cr-2Schleiermachervon HartmannR. HaymTrendelenburgK. Popper     
 
BENEDETTO CROCE
Lebendiges und Totes
in Hegels Philosophie

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"Und, wenn auch wirklich wahr wäre, was doch falsch ist, nämlich daß das Sein sich selbst verneinen kann, so würde immer wieder die Frage auftauchen: Was könnte es bewegen, sich selbst zu verneinen? Welchen Grund könnte man für das Verlangen angeben, daß das Sein sich selbst verneinen, sich verleugnen, kurz den verrückten Versuch machen muß, sich aufzuheben? Denn das  Hegelsche System tut nichts weniger, als  das Sein verrückt werden zu lassen, als den Wahnsinn in alle und jede Sache einzuführen. So behauptet er, ihnen das Leben, die Bewegung den Übergang, das Werden zu geben. Ich weiß nicht, ob man je in der Welt einen ähnlichen Versuch gesehen hat, alle Dinge und das Sein selbst als verrückt darzustellen."

Der philosophische Begriff ist allgemein (universal) und nicht nur verallgemeinert (generell); er ist nicht zu verwechseln mit den Allgemeinvorstellungen, wie Haus, Pferd, Blau des Himmels, die man gewöhnlich aus einer, wie Hegel sagt, barbarischen Gewohnheit Begriffe nennt.


I. Die Dialektik oder die
Synthese der Gegensätze

HEGEL gehört zu denjenigen Philosophen, die nicht nur die unmittelbare Wirklichkeit zum Gegenstand ihres Denkens gemacht haben, sondern auch die Philosophie selbst, und trägt so dazu bei, eine  Logik der Philosophie  zu begründen. Ja, mir scheint sogar, daß die Logik der Philosophie - mit den vielen Folgerungen, welche sich daraus für die Lösung der besonderen Probleme und für das Verständnis des Lebens ergeben - das Ziel war, auf welches er die hauptsächlichste Kraft seines Geistes richtete. In ihr fand er oder vervollkommnete und brachte er Prinzipien von höchster Wichtigkeit zur Geltung, welche von den früheren Philosophen ignoriert oder kaum erwähnt worden waren, und die man deshalb als seine eigenen Entdeckungen betrachten kann.

Es ist seltsam, welchem Widerstreben dieser Begriff begegnet, - der doch so einfach ist und wegen seiner unwiderstehlichen Evidenz angenommen werden müßte, - nämlich der Begriff einer Logik der Philosophie, das heißt mit anderen Worten: daß die Philosophie sich nach einer eigenen Methode fortbewegt, deren Theorie zu erforschen und zu formulieren sei. Niemand zieht in Zweifel, daß die Mathematik ihre Methode besitzt, die man in der Logik der Mathematik studiert, daß die Naturwissenschaften die ihrige haben und sich darauf die Logik der Beobachtung des Experiments, der Abstraktion aufbaut; daß die Geschichtsschreibung ihre Methode hat und des also eine Logik der geschichtlichen Methode gibt; ebenso die Poesie und die Kunst überhaupt, und daß eine Logik der Poesie und der Kunst, die Ästhetik, existiert; daß in der ökonomischen Tätigkeit eine Methode ist, die dann in reflektierter Form in der Nationalökonomie erscheint; und daß schließlich die moralische Tätigkeit ihre Methode hat und sich reflektiert als Ethik darstellt (oder als Logik Willens, wie sie zuweilen genannt wurde). Aber, wenn man bei der Philosophie anlangt, widerstreben sehr viele der Folgerung, daß also auch die Philosophie - wenn man sie einmal betreibt - eine eigene Methode haben müsse, die näher zu bestimmen sei. Und umgekehrt wundern sich nur ganz wenige über die Tatsache, daß die Abhandlungen über Logik, während sie den mathematischen, naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Disziplinen ein breites Feld einräumen, andererseits die philosophischen Diszplinen gewöhnlich gar nicht hervortreten lassen und sie oftmals direkt mit Stillschweigen übergehen.

Daß eine Logik der Philosophie abgeleugnet wird von demjenigen, der - entweder aus Mangel an Überlegung oder aus geistiger Verwirrung oder aus Sonderbarkeit - die Philosophie überhaupt ableugnet, ist ganz natürlich, da man nicht verlangen kann, daß man die Theorie eines Gegenstandes anerkenne, dessen Realität einem unbekannt ist. Für sie existiert keine Philosophie, und somit auch keine Logik der Philosophie, und damit fertig: selig sind, die zufrieden sind! - Ich wundere mich vielmehr darüber, daß selbst Philosophen oder Philosophierende überhaupt kein Bewußtsein von jener unbestreitbaren Notwendigkeit haben. Und mancher von ihnen erklärt, daß die Philosophie der abstrakt-deduktiven Methode der Mathematik folgen müsse; und ein anderer findet für sie keinen anderen Ausweg, als sich streng an die experimentelle Methode zu halten; und er erträumt und preist seine Philosophie, die man in den Naturalienkabinetten und in den Kliniken studiert, eine Metaphysik der Erfahrung usw. Ja sogar - und dies ist die neueste Mode, oder wenn nicht neu, so doch wieder hervorgeholt - ist man jetzt gewohnt eine individuelle und phantastische Philosophie zu empfehlen, die sich wie die Kunst produzieren läßt. So scheint jede Methode für die Philosophie recht zu sein (vom Zirkel und vom Chirurgenmesser bis zur Leier), ausgenommen die philosophische.

Gegen derartige Gesichtspunkte würde eine einzige Bemerkung genügen: wenn nämlich die Philosophie Einsicht verleihen und sich darstellen soll als das reflektierte Bewußtsein der Kunst und der Geschichte, der Mathematik und der Naturforschungen, sowie der praktischen und moralischen Tätigkeit, so versteht man nicht, wie sie dies tun könne, wenn sie sich an die Methode eines dieser besonderen Gegenstände anschließt. Wer sich bei einem Gedicht darauf beschränkt, die poetische Methode anzuwenden, wird in sich die Schöpfung des Dichters, d. h. dieses oder jenes bestimmte Kunstwerk nachempfinden, aber er wird auf diesem Weg nie zur philosophischen Erkenntnis der Poesie gelangen. Wer sich bei einer mathematischen Theorie begnügen würde, mathematisch zu denken, wird vielleicht zum Anhänger, zum Kritiker, zum Vervollkommner dieser Theorie; aber er wird nicht zur Erkenntnis des Wesens mathematischre Arbeit gelangen. Ist also der Zweck der Philosophie nicht die Produktion oder Reproduktion der Kunst, der Mathematik und der anderen verschiedenen Tätigkeiten des Menschen, sondern das Begreifen von ihnen allen - die Einsicht in sie -, so ist dieses Verstehen selbst eine Tätigkeit, welche ihre eigene hineingewachsene und innere Methode hat, die man erst herausschälen muß.

Wie dem auch immer sei, es ist eine nutzlose Hoffnung, das Werk HEGELs verstehen und beurteilen zu können, wenn man sich nicht immer klar ins Gedächtnis ruft, daß das genannte Problem, sein hauptsächlichstes, sein großes Problem war: das zentrale Problem der  Phänomenologie des Geistes  und der neuen Formen, unter welchen dieses Buch in der  Wissenschaft der Logik  und in der  Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften  erschien. Und eine vollkommene Darlegung von HEGELs Gedanken, eine eingehende und kritische Darlegung, - die nicht wie in fast allen Geschichten der Philosophie und selbst in den speziellen Monographien über ihn (z. B. in der neuen und sehr umfangreichen von KUNO FISCHER) in einer zusammenfassenden Wiederholung des Inhalts seiner Bücher besteht, nachtretend bis in die Einteilung in Abschnitte und Kapitel, - müßte in erster Linie und im hauptsächlichsten Teil gewidmet sein seiner Lehre über das Wesen der philosophischen Forschung und über die Unterschiede dieser Forschung gegenüber den anderen theoretischen und nicht theoretischen Formen.

Man müßte vor allem den dreifachen Charakter darlegen, den nach HEGEL das philosophische Denken gegenüber den drei geistigen Tätigkeiten oder Stellungen annimmt, mit welchen man es sehr leicht verwechselt. Das philosophische Denken ist für HEGEL:
    1. Begriff;
    2. Allgemeines (Universales);
    3. Besonderes (Konkretes).
Es ist  Begriff  und also nicht Empfindung oder Verzückung oder übersinnliche Anschauung oder ein anderer psychischer, alogischer und unbeweisbarer Zustand. Dies begründet den Unterschied der Philosophie gegenüber den Lehren der Mystik und des unmittelbaren Wissens; diese haben allerhöchstens eine negative Bedeutung, insofern sie anerkennen, daß sich die Philosophie nicht mit der Methode der Erfahrungs- und der Naturwissenschaften, d. h. der Wissenschaften des Endlichen aufbauen läßt: haben aber keinerlei positive Bedeutung. Sie sind, wenn man so will, tief, aber von einer "leeren Tiefe". Gegen den Mystizismus, die Raserei, die Seufzer, das Aufschlagen der Augen zum Himmel und Beugen der Nacken und Falten der Hände, die Verzückungen, die prophetischen Aussprüche, die mysteriösen Phrasen der Eingeweihten, wird HEGEL von einer wilden Satire erfaßt; und er betont immer, daß die Philosophie eine faßliche und intelligible, vernünftige Form haben muß; nicht verschleiert darf sie sein, sondern sie muß gemeinfaßlich sein, nicht Angelegenheit einer Sekte, sondern Sache der Menschheit. - Der philosophische Begriff ist  allgemein  (universal) und nicht nur verallgemeinert (generell); er ist nicht zu verwechseln mit den Allgemeinvorstellungen, wie  Haus, Pferd, Blau des Himmels,  die man gewöhnlich aus einer, wie HEGEL sagt, barbarischen Gewohnheit  Begriffe  nennt. Dies begründet den Unterschied zwischen der Philosophie und den empirischen und Naturwissenschaften, die sich mit Typen und repräsentativen Verallgemeinerungen begnügen, sowie mit deren Aggregaten. - Das  philosophische Allgemeine  schließlich ist  konkret  (einzelnes), das heißt, es besteht nicht aus willkürlichen Abstraktionen; es ist nicht das Skelett der "Wirklichkeit", sondern das Verständnis derselben in ihrer ganzen Reichhaltigkeit und Fülle; die philosophischen Abstraktionen sind notwendig und deshalb werden sie dem Realen gleichwertig, und sie verstümmeln und verfälschen es nicht. Und dies setzt den Unterschied zwischen der Philosophie und den mathematischen Disziplinen fest, welche ihrerseits ihre Ausgangspunkte nicht rechtfertigen, sondern sie "erfordern"; und es ist nötig - sagt HEGEL - der Forderung zu gehorchen, diese und jene Linie zu ziehen, ohne etwas anderes als die Zuversicht zu haben, daß die Sache für den Fortgang der Beweisführung angemessen sein wird. Die Philosophie hingegen hat das zum Gegenstand, was wirklich ist; und sie muß sich selbst vollkommen rechtfertigen, ohne irgendeine Voraussetzung in sich aufzunehmen oder aus sich auszuschließen (1).

Und zur Erläuterung dieses dreifachen Unterschiedes, wonach der wahre philosophische Begriff als  logisch, universal  und  konkret  erscheint, wäre es nötig, in einer ausführlichen Abhandlung die anderen Doktrinen zu entwickeln, die sich an die erste und grundlegende anschließen: einige derselben sind sehr wichtig, wie z. B. die Wiederaufnahme des ontologischen Beweises (der Replik des Sankt ANSELM gegen KANT, das heißt der These, daß im philosophischen Begriff die Essenz auch die Existenz in sich verflochten hat und nicht davon losgelöst ist, wie es in den Vorstellungen des Konkreten geschieht). Ferner die Lehre vom "Urteil", als Verknüpfung von Subjekt und Prädikat aufgefaßt, das deshalb, wenn es sich auf ein nicht analysiertes Substrat stützt, als der Philosophie nicht adäquat anerkannt wird (deren wahre Form der "Syllogismus" ist, aufgefaßt als die volle Logizität, die sich mit sich selbst wieder vereinigt). Ferner die Kritik derjenigen Theorie, welche den Begriff als einen Komplex von  Kennzeichen  hinstellt (was HEGEL das wahre  Kennzeichen  der Oberflächlichkeit der gewöhnlichen Logik nennt). Ebenso die Kritik der Einteilungen in Spezies und Klassen; der Nachweis der Nichtigkeit jeder logischen Kalkulation (was in unseren Zeiten eine geradezu heilende Wirksamkeit haben kann); und andere Lehren, die nicht weniger wichtig sind.

Aber es ist nicht meine Absicht, in dieser Schrift eine vollständige Ausführung des HEGELschen Systems zu geben, noch auch seiner logischen Lehre allein, sondern die ganze Aufmerksamkeit auf den Teil zu konzentrieren, welcher der charakteristischste seines Gedankens ist; sowohl auf seine neuen Gesichtspunkte der Wahrheit, die von ihm aufgedeckt wurden; als infolgedessen auch auf die Fehler, die er nicht zu beseitigen wußte und in die er hierbei verfiel. Die eben kurz erwähnten Thesen beiseite lassend - gegen die mir eine Auflehnung nicht möglich erscheint, obwohl ich anerkenne, daß zu deren Erlernung anzureizen wäre, indem man sie wie das ABC der Philosophie behandelt, das jetzt oft vernachlässigt wird - komme ich jetzt ohne weiteres zu dem Punkt, an dem sich alle Disputationen entzündet haben und gegen den sich die entschiedenen Negationen der Gegner gewandt haben: das ist die HEGELsche Behandlung des Problems der  Gegensätze

Dies ist ein Problem, dessen Grenzen gut klargelegt werden müssen, um die ganze Wichtigkeit und Schwierigkeit zu verstehen. Der philosophische Begriff, der, wie man sich erinnert, ein einzelnes Allgemeines ist (ein konkretes Universales), also sowohl allgemein als auch einzeln, schließt Unterscheidungen nicht aus, im Gegenteil schließt sie in sich ein: es ist das in sich selbst unterschiedene Allgemeine und aus diesen Unterscheidungen hervorgehende. Wie sich die empirischen Begriffe in Klassen und Unterklassen scheiden, so hat auch der philosophische Begriff seine partikularen Formen; er ist kein mechanisches Aggregat, wohl aber ein Organismus, darin sich jede Form innig mit den anderen und dem Ganzen zusammenschließt. Zum Beispiel: die Phantasie und der Intellekt sind partikulare philosophische Begriffe hinsichtlich des Begriffes "Geistes-" oder "geistiger Tätigkeit"; abser sie sind nich außer- oder unterhalb des Geistes, sondern sind der Geist selbst in jenen besonderen Formen; und es ist auch nicht eins vom andern getrennt, wie zwei Wesenheiten, deren jede in sich geschlossen und der anderen fremd ist, sondern das eine geht in das andere über, also ist die Phantasie, wie man gemeinhin sagt, soviel sie auch vom Intellekt verschieden ist, das Fundament des Intellekts und diesem unentbehrlich.

Jedoch befindet sich unser Gedanke im Aufsuchen der Wirklichkeit nicht nur gegenüber  unterschiedenen  Begriffen, sondern auch gegenüber  entgegengesetzten,  die nicht mit den ersten identifiziert, noch als spezielle Fälle der ersteren betrachtet werden dürfen, gewissermaßen als eine Art von Unterschieden. Anders ist die logische Kategorie der Unterscheidung; anders die der Entgegensetzung. Zwei unterschiedene Begriffe vereinigen sich, wie gesagt, untereinander schon durch ihre Unterscheidung; zwei entgegengesetzte Begriffe scheinen sich auszuschließen: wo der eine eintritt, verschwindet der andere vollständig. Ein unterschiedener Begriff ist vorausgesetzt und lebt im anderen, welcher ihm in der idealen Ordnung folgt. Ein gegensätzlicher Begriff wird von seinem Gegenteil aufgehoben; für sie gilt der Satz:  mors tua, vita mea [Dein Tod ist mein Leben. - wp]. Beispiele unterschiedlicher Begriffe sind die schon erwähnten der "Phantasie" und des "Intellekts", und die weiteren, die man anschließen könnte, die Begriffe des Rechts, der Moralität und ähnliche. Aber die Beispiele der gegensätzlichen Begriffe entnimmt man aus den zahllosen Wortpaaren, deren unseren Sprache voll ist, und die sicher keine friedlichen und freundschaftlichen Paare darstellen. Es sind die Antithesen des Echten und des Falschen, des Guten und des Schlechten, des Schönen und des Häßlichen, des Wertes und der Wertlosigkeit, der Freude und des Schmerzes, der Aktivität und der Passivität, des Positiven und des Negativen, des Lebens und des Todes, des Seins und des Nichts, usw. Es ist nicht möglich, die beiden Reihen, die der Unterschiede und die der Gegensätze, zu verwechseln; so sehr fällt ihre Verschiedenheit in die Augen.

Wenn nun die Unterscheidung die konkrete Einheit des philosophischen Begriffs nicht nur nicht hindert, sondern vielmehr ermöglicht, so scheint es nicht, daß man dasselbe von der Entgegensetzung denken kann. Diese ist der Ursprung für tiefe Lücken innerhalb des philosophischen Allgemeinen und jeder seiner besonderen Formen, und auch für unversöhnliche Dualismen. Statt des konkreten Universalen, des gesuchten Organismus der Wirklichkeit scheint der Gedanke überall an zwei Allgemeinheiten anzustoßen: eine gegen die andere, eine die andere bedrohend. Die Vollendung der Philosophie wird dadurch aufgehalten; und da eine Tätigkeit, die ihre Vervollständigung nicht erreichen kann, damit selber beweist, daß sie sich eine absurde Aufgabe gestellt hat, so droht der Philosophie selbst, der ganzen Philosophie überhaupt, der Zusammenbruch.

Die Realität dieser Gefahr war der Grund, daß der menschliche Geist von jeher - wenn auch, ohne sich dessen ausdrücklich bewußt zu werden - sich mit dem Problem der Gegensätze abgequält hat. Und eine der Lösungen, an die man sich im Laufe der Jahrhunderte angeklammert hielt, ist diejenige gewesen, die Gegensätze vom philosophischen Begriff auszuschließen, indem man darauf bestand, daß die gefährliche logische Kategorie der Gegensätze oder Widersprüche nicht existiert. Die Tatsache freilich bewies, um die Wahrheit zu sagen, direkt das Gegenteil; aber diese Tatsache leugnete man ab und von den beiden Termini nahm man nur einen an, indem man den anderen zur  Täuschung  erklärte, oder, was dasselbe ist, indem man zwischen den einen und den anderen eine unmerkliche und rein quantitative Differenz setzte. Eine derartige logische Lehre von den Gegensätzen ist enthalten in den philosophischen Systemen des Sensualismus, des Empirismus, des Materialismus, des Mechanismus und wie sie alle heißen. So sind der Gedanke und die Wahrheit, je nachdem es beliebte, eine Ausscheidung des Gehirns oder eine Wirkung der Assoziation und der Gewohnheit geworden, die Tugend eine Abspiegelung des Egoismus, die Schönheit eine Verfeinerung der Sensualität, das Ideal ich weiß nicht was für ein wollüstiger oder launenhafter Traum, usw.

Gegen diese erstere Lehre hat im Laufe der Jahrhunderte auch die andere logische Lehre ihre Kraft eingesetzt, welche die Gegenübersetzung als fundamentale Kategorie aufstellt. Diese Lehre findet man in den zahlreichen dualistischen Systemen wieder: sie erkennen die von der ersten taschenspielerartig weggeschaffte Antithese wieder an und betonen beide Termini, das Sein und das Nichtsein, das Gute und das Schlechte, das Echte und das Falsche, das Ideale und das Reale, also die Termini der einen Reihe genau im Gegensatz zu denen der anderen. Und zweifelsohne hat die dualistische Ansicht gegenüber der ersteren ihren Wert, jedoch lediglich einen polemischen, um die Verneinung der anderen zu verneinen. Innerlich stellt sie so wenig zufrieden, wie die andere, weil, wenn die erstere die Gegenübersetzung der Einheit opfert, letztere die Einheit der Gegenübersetzung opfert.

Für das Denken sind diese beiderlei Opfer derart unmöglich, daß man dann immer die Verfechter der einen Doktrin in mehr oder weniger bewußter Art zu Verfechtern der andern übergehen sieht. Die Unitaristen schleppen heimlicherweise die Dualität der Gegensätze ein, indem sie dieselbe die Dualität der Realität und der Jllusion nennen; aber aus der Jllusion wissen sie ebensowenig zu machen, wie aus der Realität, ja sie sagen sogar mitunter, daß der Impuls des Lebens in der Jllusion beruth. Und die Oppositionisten erkennen alle eine Identifizierung oder die Einheit der Gegensätze an: diese sei dem menschlichen Geist nur wegen seiner Unvollkommenheit unfaßbar, aber notwendig zum Verständnis der Wirklichkeit. Auf diese Weise verwickeln sich die einen wie die andern in Widersprüche und erkennen schließlich offen an, daß das Problem, welches sie sich vorgenommen hatten, nicht gelöst worden ist und eben ein Problem verbleibt.

Denn die "notwendige Jllusion" oder "die notwendige Unvollkommenheit des menschlichen Geistes" sind Ausdrücke, für die man, soviel man auch sucht, keine Bedeutung findet. Wir kennen nur zufällige und relative Täuschungen, individuelle und relative Vollkommenheiten. Eine Realität außerhalb der Realität, einen Geist außerhalb des menschlichen Geistes kann man nicht begreifen, nicht einmal einen Vergleich daraus machen. Sowohl die Wirklichkeit als auch der Geist zeigen uns also Einheit und Opposition, und die Unitaristen, soweit sie die erstere anerkennen, sowie die Oppositionisten, soweit sie die andere anerkennen, haben (laut dem Ausspruch von LEIBNIZ gelegentlich der philosophischen Systeme) recht in dem, was sie anerkennen, und unrecht in dem, was sie verneinen. HEGEL wurde nie müde, die männliche Standhaftigkeit der Materialisten und Sensualisten und Monisten jeder Art zu bewundern, wenn sie die Einheit des Wirklichen versichern. Und wenn er durch die geschichtlichen Bedingungen, unter denen sich sein Denken entwickelte, die dualistischen Formen weniger bewunderte, ja so gar keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, ihnen seine Antipathie zu bezeugen, so vergaß er doch andererseits nie, daß das Bewußtsein von der Gegensätzlichkeit ebenso gerechtfertigt und unbesiegbar ist, wie das von der Einheit.

Der Fall scheint also verzweifelt, und verzweifelt bis zur Hoffnungslosigkeit könnte man ihn nennen. Denn das Problem für unlösbar zu erklären, wäre auch ein zu erwägender Ausweg; wenn wir nicht schon, indem wir darüber nachdachten, den Knoten zugunsten des Denkens, und das heißt also der Hoffnung, zerschnitten hätten. Der neutrale Beobachter, der die Geschichte der Philosophie betrachtet, sieht auf jede Anerkennung des Monismus eine Wiederherstellung des Dualismus folgen, und umgekehrt: den einen unfähig, den anderen zu ersticken, aber zeitweilig jeden einzelnen mächtig genug, den anderen in Schach zu halten. Es scheint fast, als ob der Mensch, wenn er von der Einförmigkeit des Monismus gesättigt ist, sich in der Mannigfaltigkeit des Dualismus zerstreut, und wenn er von diesem müde ist, wieder in den Monismus taucht, und so in den beiden Bewegungen abwechselt, indem er hygienisch die eine durch die andere temperiert. Der neutrale Beobachter sagt bei jeder Epidemie des Materialismus lächelnd: "Warten wir es ab, jetzt kommt gleich der Spiritualismus!" Und wenn dieser seine größten Triumphe feiert, lacht er in gleicher Weise und sagt: "Warten wir ab, binnen kurzem wird der Materialismus zurückkehren!" - Aber das Lächeln ist ein erzwungenes und flüchtiges, weil es wirklich keine heitere Stellung für denjenigen ist, der ohne Ruhe aus einem Extrem in das andere geschleudert wird, wie durch eine ihm überlegene und unbezwingliche Macht.

Und doch lebt bei all den Schwierigkeiten, die ich in ihrer ganzen Härte habe beleuchten wollen, im Grunde unserer Seele die hartnäckige Überzeugung, daß jener unbezwingliche Dualismus, jenes unentwirrbare Dilemma im Grunde doch zu bezwingen und entwirren ist, daß der Gedanke der Einheit nicht unvereinbar ist mit dem der Gegensätzlichkeit, und daß man sich diese Gegensätzlichkeit in der Form des Begriffs denken kann und zu denken hat, die eine höchste Einheit ist. Der ursprüngliche Gedanke, - den man nichtphilosophisch zu nennen pflegt, den man aber summarisch oder im Keim erfaßt doch philosophisch nennen könnte, - verwirrt sich nicht vor dieser Schwierigkeit: er denkt die Einheit und mit ihr zusammen die Gegensätzlichkeit. Sein Wahrspruch ist nicht  mors tua, vita mea,  sondern  concordia discors [Eintracht in der Zwietracht - wp]. Er erkennt an, daß das Leben ein Kampf und doch harmonisch ist; daß die Tugend ein Kampf gegen uns selbst ist und daß sie doch unser Selbst ist, daß aus dem Innern einer überwundenen Gegensätzlichkeit wieder eine neue Gegensätzlichkeit hervorwächst und folglich eine neue Überwindung und dann ein neuer Gegensatz, usw; aber daß eben dies das Leben ist. Er weiß nichts von exklusiven Systemen: die Weisheit der Sprichwörter gibt bald dem Reife, bald dem Faß einen Schlag und ermuntert uns mit optimistischen und pessimistischen Bemerkungen, die sich abwechselnd verneinen und ergänzen. -

Was fehlt dem naiven Gedanken, der ursprünglichen Philosophie? Eigentlich nichts; und deshalb sehnt man sich immer mitten im Rauch und Staub der wissenschaftlichen Schlachten nach dem gesunden Menschenverstand, nach der Wahrheit, die ein jeder unmittelbar in sich selbst findet, ohne die Mühseligkeiten, Feinheiten und Übertreibungen der Philosophen vom Fach. Aber diese Sehnsucht ist unfruchtbar, denn die Schlacht ist eröffnet und nur mit einem Sieg kann man zum Frieden zurückkehren. Der naive Gedanke - und das ist sein Fehler - ist nicht in der Lage, über seine Behauptungen Rechenschaft abzulegen; bei jedem Zwischenruf schwankt er, wird verwirrt und widerspricht sich. Seine Wahrheiten sind keine festgelegten Wahrheiten, weil sich eine neben die andere aufreiht, ohne untereinander verknüpft zu sein. Es ist die richtige Stellungnahme, aber es fehlt das System. Willkommen sind die Widersprüche und die Zweifel und das schmerzliche Bewußtsein der Antithesen, willkommen der Kampf, wenn er notwendig ist, um die volle und in sich sichere Wahrheit zu erreichen. Diese Wahrheit also, die von derjenigen des gewöhnlichen und naiven Denkens wegen der Durcharbeitung sehr verschieden ist, muß substanziell wohl dieselbe sein; und es ist sicher ein schlechtes Zeichen, wenn eine Philosophie gegen das naive Bewußtsein kontrastiert. Und es geschieht dabei, daß man oft die Leute bei einer einfachen folgerichtigen Darlegung der philosophischen Wahrheiten, welche Anstrengungen von Jahrhunderten gekostet habe, die Achseln zucken sieht und sie bemerken hört, daß die gerühmte Entdeckung nur eine höchst einfache und uns allen wohlbekannte Sache ist. Das gerade Gegenstück dessen, was bei den genialen Schöpfungen der Kunst geschieht; diese entwickeln sich mit so großer Einfachheit und Natürlichkeit, daß jeder die Meinung hat, sie selbst gemacht zu haben oder selbst machen zu können.

Wenn der naive Gedanke uns die Hoffnung und den Hinweis auf die Vereinbarkeit von Einheit und Gegensätzlichkeit gibt, so steht vor uns noch ein Faktum, das uns dafür ein annäherndes Modell bietet. Der Philosoph hat an seiner Seite den Dichter; und auch der Dichter sucht das Wahre, auch der Dichter dürstet nach Realität; auch ihn, gerade wie den Philosophen, stoßen die willkürlichen Abstraktionen ab, weil er zum Lebhaften und Konkreten hält. Auch er verabscheut die stummen Leidenschaften der Mystiker und der Sentimentalisten, weil er das, was er empfindet, sagt und dem Ohr in schönen, klaren und silbernen Worten klingen läßt. Aber der Dichter ist nicht zum Unerreichbaren verurteilt; diese Wirklichkeit, die mit Gegensätzen durchtränkt ist, wird betrachtet und wiedergegeben, zitternd von Gegensätzen und dennoch einheitlich und ungeteilt. Kann der Philosoph nicht dasselbe tun? Ist die Philosophie nicht eine Betrachtung wie die Poesie? Warum muß dem philosophischen Begriff, der doch in allem dem ästhetischen Ausdruck analog ist, diese Vollkommenheit fehlen, die der anderen eigen ist, diese Macht, die Einheit in der Gegensätzlichkeit zu lösen und darzustellen? Sicher ist die Philosophie eine Betrachtung des Allgemeinen und somit Denken; und die Poesie eine Betrachtung des Individuellen, mithin Anschauung und Phantasie. Aber warum kann das philosophische Allgemeine nicht wie der ästhetische Ausdruck gleichzeitig verschieden und doch eins sein, entzweit und doch einig, abgesondert und doch zusammenhängend, fest und doch beweglich? Warum sollte die Realität, wenn der Geist von der Betrachtung des Einzelnen zur Betrachtung des Ganzen aufsteigt, den ihr eigenen Charakter verlieren? Ist das All-Eine in uns nicht so lebhaft, wie das Einzelne?

Und hier entsendet HEGEL einen Jubelschrei, den des Entdeckers, das Heureka, das Prinzip der Lösung des Problems der Gegensätze: ein äußerst einfaches Prinzip, das sich derart von selbst darzubieten scheint, daß es verdient, mit der Geschichte vom Ei des Kolumbus auf gleiche Stufe gestellt zu werden. Die Gegensätze sind keine Jllusion und die Jllusion ist keine Einheit. Die Gegensätze sind Gegensätze unter sich, sind aber nicht Gegensätze gegen die Einheit, da die wahre und konkrete Einheit nichts anderes ist als eine Einheit oder Synthese der Gegensätze. Sie ist keine Unbeweglichkeit, sie ist Bewegung; sie ist nichts Festliegendes, sie ist Entwicklung. Der philosophische Begriff ist eine konkrete Allgemeinheit; und deshalb ist er das Denken der Realität, alles in Einem vereint und doch getrennt. Nur so entspricht die philosophische Wahrheit der poetischen Wahrheit und der Pulsschlag des Gedankens dem Pulsschlag der Dinge.

Es ist dies in der Tat die einzig mögliche Lösung, welche die beiden vorhergehenden, die ich Monismus und Dualismus der Gegensätze genannt habe, nicht zurückstößt, sondern sie beide bestätigt, sie als einseitige Wahrheiten, als Bruchstücke der Wahrheit betrachtet, welche ihre Interpretation in einer dritten erwarten, mit der die erste, zweite und selbst die dritte entschwindet, sich in der einzigen Wahrheit versenkend. Und die einzige Wahrheit ist, daß die Einheit die Gegensätzlichkeit nicht gegen sich, sondern in sich selbst hat, und daß ohne die Gegensätzlichkeit die Realität nicht Realität sein würe, weil sie keine Entwicklung und Leben wäre. Die Einheit ist das Positive, die Gegensätzlichkeit das Negative; aber das Negative ist auch positiv, positiv, soweit es negativ ist; und wenn dies nicht wäre, würde man die Fülle des Positiven nicht verstehen. Wenn die Analogie zwischen Poesie und Philosophie nicht gefällt, wenn der konkrete Begriff, der als logische Form der Entwicklung der Intuition, ihrer poetischen Form entspricht, nicht klar erscheinen würde, - jetzt, wo die Vergleiche und die Metaphern gerne aus den Naturwissenschaften genommen werden, könnte man sagen, indem man die Genauigkeit des Vergleichs der günstigen Gelegenheit opfert, - daß das konkrete Allgemeine mit seiner Synthese der Gegensätze sich an das Leben hält und nicht an den Kadaver des Lebens: es gibt die  Physiologie  und nicht die  Anatomie  des Realen.

HEGEL nennt seine Lehre über die Gegensätze die  Dialektik  und weist die anderen Formeln der  Einheit  und der  Vereinigung der Gegensätze  zurück, die durch ihren Gleichlaut nur Verwechslungen erzeugen würden, weil in diesen Formeln nur die Einheit ein Relief erhält und nicht auch gleichzeitig die Gegensätzlichkeit. Die beiden abstrakten Elemente oder besser die Gegensätze in ihrer Trennung für sich genommen, werden von ihm  Momente  genannt, indem er das Bild aus den Momenten (bewegenden Kräften) des Hebels entnimmt, und Moment wird mitunter auch der dritte Terminus genannt, nämlich der der Synthese. Die Beziehung der beiden ersten zum Dritten wird mit dem Wort  lösen  oder  aufheben  ausgedrückt, das, wie HEGEL bemerkt, in sich schließt, daß die beiden Momente sich verneinen, sowie man sie getrennt nimmt, daß sie aber in der Synthese erhalten bleiben. Der zweite Terminus gegenüber dem ersten stellt sich als  Verneinung  dar, und der dritte gegenüber dem zweiten als  Verneinung der Verneinung  oder absolute Negativität, was dann eine absolute Bejahung ist. Wenn man zur bequemeren Erklärung auf diese logische Beziehung Zahlensymbole anwendet, so kann man die Dialektik eine  Triade  oder  trinitas (Dreieinigkeit) nennen, weil sie aus drei Termini zusammengesetzt ist. Aber HEGEL hört nicht auf, vor dem äußerlichen und willkürlichen Charakter dieser Zahlensymbolik zu warnen, die in der Tat die spekulative Wahrheit auszudrücken ungeeignet ist. Und wirklich, genau gesprochen, denkt man in der dialektischen Triade nicht  drei  Begriffe, sondern nur  einen  einzigen, welcher das konkret Allgemeine in seinem innersten Aufbau ist. - Da man ferner, um diese Synthese zu erhalten, vor allem die Momente in einen Gegensatz zueinander setzen muß, - und wenn die Aktivität, welche die Gegensätzlichkeit aufstellt,  Intellekt  heißt, die Aktivität aber, welche die Synthese ergibt, die  Vernunft  heißt, - so ist es augenscheinlich, daß der Verstand die Vernunft benötigt, ein Moment von ihr, und ganz in ihr enthalten ist; und tatsächlich faßt es HEGEL so mitunter auf.

Wer sich nicht zu der vorerwähnten Art, die Gegensätze zu denken, aufschwingt, kann keine philosophische Behauptung aufstellen, die sich nicht widersprechen würde und immer in ihr Gegenteil verwandelt, wie ich schon andeutete, als ich die Antithesen des Monismus und des Dualismus berührte, und wie man in der ersten Triade der HEGELschen  Logik  ersehen kann: die Triade, die in sich alle anderen umfaßt und die bekanntlich aus den Termini  Sein, Nichts, Werden  aufgebaut ist. Was ist das Sein ohne das Nichts? Das reine und unbestimmte, unqualifizierte, ununterscheidbare, unausdrückbare Sein, wohlverstanden das Sein im allgemeinen, nicht dieses oder jenes einzelne Sein? in welcher Weise unterscheidet es sich vom Nichts? Und was ist andererseits das Nichts ohne das Sein? Das Nichts ansich genommen, ohne irgendeine Determination oder Qualifizierung, das Nichts im allgemeinen, nicht das Nichts in dieser oder jener besonderen Sache? in was unterscheidet es sich von jenem Sein? Wenn jemand nur den einen der beiden Termini nimmt, so ist es gerade so, als ob er nur den anderen nimmt, weil der eine nur im andern und für den andern Bedeutung gewinnt. Wer nur das Wahre ohne das Falsche, das Gute ohne das Schlechte nimmt, macht aus dem Wahren etwas Gedankenloses (weil ein Gedanke der Kampf gegen das Falsche ist), und also etwas Nichtwahres; so macht er aus dem Guten etwas Nichtgewolltes, - (weil das Gute wollen heißt: das Schlechte verneinen) und also etwas Nichtgutes. Außerhalb der Synthese verwirren sich die abstrakt genommenen Momente unter sich und wechseln ihre Rollen: Die Wahrheit ist nur im Dritten, und das heißt, bei der ersten Triade, im Werden, und dieses ist deshalb, wie HEGEL sagt, "der erste konkrete Begriff". Und doch taucht dieser Fehler, der darin besteht, die Gegensätze außerhalb der Synthese zu fassen, immer wieder auf; und gegen ihn muß sich immer wieder die Polemik wenden, die klar legt, wie es soeben geschehen ist, daß die Gegensätze außerhalb der Synthese undenkbar sind. Diese Polemik ist die Dialektik, die man  subjektiv  oder  negativ  nennen könnte; und man darf sie nicht verwechseln mit dem wahren und eigentlichen Inhalt der Lehre, mit der  objektiven  oder positiven Dialektik, die man auch als die logische Lehre von der  Entwicklung  bezeichnen könnte. In der negativen Dialektik ist das Resultat nicht die Synthese, sondern die Aufhebung der beiden gegensätzlichen Termini, der eine kraft des anderen; und deshalb nimmt auch die Terminologie, die wir weiter oben erklärt haben, wie das Wort  Dialektik  selbst, eine erheblich verschiedene Bedeutung an. Der  Intellekt,  soweit er nicht mehr als ein in die Vernunft eingeschlossenes Moment und von dieser untrennbar, sondern hier vielmehr als getrennter Gegensatz behauptet wird, welcher als endgültige Wahrheit allein zu stehen verlangt, dieser Intellekt wird in einem geringschätzigen und verschlechternden Sinn verstanden; und es ist der  abstrakte Intellekt,  der ewige Feind der philosophischen Spekulation, das heißt im Grund genommen die Vernunft selbst, welche ihre Aufgabe nicht erfüllt.
    "Es ist nicht die Schuld des Verstandes, wenn nicht weitergegangen wird. Es ist eine subjektive  Ohnmacht der Vernunft,  welche diese Bestimmtheiten so gelten läßt." (2)
Diese selbe Triade weicht einer Quatriade von Termini: zwei Behauptungen und zwei Verneinungen. Die Vernunft interveniert als negative Vernunft, um ein Durcheinander in die Behausung des Intellekts zu bringen; wenn sie auch mit dieser Negation die positive Lehre vorbereitet und nötig macht, so erzeugt sie dieselbe doch nicht oder setzt sie.

Die Verwechslung zwischen dem vollkommen negativen Anblick der HEGELschen Dialektik und ihrem positiven Inhalt hat einen Einwurf gegen die HEGELsche Dialektik der Gegensätze hervorgerufen, der das so oft in die Schlacht geführte Streitroß der Gegner ist, ein genügend alter und abgeklepperter Brigliadoro oder Baiardo (3), auf dem man, ich weiß nicht wie, sich noch im Sattel halten kann. Man hat gesagt: - Wenn das Sein und das Nichts  identisch  sind (wie es HEGEL beweist oder zu beweisen glaubt), auf welche Art können sie dann das Werden aufbauen, das doch (laut HEGELs Theorie) eine Synthese der  Gegensätze  sein soll und nicht der Identitäen, für welche es ja keine Synthesen gibt?  A ist gleich A  und bleibt  A,  und es wird nicht  B. - Aber das Sein ist nur identisch mit dem Nichts, wenn Sein und Nichts schlecht, d. h. überhaupt nicht wahrhaft gedacht sind; nur dann geschieht es, daß das eine dem andern gleichkommt, nicht wie  A gleich A,  sindern vielmehr wie Null gleich Null. Im Gedanken, der sie wahrhaft denkt, sind Sein und Nichts nicht identisch, sondern entschieden entgegengesetzt, eins im Widerstreit mit dem anderen; und dieser Ringkampf (der zusammen eine Verschlingung ist, da sich zwei Ringkämpfer, um zu ringen, umfassen müssen!) ist das Werden: nicht ein bloß hinzugefügter Begriff oder abgeleitet von den zwei ersten separat genommenen, sondern ein einziger Begriff, der außer sich zwei Abstraktionen hat, zwei irreale Phantome, das Sein und das Nichts getrennt, und als solche ansich nicht durch ihr Ringen, sondern nur durch ihre gemeinsame Leere gepaart.

Ein anderer Einwurf, der auch zu triumphieren schien, besteht in der Bemerkung, daß das einzelne Allgemeine mit seiner Synthese der Gegensätze, die ihm den Charakter des Konkreten aufgeprägt hat, kein rein logischer Begriff ist, weil er stillschweigend ein sinnlich wahrnehmbares oder anschauliches Element einführt, nämlich die Vorstellung der Bewegung oder der Entwicklung. - Sinnlich wahrnehmbares und anschauliches? Philosophisch gesprochen müßte dies ein besonderes, individuelles, geschichtliches sein. Und wo steckt überhaupt das besondere, individuelle, geschichtliche Moment, das man in HEGELs Begriff des Universalen aufweisen und davon ablösen kann? etwa so, wie man aus dem empirischen Begriff  Eiche, Walfisch  oder  Feudalherrschaft  das besondere, individuelle, geschichtliche Element bestimmen und daraus loslösen kann.

Die Bewegung oder Entwicklung ist nichts Einzelnes und Hinzukommendes, sondern ist ein Universales; sie ist nichts sinnlich Wahrnehmbares, sondern ist ein Gedanke, ein Begriff, und eben gerade der wahre Begriff von der Wirklichkeit; und die logische Theorie dieses Begriffs ist das konkrete Universale, die Synthese der Gegensätze.

Wenn man sich nun mit der erwähnten Kritik auf den Charakter beziehen wollte, den der Begriff in der Logik HEGELs hat (da der selbe nicht etwas Leeres und Indifferentes ist, kein bloßes "Behältnis", bereit jeden Inhalt in sich aufzunehmen, sondern die ideale Form der Wirklichkeit selbst); wenn man unter "Logik" nur die unfaßliche Abstraktion versteht, die Abstraktion, die "postuliert wird", wie diejenigen der Mathematik, und unter "Anschaulich (intuitiv)" den spekulativen Begriff, dann wäre es kein Beweis mehr, daß es sich um einen Fehler HEGELs handelt, sondern eine Anerkennung zu HEGELs Ruhm; und sein Ruhm ist eben der, diesen falschen Begriff der Logizität, der mit willkürlicher Abstraktion identifiziert wird, zerstört, dem logischen Begriff einen Charakter gegeben zu haben, den man auch "intuitiv" nennen könnte, um zu bezeichnen (wie dies oben geschehen ist), daß die Philosophie aus dem Schoß der göttlichen Poesie entspringen muß,  matre pulchra, filia pulchrior [Tochter, schöner noch als ihre schöne Mutter - wp].

Derart in Beziehung und Freundschaft zur Poesie gesetzt, tritt die Philosophie in jenen Zustand ein, den man zur Zeit nach der Mode von NIETZSCHEs Ausdrucksweise "dionysisch" zu nennen pflegt, und welcher derart ist, schüchterne Denker zu erschrecken; diese freilich geraten ohne ihr Wissen, soweit sie tatsächlich philosophieren, in den gleichen dionysischen Zustand. So rief der Italiener ROSMINI von der Dialektik des Seins und des Nicht-Seins ganz bestürzt aus:
    "Und, wenn auch wirklich wahr wäre, was doch falsch ist, nämlich daß das Sein sich selbst verneinen kann, so würde immer wieder die Frage auftauchen: Was könnte es bewegen, sich selbst zu verneinen? Welchen Grund könnte man für das Verlangen angeben, daß das Sein sich selbst verneinen, sich verleugnen, kurz den verrückten Versucht machen müsse, sich aufzuheben? Denn das  Hegelsche  System tut nichts weniger, als  das Sein verrückt werden zu lassen, als den Wahnsinn in alle und jede Sache einzuführen.  So behauptet er, ihnen das Leben, die Bewegung den Übergang, das Werden zu geben. Ich weiß nicht, ob man je in der Welt einen ähnlichen Versuch gesehen hat, alle Dinge und das Sein selbst als verrückt darzustellen." (4)
Und wahrscheinlich errinnerte sich ROSMINI nicht, daß dieselbe Beschreibung von demselben HEGEL bereits, allerdings in bedeutend besserem Stil, gegeben worden war, in der  Phänomenologie,  nachdem er die Bewegung der Wirklichkeit dargestellt hatte, - jenes Werden und Vergehen, das selbst nie entsteht und nie vergeht -; da er mit den Worten schloß:
    "Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, sich ebenso unmittelbar auflöst - ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe." (5)
Die Wirklichkeit scheint toll zu sein, weil sie Leben ist: Die Philosophie toll, weil sie die Abstraktionen zerbricht und dieses Leben mit dem Gedanken lebt; sie ist also eine Tollheit, die zugleich höchste Weisheit ist, und die wirklichen und nicht metaphorisch Verrückten sind diejenigen, welche mit den leeren Worten der Halbphilosophie herumtollen, die Schemen mit der Wirklichkeit verwechseln und sich nicht bis zu jenem Himmel aufschwingen können, wo ihr Tun als das enthüllt würde, was es wirklich ist; vielmehr sind sie bereit, wenn sie über ihren Köpfen den Himmel unerreichbar sehen, diesen ein Irrenhaus zu nennen.

Eine weitere Kundgebung derselben sinnlosen Furcht ist der Angstschrei, daß dem Menschen mit der logischen Ansicht HEGELs die Basis selbst oder die Richtschnur seines Denkens entzogen wird: das Prinzip der Identität und des Widerspruchs. Zum Beweis dessen führt man die häufigen Ausfälle HEGELs gegen das Identitätsprinzip an, sowie seinen Ausspruch, daß man es durch das entgegengesetzte Prinzip ersetzen müsse, nämlich: daß sich alles widerspricht. Aber die Sachen liegen nicht ganz genau so. HEGEL verneint das Prinzip der Identität nicht, denn dann hätte er anerkennen müssen, daß zum Beispiel seine logische Theorie wahr ist und zugleich auch nicht wahr, also wahr und falsch; daß man im philosophischen Sinn das Sein und das Nichts in der Synthese denken kann, aber auch jedes für sich, außerhalb der Synthese. Und seine ganze Polemik, seine gesamte Philosophie würde nicht mehr die geringste Bedeutung haben, würde nicht ernst zu nehmen sein; während es gerade hier nicht viel braucht, um zu erkennen, daß sie äußerst ernst ist. Statt das Prinzip der Identität zu zerstören, belebt es HEGEL wieder neu, kräftigt es und gestaltet es zu dem, was es wirklich sein soll, aber im gewöhnlichen Denken nicht ist. Denn im gewöhnlichen Denken, in der Halbphilosophie, bleibt die Wirklichkeit in zwei Teile geteilt, wie wir gesehen haben, und ist bald dieses, bald jenes; und wenn sie das eine ist, so ist sie nicht das andere; und trotzdem geht in dieser Kraftanstrengung der Exklusion [Ausschluß - wp] das eine in das andere über, und sie verwirren sich gemeinsam zu einem Nichts.

Und ebendiese wahrhaftig undenkbaren Widersprüche behauptet man mit der Anführung des Prinzips der Identität zu rechtfertigen. Wenn man nur auf die Worte HEGELs schaut, kann man sagen, daß er zum Prinzip der Identität keinen Glauben hegt; aber wenn man tiefer schaut, so entdeckt man, daß HEGEL nur allein der  falschen Anwendung des Prinzips der Identität  den Glauben gekündigt hat: der Anwendung, wie sie von den Abstraktisten vorgenommen wird, die die Einheit behalten und den Widerspruch ausstreichen, oder aber den Widerspruch beibehalten und die Einheit wegstreichen, - oder, wie er sagt, dem Prinzip der Identität, soweit es "Gesetz des abstrakten Intellekts" ist. Eine falsche Anwendung findet statt, indem man die Opposition oder Widersprechung für einen Makel, einen Flecken und ein Übel der Dinge hält, das aus ihnen weggeschafft werde könnte, oder daß es ein subjektiver Fehler ist; sindern das wahre Sein der Dinge ist eben: alle Dinge widersprechen sich in sich selbst und der Gedanke ist das Denken dieses Widerspruchs. Diese Entdeckung dient dazu, das Prinzip der Identität wirklich und fest zu begründen, das über den Gegensatz triumpiert, indem es denselben denkt, ihn also in seiner Einheit erfaßt. Der  gedachte  Widerspruch ist ein  überwundender  Widerspruch, und zwar eben dank des Prinzips der Identität überwunden: der verkannte Widerspruch oder die verkannte Einheit gehorcht scheinbar diesem Prinzip, aber in Wirklichkeit ist sie die Verneinung dieses Prinzips. Zwischen der Art HEGELs und der des gewöhnlichen Denkens ist derselbe Unterschied wie zwischen dem, der einen Feind stellt und besiegt, und jenem andern, der die Augen schließt, um ihn nicht zu sehen, und ihn so zu überwinden glaubt, während er sodann selbst der Überwundene ist.
    "Das spekulative Denken besteht nur darin, daß das Denken den Widerspruch und in ihm sich selbst festhält, nicht aber, daß es sich, wie es dem Vorstellen geht, von ihm beherrschen und durch ihn sich seine Bestimmungen nur in andere oder in Nichts auflösen läßt." (6)
Die Wirklichkeit ist aus Gegensätzen zusammengewoben, aber sie fällt nicht auseinander und zerstreut sich nicht in diesen Gegensätzen; im Gegenteil, sie erschafft sich ewig in und aus ihnen. Auch der Gedanke zerfällt und zerstreut sich nicht, da er als höchste Wirklichkeit, als Wirklichkeit der Wirklichkeit, die Einheit in der Opposition erfaßt und logischerweise ihre Synthese vollzieht.

So wie alle Entdeckungen der Wahrheit, ist der Erfolg von HEGELs Dialektik nicht der, alle alten Wahrheiten einfach abzudanken; sondern sie bereichert und stärkt dieselben. Das einzelne Allgemeine, Einheit in der Unterscheidung und im Widerspruch, ist das wahre und vollendete Prinzip der Identität, welches dasjenige der alten Doktrinen nicht gesondert fortbestehen läßt, weder als seinen Kameraden, noch als seinen Nebenbuhler; denn es hat dieses in sich aufgesogen und in sein eigen Fleisch und Blut umgewandelt.
LITERATUR: Benedetto Croce, Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie, Heidelberg 1909
    Anmerkungen
    1) Man vergleiche besonders die Einführung in die  Phänomenologie  und die Vorrede zur  Enzyklopädie. 
    2) HEGEL, Wissenschaft der Logik III, Seite 48 (in Werke V, Seite 48).
    3) Bekannte Pferdenamen aus ritterlichen Romanen.
    4) ANTONIO ROSMINI, Saggio storico-critico sulle categorie e la dialettica (ein nachgelassenes Werk) Turin 1883, Seite 371
    5) HEGEL, Phänomenologie des Geistes, Seite 37
    6) HEGEL, Wissenschaft der Logik II, Seite 67/68 (in Werke IV, Seite 69/79).