ist.

Und doch sind die Menschen dieser mächtig emporschwellenden Zeit nicht glücklich. Sie sind vielmehr traurig, verdrossen und unendlich sehnsüchtig; zu selben Zeit, wo die Arbeitsleistung ins Erstaunliche wächst, mehren sich täglich die Rufe nach schöner Kultur. Aus dem Zentrum der raffiniert vervielfältigten Zivilisation heraus erschallen leidenschaftliche Schreie nach lebendiger Schönheit, nach neuer Idealität und erziehender Sittlichkeit, nach Haltung gebender Form und charaktervoller Beschränkung. Allerorten weist eine empörte Kritik darauf hin, wie die Seele inmitten der Fülle materieller Güter hungert, wie es uns an einer eigenen umfassenden Kunst fehlt, wo doch die Kunstformen aller Zeiten von der kaufmännischen Spekulation vor uns ausgeschüttet werden, wie wir ohne Religion sind, während alle religiösen und philosophischen Systeme vor uns zur Wahl ausgebreitet sind. Immer deutlicher wird es, daß die Arbeit dieser Epoche bei aller Riesenhaftigkeit und Monumentalität im wesentlichen nur materiell begriffen wird, daß das Augenmerk immer nur aufs Sichtbare, Wägbare, Nützliche und Zweckvolle gerichtet ist, daß die Zeit groß ist in allem, was vom Fleiß, von der Rastlosigkeit, dem Intellektualismus und der Einseitigkeit getan werden kann, klein und würdelos aber in allem, was Phantasie, Güte, tiefes Gefühl, stolze Selbstbeschränkung, Persönlichkeit und synthetischen Sinn erfordert. Es zeigt sich dem aus dem Gedränge Zurücktretenden, daß wir eine erstaunliche, nuancenreiche und kraftvolle Zivilisation haben, aber nicht Kultur. Denn diese kann nur sein, wo das Materielle - alles Materielle - sich dem Geistigen unlöslich verbunden hat, nicht aber dort, wo der sinnvollen Arbeit die Würde, der Unternehmungslust die Herrschergebärde, der Organisationskrakft die höhere soziale Bestimmung fehlt und wo um eines Nichts willen ungeheurer Aufwand vertan wird.

Es ist schon etwas Beschämendes, wenn man sehen muß, wie der intellektuelle Aufwand so oft in keinem Verhältnis zum Resultat steht, wenn man nicht umhin kann, in einer Maschinenfabrik zum Beispiel die menschliche Erfindungskraft, die prachtvolle Vereinigung von Theorie und Praxis, die Organisation der Arbeitsteilung, die unglaubliche technologische Leistungsfähigkeit anzustaunen und dann hört, daß die fertigen Maschinen, diese Wunderwerke wissenschaftlich entwickelter Logik, einem gleichgültigen, überflüssigen oder gar albernen und antisozialen Zweck dienen sollen. Was soll man aber erst sagen, wenn man eine der vielen, rings im Lande verstreuten riesengroßen Fabriken betritt, in denen die ganze erstaunliche Arbeitsorganisation nur um eines Schwindels wegen da ist!

Man betrachte ein Bild, das man allerorten in Deutschland erblicken kann: Weitläufige, peinlich saubere Fabriketablissements mit hygienisch hellen Arbeitsträumen; rechts das vornehme Herrenhauf von Garten und Park umgeben, links ein ganzes kleines Dorf reinlicher Arbeiter- und Beamtenwohnungen, mit Kantinen und Kramläden; die Eisenbahn sendet ihre Schienenstränge in die Höfe der Fabrik und führt die Waren in langen Wagenzügen ins Land hinein und über die Grenzen hinaus. Emsigste Tätigkeit herrscht überall. Mit ernsten Mienen schaffen die Packer in den Höfen, die Schreiber in den Kontoren, die Arbeiter vor ihren Maschinen. Jeder hat eine eng umschriebene Tätigkeit, die er mit automatischer Gewandtheit zu üben weiß; einer gibt die Arbeit an den andern weiter und während man von Saal zu Saal schreitet, spielt sich vor dem Auge lebendig der Werdeprozeß der Fabrikate ab. Durch alle Säle und Zimmer schnurrt und brummt das Geräusch rastloser Arbeit; ein Gesträhn von Transmissionen durchzieht das Haus tausend Räder surren und kreiseln, es klappert und stampft rings umher und es ist, als seien alle Naturkräfte um eines großen Zweckes willen in Bewegung gesetzt. In weiten luftigen Zimmern sitzen die Arbeiterinnen, sortierend, etikettierend und verpackend; in dämmrigen Lagerräumen hantieren Scharen von Hausdienern, in stillen Laboratorien werden Analyse gemacht und in den Büros, wo die Türen hastig geschlagen werden, fahren die Federn eilig übers Papier und rattern die Schreibmaschinen. Im stillen Kontor aber sitzen die Leiter dieses kleinen Arbeitsstaates, tief versunken in verantwortungsvoller Tätigkeit. Zu ihnen kommen die Agenten und Reisenen, die Lieferanten und Abteilungschef, die Inspektoren und Meister. Sie sprechen wie Staatsmänner miteinander über Wirtschaftspolitik, von deren Gang ihr Geschäft abhängt, über die Konjunkturen des nationalen und des internationalen Marktes und sie erwägen, wie sie als angesehene Kapitalisten und Arbeitgeber auf die Regierenden einen Druck ausüben könnten. Man weiß dort oben, wie viele Existenzen von ihrer Tatkraft abhängen, darum hat man sie auch mit Titeln und Orden belohnt. Wirklich liegt in der han dieser Fabrikherren das Schicksal vieler Familien, vieler Einzelner. Nicht nur daß eine ganze kinderreiche Kolonie entstanden ist, deren Zentrum die Fabrik ist; von eben dieser Fabrik leben auch die Lieferanten des Rohmaterials, die Wiederverkäufer der Ware in Stadt und Land, die Zwischenhändler und Agenten, die Geschäfte, die die Anpreisungen in Wort und Bild besorgen, damit jeder Reisend auf dem Dampfschiff oder auf der Eisenbahn an die Fabrikate der Firma erinnert werde; es lebt von der Fabrik sogar noch der Arbeiter, der die Affichen [Plakate - wp]. Tausend Köpfe und Hände sind in Bewegung gesetzt, ein ungeheurer Fleiß wird entwickelt, eine erstaunliche Organisation ist geschaffen, ein Kunstwerk menschlicher Arbeitsteilung zustande gebracht worden. Und zu welchem Zweck? Was ist das Resultat dieser bewunderungswürdigen Arbeitsdisziplin? Fabrikate, die nichts sind als ein glatter Schwindel. Die Idee, worauf sich diese stolze Gebäude nationaler Arbeit gründet, ist ein Bluff, von der Kenntnis menschlicher Schwäche ersonnen, zu dem einzigen Zweck, dem Volk das Geld aus der Tasche zu locken und einige Unternehmer zu bereichern. Einem sittlichen Wollen dient nicht die kluge Herrschertätigkeit der Fabrikherrn, nicht die Anstrengung der Agenten und Reisenden, nicht der Fleiß der Arbeiter und Arbeiterinnen; nicht eine edle Arbeitsidee ist es, in deren Frieden die Angestellten Feiertags ausruhen, in deren stärkenden Anblick die Kinder heranwachsen. Für eine schandbare Lüge, für die Herstellung giftiger, schädlicher Dinge geben Hunderte ihre ganze Lebenskraft hin. Und diejenigen, von denen diese demoralisierende Initiative ausgeht, werden vom Staat als die besten Bürger bezeichnet. Muß sich gegenüber einer solchen Erscheinung nicht die zweifelnde Frage aufdrängen: was ist denn Arbeit? Wieviel Arbeitskraft liegt hier nicht brach, wird hier nicht mißleitet! Man denke sich dieselbe Summe von Wollen, Intelligenz, Fleiß, Gehorsam und Pflichtgefühl einer allgemein nützlichen Idee untergeordnet, wie sie eine lebendige Religiön oder ein starkes nationales Verantwortlichkeitsgefühl einzuflößen vermögen! Man denke sich, alle die an einer schwindelhaften Fabrikationsidee sich entfaltenden passiven Arbeitstugenden würden geadelt durch Lust und Liebe, durch den Stolz auf die eigene Leistung; denke sich, diese Arbeit wäre nicht mehr eine Fron, sondern der eigentliche geistige Zweck jedes Lebens!

Ich höre den Einwand, es wäre mit diesem Beispiel eine seltene Ausnahme geschildert worden. Dagegen ist zu fragen, ob ein solches Unternehmen in unserer Zeit der Nährmittelfabrikation, der Herstellung immer neuer kosmetischer Mittel, kunstindustriellen Schunds, übelster Spekulationsarchitektur, verfälschten Nahrungsmitteln, verlogener Marktliteratur usw. als Ausnahme empfunden wird. Blickt man nicht vielmehr bewundernd auf den Mann, der es gut versteht, die Dumpfheit der Menge auszunutzen, der reiche Arbeitsmöglichkeiten aus dem Nichts hervorzuschaffen versteht? Nennt man nicht gerade ihn einen "tüchtigen Kaufmann"? Und trägt nicht unsere ganze Güterprodukton fast einen Zug vom unbedenklichen Materialismus, von der gut disziplinierten Ideallosigkeit, die in diesem Beispiel gezeichnet ist? Die großen und kleinen Fabriken oder Handelshäuser, deren Arbeit in der Tat kulturfördernde Ideen zugrunde liegen, sind in ihrer Isoliertheit leicht zu erkennen. Sie bilden eine Sezession [Abspaltung - wp]. Im allgemeinen pflegen Fabrikanten und Händler unter der Peitsche der Konkurrenz einander in allem zu unter- und zu überbieten: in Quantität, Variabilität, Schnelligkeit und Wohlfeilheit; nur in den Fragen des idealen Selbstgefühls wird ein Wettstreit nicht versucht. Wir sehen, wie von der Kunstindustrie eine unendliche Fülle von Stoffen, Tapeten, Metallgeräten, Keramiken, Holzarbeiten, Stuckornamenten, Bijouterien [Handarbeiten - wp] Bucheinbänden und anderen Dingen fabriziert wird, deren Handwerkswert gering, deren Kunstwert deprimierend ist. Es gibt eine ausgedehnte Exportindustrie, die viele Tausende von Arbeitskräften beschäftigt und in deren Machtgebieten freie Deutsche des zwanzigsten Jahrhunderts ihre ganze Kraft hergeben müssen, damit amerikanische Mestizen und afrikanische Negerweiber mit blümchenbunt bedruckten Kattunfetzen beglückt werden, damit Südsee-Insulaner und Ostasiaten auf dem deutschen Markt renaissancelich verzierte Petroleumlampen wohlfeil kaufen können. Es werden in der Großstadt immer neue Theater gegründet, die Hunderten eine Existenz schaffen und wo es doch nur eines Blickes auf den Spielplan bedarf, um die Überzeugung hervorzurufen, daß in ihnen die Volksmoral und der gute Geschmack schändlich prostituiert werden. Und wir brauchen nur das moderne Zeitungswesen zu betrachten, um zu sehen, wie selbst auf diesen Gebieten geistiger Arbeit die zehrende, aber kaum anders als materiell mehrende Industriemoral Geltung hat. Diesem modernen Zeitungswesen gegenüber kann man nur noch von einer Literaturindustrie sprechen. Auch in diesem Fall sehen wir wieder erstaunliche technische Leistungen, einen bewunderungswürdig organisierten Nachrichtendienst und geistige Anstrengungen, die der edelsten Ziele wert wären. Eine ungeheure Summe von Intelligenz wird täglich dreimal in das Kleingeld des Tagesbedarfs umgewechselt und als winzige Scheidemünze unter das Volk verteilt. Dennoch reicht das wirklich Mitteilenswerte nicht aus für den Konkurrenzkampf um den Kunden; die Hälfte, zwei Drittel aller Zeitungswahrheiten sind darum Fälschung, Lüge, Verzerrung und Irrtum. Auch der geistige Arbeiter am Redaktionstisch ist in der Regel ein unter der Hungerpeitsche sich duckender Sklave. Mit feuriger Leidenschaft für alles Gute und Wahre tritt er ins Leben. Und was wird aus ihm? Eine hämische Intelligenz, eine ruchlose Geschicklichkeit die Dinge so anzusehen und zu beschreiben, wie es dem Geschäft nützt, eine halbe Erkenntnisfähigkeit, eine halbe Wahrheitsliebe, ein lakeienhaftes Machtgefühl, ein boshafter Ingrimm, eine von allem Idealen befreite Überheblichkeit und eine Geschäftsroutine, die alle geistigen und sittlichen Werte mehr oder weniger kaufmännisch begreift.

Der ganze Wirrwarr nervös überreizter Tätigkeit ist nur des Kunden wegen da. Der Kunde allein ist heilig. Ihn anzulocken, zu fesseln, ihn den anderen abzujagen, ihn zu überlisten, zu beschwatzen, sei es mittels der Lüge oder der Wahrheit, mittels des Guten oder Schlechten: das ist das eigentliche Arbeitszeil der Zeit. Die Kunst muß von ihrem göttlichen Geist hergeben, die Tugend ihre Moralformen, das Laster sein Raffinement, die Selbstsucht alle ihre bestialischen Leidenschaften: das Edle wie das Gemeine wird zur Fronde gezwungen, damit Herr Omnis, der Kunde, gut bedient sei. Man wartet nicht einmal, bis dieser seine Bedürfnisse anmeldet, sondern suggeriert dem Konsumenten alle Tage neue Bedürfnisse, die dem Produzenten Profit verschaffen. Der Kunde wird verleitet, verführt, zu ungesunden, maßlosen Wünschen gereizt und wenn seinen niederen Trieben das Angebot dann jederzeit bereit ist, so nennt man das moderne Kultur.

So leben wir in einer Zeit, deren emsiger Intellektualismus, deren fatalistische Arbeitsenergie staunen machen und zugleich doch inmitten einer grauenhaften Schwindelkultur. Daß die Bürger dieser Zeit die Relativität und halbe Unsittlichkeit ihrer Tätigkeit nicht zugeben mögen, ist nur konsequent, denn sie müßten sich selbst sonst ja verneinen. "Um zu handeln und tätig sein zu können, muß eben jeder Mensch seine Beschäftigung für wichtig, für ersprießlich halten; daher kommt es, daß jeder Mensch, in welcher Lage er sich auch befinden mag, sich immer eine Ansicht vom Leben und Treiben der Menschen bilden wird, daß seine Beschäftigung ihm als bedeutend erscheinen muß". Da das Gewissen aber doch immer leiser oder lauter das kategorische " du sollst" flüstert, so wird diese Handlung der Selbsterhaltung zu einer entsittlichenden Lüge. Arbeiter, die sich nur wie Maschinenteile im wirtschaftlichen Daseinskampf automatisch bewegen, reden sich gewaltsam ein, sie handelten aus idealer Überzeugung. Jeden Fabrikanten, jeden Händler, mögen sie den ärgsten Schund auch fabrizieren und vertreiben, findet man mit "heiligen Überzeugungen" vor seinen Waren aufgepflanzt; und da der Teufel ein guter Logiker ist, lassen sich auch immer Gründe finden, um zu beweisen, was bewiesen werden soll. Diese die Erkenntnis des Besseren hemmende Selbstbetrug ist die natürliche Folge schlechter, idealloser Arbeit. Er vermauert uns die Zukunft, nachdem er die Gegenwart verdorben hat. Wir sehen die Arbeit, die bestimmt ist, den Menschen höchstes Lebensgefühl zu vermitteln, zu einer schrecklichen Volksverderberin werden. Oder der Arbeiter haßt seine Tätigkeit in der Fabrik, in der Werkstatt, in der Schreibstube, haßt jede Arbeit, die er dem "Kapitalisten" leisten muß. Jeder Gedanke ist auf die wenigen Feierabendstunden gerichtet. Sie umschließen für den modernen Sklaven die Welt eigentlichen Daseins. Finde er es nun in den rohen und ungesunden Genüssen, die ihm auch wieder die Spekulation darbietet, in einem weltfremden Feierabend-Idealismus, in leidenschaftlicher Beschäftigung mit politischen Utopien oder in schöngeistigen Liebhabereien. Der Geschäftsmann geht mürrisch, verdrossen, mißtrauisch und nervös an seine Geschäfte und häuft ideenlos Geld auf Geld; er kennt keine andere Genugtuung als die täuschende Repräsentation, sei es im Haus als Gastgeber, im Restaurant als geehrter Kunde oder in der Öffentlichkeit als einer, der dazu gehört. Auch er muß seine Passionen außerhalb des Geschäftes befriedigen, weil er es in der Arbeit nicht kann. Man betrachte überall im Geschäftsleben die raubtierartigen Masken der im Kampf ums Dasein Siegreichen, die freudlosen, abgearbeiteten Gesichter der Dienenden, die verzweifelten Züge der Jünglinge, den frivolen Leichtsinn in den Mienen der zu erschöpfender, niederer Arbeit gezwungenen Mädchen. Wie ein Fluch liegt die Arbeit auf dem ganzen Volk.

So kommt es dann, daß diese ungeheure Arbeitsmenge dem Staat nicht bleibenden Nutzen bringt. Die Rechenexempel sind klar und einfach. Jeder Arbeiter, zum Beispiel, kostet den Staat eine bestimmte Summe. Auf den Kopf jedes Unbemittelten kommen bare Auslagen für den Volksschulunterricht, für den späteren Besuch der Fortbildungsschule, für den Unterhalt während der Militärzeit, für Alters- und Invalidenrente und für manches andere noch dazu. Diese Summe ist ein Anlagekapital, das unbedingt von dem so Ausgebildeten dem Staat wieder zurückgezahlt werden muß, wenn der Nationalwohlstand nicht leiden soll. Es kann nur zurückgezahlt werden durch mehrende Arbeit. Mehren tut nun aber auf die Dauer nur Qualitätsarbeit. Denn sie verschafft einer Nation das in der Völkerkonkurrenz durchaus notwendige Renommee, womit allein die besten Teile des Weltmarktes erobert und sicher unterworfen werden können. Schlechter, wohlfeiler Arbeit sind stets nur Augenblickserfolge beschieden. Wer daran zweifelt, braucht nur die Geschichte zu befragen. Die Erbfolge Frankreichs im achtzehnten, die Englands im neunzehnten Jahrhundert sind durchaus Erfolge der Qualität, nicht der Quantität. Der deutsche Staatsmann hätte vor allem vom modernen England zu lernen, daß Arbeitstüchtigkeit Bargeld ist, daß Qualität Nationalwohlstand ist. Solche Eigenschaften können aber nur dort sein, wo hinter der Arbeit allgemeine nationale, ethische Ideen stehen, wo ein Arbeitsideal den Einzelnen und die Gesamtheit auf ein höheres Kulturniveau hebt. Keine pädagogischen Fürsorge kann helfen, wenn sie nicht den Zweck hat, in der nationalen Arbeit praktisch zu werden und kulturbildend zu wirken. Der Fehler Deutschlands ist es, daß der sorgsam genug vorgebildete, sehr intelligente Arbeiter, sobald er erzogen ist, unter seinem Wert, unter seiner Fähigkeit und Kenntnis beschäftigt wird. Wo er fähig wäre, die Qualität zu steigern, da wird er meist sklavisch benutzt, um große Quantitäten mittelmäßiger, schlechter oder doch rein materieller Werte zu produzieren. Er ist unter seinem geistigen Stand beschäftigt. Fähigkeiten aber zu entwickeln, die nicht genutzt werden, die zur Hälfte verkümmern müssen: das ist fast ein nationaler Selbstmord. Das züchtet den Geist der Revolution. Die Lage der Dinge ist umso bedenklicher, als Deutschland längst aus seiner Rohstoffperiode heraus ist, als es nicht mehr soviel produziert, wie es selbst verbraucht und als es darum den importierten Rohstoff durch dessen Gestaltung, durch seine fabrizierende Bearbeitung bezahlen muß. Indem Deutschland sich nun bei dieser Tätigkeit aber an das Proletariat der ganzen Welt als an seinen Hauptkunden wendet, proletarisiert es unmerklich die Instinkte seiner Arbeiter, so daß es sogar in die Lage kommt, die beste Qualitätsarbeit nicht einmal für den eigenen Bedarf herstellen zu können. England und Frankreich müssen uns noch jetzt viele Dinge liefern, die vorzügliche Fabrikationsfähigkeiten erfordern, trotzdem der deutsche Arbeiter im Grunde besser vorbereitet ist als irgendein anderer. Wir haben das Renommee einmal verloren und es wird noch lange Zeit vergehen, bis man uns auf den internationalen Märkten wieder gute vorbildliche Arbeit zutraut. Und es wird eines großen sittlichen Aufschwungs bedürfen, ehe wir den Franzosen, den Amerikaner, den gebildeten europäischen Bürger als Kunden gewinnen, wo wir jetzt noch für den Halbwilden arbeiten. Das Degradierende, das darin liegt, der Widerspruch von innerem Wert und äußerer Stellung ist es, was den deutschen Arbeiter zum Industrieproletarier macht, was ihn zur Verzweiflung, zur Unzufriedenheit treibt, ihn zum demokratischen Verneiner und zum Feind einer Gesellschaft macht, die den göttlichen Funken in seiner Seele nicht zu schätzen, nicht zu entfachen weiß.

Schlechte Arbeit zerstört die Traditionen, gute Arbeit knüpft sie immer neu. Ein Geschäft, dem eine rechte Idee zugrunde liegt, erhält sich durch Generationen; eine Gründung aber, die nur eine Zeitkonjunktur zu augenblicklichem Profit nutzen will, hat ausgelebt, wenn die Konjunktur vorbei ist. Da unsere Zeit eben diesen Augenblicksspekulationen gehört, erleben wir täglich Neugründungen, während die soliden alten Geschäfte täglich weniger werden. Wenn ein gewisses Kapital angehäuft ist, setzen sich die Geschäftsleute träge zur Ruhe; sie arbeiten nicht mehr für die Nation, sondern lassen diese vielmehr für den Zins ihres Kapitals sorgen. Immer seltener wird es, daß der Sohn vom Vater auch dessen Arbeit übernimmt und es sterben allmählich die stolzen Kaufherrendynastien aus, in denen sich die Arbeitstraditionen durch viele Geschlechter vererbten. Nur der Mangel sittlich idealer Berufsauffassung ist schuld daran. Denn ausdauern tut nur das Geistige, das im tieferen Sinne sozial Notwendige. Und dieses ist immer auch das Vorteilhaftere. Es mag nicht gleich so hohe Gewinne abwerfen wie die Augenblicksspekulation; aber es ist auch weniger dem Risiko ausgesetzt und den Schwankungen des Marktes. Denn ehrliche und tüchtige Arbeit hat ihre Ressourcen in den bleibenden Bedürfnissen des Volkes. Sie trägt und erhebt den, der sich ihr hingibt.

Nicht philiströse Beschränkung ist gemeint, wenn in dieser Weise von den sittlichen Arbeitsideen des Volkes gesprochen wird, sondern im Gegenteil eine Erhöhung über das jetzige Niveau noch, mit Hilfe phantasievoll denkender Willenskraft. NIcht dem JOHN GABRIEL BORKMAN gilt der Fluch, sondern den Geldraffern, die im Grunde feige und unproduktiv sind. Auch der Wille zur Macht ist eine Tugend, ist es zuweilen dann noch, wenn er das Gesetzbuch nicht allzu ängstlich respektiert. Machtwille: das ist die Tugend selbst in einem frühen Stadium, auf einer Morgenstufe. Der Unternehmer, der diesem Willen folgt, der, für sich selbst bedürfnislos, eine gewaltige Macht in seiner Hand zu vereinigen strebt, mit Herrschergelüsten eine Herrschertätigkeit entfaltet und sein ganzes Volk in gewisser Weise revolutioniert und aufrüttelt, hat immer auch Tugenden des großen Kaufmanns. In ihm ist gestaltende Leidenschaft, er ist Künstler, sozialer Bildner, er dichtet mittels des Kapitals und ist ein Kulturführer so gut wie der Entdecker oder wie der siegreiche Feldherr. Ein höherer Charakter ist er, weil er sich einer großen Produktionsidee fanatisch opfert; und er ist im besseren Sinne selbstlos, auch wenn er viele Millionen für sich selbst anhäuft. Er allein verdient den Namen Kaufman, womit heute ein so arger Mißbrauch getrieben wird. Nie war es mehr an der Zeit, wieder an Gedanken zu erinnern, die JUSTUS MÖSER vor hundertfünfzig Jahren schon so ausgesprochen hat: "Billig sollten die Kaufleute überall von den Krämern unterschieden, für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Handwerkern sein. Billig sollte jede Stadt zwischen beiden die genaueste Grenzlinie ziehen und keinen die Ehre eines Kaufmanns genießen lassen, der nicht für eine bestimmte Summe einheimischer Produkte jährlich außer Landes absetzte oder für eine gleichfalls bestimmte Summe einheimische Fabrikate mit rohen Materialien verlegte oder auch sonst einen großen Handel von außen nach außen triebe ... Mit der Kaufmannschaft wäre sodann die höchste Ehre und Würde verknüpft; so wie im Gegenteil der Krämer von allen höheren Ehrenstellen in der Bürgerschaft völlig ausgeschlossen sein müßte ..." Fragt man nun, wodurch sich der wahre Kaufmann vom Krämer, der ihm heute von außen oft so täuschend ähnlich sieht, unterscheidet, so kann nur geantwortet werden: durch eine Unternehmungslust, die im Grunde ein schöpferischer Machtwille, die also ihrem Wesen nach ideal ist. Nur hierauf kommt letzten Endes alles an: ober der Geschäftsmann seine Arbeit aus materialistisch rechnendem Egoismus verrichtet oder aus sachlich gerichteter Passion. Die Arbeitspassion ist schlechterdings immer kulturfördernd, möge sie dem ersten Blick auch rücksichtslos und unideal erscheinen. Es ist ein Kunstgriff der Natur, daß der Mensch sich mit höchster Leidenschaft nur für das Gute, das Starke, für das allgemein irgendwie Nützliche entflammen kann. Darum ist es immer Idealität, was den Kaufmann zu einem Pionier der Kulturentwicklung und Kulturausbreitung macht.

Wir sind im heutigen Deutschland nicht eigentlich arm an Persönlichkeiten, die ihre kaufmännische Arbeit in diesem Sinne als Passion betreibe und ihren äußeren Beruf zu einem inneren machen. Ja, es ist sogar sehr deutlich in den kaufmännischen Erwerbsberufen eine Bewegung wahrnehmbar, die etwa den neuen Entwicklungstrieben unserer Kunst entspricht. Diese Bewegung geht aber immer noch von den einzelnen Persönlichkeiten aus, nicht von allgemein sich erneuernden ethischen Berufsgesetzen. Die sozial so wichtige, überraschend großartige Entwicklung der Warenhäuser ist vorläufig noch das Werk weniger; und wir verdanken es der Begeisterungsfähigkeit Einzelner, daß das neu emporblühende deutsche Kunstgewerbe sich merkantilisch zu organisieren und den deutschen Markt einheimischer Produktion zurückzugewinnen beginnt. Rechnet man alle Künstler, Schriftsteller oder sonstwie kulturell Interessierten ab, so bleiben im heftigen Kampf der Kunstindustrie, der sich eben jetzt vor unseren Augen abspielt, als kaufmännische Vertreter der neuen kunstwirtschaftlichen Energien, nur wenige Firmen übrig. Sie freilich beherrschen in gewisser Weise den Markt; wodurch dann einmal mehr bewiesen wird, wie sehr auch eine Arbeit, die geistige Bedürfnisse des Volkes verantwortungsfroh zu befriedigen strebt, die äußere Position stärkt. (1) Wer könnte verkennen, wieviel Gutes mit solcher Pionierarbeit schon eingeleitet worden ist und wer möchte nicht die Hoffnung pflegen, daß die Arbeit solcher sittlich überzeugten Kaufleute nichts ist als das Symptom einer Massengesundung! Ich kenne sehr wohl den Standpunkt, von wo aus man, ohne eine einzige Phrase zu machen, mit hoher Bewunderung von den Leistungen des deutschen Handels sprechen kann - sprechen muß. Braucht man doch auch Namen wie KRUPP oder SCHICHAU nur zu nennen, um den Ruhm deutschen Unternehmergenies zu künden; es bedarf nur des Hinweises auf unsere das Ausland beherrschende chemische Industrie und auf die Güte deutscher Maschinen. Wo nur die mechanische Leistungsfähigkeit betrachtet wird, wäre in hohen Tönen von unserer Textilindustrie zu sprechen und von der erstaunlichen Entwicklung der Baugewerbe. Wir besitzen eine Reihe von Verlegern, die in ihren Verlagen kein Buch erscheinen lassen würden, von dessen literarischem Wert sie nicht überzeugt sind, die ihre Bücher nicht auf den Markt hinaus lassen, ohne ihnen ein solides, ästhetisch reinliches und künstlerisch edles Gewand zu geben und denen die deutsche Literatur Bedeutendes verdankt, weil sie mittelbar die geistigen Arbeiter lebendig anzuregen und in Bewegung zu setzen wissen. Auch was sie leisten, ist eine ideale Kulturarbeit aus Passion, aus innerem Beruf. Sie nützen nicht die Schwächen des Publikums, sondern wenden sich an seine guten Instinkte und erziehen es, wo weniger Gewissenhafte es verderben. Wir haben Banken, die in einer stillen aber machtvollen Weise eine Handelspolitik treiben, woneben die politischen Kuren der Regierung nichtssagend erscheinen. Wo früher der Kaufmann der Pionier im Raum war und die Kulturgüter an ferne Küsten brachte, da kann man heute nach allen Seiten auf Unternehmer und Händler weisen, die als Pioniere in der Zeit dastehen und dem Volk die Bedürfnisse von morgen und übermorgen abzulauschen suchen. Sie sind ohne Zweifel da, wirken ringsumher das Gute, Neue, Schöne und zuweilen selbst das Große. Aber die höhere Idee ist wie gesagt immer doch nur an die Arbeit einzelner und im Verhältnis weniger Persönlichkeiten geknüpft. "Nur" muß man sagen, weil das Prinzip in diesem Fall unendlich wichtiger ist als die Persönlichkeit. Denn das soziale Leben soll nicht vom Zufall abhängig sein, sondern soll einer festen Norm gehorchen. Wo Grundsätze in voller Lebendigkeit herrschen, da machen sie auch aus dem indifferenten Charakter in gewisser Weise eine Persönlichkeit. Prinzipien der Berufsehre können ein ganzes Volk charaktervoll und genialisch machen.

Und welche Summe niederer Erwerbsinstinkte steht doch der wahren merkantilischen Kulturarbeit gegenüber! Immer wieder hört man es resigniert sagen: "Ich allein kann nicht gegen den Strom schwimmen." Bei unendlicher Tätigkeit ist die große Mehrzahl eigentlich passiv. Und ist in ihrer Passivität, in ihrer Einsamkeit, inmitten des tausendfältigen Gewimmels, sehnsüchtig doch nach Aktivität. Man hat die Sorgen der Arbeit und nicht ihre Wonnen. SCHILLERs Glocke läutet nur ganz selten einmal so, daß das ganze Volk es hört. Und doch ist in diesem Volk die Arbeitsidealität nur fehlgeleitet und unterdrückt, nicht aber verschwunden. Was die allgemeine Arbeitssehnsucht möchte und wie sie nach der großen Idee hungert, darüber belehrte uns vor kurzem ja erst der elementare Temperamentsausbruch, als das erste lenkbare Luftschiff in majestätischer Ruhe den alten Rhein hinunter flog, begrüßt vom ergriffenen Jubel Hunderttausender, von Flaggen und Böllern, begleitet vom Segenswunsch des ganzen, plötzlich auch innerlich einigen, deutschen Volkes. Die ganze Nation richtete glänzende Blicke zum Himmel hinauf, froh, das Auge einmal von seelentötender Arbeit erheben und im helleren Licht baden zu können.

Der Erscheinungen, die das Problematische des modernen Geschäftsfleißes illustrieren, sind so viele, daß nur ein paar Hinweise gegeben werden können, wohin das Auge eben fällt. Zum Beispiel der, daß der allgemeine Merkantilismus Hand in Hand geht mit einer allgemeinen Volksverdummung und Massenbürokratisierung. In den Großstädten kann es zuweilen scheinen, als seien die Deutschen eine Nation von Handlungsgehilfen geworden. Da wir im Zeitalter des Welthandels leben, muß man die Handelsstimmung der Zeit natürlich gelten lassen; zu starker Opposition aber zwingt die allgemeine Auffassung kaufmännischer Berufstüchtigkeit. Als guter Kaufmann gilt heute, wer ein bestimmtes Kapital so umtreiben kann, daß es sich vermehrt oder wer die schematische Kontorarbeit gut beherrscht. Wenig nur wird Wert auf genaue Branchenkenntnis gelegt. Dem Kapitalisten gilt es im Grunde gleich, ob er ein Weißwarengeschäft gründet oder ein Galanteriewarenlage; und der Kommis geht vom Bankhaus ins Kontor eines Möbelgeschäfts und von da in ein Lotteriebüro. Spekulation und Schreibarbeit: darauf ruht der Merkantilismus im wesentlichen. Nun kann aber auch im Handel sehr wohl eine Art von mittelbar fabrizierende Tätigkeit ausgeübt werden. Der Händler kann dem Handwerk und Gewerbe in gewisser Weise direkt angehören, wenn er grundsätzlich bei einer Branche bleibt und diese von Grund auf kennt. Es ist zu fordern, daß alle Geschäftsleute, die Chefs ebenso wie ihre Angestellten, die Herstellungsweise, den Charakter, die Güte, die Nützlichkeit dessen, womit sie handeln und das sie als Zwischenhändler verbreiten, genau kennen, daß sie durch die Fabrik durchs Handwerk, durch die Industrie, durch die Werkstätten der Praxis gehen, bevor sie ins Kontor gelangen, daß das Interesse für das, dessen Vertrieb ihnen Lebensunterhalt gibt, obligatorisch wird, wo dem Buchhalter oder Korrespondenten jetzt in vielen Fällen die Waren, worüber sie Buch führen und Briefe schreiben, während seiner ganzen Tätigkeit nicht ein einziges Mal vor Augen kommen. Wäre unsere Kaufmannschaft in dieser Weise allgemein gebildet, so stünde sie bei Krisen und Katastropehn nicht gleich ratlos da. Heute steht es so, daß Kenntnisse und Fähigkeiten dem Kaufmann, der sich selbständig machen will, bei weitem nicht so nötig sind, wie das Grundkapital. Eine grausame Erläuterung der Konsequenzen gaben uns jüngst erst die vernichtenden Erdbebenereignisse in Sizilien. Die schwersten Verluste erlitten dabei Kaufleute; denn sie verloren mit dem Haus, dem Warenlager und den Handelsbeziehungen schlechterdings alles. Die Handwerker konnten auswandern. Sie finden Arbeit und Verdienst überall; denn sie tragen ihr Kapital: ihre Arbeitsfähigkeiten, bei sich, wo immer sie sind. Der Kaufmann aber ist heute ohne Beschäftigung und Kapital gleich ein Proletarier, weil er nicht die kleinste Fabrikationsfertigkeit zu erwerben angehalten wird.

Ausführlicher als es im Vorübergehen geschehen ist, müßte nun eigentlich noch von der Presse gesprochen werden. Von dieser Großmacht, deren Einflußsphäre gewaltig, deren Wirkungsmöglichkeiten unabsehbar sind, die eine ungeheure Gewalt gebrauchen kann, wie's ihr gefällt und die sich so oft der sittlichen Forderung verschließt, um sich äußeren Mächten: dem Kapital, den Parteien, der Regierung knechtisch hinzugeben, die schmeichelt, wo sie erziehen sollte, ohne Besinnung zu den Mitteln der halben und ganzen Lüge, der Verleumdung oder des Totschweigens greift, wenn dem Geschäft materielle Schädigung droht. Es ist von den Pseudo-Idealismen der immer dem nächsten Profit nachrennenden, auf Gedeih und Verderb wirtschaftenden Spekulation zu sprechen, die uns gewissenlos die Städte verbaut, bis ihre scheußliche Häßlichkeit Ekel einflößt, das Wohnbedürfnis der Massen rücksichtslos ausnützt, immer nur von heute bis morgen denkt, die Gesundheit der Nation mißachtet und das reinlich ästhetische Emfinden in barbarischer Weise durch einen ekelhaften Reklameunfug überall mißhandelt. Es ist die Frauenbewegung zu nennen, die immer noch unsere Töchter verführt, sich einer zurzeit unausweichlichen aber schädlichen sozialökonomischen Konstellation mit fast religiöser Inbrunst hinzugeben. Das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist zu betrachten und wie der natürliche Interessengegensatz beider niemals mehr durch gemeinsame Arbeitsfreude gemildert wird; wie eine schreckliche Ernte vielmehr ringsumher aufsprießt, weil immer nur der Haß und die profitgierigen Machtgefühle die Aussaat besorgen. Es ist darauf hinzuweisen, wie die Staatsregierung ohnmächtig ist gegenüber dieser wilden Jagd nach dem Erwerb und wie von ihr umso dreister und lauter Hilfe gefordert wird, je weniger die Fordernden willens sind, dem Staat in höherem Sinne zu dienen. Und es könnte von einer ganzen Moral materialistischer Schwäche gesprochen werden, die eine ewige Kriegsfurcht mit armen Phrasen zu verklären sucht und einen unnatürlich übertriebenen Nachdruck auf die Grundsätze von Treu und Glauben zu legen gezwungen ist, weil in einer Zeit, wo die Erwerbsschwierigkeiten alle zu Feiglingen machen, die Eigentumsvergehen vom Gesetz, im Verhältnis zu anderen Verbrechen, unnatürlich streng bestraft werden müssen. Aber es wäre ein Buch zu schreiben, wenn die charakteristischen Entartungsmerkmale nur registriert werden sollten.

Wie ernst dieser Arbeitsmaterialismus zu nehmen ist, beweist auch die Erfahrung, daß ein übler Erwerbsgeist die akademischen Berufe mehr und mehr zu infizieren beginnt. Mit Recht spricht man zum Beispiel von einer Amerikanisierung unserer Universitäten. Die Jünglinge fragen sich heute nur noch selten, wenn sie die Fakultät wählen, ob sie den Beruf des Arztes aus einer inneren Leidenschaft zum Heil ergreifen, ob sie Richter werden wollen aus Liebe zur Gerechtigkeit und Geistliche aus wirklich lebendiger Frömmigkeit; sie sehen weniger auf ihre Talente und Neigungen, als vielmehr darauf, welches Studium ihnen, bei einem gewissen Aufwand von Studiengeldern und mit Rücksicht auf ihre äußeren Umstände am schnellsten, am sichersten oder am reichlichsten ein Einkommen sichert, welches die beste Karriere verbürgt. Ein Student als wohlhabender Familie, der aus innerem Trieb Philologie studiert, muß den Einwurf hören: "das hätten Sie doch nicht nötig, Sie könnten doch Jurist werden."
    "Brot ist das einzig Universelle
    unserer Universitäten. -
    Das reimt sich nicht, ist aber doch wahr,
    und wer's nicht glaubt, dem wird's mit der Zeit klar."
Diese Glosse HOFFMANNs von FALLERSLEBEN ist heute dem Zweifel ganz entrückt. Der wirtschaftliche Erhaltungskampf ist mit grausamer Härte auch innerhalb der von Natur edlen akademischen Berufe entbrannt und hat auch dort, in demselben Maße wie er um sich griff, die lebendige Standesidealität und Berufsethik zersetzt. Es kommt, da alle Berufe überfüllt sind, zu der lächerlichsten Arbeitsteilung; keiner vermag bald mehr das Ganze zu übersehen, jeder hält Teile in der Hand, ohne ein geistiges Band darum schlingen zu können. Auch der Mann der Wissenschaft wird zum mechanischen Arbeiter. Man lese nach, was SCHOPENHAUER schon von denen sagte, die nicht für ihren gelehrten Beruf leben, sondern von ihm. Und man blicke gleich dann auch auf das Gebiet der Kunst hinüber, wo ganz ähnliche Verhältnisse herrschen, wo wir eine staatliche Beamtendressur sehen, die nie nach Talent und Neigung, sondern nur nach den Examina, nach gesellschaftlicher Stellung und nach prüfbaren Beamtentugenden fragt. Da dieses materialistische Treiben unter den Augen und unter der Assistenz des Staates vor sich geht, so ist die Kunst in höchst offizieller Weise kaufmännisch entartet. Derselbe Irrtum, der den Geschäftsmann verführt, von Arbeitsidealität zu reden, wenn er staunend das Anwachsen der statistischen Zahlenreihen und die riesige Ausdehnung der Arbeitsgebiete sieht, läßt Künstler und Gelehrte die Quantität fortgesetzt mit der Qualität verwechseln und annehmen, wir hätten große Kunst und wahre Kultur, weil überall, in jedem Winkel unserer demokratischen Zivilisation, Kunst- und Kultursplitter wie Schutt umherliegen.

Da bei einem solchen Tun das tiefere Selbstgefühl, das sich an der Berufsehre kräftigt, zugrunde geht, muß notwendig ein neues, ein äußerlich unterscheidendes Selbstgefühl entstehen. Während sich darum das demokratische Zeitalter ängstlich bemüht zeigt, die trennenden sozialen Schranken niederzulegen und den Arbeitsmarkt allen gleichmäßig zu öffnen, werden zu selben Zeit neue Schranken unverdrossen aufgerichtet. Die Vertreter verschiedener Berufe dünken sich einander überlegen und blicken hochmütig aufeinander herab. Der Jurist schätzt den Philologen gering, der Gardekavallerieoffizier den Artillerieleutnant, der Korpsstudent den Burschenschafter, der Kaufmann den Handwerker und der Handwerksgehilfe den ungelernten Arbeiter. Es ist im Volke noch genau die Summe von Aristokratismus enthalten wie zur Zeit zünftlerischer Beschränkung; nur äußert sich jetzt als zersetzendes Vorurteil, was früher organisierend und produktiv wirkte. Vom Berufsvorurteil, das sich auf den Fundamenten materieller Vorteile erhebt, bis zum Besitzvorurteil ist es dann nur ein Schritt. Das Geld, das Eigentum und die damit verbundene Macht wird zum Wertmesser des gesellschaftlichen Ansehens. König ist allein noch der materielle Erfolg. Darum strebt dann jedermann nach Reichtum, so fürchtet jeder dann die Armut wie eine Schande. Oder man sucht doch den Schein der Wohlhabenheit. Niemand mag mehr Sparsamkeit üben, weil sie nur dem leicht fällt, der Ideale hat,  dem  aber unerträglich schwer, der sich auf Genüsse angewiesen sieht, die bar erkauft sein wollen. Es fehlt das sittliche Selbstbewußtsein, das dem Armen das Geld nicht als höchstes Gut erscheinen, das dem Reichen seine Güter nur als relativ empfinden läßt. Der arme Schatzgräber unserer Tage keucht bei seiner unheimlichen Dunkelarbeit in Not und Gier: "Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste Gut!" Aber ihm erscheint nie der schöne Knabe mit dem "Glanz der vollen Schale." Wenn es noch die Besten wären, denen es gelingt, reich und damit mächtig zu werden! Aber im Wirbel des Materialismus kann es natürlich nur den Materialistischen gelingen, den Emsigen, Klugen, Phantasielosen und Unbedenklichen, ganz selten aber nur den Denkern und Erfindern, den Phantasievollen und Gerechten. Die Rasse wird durch diese Art der Auslese vielleicht gescheiter, genauer und methodischer im Denken, aber sie verdummt in einer beschämenden Weise in allem, was Gefühl und synthetischen Sinn erfordert. Und die ist dann die Erklärung dafür, weshalb wir den stupidesten Dilettantismus in Politik und Kunst, in allen Dingen, die Universalismus fordern, herrschen sehen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Zeiterscheinungen im Geiste derer, die sich besonders schmerzlich davon berührt fühlen, Reaktionen hervorgerufen haben. Dem Überdruß sensibler Menschen verdanken wir darum manchen Weltverbesserungsplan, manche Zukunftsprophezeiung. Immer wieder werden Grundrisse für Zukunftsstaaten entworfen oder sonstige Utopien ersonnen. Doch sind das immer mehr oder weniger Ideen schwächlicher Romantik, die die Dinge sieht, wie der Wunsch es will, nicht wie die Wirklichkeit es als möglich zeigt. Nicht auf die Verneinung der Zeit und Lebensenergien darf eine Kritik des Bestehenden hinauslaufen. Nicht Verarmung darf das Ergebnis der notwendigen sittlichen Vertiefung sein, sondern eine innere Bereicherung, die auch zu einer äußeren zu werden vermag. Vertiefung kann niemals hemmend wirken. Sie vereinfacht freilich; aber nur weil sie das an sich Verwandte zusammenfaßt und Kraftvergeudung vermeidet, weil sie an Intensität gewinnt, was an Mannigfaltigkeit verloren gehen sollte. Als Ziel einer konsequenten Ethisierung des Erwerbsgeistes dürfen einem Gewohnheiten altväterlicher Enge nicht vorschweben.

Ziel einer lebendig begriffenen Modernität muß es vielmehr sein, aus den gegebenen neuen Zuständen noch weit monumentalere Konsequenzen zu entwickeln, als es bisher geschehen ist. Es gilt, um nur einige Punkte flüchtig zu berühren, den wie ein Schicksal auftretenden Großstadtgedanken synthetisch zu vollenden, dergestalt, daß die City ausschließlich zur Arbeitsstadt wird, daß zum Wohnen aber in breiter Gürtel frei und offen in die grüne Natur hineingebauten Vororten geschaffen wird, eine Zone, rings um die gemeinsame Arbeitsstätte, von zentralisierten aber doch selbständigen kleinen Wohngemeinden, wo der Großstädter bequem und gesund seinen langen, durch eine Tischzeit nicht verkürzten Feierabend genießen kann, wo seine Kinder natürlicher als bisher aufwachsen können, wo jeder Bürger endlich wieder zum Besitzer eines Stückchens eigenen Bodens wird und wo die Früchte moderner Großstadtzivilisation als Kulturgüter genossen werden können. Es gilt das moderne Genossenschaftswesen mit kühner Konsequenz zu entwickeln und von neuem mächtige Berufs- und Interessenorganisationen zu schaffen, die den heute grassierenden frechen Subjektivismus aller Einzelnen unterdrücken, indem sie jeden Arbeiter großen Gemeinsamkeitsideen unterordnen, ihn in Reih und Glied stellen und ihn dadurch erst in höherem Sinne frei und zu einer Individualität machen. Anstelle der Herrschaft der Aktie ist der Wille sich demokratisch frei Vereinigender, freiwillig sich umfassenden Arbeitsideen Unterwerfender zu setzen und so ist ein neues, großartiges Zunftwesen in Erscheinung zu rufen. Ein Zunftwesen, das sich auf den Ideen des Trusts aufbaut und das aus dem Wirtschaftsleben die willkürlich handelnde Spekulation verdrängt; das, zum Beispiel, den einzelnen Bauunternehmer von umfassenden Baugesellschaften vertilgen läßt, von Baugesellschaften, deren erste Aufgabe es ist, die abscheuliche Übergangsarchitektur unserer Großstädte glatt zu rasieren, die sodann auf eine vernünftige Bodenreform hinzuwirken und endlich eine neue, uniforme, blockweise, straßenweise bauende charaktervolle Großstadtarchitektur zu schaffen, die den Architekten die Last der Bauherrnrolle abzunehmen und ihn dafür, als freien Angestellten großer Verbände, der Kunst zurückzugeben haben. Unsere Zeit verlangt die große Organisation auf allen Gebieten; anders sind die Interessen der vom Weltverkehr verknüpften Millionenvölker nicht zu ordnen. Die Zukunft wird eine Zeit riesiger Monopolisierungen sein, seien diese nun staatlicher oder privater Natur. Was im Anfang zur Familienwirtschaft trieb, was sich dann zur Stadtwirtschaft ausweitete, das ist in der neuen Zeit ein allgemeiner Zwang zur Weltwirtschaft geworden. Was im Altertum die Familie, was im Mittelalter die Stadt waren, das ist nun das ganze Land; und wie einst die Städte eines Landes zueinander standen, so stehen jetzt die ganzen Länder zueinander. Diese Weltwirtschaft ist ein Schicksal, das durch nichts aufgehalten werden kann. Die stark betonte Nationalisierung in den einzelnen Ländern und in der Folge dann der Drang zum Imperialismus, - der nichts ist als eine Vollendung des demokratischen Zeitgedankens -: das sind nur natürliche Konsequenzen der Weltwirtschaft. Die Nationen schließen ihre Volksteile politisch so fest zusammen, um als in sich ruhenden Einheiten den zersplitternde Tendenzen der Weltwirtschaft gewachsen zu sein; geradeso, wie die Städte des Mittelalters einst durch ihren Handel sich ihrer Individualität erst ganz bewußt wurden. Was in diesen Städten des Mittelalters, der Hansa, die Zünfte waren, das werden in den wirtschaftlich organisierten modernen Kulturländern die Genossenschaften, die Trusts sein. Ohne monumentale Gruppenbildung ist die Entwicklung der Weltwirtschaft unmöglich. Die Zeit verlangt mit eben derselben Logik, wie sie Arbeitergenossenschaften in den verschiedenen Berufen will, auch nach Arbeitgebergenossenschaften; der Konkurrenzkampf muß mit innerer Notwendigkeit den Zusammenschluß, den Trust in allen Verhältnissen hervorbringen. Das heißt: die Zeit will eine neue Machtgruppierung, eine neue Organisation der wirtschaftlichen und sozialen Energie. Die Unkultur unserer Zeit besteht eben darin, daß die Macht zersplittert, daß sie an alle unordentlich verteilt und nicht organisiert ist. Die Macht neu zu organisieren: das ist die Aufgabe der Zeit. Denn organisierte, bewußt gewordene Macht ist Kultur und ihrem Wesen nach ideal, weil sie ohne Verantwortlichkeitsgefühl nicht existieren kann.

Man sieht: nicht durch romantische Rückblicke, sondern eben durch die konsequente Entwicklung der in der Zeit schon ruhenden Energien und Tendenzen gelangt man zum Glauben an jenen allgemeinen nationalen Arbeitsidealismus, der die Kraft, Reichtümer zu erwerben, in sich schließt. Eine Kraft, die, nach einem guten Wort LISZTs, viel wichtiger ist als der Reichtum selbst. Nicht  ein  Gedanke soll zu Utopie hinüberschweifen, mit keinem Schritt braucht der Boden des historisch Gewordenen verlassen zu werden. Aber diese große soziale Umgestaltung und Neugestaltung kann nur kommen, wenn sich die Menschen in ihrer Mehrzahl entschließen, nur noch Arbeit zu leisten, die sie achten und lieben können und das, was sie müssen auch frei und stark zu wollen. Der Mensch ist das Wesentliche; solange er sich nicht veredelt, nutzt kein von außen kommender Beglückungsversucht. Ihm Veredelungsmöglichkeit zuzutrauen, ist aber keine Utopie, weil in jede Seele von der Natur der Keim des Edlen und Vernünftigen gelegt ist. Ja in jede Seele ist sogar ein stilles Bedürfnis nach Arbeitsidealität gelegt. Eben darum, weil der Drang zum Vollkommenen allgemein ist, müssen die Fragen einer Ethisierung der Arbeit Gegenstand volkswirtschaftlicher Betrachtungen sein. Das Rechtsgefühl und dessen Ausdruck, das Gesetzbuch, werden von den herrschenden Arbeitsideen determiniert; unter den Einflüssen der Arbeitsidealität steht die innere und äußere Politik; sie stellt den Bürger über den Beamten und macht den rechten Kaufherrn dem Mann der Wissenschaft gleich; sie stärkt Handwerk und Kunst, macht den Lohnarbeiter intelligent und frei und erzeugt eine neue bürgerliche Aristokratie. In allen Verhältnissen wirkt sie das lebendig Konservative.

Und jedermann ist höherer Arbeitsideen fähig; denn es gibt keinen Menschen, der nicht für eine bestimmte Tätigkeit mit bestimmten Anlagen und Neigungen geboren wäre. "Ein Volk von Genies" sind die Deutschen schwärmend genannt worden. Nie waren sie es weniger als heute; denn das Wort kann nur wahr werden, wenn jeder seine Arbeit so verrichten lernt, daß er in einem Punkt wenigstens Meister genannt zu werden verdient. Das ist aber nur möglich, wenn er mit Arbeitsgenossen ein höheres Ziel gemein hat. Wir brauchen nicht sowohl Ringe von Fabrikanten und Händlern, worin immer nur vom Minimalpreis und von Händlerverdienst die Rede ist, nicht kümmerliche Zwangsinnungen und zufällige Berufsverbände, sondern freie und mächtige Gilden, die über die Arbeitsehre ihrer Mitglieder wachen, mittels der Gewalt von Berufskonventionen Ehren verleihen und strafen können, mit einem Verruf das unwürdige Mitglied schärfer treffen, als es heute das Strafgesetz kann und dem würdigen das Standesgefühl zu edelster Produktivität entflammen. Nicht immer neue wirtschaftliche Freiheiten brauchen die Lebenden - sie haben, im Gegenteil, eher zuviel davon -, sondern vor allem jetzt selbstgewählte soziale Beschränkung. Der Stolz auf eine freche, verlogene Herrenfreiheit kleiner Krämernaturen hat der Lust am Dienen, dem Trieb sich helfend einem größeren Ganzen hinzugeben, zu weichen. Innerhalb dieser neuen Ganzheiten aber tut Selbsthilfe not, die so zu organisieren weiß, daß der Berufsverband als eine geschlossene, sich selbst durch Konventionen regierende Macht im Staate dasteht. Dem ungeheuren, höherer Ideen aber so sehr bedürftigen Tätigkeitsdrang unserer Tage muß man ins Gedächtnis rufen, wodurch IMMERMANNs nach der Natur gezeichneter "Hofschulze" seinem bäuerlichen Stand eine regierende Gewalt zu verleihen wußte und in welcher Art er von dem einen, worüber er sich zum Herren gemacht hatte, weise aufs Ganze schloß. "Wenn nun da draußen sich auch jedermann lernte auf sich verlassen und stellte sich zusammen mit seinesgleichen, der Bürger mit dem Bürger, der Kaufmann mit dem Kaufmann, der Gelehrte mit dem Gelehrten und auch der Edelmann mit dem Edelmann und machten ihre Sachen größtenteils untereinander ab, ... so müßte es eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben. Denn die Menschen wären dann nicht immer wie die dummen Kinder, die immer schreien: Vater! Mutter! wenn sie einen Augenblick allein sind, sondern gleichsam ein Fürst wäre jeder bei sich zuhause und mit seinesgleichen. Dann wäre auch erst der König ein recht großer Potentate und ein Herr sondergleichen, denn er wäre der König über vielmalhunderttausend Fürsten." -

Selbst ein kühler wie WILHELM ROSCHER läßt das ganze System seiner nationalökonomischen Betrachtungen in der Versicherung gipfeln, daß "noch kein religiös und sittlich tüchtiges Volk, solange es die höchsten Güter bewahrte,  aber freilich auch nur so lange nicht,  verfallen ist." Und das eben hat sich der Deutsche dieser Zeit zu fragen: ob er im merkantilischen Wettbewerb um die Arbeits- und Warenmärkte der Welt von seinen höchsten Gütern schon Unersetzliches geopfert hat. Die nächsten Jahrzehnte müssen die Antwort bringen. Das Vertrauen zum gesunden Selbsterhaltungsinstinkt unseres Volkes hofft, daß diese Schicksalsfrage wird verneint werden können. Und geschehe es auch erst nach schrecklichen, männermordenden Schlachten, daß uns die Göttin des Krieges, sei es nach Siegen oder nach Niederlagen, mit dem unverwelklichen Kranz höherer Gesittung wieder schmückt.
LITERATUR: Karl Scheffler, Idealisten, Berlin 1909
    Anmerkungen
    1) Als ein charakteristisches und erfreuliches Symptom seien hier einige Sätze wiedergegeben, die im Programm des "Deutschen Werkbundes" neben anderen sehr bemerkenswerten Äußerungen stehen. Der "Werkbund" ist eine Vereinigung von modernen Nutzkünstlern und Gewerbetreibenden. "Eine selbstverständliche Voraussetzung für die Mitgliedschaft beim Deutschen Werkbund ist die eigene Bemühung jedes Mitglieds um die Förderung guter Arbeit. Der Künstler gebe sich nur mit dem Besten zufrieden und strebe nach jener inneren Vollkommenheit, die von Virtuosität ebensoweit entfernt ist, wie von geschäftlicher Routine. Der Hersteller verabscheue es, eine Arbeit zu liefern, die nicht das technisch Beste darstellt, das die Verhältnisse zulassen. Und selbst die nötige Anpassung an die gesunkenen Ansprüche eines lediglich dem Billigsten zugewandten Käufertums schließe das Streben nicht aus, die bestehenden Zustände soweit zu besser, als es in der Kraft des Einzelnen gelegen ist. Als Käufer und Besteller aber muß es unbedingt die Aufgabe eines jeden sein, die Qualitätsforderung in allererster Linie selbst zu stellen."