tb-4A. LiebertR. TreumannG. Ratzenhofer    
 
KARL DIEHL
Der Anarchismus

"Vielleicht bleibt die Masse zuerst gleichgültig und glaubt den Klugen, welche die Tat verrückt finden, aber bald jauchzt sie den Verrückten heimlich zu und tut es ihnen nach. Während die ersten von ihnen die Zuchthäuser füllen, setzen bereits andere deren Werk fort. Die Kriegserklärungen gegen die heutige Gesellschaft, die aufrührerischen Taten, die Racheakte vermehren sich. Die allgemeine Aufmerksamkeit wird rege, der neue Gedanke dringt in die Köpfe und gewinnt die Herzen. Eine einzige Tat macht in wenigen Tagen mehr Propaganda als tausend Broschüren. Die Regierung wehrt sich, sie wütet erbarmungslos, aber hierduch bewirkt sie nur, daß weitere Taten von einem oder mehreren begangen werden und treibt die Empörer zum Heldenmut. Eine Tat gebiert die andere; Gegner schließen sich dem Aufruhr an, die Regierung wird uneins, Härte verschärft den Streit, Zugeständnisse kommen zu spät, die Revolution bricht aus."

II.
Die anarchistische
Propaganda der Tat

Im Wesen des Anarchismus liegt, wie wir in der vorigen Vorlesung gesehen haben, nichts, was notwendig zu revolutionärer Aktion führen müßte. Der Anarchismus erstrebt ein Zusammenleben menschlicher Gruppen ohne autoritären Zwang. Die Vereinigungen der Menschen sollen nur durch freie Verträge der einzelnen untereinander zusammengehalten werden; ausdrücklich haben die beiden Begründer des Anarchismus, GODWIN und PROUDHON, betont, daß diese Umbildung der Gesellschaft auf friedlichem Weg vor sich gehen sollte. Wenn aber, wie es im System des Anarchismus der Fall ist, der Wille des Einzelindividuums überall die letzte Entscheidung haben soll, so liegt der Gedanke nahe, die gewaltsame Durchsetzung des Einzelwillens gutzuheißen, wenn sie dem einzelnen als zweckmäßig erscheint. In diesem Sinne hat STIRNER die Anwendung von Gewalt für erlaubt erklärt, auch Verbrechen dann für zulässig gehalten, wenn sie den Zwecken und Wünschen der einzelnen entsprechen. So erklärt er: "Ich leite alles Recht und alle Berechtigung aus  Mir  her; Ich bin zu allem  berechtigt;  dessen  Ich  mächtig bin.  Ich  bin berechtigt, ZEUS, JEHOVA, GOTT usw. zu stürzen, wenn Ich es  kann;  kann Ich es nicht, so werden diese Götter stets gegen Mich im Recht und in der Macht bleiben, Ich aber werde Mich vor ihrem Recht und ihrer Macht fürchten in ohnmächtiger "Gottesfurcht", werde ihre Gebote halten und in allem, was Ich nach  ihrem  Recht tue, Recht zu tun glauben, wie etwa die russischen Grenzwächter sich für berechtigt halten, die entrinnenden Verdächtigen tot zu schießen, indem sie "auf höhere Autorität", das heißt "mit Recht" morden. Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich es Mir selbst nicht verbiete, wenn Ich Mich selbst nicht vor einem Mord als vor einem  Unrecht  fürchte." (Seite 221).

Der Egoismus, meint er ein anderes Mal, müsse einen anderen Weg einschlagen als der Sozialismus und Kommunismus. "Er sagt nicht: Warte ab, was Dir die Billigkeitsbehörde im Namen der Gesamtheit - schenken wird (denn eine solche Schenkung geschah von jeher in den "Staaten", indem "nach Verdienst", also nach dem Maß gegeben wurde), sondern: Greife zu un nimm, was Du brauchst! Damit ist der Krieg aller gegen alle erklärt. Ich allein bestimme darüber, was Ich haben will". (Seite 301).

STIRNER hat diese revolutionäre Taktik niemals parteipolitisch vertreten. Er blieb im Reich der Gedanken und hat überhaupt nicht aktiv in das politische Leben eingegriffen.

Es war erst der Ära der sogenannten "anarchistischen Propaganda der Tat" vorbehalten, anarchistische Ziele mit Hilfe verbrecherischer Taten erreichen zu wollen.

Der Umstand, daß die Hauptstifter der anarchistischen Parteien Russen sind, hat zu der Annahme geführt, daß der Anarchismus identisch mit dem  Nihilismus  sei. Dies beruth auf einem Irrtum. Der Nihilismus ist ein national-russische Bewegung. Im Unmut über die dort herrschenden politischen Zustände wollen die Nihilisten für ihr Vaterland freie politische Zustände schaffen und ihr Ziel durch Gewalttaten erreichen. Unter den Anhängern des Nihilismus finden sich Männer der verschiedensten Parteirichtungen in Bezug auf soziale Zustände, es gibt darunter Liberale, Sozialisten, Anarchisten usw. Der Anarchismus dagegen beansprucht  internationale  Bedeutung. er will in der ganzen Welt neue Gesellschaftszustände auf freiheitlicher Grundlage herbeiführen, geht weit über den engen Rahmen des Nihilismus hinaus. Trotzdem sind gewisse Beziehungen zwischen den beiden sozialrevolutionären Bewegungen vorhanden und sicher sind Männer wie BAKUNIN u. a. zu ihrer politischen Taktik vielfach durch ihre Berührung mit den Nihilisten gekommen.

Den mächtigen und nachhaltigen Einfluß auf den politischen Anarchismus hat BAKUNIN ausgeübt.

BAKUNIN wurde 1818 zur Torschok im russischen Gouvernement Twer als der Sproß einer angesehenen Familie von altem Adel geboren, war ursprünglich Artillerieoffizier, dann Student, schließlich Literat. Im Jahre 1841 kam er nach Berlin, später ging er nach Dresden, dann nach Paris und in die Schweiz und überall schloß er sich der sozialrevolutionären Bewegung an. Er beteiligte sich am Maiaufstand 1849 in Dresden und wurde nach der Niederwerfung dieses Aufstands gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Nach Russland ausgeliefert, wo er ebenfalls zum Tode verurteilt wurde, wurde er vom Zaren begnadigt und zuerst auf einer Festung interniert, dann (1855) nach Sibirien verschickt; von hier gelang es ihm 1861 zu entkommen und nach England zu fliehen. Von dort aus entfaltete er eine rührige Agitation für seine anarchistischen Ideen. 1868 gründete er die "Alliance internationale de la democratie socialiste". 1876 starb er in Bern.

Großen Einfluß auf BAKUNIN hat PROUDHON ausgeübt. In seinen Briefen erzählt BAKUNIN öfter, wie genau er PROUDHONs Werke studiere, "Ich lese jetzt COMTEs  Philosophie positive",  schreibt er am 4. Januar 1870, "und PROUDHON und in den wenigen freien Minuten schreibe ich an meinem Buch respektive meiner Broschüre über die Abschaffung des Staates." Bei seinem Aufenthalt in Paris 1847 hatte BAKUNIN die persönliche Bekanntschaft PROUDHONs gemacht, mit dem er, wie MARX, lange, oft übernächtigte Debatten führte. -

Zur allgemeinen Orientierung über BAKUNINs Ideen dient am besten sein Werk "Dieu et l'état" - (1871)

Welches sind die Ideen, für welche BAKUNIN eintrat? Wie für alle Vertreter des politischen Anarchismus, so gilt auch für ihn, daß er wesentlich Neues dem Gedankenkreis des älteren theoretischen Anarchismus nicht zugefügt hat, sondern sich aus allen anarchistischen Ideen ein System zusammengesetzt hatte. Das Motto, welches er einem seiner Werke vorsetzte, lautet "l'église et l'état sont mes deux bêtes noires". [Die Kirche und der Staat sind zwei schwarze Ungeheuer. - wp] Er bekämpft heftig alle Zwangsautorität des Staates. Jeder Staat bedeute Herrschaft und es sei ganz gleichgültig, ob dieser Staat die Form der Monarchie, Aristokratie oder Demokratie habe. "Wir verabscheuen die Monarchie von ganzem Herzen: aber wir sind zugleich überzeugt, daß auch eine große Republik mit Heer, Bürokratie und politischer Zentralisation sich nach außen hin die Eroberung, im Inneren die Unterdrückung zum Geschäft machen und unfähig sein wird, ihren Untertanen, auch wenn sie sie Bürger nennt, Glück und Freiheit zu gewährleisten." Er wollte also nicht neue Verfassungen und Gesetze; die beste Verfassung würde ihn nicht befriedigen können: "Wir brauchen etwas anderes, Sturm und Leben und eine neue gesetzlose und darum freie Welt!"

Anstelle des staatlichen Lebens solle ein geselliges Zusammenleben der Menschen treten, die nur durch Verträge miteinander verbunden sein sollen. Im Programm der von ihm gegründeten Allianz heißt es in  Artikel 5:  "Sie erstrebt, daß alle politischen Staaten sich mehr und mehr auf eine einfache Verwaltung der öffentlichen Dienstleistung beschränken, und in einer allgemeinen Vereinigung freier landwirtschaftlicher und industrieller Genossenschaften aufgehen sollen."  Artikel 7:  "Sie will die allgemeine Assoziation aller lokalen Genossenschaften durch die Freiheit." In einer Rede, die BAKUNIN auf dem Friedenskongreß zu Genf 1867 hielt, verlangt er die Anerkennung des absoluten Rechts jeder Nation, jedes Volkes, jeder Gemeinde auf vollkommene Autonomie, vorausgesetzt, daß ihre innere Verfassung nicht eine Bedrohung oder Gefahr für die Freiheit der anderen Länder sei."

So gelangt man nach BAKUNIN zu einer freien Vereinigung der einzelnen in Gemeinden, der Gemeinden in Provinzen, der Provinzen in Völker und endlich der Völker in den Vereinigten Staaten von Europa und später der ganzen Welt. BAKUNIN geht in seiner Dezentralisationssucht noch weiter als PROUDHON. Sein Biograph DRAGOMANOW spricht mit Recht von seinem politischen  Amorphismus  [Gestaltlosigkeit - wp]: "PROUDHONs Lehre von der Anarchie wandelte BAKUNIN in Amorphismus um und dabei betrachtete er diesen Amorphismus als ein Übergangsmoment zum künftigen Aufbau der Gesellschaft von unten herauf. Er verwandelte auch die Forderung PROUDHONs nach Enthaltung von jeglicher Teilnahme an den politischen Wahlen zur Zeit des Kaiserreichs in eine systematische Verneinung aller politischen Tätigkeit im Bourgeoisiestaat: "Mit einem Wort, wir verwerfen jede Gesetzgebung, jede Autorität, jeden privilegierten, patentierten, offiziellen und legalen Einfluß, auch wenn er durch das allgemeine Stimmrecht geschaffen sein sollte, in der Überzeugung, daß derartiges immer nur zum Vorteil der herrschenden Minderheit von Ausbeutern und zum Nachteil der geknechteten ungeheuren Mehrheit gereichen kann. In diesem Sinne sind wir in Wahrheit  Anarchisten." 

Um sein Ziel zu erreichen, empfiehlt BAKUNIN nicht politische Tätigkeit mit Ausnutzung des Wahlrechts, sondern  gewaltsame  Niederwerfung alles Bestehenden. Die Revolution im Sinne von Gewaltrevolution wird als die einzige berechtigte politische Tätigkeit hingestellt und zwar versteht BAKUNIN unter Revolution "die Entfesselung all dessen, was man heute die bösen Leidenschaften nennt, und die Zerstörung von allem, was die öffentliche Ordnung heißt." In den geheimen Statuen der von ihm gegründeten Allianz heißt es: "Nichts kann besser die einzig wirkliche Macht des Jahrhunderts, die Arbeiter, einigen, begeistern und emporrichten, als die vollständige Befreiung der Arbeit und die Zertrümmerung aller zum Schutz des Eigentums und des Kapitals bestehenden Einrichtungen."

Neben BAKUNIN ist sein russischer Emissär NETSCHAJEW zu nennen, der die besondere Aufgabe hatte, die anarchistische Propaganda in Rußland zu betreiben. Er ist der Verfasser eines revolutionären Katechismus, in welchem die Propaganda der Tat gepredigt wurde. Dort heißt es:
    "Der Revolutionär kennt nur eine einzige Wissenschaft - die Zerstörung -, für sie und nur für sie studiert er Mechanik, Physik, Chemie und selbst Medizin; für ihn existiert nur ein Genuß, nur ein Trost, ein Lohn, eine Befriedigung, der Lohn der Revolution; Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken, nur einen Zweck haben, die unerbittliche Zerstörung. Alle Mittel, durch welche diese gefördert wird, sind recht; indem wir keine Tätigkeit als die Zerstörung zulassen, erkennen wir an, daß die Form, in der sich diese Tätigkeit äußern muß, eine sehr mannigfaltige sein kann: Gift, Dolch, Strick usw. Die Revolution heiligt alles ohne Unterschied. Die zukünftige Organisation wird ohne Zweifel aus der Bewegung und dem Leben des Volkes hervorgehen, aber das ist Sache künftiger Organisationen; unsere Arbeit ist die totale, unerbittliche Zerstörung."
NETSCHAJEW wurde 1872 an Rußland ausgeliefert, wo er zu lebenslänglicher Bergwerksarbeit verurteilt wurde. Charakteristisch ist für die Propaganda der Tat, daß die Attentat schon deswegen ausgeübt werden sollen, damit für die Partei Reklame gemacht wird. Es sei die billigste Art und Weise, das Interesse auf die Partei zu lenken und neue Anhänger für die Sache zu gewinnen. In diesem Sinne wirkte auch der französische Schweizer PAUL BROUSSE. Er sagt: "Die Tat wird allseitig besprochen, nach der Ursache der Tat fragen die sonst indifferenten Massen, werden aufmerksam auf die neue Lehre und diskutieren sie; sind die Menschen erst einmal soweit, so ist es nicht schwer, viele von ihnen zu gewinnen." Die Attentate sollen nicht etwa nur gegen Könige und Fürsten gerichtet sein, sondern auch gegen Kapitalisten und alle an der Spitze der Gesellschaft stehenden Personen; auch ganz harmlose Menschen müssen unter Umständen geopfert werden, wenn es gilt, ein epochemachendes Attentat auszuführen. Als VAILLANT das Bombenattentat auf die französische Kammer verübt hatte, riefe der Anarchist TAILHADE bei einem Bankett aus: "Was scheren uns die Opfer, wenn nur die Geste schön ist; was kommt es auf den Tod unbestimmten Menschenvolkes an, wenn sich durch ihn das Individuum bekräftigt." Es war daher ein sehr großes Mißgeschick, als der Anarchist HENRY ["Es gibt keine Unschuldigen." - wp]seine Bombe in das Café Terminus warf, wobei der eben genannte TAILHADE schwer verwundet wurde. TAILHADE schimpfte dabei sehr auf die Anarchisten, bis ihm sein eigener Ausspruch aus der Zeit des VAILLANTschen Attentates ins Gedächtnis gerufen wurde.

Neben BAKUNIN hat der stark von ihm beeinflußte russische Fürst KROPOTKIN den größten Einfluß auf die anarchistische Bewegung ausgeübt. Geboren zu Moskau 1842, entstammte er dem königlichen Haus der RURIKs, war zuerst Page bei Hof, dann Kavallerieoffizier und nachher Kammerherr der Kaiserin. Auf Reisen, die er nach der Schweiz und Belgien machte, kam er mit der Internationale und speziell mit Männern der BAKUNINschen Richtung in Berührung. 1873 wurde er wegen nihilistischer Umtriebe gefangen genommen und auf der Peter-Pauls-Festung interniert. 1876 entfloh er in die Schweiz, wo er eine rührige Agitation für den Anarchismus entfaltete und das Blatt "Le Révolte" gründete. KROPOTKIN suchte namentlich in Frankreich für die anarchistischen Ideen Propaganda zu machen und wurde dort wegen seiner Beteiligung an den Aufständen von Monceau-les-Mines und Lyon (1882) zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. 1886 wurde er freigelassen und siedelte nach London über. Auf seinen vielen Reisen machte er mancherlei Beobachtungen, die für die Ausbildung seines Systems von Bedeutung waren. Er glaubte überall in den Ländern, wo die Menschen unter freieren Verfassungen lebten, wo der staatliche Autoritätszwang ein geringer war, ein viel besseres Gemeinschaftsleben zu finden.

Von besonders großem Einfluß war in dieser Hinsicht sein Aufenthalt im Schweizer Jura. Er brachte längere Zeit in verschiedenen Städten und Dörfern dieses Gebietes zu und verkehrte viel mit den Angehörigen des Uhrmachergewerbes. Die sehr freie Organisation der Uhrmacher machte auf ihn einen großen Eindruck: "Es findet sich unter den in kleinen Betrieben tätigen Arbeitern mehr Unabhängigkeit und Originalität." Namentlich gefiel ihm die Organisation des  Jurabundes,  die er bei dieser Gelegenheit näher kennen lernte. Der Jurabund war eine Arbeiterassoziatioin, die 1872 gegründet wurde und im Gegensatz zu den marxistischen Ideen eine sehr freiheitliche Verfassung aufwies. Der Jurabund stand ganz unter dem Einfluß der BAKUNINschen Ideen. Jede einzelne Landschaft, jede lokale Sektion sollte sich unabhängig nach eigenen Prinzipien entwickeln dürfen:
    "Hier hatte ich also das Schauspiel, daß die Arbeiter nicht eine von wenigen geleitete und den politischen Zwecken dieser wenigen dienstbar gemachte Masse darstellten, ihre Führer waren nichts anderes als besonders rührige Genossen, mehr Anreger als eigentliche Leiter. Die klare Einsicht, das gesunde Urteil, die Fähigkeit zur Lösung verwickelter sozialer Fragen, wie ich sie unter diesen Arbeitern, besonders den dem mittleren Lebensalter angehörigen, antraf, machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich bin fest überzeugt, daß die hervorragende Rolle, die dem Jurabund in der Entwicklung des Sozialismus zukommt, nicht nur in der Bedeutung der antigouvernementalen und föderalistischen Ideen, deren Hauptvertreter er war, ihren Grund hat, sondern auch darin, daß diese Ideen infolge des gesunden Menschenverstandes der Uhrmacher des Jura in so vernünftiger Form zum Ausdruck gelangten. Ohne ihren Beistand wären diese Prinzipien vielleicht noch lange Zeit bloße Abstraktionen geblieben."
Die theoretische Ausbildung des Anarchismus, wie sie damals innerhalb des Jurabundes unter dem Einfluß BAKUNINs allmählich erfolgte, die Kritik des Staatssozialismus - die Besorgnis vor einem den bloßen politischen Despotismus an Gefährlichkeit weit überragenden wirtschaftlichen Despotismus - die ich dort formulieren hörte, und der revolutionäre Charakter der Agitation übten auf mich wegen ihres theoretischen Wertes sicher einen großen Einfluß aus. Aber die Prinzipien der Gleichheit, die ich im Jura herrschend fand, die Unabhängigkeit im Denken und im Gedankenausdruck, wie sie sich nach meiner Wahrnehmung unter den dortigen Arbeitern entwickelte, und ihre grenzenlose Hingabe an die gemeinsame Sache, machten auf meine Gefühle einen noch stärkeren Eindruck; und als ich die Uhrmacher des Jura, nachdem ich etwa zwölf Tage unter ihnen geweilt hatte, verließ, standen meine sozialistischen Anschauungen fest:  ich war ein Anarchist. 

Durch eine Reise, die ich sodann nach Belgien machte, und auf der ich wieder die zentralisierte politische Agitation in Brüssel mit der unter den Tuchmachern in Verviers sich entwickelnden wirtschaftlichen und unabhängigen Agitation vergleichen konnte, verstärkten sich meine Ansichten nur. Diese Tuchmacher gehörten zu den sympathischsten Bevölkerungsklassen, die ich in Westeuropa angetroffen habe (II., Seite 90 - 92)."

Wie BAKUNIN tritt auch KROPOTKIN für die revolutionäre Taktik ein. Die erste Tat der sozialen Revolution, sagt er, wird ein Werk der Zerstörung sein:
    "Der Zerstörungstrieb, der so natürlich und berechtigt ist, weil er zugleich ein Erneuerungstrieb ist, wird seine vollständige Befriedigung finden. Mit wieviel alten Trödel ist aufzuräumen! Muß nicht alles umgestaltet werden, die Häuser, die Städte, die gewerblichen und landwirtschaftlichen Betriebe, kurz die ganzen Einrichtungen der Gesellschaft. Ohne Säumen ist alles zu zerstören, dessen Beseitigung notwendig ist, die Zuchthäuser und die Gefängnisse, die Forts, die sich gegen die Städte kehren, die ungesunden Stadtteile, deren Pestluft man so lange geatmet hat."
KROPOTKIN macht in seinem Buch "Les Paroles d'une Révolte" auf die Propagandawirkung verbrecherischer Taten aufmerksam:
    "Vielleicht bleibt die Masse zuerst gleichgültig und glaubt den Klugen, welche die Tat verrückt finden, aber bald jauchzt sie den Verrückten heimlich zu und tut es ihnen nach. Während die ersten von ihnen die Zuchthäuser füllen, setzen bereits andere deren Werk fort. Die Kriegserklärungen gegen die heutige Gesellschaft, die aufrührerischen Taten, die Racheakte vermehren sich. Die allgemeine Aufmerksamkeit wird rege, der neue Gedanke dringt in die Köpfe und gewinnt die Herzen. Eine einzige Tat macht in wenigen Tagen mehr Propaganda als tausend Broschüren. Die Regierung wehrt sich, sie wütet erbarmungslos, aber hierduch bewirkt sie nur, daß weitere Taten von einem oder mehreren begangen werden und treibt die Empörer zum Heldenmut. Eine Tat gebiert die andere; Gegner schließen sich dem Aufruhr an, die Regierung wird uneins, Härte verschärft den Streit, Zugeständnisse kommen zu spät, die Revolution bricht aus."
Ein anderer bedeutender russischer Revolutionär, ALEXANDER HERZEN, ist dagegen nicht zu den Anarchisten zu rechnen, denn seiner ganzen Grundtendenz nach war er positiver Sozialreformer. Sein Ideal war ein national-russisches; in der allgemeinen Durchführung des russischen Gemeindebesitzes erblickte er den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage und das rettende Prinzip, das der Umgestaltung der Gesellschaft zugrunde gelegt werden müsse: "Die Gesellschaft und die Bauerngemeinde", so sagt er in seinen Erinnerungen (I, Seite 350) "die Teilung des Gewinnes und der Felder, der Mir [Gutshöfe - wp]ie Vereinigung von Dörfern zu Gemeinden, die sich selbst verwalten, das sind alles Ecksteine, auf denen das Heiligtum unserer freien genossenschaftlichen Zukunft ruht." Aber andererseits finden sich auch viele Berührungspunkte HERZENs mit der anarchistischen Theorie. Er war ein großer Verehrer und Anhänger PROUDHONs und stand mit diesem und mit BAKUNIN in regem persönlichen Verkehr. Seine Sympathie für PROUDHON ging so weit, daß er diesem zur Gründung seiner Zeitschrift "La voix du peuple" die Kautionssumme gab. Als Gegenleistung hatte HERZEN das Recht erhalten, an der Redaktion dieser Zeitschrift teilzunehmen. Namentlich in HERZENs "Briefen aus Frankreich und Italien" tritt die nahe Verwandtschaft seiner Ideen mit den anarchistischen Grundgedanken klar hervor; z. B. wenn er sagt:
    "Die Vernichtung der Autorität ist der Anfang der sozialistischen Republik; ihre erste Vorbedingung sind freie und selbständige Menschen ... Die sozialistische Staatsordnung hat einen sittlichen, zum gesellschaftlichen Zusammenleben befähigten, freien Menschen zur Voraussetzung, der von niemandem Befehl erhält, durch keine übermächtige Gewalt bedrückt wird und durch die Verantwortlichkeit für seine Handlungen zur Ausbildung der höchsten menschlichen Moralität gebracht wird." ...
Auch die föderalistischen Prinzipien HERZENs entsprechen den politischen Idealen PROUDHONs:
    "Die Regierung soll in der Kommunalverwaltung liegen, verbunden mit einer Kanzlei für alle gemeinsamen Angelegenheiten, mit einer Registratur zur Niederlegung des Volkswillens; einer weiteren Zentralisation bedarf es dabei nicht, denn die republikanische Einheit ist begründet auf den allgemeinen Vorteil, auf die Entwicklung des Volkes, auf Gleichheit des Stammes und der Sitten, und wo diese Grundlagen fehlen, da ist auch kein Bedürfnis mehr nach einer künstlichen Vereinigung, nach naturwidriger Zentralisation vorhanden." "Je freier die Personen und mit den Personen auch die Kommunen sind, desto weniger hat der Staat zu tun; drei Viertel der Arbeit, die gegenwärtig die Regierungen belastet, wird von selbst geschehen , ohne jedes Wissen und ohne Beteiligung der Zentralgewalt."
Aber trotz mancher Übereinstimmung mit den Anschauungen PROUDHONs, BAKUNINs und anderer Anarchisten war für HERZEN ein Zusammenarbiten mit ihnen auf die Dauer unmöglich. In vielen Hauptpunkten gingen sie zu weit auseinander und so hat auch HERZEN keinen aktiven Anteil an der politisch-anarchistischen Bewegung genommen.

Wenn wir nun zum Schluß einiges über die anarchistische Bewegung in den Hauptkulturländern hinzufügen, so ist diese Darstellung mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft.

Einmal ist die anarchistische Bewegung außerordentlich dezentralisiert, vielfach geht die Propaganda nur von kleinen losen Gruppen aus, die von einer Zentralinstanz unabhängig sind. Eine straffe anarchistische Parteidisziplin, wie bei den Sozialisten, wäre mit dem Wesen des Anarchismus unvereinbar. Dazu kommt, daß sich die Anarchisten vielfach wegen der Gefahr polizeilicher Verfolgung in Geheimbünden, also mit Ausschluß der Öffentlichkeit, zusammengeschlossen haben. Schließlich ist auch zu bemerken, daß die anarchistische Parteibewegung sich vielfach überhaupt nicht selbständig entwickelt hat, sondern im Anschluß an sozialistische Parteien, auf die sie dann wieder zersetzend gewirkt hat. Für diese, den Anarchisten eigentümliche Parteitaktik seien nur einige Stimmungen hervorgehoben. In der italienischen anarchistischen Zeitung  Il Damani  (vom 4. April 1903) heißt es in der ersten Nummer des Blattes: "Wir individualistischen Anarchisten haben nichts mit den sogenannten reformistischen oder revolutionistischen Parteien gemein, wir können die Formen der ökonomischen und moralischen Sklaverei nicht annehmen, die uns der Sozialismus in seiner neuen Gestalt bietet. Wir erklären auch, daß die anarchistische Bewegung keine Organisation in Gruppen mit Chefs und Statuten zulassen kann, weil unsere Idee schwer mit Einregimentierten und Befehlshabern vereinbart werden kann; und wer nicht seiner selbst sicher ist und Hilfe braucht, und es mit legalen Mitteln versucht, den einzigen, die uns die Bourgeoisie zubilligt, die genau weiß, welch harmlose Waffen sie sind, läßt seine eigene Machtlosigkeit erkennen. Der Anarchismus ist vor allem keine Partei, sondern eine Idee, und ein Ziel." Auf dem internationalen Kongreß von St. Imier (1872) wurde in Bezug auf die politische Aktion des Proletariats beschlossen, daß es eine reaktionäre Anmaßung sei, dem Proletariat eine Richtschnur oder ein einheitliches politisches Programm als den einzigen Weg, der zu einer sozialistischen Emanzipation führen könnte, aufzwingen zu wollen. Deshalb erklärte der Kongreß: 1. Daß die Vernichtung jeder politischen Macht die erste Pflicht des Proletariats ist, 2. daß jede Organisation einer politischen Macht, möge sie sich auch als provisorisch und revolutionär und nur zum Zweck der Durchführung der Zerstörung ausgeben, nur ein neuer Betrug und für das Proletariat ebenso schädlich wäre, wie die gegenwärtig bestehende Regierung.

Bei unserer Darstellung der anarchistischen Parteibewegung müssen wir trennen: die anarchistische Bewegung, soweit sie sich im Zusammenhang mit der sozialistischen Bewegung besonders in der Internationalen Arbeiterassoziation entwickelt hat; und die selbständige anarchistische Bewegung, wie sie in den einzelnen Ländern hervorgetreten ist. Hierbei kommen besonders die romanischen Länder in Betracht, während in den übrigen Ländern der Anarchismus es niemals zu einer besonderen Bedeutung gebracht hat.


1. Anarchismus und Internationale

Die bei dem  Meeting  am 28. September 1864 in London gegründete internationale Arbeiterassoziation sollte ein großes Organ für die Arbeiterbewegung aller Länder sein. Bei dieser Internationale waren auch die Anarchisten in ihren verschiedenen Spielarten vertreten und durch ihre Beteiligung wurden die großen Spaltungen verursacht, welche auf den Kongressen der Internationale hervortraten. Ich werde in der Vorlesung über die Internationale des Näheren zeigen, wie diese Gegensätze im einzelnen hervorgetreten sind. -

Es kam zu immer lebhafteren Konflikten zwischen den Bakunisten und Marxisten, so daß im Jahre 1872 auf dem Kongreß zu Haag die Ausschließung BAKUNINs aus der Internationale beschlossen wurde. Auf demselben Kongreß wurde auch die Auflösung der Internationale und die Verlegung des neuen Generalrats der Internationale nach New York beschlossen. BAKUNIN hatte aber bereits vor dem Kongreß zu Haag eine Gegenaktion eingeleitet durch die Gründung der  Fédération jurassienne,  die sich, noch bevor sich die Internationale auflöste, als ihre Nachfolgerin und Erbin proklamiere, indem sie erklärte, daß sie die Generalstatuten übernehme und anerkenne. Die Bakunisten hielten dann einen besonderen antiautoritären Kongreß zu St. Imier (1872) ab. Der Kongreß von St. Imier erklärte alle Resolutionen des Kongresses von Haag für ungültig und entwarf die Grundlage eines "Paktes der Solidarität" unter diesen Föderationen, die es zurückweisen, sich der "autoritativen Partei des deutschen Kommunismus" unterzuordnen, "die ihre Herrschaft und die Anmaßungen ihrer Chefs anstelle der freien Entfaltung und der spontanen und freien Organisation des Proletariats" zu stellen versucht. Der Kongreß beschloß ferner unter Bezug auf die Organisation der Arbeiter im anarchistischen Sinne, daß anstelle des Staates eine freie Föderation aller Produzentengruppen treten solle, die auf der Solidarität der Gleichheit gegründet sei. Die Juraföderation suchte immer mehr alle marxistischen Ideen in der Arbeiterbewegung zu bekämpfen und so enstand in ihr ein Herd der Propaganda, von dem der Anarchismus später nach anderen Teilen Europas ausstrahlte. Fast alle Föderationen der früheren Internationale schlossen sich der bakunistischen Organisation an. Die Juraföderation berief dann noch wiederholt Kongresse, u. a. nach Genf (1873), nach Brüssel (1874) und nach Bern (1876), die aber offiziell als Kongresse der internationalen Arbeiterassoziation bezeichnet wurden. Der letzte anarchistische Kongreß fand in Verviers (1877) statt, womit vorläufig die sogenannte Internationale ihr Ende erreichte. Auch von den anderen anarchistischen Gruppen wurden vielfach anarchistische Kongresse einberufen. Alle diese Kongresse waren aber keine wirklich internationalen und selbständige, ausdrücklich anarchistischen Kongresse. Es waren vielmehr Konferenzen, die im Anschluß an sozialistische Kongresse abgehalten oder Konferenzen von Anarchisten, die aber durchaus nicht international beschickt wurden. Der erste Versuch eines international beschickten, selbständigen anarchistischen Kongresses war der von London (1881), an dem 45 Delegierte teilnahmen, die 60 Föderationen aus den verschiedensten Ländern vertraten. Es sollte dann der anarchistische Kongreß von Paris folgen, der aber wegen des Polizeiverbotes nicht abgehalten wurde. 1907 fand in Amsterdam der erste wirkliche anarchistische Kongreß statt, zu dem die anarchistischen Föderationen Hollands, Belgiens, Böhmens und Deutschlands eingeladen waren. Dieser Kongreß fand mit einer Beteiligung von etwa 60 - 70 Delegierten aus 14 Ländern statt. Es wurde die Begründung einer anarchistischen Internationale beschlossen und ein internationales Arbeitsbüro eingerichtet. Irgendwelche größere Aktionen sind aber von dieser Internationale niemals ausgegangen, vielmehr hat sich die anarchistische Bewegung weiterhin in den einzelnen Ländern selbständig entwickelt.

Die Internationale Arbeiterassoziationi hat aber nach ihrem  Wiederaufleben  (1889 fand der 1. Kongreß in Paris statt) immer energisch gegen die Aufnahme der Anarchisten Stellung genommen, so z. B. durch die Entscheidung der Kongresse von Brüssel (1891), Zürich (1893) und London (1896), indem sie erkläre, daß zwiscen dem Sozialismus und dem Anarchismus keine Gemeinsamkeit bestehe.


2. Der Anarchismus in den einzelnen Ländern

Weit mehr als in Deutschland und Österreich und überhaupt in den germanischen Ländern, hat der Anarchismus in den  romanischen  Ländern Aufnahme und Verbreitung gefunden. Dort ist der Anarchismus stellenweise so stark entwickelt, daß er die ausschlaggebende Bedeutung für die Arbeiterbewegung überhaupt gewonnen hat.

In Frankreich haben besonders BAKUNIN und KROPOTKIN agitatorisch gewirkt. BAKUNIN machte mit seinen Anhängern 1870 in Lyon einen Versuch, seine anarchistische Theorie in die Praxis umzusetzen. Der Aufstand, den er ins Werk setzte, lieferte ein blutiges Vorspiel zur Pariser Kommune.

Neben BAKUNIN gewann besonders KROPOTKIN Einfluß auf die französische anarchistische Bewegung. KROPOTKIN war von der Schweiz, wo er mit einigen Flüchtlingen der Pariser Kommune, darunter ELISÉE RECLUS, anarchistische Propaganda getrieben hatte, Ende der 70er Jahre nach Paris gekommen, wo er die erste anarchistische Organisationsgruppe einrichtete. Namentlich die von ihm in Genf begründete Zeitschrift "Le Révolté" gewann großen Einfluß auf die anarchistische Bewegung in Frankreich, die namentlich Anfang der 80er Jahre eine immer größere Ausdehnung erhielt. Als in Lyon einige Dynamitattentate stattfanden, wurde KROPOTKIN nebst 60 anderen Anarchisten verhaftet und verurteilt, KROPOTKIN 1886 amnestiert. Frankreich war auch der Schauplatz zahlreicher anarchistischer Attentate, darunter besonders zu erwähnen, die von RAVACHOL (1892), VAILLANT (1893), HENRY (1894) und schließlich die Ermordung des Präsidenten CARNOT durch den Italiener CAFIERO. Ein strenges Ausnahmegesetz wurde gegen die anarchistischen Agitatoren, soweit sie Gewalt empfahlen, erlassen.

Ein Teil der französischen Anarchisten suchte Anschluß an die revolutionär-syndikalistische Bewegung. Diese anarchistischen Syndikalisten standen unter der Führung von POUGET, dem früheren Redakteur der anarchistischen Zeitschrift "Pére Peinard".

Heute sind die Anarachisten besonders in der "Union anarchiste" zusammengeschlossen. Ihr Organ ist "Le Libertaire" (Auflage 20 000). Sie arbeiten in den revolutionären Syndikaten und bilden einen beträchtlichen Teil innerhalb der "Confédération Générale du travail". Außerdem bestehen noch andere Gruppen, wie z. B. die Gruppe "Temps nouveaux", die eine Zeitschrift mit gleichem Namen herausgibt.

Auch in Italien und in Spanien ist die anarchistische Bewegung von großer Bedeutung gewesen. In Italien waren neben BAKUNIN besonders MALATESTA, COSTA, CAFIERO, MERLINO tätig. Gegenwärtig sind die Anarcisten Italiens in der "Anarchistischen Union Italiens" zusammengeschlossen, die ungefähr 35 000 Mitglieder umfaßt. Von großem Einfluß war die Rückkehr ENRICO MALATESTAs, der sich unter den Arbeitern und Bauern einer gewaltigen Popularität erfreut. Neben der "Anarchistischen Union gibt es noch eine "Syndikalistische Union Italiens", die fast vollständig unter dem Einfluß anarchistischer Ideengänge steht. Hauptorgn "La Guerra dei Classe" in Mailand.

In der spanischen Arbeiterbewegung hatten die anarchistischen Ideen wie in Italien das Übergewicht über die sozialistischen erlangt, und auch dort war es besonders BAKUNIN, durch dessen agitatorische Tätigkeit diese Ideen Verbreitung fanden. Namentlich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts verbreitete sich der  kommunistische  Anarchismus. - Die Bewegung diente auch zugleich den Gewerschaftsinteressen der Arbeiter und zeitweilig stieg die Zahl der Anhänger derselben auf 50 bis 70 000. Der  Anarcho-Syndikalismus  ist die bei weitem stärkste Arbeiterbewegung Spaniens. Charakteristisch ist die große Organisation der Kleinbauern und Feldarbeiter.

Auch in seinem Vaterland, Rußland, machte BAKUNIN für die anarchistischen Ideen Propaganda und suchte besonders die Jugend und die rebellierten Bauern für seine Ideen zu gewinnen. Er stand in naher Beziehung zu NETSCHAJEW, der zum Komitee der russisch-revolutionären Partei gehörte. NETSCHAJEW reiste im August 1869 nach Moskau, wo er die Jugend für die Vorbereitungen zu einer Revolution (1870) gewinnen wollte. NETSCHAJEW floh in die Schweiz, wurde 1872 verhaftet, nach Russland ausgeliefert, wo er bis zu seinem Tod (1883) gefangen gehalten wurde.

Die Anarchisten waren auch in Russland in zahlreichen Föderationen vereinigt, konnten aber den spezifisch russischen Bewegungen, wie z. B. den Nihilisten, den Sozialrevolutionären, den Bolschewisten usw. gegenüber nie zu besonderer Macht gelangen. In neuerer Zeit gab es in der anarchistischen Bewegung Russlands zweierlei Richtungen: die eine, die Anarcisten Syndikalisten, welche hauptsächlich in den Arbeiterzentren ihre Propaganda entfalteten. Ihre Theoretiker waren VOLINE und MAXIMOW und ihr Organ "Golos-Thida" in Petersburg. Die andere Richtung waren die kommunistischen Anarchisten, die ihre Aktion haupsächlich auf das Land und die Bauernbevölkerung richtete; ihr Haupt war KARELIN als Führer und ihr Organ "Die Anarchie". Beim Beginn der Revolution verfügten die Anarchisten über 12 Tageszeitungen, die in den letzten 2 Jahren von den Bolschewisten vollständig unterdrückt worden sind. Das anarchistische Organ heißt "Nabat" (Geheim). Über 2000 Anarchisten wurden verhaftet.

In den  Vereinigten Staaten von Amerika  wurden der Anarchismus besonders durch den deutschen Anarchisten MOST gefördert, der dort die "Freiheit" herausgab. Der Anarchismus fand besonders unter den deutschen und böhmischen Arbeitern großen Anhang und Chicago war der Hauptsitz der Bewegung. Im anarchistischen Sinn wirkten auch eine ganze Reihe von Zeitungen, wie z. B. die "Arbeiterzeitung", der "Vorbote", die "Fackel", und der "Alarm" in Chicago, die "Freiheit" und die "Amerikanische Arbeiterzeitung" in New York und die "Parole" in St. Louis.

Als im Jahre 1886 die Anarchisten einen Aufruhr in Chicago veranstalteten, kam es zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei, was ein schroffes Vorgehen der Behörden gegen den Anarchismus zur Folge hatte, und zur Verurteilung MOSTs zu Gefängnis führte. Die meisten anarchistischen Vereine wurden aufgelöst, und die anarchistischen Zeitungen mußten größtenteils ihr Erscheinen einstellen.

In England hat der Anarchismus wohl die geringste Anhängerschaft unter allen Kulturländern gefunden, obwohl sich hier die Anarchisten der meisten Länder im Exil aufhielten, und von hier aus ihre Propaganda trieben. So hat KROPOTKIN seit den 80er Jahren lange Zeit in London gelebt und dort die anarchistisch-kommunistische Monatsschrift "Freedom" herausgegeben. (Die erste Nummer erschien im Oktober 1886.) Im Jahre 1896 wurde in London die Organisation "The Associated Anarchists" begründet, deren Zweck es war, Gruppen zu bilden, die bestimmte Regeln anerkannten, die zur Ausbreitung der anarchistischen Ideen als notwendig erachtet wurden. Die anarchistische Bewegung Englands ist sehr schwach, aber in der Arbeiterbewegung treten ziemlich starke anarcho-syndikalistische Strömungen auf, ihr Organ ist "Freedom" London, außerdem der "Arbeiterfreund" in jüdisch.

In Österreich wurde namentlich durch JOSEF PEUKERT (geb. 1806 die anarchistische Agitation betrieben, der über mehrere Zeitungen verfügte, von denen z. B. der "Pester Sozialist" erklärte: "nur für die gewaltsame, blutige und schonungslose Revolution, und daher für die Entfesselung aller wilden Instinkte im Volk arbeiten zu wollen".

An verschiedenen Attentaten waren besonders die Anarchisten KAMMERER und STELLMACHER, dieser der Redakteur der Freiheit währen ihres Schweizer Exils beteiligt. Infolgedessen wurden scharfe Maßnahmen gegen die Anarchisten ergriffen und die Hauptführer verhaftet. PEUKERT mußte flüchten und die ganze Bewegung ging stark zurück. In neuerer Zeit haben sich die anarchistischen Kommunisten unter der Führung von PIERRE RAMUS ( = RUDOLF GROSSMANN, Verfasser des Buches die "Neuschöpfung der Gesellschaft", Wien 1921 zu einem Bund der "herrschaftslosen Sozialisten" zusammengeschlossen. Ihr Organ ist die Wochenschrift "Erkenntnis und Befreiung". Sie treten besonders stark für das Siedlungswesen und die Genossenschaften ein.

In Deutschland hat die anarchistische Bewegung niemals größere Bedeutung erlangt. Zwar hatten die Ideen des individualistischen Anarchismus in STIRNER einen ihren bedeutendsten Vertreter gefunden. Auch haben sie ein gewisses theoretisches Interesse und Diskussionen hervorgerufen. Aber zu einer größeren politischen Betätigung, oder zu irgendwie numerisch bedeutenden Gruppenbildungen ist es hier nicht gekommen. Zweifellos hat die straffe einheitliche Organisation der Sozialdemokratie, welche die ganze Arbeiterbewegung beherrschte und alle anarchistischen Sonderbestrebungen schroff ablehnte, hierzu beigetragen.

Die stärkste agitatorische Kraft für den Anarchismus in Deutschland war JOHANN MOST, der ursprünglich Sozialdemokrat war, dann zu radikaleren Anschauungen gelangte und seit Ende der 70er Jahre, im Sinne des gewaltrevolutionären anarchistischen Kommunismus sich betätigte. Aus Berlin ausgewiesen, gab er in der von ihm in London redigierten "Freiheit" nähere Ausführungen seines Programms. Energischste Geheimagitation zur Aufwiegelung der Massen und Vorbereitung für die Revolution durch die Bewaffnung aller Sozialisten, revolutionäre Taten und Attentate waren die Schlagworte desselben. Auch vereinzelte Attentate kamen vor, darunter so schwere wie das gegen den Polizeirat RUMPFF in Frankfurt am Main und der Plan REINSDORFs zur Ermordung der deutschen Fürsten bei der Einweihung des Niederwalddenkmals. Schätzungsweise wurde angenommen, daß in Deutschland der Anarchismus damals, nicht über ein Dutzend Gruppen mit höchstens 200 Mitgliedern zählte. Der scharfe Gegensatz zwischen Anarchismus und Sozialdemokratie trat auch in mehrfachen Streitigkeiten zwischen beiden Parteien zutage. Die beiden Hauptanführer des Anarchisms in Deutschland, MOST und HASSELMANN, wurden auf dem Kongreß zu Wyden (1880) aus der Sozialdemokratie ausgeschlossen. Auf dem Kongreß in St. Gallen wurde eine Resolution gegen den Anarchismus angenommen. "In der Geschichte der Völker sei die Gewalt ebenso häufig, ja sogar häufiger ein reaktionärer, als ein revolutionärer Faktor, ihre individuelle Anführung führe nicht zum Ziel, sie sei vielmehr schädlich und verwerflich, weil sie das Rechtsgefühl der Massen verletze." Als sich Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine neue kleine Gruppe innerhalb der Sozialdemokratie bildete, die sogenannten  Jungen:  WERNER, WILDBERGER u. a., diegegen die politische Tätigkeit der Sozialdemokratie und für die revolutionäre Taktik im anarchistischen Sinn eintraten, wurde auf dem Erfurter Kongreß (1891) mit diesen Elementen sehr energisch abgerechnet. Sie erklärten ihren Austritt aus der Partei, um ihrer Ausschließung zuvorzukommen. Die Anhänger des kommunistischen Anarchismus Deutschlands haben sich zur "Anarchistischen Föderation Deutschlands" zusammengeschlossen. Sie zählen einige 1000 Mitglieder. Organ "Der freie Arbeiter", Berlin (Auflage 7000). Daneben erscheint noch der "Alarm", Hamburg. Die AFD beschäftigt sich vorwiegend mit Propagandaarbeit. Im neuerer Zeit haben anarchistische Ideen wieder etwas mehr Verbreitung gefunden, und zwar dadurch, daß die Vertreter des kommunistischen Anarchismus mit der deutschen  syndikalistischen  Bewegung Fühlung genommen haben. In Deutschland waren die Syndikalisten durch "Die freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften" vertreten. Sie traten 1908 aus der Partei aus. Sie haben sich 1912 zur "Freien Arbeiterunion" (Anarcho-syndikalistische Organisation) zusammengeschlossen, die ihrer Prinzipienerklärung nach auf anarcho-kommunistischen Boden steht. Sie zählt etwa 160 - 180 000 Mitglieder. Ihr Führer ist ROCKER, und ihr Hauptorgan "Der Syndikalist" (Auflage 92 000).

Neben dieser in der syndikalistischen Bewegung hervortretenden Propaganda für die Ideen des anarchistischen Kommunismus werben auch die Vertreter des individualistischen Anarchismus für die Verbreitung ihrer Anschauungen, und zwar besonders im Sinne der Ideen PROUDHONs und MACKAYs.

GUSTAV LANDAUER gründet 1908 den "sozialistischen Bund" und gab die Halbmonatsschrift "Der Sozialist" heraus. Dieser Bund steht ganz auf proudhonistischem Boden. Der erste Artikel lautet:
    "Die Grundformen der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden, untereinander in Gerechtigkeit tauschenden Wirtschaftsgemeinden."
Ein von LANDAUER im Jahre 1908 gehaltener Vortrag, "Aufruf zum Sozialismus" erschien 1911 in der ersten Auflage und in der zweiten Auflage nach Ausbruch der deutschen Revolution, als Revolutionsausgabe (Januar 1919). LANDAUER will die stärksten revolutionärsten Energien zur Verwirklichung der PROUDHONschen Ideen verwerten. Ganz im Sinne PROUDHONs heißt es in dem Aufruf:
    "Der selbständige Einzelne, dem Keiner in das hinein spricht, was seine Sache allein ist, die Hausgemeinschaft der Familie, der Heim und Hof ihre Welt sind, die Ortsgemeinde, die autonom ist, das Amt oder der Gemeindeverband und so immer mehr ins Breite mit einer immer kleineren Zahl Aufgaben, die umfassenderen Verbände - so sieht eine Gesellschaft aus, das allein ist der Sozialismus für den zu wirken sich lohnt, der uns aus unserer Not erretten kann."
Neben GUSTAV LANDAUER, der in der Münchener Revolution erschlagen wurde, ist BENEDIKT LACHMANN für die Ideen des individualistischen Anarchismus tätig. Seine Anhänger haben sich zu einer Vereinigung individualistischer Anarchisten zusammengeschlossen, und geben eine Halbmonatsschrift der "Individualistische Anarchismus" heraus, die von LACHMANN redigiert wird.

Die Anhänger STIRNERs hatten sich zu einem Verein "Der Einzige" zusammengeschlossen, aus dem sich der "Individualistenbund" entwickelt hat, der vom 25. bis 28. November 1920 in Berlin den ersten europäischen Individualisten-Kongreß abhielt. Direktor dieses Bundes ist Dr. ANSELM RUEST (der Verfasser einer 1906 erschienenen Schrift über STIRNER). Er ist auch Herausgeber einer Zeitschrift "Der Einzige", die nach Vereinigung mit der Zeitschrift "Ich", Organ des Bundes, und Sammelpunkt aller individualistisch Denkenden sein soll.

Wenn wir jetzt zu einer kurzen Kritik der anarchistischen Anschauung uns wenden, so müssen wir die sozialreformerischen und die politischen Ideen des Anarchismus trennen, ferner haben wir auseinanderzuhalten: die Begründer der anarchistischen Sozialphilosophie und die Vertreter der Propaganda der Tat. Insoweit die Anarchisten in ihrem wirtschaftlichen Reformprogramm mit dem sozialistischen oder kommunistischen Programme übereinstimmen, bedarf es überhaupt keiner weiteren kritischen Ausführung, weil ich die Kritik der sozialistischen und kommunistischen Wirtschaftspläne teils früher bereits gegeben habe, teils in den folgenden Vorlesungen zu geben denke. Nur zweierlei will ich hervorheben: Einmal den eigentümlichen Widerspruch, in dem sich diejenigen Anarchisten befinden, welche trotz ihrer anarchistischen Grundauffassung die sozialistische oder kommunistische Wirtschaftsweise empfehlen. Dies ist ein absoluter Widerspruch, denn, wer für die Willkür des Individuums eintritt, wie es die Anarchisten tun, kann nicht in einem so wichtigen Teil menschlichen Gesellschaftslebens, wie in der wirtschaftlichen Betätigung eine solche Zwangsorganisation gutheißen, die ganz notwendigerweise mit sozialistischer oder kommunistischer Wirtschaft verknüpft ist. Wenn die Anarchisten dieser Gattung noch so oft betonen, daß das Gemeineigentum nur sogenannten autonomen Menschengruppen gehören soll, und daß im übrigen diese Gruppen und ihre Mitglieder vollkommen frei handeln sollen, so ist das dennoch ein Widerspruch in sich. Gemeinsame Produktion und vollends gemeinsame Konsumtion erfordern die Unterordnung unter einen Gesamtwillen.

Das zweite, was dieser Gruppe von Anarchisten vorzuweisen ist, ist die Oberflächlichkeit, mit welcher sie speziell ihre volkswirtschaftlichen Reformideen darlegen und begründen. In dieser Hinsicht ist typisch KROPOTKINs Werk "Der Wohlstand für alle"; mit welch naivem Optimismus schildert hier KROPOTKIN, wie alle Menschen freudig bereit wären, in spontan sich bildenden Gruppen die nötige Arbeit zu leisten, damit alle die notwendigen Bedürfnisse befriedigen können, und wie unzutreffend ist hierbei der Vergleich zwischen solchen Vereinen wie etwa dem roten Kreuz und den anarchistischen wirtschaftlichen Vereinigungen der Zukunft; denn bei der erstgenannten Vereinigung handelt es sich darum, daß sich die Menschen zu den Werken der Nächstenliebe vereinigen, die anarchistischen Vereine sollen aber die ganze wirtschaftliche Existenz der Menschen auf diesem Weg gewährleisten.

Ganz anders steht in dieser Hinsicht PROUDHON da. Er hat weder die kommunistischen oder sozialistischen Wirtschaftspläne übernommen, noch kann man ihm vorwerfen, daß er seine ökonomischen Projekte oberflächlich begründet habe. Er hat sich ernstlich bemüht, eine wirtschaftliche Reform vorzuschlagen, die mit den politischen Grundprinzipien des Anarchismus vereinbar ist, und hat in größter Gründlichkeit gesucht, dieses Wirtschaftsprogramm näher zu erläutern. Gegen die PROUDHONsche Sozialreform ist aber ein ähnlicher Einwand zu erheben wie gegen den Plan HENRY GEORGES, den wir in der Vorlesung über Agrarsozialismus besprochen haben. Beide, PROUDHON und GEORGE wollen die individualistische Produktionsweise beibehalten, und dennoch gewisse Einrichtungen und Übelstände, die unvermeidlich mit ihr verknüpft sind, beseitigen, und glauben dadurch den Individualismus und Sozialismus miteinander vereinen zu können. Geld und Zins sind unvermeidliche Begleiterscheinungen der freien privatwirtschaftlichen Produktion. Bei dieser Produktionsweise läßt sich ein Tauschmittel von innerem Wert ebensowenig entbehren, wie der Zins beseitigt werden kann, solange Privatkapital bei der Produktion mitwirkt. Indem PROUDHON Privatkapital und freie Konkurrenz aufrechterhalten will, muß er auch Geld und Zins beibehalten und die von ihm geplante Volksbank hätte er daher zweifellos mit einem Schiffbruch endigen müssen, auch wenn er nicht durch die ihm zuerteilte Gefängnisstrafe verhindert gewesen wäre, sie überhaupt ins Leben treten zu lassen. Die dort abgelieferten Waren sind kein Geld und die dafür ausgestellten Tauschbons sind keine Geldzeichen, denn es fehlt ihnen gerade das, was ihre allgemeine Annahmefähigkeit garantiert, daß sie sich nämlich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Deshalb mußten alle derartigen Tauschbanken scheitern, - so sind z. B. in Frankreich zwei derartige Institute von MAZEL und BONNARD gegründet worden und beide nach wenigen Jahren wieder zugrunde gegangen. Warum? Weil sie gerade an dem Fehler litten, an dem auch PROUDHONs Plan leidet. Massenhaft wurden alle möglichen nutzlosen oder wenig brauchbaren Waren in der Bank aufgestapelt und dafür Tauschbons gegeben. Eingelöst wurden aber nur die Tauschbons ganz besonders beliebter, nützlicher und sehr brauchbarer Gegenstände. Auch in PROUDHONs Volksbank würde die Masse der nicht eingetauschten Waren das ganze System zum Scheitern gebracht haben.

Ich werde in späteren Vorlesungen noch auf verwandte Pläne von RODBERTUS und OWEN zu sprechen kommen, die ebenfalls in Form eines Arbeitsgeldes bzw. einer Arbeitstauschbank ein neues Geld einführen wollten und werde bei dieser Gelegenheit noch eingehender diese Versuche kritisieren.

Hier sei nochmals festgestellt, daß, solange Freiheit der Produktion und Freiheit des Konsums bestehen, unmöglich jede von einem freien Produzenten geschaffene Ware Bargeld darstellen kann. Noch unmöglicher als die Abschaffung des Geldes ist die von PROUDHON geplante erhoffte Unentgeltlichkeit des Kredits durchzuführen. Jedes Mitglieder der Volksbank würden natürlich mit großer Bereitwilligkeit die Gelegenheit wahrnehmen, Kapital zu seinen Produktionszwecken umsonst zur Verfügung zu haben. Dies wäre aber nichts als ein Geschenk, welches die Bank dem betreffenden Produzenten gewähren würde, und keine, wie immer geartete Kreditbank kann auf die Dauer ihren Mitgliedern derartige Kredite unentgeltlich gewähren.

Sonach ist PROUDHONs Volksbankprojekt nicht minder utopisch wie zahlreiche ähnliche Projekte, die in der Geschichte des Sozialismus und Kommunismus eine Rolle gespielt haben.

Was die  politischen  Ideen des Anarchismus anlangt, so widersprechen sie jeder rationellen Rechts- und Staatsauffassung. Eine ausführliche Kritik des Ideengangs soll hier nicht gegeben werden. Nur soviel sei bemerkt, daß eine Gesellschaft ohne Rechtszwang etwas absolut Undurchführbares ist, und weiter, daß eines so geartete Gesellschaft gerade den Prinzipien der Anarchisten selbst schnurstracks zuwiderlaufen müßte; denn, was wollen die Anarchisten? Sie wollen die Beseitiung der Willkür. Wie kann es aber ärgere Willkür geben, als die Abhängigkeit von der Laune einzelner Menschen, und dies würde doch in der anarchistischen Gesellschaft der Fall sein. Jedes Mitglied kann aus den Vereinigungen austreten, wann es ihm beliebt und dadurch den ganzen Zweck der Vereinigung illusorisch machen. Die Abhängigkeit der einzelnen von ihren Vereinen und ihren Vorständen wäre jedenfalls viel größer, als vom "Staat" und treffend drückte dies ein Sozialdemokrat einmal aus, indem er sagte: "Erst waren wir Sklaven der Behörden und Unternehmer und jetzt sollen wir Sklaven von Komitees und Vorständen sein."

Die Philosophie des Anarchismus bildet ein gutes Gegengewicht gegen die Philosophie des Sozialismus. Ich möchte sagen, sie zeigt an einem anderen Extrem, wie einseitig die sozialistische Ideenwelt ist. Indem der Anarchismus die schrankenlose Freiheit predigt, verteidigt er die Macht der freien Persönlichkeit, die im sozialistischen und kommunistischen Staat sehr zu kurz kommen müßte. Daher finden wir nirgends eine so scharfe und radikale Bekämpfung der sozialistischen Ideen, als in den Hauptwerken des Anarchismus und daß diese Kritik von Männern geübt wird, die selbst dem Proletariat angehören oder ihm zugeeignet sind, erhöht nur ihren Wert. Unsere ganze Rechtsordnung muß fortwährend Kompromisse machen zwischen dem freien Selbstbestimmungsrecht, das die Menschen für sich fordern, und dem Zwang, der im Interesse der Gemeinschaft nötig ist. Der Sozialismus übertreibt das Prinzip des Zwangs, die Bindung der einzelnen an die Gemeinschaft, ebenso wie der Anarchismus das dem Individuum gebührende Maß von Freiheit über das vernünftige Maß hinaus fordert. Wie schon gegenüber der platonischen Idee der Staatsomnipotenz und einer Gesellschaft mit Gütergemeinschaft ZENO, der Stifter der stoischen Schule, die freie staatliche Gemeinschaft als höchstes Ideal gepriesen hatte, so hat immer wieder die Forderung weitgehendster Beschränkung der Persönlichkeit in ihrer wirtschaftlichen Betätigung im umgekehrten nicht minder radikalen Verlangen nach absoluter Schrankenlosigkeit der Individuen im sozialen Leben ihr Gegenstück gefunden.

Wie sollen sich Staat und Gesellschaft gegenüber dem Anarchismus verhalten? Die anarchistishe Idee, soweit sie auf bestimmte politische oder wirtschaftliche Ideale abzielt, kann und soll sicherlich nicht durch irgendwelche Strafgewalt unterdrückt werden. Soll man Leute bestrafen und verfolgen, die irgendein noch so utopisches Bild einer gewünschten Gesellschaft entwerfen? Dann hätte man auch gegen PLATOs Staat, gegen MORUS' Utopien und ROUSSEAUs "contrat social", gegen HUMBOLDTs "Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirklichkeit des Staates zu bestimmen" den Strafrichter und den Staatsanwalt anrufen müssen. Dies geht nicht an. Was an derartigen Ideen gesund, reif, fruchtbar ist, wird im Laufe der Jahrhundert in der einen oder anderen Form seine Verwirklichung finden, was daran utopisch, undurchführbar, realpolitisch unmöglich ist, wird am harten Widerstand der tatsächlichen Verhältnisse scheitern. Aber man würde wichtige Fermente der geistigen Entwicklung hindern und hemmen, wenn man dem Schwung der Gedanken gesetzliche Hindernisse in den Weg legen wollte.

Ganz anders muß die Stellung des Staates gegenüber dem  politischen Anarchismus  sein. Wir haben gesehen, wie die anarchistischen Agitatoren die anarchistische Idee vergröbert haben. Eine Partei, die das Verbrechen zu einem politischen Prinzip erhebt, darf sich nicht wundern, wenn ihre Anhänger als Verbrecher betrachtet werden und es ist durchaus verständlich, daß der Staat mit rücksichtslosester Streng gegen eine derartige politische Partei vorgeht. Merkwürdig milde ist man lange Zeit gegenüber der anarchistischen Presse und den anarchistischen Vereinen verfahren. Hat diese Presse es doch nicht unterlassen, selbst Anweisungen zur Herstellung von Pikrinsäure, Dynamit, Nitroglyzerin, Schießbaumwolle usw. zu geben. So hat z. B. das französische Anarchistenorgan "La lutte" genaue Anweisungen zu Attentaten gegeben:
    "Man geht an einem Haus vorüber, in dessen Keller sich entzündbare Stoffe (Baumwolle, Alkohol usw.) befinden. Durch das Kellerloch läßt man ein Fläschchen mit der ... lösung gleiten, dann setzt man ruhig seinen Weg fort. Das Fläschchen zerbricht, die Flüssigkeit breitet sich aus und eine Viertelstunde später bricht das Feuer aus."
Soweit es sich um ein gesetzgeberisches Vorgehen gegen den  Anarchismus  handelt, bedarf es keiner besonderen Gesetze dagegen, sondern, da man es mit gemeinen Verbrechen zu tun hat, genügt die Anwendung des gemeinen Rechts. Es wird in der Hauptsache Aufgabe einer möglichst aufmerksamen und wachsamen Polizei sein, den anarchistischen Attentaten nachzuspüren und alle Schlupfwinkel der anarchistischen Agitation aufzufinden.

Das beste Mittel zur allmählichen Unterdrückung anarchistischer Ideen ist die Volksaufklärung, welche die Überzeugung vom Törichten - ja fast kann man sagen, dem Wahnsinnigen der anarchistischen Politik - immer weiteren Kreisen zum Bewußtsein bringt.
LITERATUR: Karl Diehl, Der Anarchismus in Über Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus, Jena 1922