p-4Th. ElsenhansP. NatorpA. MeinongF. BrentanoM. SchlickR.Avenarius    
 
CARL STUMPF
Psychologie und Erkenntnistheorie
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"Man wird doch immer fragen müssen, wie sich die Auffassung der Raumvorstellung, die dem Kritizismus allein als zweckdienlich erscheint, mit der psychologischen Forschung verträgt."

"Irgendeine Behauptung über den psychologischen Ursprung der Anschauungs- und Denkformen hat Kant sicherlich mt dem  a priori  ausgesprochen und auch aussprechen wollen; nicht bloß eine Behauptung über ihre Bedeutung für die Erkenntnis. Er will sagen und sagt es oft genug, daß sie als apriorische Begriffe nicht analysierbar und nicht durch die Sinne als Empfindungsinhalte gegeben seien. Auch diese Negation der Analysierbarkeit ist eine psychologische Behauptung; und sie ist so wenig selbstverständlich, daß sie von den meisten Vertretern der Psychologie und Physiologie in Bezug auf den Raum für irrig gehalten wird, während die Übrigen (Nativisten) den anderen Teil der Lehre für irrig halten, daß die Raumvorstellung nicht durch die Sinne gegeben sei."

"Haben wir nun keinen anderen ursprünglichen Begriff von Notwendigkeit als den der logischen, so wird dieser auch hier in irgendeiner Weise mitspielen. Und da wir in den Erscheinungen selbst eine derartige Notwendigkeit nicht wahrnehmen - hierin hat Hume ebenso zweifellos Recht, wie im positiven Teil seiner Lehre Unrecht -, so muß sie in entwas jenseits der Erscheinungen, in  wirklichen Dingen  liegen. Indem wir von Naturgesetzen reden, machen wir die Voraussetzung, daß das Verhalten der Dinge, für die sie gelten sollen, einem Verstand, der sie ihrem innersten Wesen nach zu erfassen vermöchte, in analoger Weise denknotwendig sein würde, wie  2 x 2 = 4.  Die physische Notwendigkeit ist eine logische Notwendigkeit, die wir  annehmen,  ohne sie  wahrzunehmen.  Hiermit ist nicht etwas Neues ausgesprochen, sondern etwas, worin die deutsche Philosophie seit Leibniz, ihrem großen Stammvater, wenn auch nicht in der Fassung doch in der Tendenz einig ist. Die Unterschiede beziehen sich hauptsächlich darauf, ob diese bloß angenommene in jemals wahrgenommene Notwendigkeit übergehen könne, wie dies Leibniz und in extremster Weise der spätere deutsche Idealismus gelehrt hat. Und freilich liegt hier eine ungeheure Kluft zwischen Idealisten und Realisten. Aber wir dürfen das Gemeinsame nicht übersehen, das sie verbindet gegenüber dem Positivismus, der das Gesetzliche in ein bloß Tatsächliches umzudeuten strebt."

"Ich kann Sigwart und Volkelt, welche jedes Erkenntnisurteil ohne Unterschied für notwendig erklären, ebensowenig zustimmen, als denen, die alles für bloß tatsächlich erklären. Daß wir ein bestimmtes Urteil über eine Tatsache fällen, ist freilich psychologisch ebenso notwendig, wie daß wir in einem anderen Fall ein Gesetz behaupten. Aber nicht von dieser Notwendigkeit des Behauptens ist die Rede, die ja auch Sigwarts von der objektiven Wahrheit wohl unterscheidet, sondern von der Notwendigkeit des behaupteten Inhalts (Sachverhalts). In der behaupteten Wahrheit ist noch ein Unterschied, je nachdem sie als bloß tatsächlich oder als Gesetz behauptet wird, und niemals wird sich eine Tatsache in ein Gesetz oder ein Gesetz in eine Tatsache auflösen lassen."

III. Materie und Form

Diese Unterscheidung glaube KANT nicht bloß durch Gegenüberstellung der Kategorien und Erscheinungen, sondern auch schon innerhalb der sinnlichen Wahrnehmung vollziehen zu müssen, indem er hier Raum und Zeit gegenüber den sinnlichen Qualitäten (Farben, Tönen etc.) als bloße Formen der Anschauung bezeichnet.

Mag man nun noch so sehr darauf bestehen, daß die Unterscheidung von KANT nicht durch psychologische Erwägungen gefunden und begründet wurde, daß er seine Ausführungen über Raum und Zeit als "metaphysische Erörterungen" bezeichnet, daß das entscheidende Motiv für dieselben in der Möglichkeit der synthetischen Urteile a priori und besonders der mathematischen Erkenntnisse liege - gleichviel: das so Gewonnene muß doch die Probe der Psychologie bestehen.  Es kann nicht etwas erkenntnistheoretisch wahr und psychologisch falsch sein. 

Meiner Überzeugung nach ist die Probe bereits gemacht. Die Unterscheidung ist eine psychologisch vollkommen unhaltbare, ja sie ist dem Fortschritt der Untersuchungen in hohem Maße schädlich gewesen, und dies auch in allen anderen Gebieten, auf welche sie übertragen wurde: denn die sogenannte formale Logik, Ethik, Ästhetik hängen in ihrer unfruchtbaren Einseitigkeit alle mit dieser erkenntnistheoretischen Unterscheidung zusammen.

Da alles, was wir überhaupt denken und wovon wir sprechen, während wir daran denken und davon sprechen, eo ipso [schlechterdings - wp] Inhalt unseres Bewußtseins ist, und da der Kritizismus nicht eine Lehre vom Unbewußten geben will, da auch die Geometrie, deren Möglichkeit erklärt werden soll, sich mi dem Raum als einer bewußten Vorstellung beschäftigt, so müssen zweifellos Raum, Zeit, Kausalität usf. in diesem weitesten Wortsinn  als Inhalte  des Bewußtseins gelten. (1) Werden sie gleichwohl von der Materie des Vorstellens als Formen unterschieden, so muß hierunter ein Unterschied innerhalb der Bewußtseinsinhalte verstanden werden.

Nun sind von Alters her absolute und relative Inhalte (Verhältnisvorstellungen) unterschieden worden, und noch TETENS hat hierüber ausführlich verhandelt. Aber dieser Unterschied trifft nicht ganz mit dem KANTschen zusammen. Vielmehr nennt KANT "Materie" die Empfindungsqualitäten, z. B. Härte, Farbe, "Form" dagegen "das, welches macht, daß das Mannigfaltige der Erscheinung in gewisse Verhältnisse geordnet werden kann". So können mehrere Farben in verschiedener räumlicher und zeitlicher Ordnung erscheinen. Man sieht sogleich, wie dieser Begriff von der Form als dem Ordnungsprinzip der Erscheinungen auch auf die Kategorien Anwendung finden kann. Er umfaßt Verhältnisse, wie Kausalität, er umfaßt ebenso Raum und Zeit, die man nicht zu den bloßen Verhältnissen rechnen kann.

"Das, was macht, daß die Empfindungen (das Mannigfaltige der Erscheinung) in Verhältnisse geordnet werde, kann unmöglich selbst wieder Empfindung sein." Mit diesem Satz wird die Trennung und der Gegensatz von Materie und Form zuerst in der  Kritik der reinen Vernunft  eingeführt. Daher, wird weiter geschlossen, ist uns zwar die Materie aller Erscheinungen nur a posteriori gegeben, die Form aber muß zu ihnen insgesamt im Gemüt a priori bereit liegen und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden. KANT betont auch weiterhin, daß man von der Vorstellung eines Körpers alles, was zur Empfindung gehört, Härte, Farbe, hinwegdenken und gleichwohl Ausdehnung und Gestalt übrig behalten könne. Er meint hiermit nicht etwa bloß eine Unterscheidung in der Weise der Abstraktion: denn eine solche findet auch statt, wenn wir die Qualität von der Intensität unterscheiden, die doch beide zum Inhalt, zur Empfindung gehören.

Hier hat nun die Psychologie mehrfach Gelegenheit zum Mitreden und, sagen wir es sogleich, zur Einsprache. Nativisten und Empiristen der Gegenwart, so sehr sie in der Theorie der Raumvorstellung auseinandergehen, sind doch darüber vollkommen einig, daß es unmöglich ist, Raum, Ausdehnung, Gestalt ohne irgendwelche Sinnesqualität vorzustellen. Es ist mir überhaupt nur ein einziger Autor bekannt, der hierin noch offen KANTs Partei vertritt und sich die Fähigkeit zuschreibt, ein Quadrat auf einem beliebigen Hintergrund vollkommen farblos (auch nicht etwa schwarz, grau, weiß) vorzustellen. (2) Wie dies geschehen kann, wenn die Umrisse sich nicht mindestens durch Helligkeitsunterschiede vom hellen oder dunklen Grund abheben, ist schwer zu sagen. Und müßte man dann nicht auch eine Bewegung ohne Beteiligung irgendwelcher Empfindungsqualitäten vorstellen können? Diese setzt doch nach KANT selbst "etwas Empirisches", also Empfindungen voraus (KEHRBACHs Ausgabe, Seite 66). Bewegung ist Ortsveränderung, eine Figur ist ein Ganzes von Ortsunterschieden. So wie Ortsveränderungen im Gesichtsbild (auch in dem der Phantasie) nicht vorstellbar sind außer an irgendeiner Qualität, die ihren Ort verändert, ebenso auch Ortsunterschiede nicht anders als an Qualitäten, die die verschiedenen Orte einnehmen.

Nicht bloß BERKELEY und HUME (3), sondern auch ein Zeitgenosse KANTs, PLATNER, hat, so wenig er sich sonst an philosophischer Tiefe und Schärfe mit KANT vergleichen kann, in diesem Punkt richtiger gesehen. In dem wenige Jahre von der  Kritik der reinen Vernunft  erschienen ersten Band seiner "Philosophischen Aphorismen" lehrt er (Seite 244), daß die Idee der Ausdehnung als Gesichtsvorstellung unzertrennlich sei von der Idee der Farbe.

Der Umstand, daß Farbenqualitäten sich im Raum ordnen, daß dieselben Qualitäten uns in verschiedener räumlicher Ordnung erscheinen können, begründet nicht die Trennung des Raumes vom gesamten Empfindungsinhalt. Die Qualitäten erscheinen uns auch in veränderlicher Intensität, es können mehrere Qualitäten zugleich in ungleicher Intensität, in einer variablen Intensitätsordnung erscheinen, und doch ist die Intensität in und mit den Qualitäten im gesamten Empfindungsinhalt als ein Moment des Inhalts ebenso wie die Qualität selbst gegeben. Überhaupt können Ordnungsprinzipien der verschiedensten Art dem Inhalt der Empfindungen entnommen werden. Nicht nur Raum und Zeit, sondern auch das System der Ton- und Farbenqualitäten, das der Intensitäten, Helligkeiten, Sättigungsgrade und was man sonst an den Empfindungen unterscheidet, sie alle bilden, nach dem modernen Ausdruck, Mannigfaltigkeiten von einer oder mehreren Dimensionen. welche sogar die Anwendung mathematischer Betrachtungsweisen bis zu einem gewissen Grad gestatten, ohne daß es sich dabei um eine bloße Übertragung räumlicher Analogien handelte. Die Orte, deren System den Raum ausmacht, sind nur eine besondere Klasse von Mannigfaltigkeiten.

Es läßt sich ferner auch indirekt zeigen, daß die Trennung undurchführbar ist. Wären Ort und Zeit, räumliche und zeitliche Ausdehnung, räumliche und zeitliche Ordnung nicht im Gesamtinhalt unserer sinnlichen Wahrnehmung in analoger Weise wie die Intensität gegeben und mit dem qualitativen Moment verknüpft, so würden wir nie und nimmer irgendeinen Anhaltspunkt haben, sie hineinzulegen.

Wir nehmen die verschiedenen Sinnesqualitäten nicht in einer unveränderlichen Ausdehnung und an unveränderlichen Orten wahr, sondern mit beständig wechselnden räumlichen Bestimmungen. KANT hatte, wie schon HERBART erinnerte, die Frage nach dem Grund der  bestimmten  Lokalisationen unberührt gelassen. Diese Lücke suchte LOTZE auszufüllen, indem er die Nötigung zu Raumanschauungen im Allgemeinen zwar mit KANT a priori "bereit liegen", aber die bestimmten wechselnden Lokalisationen der an und für sich unräumlichen und ungeordneten Qualitäten durch die sogenannten Lokalzeichen bedingt sein ließ. Darunter verstand er Empfindungsqualitäten einer anderen Gattung. So sollten die Muskelempfindungen des Auges uns zur Lokalisation der zunächst unräumlichen Farbenempfindungen verhelfen. Die Theorie hat sich aber schon darum als undurchführbar erwiesen, weil die Feinheit und Genauigkeit dieser Muskelempfindungen bei weitem nicht diejenige der optischen Lokalisationen erreicht, und gerade die Eindrücke, welche die schärfste räumliche Unterscheidung gestatten, nämlich die der Netzhautgrübe, ohne jede Bewegung gleichzeitig wahrgenommen und nebeneinander lokalisiert werden. (4) Ja, es leuchtet ein, daß Lokalzeichen in LOTZEs Sinn überhaupt nichts helfen können, auch wenn man statt der Muskelempfindungen irgendeine andere Gattung von Qualitäten einsetzt (wie dies mehrfach versucht und wieder aufgegeben wurde) oder auch sich auf das bloß abstrakte Postulat solcher Hilfsempfindungen beschränkt. Wir haben eben in allen diesen Fällen gleichzeitig zwei Summen von Qualitäten in der Empfindung, die der Farben und die der Hilfsempfindungen, und es fehlt an Anhaltspunkten, wie die einen den anderen zuzuordnen sind, welche Glieder beider Mengen zueinander gehören. Man müßte wieder ein Zeichensystem dafür postulieren und so ins Unendliche. (5)

Einige verstehen unter Beibehaltung des Ausdruckes  Lokalzeichen  darunter inhaltliche, wenn auch unbewußte, Bestimmtheiten der bezüglichen Empfindung selbst (der Gesichts- oder Tastempfindung), gründend in spezifischen Energien der (Gesichts- oder Tast-) Nervenfaser. (6) Damit ist aber der ursprüngliche Begriff völlig aufgegeben und die Kantische Grundlage, Trennung von Materie und Form der Empfindung, verlassen.

Analoge Betrachtungen würde man über die Zeit anstellen müssen. Temporalzeichen wären erforderlich, uns zu belehren, welcher Sinnesinhalt früher, welcher später zu setzen ist usf. Man kann natürlich nicht einfach erwidern, jeder qualitative Eindruck werden eben dem Zeitpunkt zugeordnet, in dem er wahrgenommen wird. Denn ansich sollen ja die Qualitäten durchaus unzeitlich sein und nur durch die Zu- und Einordnung zeitlich werden.

Allerdings gibt es Fälle, wo wir die räumliche Größe oder Lage, ebenso die zeitliche Dauer oder Lage nicht in den Sinnesinhalten, denen wir diese Bestimmungen zuschreiben,  wahrnehmen sondern nur nach gewissen Anhaltspunkten  annehmen wie wenn wir nach der bläulichen Färbung der Berge ihre Entfernung, oder nach der starken Konvergenz der Augen beim Fixieren die Nähe des Gegenstandes oder nach der Undeutlichkeit einer Gedächtnisvorstellung das Längervergangensein des bezüglichen Ereignisses statuieren. Diese Anhaltspunkte würden dann im eigentlichsten, wenn auch keineswegs im ursprünglichen, Sinne Lokal-(Temporal-)zeichen heißen können. Aber es ist klar, daß ihre Anwendung ursprüngliche Raum- und Zeitwahrnehmungen schon voraussetzt. Unmöglich kann aus solchen Kriterien die Raumvorstellung und die räumliche Anordnung oder die zeitliche Folge der Gesichtseindrücke sich  bilden. 

Selbst für die Abstufung und Anordnung der  Intensitäten,  wonach die Empfindungen eines Sinnes von schwächsten bis zu stärksten wechseln und eine bestimmte Empfindung jedesmal einen bestimmten Platz in dieser Intensitätsreihe einnimmt, auch mehrere Empfindungen von ungleicher Stärke demselben Sinne gleichzeitig gegeben sein können, selbst dafür hat man Analoga der Lokalzeichen verlangt. Und gewiß ist dies folgerichtig, wenn auch die Urheber solcher Hypothesen sich des Ursprungs aus der Kantischen Formlehre nicht bewußt sein mögen. Aber das Problem, das man lösen will, kehrt sofort wieder: die Zeichen müssen, um Grundlage für die Reihenbildung und Anordnung zu sein, immer selbst schon eine Reihe bilden, und die Stellung eines jeden in der Reihe muß dem Bewußtsein erkennbar sein. Liegt also in jeder Reihenbildung und Anordnung von Empfindungen ein Problem, das nur durch Annahme eines Zeichensystems zu lösen ist, so geht es ins Unendliche. Irgendwo muß also doch in Empfindungen unmittelbar auch ihre Ordnung als immanente Eigentümlichkeit mitgegeben sein.

Endlich gilt Analoges auch von den "Denkformen", die KANT der Materie der Empfindungen gegenüberstellt, den  Verhältnisbegriffen.  Raum und Zeit sind nicht selbst bloße Verhältnisse, sondern nur die Grundlage gewisser Verhältnisse, eben der räumlichen und zeitlichen; wie die Intensität, die Qualität Grundlangen der Intensitäts- und Qualitätsverhältnisse. Aber auch bei den sogenannten reinen Verhältnisbegriffen, wie Einheit und Mehrheit, gilt, daß die Mehrheit nicht etwas zu den empfundenen Tönen oder Farben Hinzukommendes, sondern irgendwie schon in ihnen selbst Gegebenes sein muß. Freilich kann man auch hier gelegentlich aus Zeichen auf eine in der Empfindung vorhandene, doch nicht sofort direkt erkannte, Mehrheit schließen; aber durch solche Pluralzeichen wird die Mehrheit auch nicht geschaffen, und irgendwo muß sie direkt erkennbar sein. (7)

Ebenso die Ähnlichkeit, die Gleichheit, welche KANT nicht in seine Kategorientafel aufgenommen hat (wir wollen dahinstellen, ob sie sich etwa unter der Kategorie Einheit unterbringen lassen). Daß ein mittlerer Ton einem tiefen ähnlicher ist als ein hoher, muß in ihrer eigenen Natur liegen, das Ordnungsprinzip muß ihnen immanent sein. Auch hier sind ähnliche Versuche wie beim Raum gemacht worden: man hat Muskelempfindungen herangezogen, um die Ordnung der Töne daraus herzuleiten. Und wiederum ist zuzugeben, daß in zahlreichen Fällen solche Mitempfindungen als Hilfskriterien dienen. Aber die Ordnung ist auch direkt erkennbar, und wäre sie es nicht, so wäre auch jede indirekte Erkenntnis unmöglich. (8)

Nicht anders steht es mit der Kausalität und anderen Kategorien. Was KANT das Schema nennt, ist in der Tat nichts anderes als ein solches Zeichensystem, es sind Kausalzeichen, Substanzzeichen; wie denn auch ein jüngerer Darsteller geradezu diesen Ausdruck dafür gebraucht. (9) LOTZE dachte wohl kaum daran, daß er mit seiner Theorie der Lokalzeichen das Problem des Schematismus der reinen Verstandesbegriffe auf die reinen Anschauungen übertrug. In Wahrheit ist ein Schematismus hier eine genau eben so zwingende Forderung der Formenlehre, wie dort.

Auch bei der Kausalität ist zuzugeben, daß wir gewiß nicht überall, wo wir sie  annehmen,  sie auch in den Erscheinungen  wahrnehmen In solchen Fällen müssen wieder sekundäre Kriterien vermitteln, dren Aufsuchung und genaue Formulierung eine der Hauptaufgaben der Erkenntnistheorie bildet. Aber irgendwo muß auch hier eine unmittelbare Wahrnehmung stattfinden, da uns sonst das Prototyp für die Übertragung fehlen würde; und nirgends anders kann ein Verhältnis wahrgenommen werden als in und mit Inhalten, die in einem solchen Verhältnis stehen. Ist uns der Kausalbegriff angeboren (in welchem Sinn auch immer), so müssen wiederum in gleicher Weise, in gleichem Sinne auch die betreffenden absoluten Inhalte erworben sein. In beiden Fällen ist das Erfassen der Relation eine Art von Wahrnehmung, oder, wenn man von "Wahrnehmen" nur eben bei absoluten Inhalten sprechen will, eine Art von "Bemerken", welches dem Wahrnehmen analog ist.

Blicken wir zurück. Die Trennung der Form von der Materie im Kantischen Sinne beraubt uns aller Möglichkeit, sie von dieser zu präzidieren, bestimmte Eindrücke im einzelnen Fall als hier oder dorz befindlich, als eine Mehrheit, als Wirkungen usf. zu bezeichnen. Die Trennung ist ganz ebenso undurchführbar wie die gleichnamige ontolologische des ARISTOTELES und der Scholastiker, mit welcher sie auch historisch nicht ganz ohne Verbindung ist (siehe Anhang 1). Sie hat ebenso wie diese Schaden gestiftet durch zahlreiche vergebliche Theorien, die sich auf dem dadurch entstehenden Scheinproblemen aufbauten. (10)

Ist nun die Psychologie, wie ich hier durch Hinweis auf das Wesentlichste anderwärts geführter fremder und eigener Untersuchungen zu erhärten suchte, in der Lage, diese Zeichentheorien und damit die Trennung von Form und Materie in unseren Vorstellungen, ein durch die "kritische Methode" angeblich festgestelltes Ergebnis, als unhaltbar zu erweisen, so bedarf es keiner Worte darüber, daß psychologische Untersuchungen für den Erkenntnistheoretiker unentbehrlich sind.

Als eine positive Aufgabe im Dienst der Erkenntnistheorie fällt der Psychologie nach wie vor die zu, den Ursprung der Raum- und Zeitvorstellungen, ganz besonders aber der Verhältnisvorstellungen immer genauer klarzulegen. Bezüglich der letzteren handelt es sich darum, diejenigen Inhalte der Wahrnehmung, sei es der sogenannten äußeren oder der inneren, aufsuchen, in denen ein solches Verhältnis erfaßt werden kann und durch die feinste Zergliederung des Gegebenen die Abstraktion des Verhältnisses vom übrigen Wahrnehmungsinhalt zu ermöglichen; wobei es nicht ausgeschlossen ist, daß ein solcher Verhältnisbegriff wie Kausalität sich aus mehreren Teilbegriffen gesonderten Ursprungs zusammensetzt. Dadurch allein, durch Zergliederung der "Impressions", kommen wir auf die letzten Elemente der Begriffe, mit denen wir im gewöhnlichen Denkgebrauch haushalten, Elemente, die dann im wissenschaftlichen Denken je nach Bedarf in verschiedener Weise kombiniert werden. So können ganze Wissenschaften durch Zerlegung eines bis dahin für unzertrennlich gehaltenen Komplexes neu entstehen, wofür namentlich die Geschichte der Mathematik Beispiele liefert. Das letzte Ziel dieser psychologischen (wenn auch nicht immer bloß durch Psychologen verrichteten) Arbeit würde eine genetische Klassifikation der einfachsten Verhältnisbegriffe sein. Sie wird von der auf "kritischem" Weg gewonnenen Kategorientafel erheblich abweichen. Insbesondere wären die vielen Verhältnisse zu berücksichtigen, die zwischen den Teilen eines Ganzen stattfinden, da wir von Teilen in sehr verschiedenem Sinne reden. Aber wir sind von diesem Ziel noch weit entfernt.

TETENS hatte gerade diese Aufgabe energischer verfolgt als irgend ein anderer Psychologe des vorigen Jahrhunderts, ja auch als die meisten früheren und späteren. Wir wollen, da die historische Würdigung dieses Forschers mit unserem Thema eng zusammenhängt (siehe die Einleitung), andererseits aber der Gang der Betrachtungen nicht durch bloß historische Abschweifungen unterbrochen werden darf, das Wesentliche seiner hierauf bezüglichen Lehren im Anhang (2a) zusammenstellen.

Die Kritizisten nun, bestrebt, den Aufstellungen KANTs eine von aller Psychologie unabhängige Bedeutung zu wahren, pflegen darauf Gewicht zu legen, daß damit über den Ursprung der Raum-, Zeit-, Kausalvorstellung usw. schlechterdings nichts behauptet werden sollte. KANTs a priori habe keinen Bezug auf diese Frage. KANT sei so wenig ein Anhänger der angeborenen oder sonstwie ursprünglichen Natur des Raumes, daß vielmehr die allmähliche Erwerbung dieser Vorstellung nach den Prinzipien der heutigen Empiristen ganz mit seinen Voraussetzungen übereinstimme. Man beruft sich auf die berühmte Stelle der Erwiderung KANTs an EBERHARD: "Die Kritik erlaubt schlechterdings keine anerschaffenen oder angeborenen Vorstellungen; alle insgesamt, sie mögen zur Anschauung oder zu den Verstandesbegriffen, nimmt sie als erworben an". Das a priori habe nur eine erkenntnistheoretische (transzendentale) Bedeutung, es solle die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Geometrie, überhaupt einer objektiv, d. h. allgemein und notwendig gültigen Vorstellungsverknüpfung (Wissenschaft) begreiflich machen. Nicht darauf komme es KANT an, wie Raum, Zeit, Kausalität ins uns  entstehen,  sondern was sie für den wissenschaftlichen Gebrauch  leisten  oder bedeuten. Nur dieses a priori errege das Interesse des Kritizisten. Daher kümmere es ihn gar nicht, ob sie angeboren sind oder nicht. (11)

Ich muß hier zunächst wiederholen, daß, wenn die Aufstellung für den Urheber noch so wenig psychologisches Interesse haben mag, sie sich gleichwohl der psychologischen Prüfung nicht entziehen kann. Man wird doch immer fragen müssen, wie sich die Auffassung der Raumvorstellung, die dem Kritizismus allein als zweckdienlich erscheint, mit der psychologischen Forschung verträgt.

Nun dürfen wir gewiß KANT nicht zuschreiben, daß er den Raum vor den Wahrnehmungen der Sinne im Bewußtsein gegenwärtig sein lasse, obschon dies nach dem, was wir über die Trennbarkeit der Qualitäten von der Ausdehnung von ihm gehört haben, an und für sich möglich sein müßte. Aber er sagt ausdrücklich, daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung (hier soviel als Wahrnehmung) anhebt.

Andererseits scheint es mir seiner Meinung auch nicht zu entsprechen, wenn man ihn zu den Empiristen im heutigen Sinn rechnet oder auch nur seine Ansicht mit der empiristischen verträglich glaubt. (12) Die Erwerbung aller Vorstellungen, von welcher er an der angezogenen Stelle spricht, ist, wie sich aus dem Zusammenhang ergibt, nicht eine Erwerbung, wie sie der Empirist bei der Raumvorstellung annimmt, sondern eine "ursprüngliche Erwerbung": die Formen, zu denen vorher nur die Möglichkeit gegeben (angeboren) war, werden aus Anlaß der Sinneseindrücke im Bewußtsein wirklich. Aber daß der Raum sich allmählich im Bewußtsein aus verschiedenen Sinneseindrücken zusammensetze oder erzeuge, daß ursprünglich nur Qualitäten ohne jede räumliche Ausbreitung und Anordnung dem Bewußtsein gegeben seien, widerspricht direkt den Kantischen Voraussetzungen, wonach Raum und Zeit die Formen aller sinnlichen Erscheinungen schlechtweg sind.

Ausdrücklich erklärt KANT den Versuch einer "empirischen Deduktion, welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über dieselbe erworben worden", bei Raum und Zeit ebenso wie bei den Kategorien als eine  ganz vergebliche Arbeit  (KEHRBACH, Seite 104). Nur die Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung könne man aufsuchen, "wo alsdann die Eindrücke der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntniskraft in Ansehung ihrer zu eröffnen". Die gegenwärtige empiristisch-psychologische Raumlehre will aber nicht die Gelegenheitsursachen, sondern die Elemente der Raumvorstellung in den Eindrücken der Sinne aufsuchen.

Irgendeine Behauptung über den psychologischen Ursprung der Anschauungs- und Denkformen hat KANT sicherlich mt dem "a priori" ausgesprochen und auch aussprechen wollen; nicht bloß eine Behauptung über ihre Bedeutung für die Erkenntnis. Er will sagen und sagt es oft genug, daß sie als apriorische Begriffe nicht analysierbar und nicht durch die Sinne als Empfindungsinhalte gegeben seien. (13) Auch diese Negation der Analysierbarkeit ist eine psychologische Behauptung; und sie ist so wenig selbstverständlich, daß sie von den meisten Vertretern der Psychologie und Physiologie in Bezug auf den Raum für irrig gehalten wird, während die Übrigen (Nativisten) den anderen Teil der Lehre für irrig halten, daß die Raumvorstellung nicht durch die Sinne gegeben sei. In allen Fällen haben wir hier einen neuen Beleg, wie notwendig genauere psychologische Feststellungen für die Erkenntnistheorie sind. Es ist nun einmal nicht möglich, den Boden der Psychologie zu vermeiden, mag auch das Interesse noch so ausschließlich auf die Höhen der Erkenntniskritik gerichtet sein. Die Vernachlässigung der Psychologie ist nicht, wie man sie vielfach hinstellt, eine nebenhergehende und irrelevante Eigenheit, sondern sie ist ein Grundschaden des Kantischen Philosophierens.


IV. Begriff der Naturnotwendigkeit

Noch ein Schritt weiter zurück in der Zergliederung der Grundlagen des Kritizismus führt auf die eigentliche letzte Wurzel desselben, den Begriff und die Forderung einer strengen und sachlichen (objektiven) Notwendigkeit gegenüber dem Prinzip der Gewohnheit, welchem HUME alle unsere Erfahrung, auch die wissenschaftliche, unterstellt hatte. Vorstellungs- und Denkgewohnheiten, lehrt KANT mit Recht, sind keine sachliche Notwendigkeit. Nur dann, fügt er hinzu, läßt sich eine solche und damit die wissenschaftliche Erfahrungserkenntnis gegenüber dem Skeptizismus retten, wenn die Erfahrungsgegenstände selbst dem Verstand entspringen. Dieser muß es sein, der durch seine eigene immanente Gesetzlichkeit die Gesetzlichkeit der Dinge schafft. Hiermit hängt schon der Begriff des synthetisch-apriorischen Urteils zusammen, mit welchem KANTs Darstellung (nicht die historische Entwicklung seiner Gedanken) anhebt, dann die Unterscheidung von Form und Materie und alles Weitere.

Es ist nicht bloß der Begriff der Kausalität, auf den es hier ankommt, sondern der allgemeinere der Naturnotwendigkeit, da es ja auch andere als Kausalgesetze gibt (Gesetze der sogenannten Koexistenz), die man schwerlich alle auf Kausalgesetze wird zurückführen können.

Die psychologische Frage ist die nach dem Ursprung des Notwendigkeitsbegriffes. Man wird ihn wohl ebenso wie den der Wahrheit, der Wahrscheinlichkeit und ähnlicher Prädikate als eine Abstraktion aus dem Urteilsgebiet zu betrachten haben. Wollen wir jemand den Begriff der Notwendigkeit sozusagen ad oculos [vor Augen - wp] demonstrieren, so ersuchen wir ihn, sich den Satz der Identität oder den Satz, daß das Ganze mehr ist als der Teil, oder ähnliche Urteile zu vergegenwärtigen. Nicht als psychische Vorgänge jedoch nennen wir die Urteile in einem solchen Fall notwendig, sondern mit Rücksicht auf das, was darin behauptet wird, das Größerseins des Ganzen usw. Nicht davon ist die Rede (obgleich es auch nicht geleugnet wird), daß solche Urteils prozesse  sich unter den vorliegenden psychischen Bedingungen notwendig einstellen müssen, sondern daß eine solche  Materie,  von wem und wann und unter welchen Umständen sie auch immer beurteilt werden möge,  ihrer eigenen inneren Natur  nach nicht anders als so beurteilt werden könne. Notwendigkeit ist also primär eine Eigenschaft gewisser Urteilsinhalte, eben der sogenannten notwendigen Wahrheiten, und der abstrakte Begriff der Notwendingkeit entsteht daher durch Reflexion auf diese Urteilsinhalte. Nicht aus der Außenwelt, aber auch nicht aus den psychischen Zuständen als solchen ist er abstrahiert, er ist endlich auch nicht als eine "apriorische Form" zur Materie hinzugefügt, sondern gewissen Inhalten immanent und in keiner anderen Weise als durch begriffliche Abstraktion davon zu trennen. (14)

Mancher wird einwenden: Nicht die notwendigen Wahrheiten liegen dem Begriff der Notwendigkeit zugrunde, sondern umgekehrt: dieser Begriff muß schon vorhanden sein, um notwendige Urteile zu fällen.

Dies wäre ein Mißverständnis. Freilich wenn der Erkenntnistheoretiker die Urteile in notwendige und nichtnotwendige scheidet und die Theorie beider entwickelt, so muß er den Begriff der Notwendigkeit wie den des Urteils schon haben. Aber um ein notwendiges Urteil zu  fällen,  bedarf es dessen nicht. Daß ein Apfel ein Apfel ist, erkennt man, ohne vorher oder auch nur währenddessen den Begriff der Notwendigkeit als solchen zu haben. Er entsteht in der Tat erst durch Reflexion auf derartige bereits im Bewußtsein vorhandene Urteile. (15)

Aus dem Begriff der Denknotwendigkeit im vorerwähnten Sinne formen wir nun den der Naturnotwendigkeit. Und hier beginnt die eigentümliche Aufgabe der Erkenntnistheorie. Sie zeigt, was sich aus jenem Begriff machen läßt und was uns zu dieser künstlichen Bildung veranlaßt und berechtigt.

Im Satz: "Ein Körper muß im leeren Raum fallen" ist das Muß sicherlich nicht bloß in dem Sinne zu verstehen: "Wir sind gewohnt, Körper im leeren Raum fallen zu sehen". Es bedeutet auch nicht bloß ein tatsächliches Verhalten, wie es etwa im Satz: "Der Montblanc ist 4810 Meter hoch" ausgesprochen ist. Wenn wir auch diese Tatsache als eine Folge naturgesetzlich wirkender Kräfte betrachten, so ist sie doch nicht aus allgemeinen Gesetzen für sich allein, sondern nur in Verbindung mit früheren wiederum bloß tatsächlichen "Kollokationen" [Anordnungen - wp] ableitbar. Und so läßt sich dieser Unterschied nicht eliminieren. (16)

Haben wir nun keinen anderen ursprünglichen Begriff von Notwendigkeit als den der logischen, so wird dieser auch hier in irgendeiner Weise mitspielen. Und da wir in den Erscheinungen selbst eine derartige Notwendigkeit nicht wahrnehmen - hierin hat HUME ebenso zweifellos Recht, wie im positiven Teil seiner Lehre Unrecht -, so muß sie in entwas jenseits der Erscheinungen, in "wirklichen Dingen" liegen. Indem wir von Naturgesetzen reden, machen wir die Voraussetzung, daß das Verhalten der Dinge, für die sie gelten sollen, einem Verstand, der sie ihrem innersten Wesen nach zu erfassen vermöchte, in analoger Weise denknotwendig sein würde, wie  2 x 2 = 4.  Die physische Notwendigkeit ist eine logische Notwendigkeit, die wir  annehmen,  ohne sie  wahrzunehmen.  Hiermit ist nicht etwas Neues ausgesprochen, sondern etwas, worin die deutsche Philosophie seit LEIBNIZ, ihrem großen Stammvater, wenn auch nicht in der Fassung doch in der Tendenz einig ist. Die Unterschiede beziehen sich hauptsächlich darauf, ob diese bloß angenommene in jemals wahrgenommene Notwendigkeit übergehen könne, wie dies LEIBNIZ und in extremster Weise der spätere deutsche Idealismus gelehrt hat. Und freilich liegt hier eine ungeheure Kluft zwischen Idealisten und Realisten. Aber wir dürfen das Gemeinsame nicht übersehen, das sie verbindet gegenüber dem Positivismus, der das Gesetzliche in ein bloß Tatsächliches umzudeuten strebt.

Die Annahme eines Etwas jenseits der Erscheinungen machen wir wie so viele andere Annahmen im Einzelnen, um den Lauf der Erscheinungen der Deduktion zu unterwerfen. Sie bewährt sich Schritt für Schritt durch den Erfolg und braucht keine andere Bewährung. Fast alle übrigen Voraussetzungen sind im Grunde nur Teile dieser einen und jede Bestätigung nur ein Teil der unermeßlichen Bestätigung, welche diese durch die fortlaufende Entwicklung unseres Naturwissens und des darauf gegründeten Lebens empfängt. Auch die allgemeine Regelmäßigkeit des Naturlaufes, wonach unter gleichen Umständen stets Gleiches eintreten muß, ist mit in jener großen Voraussetzung inbegriffen (denn nicht Dinge überhaupt, sondern gesetzlich zusammenhängende Dinge nehmen wir an) und bedarf keiner anderen, etwa apriorischen, Stütze.

In den Erscheinungen selbst findet sich diese Regelmäßigkeit nicht. Drehen wir den Kopf zur Seite und führen ihn dann in die Ausgangsstellung zurück, so haben wir wieder das nämliche Muskelgefühl, den gleichen Bewußtseinsinhalt in allen übrigen Beziehungen, und doch kann die Gesichtserscheinung jetzt eine andere sein. Alle die unzähligen Ausnahmen dieser Art verschwinden nur durch die Hilfsvorstellung einer Außenwelt im obigen Sinne.

Es ist nicht wahr, daß die Naturwissenschaft nur von Erscheinungen handle. Es gibt nicht ein einziges Naturgesetz, welches sich als Gesetz bloßer Erscheinungen, wenn wir dieses Wort im strengen (subjektiven) Sinn nehmen, ausdrücken ließe. Es gibt unter den Erscheinungen keine Kausalität. (17)

KANT selbst hat wohl - wie er das ja auch einmal selbst versichert - niemals daran gedacht, unser Wissen auf bloße Erscheinungen im eigentlichen Sinne zu beschränken. (18) Nicht bloß definiert er beständig die Empfindung als Wirkung äußerer Gegenstände, sondern er läßt empirische Körper im Raum auch dann existieren, wenn sie augenblicklich nicht erscheinen; ja das Dasein einer solchen räumlichen Außenwelt gilt ihm als eine absolut gewisse, weil im Begriff der inneren Wahrnehmung schon eingeschlossene Wahrheit (19); er geht darin also sogar weiter, als sich, wenn vom wissenschaftlichen und nicht vom naiven Bewußtsein die Rede ist, rechtfertigen läßt.

KANT sprach eben, wie auch heute noch so Viele, die unser Wissen auf Erscheinungen beschränken, von Erscheinungen in einem doppelten Sinn, ohne dies bestimmt zu unterscheiden. Er nannte auch das, was von der Rose fortbesteht, während ich sie nicht ansehe, ja nicht einmal daran denke, Erscheinung. Genau gesprochen bestehen doch nur etwa die Bedingungen fort, infolge deren, wenn ich wieder hinblicke, dieselbe Gesichtsempfindung wiedererstehen wird. Nur in diesem Sinn konnte KANT von Gesetzen der Erscheinungen und von Kausalzusammenhang unter ihnen sprechen. (20)

Da nun aber Raum und Zeit, in denen auch diese objektiven Erscheinungen sich vollziehen sollen, nach KANT nur Anschauungsformen eines Bewußtseins sein können, und da überhaupt Erscheinungen, die niemandem erscheinen, ein wunderlicher Begriff wären, so verlegten neuere Erklärer dieselben in ein überindividuelles Bewußtsein, eine menschliche Gattungsvernunft. In dieser bestehe nach KANT die Rose, räumlich und zeitlich angeschaut, fort, auch wenn sie von keinem Auge gesehen wird. Sie sei es, die den letzten Grund für die Möglichkeit eines gesetzmäßigen Zusammenhangs der individuellen Erscheinungen enthalte. (21)

Es ist wohl die Frage, ob KANT mit dieser an FICHTE erinnernden Auslegung dessen, was er allerdings wiederholt als "Bewußtsein überhaupt" bezeichnet, ganz einverstanden wäre. (22) Aber soviel läßt sich immerhin aus dem Angeführten entnehmen, daß es dem Begriff von objektiver Notwendigkeit, wie wir ihn zu formulieren suchten, den darin eingeschlossenen Begriffen objektiver Dinge und eines möglichen Bewußtseins, für welches der in den Erscheinungen nicht wahrnehmbare aber aus ihnen erschließbare Zusammenhang eine wahre Denknotwendigkeit sein  würde,  nicht an Anklängen bei KANT fehlt. Als eine Gattungsvernunft oder als ein überindividuelles Bewußtsein werden wir letzteren Hilfsbegriff ja ebenfalls nicht bezeichnen, sondern uns, solange es sich nur eben um die im Begriff des Naturgesetzes liegenden Merkmale handelt, mit der obigen anspruchsloseren Formulierung begnügen.

Auch daß der Verstand die Notwendigkeit in die Dinge hineintrage, können wir insofern unterschreiben, als wir den durch innere Wahrnehmung gewonnenen Begriff  hypothetisch  in die selbst hypothetischen Dinge hineinlegen, um ihn dann (wenn ich so sagen soll) bestätigt wieder herausnehmen.
Der Punkt aber, in welchem man KANT völlig und rückhaltlos zustimmen muß, ist das Festhalten am Begriff der Notwendigkeit im strengen Sinn des Wortes. Die Elimination desselben durch HUME rief ihn zum Kampf, war der Ausgangspunkt seiner kritischen Unternehmungen. Bedenken wir, daß noch in unseren Tagen ein in jeder Beziehung so hoch stehender Denker wie JOHN STUART MILL sogar den Grundsatz des Widerspruchs auf eine allmähliche Ansammlung von Beobachtungen gründen können zu glaubte, so können wir es KANT nicht hoch genug anrechnen, daß er jenen von der deutschen Philosophie allezeit festgehaltenen Gedanken einer wahren Notwendigkeit nicht bloß in den Denk-, sondern auch in den Naturgesetzen mit Einsatz aller seiner Geisteskraft zu retten versucht hat. Hierin liegt sein wirkliches historisches Verdienst im theoretischen Gebiet. Dessen Korrelat im praktischen Gebiet ist das Festhalten am strengen "Du sollst!" gegenüber der heteronomen Scheinmoral, wie wir sie unter anderer Form auch heute wieder überhandnehmen sehen.

Dagegen die Tendenz zur Ablehnung psychologischer Untersuchungen als Ausgang und Unterlage der Erkenntnistheorie können wir auch nach den Erwägungen dieses Abschnittes wieder nur als ein Unglück betrachten; und das vollständige Fehlschlagen der "idealistischen" Philosophie, welche ihm gerade darin folgte, ist die historische Probe darauf.


V. Teilung und Vereinigung
der Untersuchungen

"Es ist nicht Vermehrung sondern Verunreinigung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinanderlaufen läßt." Dieser berühmte Ausspruch KANTs liegt dem nachdrücklichen Widerstand der Kritizisten gegen Hereinziehung psychologischer Untersuchungen als methodische Regel zugrunde.

Die wissenschaftliche Methodik gebietet uns, die  Fragen  so weit als möglich zu isolieren. Divide et impera! [Teile und herrsche! - wp] Man löst das Bündel von Stäben auf, um es zu brechen. Aber ein anderes ist es mit der Trennung der  Wissenschaften.  Hat oder hätte KANT gemeint - wir lassen Interpretationsfragen hier bei Seite -, daß der Schatz von Kenntnissen, den eine Wissenschaft erringt, unfruchtbar bleiben soll für die übrigen, oder auch nur, daß es keine Grenzfragen gebe, zu deren Bearbeitung mehrere Wissenschaften sich die Hände reichen müssen, so müßte man in einer Zeit, wo Psychologen und Physiologen, Logiker und Mathematiker, Pädagogen und Mediziner, Nationalökonomen und Politiker, Sprachforscher und Naturforscher, und so viele andere bis dahin getrennt marschierende Korps zu vereintem Schlagen zusammenstoßen, ihm ganz entschiede widersprechen. Eine Wissenschaft ist allerdings nur ein Fragenkomplex, und wir werden die Fragen nicht im Kleinen zerteilen, ums sie dann im Großen zusammenzuwerfen; jeder Wissenschaft bleibt ein eigener Kern von Aufgaben, der nicht mit anderen zusammenwächst, im Gegenteil sich spaltet und neue Einzelwissenschaft erzeugt. Aber was für die Formulierung der Fragen, gilt nicht ebenso für ihre Behandlung und Durchführung. Zur furchtbaren Behandlung muß alles herangezogen werden, was irgendwie ohne Verletzung der allgemeinen logischen Vorschriften, ohne Zirkel insbesondere, sich verwerten läßt.

Über diese Gesichtspunkte können meiner Meinung nach höchstens Mißverständnisse, aber nicht ernstliche Streitigkeiten Platz greifen.

Sollen wir nun die eigentümlichen Aufgaben der Psychologie und der Erkenntnistheorie einander gegenüberstellen, so haben wir nur einige bereits eingeflochtene Betrachtungen zu erweitern.

Die Untersuchung des Ursprungs der  Begriffe,  sowohl derjenigen von absolutem als von relativem Inhalt, ist eine alte Aufgabe der Psychologie. Ist es richtig, daß ein Begriff nicht für sich denkbar ist, sondern daß er nur innerhalb einer konkreten Vorstellung, gleichsam eingebettet in derselben oder, mit einem vielleicht bezeichnenderen Bild, wie stereoskopisch hervortretend, auf dem Weg der gewöhnlichen Abstraktion erfaßt werden kann, so fällt jene Aufgabe zusammen mit der Bestimmung der jeweiligen konkreten Vorstellung und der genauesten Charakterisierung der Momente oder Veränderungsweisen dieser Vorstellung, welche die Abstraktion des bezüglichen Begriffes ermöglichen. Wir haben schon erwähnt, daß hierin noch sehr vieles zu tun bleibt.

Die Aufsuchung der allgemeinsten unmittelbar einleuchtenden  Wahrheiten  dagegen ist Sache der Erkenntnistheorie. Ein Begriff ist nicht ein Urteil, nicht eine Erkenntnis. Wäre ein Begriff in irgendeiner beliebigen Weise angeboren, so würde daraus noch nichts folgen über die Urteile, in denen er Verwendung finden kann. Nehmen wir an, daß sämtliche in einem Urteil vorkommenden Begriffe psychologisch uns a priori eigen wären, selbst in dem Sinne, daß sie vor aller Wahrnehmung dem Bewußtsein bereits aktuell gegenwärtig wären: so könnte es immerhin geschehen, daß erst Wahrnehmungen, Erfahrungen uns zu bestimmten Verbindungen dieser Begriffe und zur Anerkennung derselben in Urteilen veranlaßten und berechtigten. Und umgekehrt kann ein Begriff der Wahrnehmung entnommen sein, wie z. B. der von Rot, von Farbe überhaupt, von Quadrat und Figur, während das Urteil: "Rot ist Rot" oder "Röte ist keine Figur" unzweifelhaft ein apriorisches ist. Denn wir bedürfen nicht einer besonderen Wahrnehmung oder gar einer Häufung von Wahrnehmungen, um uns der Wahrheit eines solchen Satzes zu versichern; wir bedürfen ihrer nur zur Gewinnung der Begriffe, aus denen dann der Satz ohne Weiteres fließt.

Dies gilt auch bezüglich Raum und Zeit. Die Frage nach der Natur der geometrischen Axiome (ob sie analytisch, synthetisch a priori oder bloße Erfahrungssätze seien) ist durchaus verschieden von der Frage nach der psychologischen Entstehung der Raumvorstellung (ob sie bereits ursprünglich im Inhalt der Gesichtsempfindung gegeben oder ein Produkt der individuellen psychischen Entwicklung ist). Aber die beiden Fragen sind hier wie anderwärts lange Zeit hindurch miteinander vermengt worden, zum Schaden sowohl der Psychologie als der Erkenntnistheorie. Man hat die Wissenschaften gesondert und die Fragen vermengt, statt umgekehrt zu verfahren.

Die Feststellung und Charakteristik der allgemeinsten unmittelbar einleuchtenden Erkenntnisse ist, wie die des Ursprungs der Begriffe, eine noch lange nicht befriedigend gelöste Aufgabe. In das Verzeichnis der sogenannten synthetischen Grundsätze hat KANT vieles aufgenommen, was sehr wohl als bloßer, wenn auch mit den weitesten Garantien der Sicherheit gefestigter, Erfahrungssatz gelten kann (wie das Gesetz der Kausalität und der Wechselwirkung), anderes, was vor allem der Interpretaion bedarf (wie der Satz der Substantialität, bei dem es ganz auf die Fassung des Substanzbegriffes ankommt), anderes, dessen Wahrheit ernstlich bezweifelt werden kann (wie z. B. HERING den Satz, daß alle Empfindungen einen Grad haben, rücksichtlich der Farben anzweifelte und sich jedenfalls mit Recht dagegen verwahrt hätte, wenn man die Frage mit einem apriorischen "Es muß so sein" hätte abtun wollen). KANTs allgemeines Axiom der Anschauung: "Alle Anschauungen sind extensive Größen" hat zur Lösung der großen Fragen über die Natur der geometrischen Grundsätze, soviel ich sehe, nicht das Mindeste beigetragen. Aber auch abgesehen von den einzelnen Sätzen ist der Begriff von synthetischen Grundsätzen überhaupt von allen selbständigen neueren Erkenntnistheoretikern, soweit sie ihn beibehalten, der Revision für bedürftig erachtet.

Nehmen wir jedoch an, obige Aufgabe sei gelöst, die allgemeinsten unmittelbar einleuchtenden Erkenntnisse vollständig aufgezählt, genau formuliert und klassifiziert und von den nur angeblichen Grundsätzen gesondert, so würde, wir mir scheint, der Erkenntnistheorie in Bezug auf die Grundlagen der Erkenntnis überhaupt nichts mehr zu tun bleiben. Ich kann der Frage nach den  "Bedingungen der Möglichkeit"  solcher unmittelbaren Wahrheiten keinen erkenntnistheoretischen Sinn abgewinnen. Jede weitere Untersuchung könnte sich nur auf die  psychologischen  Bedingungen erstrecken, unter welchen Urteile dieser Art im Bewußtsein auftreten. Die bezüglichen Vorstellungen müssen da sein, die Fähigkeit der Abstraktion allgemeiner Begriffe muß vorhanden sein, die Aufmerksamkeit muß die erforderliche Intensität und Richtung haben usw. Aber keine noch so sorgfältige Beschreibung aller Glieder des psychologischen Mechanismus wird uns die Evidenz noch evidenter, die unmittelbaren Erkenntnisse noch unmittelbarer machen, keine us auch nur eine Einsicht gewähren, wie und warum sie und zwar gerade diese und keine anderen als Grundlage unseres Denkens möglich sind. Entweder man liefert Prämissen zur logischen Begründung des Urteilsinhalts - dann waren jene Erkenntnisse nicht wirklich unmittelbare - oder man liefert psychologische Bedingungen des Urteilsprozesses, dann hat man das Feld der Erkenntnistheorie verlassen und ist im eigentlichsten in ein  allo genos  [andere Gattung - wp] von Untersuchungen übergegangen. Ein Drittes gibt es nicht.

Während es so der Natur der Sache nach der Erkenntnistheorie verwehrt ist, noch weiter in die Tiefe zu graben, eröffnen sich nach der Höhe und Breite reiche Probleme. Es entsteht die Frage, wie die durch die psychologische Analyse aufgezeigten Elemente unserer Vorstellungen zur denkenden Konstruktion der Welt und zumal der "Außenwelt" zu verwenden sind. Die allgemeinsten Mittel und Wege des Erkennens hat die Erkenntnistheorie nicht minder wie die allgemeinsten Ausgangspunkte klarzulegen.

Die Außenwelt ist wissenschaftlich gesprochen, eine Hypothese, um den Gang der Erscheinungen zu berechnen. Wir haben zur Bildung dieser Hypothese keine anderen Vorstellungen und Begriffe, als die wir den Erscheinungen selbst, einschließlich jedoch der Erscheinungen der inneren Wahrnehmung, entnehmen können. Ein Teil davon erweist sich als brauchbar, ein anderer nicht. Sollte sich zeigen, daß wir mit jenem nicht ausreichen, so würde die Welt eben insoweit für uns aller Berechnung und aller Unterordnung unter Gesetze entzogen bleiben. Unter den absoluten Inhalten, welche uns in den Erscheinungen selbst zur Verfügung stehen, hat man die sogenannten Qualitäten der Empfindung zu solcher Konstruktion unbrauchbar, die Vorstellungen von Raum und Zeit dagegen, d. h. das lokale und temporale Moment der Erscheinungen, in hohem Maße brauchbar gefunden. Sie verdanken diese Bevorzugung dem Umstand, daß sich mit ihnen in viel größerem Umfang rechnen läßt (ganz unzugänglich sind, wie erwähnt, auch die Qualitäten nicht für die Rechnung) und daß die rechnerischen Konsequenzen, die aus der Annahme objektiver räumlich-zeitlicher Vorgänge gezogen werden, wieder in neuen Erscheinungen zutreffen. Von vornherein haben sie aber nicht mehr Anspruch auf objektive Gültigkeit als die Qualitäten der Empfindung. (23)

Und genauer zugesehen sind doch auch Raum und Zeit  in der  Gestalt, wie sie uns gegeben sind,  nicht  verwertbar; sie sind es erst geworden durch mancherlei Umbildungen oder Abstraktionen. Raum und Zeit, wie wir sie vorstellen, haben ein Zentrum: wir können keine Zeit vorstellen außer nach rückwärts oder vorwärts vom gegenwärtigen Augenblick, auf den alles bezogen wird. Analoges gilt für die Vorstellung von Orten. Von diesem Zentrum muß beim physikalischen Begriff von Raum und Zeit abgesehen werden. Der Vorstellungsraum hat ferner entweder nur zwei Dimensionen oder es ist die dritte wenigstens nur rudimentär, keimhaft vorhanden. Wir sind nicht imstande, uns in derselben Weise die Dicke eines Körpers vorzustellen, wie seine Breite und Länge, wir können einen Körpers vorzustellen, wie seine Breite und Länge; wir können einen Körper nicht durch und durch sehen, ja ihn auch nicht in der Phantasie durch und durch vorstellen (nur HERING hält das Letztere für möglich). Der Raum des Geometers und Physikers hat überhaupt in jedem Punkt und nach allen Richtungen dieselben Eigenschaften, der Empfindungsraum nicht. Oben und Unten, Rechts und Links sind für die Empfindung gewissermaßen qualitative Unterschiede. Ein Quadrat, zuerst senkrecht stehend, dann um 45° gedreht, sodaß es auf eine seiner Ecken zu stehen kommt, wird ganz anders empfunden und nur durch Vermittlung von Schlüssen wiedererkannt. (24) Es ist durchaus falsch, daß der Raum (und ebenso die Zeit), so wie wir ihn vorstellen, überall kongruent mit sich selber wäre, daß man sich jedes Stück ebenso in eine andere Abteilung versetzt denken könne. (25) Einen  subjektiven  Ort können wir ebensowenig transplantiert denken, wie wir einen tiefen Ton in eine hohe Oktave versetzt denken können.

So gibt es eine Reihe von Eigentümlichkeiten des empfundenen Raumes, von welchen in der Hypothese eines objektiven Raumes abgesehen werden muß, obschon wir sie aus der anschaulichen Vorstellung nicht entfernen können.

Es ist denn auch nicht das Mindeste von vornherein gegen die Annahme einer vierten Raumdimension zu sagen. Die Frage ist einzig und allein, ob wir sie brauchen. Ja, es ist leicht einzusehen, daß vom absoluten Inhalt, vom Anschaulichen in unserer Raumvorstellung gänzlich abgesehen und nur die in den Formeln der analytischen Geometrie ausgedrückten ganz abstrakten Verhältnisse als objektiv gültig angenommen werden können. Der Raum des Physikers ist, wie aus Obigem hervorgeht, ohnedies längst schon nur durch wesentliche Abstraktionen vom Empfindungsraum zu denken. Von diesem Standpunkt unterliegt es dann vollends keinem Anstand, statt dreier vier oder mehr Variable in jenen Formeln zu verwenden. Damit will ich nicht sagen, daß wir auch nur den Schatten eines stichhaltigen Grundes für die vierte Dimension und nicht mehr vielmehr die stärksten Beweise für die Dreizahl hätten. Aber es ist erkenntnistheoretisch nützlich, sich diese Möglichkeit als solche zu vergegenwärtigen, weil sie am deutlichsten zeigt, in welchem Maße wir die uns gegebenen Vorstellungen umzubilden, bzw. abstrakter zu gestalten vermögen,  wenn  das Bedürfnis dazu vorliegt.

Gleiches wie von den absoluten Inhalten gilt nun aber auch von den relativen, den Verhältnisbegriffen. Müssen wir zugeben, daß die objektive Gültigkeit der absoluten Inhalte nur empirisch zu begründen ist, so liegt keine Veranlassung vor, die der relativen aus einer ganz anderen Quelle herzuleiten. Auch für sie haben und brauchen wir keine andere Rechtfertigung als den Erfolg. Alle Anwendung ist zunächst Versuchssache, und das ungeheure, gar nicht mehr abzuschätzende Zutrauen, welches wir den Begriffen der Kausalität und anderen im Hinblick ihrer objektiven Gültigkeit schenken, ist hinreichend gerechtfertigt durch ihre Unentbehrlichkeit bei jedem neuen Schritt und Tritt auf dem Weg der Erkenntnis. Daß auch hier Umbildungen, bwz. Abstraktionen höherer Ordnung von den unmittelbar gegebenen Vorstellungen erforderlich sind, haben wir am Begriff der Notwendigkeit gesehen und würde uns ebenso der Begriff der Kausalität lehren. Ich vermute, daß auch manchen kantianisierenden Naturforschern dies als das Wesentliche des Kantischen Unternehmens erscheint: die möglichst genaue und vollständige Bezeichnung der allgemeinsten und einfachsten Verhältnisbegriffe und der darauf bezüglichen Sätze, ohne welche eine Naturerklärung faktisch unmöglich wäre; womit doch keineswegs ein Anspruch auf ihre Gültigkeit vor jeder Anwendung, unabhängig von der Erprobung ihrer Brauchbarkeit und Durchführbarkeit, gegeben ist. (26)

Die Psychologie hat im Hinblick unserer Überzeugung von der Außenwelt und unserer Vorstellungen von ihrer Beschaffenheit eine durchaus andere Aufgabe. Sie hat nicht die wissenschaftlichen Annahmen in dieser Hinsicht zu  rechtfertigen,  sondern den allgemeinen unmittelbaren Glauben an die Außenwelt,  gleichviel ob er wahr oder falsch ist,  zu  erklären;  und zwar an die Außenwelt, wie sie erscheint, farbig, klingend und rauschend, riechend und schmeckend, nur die Korrekturen etwa abgerechnet, welche schon das gewöhnliche Bewußtsein, gewitztigt durch zahlreiche Sinnestäuschungen, anbringt. Spielen, wie in der letztgenannten Beziehung, Anfänge einer wissenschaftlichen Erkenntnis auch hier herein, so betrachtet die Psychologie sie nur als mitwirkende Kräfte unter anderen.

Es ist wohl zu bemerken, daß  die  Außenwelt, von welcher hierbei die Rede ist, sich nicht bloß in ihren einzelnen Eigenschaften, sondern in ihrem ganzen Begriff nicht mit der Außenwelt deckt, um welche es sich für den Metaphysiker und den philosophierenen Naturforscher handelt. Dem gewöhnlichen Bewußtsein ist die Grenze zwischen dem Ich und der Außenwelt einfach die Grenze zwischen dem eigenen und den fremden Körpern. Der Metaphysiker dagegen versteht seit DESCARTES unter dem Ich das mit unmittelbarer wissenschaftlicher Gewißheit (Evidenz) Gegebene, und dieses erkenntnistheoretische Ich ist das Bewußtsein und die in ihm enthaltenen Phänomene, während der sogenannte eigene Körper von diesem Standpunkt aus ebenso zur Außenwelt gehört, wie die sogenannten fremden Körper. Die Psychologie hat nur zu zeigen (und sie ist dieser Aufgabe gewachsen), was die "Wirklichkeit" des Empfundenen für das gewöhnliche Bewußtsein bedeutet und wie es dazu kommt, in dem Wirklichen jene ursprünglich sicherlich nicht vorhandene Grenzlinie zwischen "Eigenem" und "Fremdem" zu ziehen. (27)

Auf diese Weise scheinen also wohlunterschiedene Komplexe von Aufgaben für beide Wissenschaften auseinanderzutreten. Aber um so mehr müssen wir darauf zurückkommen, daß eine gedeihliche Lösung dieser Aufgaben undenkbar ist ohne gegenseitige vielfache Stützung. Der Erkenntnistheoretiker kann an der Frage nach dem Ursprung der Begriffe nicht vorbeigehen, er muß in die Tiefen und Schwierigkeiten dieses Problems als ein Fachmann eingedrungen sein; und der Psychologe wiederum muß Erkenntnistheoretiker sein, nicht bloß weil die Erkenntnisurteile eine besondere Klasse von Urteilsphänomen bilden, die wie die andere psychische Phänomene beschrieben sein will, sondern vor allem weil er wie jeder, dem seine Wissenschaft mehr ist als ein Handwerk, über die Grundlagen allen Wissens Klarheit haben muß. Aber es treten hier, wie man beispielsweise am Begriff der "inneren Wahrnehmung" sieht, auch wirkliche Grenzfragen auf, welche man der einen wie der anderen von beiden Wissenschaften gleich gut zurechnen kann, unbeschadet der sonstigen Verschiedenheit ihrer Aufgaben. Es hat wenig Zweck, zu streiten, wem ein solches Gebiet mehr zugehöre; die Hauptsache ist, daß sich Beide seiner annehmen.

Möchten denn Psychologismus wie Kritizismus von der Tagesordnung verschwinden und an die Stelle der abstrakten und unfruchtbaren Standpunktspolitik, welche zumal dem Kritizismus eigen ist, ein der besonderen Natur der Probleme angepaßtes Zusammenarbeiten im Einzelnen treten.
LITERATUR: Carl Stumpf, Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der Philosophisch-Philologischen Classe der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 19. Bd., München 1892
    Anmerkungen
    1) KANT drückt sich hierüber nicht immer gleichmäßig aus. Vielfach spricht er von den Formen als bloßen Bedingungen der Anschauung oder als Möglichkeiten, die als solche in sich selbst durchaus nicht vorgestellt werden können. (Vgl. COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, Seite 152: "Diese Möglichkeit in der Erscheinung ... dieses potentielle Verhältnis wird Form genannt".) Nun aber können, meint KANT, diese Möglichkeiten zu Bewußtseinsinhalten erhoben und angeschaut werden. Dann sind sie eben nicht mehr Formen im vorherigen Sinne des Wortes. Dennoch werden sie auch so nicht bloß als Anschauungen, sondern auch als Formen der Anschauung bezeichnet; ja die Erörterungen, durch KANT Raum und Zeit als solche Formen dartun will, beziehen sich offenbar auf Raum und Zeit als Bewußtseinsinhalte. Man könnte fragen, was überhaupt jenes gänzlich dem Bewußtsein Entzogene mit dem, was wir als Raum und Zeit kennen, gemein habe und wie es möglich sei, davon eine Beschreibung zu liefern. Jedenfalls redet KANT an den Stellen, die wir im Folgenden im Auge haben, vom Raum, Ausdehnung, Gestalt, usf. als  vorgestellten  Formen, behauptet er doch sogar, daß sie abgetrennt für sich vorgestellt werden können.
    2) OTTO LIEBMANN, Zur Analysis der Wirklichkeit, 2. Auflage, Seite 234. COHEN beschuldigt mich (a. a. O. Seite 105) einer Verdrehung der KANTschen Behauptung in meiner Schrift "Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung", wo ich obige Einwendung erhoben. KANT rede von "Gegenständen", die man aus dem Raum hinwegdenken könne, ich dagegen von Farben. Nun wohl, an einer  anderen  Stelle redet KANT von  Gegenständen,  aber an der Stelle, gegen welche sich mein Einwand richtete, welche ich auch wörtlich zitiere, welche COHEN allerdings in der Zitierung meines Einwandes nur durch Punkte bezeichnet, redet KANT von  Farben:  "Wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw. imgleichen, was davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte,  Farbe  usw. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich  Ausdehnung und Gestalt.  Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet." (Ausgabe KEHRBACH, Seite 49) Deutlicher kann man nicht behaupten, daß wir Ausdehnung ohne Farbe vorzustellen imstande seien. - Darüber ließe sich allenfalls streiten, ob ich die genannte Stelle mit Recht zur Erläuterung an einer anderen Stelle herangezogen habe, wo KANT sagt: "Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden." Ich halte zwar auch dies, die Interpretation der letzteren Stelle durch die erstere, noch jetzt für richtig (ist ja auch in der ersten sogleich vom Gegenstand die Rede: "ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung" und leuchtet es doch ohnedies ein, daß in der zweiten unter Gegenstand nur der empirische Gegenstand d. h. ein Komplex von Empfindungen gemeint sein kann). Jedenfalls aber ist dies eine Frage für sich und ist die Meinung der von mir direkt angegriffenen Behauptung KANTs vollkommen klar, ebenso klar wie ihre sachliche Falschheit.
    3) Vgl. die in meiner obenerwähnten Schrift Seite 24 angeführten Stellen.
    4) Vgl. meinen "Ursprung der Raumvorstellung", Seite 97f und THEODOR LIPPS, Psychologische Studien, Seite 19
    5) Wenn LOTZE sie Lokalzeichen mit Etiketten vergleicht, welche die Wiederaufstellung einer Bibliothek ermöglichen, so würde es vielmehr den Voraussetzungen der Theorie entsprechen, daß die Etiketten lose in den Bücherkästen umherlägen (denn welche Verbindung besteht zwischen heterogenen Empfindungsqualitäten?): und so dient das Gleichnis nur, um den schwachen Punkt umso mehr ins Licht zu setzen. - Ich hatte a. a. O., Seite 91, nur bezüglich der Bewegungsempfindungen bemerkt, daß in dem Fall, wor wir mit ruhendem Auge ein farbenerfüllt Fläche wahrnehmen und wo nach LOTZE die "von früher her haftende assoziierte" Bewegungsempfindung als Lokalzeichen eintreten sollte, das reproduktive Moment fehle, welches die Assoziation wirksam machen könne. In obiger Form ist der Einwand inzwischen von FRANZ BRENTANO (in Vorlesungen) und von REINHOLD GEYER (Geijer) in den Philosophischen Monatsheften XXI, 1885, Seite 543 erhoben worden. Der Letztere hält es aber nicht für unmöglich, durch Hilfsannahmen die Theorie zu rehabilitieren. Die Apperzeption einer Farbe könne zentral mit einer Verstärkung der optischen Erregung verbunden sein und dadurch weiterhin auch ein schon vorhandener Bewegungstrieb ein wenig verstärkt werden. Allein was würden uns diese physiologischen Mechanismen helfen? Wir hätten nun eben eine Summe stärkerer Farben- und eine Summe stärkerer (hypothetischer) Bewegungsempfindungen, und es wäre psychologisch ebenso unerklärt, wie diese stärkeren, als wie vorher die schwächeren zueinander gehören. HÖFFDING hat später (daselbst XXIV, Seite 426) zwecks Lösung der Schwierigkeit die Möglicheit einer Lokalisierung gleichzeitiger Eindrücke einfach geleugnet und die scheinbar gleichzeitige auf eine durch Übung sehr rasch erfolgende sukzessive Anordnung zurückgeführt. Aber abgesehen davon, daß die zeitliche Zusammengehörigkeit auf Kantischer Grundlage auch schon Schwierigkeiten machen würde, ist es doch eine unwidersprechliche experimentelle Tatsache, daß wir auch bei Anschluß aller Bewegungen, wie bei der momentanen Beleuchtung durch den elektrischen Funken, eine räumliche Verteilung von Gesichtseindrücken wahrnehmen. Es scheint daher, als habe HÖFFDING den Kern der obigen Schwierigkeit überhaupt nicht erfaßt. In seiner Psychologie (deutsch 1887, Seite 252f) geht er ganz darüber hinweg.
    6) So AUERBACH und von KRIES in DUBOIS-REYMONDs Archiv für Physologie, 1877, Seite 342, 349
    7) Wenn ich sage, Vielheit sei im Sinneseindruck selbst gegeben, so läßt sich das allerdings nicht ganz in dem gleichen Sinn behaupten, wie bei anderen Verhältnissen, etwa dem der Ähnlichkeit. Wir können die Vielheit als solche nicht ohne Reflexion auf den zusammenfassenden Akt erfassen, während die Ähnlichkeit, um wahrgenommen zu werden, eine analoge Reflexioin nicht voraussetzt. Hierüber vgl. HUSSERLs "Philosophie der Arithmetik", 1891, besonders Seite 70f. Doch darf von diesem Unterschied hier abgesehen werden. Wir müssen es eben doch dem gegebenen absoluten Inhalt selbst anmerken, ob er eine Mehrheit einschließt, und keine "Zeichen" können diese unmittelbare Wahrnehmung ersetzen.
    8) Vgl. hierüber, wie über Intensitäts- und Pluralzeichen, die in meiner "Tonpsychologie" unter "Zeichen" usw. im Register des II. Bandes zitierten Betrachtungen.
    9) RICHARD FALCKENBERG, Geschichte der neueren Philosophie, Seite 277
    10) Ich will natürlich nicht sagen, daß es unmöglich wäre, den Ausdrücken Materie und Form, wenn denn durchaus die  Worte  beibehalten werden sollen, irgendeine mit der Psychologie verträgliche und mit dem Sprachgebrauch nicht ganz unverträgliche Bedeutung zu geben, ebensowenig, daß zwischen Raum und Zeit einerseits und den sinnlichen Qualitäten andererseits gar kein Unterschied bestände. Aber die Versuche, welche gemacht worden sind, diese doppelte Gegenüberstellung in einem der Kantischen Lehre einigermaßen nahestehendem Sinn festzuhalten, scheinen mir nicht gelungen. - So kann ich mich dem HELMHOLTZschen Rettungsversuch bezüglich des Raums (Die Tatsachen in der Wahrnehmung, Seite 14f) schon darum nicht anschließen, weil mir die Voraussetzung von Innervationsempfindungen, von einer Wahrnehmung der Bewegungsimpulse in Gestalt von zentral erregter Empfindungen, worauf sich seine Umdeutung der Kantischen Lehre stützt, durch die zahlreichen neueren Untersuchungen definitiv als eine unbegründete erwiesen scheint. - WUNDT macht in seinem "System der Philosophie", Seite 100f, einen verwandten Versuch, darauf hinweisend, daß räumliche und zeitliche Eigenschaften in unserer Vorstellung sich nicht verändern können ohne Veränderung von Qualitäten, wohl aber umgekehrt, und daß bei konstanter Raum- und Zeitform die Qualitäten beliebig variieren können, nicht aber umgekehrt. (Ebenso in dem - nach dem Vortrag der vorliegenden Abhandlung in der Akademie erschienenen - Artikel: "Was uns Kant nicht sein kann", Philosophische Studien VII). Aber faktisch ist das lokale und temporale Moment ebenso unabhängig veränderlich wie das qualitative (die gegenteilige Ansicht beruth eben auch nur auf den rein hypothetischen Innervationsempfindungen oder sonstigen "Lokalzeichen"), und faktisch läßt sich die räumliche und zeitliche Anordnung bei konstanter Qualität der Eindrücke ebenso beliebig variieren, wie umgekehrt; wir können uns dieselben sechs Farben in den verschiedensten räumlichen, dieselben sechs Töne in den verschiedensten zeitlichen Verhältnissen (einschließlich der partialen oder totalen Gleichzeitigkeit) vorstellen.
    11) Vgl. COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, Seite 255 und öfter.
    12) COHEN, a. a. O. Seite 203. RIEHL, Kritizismus, Seite 7, 373 (Anm.)
    13) Auch COHEN spricht in seinem Sinne ausdrücklich von der "psychologischen Analyse unzugänglichen, das will sagen als a priori anzuerkennenden Elementen des Bewußtseins" (Seite 74).
    14) Dahingestellt können wir hier lassen, ob nur analytische oder auch synthetische Sätze die Quelle des Begriffs sind; ferner ob Notwendigkeit ein positiver oder negativer Begriff (Unmöglichkeit des Gegenteils), in welch letzterem Fall er doch auch einen positiven Teil enthielte, von welchem das Nämliche wie oben zu sagen wäre; endlich ob man Abstraktionen der beschriebenen Art zur "psychologischen" oder "inneren" Wahrnehmung im gewöhnlichen Sinne rechnen oder ob nicht vielmehr von der Wahrnehmung der Zustände als solcher die Wahrnehmung des Inhaltes (Gehaltes), und zwar als eine beurteilten, gewollten usf., unterschieden werden muß. Durch die Unterscheidung und Anerkennung dieser Wahrnehmungsrichtung löst sich vielleicht manches Mißverständnis im Hinblick auf den Psychologismus wie auch von Seiten desselben. Auch historisch begreift sich Manches besser. Wenn man die Beispiele "angeborener Ideen" bei DESCARTES und LEIBNIZ betrachtet, mit denen doch schließlich nichts anderes gemeint war als die durch innere Wahrnehmung gegebenen, so findet man diese beiden Klassen durcheinander gemengt (DESCARTES' Meditationen III: res, veritas, cogitatio. LEIBNIZ, (Erdmann, Seite 223): être, substance, un, même, cause, perception, raisonnement). KANT hatte nicht Unrecht, wenn er die Ideen von Sein, Identität und dgl. nicht aus der psychologischen Wahrnehmung in demselben Sinne ableitbar fand, wie die des Vorstellens, Schließens, Wollens. Aber er hatte Unrecht, sie um deswillen zu apriorischen Formen zu stempeln.
    15) Es gilt hier Analoges wie beim Begriff der Existenz. Vgl. BRENTANO, Psychologie I, Seite 279. MARTY, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. VIII, Seite 171f. HILLEBRAND, Die neuen Theorien der kategorischen Schlüsse, Seite 27f
    16) Ich kann SIGWART, Logik I, Seite 236 und VOLKELT, Erfahrung und Denken, Seite 142, welche jedes Erkenntnisurteil ohne Unterschied für notwendig erklären, ebensowenig zustimmen, als denen, die alles für bloß tatsächlich erklären. Daß wir ein bestimmtes Urteil über eine Tatsache fällen, ist freilich psychologisch ebenso notwendig, wie daß wir in einem anderen Fall ein Gesetz behaupten. Aber nicht von dieser Notwendigkeit des Behauptens ist die Rede, die ja auch SIGWART von der objektiven Wahrheit wohl unterscheidet (Seite 251), sondern von der Notwendigkeit des behaupteten Inhalts (Sachverhalts). In der behaupteten Wahrheit ist noch ein Unterschied, je nachdem sie als bloß tatsächlich oder als Gesetz behauptet wird, und niemals wird sich eine Tatsache in ein Gesetz oder ein Gesetz in eine Tatsache auflösen lassen.
    17) Ganz ebenso LIPPS in einer Rezension von RIEHLs "Kritizismus", Göttinger gelehrte Anzeigen, 1888, Nr. 24, Seite 911f.
    18) Siehe ZELLERs Geschichte der deutschen Philosophie, 2. Auflage, Seite 351f. BENNO ERDMANN, Kants Prolegomena, Seite XLV - LXVI. Derselbe, Kants Kritizismus etc. Seite 45.
    19) Darauf - auf eine Art von ontologischem Beweis der Außenwelt - läuft die berühmte "Widerlegung des Idealismus" in der 2. Auflage der  Kritik der reinen Vernunft  hinaus; aber auch in der 1. Auflage hat sich KANT oft genug in diesem Sinne ausgesprochen. Siehe hierüber VAIHINGERs Aufsatz "Zu Kants Widerlegung des Idealismus" in den "Straßburger Abhandlungen zur Philosophie", 1884; auch die Darstellung RICHARD FALCKENBERGs in seiner Geschichte der neueren Philosophie, Seite 268f. Freilich lassen sich hier wie beinahe überall auch entgegengesetzte Äußerungen anführen (so KEHRBACH, Seite 312 aus der 1. Auflage).
    20) In dem neuerdings (1888) durch KRAUSE veröffentlichten Opus posthumum "Vom Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik" unterscheidet KANT öfters direkte und indirekte Erscheinungen, auch Erscheinungen vom ersten und zweiten Rang, letztere wieder als Erscheinungen der ersteren. Er will aber damit nur die einzelnen sinnlichen Erscheinungsdata und die durch Anwendung der Kategorien entstehenden Erscheinungskomplexe (empirischen Gegenstände) gegenüberstellen, oder auch die sinnlichen Erscheinungen denen des inneren Sinnes, "da das Subjekt ihm selbst ein Gegenstand der empirischen Erkenntnis ist". Siehe Nr. 150 (wo nach "direkt" ein Punkt und das folgende "Erscheinungen" in Klammern zu setzen ist, wenn die Stelle verständlich werden soll). 160, 194, 201, 203, 209.
    21) WINDELBAND, Geschichte der neueren Philosophie II, Seite 75f. FALCKENBERG a. a. O. Seite 269. VAIHINGER sagt (a. a. O.) nur, daß man zu diesem Gedanken hingedrängt werde.
    22) Vgl. über dieses "Bewußtsein überhaupt" LAAS' lebendige Ausführungen in "Kants Analogien der Erfahrung", Seite 94f
    23) Die gegenteilige Meinung läßt sich historisch bis DESCARTES zurückverfolgen, indem er Raum und Zeit um der darauf gegründeten Mathematik und mathematischen Physik willen als "vollkommen klare und deutliche", daher objektive, dagegen die Qualitäten als "dunkle", daher nur subjektive Vorstellungen bezeichnete. Die für diese Dunkelheit angeführten Gründe (daß wir z. B. den Schmerz nicht immer genau lokalisieren können) waren freilich schwach genug; in sich ist eine Farben- oder Ton- oder Schmerzempfindung gewiß nicht verworrener als die Vorstellung eines Dreiecks.
    24) ERNST MACH, Beiträge zur Analyse der Empfindungen, Seite 44f. MACHs Ausführungen über den Unterschied zwischen optischer und geometrischer Ähnlichkeit, über den Eindruck der Symmetrie und dgl. sind in hohem Maße interessant und lehrreich, wenn ich auch den Erklärungen nicht unbedingt zustimmen möchte. Er weist auch darauf hin (Seite 76), daß der Einfluß des Empfindungsraums sich doch gelegentlich in der Geometrie noch gegen ihre Intentionen geltend macht, wie wenn man konkave und konvexe Krümmung unterscheidet, wo der Geometer eigentlich nur die Abweichung vom Mittel der Ordinaten kennen sollte. Auf die Unvertauschbarkeit von Rechts und Links hat ja auch schon KANT Gewicht gelegt. Die Subjektivität des Empfindungsraumes folgt daraus in der Tat; nicht aber folgt, daß er als apriorische Form von Materie der Empfindung zu trennen sei.
    25) Wie WUNDT, System der Philosophie, Seite 119, mit vielen Anderen behauptet.
    26) HELMHOLTZ sagt bezüglich des Kausalgesetzes, das er als ein a priori gegebenes, transzendentales Gesetz bezeichnet: "Hier gilt nur der eine Rat: Vertraue und handle!" (Die Tatsachen der Wahrnehmung, Seite 41f) Die umgekehrte Ordnung würde mir in diesem Fall zutreffender scheinen: "Handle und vertraue!" Oder mit einem Wort: "Probiere!" - Auf dieselbe Auffassung sah sich auch ERNST LAAS in seinem polemischen Aufsatz in den "Strassburger Abhandlungen zur Philosophie" (1884) geführt, als er der sogenannten "kritischen Methode" und dem Begriff von "Bedingungen einer möglichen Erfahrung" einen haltbaren Sinn unterzulegen versuchte.
    27) In seinen jüngst veröffentlichten "Beiträgen zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht" (Sitzungsbereichte der Berliner Akademie, Philosophisch-historisch Klasse 1890) betont DILTHEY gegen der "intellektualistischen" Interpretation dieses Glaubens die hervorragende Bedeutung der Willensvorgänge und "Willenserfahrungen". Er versucht dadurch auch über die Annahme hinauszukommen, daß die Realität der Außenwelt nur den Wert einer Hypothese habe. Den Unterschied der philosophischen Begründung und der psychologischen Entstehung des Glaubens findet er darin, daß die erstere dasjenige analytisch darstelle, was in der lebendigen Erfahrung gegeben ist, und dann mittels der in dieser Erfahrung aufgefundenen Bestandteil den Horizont derselben erweitere. Ich möchte den Unterschied doch nicht bloß in der Methode, sondern vor allem im Gegenstand selbst finden. Die Außenwelt im erkenntnistheoretischen, überhaupt wissenschaftlichen Sinne scheint mir wirklich nichts weiter als eine Hypothese, die denn auch als solche nur durch intellektuelle, und zwar wissenschaftliche, Operationen gestützt werden kann und darf. Hingegen zur Erklärung der psychologischen Außenwelt - wenn ich den Ausdruck gebrauchen soll - muß der ganze Apparat der Seelenkräfte herangezogen werden und unter ihnen gewiß in hervorragenden Maße die Willenstätigkeiten, insofern die Unterscheidung des eigenen von fremden Körpern zum großen Teil darauf beruth. Hier werden auch die pathologischen Zustände, welche DILTHEY ausgiebig verwertet, in der Tat lehrreich.