p-4 Th. ElsenhansP. NatorpA. MeinongF. BrentanoM.SchlickR. Avenarius    
 
CARL STUMPF
Erscheinungen
und psychische Funktionen

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"Die Unmöglichkeit oder außerordentliche Schwierigkeit jeder beschreibenden Theorie der Erscheinungen: Ist ein Akkord  c-e-g,  solange er nicht vom Hörenden in seine Bestandteile zerlegt wird, tatsächlich eine einfache Erscheinung, so muß er ein einfacher Ton sein, der weder mit  c  noch mit  e  noch mit  g  zusammenfällt. Er ist dann überhaupt in der Tonlinie von der Tiefe zur Höhe nicht unterzubringen. Wir erhalten neue Dimensionen des Tonreichs statt der einen, mit der sonst die rein phänomenale Beschreibung des Tongebietes auskommt. Die so entstehende Verwicklung ist kaum abzusehen. Das Verständnis der Klangfarbe aus den Tonfarben wird illusorisch. Ähnliches gilt von anderen Sinnesgebieten, in denen Mischungen vorkommen."


III. Gegenseitig unabhängige Veränderlichkeit

Erscheinungen und Funktionen sind in gewissen Grenzen gegenseitig abhängig veränderlich. Das heißt: bei gleichen Erscheinungen können verschiedene Funktionen, bei verschiedenen Erscheinungen gleiche Funktionen stattfinden. Oder auch: es braucht sich an einer individuellen Erscheinung durch die Veränderung des funktionellen Verhaltens nicht notwendig irgendetwas zu verändern, und es kann sich umgekehrt an einer individuellen Erscheinung etwas verändern ohne Veränderung der Funktionen. Nicht für alle Fälle natürlich wird eine solche unabhängige Veränderung behauptet, nur daß sie stattfinden  könne,  nicht daß sie immer und notwendig stattfinde, nicht einmal daß sie unter den gewöhnlichen, komplizierten Umständen des psychischen Verlaufs stattfinde, möchte ich vertreten. Auch brauchen keineswegs beide Teile der Behauptung zusammen wahr oder falsch zu sein. Endlich vertrete ich sie nicht als sicher beweisbare Sätze, sondern als Thesen oder Hypothesen, deren Erweis sich die Psychologie meinem Dafürhalten nach annähert. Zu viel feine, zum Teil auch experimentelle Untersuchungen sind noch erforderlich, um sie zu erproben. Nur das, was sich in Kürze vorläufig sagen läßt, versuche ich im folgenden anzugeben und hoffe wenigstens die Fragen und Probleme genau zu bezeichnen.

Von vornherein sei aber bemerkt, daß eine der unsrigen entgegengesetzte Stellungnahme in den folgenden Fragen nicht etwa gleichbedeutend wäre mit einer Negation der psychischen Funktionen als Bewußtseinsinhalte überhaupt. Wenn z. B. niemals eine Zergliederung oder eine Zusammenfassung gegebener Erscheinungen möglich wäre, ohne daß irgendetwas in den zu zergliedernden oder zusammenzufasenden Erscheinungen, oder auch nur auf dem Gesamtgebiet der augenblicklich gegebenen Erscheinungen, sich veränderte, so würde noch nicht folgen, daß in dieser unvermeidlichen phänomenalen Veränderung das Zergliedern oder das Zusammenfassen selbst  bestände.  Wer die Funktion als solche zu erleben glaubt, der würde in diesem Fall doch nur Schließen, daß ihr Eintreten von bestimmten Erscheinungsveränderungen allgemein und notwendig begleitet sei.

Umgekehrt aber zieht allerdings eine zustimmende Stellungnahme in den folgenden Fragen zugleich eine Anerkennung psychischer Funktionen als Bewußtseinstatsachen überhaupt nach sich.


1. Psychische Funktionen können sich verändern
ohne Veränderung in den Erscheinungen

Wenn wir die wichtigsten Funktionen daraufhin durchgehen, möge man wieder Klassifikationsfragen auf sich beruhen lassen. Gruppiert man anders, so kehren auch die Fragen an anderen Orten wieder; ihr Sinn und ihre Beantwortung dürfte nicht wesentlich davon abhängen.

Als primitivste Funktion betrachte ich das  Wahrnehmen oder Bemerken  (Notiznehmen). (1) Das Wahrnehmen von Erscheinungen erster Ordnung, die sinnliche Wahrnehmung im gewöhnlichen Sinn, nennen wir auch "Empfinden", das Wahrnehmen von Erscheinungen zweiter Ordnung "Vorstellen". Das bloße Vorstellen von Farben, Tönen ist doch auch eine Art Sehen oder Hören, ein Bemerken der auftauchenden (eventuell auch unter Willenseinflüssen auftauchenden) Erscheinungen dieser Gruppen.

Bei jeder sinnlichen Wahrnehmung handelt es sich um ein Bemerken von Teilen in einem Ganzen, weiterhin auch von Verhältnissen zwischen diesen Teilen. Wir fassen zuerst nur das Bemerken von Teilen ins Auge. Da die Teile innerhalb des Ganzen, dem sie angehören, bemerkt werden, so involviert jedes Wahrnehmen notwendig den Unterschied des wahrgenommenen teils von den unwahrgenommenen Teilen der Erscheinungen, gleichsam des Vordergrundes vom Hintergrund. Das im Hintergrund Bleibende nennen wir auch wohl "bloß empfunden" oder "perzipiert gegenüber dem Apperzipierten. Hier ist also durch den Zusatz "bloß" die Bedeutung des Ausdrucks "empfunden" wesentlich verändert. Wir werden indessen noch zu fragen haben, ob die Abgrenzung als eine ganz scharfe gelten kann.

Zunächst besagt nun unsere These, angewandt auf sinnliche Wahrnehmungen, daß beim Übergang eines Unbemerkten in ein Bemerktes nicht notwendig eine Veränderung in der Erscheinung selbst vorgehen muß. Was sich verändert, ist wesentlich nur funktioneller Art. Der Übergang besteht, bildlich gesprochen, in einer Ansammlung von Bewußtsein gegenüber irgendeinem Teil der Erscheinungen.

Wenn beispielsweise ein Ton in einem Akkord bemerkt wird, so braucht am Akkord als Erscheinung dabei nichts vorzugehen. Der Klang, den ich zuerst unzerglieder, dann zergliedert auffasse, ebenso der anfänglich einheitliche Eindruck einer Speise, in dem ich alsbald etwas Süßes und etwas Saures, vielleicht auch noch einen Geruch und eine Wärmequalität bemerke, oder die Hautempfindung, die in eine Druck-, Kälte-, Schmerzempfindung zerlegt wird: sie bleiben, was sie waren. Und zwar können nicht nur die objektiven Reize und die physiologischen Prozesse, sondern auch, wie ich meine, die subjektiven Erscheinungen dieselben bleiben. (2)

In der Mehrzahl der komplizierten Fälle, in denen wir von einem Sinneseindruck sagen, er erscheine uns jetzt klarer, deutlicher, durchsichtiger in seiner ganzen Gliederung als früher, lassen sich freilich eine Menge von Veränderungen, zumindest in den assoziierten Vorstellungen, also in den Erscheinungen zweiter Ordnung, nachweisen. So, wenn wir ein Gemälde zum zweiten und dritten Mal sehen, wobei all das vorher einzeln Betrachtete als Vorstellung hinzutritt, aber auch das früher schon dazu Vorgestellte jetzt so schnell und lebendig reproduziert wird, daß es mit dem sinnlich Wahrgenommenen gleichsam zusammenwächst. Auch geht vielleicht der wandernde Blick leichter und rascher über das Bild hin, mit kürzeren Stationsaufenthalten, da eben seine Aufgabe erleichtert ist; es sind also auch die Muskelempfindungen gegen das erste Mal mindestens zeitlich modifiziert.

Aber nicht alle Fälle schlechthin gestatten solche Erklärungen. So die oben erwähnten. Das Hinzukommen der Wortvorstellungen "sauer, süß" oder "Ton c, e, g" wird man doch nicht dafür heranziehen, da es offenbar erst die Folge der bereits vollzogenen Analyse ist, überdies keineswegs immer sich zur Analyse gesellt. Desgleichen: wenn man etwas in Gedanken aus dem Theater kommend die Laternen einer erleuchteten Straße gesehen oder die Schläge der Turmuhr gehört hat, und nun seine Aufmerksamkeit der Lichterreihe selbst oder den weiteren Schlägen zuwendet, wird man sich sagen müssen, daß es soeben vorher auch schon Lichter und Schalleindrücke derselben Art und von demselben räumlichen oder zeitlichen Abstand waren, gelegentlich auch von derselben Intensität, wie man sie jetzt wahrnimmt, nicht aber ein unnennbare einheitliches Etwas. Gewiß kann man durch besondere künstliche Hypothesen dieser Deutung entgehen, etwa durch die Annahme, daß bei der Reproduktion des unmittelbar vorher Gesehenen und Gehörten zwecks Vergleichung mit dem Gegenwärtigen eine Verwandlung oder Assimilation im Sinne des Gegenwärtigen eintrete. Aber dem Unbefangenen werden solche Hypothesen zunächst wenig glaubwürdig erscheinen.

Wollte man die Beweiskraft solcher Erfahrungen darum leugnen, weil es sich hier nicht um den Übergang aus völlig Unbemerktem in Wahrgenommenes, sondern um den Übergang aus einer geringeren in eine höhere Stufe des Wahrnehmens handelt, so fragen wir: warum soll, was hier stattfindet, prinzipiell anders werden, wenn wir den Abstand der beiden Merklichkeitsgrade vergrößern? Und bei welchem Punkt dieser Vergrößerung soll der Umschlag eintreten?

Man kann Erfahrungen der eben geschilderten Art als Zeugnisse durch direkte Vergleichung bezeichnen. Denn so dürfen wir nicht bloß die Vergleichung eines Gegenwärtigen mit einem Gegenwärtigen nennen (wobei also beides während des Vergleichungsaktes selbst gegeben ist), sondern auch die Vergleichung eines Gegenwärtigen mit einem eben Vergangenen oder eines eben Vergangenen mit einem ihm eben Vorausgehenden, aber noch im Bewußtsein Haftenden. Jeder sogenannte Sukzessivvergleich setzt die Möglichkeit, eben Vergangenes mit Gegenwärtigem zu vergleichen, voraus. Wer freilich diese Möglichkeit allgemein in Abrede stellte, mit dem würden wir an dieser Stelle keinen gemeinsamen Boden der Diskussion haben.

Außer dem Zeugnis der direkten Vergleichung scheint mir aber zweierlei für unsere These zu sprechen.

Zuerst die Unmöglichkeit oder außerordentliche Schwierigkeit jeder beschreibenden Theorie der Erscheinungen im gegenteiligen Fall. Ist ein Akkord  c-e-g,  solange er nicht vom Hörenden in seine Bestandteile zerlegt wird, tatsächlich eine einfache Erscheinung, so muß er ein einfacher Ton sein, der weder mit  c  noch mit  e  noch mit  g  zusammenfällt. Er ist dann überhaupt in der Tonlinie von der Tiefe zur Höhe nicht unterzubringen. Wir erhalten neue Dimensionen des Tonreichs statt der einen, mit der sonst die rein phänomenale Beschreibung des Tongebietes auskommt. Die so entstehende Verwicklung ist kaum abzusehen. Das Verständnis der Klangfarbe aus den Tonfarben wird illusorisch. Ähnliches gilt von anderen Sinnesgebieten, in denen Mischungen vorkommen. Ja, wie wollte man überhaupt die Grundklassen der Empfindungen nach phänomenalen Gesichtspunkten einteilen und charakterisieren? Nennen wir die einfache Erscheinung, die vor jeglicher Unterscheidung vorhanden ist oder durch die erste Unterscheidung zustande kommt, die  x- Qualität, so würden durch jede weitere Analyse, durch jedes (auch ganz spontane) Hervortreten einer einzelnen Erscheinung (Temperatur, Licht nach  unserer  Bezeichnung) Umwandlungen jenes  x  zu neuen einfachen Qualitäten bewirkt werden, und es wäre auch jetzt noch unrichtig, zu sagen, daß man einen Ton höre, wenn wir ihn nicht für sich allein ohne jedes begleitende sonstige Phänomen (organische Empfindungen und dgl.) wahrnehmen, was tatsächlich niemals der Fall ist und sein kann.

Vielleicht wird man vorschlagen, die Empfindungen vor der Analyse als  potenzielle  Gerüche, Farben usw., die Dreiklangstöne vor der Analyse als potenzielles  c, e, g  zu bezeichnen, und die übliche Klassifikation der Empfindungen dann dadurch zu motivieren, daß man dabei die potenziellen mit den aktuellen Empfindungen zusammenrechne. Mit dieser Unterscheidung und Zusammenrechnung könnte sich allenfalls die Theorie zufriedengeben, wenn man nur die potenziellen Gerüche als  Gerüche,  das potenzielle  c  als  c  nimmt, d. h. wenn die Qualität als die gleich anerkannt wird. Dann ist aber die Sachlage gerade so, wie wir sagen, und nur die Ausdrucksweise ist durch die bedenkliche aristotelische Terminologie verdunkelt.

Zweitens scheint mir auch das Vorhandensein von Zwischenstufen zwischen völlig Unbemerktem und deutlichst Bemerktem auf unsere Darstellungsweise zu führen. Wenn der ganz unzergliederte Dreiklang eine subjektiv einfache Qualität für sich ist, der deutlich zergliederte aber drei gleichzeitige von jener ersten verschiedene Qualitäten aufweist: welche Qualität hat derselbe objektive Dreiklang für meine Empfindung, wenn ich die drei Töne oder auch einen oder zwei davon nur  undeutlich  herauszuhören glaube? Worin liegt der Unterschied, wenn nicht in der Funktion des Bemerkens? Gäbe es nur die beiden Extreme, das deutliche Erfassen aller gleichzeitigen Töne, die überhaupt bei höchster Aufmerksamkeit und Übung unter den gegebenen objektiven Umständen unterscheidbar sind, und andererseits das gänzlich unzergliederte Erfassen des Sinneseindrucks, so ließe sich allenfalls mit der Theorie der qualitativen Umwandlungen auskommen. Aber die Zwischenstufen des Bemerkens lassen sich bei so einfachen Erscheinungen schwerlich als Erscheinungsveränderungen interpretieren.

Allgemeinhin läßt sich ja leicht sagen, es sei ein Fehlschluß oder eine unerlaubte "Verdinglichung", das, was wir nachher unterscheiden, als schon vorher vorhanden anzunehmen. Aber wäre es auch wirklich eine bloße Annahme: warum sollte sie unerlaubt sein? Man hat es neuerdings auch dem Chemiker als Fehlschluß der Verdinglichung angerechnet, daß er in die Kohlensäure die beiden Stoffe hineinverlegt, die er nachher daraus gewinnt. Nun ist der Psychologe insofern günstiger dran, als er sich auch auf das Zeugnis der direkten Vergleichung berufen kann. Aber einer verkehrten Denkweise braucht sich auch der Chemiker nicht beschuldigen zu lassen. Man kann die atomistische Hypothese vertreten, man kann auch ihr Gegenteil, die Stetigkeits- und Umwandlungslehre, durchzuführen versuchen, womit man vorläufig bei den chemischen Vorgängen einen harten Stand haben wird: jedenfalls hat aber sowohl der Psychologe, der Perzipiertes und Apperzipiertes unterscheidet, wie der atomistische Chemiker ein Recht darauf, seine Aufstellung nicht als Produkt kindlich verkehrter Denkgewohnheiten angesehen zu wissen, sondern als mit dem vollen Bewußtsein der Regeln wissenschaftlicher Forschung aufgestellte  Theorie,  die nach denselben Regeln durchgeprüft werden muß.

Wir behaupten also, daß Unterschiede und Teile in den Erscheinungen auch dann vorhanden sein können, wenn wir augenblicklich solche nicht bemerken. Infolgedessen scheint mir prinzipiell auch der Annahme nichts im Wege zu stehen, daß es  ganz unbemerkbare  Teile der Erscheinungen gibt, in der Weise der "petites perceptions" nach LEIBNIZ oder etwa der Lokalzeichen nach HELMHOLTZ oder des dumpfen und hellen Elements der Tonempfindungen nachMACH oder sonstiger hypothetischer Bestandteile (SPENCER, TAINE, BRENTANO). VOLKELT hat solche nur zugunsten von Theorien angenommene Erscheinungen als "Erfundene Empfindungen" bezeichnet. Wenn aber die Annahme solcher Teilinhalte aus der Beschaffenheit der wahrgenommenen Erscheinungen logisch notwendig folgt oder wenigstens für die Aufstellung von Gesetzmäßigkeiten große Vorteile bietet, wenn außerdem gezeigt werden kann, warum diese Teile sich unserer Wahrnehmung entziehen können oder müssen, so ist die Annahme mindestens ebenso zulässig und besitzt denselben Erkenntniswert wie die Annahme verborgener Massen und Bewegungen seitens der Physiker. Allerdings müssen die genannten Kriterien auch nicht weniger streng gehandhabt werde. Die direkt nicht verifizierbare Hypothese muß eine bedeutende theoretische Vereinfachung oder eine Fülle verifizierbarer Konsequenzen oder sonst irgendeinen Gewinn für den Fortschritt der Erkenntnis bringen. Dies ist der Punkt, an dem es meistens fehlt. (3)

Wie quantitative und qualitative Teile, so sind auch  attributive Teile  in den Erscheinungen vorhanden, ehe sie wahrgenommen werden. Ein Ton als Erscheinungsinhalt (ich spreche nicht vom Tonreiz) hat zweifellos jederzeit eine bestimmte Höhe und eine bestimmte Stärke, unabhängig davon, ob das Bewußtsein diese beiden Seiten auseinanderhält. Sie wachsen ihm nicht erst durch den Wahrnehmungsakt zu. Ich habe vor langer Zeit versucht, den Ursprung solcher Unterscheidungen in der Erfahrung einer mehrfachen Veränderlichkeit ansich ganz einheitlicher Empfindungen aufzuzeigen, (4) und es sind später von MÜNSTERBERG, CORNELIUS, G. E. MÜLLER ähnliche Gedanken vertreten worden. Aber mit dieser Hypothese (so bezeichnete ich sie ausdrücklich) ist doch bestenfalls nur gezeigt, wie wir zur Bildung der  Begriffe  "Höhe", "Stärke" usw. kommen, die wir dann, nachdem sie gebildet sind, zur exakten Beschreibung der einzelnen Erscheinung benützen. Nicht gezeigt ist, wie die Tonerscheinung selbst zu ihrer Höhe und Stärke kommt. Der Ton, dem andere folgen, wird durch diese folgenden nicht nachträglich erst mit einer Höhe und Stärke  versehen;  er muß sie schon bei Lebzeiten und in seiner Isolierung besessen haben. Der Einwand, die Höhe eines Tones  bestehe  überhaupt nur in seinen Beziehungen zu anderen Tönen, würde in die Absurditätenn der Relativitätslehre verstricken, die ich anderwärts genugsam gekennzeichnet habe.

Im Vorigen handelte es sich um die Wahrnehmung absoluter Inhalte, der Erscheinungen selbst. Das Wahrnehmen kann aber auch auf  Verhältnisse  gerichtet sein. Wir sprechen da nicht von einem "Empfinden". Aber die Funktion als solche ist die nämliche, nur der Inhalt ein anderer. Und wie bei der Wahrnehmung eines Teiltones dieser Teilton nicht erst durch das Wahrnehmen in die Erscheinung kommt, sondern schon vorhanden war, so kann auch das wahrgenommene Verhältnis nicht erst entstehen, sondern war schon den Erscheinungen immanent. Vielleicht ist sogar mancher hier eher geneigt, die These zuzugeben oder sie gar für selbstverständlich zu halten. Aber die Konsequenz verlanft für beide Fälle die nämliche Behandlung, und so mögen sie sich gegenseitig erläutern.

Besonders LOTZE hat eindringlich betont, daß durch die Wahrnehmung der Verhältnisse (er nennt sie beziehendes Wissen) nichts am Material verändert wird. Wie dann auch einleuchtet, daß alles Vergleichen sinnlos wäre, wenn es eo ipso eine Veränderung des zu Vergleichenden bewirkte. Nur die Ausdrucksweise, als ob die Verhältnisse selbst durch das Vergleichen erst "gestiftet" würden (eine auch bei Späteren wiederkehrende Wendung), scheint mir gefährlich. Die Verhältnisse werden durch die Funktionen nicht geschaffen, sondern nur konstatiert, nicht anders als die absoluten Inhalte.

Mit dieser Trennung der Verhältnisse, die zum Material des Denkens gehören, von den "beziehenden Akten", welche Denkakte, nämlich Wahrnehmungen von Verhältnissen sind, hängt auch die richtige Auffassung meiner Lehre von der Tonverschmelzung und Konsonanz aufs engste zusammen. Fast alle Einwendungen dagegen ruhen auf der Verwechslung der Begriffe "Verschmelzung" und "Nichtvorhandensein eines Unterscheidungsaktes". Beides fällt aber tatsächlich durchaus nicht zusammen, wenngleich unter ganz speziellen Umständen das eine als Erkennungsmerkmal des anderen dienen kann. Ebenso wie die Ähnlichkeit ist auch die Verschmelzung, wie ich das Wort verstehe, ein Verhältnis, das unabhängig von allen intellektuellen Funktionen den Tonerscheinungen selbst immanent ist. Verschmelzung verhält sich zum Einheitsurteil wie Ähnlichkeit zur Verwechslung. Die Ähnlichkeit zweier Gegenstände kann Ursache sein, daß sie miteinander verwechselt werden. Man kann daher Verwechslungsurteile unter bestimmten Umständen (wenn nämlich alle anderen Ursachen ausgeschlossen werden) als Beweis für eine vorhandene Ähnlichkeit benützen. Aber man darf deswegen doch nicht die Ähnlichkei als Verwechslung zweier Gegenstände  definieren.  Es kann eine starke Ähnlichkeit zweier Eindrücke vorhanden sein, ohne daß eine Verwechslung stattfindet, und umgekehrt. Genauso verhält es sich mit der Verschmelzung gegenüber den Einheitsurteilen. Vielleicht darf ich hoffen, daß durch die Einfügung in die vorliegenden allgemeineren Betrachtungen der springende Punkt der Lehre, auf den ich übrigens auch früher stets hinwies, noch mehr ins Licht gestellt wird.

Als eine Grundfunktion unseres intellektuellen Lebens ist ferner seit PLATO vielfach das  Zusammenfassen  angesehen worden. Es scheint mir in der Tat, daß dabei nicht etwa nur eine Wahrnehmung von Verhältnissen, auch nicht eine bloße Übertragung des abstrakten Begriffs des "Ganzen" auf gegebene Elemente stattfindet, sondern daß eine Funktion eigener Art hinzukommt. Eine Anzahl unterschiedener Einzelinhalte, Tasteindrücke, Striche, Töne, können zu einem Ganzen, einer Figur, einem Rhythmus, einer Melodie verknüpft werden. Hier ist nun wiederum die Frage, ob durch solche Verknüpfungen die Erscheinungen selbst irgendwie modifiziert werden. Dabei ist zu beachten, daß zu den Erscheinungen nach unserer Definition auch die räumliche Größe und Anordnung gehört, ebenso die bestimmte Zeitfolge und Dauer, die bestimmte Rhythmisierung (Stärkeverteilung), kurz alles, was die Figur als solche oder den Rhythmus als solchen charakterisiert. Es handelt sich also nicht etwa um die Zusammenfassung einer ansich ungeordneten Summe von Eindrücken; nicht hierin soll das bestehen, was wir intellektuelle Verknüpfung nennen. Alles Genannte gehört noch zum Material. Die Frage ist vielmehr die: ob Töne, die der Hörende bereits in bestimmter Folge, bestimmtem Tempo, bestimmtenn Stärkeverhältnissen vorfindet, nun immer noch in verschiedener Weise von ihm gedanklich verknüpft werden können, und ob, wenn dies geschieht, dabei notwendig etwas am Material geändert wird, bzw. neues Material (z. B. von Muskelempfindungen) hinzukommt.

Man sieht, daß die Frage weniger einfach liegt, als man anfänglich glauben möchte. Es können sehr minutiöse Erscheinungsunterschiede in Betracht kommen. Dennoch ist wahrscheinlich, daß, auch so die Frage verstanden, das nämliche Material von einem Individuum als einheitliches Ganzes aufgefaßt, von einem anderen aber überhapt nicht oder nur zu einem gewissen Teil oder mit einer veränderten Gruppierung (Phrasierung) zur Einheit verbunden werden kann. Das häufige Auftreten begleitender Muskelaktionen, auch schon bei der bloßen Vorstellung eines Rhythmus, kann nicht geleugnet werden; ganz essentiell dürften sie aber nicht sein. Ebensowenig Augenbewegungen bei Gesichtseindrücken, wenn unter einer Anzahl ganz regelmäßig verteilter Punkte je vier oder je sechs zu einer Gruppe zusammengefaßt werden. Immerhin muß der experimentellen Psychologie das letzte Wort verbleiben, und sie hat noch kaum ihr erstes gesprochen. (5)

Als eine weitere intellektuelle Funktion mögen wir die Bildung von  Allgemeinbegriffen  ins Auge fassen. Wie man auch sonst über das Wesen der Begriffe denken mag - die Frage ist immer noch die schwierigste von allen, die die Psychologie der Verstandestätigkeiten betreffen -: soviel steht fest, daß sie weder in eine bloße Summe noch in einen bloßen Durchschnitt von Einzelvorstellungen aufgelöst werden können. Und was ihre Entstehung betrifft, so ist soviel klar, daß sie erfolgt ohne Verbrauch und ohne Produktion von Einzelvorstellungen und ohne inhaltliche Veränderungen an ihnen. Unter bestimmten Umständen tritt (ich spreche hier zunächst von einfachsten Begriffen wie Farbe oder Gleichheit) außer den gegenwärtigen Erscheinungen und Verhältnissen, durch sie veranlaßt, getragen, aber nicht aus ihnen zusammengesetzt, ein Begriff auf. Oder vielleicht richtiger gesagt: ein Begriffe enthaltendes Urteil. Beim Kind dürften die ersten Sätze oder das erste Wort mit Satzbedeutung (nicht schon die Übertragung eines Wortes von einem Gegenstand auf einen anderen) als äußere Zeichen vollzogener Begriffsbildung gelten. Zu den wesentlichen Umständen gehört namentlich die Wahrnehmung einer Anzahl spezifisch verschiedener, generell gleicher Erscheinungen, außerdem aber besondere Bedingungen, die beim normalen menschlichen Kind im Laufe des zweiten oder dritten Jahres erfüllt sind, bei Tieren allem Anschein nach überhaupt fehlen, die wir aber näher anzugeben vorläufig außer Stande sind. Zu den Erscheinungen, den Empfindungen sowohl wie den Vorstellungen, kommen die Begriffe als ein Plus hinzu, doch nicht als ein neues Element im bisherigen Sinne, wodurch das gegebene Material irgendwie vermehrt oder vermindert würde.

Das begriffliche Denken erweist sich auch in allen seinen Operationen, analytischen, synthetischen usw., viel unabhängiger von den Erscheinungen (images), als man in der Assoziationspsychologie lange Zeit geglaubt und gelehrt hat. Selbst das sogenannte innere Sprechen ist nicht in jedem Augenblick ein unentbehrlicher Bestandteil der intellektuellen Prozesse. Es können sich unter Umständen logische Operationen vollziehen, ohne daß sich etwas in den Erscheinungen einschließlich der Wortvorstellungen veränderte. Mögen dies nur vorübergehende Momente hochgesteigerter Konzentration sein, - daß sie vorkommen, darin dürften neuere Psychologen und Erkenntnistheoretiker (OTTO LIEBMANN, ALOIS RIEHL, WILLIAM JAMES, BENNO ERDMANN, EDMUND HUSSERL u. a.) Recht haben. (6)

Für das  Urteilen,  wie man es auch sonst charakterisiere und einreihe, wird von den meisten zugegeben, daß das Auftreten dieser Funktion nicht notwendig mit einer Veränderung im Material, einem Hinzukommen oder Wegfallen von Vorstellungen verbunden zu sein braucht, und daß das gleiche Material in verschiedener Weise einmal etwa affirmativ, das andere Mal negativ oder einmal mit Einsicht, das andere Mal in einem blinden Fürwahrhalten beurteilt werden kann. Gegenteilige Versuche fehlen freilich auch hier nicht. Die Evidenz wird gelegentlich auf akzessorische Vorstellungen zurückgeführt, die Negation auf eigentümliche Verhältnisse innerhalb des Vorstellungsmaterials. Oder es wird gar das Urteil selbst auf die Innervationsempfindung der Beugung und Streckung (warum nicht lieber auf das Nicken und Kopfschütteln?) gedeutet. Nicht jeder Versuch in dieser Richtung ist so offenbar verkehrt wie der zuletzt genannte. Aber daß ein wesentlich neues funktionelles Verhalten beim Urteil auftritt, wird sich schwerlich leugnen lassen. (7)

Die "bloßen Urteilstäuschungen" auf dem Gebiet der Sinneswahrnehmungen, wozu die meisten geometrisch-optischen Täuschungen gehören, sowie gewisse, als Wiedererkennen bezeichnete Leistungen der begrifflichen Susumtion haben auch die Experimentalpsychologie auf die Unterscheidung von Fällen geführt, in denen wirkliche Veränderungen im Erscheinungsmaterial stattfinden, und anderen, in denen solche fehlen. Doch mögen wir dies übergehen, da es sich ja nur darum handelt, daß Veränderungen der Funktionen ohne solche des Materials möglich sind, nicht daß sie allenthalben vorkommen.

Bei den  emotionalen Funktionen  ist schließlich die Untersuchung noch weniger weit gediehen. So viel indessen scheint auch hier festzustehen, daß Gemütsbewegungen und Begehrungen mindestens den Unterschied der positiven und negativen Zustände der Freude und Trauer, des Suchens und Fliehens zulassen, ohne daß die Vorstellungsinhalte sich irgendwie notwendig dabei verändern müßten (mag immerhin die Veränderung das Gewöhnliche sein). Gewiß muß man Unterschiede in den bedingenden Momenten verlangen, wenn der positive und wenn der negative Effekt auftritt. Aber sie brauchen nicht durchaus in gegenwärtigen aktuellen Empfindungs- und Vorstellungsinhalten zu bestehen. Es sind in jedem Dispositionen zu positiven und negativen Gemütsbewegungen aufgespeichert, und es ist ohne Schwierigkeit denkbar, daß ein Umstand, der dem Bewußtsein sofort wieder entschwindet, wenn er ihm überhaupt gegenwärtig war, eine dieser Dispositionen zu positiven und negativen Gemütsbewegungen aufgespeichert, und es ist ohne Schwierigkeit denkbar, daß ein Umstand, der dem Bewußtsein sofort wieder entschwindet, wenn er ihm überhaupt gegenwärtig war, eine dieser Dispositionen zur Verwirklichung bringt. Das Anschauliche, worauf sich etwa die Gemütsbewegung bezieht oder was sie im Bewußtsein begleitet, kann dabei unbeteiligt sein.

Auch dies läßt sich noch vertreten, daß außer jenen Grundgegensätzen eine große Anzahl von Verschiedenheiten der Affekte innerhalb der beiden Gruppen hauptsächlich auf Veränderungen der zugrundeliegenden intellektuellen Funktionen, also wiederum nicht notwendig der Erscheinungen, beruhen (8) die ganze Vielfarbigkeit dieses Gebiets freilich kommt nur durch die Mitbeteiligung der organischen Sinnesempfindungen zustande.

Für den Willen gilt das nämliche. Die Bedeutung der Sinnesempfindungen, zumal der Muskelempfindungen, ist auch hier stark übertrieben worden. Das Auftreten, die Verschiedenheiten und Veränderungen des Wollens sind nicht unbedingt an Veränderungen von Erscheinungen erster oder auch zweiter Ordnung gebunden. Bei gleichem Bestand des Bewußtseins an konkret-anschaulichen Inhalten kann, wie mir scheint, immer noch eine entgegengesetzte Stellungnahme, ein Wollen oder ein Verwerfen (negatives Wollen) eintreten. Damit ist nicht schon für eine indeterministische Auffassung des Wollens Partei genommen. Denn zwischen den Erscheinungen und den Willensfunktionen liegen zumindest noch die intellektuellen Prozesse und die passiven Gemütsbewegungen. Indeterminismus würde besagen, daß bei Gleichheit nicht bloß der Erscheinungen erster und zweiter Ordnung, sondern auch der intellektuellen Zustände und der Gemütsverfassung und außerdem aller zugehörigen intellektuellen und emotionalen Dispositionen, die als solche unbewußt sind, immer noch verschiedene Willensentscheidungen möglich seien. Die Kontroverse hierüber kann, wie schon weiter oben bemerkt wurde, von der Diskussion unserer Prinzipienfrage abgesondert werden.


Exkurs über Gebilde psychischer Funktionen

Als Ergänzung des Vorstehenden muß nun aber eine Betrachtung über das eingefügt werden, was ich bei psychischen Funktionen als "Gebilde" bezeichnen möchte. Jede Funktion außer der grundlegenden des Wahrnehmens hat ein Korrelat, dessen allgemeine Natur, wie die der Funktion selbst, nur durch Beispiele erläutert werden kann.

Man geht hier am besten aus von dem, was von EHRENFELS "Gestaltqualitäten" nannte. Darunter ist zu verstehen: das, was eine Melodie oder eine räumliche Figur oder eine sonstige, als zusammenhängendes Ganzes aufgefaßte Vielheit von Erscheinungen unterscheidet von einer Vielheit sonst gleicher und gleich angeordneter Erscheinungen, die aber vom Bewußtsein  nicht  zusammengefaßt werden. (9) HUSSERL spricht in demselben Sinn von Einheitsmomenten (Logische Untersuchungen II, Seite 230 und 274). Man kann dafür wohl auch den alten Ausdruck "Formen" gebrauchen; jedenfalls bleibt man dabei in weit höherem Maße mit dem Sprachgebrauch des gewöhnlichen Lebens in Übereinstimmung, als es sonst bei den verschiedenen Verwendungen des Terminus "Form" in der Philosophie der Fall ist.

Es gibt nun aber auch Zusammenfassungen, bei denen keine sachliche Zusammengehörigkeit, keine verbindenden gemeinschaftlichen Beziehungen der Teile obwalten. Wir können das Heterogenste durch ein "und" in unseren Gedanken verbinden. Daher möchte ich unter Mitberücksichtigung dieser Fälle mit dem allgemeinen Ausdruck  "Inbegriff"  all das bezeichnen, was als spezifisches Ergebnis einer Zusammenfassung im Bewußtsein auftritt. (10) Der Inbegriff ist nicht die zusammenfassende Funktion selbst, noch auch das zusammengefaßte Material. Er ist das notwendige Korrelat der zusammenfassenden Funktion.  Formen  (Gestaltqualitäten) sind dann spezielle Fällen von Inbegriffen, bei denen noch die sachlich verbindenden Beziehungen der Glieder hinzukommen.

Ein solches Drittes außer Erscheinung und Funktion ist nun auch bei allen anderen intellektuellen Funktionen zu unterscheiden. So beim begrifflichen Denken. Das Erfassen der einfachsten Begriffe ist eine Funktion, die  Begriffe  selbst ihr Korrelat. Ich habe sie darum früher bereits als Gebilde in diesem Sinne bezeichnet (11). Der Ausdruck gibt natürlich keine analytische oder genetische Erklärung, deutet aber an, daß dieses Problem seine Analoga hat, und daß man sich genötigt finden kann, hier ebenso wie bei den übrigen Gebilden letzte Tatsachen anzuerkennen, deren Koordination zugleich die einzig mögliche "Erklärung" ist. (12)

Daß dem Urteil ein spezifischer Urteilsinhalt entspreche, der zum Vorstellungsinhalt (der Materie) zu scheiden sei und sprachlich in "Daß-Sätzen" oder in substantivierten Infinitiven ausgedrückt wird, hat BRENTANO bereits vor 3 Jahrzehnten in logischen Vorlesungen scharf hervorgehoben. Noch früher hatte schon BERNHARD BOLZANO vom  Satz ansich  in demselben Sinn gesprochen. Ich gebrauche für diesen spezifischen Urteilsinhalt den Ausdruck  Sachverhalt.  (13)

Auch bei den emotionellen Funktionen findet sich das nämliche. Was wir  Werte  oder Güter nennen, mit allen ihren Klassen und Gegensätzen (Erfreuliches, Erwünschtes, Fürchterliches, Wohlgefälliges und Mißfälliges, Mittel und Zweck, Vorzuziehendes und Verwerfliches usw.), fällt unter den Begriff des Gebildes. Es sind die spezifischen Gefühls- und Willensinhalte, zu unterscheiden ebenso von den Funktionen selbst wie von den Erscheinungen (und weiterhin den Gegenständen), worauf sie sich beziehen.

Es ist übrigens die Verwechslung der Gebilde mit den Funktionen ein nicht minder folgenreicher Irrtum wie die mit den Erscheinungen (bzw. Gegenständen). Der Inbegriff ist nicht das Zusammenfassen, das Bündel nicht das Schnüren, Substanzialität und Kausalität nicht Denk funktionen.  Darin hauptsächlich muß man den Neokritizisten widersprechen, mögen sie hinsichtlich der historischen Interpretation der kantischen "Denkformen" nach dem Geist KANTs Recht oder Unrecht haben.

Ohne hier weiter auf die erkenntnistheoretische Bedeutung der Gebilde einzugehen (14), wollen wir nur kurz von da auf die obige Frage nach der Veränderung der Erscheinungen durch die Funktionen zurückkommen. Es zeigt sich nun, daß allerdings immer etwas hinzutritt. Aber das Hinzutretende ist nicht selbst eine Erscheinung, es ist nicht ein Inhalt im ursprünglichen Sinne, sondern in einem durchaus anderen Sinne des Wortes. Vielleicht dient diese Betrachtung zur weiteren Klärung und zur Lösung von Bedenken, die zurückgeblieben sein könnten.

Daß nicht ein Inhalt im ursprünglichen Sinn hinzukommt, ist besonders bei der zusammenfassenden Funktion zu betonen, um die hier entwickelte Lehre zu unterscheiden von der Behauptung einer "psychischen Chemie" oder "schöpferischen Synthese". Durch diese sollte angeblich neues Material geschaffen werden; es sollte z. B. aus der Verknüpfung optischer Qualitäten mit Muskelempfindungen oder unbekannten Lokalzeichen die Raumvorstellung durch eine schöpferische Synthese entstehen. Dies ist ein Vorgang, für den sich nie und nirgends im ganzen Gebiet der Sinneswahrnehmungen und des Vorstellungslebens Beispiele finden. Wenn man in Gleichnissen reden will, ließe sich sagen: die Synthese setzt gewisse Ziffern des sinnlichen Materials in eine Klammer, aber die Klammer ist nicht wieder eine Ziffer. Selbst dieser Vergleich wäre aber noch unzureichend und gefährlich, denn die Klammer ist doch immer noch eine sinnliche Erscheinung, sogar von gleicher (optischer) Gattung, wenn auch von ungleicher Bedeutung. Hier hingegen handelt es sich um ein Hinausgreifen aus dem Gebiet der Erscheinungen überhaupt. Nicht auf die Klammer, sondern auf deren Bedeutung eben kommt es an, und so wäre zuletzt die Klammer durch die Synthesis erläutert, aber nicht die Synthesis durch die Klammer.

Man könnte von hier aus auch für die Frage nach dem  unmittelbar Gegebenen  eine neue Lösung versuchen. Was uns bei psychischen Funktionen außer den Erscheinungen gegeben ist - könnte man sagen -, das sind nicht die Funktionen selbst, sondern nur die Gebilde. Wir merken gleichsam, wieviel es innerlich geschlagen hat, aber wir merken nichts vom Arbeiten der Maschine. Wenigstens bei den intellektuellen Funktionen wird dieser Mittelweg manchem bestechend erscheinen; beim Fühlen und Wollen wird ja das Vorhandensein eines Funktionsbewußtseins leichter zugestanden.

Aber eine glückliche Lösung dürfte hierin nicht liegen. Was sollte es beispielsweise heißen, daß statt des Denkens an Größe oder Bewegung oder Schlechtigkeit das Allgemeine, das mit diesen Ausdrücken bezeichnet ist, selbst unmittelbar gegeben wäre? Es müßte dann, wenn ich recht sehe, wie die Erscheinungen auch als für sich seiend anerkannt werden können, und wir hätten alle Konsequenzen des alten Begriffsrealismus auf uns zu nehmen. Oder was sollte es heißen, daß wir einen Sachverhalt, z. B. das Nichtsein eines Zyklopen, als Bewußtseinstatsache in uns vorfänden? Was ich vorfinden und beobachten kann, ist ein Urteilen, das dieses Nichtsein zu seinem Inhalt hat, wie bei dem Satz: "Es gibt keine Zyklopen." Wohl können wir ein Gebilde begrifflich denken, ohne daß es augenblicklich Inhalt der zugehörigen Funktion ist, z. B. einen Sachverhalt, ohne daß augenblicklich ein Urteil vorhanden ist, dessen Inhalt er bildet. Dies zeigt sich daran, daß wir die Bedeutung eines Daß-Satzes, wenn er für sich allein ausgesprochen wird, verstehen, obschon er so nicht eine Behauptung, sondern nur den Inhalt einer möglichen, wahren oder falschen, Behauptung wiedergibt. Aber der Sachverhalt kann nicht für sich allein, unabhängig von irgendeiner Funktion unmittelbar gegeben und damit auch real sein. Nur als Inhalt eines aktuell stattfindenden Urteils kann er real sein. Sonst wäre jeder beliebige Sachverhalt, auch der sicher falsche, ja absurde, nicht nur wahr, sondern sogar real. Die Funktionen also (und zwar natürlich nur die bewußten eigenen gegenwärtigen Funktionen) sind unmittelbar erkannte Tatsachen, die Gebilde aber sind Tatsachen überhaupt nur als Inhalte von Funktionen.

Anders steht es, meine ich, mit den Erscheinungen. Auch sie sind uns zwar nur mit den Funktionen gegeben, aber - der Ausdruck wird jetzt nicht mehr mißverständlich sein -  neben  ihnen, als eines der beiden Elemente, worauf das Bewußtsein gleichzeitig, wenn auch in ungleicher Weise, gerichtet ist. Sie sind uns in logischer Unabhängigkeit von den Funktionen gegeben, die Gebilde dagegen in logischer Abhängigkeit. Die Gebilde können nicht begriffen werden ohne die Funktionen und umgekehrt. Hier wäre SPINOZAs Formel "Unumquodque per se concipi debet" [Jedes Attribut muß durch sich selbst begriffen werden. - wp] nicht gültig.

Wenn wir ein Gebilde begrifflich denken, etwa einen Sachverhalt beim Aussprechen eines isolierten Daß-Satzes, so muß notwendig die bezügliche Funktion, hier das Urteilen, ihrem Allgemeinbegriff nach mitgedacht werden; nur wirklich stattzufinden braucht sie nicht, und den  individuellen  Akt brauchen wir nicht mitzudenken.

Eine weitere Frage könnte von hier aus schließlich hinsichtlich der  Verhältnisse  aufgeworfen werden. Wir haben sie nicht unter die Erscheinungen selbst gerechnet, aber auch nicht unter die Funktionen. Man könnte nun versuchen, sie unter den Begriff der Gebilde zu bringen. Ich halte dies nicht für möglich. Doch würde die Begründung hier unnötig vom Weg abführen. (15)

Daß sich etwas im Gesichtsfeld verändern kann, ohne daß wir es bemerken, scheint eine alltägliche Erfahrung. Aber die Gegner der Unterscheidung zwischen Erscheinungen und Funktionen pflegen dies so zu deuten, daß auch die Erscheinungen sich dabei tatsächlich nicht verändern. Nur der äußere Vorgang und allenfalls der periphere Nervenprozeß ändere sich, nicht aber der zentrale, an welchen die Empfindung (Erscheinung) gebunden ist. Wenn ein ganz in Gedanken Versunkener bei offenem Auge die allmähliche Verdunkelung des Zimmers nicht bemerkt, geht nach dieser Anschauung in seinem individuellen optischen Erscheinungsbild tatsächlich nichts, nicht das Geringste vor sich. Erst in dem Moment, wo er aufmerksam wird, findet für ihn ein plötzlicher Übergang aus dem Hellen ins Dunkle statt. Oder sollen wir sagen: aus dem Nichts ins Dunkle? Denn da er nicht auf die Gesichtserscheinungen achtete, können sie nach dieser Anschauung gar nicht und in keiner Weise für ihn vorhanden gewesen sein. So wird es in der Tat die Konsequenz erfordern.

Wir behaupten dagegen, es sei sehr wohl denkbar, daß in einem solchen Fall auch die sinnliche Erscheinung selbst (mit dem ihr zugrunde liegenden zentralen Nervenprozeß) sich allmählich ändere. Ja, wir behaupten, daß sogar bei höchster und einer Erscheinung direkt zugewandter Aufmerksamkeit unbemerkt bleibende Veränderungen in den Erscheinungen vorkommen können; mit anderen Worten: daß es nicht nur  unbemerkte,  sondern auch  unmerkliche  Erscheinungsänderungen geben könne. Die Möglichkeit geht ohne weiteres aus den Begriffen hervor, sobald man sie in der Weise, wie wir es nötig finden, sondert. Die Annahme enthält dann keine einander logisch widersprechenden Elemente.

Freilich liegt hier vieles an den Definitionen und dem genauen Festhalten ihres Sinnes. Wer sich mit Worten in die Enge treiben läßt, wird schnell zugeben, unbemerkte Erscheinungen seien Erscheinungen, die nicht erscheinen, oder Empfindungen, die nicht empfunden werden, somit widersprechende Begriffe. Wir würden einem solchen vorschlagen, auch das Wort "Erscheinungen" beiseite zu lassen und es durch Ausdrücke wie "Elemente" (MACH) oder "Denkstoff" zu ersetzen. (16)

Diese unabhängige Veränderlichkeit der Erscheinungen gegenüber den Funktionen reicht aber weiter auch in das Gebiet des  Ebenmerklichen.  Man hat früher für selbstverständlich angesehen, daß alle ebenmerklichen Empfindungsunterschiede einander gleich seien. Darauf gründete FECHNER die Ableitung seines Gesetzes. Auch diese Selbstverständlichkeit besteht nicht. BRENTANO wies zuerst darauf hin, daß eben wahrnehmbare Unterschiede selbst bei gleichmäßig maximaler Aufmerksamkeit eine verschiedene Erscheinungsgröße besitzen könnten. KÜLPE hat aus Versuchsreihen, die unter seiner Leitung angestellt wurden, geschlossen, daß eine solche Diskrepanz in verschiedenen Sinnesgebieten wirklich stattfindet, daß nämlich die ebenmerklichen Unterschiede bei Helligkeitsvergleichen mit zunehmender absoluter Helligkeit, bei Zeitvergleichen mit zunehmender Dauer der verglichenen Zeit anwachsen. Bedarf auch die experimentelle Grundlage dieser scharfsinnigen Folgerungen nach neueren Versuchen wohl einer wiederholten Durcharbeitung, so ist doch der eingeschlagene Weg durchaus erfolgversprechend. Daß die ebenmerklichen Unterschiede mit steigender Tonhöhe kleiner (also mit wachsender Wellenlänge größer) werden, glaube ich nach demselben Schlußverfahren aufgrund von Beobachtungen aussprechen zu dürfen. So können die letzten für die direkte Beobachtung noch erreichbaren minimalen Unterschiede auf indirektem Weg sogar messenden Vergleichungen zugänglich werden; und zwar handelt es sich dabei nicht etwa um Reizunterschiede, sondern um Unterschiede der Erscheinungen selbst.

Also nicht nur von äußeren Dingen und Vorgängen gilte es, daß sie Eigenschaften und Beziehungen zueinander besitzen, die wir auch bei aufmerksamster direkter Beobachtung nicht mehr erkennen, die erst aus verwickelten Folgerungen mehr oder weniger wahrscheinlich erschlossen werden, sondern auch die unmittelbar gegebenen Erscheinungen verhalten sich nicht anders. Unsere eigenen Empfindungsinhalte sind uns auf direktem Weg nicht bis zu den letzten Feinheiten durchsichtig. Wir müssen die Scheidung zwischen Ding ansich und Erscheinung in gewissem Sinn ein zweites Mal machen bezüglich der Erscheinungen selbst. Wenn auch die Trennung zwischen wirklichen Erscheinungen und Erscheinungen der Erscheinungen sinnlos wäre, weil hier eben unmittelbar Gegebenes vorliegt, so bedeutet dies doch nur so viel, daß unsere Erkenntnis der Erscheinungen der allgemeinen Natur ihres Gegenstandes adäquat ist. Es ist damit nicht gesagt, daß alle Eigenschaften, Unterschiede, Verhältnisse innerhalb der Erscheinungen in jedem Augenblick merklich wären, und daß Eigenschaften, Unterschiede, Verhältnisse, die nicht merklich sind, eo ipso nicht vorhanden sind. Eine solche Diskrepanz zwischen den Erscheinungen und den auf sie gerichteten intellektuellen Funktionen (einschließlich der auf Wahrnehmung basierten Urteile) widerspricht nicht der "Evidenz der inneren Wahrnehmung"; bzw. es muß dieser Begriff so verstanden werden, daß jene Diskrepanz damit verträglich wird. Eine folgerichtige Sinnespsychologie scheint dies zu verlangen.

Auch die Erscheinungen zweiter Ordnung, die bloßen Vorstellungen, führen in weiten Grenzen ein unabhängiges Dasein; nämlich in allen Fällen des sogenannten mechanischen Gedächtnisses oder der gewöhnlichen Assoziation, wo Vorstellungen abrollen genau wie Eindrücke äußerer Ereignisse, die vor unseren Augen unabhängig von uns verlaufen. Diese Vorgänge der bloß mechanischen Assoziation und Reproduktion sind zufolge den experimentellen Gedächtnisstudien, die durch EBBINGHAUS inauguriert und besonders durch G. E. MÜLLER und seine Schule fortgeführt wurden, einer sehr ins einzelne gehenden inneren Gesetzlichkeit unterworfen, die nahe Verwandtschaft mit den Gesetzen physiologischer Prozesse aufweist. (17) Am merkwürdigsten, wenn auch vorläufig erst mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anzunehmen, sind die Folgerungen auf das Vorkommen von Assoziationen im Unbewußten. Unter bestimmten Umständen scheinen Vorstellungen, die augenblicklich gar nicht im Bewußtsein, also entweder nur als Erscheinungen unter der Merklichkeitsschwelle oder nur als gänzlich außerbewußte Prozesse, vorhanden sind, untereinander in gleicher Weise Assoziationen einzugehen, wie es bei Vorstellungen im gewöhnlichen Sinne der Fall ist.

Was schließlich das Gefühlsleben und die Willensfunktionen anlangt, so wird sich auch hier vertreten lassen, daß Veränderungen der Erscheinungen in dem anfangs definierten umfassenden Sinn, auch die organischen Empfindungen (visceral sensations) mit einbegriffen, sich nicht notwendig und unmittelbar als Veränderungen emotionaler Funktionen geltend machen. Wenn schon die gewöhnliche Erfahrung lehrt, daß Neigung und Abneigung, Begehren und Verabscheuen und ein fester Wille unverändert auf einen Gegenstand gerichtet bleiben können, während die Erscheinungen, die die Anschauungsgrundlagen im Bewußtsein ausmachen, ebenso wie die sonstigen dem Gefühl zugrundeliegenden oder beigestellten Sinnesempfindungen sich bedeutend verändern, so dürfte eine exakte Analyse dies nicht prinzipiell umstoßen, sondern nur genauer fassen und auf die weit über die Erscheinungen hinausreichenden Unterlagen unseres Gefühlslebens zurückfürhen. Im allgemeinen freilich wird es auch hier zutreffen, daß mit einer Veränderung der Empfindungs- und Vorstellungsgrundlage zugleich der emotionale Zustand selbst eine Veränderung erfährt. Nur darum handelt es sich, ob diese Parallelität der Veränderungen eine absolute und ausnahmslose ist oder nicht.

Auch kommt es bei der Entscheidung dieser Frage darauf an, was man zum Begriff einer Gemütsbewegung rechnet. Im weiteren Sinne, d. h. wenn es sich um eine Beschreibung der mit den Namen "Wehmut", "Zorn" usw. bezeichneten Gesamtzustände handelt, umfaßt eine Gemütsbewegung auch die jeweiligen organischen Empfindungen (18). Verstehen wir den Ausdruck in diesem Sinne, so läßt sich unsere These nicht festhalten. Aber im engeren Sinne, wenn nur eine Definition durch das wesenlich Unterscheidende beabsichtigt ist, wird eine Gemütsbewegung durch das Vorhandensein bestimmter intellektueller Funktionen gegen andere Gemütsbewegungen abgegrenzt. (19) In diesem engeren Sinne gefaßt sind Gemütsbewegungen ebenso wie die zugrunde liegenden intellektuellen Funktionen, und in den nämlichen Grenzen wie diese, unabhängig von der Verschiedenheit der Erscheinungen.



Hiermit glauben wir die aufgeworfenen Fragen, soweit es im Rahmen eines allgemeinen Überblicks der einschlägigen Verhältnisse nach dem gegenwärtigen Stand der psychologischen Untersuchungen geschehen konnte, beantwortet zu haben. Es gilt hier ganz besonders, während jeder Einzeluntersuchung unbefangen die verschiedenen möglichen Standpunkte im Auge zu behalten und in ihren Konsequenzen für den besonderen Fall zu verfolgen, um sie daran zu prüfen. Die Einzeluntersuchungen sind nicht da, um vorher schon feststehende Überzeugungen zu bestätigen. Wer die außerordentlichen Schwierigkeiten psychologischer Probleme empfindet, ferner die vielen Veränderungen und Zugeständnisse erwägt, die nicht nur von seiten der alten Assoziationspsychologie und der modernen Erscheinungspsychologie, sondern auch von seiten der Funktionspsychologie, ihrer Intensitätslehre, ihrer Lehren von der inneren Wahrnehmung usw. notwendig geworden sind, der wird nicht in Gefahr sein, den sensualistischen Dogmatismus mit einem funktionalistischen zu vertauschen. Nur dies halte ich für ausgemacht, daß die Beschreibung des unmittelbar Gegebenen, abgesehen also von allem, was zur Herstellung eines Kausalzusammenhangs hinzugedacht werden muß, nicht mit den Erscheinungen auskommt, auch dann nicht, wenn man die Erscheinungen zweiter Ordnung in weitestem Umfang hinzunimmt. JAMES' Lehre von den "fringes", die Lehren jüngerer Psychologen von den "Bewußtseinslagen", den "Bewußtheiten" und dgl. ruhen auf der nämlichen Erkenntnis. (20) Man mag ja auch sagen, nicht Unterschiede der Funktionen gelte es hier zu berücksichtigen, sondern allerlei verborgene, halbbewußte, schwerbeschreibliche Erscheinungen, Erscheinungen dritter Ordnung. Hierüber wäre im einzelnen Fall zu richten. Es kann einmal zutreffen, einmal nicht. Genug, wenn zugegeben wird, daß die Analyse des unmittelbar gegebenen psychischen Lebens unvollständig bleibt, wenn man sich auf die zu Anfang als Erscheinungen aufgezählten Elemente beschränkt, daß das Hinzuzufügende von einer anderen Gattung ist, und daß es den Kern des psychischen Lebens ausmacht, die Erscheinungen aber samt allem Strecken und Beugen nur die Schale.

Einige Folgerungen seien nur angedeutet. So macht es natürlich für die Frage nach der Lokalisation der psychischen Funktionen im Gehirn einen großen Unterschied, ob man das Psychische restlos in Erscheinungen und ihren Verknüpfungen aufgehen läßt, oder ob die Funktionen mit all ihren "Gebilden" das eigentliche Wesen des psychischen Lebens ausmachen. Für die Anhänger der Funktionstheorie entsteht hier die Frage, ob nicht die Funktionen in einem ganz anderen Sinn lokalisiert sind wie die Erscheinungen, und ob nicht alles, was bisher über  spezielle  Lokalisationsherde im Gehirn nachgewiesen ist, auf Lokalisation der Erscheinungen und ihrer Assoziationen hinausläuft (21).

Nach einer anderen Richtung ergeben sich Folgerungen für die Einteilung der Wissenschaften. Es zeigt sich, daß die Beschreibung der Erscheinungen als solcher und die Erforschung ihrer Strukturgesetze theoretisch genommen weder zu den Aufgaben der Naturwissenschaft noch zu denen der Psychologie im engeren Wortsinn gehört, vielmehr ein besonderes Wissensgebiet ausmacht. da die Ausführung dieses Gedankens mit allgemeineren Fragen über die sachgemäße Gliederung des gesamten Wissenschaftsgebietes zusammenhängt, habe ich vor darüber in einem besonderen Vortrag zu handeln.
LITERATUR: Carl Stumpf, Erscheinungen und psychische Funktionen, Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1907
    Anmerkungen
    1) Ich habe früher (Tonpsychologie) mit BRENTANO jedes Wahrnehmen und Bemerken als ein Urteilen betrachtet, fasse es aber jetzt als die dem Urteil vorausgehende und zugrunde liegende Funktion, durch die aus dem ungeschiedenen Chaos der Erscheinungen Teile oder Verhältnisse herausgehoben werden. Allerdings pflegt sich daran eine instinktive Setzung des Herausgehobenen, später oft auch ein begriffliches Urteil über das Vorhandensein des Teils oder des Verhältnisses, zu knüpfen. - - Was wir bei den psychophysischen Versuchen ebenmerklich nennen, sind die kleinsten Teile oder Unterschiede (bzw. Ähnlichkeiten, Steigerungen oder sonstigen graduell abgestuften Verhältnisse), die aufgrund einer Wahrnehmung als vorhanden behauptet werden. In diesen Begriff geht also natürlich der eines Urteilsvorgangs mit ein. - - Daß die Ausdrücke "Empfindung", "Vorstellung", "Wahrnehmung" außer für die Akte auch für die wahrgenommenen (empfundenen oder vorgestellten) Erscheinungen gebraucht werden, ist bekannt. Diese bequeme Verwendung werden auch wir nicht vermeiden, wo Mißverständnisse durch den Zusammenhang ausgeschlossen sind.
    2) Vgl. "Tonpsychologie I", Seite 107 und die Bemerkungen von ANTON MARTY, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 3, Seite 324 gegenüber WILLIAM JAMES, der eine strenge Einfachheit der Empfindung vor dem Unterscheidungsakt und infolgedessen eine wirkliche Umwandlung, eine Art Transsubstantiation des Empfindungsinhaltes durch seine Zerlegung lehrt. Siehe ferner die ausführliche, im Ergebnis mit MARTYs und meiner Auffassung übereinkommende Erwägung der Frage durch MEINONG, "Beiträge zur Theorie der psychischen Analyse", Zeitschrift für Psychologie, Bd. 6, Leipzig 1894, Seite 340f, während wieder neuerdings CORNELIUS und KRUEGER für JAMES' Ansicht eintreten. Was es übrigens bei Gesichtsanschauungen heißen sollte, daß sie völlig einfach wären, ehe Akte des Unterscheidens eintreten, würde mir hier überhaupt unverständlich sein.
    3) Vgl. zum Obigen die interessanten Ausführungen MÜNSTERBERGs, Grundzüge der Psychologie I, Seite 396f; auch 312.
    4) STUMPF, "Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung", 1873, Seite 135f. Der Ausdruck "psychologische Teile" ist im Obigen durch "attributive Teile" ersetzt. Auch die Gewohnheit der Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] habe ich übrigens damals zur Erklärung herangezogen (Seite 136), woraus sich erhellt, daß mir der "Fehlschluß der Verdinglichung" nicht ganz unbekannt ist.
    5) FRIEDRICH SCHUMANN hat den Einfluß des Zusammenfassens auf geometrisch-optische Täuschungen eingehend untersucht (Psychologische Studien, 1. Abt., 1. Heft, 1904). Auch bei Inversionsfiguren dürfte er eine Rolle spielen. Durch ein sorgfältiges Studium sinnlicher Einzelgebiete wird man zu Gesetzen des Zusammenfassens gelangen, die auch für die Theorie der begrifflichen Synthese von Bedeutung werden können.
    6) Auch hier hat die experimentelle Psychologie, die ja in der Hauptsache nichts anderes ist als eine Methode, systematisch und unter objektiver Festlegung der Bedingungen zur Selbstbeobachtung anzuregen, Hand angelegt. Vgl. A. BINET. L'Étude expérimentale de l'intelligence, 1903. C. O. TAYLOR, Über das Verstehen von Worten und Sätzen, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 40, Seite 225, sowie andere neuere Arbeiten der KÜLPEschen Schule, besonders NARZISS ACH, Über die Willenstätigkeit und das Denken, 1905.
    7) EBBINGHAUS findet ("Grundzüge der Psychologie I, Seite 183) das Unterscheidende des Urteils im Hinzukommen "einer sehr abstrakten Vorstellung von Realität und Wirklichkeit, die sich als notwendiger Niederschlag aus gewissen Erfahrungen des Empfindungslebens allmählich entwickelt". Man wird die versprochenen näheren Ausführungen des II. Bandes abwarten müssen, um zu verstehen, wie dies etwa auf mathematische Erkenntnisse Anwendung findet. Daß BRENTANO gegenüber dem Schlendrian der alten Assoziationspsychologie nachdrücklich auf den Unterschied einer noch so festen Vorstellungsverknüpfung von einem Urteil hinwies, wird man ihm allezeit als hohes Verdienst anzurechnen haben. Ich halte aber auch seine positive Auffassung prinzipiell für durchaus einleuchtend; nur in der näheren Durchführung der Urteilslehre kann ich ihm nicht überall zustimmen.
    8) In meinem Aufsatz über Gemütsbewegungen (Zeitschrift für Psychologie, Bd. 21, 1899) betonte ich (Seite 56) das Vorhandensein eines den Affekten immanenten Urteils als wesentlich für ihre Definition. Man fürchtet etwas, dessen Eintritt als sicher oder wahrscheinlich oder möglich erscheint usw. Ich glaubte und beanspruchte nicht, damit etwas ganz Neues zu sagen, sondern nur, eine alte Wahrheit gegenüber neueren, rein sensualistischen Auffassungen zu verteidigen. MEINONG weist nun darauf hin (Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 6, Seite 27), daß er in demselben Sinn bereits von "Urteilsgefühlen" gesprochen hat und daß er die Wertgefühle als solche Urteilsgefühle (mit der Einschränkung auf Existenzurteile) definiert habe. Tatsächlich waren mir seine Untersuchungen zu Werttheorie (1894) damals noch unbekannt geblieben, sonst würde ich sie zur Bestätigung gern zitiert haben, da auch jedes partielle Zusammentreffen in diesen umstrittenen Fragen erwünscht sein muß.
    9) Auf Lücken in der Beweisführung bei von EHRENFELS (Viertelsjahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 189, Seite 249f) haben bereits MEINONG ("Komplexionen und Relationen", Zeitschrift für Psychologie, Bd. 2, Seite 245f) und FRIEDRICH SCHUMANN ("Zur Psychologie der Zeitanschauung", ebd. Bd. 17, Seite 128 und 135; "Beiträge zur Analyse der Gesichtsempfindungen", Bd. 23, Seite 28) hingewiesen. Namentlich stützt sich von EHRENFELS mit Unrecht hauptsächlich darauf, daß man eine Melodie bei verschiedener absoluter Tonhöhe doch als die nämliche bezeichnet. Dies kan schon durch die gleichen tonalen und rhythmischen Verhältnisse und die daran geknüpften Assoziationsvorstellungen und Gefühle bedingt sein. Auch in der Fassung des Begriffs selbst und seiner Anwendung auf Einzelfälle kann ich von EHRENFELS wie MEINONG nicht ganz zustimmen. Die Klangfarbe und das Zusammenerscheinen von Farbe und Ausdehnung gehören nicht darunter, wenn anders der Begriff eine klare Begrenzung erhalten soll. Es muß sich um Elemente handeln, die dem Bewußtsein als selbständige und voneinaner gesonderte vorschweben, während es sie doch zu einem Ganzen zusammenfaßt. - - - In der weiteren Durchführung des Begriffs ist besonders zu beachten, daß eine einheitlich intendierte Melodie psychologisch für den Auffassenden doch zunächst in eine Reihe einzelner Gestaltqualitäten zerfällt, die nur durch begriffliches Denken mit Hilfe reproduzierter Fragmente der bereits gehörten Teile zur Einheit verknüpft werden. Es treten hier sehr komplizierte Prozesse auf. Analog bei der Auffassung größerer und reicherer Raumformen.
    10) Übereinstimmende mit HUSSERL (Logische Untersuchungen II, Seite 275; siehe auch dessen Philosophie der Arithmetik I, Seite 76f). Den Begrif des "Ganzen" in dem prägnanten, von ihm vorher erörterten Sinn will HUSSERL mit Recht auf bloße Inbegriffe nicht angewendet wissen. Nur in einem weiteren Sinn können die beiden Ausdrücke synonym gebraucht werden.
    11) Sitzungsbericht der philosophisch-historischen Klasse vom 27. Mai 1902 (Notiz)
    12) Übrigens ist hier nur von der Entstehung der einfachsten Begriffe die Rede. Die mannigfachen Operationen mit ihnen fallen unter andere funktionelle Gesichtspunkte (Analyse, Synthese, Urteil usw.) Auch soll nicht gesagt sein, daß wir Begriffe jemals außer allem Zusammenhang mit sonstigen intellektuellen Funktionen im Bewußtsein vorfänden.
    13) Bereits in einem 1888 für die Hörer lithographierten Leitfaden der Logik. - MEINONG schlägt in seiner Schrift "Über Annahmen" (Zeitschrift für Psychologie, Ergänzungsband II, 1902) den Ausdruck "Objektiv" vor, der mir gleichfalls wohl brauchbar erscheinen würde, den ich aber bezeichnender finde als Synonym für Gebilde überhaupt (noch bezeichnender vielleicht für das, was wir unten auch Invarianten der Gebilde nennen werden). Denn sind die Gebilde auch Inhalte psychischer Funktionen, so tragen sie doch alle einen objektiven Charakter, enthalten in ihrem Begriff nichts vom augenblicklichen individuellen Akt. In demselben allgemeinen Sinn spricht bereits HUSSERL (Log. Unters. II, Seite 618) von den "Objektivitäten" der verschiedenen Bewußtseinsakte. - - - Was die "Annahmen" selbst betrifft, so trage ich schon darum Bedenken, sie mit MEINONG einer besonderen Klasse von Funktionen eine besondere Klasse von Gebilden entspricht, was in diesem Fall nicht zutreffen würde. - - - In der Tat scheinen mir die von MARTY (Zeitschrift für Psychologe und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 40, Seite 1f) dagegen angeführten Erwägungen, zumal die logischen Schwierigkeiten Seite 7f, durch MEINONGs Antwort (daselbst Bd. 41, Seite 1f) nicht hinreichend entkräftet. Es handelt sich hier doch nicht um ein spezielles Logiksystem, sonderm um die allgemeinsten, unentbehrlichsten Bedingungen logischer Verständigung. Ob die Annahmen den Urteilen subordiniert oder koordiniert seien, das ist für jede klare Auffassung ein grundwesentlicher Unterschied, und es können keinesfalls beide Verhältnisse zugleich stattfinden. Höchstens kann man unentschieden lassen, welches von beiden stattfindet. Dies tut dan auch MEINONG neuerdings, indem er ("Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens", 1906, Seite 60, Anm.) dem, der vorzieht, die Annahmen unter die Urteile zu subsumieren, anheimstellt, sie als "Phantasieurteile" zu fassen. - - - Ich will übrigens nicht behaupten, daß die positive Deutung der von MEINONG unter dem Ausdruck "Annahmen" zusammengefaßten Fälle eine leichte und schon durchweg befriedigend gelöste Aufgabe wäre. Auch was er "Phantasiegefühle" nennt, bildet ohne Zweifel eine Schwierigkeit der Gefühlslehre, wie wir deren ja auch sonst noch genug haben.
    14) In meiner Abhandlung "Psychologie und Erkenntnistheorie" (Münchener Akademie 1891) habe ich Seite 31 und 32 bereits erwähnt, daß an diesem Punkt der Schlüssel für das wichtigste Problem in der Lehre vom Ursprung der Begriffe liegt. Begriffe wie "Sein", "Notwendigkeit" usw. stammen eben nicht aus der inneren Wahrnehmung im alten LOCKEschen Sinn, dem Bewußtsein der Funktion, sondern aus der Vergegenwärtigung bestimmter Eigenschaften der Gebilde; man könnte sagen: aus der innersten Wahrnehmung. Ausführlich handelt hierüber HUSSERL, Logische Untersuchungen II, Seite 611f.
    15) Mit den vielfältigen Untersuchungen MEINONGs und seiner Schüler über Komplexionen, Gegenstände höherer Ordnung, ideale Gegenstände, berühren sich obige Darlegungen in mancher Hinsicht, während sie sich in anderer davon entfernen. Das gleich gilt gegenüber EBBINGHAUS' Begriff der "Anschauungen". Es tritt eben an vielen Punkten in der neueren Psychologie das Bedürfnis zutage, von den Erscheinungen noch ein anderes zu scheiden, das gleichwohl Bewußtseinsinhalt ist. Vgl. den Schluß dieser Abhandlung. - - - Die Genauigkeit erfordert hinsichtlich der hier so genannten Gebilde noch eine Unterscheidung, die wir nicht ganz übergehen wollen. Mit Recht weist HUSSERL darauf hin, daß die Begriffe "gleichseitiges Dreieck" und "gleichwinkliges Dreieck" verschieden sind und doch dasselbe meinen. Er spricht daher von verschiedener "Bedeutung" bei gleichem "Gegenstand". Ebenso habe das Urteil "a > b" gegenüber "b < a" verschiedene Bedeutung, drücke aber denselben Sachverhalt aus (Logische Untersuchungen II, Seite 46f). Es verhält sich auch bei Inbegriffen ähnlich:  a + b  und  b + a  sind dieselbe Summe, eine transponierte Melodie dieselbe Melodie, und doch sind die Inbegriffe, als Gebilde betrachtet, nicht identisch. Ähnliches dürfte sich bezüglich der Werte sagen lassen (ich ziehe  a  dem  b  vor, ich verwerfe  b  gegenüber  a).  Doch wird es nicht nötig sein, deswegen einen ganz neuen Begriff gegenüber dem der Gebilde einzuführen, sondern nur, das Wesentliche eines Gebildes von den unwesentlichen Modifikationen zu scheiden. Unwesentlich aber nennen wir hierbei alles, was für den Denkgebrauch (bzw. bei Werten für die weiteren Gefühle, Willensakte, Handlungen) keinen Unterschied macht. Es ist der in der Logik bekannte Begriff der Äquivalenz, der hier auftritt. man kann eben aus  a > b  und aus  b < a  das nämliche schließen. Wir unterscheiden also vom Gebilde selbst noch das Wesentliche, die Invariante, die ebenso durch den einen wie den anderen Satz ausgedrückt ist, aber allerdings nicht für sich herausgehoben und ausgedrückt werden kann. - - - Der in neuerer Zeit lebhaft besprochene erkenntnistheoretische Begriff des "Gegenstandes" würde eine besondere Betrachtung verlangen.  Gegenstand  nennt man, wie mir scheint, alles, was unter einem Allgemeinbegriff gedacht wird oder selbst ein solcher ist. Aber hierauf brauche im gegenwärtigen Zusammenhang nicht eingegangen werden.
    16) Ich habe in "Tonpsychologie I", Seite 33 und II, Seite 222 eine einfache Überlegung zu beweisen versucht, daß unmerkliche Erscheinungsveränderungen (oder, wie ich damals sagte, Empfindungsveränderungen) tatsächlich vorkommen. Der Beweis hat bei vielen Zustimmung, aber auch bei einigen Widerspruch gefunden. Ganz mit Unrecht vermutete man darin eine Verwechslung von Reizänderungen mit Empfindungsänderungen. Dennoch gebe ich zu, daß diese These, für die inzwischen auch G. E. MÜLLER, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 10, Seite 79, eingetreten ist, noch einmal einer minutiösen Prüfung bedürfte. Die These fällt zusammen mit der Behauptung  stetiger  Empfindungsveränderungen. Wenn man ausschließlich unstetige Empfindungsveränderungen annähme und zu dieser in sich schon äußerst unglaublichen Annahme noch gewisse gleichfalls sehr unwahrscheinliche Hypothesen fügte, könnte man jener Schlußfolgerung entgehen. Hier genügt es aber, die Möglichkeit, nicht das wirkliche oder notwendige Vorkommen, unmerklicher Erscheinungsveränderungen zu betonen.
    17) Vgl. die Formeln für zahlenmäßige Beziehungen zwischen Behaltenem und Vergessenem, die Regelmäßigkeiten in der Geschwindigkeit des Vergessens unter bestimmten Umständen, die sogenannte Perseverationstendenz der Vorstellungen, die Analogie der "Einstellung" auf dem motorischen und dem Vorstellungsgebiet (LAURA STEFFENS, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 23, Seite 241f), die von gleichen Bestandteilen des Einzuprägenden ausgehenden Hemmungen (RAUSCHBURG), die Erfahrungen beim Verschreiben und Versprechen, und so vieles andere. - - - Eine sehr allgemeine und immer überraschende Erfahrung bei Gedächtnisversuchen ist der Widerspruch des subjektiven Richtigkeitsgefühls mit der objektiven Richtigkeit des Ergebnisses, worin das selbständige Abrollen der Erscheinungen zweiter Ordnung für die Versuchsperson besonders fühlbar zu Bewußtsein gebracht wird. "Eine Reihe läuft ab, gleichsam als ob man keinen Anteil an ihr hätte, und man ist sehr überrascht, hinterher vom Leiter des Versuchs zu hören, daß sie völlig richtig war. Nicht selten aber geschieht auch das Umgekehrte: das angenehme Bewußtsein, die Reihe richtig hergesagt zu haben, wird getrübe durch die nachfolgende Wahrnehmung des einen oder anderen Fehlers" (EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie I, Seite 650). - - - Auch die Untersuchungen über die Reaktionen auf "Reizwörter" liefern eine Fülle von Belegen für den Automatismus des Gedächtnisses, so daß der Gedanke entstand, mit Hilfe solcher Versuchsreihen Erlebnisse zu erschließen, die selbst der willkürlichen Erinnerung der Versuchspersonen entzogen sind oder absichtlich von ihnen verheimlicht werden.
    18) STUMPF, Über den Begriff der Gemütsbewegungen, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 21, Leipzig 1899, Seite 93f
    19) Natürlich besteht sie nicht in diesen intellektuellen Funktionen selbst, die nur die unentbehrliche Grundlage bilden, sondern baut sich als neue eigenartige Funktion darüber auf. Der Ausdruck "Intellektualismus" für diese Auffassung ist daher ganz verkehrt.
    20) Was JAMES unter dem Sammelnamen der "fringes" zusammenfaßt, dürfte sich zwar, genauer besehen, meistens zunächst in inhaltliche Momente auflösen, nämlich in Verhältnisse, die in unbestimmter Weise bei gewissen Ausdrücken und Wendungen der Sprache mitgedacht werden. Aber das begriffliche Denken, das hier zum anschaulichen Vorstellen hinzukommt, führt dann eben doch auf Funktionelles (Vgl. MARTY, Zeitschrift für Psychologie etc., Bd. 3, Seite 316f und 327).
    21) Vgl. die dahin zielenden Äußerungen MEUMANNs im "Archiv für die gesamte Psychologie II, Literaturbericht, Seite 33-34.