ra-2 Sozialismus und soziale BewegungDie Arbeiterfrage    
 
KARL VORLÄNDER
Kant und Marx
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"Für den  idealistischen  Philosophen liegt der philosophische Ausgangspunkt in der Grundannahme: daß alle, auch die sogenannten materiellen Dinge im letzten Grund für uns doch nur in unserem und  durch  unser  Bewußtsein  existieren, weil eine andere Wirklichkeit als diejenige, die wir denken und empfinden, für uns überhaupt unvorstellbar ist. Allein das leugnen im Grunde auch die Väter des historischen Materialismus nicht. Alle Dinge, sagt Engels einmal, müssen durch unseren Kopf hindurchgehen und insofern ist jeder Mensch ein geborener Idealist. Der  materialistische  Standpunkt besteht für ihn eigentlich nur darin, daß man sich entschließt,  die wirkliche Welt  - Natur und Geschichte - so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt und jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer bringen, die sich mit den in ihren  eigenen  Zusammenhang und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen läßt. Und  weiter heißt Materialismus überhaupt nichts." 

"Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eine  jeden  anderen,  jederzeit zugleich  als  Zweck, niemals bloß als Mittel  brauchst.  Jedes vernünftige Wesen,  also auch der armseligste Tagelöhner, das elendste Proletarierweib, existiert nach Kant als Zweck ansich, ist keine Maschine, kein  Mittel zum beliebigen Gebrauch für diesen oder jenen Willen,  mit einem Wort, keine  Sache,  sondern eine  Person,  in der uns die Menschheit heilig sein soll. Ich frage Sie: Kann die Grundtendenz des Sozialismus, d. h. der Gemeinschaftsgedanke, einfacher ausgesprochen, deutlicher verkündet werden?"

Als sein  Staatsideal  bezeichnet Kant eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen kann. Dieses Ideal müsse man nicht bloß der Staatsverfassung, sondern  allen Gesetzen  zugrunde legen. Von unserer heutigen klugtuenden, sich immer so gerne auf die Erfahrung berufende "Realpolitik" würde Kant sagen, daß sie nur mit  Maulwurfsaugen"  zu sehen vermöge. Nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitend Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen würden."

Was der wissenschaftliche Idealismus von seinem Standpunkt aus vermißt, ist ein Punkt, der mit MARX' sozialer Theorie ansich gar nichts zu tun hat, daher unseres Erachtens durchaus mit ihr vereinbar ist. Ich meine den  verschiedenen philosophischen Ausgangspunkt,  der für den  idealistischen  Philosophen in der Grundannahme liegt: daß alle, auch die sogenannten materiellen Dinge im letzten Grund für uns doch nur in unserem und  durch  unser  Bewußtsein  existieren, weil eine andere Wirklichkeit als diejenige, die wir denken und empfinden, für uns überhaupt unvorstellbar ist. Allein das leugnen im Grunde auch die Väter des historischen Materialismus nicht. "Alle Dinge", sagt ENGELS einmal, "müssen durch unseren Kopf hindurchgehen und insofern ist jeder Mensch ein geborener Idealist". Der "materialistische" Standpunkt besteht für ihn eigentlich nur darin, daß man sich, um seine eigenen Worte zu gebrauchen (8), entschließt, "die wirkliche Welt - Natur und Geschichte - so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt" und "jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer bringen, die sich mit den in ihren  eigenen  Zusammenhang und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen läßt. Und  weiter  heißt Materialismus überhaupt nichts." -

Ich darf wohl annehmen, verehrte Anwesende, daß wir alle, die wir in diesem Saale sind, in  diesem  Sinne "Materialisten" sind und bleiben wollen. Auch Sätze wie der bekannte: "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt", können uns in unserer Ansicht von der Vereinbarkeit der MARX-ENGELSschen Theorie mit dem kritischen Idealismus nicht irre machen. In dem Sinn, wie hier "Bewußtsein" offenbar zu verstehen ist, nämlich als die seelische Gesamtverfassung eines Menschen oder einer Menschenklasse, haben wir gegen ihn, trotz seiner etwas einseitigen Zuspitzung, gar nichts einzuwenden. Denn diese Gesamtverfassung ist in der Tat vom sozialen Milieu im stärksten Maße bestimmt. Im übrigen aber ist die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein nicht, wie ENGELS unter dem Einfluß seiner hegelianisierenden Jugendbildung einmal behauptet, "die große Grundfrage aller Philosophie"; sondern diese allerdings durch die Geschichte der Philosophie Jahrhunderte lang sich hinziehende Frage ist eine leidige Erbschaft aus dem Mittelalter, eine rein scholastische Frage, mit deren eingebildeter Beantwortung wir in Wirklichkeit keinen Fuß breit weiterkommen, keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken können, mit der die Philosophen daher endlich einmal aufräumen sollten, um an ihre Stelle die berechtigtere Frage zu setzen: Wissenschaftliche oder nicht-wissenschaftliche Methode?

Doch ich darf mich bei der kurzen Spanne Zeit, die mir gesteckt ist, nicht weiter in erkenntnistheoretische Erörterungen vertiefen, die uns auf die Dauer von unserem eigentlichen Thema abführen würden. Ich glaube vielmehr, schon jetzt als Resultat unserer letzten Erwägungen die Folgerung feststellen zu können: Die materialistische Geschichtsauffassung ist trotz ihres Namens ansich mit dem kritischen Idealismus, wie wir sogenannten Neukantianer ihn vertreten, durchaus vereinbar. Wir können im Gegenteil im Interesse der Wissenschaft nur wünschen, daß die sachlichen und persönlichen Vorurteile baldmöglichst fallen, die einem weiteren Ausbau dieser höchst fruchtbaren geschichtsphilosophischen Methode durch zahlreiche historische Spezialuntersuchungen einzelner Geschichtsperioden, Länder, Stadtgebiete, Bevölkerungsklassen oder Arbeitszweige, zur Zeit, insonderheit bei den Bevölkerungsklassen oder Arbeitszweig, zur Zeit, insbesondere bei den politisch argwöhnischen Regierungen und Universitäten der meisten Kulturländer, noch im Wege stehen. Vom Standpunkt des kritischen Idealismus bedarf sie, wie gesagt, keiner  Bestreitung,  sondern nur einer, und zwar  zweifachen Ergänzung:  einmal einer gewissermaßen  hinter  ihr liegenden: der bereits angedeuteten zuverlässigeren  philosophischen Unterlage,  und zweitens einer  vorwärts  führenden: nämlich der Fortsetzung durch eine wissenschaftlich begründete soziale, wenn Sie wollen sozialistische  Ethik. 

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Verehrte Anwesende! Ich knüpfe wieder an die materialistische Geschichtsauffassung an und möchte Ihnen zunächst zeigen, wie dieselbe für eine Ethik im Sinne KANTs durchaus Platz läßt, ja - ich meine mehr sagen zu dürfen - sogar darauf hindrängt.

Wir haben bisher noch gar nicht gesehen, wie MARX und ENGELS auf ihre geschichtsphilosohische Auffassung ihren  Sozialismus  gründeten, der  an und für sich  mit dem historischen Materialismus noch keineswegs gegeben ist. Für unseren Zweck genügt es, wenn wir uns nur eben die springenden Punkte ihres Beweisganges vergegenwärtigen, die sich vielleicht auf folgende kürzeste Form bringen lassen: Auf einer gewissen Stufe der sozialen Entwicklung gerät jener oben erwähnte "Untergrund", weil sein Charakter sich im Laufe der Zeit wesentlich verändert hat, notwendig in Widerspruch mit dem noch immer bestehenden, aber tatsächlich überlebten politisch-ideologischen "Überbau". So gegenwärtig die veränderte, immer mehr sozialisierte Produktionsweise, die sich namentlich in Handel und Industrie immer weiter ausdehnt, mit der veralteten Rechtsordnung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Da nun aber, wie wir sahen, das Überlebte überall dem Lebendigen, die veraltete Form dem neuen Inhalt weichen muß, so wird und muß die privatkapitalistische Hülle, die heute zu einer Fessel der Produktionsweise geworden ist, eines Tages (natürlich nicht im buchstäblichen Sinn des Wortes!) gesprengt werden. Die heutige planlose Anarchie der Werterzeugung wird und muß dann umschlagen in ein  planmäßig organisiertes  zentral geleitetes Zusammenwirken, dessen erste Voraussetzung die Besitzergreifung der Produktionsmittel (also des Grund und Bodens, der Rohstoffe, der Maschinen, der Verkehrsmittel usw.) durch die Gesellschaft ist.

Was uns an dieser Ihnen allen bekannten Theorie, über deren Richtigkeit und Verwirklichungsfähigkeit wir an dieser Stelle nicht zu urteilen haben, vom  philosophischen  Standpunkt einzig und allein interessiert, ist das, daß hier neben dem Gesichtspunkt des bloßen Werdens, der Verkettung von Ursachen und Wirkungen, die sich in endloser Reihe zum gewaltigen Ring der Entwicklung aneinanderschließen, mit einem Mal, wenn auch ein wenig versteckt, ein völlig  neues  Moment erscheint. Es liegt in den beiden unscheinbaren Worten:  "planmäßig organisiert".  Pläne machen, bewußt organisieren - das kann nur ein Wesen, das sich  Zwecke setzt.  Damit tritt zum bloß durch seine Instinkte getriebenen oder durch die Macht der Verhältnisse vorwärts geschobenen Menschen der bewußt  wollende,  zum bloß erkennenden der nach selbstgesetzten Zwecken handelnde Mensch. Zur bloßen  Erklärung  der sozialen Geschehnisse in Vergangenheit und Gegenwart tritt das  Schaffen-,  das  Mitherbeiführen-Wollen der sozialen Zukunft, das ganz gewiß an das Gesetz der Kausalität, an die Naturgesetzlichkeit in jeder Weise gebunden ist, aber doch einen neuen, von ihr prinzipiell verschiedenen  Gesichtspunkt  darstellt. Denn es ist etwas grundsätzlich Verschiedenes, ob ich irgendein soziales Ereignis aus der Gesamtheit seiner Ursachen zu  erklären  suche oder ob ich es, natürlich unter Benutzung aller mir bekannten Umstände und aller mir zu Gebote stehenden Hilfsmittel,  herbeiführen  will. Es kommt dem Sozialisten, wie wir es vom jungen MARX vernahmen, nicht in erster Linie darauf an, die Welt zu  interpretieren,  sondern sie - zu  verändern!  Und, um weiter mit dem MARX von 1845 zu reden: "Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung ... sind, vergißt, daß die Umstände eben von den  Menschen  verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß." Und ENGELS schreibt noch 1888 (im "Feuerbach", Seite 51f) im gleichen Sinne:  Die Menschen machen ihre  Geschichte; in ihr "geschieht nichts ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel."

Wer aber Zwecke setzt, die über ein bloßes individuelles Belieben hinausgehen, wird folgerichtigt auch zur  Ethik  kommen. Damit nicht alle Einzelzwecke bei ihm kunterbunt durcheinanderlaufen, wird er zunächst bei  sich selbst  die Einheit der Zwecksetzung erstreben. Nun kann freilich jemand kommen und beispielsweise sagen: Ich habe es mir zum alleinigen Lebenszweck gemacht, ein großes Vermögen zu erwerben und bin entschlossen, alle meine sonstigen Zwecke diesem meinen obersten Ziel unterzuordnen. Nun, er wird sehr bald mit den Bestrebungen anderer kollidieren, die das nämliche Ziel wie er verfolgen und so zur Modifikation mindestens seiner Einzelmittel und -wege, zu einer - wenn auch vielleicht nur erzwungenen - Rücksichtnahme auf die  anderen  sich genötigt sehen. Ohne eine solche Rücksichtnahme ist ein vernünftiges Zusammenleben oder gar Zusammenwirken von Menschen überhaupt undenkbar. Wollen wir nicht alles dem blinden Spiel des Zufalls überlassen und ein  bellum omnium contra omnes  [Krieg jeder gegen jeden - wp] statuieren, so müssen wir - und das ist auch von jeher, man könnte sagen: beinahe von Anfang der Menschengeschichte an, bewußt oder unbewußt, tatsächlich der Fall gewesen - die Notwendigkeit einer Ordnung der Zwecke, somit der Unterordnung der niederen unter die höheren, bis man bei gewissen obersten, allgemeinsten Zwecken anlangt, anerkennen. Nichts anderes aber ist und will - recht verstanden - die  Ethik. 

Wie das Ziel der  Wissenschaft  im Grunde nichts anderes ist als  Einheitlichkeit  im  Denken,  somit Beseitigung der uns quälenden Gedankenwidersprüche, so geht die  Ethik  auf Beseitigung der Widersprüche im  Wollen  und  Handeln,  im weiteren Sinne, als  Sozial-Ethik, auf die Beseitigung der Widersprüche in den gesellschaftlichen Einrichtungen. Wie ein wissenschaftlicher Satz nur dann  wahr  ist, wenn er sich ohne Widerspruch in den einheitlichen Zusammenhang aller Erkenntnisse einfügen läßt, so ist eine Handlung oder ein Wollen nur dann  gut,  wenn sie sich ohne Widerspruch in eine einheitliche Ordnung der Zwecke einordnen läßt.  Das  ist der Sinn des kantischen Sittengesetzes, das, in die Form des kategorischen Imperativs, d. h. des unbedingten, an alle Vernunftwesen gerichteten ethischen Gebotes gekleidet, bekanntlich lautet: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Oder in einer anderen, an unseren soeben verfolgten Gedankengang noch besser anschließenden Formulierung: "Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eine  jeden  anderen,  jederzeit zugleich  als  Zweck, niemals bloß als Mittel  brauchst." "Jedes vernünftige Wesen", also auch der armseligste Tagelöhner, das elendste Proletarierweib, existiert nach KANT als Zweck ansich, ist keine Maschine, kein "Mittel zum beliebigen Gebrauch für diesen oder jenen Willen", mit einem Wort, keine  "Sache",  sondern eine  "Person,  in der uns die Menschheit heilig sein soll. Ich frage Sie: Kann die Grundtendenz des Sozialismus, d. h. der Gemeinschaftsgedanke, einfacher ausgesprochen, deutlicher verkündet werden?

Man hat an KANTs Formulierung ihren  imperativen  und  rigoristischen  Charakter getadelt (9). Allein jenes Gebot geht von keinem Gott und keinem Monarchen, von keiner Kirche und keinem Staat aus, sondern es stammt lediglich aus der eigenen Brust, dem eigenen Willen des Menschen. Der Mensch ist nach KANT  autonom d. h. sein eigener Gesetzgeber.

Man hat ihr weiter  Künstlichkeit  und  kalte Abstraktion  vorgeworfen und dabei ist sie doch so einfach und selbstverständlich, daß sie, um mit KANT zu reden, "für den gemeinsten Verstand ganz leicht und ohne Bedenken einzusehen ist"; denn "die Stimme der Vernunft mit Beziehung auf den Willen" ertönt für das gemeinste Ohr "so vernehmlich", "so unüberschreibbar", daß - o grausame Ironie! - nur "Philosophie die Entscheidung dieser Frage zweifelhaft machen", nur "die kopfverwirrenden Spekulationen der Schulen dreist genug sind, sich gegen jene himmlische (Vernunft-)Stimme taub zu machen".

Man hat endlich - und das ist der wichtigste Punkt - den  Formalismus  der kantischen Ethik gescholten. Und doch besteht gerade in ihm, in seiner Unabhängigkeit von bestimmten, wie KANT sagt, materiellen Einzelmotiven, wie paradox es auch zunächst klingen mag, ihr größter Vorzug, ihre beste Kraft. (10) Der lebendige  Inhalt  kann einer Ethik stets nur von ihrer  Zeit  gegeben werden. Aus diesem Grund konnte auch KANT selbst unmöglich schon Sozialist im heutigen Sinn des Wortes sein. Denn zu seiner Zeit war keine Maschinenindustrie, kein Kapitalismus im heutigen Sinn, kein moderner Arbeiterstand vorhanden. Sein oberstes sittliches Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung, eines idealen Reichs der Zwecke, in dem jeder Mensch jederzeit zugleich Selbstzweck ist, kann vielmehr nur den  Leitstern  oder, um mich eines im Bernsteinstreit vielgebrauchten Ausdrucks zu bedienen, das  "Endziel"  bedeuten, auf das hin die ethische  "Bewegung"  der Menschheit ihren Lauf nehmen soll. Daß Sitte und Sittlichkeit in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten, bei verschiedenen Menschenklassen und -rassen und schließlich auch bei den einzelnen Individuen auf dieser schönen Erde von jeher sehr verschieden gewesen sind und noch sind, - diese Binsenwahrheit ist dem Königsberger Weisen selbstverständlich auch nicht verborgen geblieben. Gerade  er  hat vielmehr gern und oft, in seinen Vorlesungen wie in seinen Schriften, auf die Zusammenhänge der sittlichen Anschauungen der Völker und Zeiten mit ihrem physischen und psychischen Mutterboden hingewiesen. Aber er nannte das  Menschenkunde  (Anthropologie), nicht  Ethik.  Die Ethik dagegen war für ihn eine  gesetzgebende,  eine  Norm wissenschaft, wie Logik, Physik und Ästhetik auch. Wie diese drei die Gesetze festzustellen suchen, nach denen wir das Denken selbst, das Naturgeschehen und die Welt des Schönen in einem einheitlichen Zusammenhang zu begreifen vermögen, so hat die Ethik die Gesetze zu erforschen, welche die Menschheit sich selbst für ihr soziales Zusammenleben gibt oder vielmehr geben  soll. 

Wie Sie sehen, habe ich zur Ergänzung der marxistischen Begründung des Sozialismus nach der  ethischen  Seite hin nur die  Methode  KANTs, nicht sein  System  herangezogen. Und das geschah mit voller Absicht. Denn wir bedürfen zu diesem Zweck weder des gesamten kantischen Systems noch auch seiner persönlichen Ansichten über Gott, die Welt und Unsterblichkeit, die er in den bekannten drei Postulaten zwar nicht als Grundlage, aber doch als Anhang zu seiner Ethik niedergelegt hat. KANTs Philosophie ist in der Tat infolge ihrer oft recht verklausulierten Ausdrucksweise in manchen Punkten nicht ganz eindeutig und so haben denn von jeher alle möglichen, zum Teil die entgegengesetzten Richtungen, sich auf Aussprüche von ihm berufen, unter seinem philosophischen Mantel Deckung gesucht. Ich erinnere mich z. B. noch gut eines älteren Kommilitonen aus meiner Studentenzeit, der der schwärmerischen Sekte der Irvingianer angehöfte und sich zur Begründung seiner religiösen Anschauungen nicht bloß auf das 3. Kapitel des Propheten JOEL, sondern auch auf den bekannten Satz KANTs und der 2. Vorrede zur "Kritik der reinen Vernunft" berief: "Ich mußte das  Wissen  aufheben, um zum  Glauben  Platz zu bekommen." - Und - was uns hier näher angeht - in  politischer  Beziehung ist KANT im wesentlichen ein  Liberaler,  dessen staatsphilosophisches Hauptwerk, die "Rechtslehre", den sogenannten "Rechtsstaat" als ideal betrachtet. Mit einer in der Theorie ziemlich radikalen Gesinnung, die ihn bekanntlich auch die große französische Revolution mit unverhohlener Sympathie begrüßen ließ, verbindet er doch wieder eine gewisse, vielleicht durch sein Preußentum bedingte, konstitutionell-monarchische Staatsgesinnung.

Trotzdem bieten seine geschichts- und staatsphilosophischen Schriften auch für den Sozialismus manche interessante Anknüpfungspunkte, von denen ich Ihnen wenigstens einige andeuten will. (11) So hat vor kurzem KONRAD SCHMIDT in den "Sozialistischen Monatsheften" mit Bezug auf KANTs kleine Schrift "Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" (1784) erklärt, daß gerade diejenigen Züge der HEGELschen Geschichtsphilosophie, die für MARX eigenes umgestaltendes Denken am fruchtbarsten gewesen seien, "weit einfacher und klarer bereits von KANT herausgearbeitet und merkwürdig frei von aller Einmischung schwärmender Ideologie begründet worden sind." (12) Und das will umsomehr heißen, als SCHMIDT Marxist und im allgemeinen Gegner der neukantischen Bestrebungen ist. - Als sein  Staatsideal  bezeichnet KANT "eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen kann". Dieses Ideal müsse man nicht bloß der Staatsverfassung, sondern "allen Gesetzen" zugrunde legen. Von unserer heutigen klugtuenden, sich immer so gerne auf die Erfahrung berufende "Realpolitik" würde KANT sagen, daß sie nur mit "Maulwurfsaugen" zu sehen vermöge. "Nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitend Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen würden." Diese Worte schrieb er an bedeutsamster Stelle, in seinem Hauptwerk: "Die Kritik der reinen Vernunft", im Hinblick auf - nicht eine beliebige Staatsverfassung seiner Zeit, sondern auf die erste große sozialistische Utopie: die Republick PLATOs. Auch noch in seiner spätesten Schrift, dem "Streit der Fakultäten", verteidigt er die Utopien von PLATO, MORUS u. a. gegen den Vorwurf, bloße Hirngespinste müßiger Denker zu sein, mit den Worten: "Ein Staatsprodukt, wie man es hier denk, als dereinst ... vollendet zu hoffen, ist ein süßer Traum, aber sich ihm immer zu nähern, nicht allen  denkbar,  sondern, soweit es mit dem moralischen Gesetz zusammen bestehen kann,  Pflicht."  Unser Philosoph würde auch heute kaum ein Freund von sogenannten "Flick-Reformen" sein. Er spöttelt über das "am Staate flicken", wie es "alle sich so nennenden Praktiker gewohnt sind", dieselben Politiker, die stets davon sprechen: "Man muß die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht, wie der Welt unkundige Pedanten oder gutmütige Phantasten träumen, daß sie sein sollten", während sie doch selbst "durch ungerechten Zwang, durch verräterische, der Regierung an die Hand gegebene Anschläge" zu dem, was sie sind, gemacht haben", nämlich "halsstarrig und zur Empörung geneigt". Das Volk verlange von der Regierung nicht  Wohltätigkeit,  sondern sein  Recht,  denn "mit Freiheit begabten Wesen genügt nicht der Genuß der Lebensannehmlichkeit ..., sondern auf das Prinzip kommt es an, nach welchem es sich solche verschafft". - Dabei ist der Begriff der  natürlichen  Gerechtigkeit dem der  bürgerlichen  oft geradezu entgegengesetzt. "Wenn ich" - so lautet eine Stelle seiner von BENNO ERDMANN herausgegebenen "Reflexionen" - "von einem Reichen erbte, der sein Vermögen durch Erpressung von seinen Bauern genommen hat und dieses auch an die nämlichen Armen schenkte, so tue ich im  bürgerlichen  Verstand eine sehr großmütige Handlung, im  natürlichen  aber nur eine gemeine Schuldigkeit."

Besonders schöne Worte findet unser Philosoph, wenn es sich um die  Freiheit  in politischen, sozialen und religiösen Dingen handelt. Ich möchte mir erlauben, Ihnen eine längere Stelle vorzulesen, die sich in einer Schrift findet, wo man sie zunächst nicht vermuten sollte und die deshalb vielleicht nicht die verdiente Beachtung gefunden hat. Sie steht in der "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft", gegen Ende und lautet:
    "Ich gestehe, daß ich mich in den Ausdruck, dessen sich auch wohl kluge Männer bedienen, nicht wohl finden kann: Ein gewisses Volk (was in der Bearbeitung einer gesetzlichen Freiheit begriffen ist), ist zur Freiheit nicht reif: die Leibeigenen eines Gutseigentümers sind zur Freiheit noch nicht reif: und so auch, die Menschen überhaupt sind zur Glaubensfreiheit noch nicht reif. Nach einer solchen Voraussetzung aber wird die Freiheit nie eintreten; denn man kann zu dieser nicht reifen, wenn man nicht zuvor in Freiheit gesetzt worden ist (man muß frei sein, um sich seiner Kräfte in der Freiheit zweckmäßig bedienen zu können). Die ersten Versuche werden freilich roh, gemeiniglich auch mit einem beschwerlicheren und gefährlicheren Zustand verbunden sein, als da man noch unter den Befehlen, aber auch der Vorsorge anderer stand; allein man reift für die Vernunft nie anders, als durch eigene Versuche (welche machen zu dürfen, man frei  sein  muß). Ich habe nichts dagegen, daß die, welche die Gewalt in Händen haben, durch Zeitumstände genötigt, die Entschlagung von diesen drei Fesseln" (gemeint sind die politische, die wirtschaftliche und die religiöse) "noch weit, sehr weit aufschieben. Aber es zum Grundsatz machen, daß denen, die ihnen einmal unterworfen sind, überhaupt die Freiheit nicht tauge und man berechtigt sei, sie jederzeit davon zu entfernen, ist ein Eingriff in die Regalien [Hoheitsansprüche - wp] der Gottheit selbst, der den Menschen zur Freiheit schuf. Bequemer ist es freilich im Staat, Haus und Kirche zu herrschen, wenn man einen solchen Grundsatz durchzusetzen vermag. Aber auch gerechter?"
Übrigens ist auch KANTs "Rechtslehre" keineswegs so individualistisch und liberalistisch, wie man gewöhnlich annimmt. Jenes Ideal einer "vollkommen gerechten bürgerlichen Verfassung", in der die Freiheit eines jeden nur durch die Bedingung ihrer Zusammenstimmung mit der Freiheit  aller  anderen eingeschränkt ist, erinnert doch, wie wir noch sehen werden, an MARX' Formulierung des sozialen Ideals und soll überdies durch ein "gesetzmäßiges Zwangsprinzip" hergestellt werden. Und der ursprüngliche Kommunismus von Grund und Boden erscheint ihm, wenn auch  historisch  nicht nachweisbar, so doch als ein  richtiges Prinzip,  "nach welchem allein die Menschen den Platz auf Erden nach Rechtsgesetzen gebrauchen können". - Der von ihm ersehnte weltbürgerliche Zustand ist endlich ein solcher, wo man nicht mehr "Vorteile genießt, um derentwillen andere desto mehr entbehren müssen". In ihm sollen vielmehr alle natürlichen Anlagen der Menschheit sich frei entwickeln können. Ich glaube, mehr verlangt auch der entschiedenste Sozialist nicht.

In  praxi  zieht dann freilich unser Philosoph vielfach noch nicht die vollen Konsequenzn solcher Aussprüche, sondern bleibt er, wie es auch nicht anders zu erwarten war, in den Begriffen seiner Zeit und seiner Klassen hängen. Er übernimmt z. B. aus der Gesetzgebung der französischen Revolution die Unterscheidung von Aktiv- und Passivbürgern, oder, wie er sagt: von Staats bürgern  und bloßen Staats genossen,  zu welchen letzteren alle Handwerksgesellen, Dienstboten, Tagelöhner, Zinsbauern, dazu auch "alles Frauenzimmer" gehört!  Rechtliche  Gleichheit und  persönliche  Freiheit sollen zwar auch diese Staatsgenossen genießen - denn ohne solche kann kein Volk ein  Staat  heißen! - nicht aber  politische  Gleichheit Grund: weil ihnen die dazu erforderliche  wirtschaftliche Selbständigkeit  fehlt. Die logische Konsequenz seines kategorischen Imperativs, daß dieselbe gerade deshalb  allen zu verschaffen  ist, fällt ihm noch nicht ein. - Ein anderes Beispiel. An derselben Stelle, wo er die Utopien lobt, schiebt er die Pflicht, sich ihnen allmählich anzunähern, nicht einmal seinen Staatsbürgern, sondern dem - Staats oberhaupt  zu, wie er denn überhaupt die aufklärende Stimme der "freien Rechtslehrer d. h. Philosophen" nicht "vertraulich ans Volk - als welches davon und von ihren Schriften wenig oder gar keine Notiz nimm" (!), sondern ehrerbietig an den  Staat  gerichtet wissen will.

Allein, wenn wir an diesem Beispiel die Wahrheit der marxistischen Geschichtsauffassung erkennen, daß auch die größten Denker gerade in ihren sozialen Anschauungen von ihrer Zeit abhängig sind: was hindert  uns,  die wir in einer ganz anderen Zeit leben, in der das Volk von sozialphilosophischen und sozialpolitischen Schriften  recht viel  Notiz nimmt, in der es zum Bewußtsein seiner staatsbürgerlichen Rechte erwacht ist oder doch zu erwachen beginnt, die vollen, d. h.  sozialistischen  Konsequenzen von KANTs kategorischem Imperativ zu ziehen, um ihn - wie  er  es einmal von PLATO sagt - besser zu verstehen, als er sich selbst verstand? Der Weg vom Liberalismus (im echten Sinne des Wortes) führt nicht bloß  historisch,  sondern auch  logisch  zum Sozialismus. Die Freiheit des Einzelnen ist nur eine scheinbare, solange die erdrückende Herrschaft des Privatkapitals ihn tatsächlich zu einem bloßen Arbeitsmittel in der Hand des Besitzenden macht. Sie wird in der Tat erst durch einen Zustand gewährleistet, in dem auch wirtschaftlich keiner mehr schlechthin vom anderen abhängig ist, sondern aus freiem Willen dem Ganzen, den anderen dient, wie er von ihnen gefördert wird. Nur, wenn einem  jeden  nicht bloß in Worten, sondern durch tatsächliche Institutionen die  freie  Entwicklung seiner Anlagen ermöglicht ist, nur dann sind wir bei KANTs Reich der Zwecke angekommen, in dem kein Mensch mehr bloß Mittel, sondern stets zugleich Selbstzweck ist, jenem Zustand, der, wenn er auch niemals völlig erreicht würde, uns doch immer als leuchtendes Endziel vor Augen schweben muß: sei es, daß wir es als Neukantianer formulieren als die  "Gemeinschaft frei wollender Menschen",  sei es, daß wir es mit MARX als den "Verein freier Menschen" bezeichnen, als die  "Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller ist". (13) Echter Individualismus und echter Sozialismus sind nicht bloß keine Gegensätze, sondern sie ergänzen, ja mehr, sie bedingen und fordern sich gegenseitig: Erhebnung zur Gemeinsachft bedeutet nicht Beschränkung oder Eindämmung des eigenen Selbst, sondern Erweiterung und weiteste Entfaltung seiner Kräfte.

Ich hoffe, Ihnen jetzt einigermaßen verdeutlicht zu haben, welchen Beitrag MARX und KANT vom philosophischen Standpunkt aus zur Begründung des Sozialismus geliefert haben. Um es noch einmal ganz kurz zusammenzufassen: MARX bedeutet die  historisch-ökonomische,  KANT die  ethische  Begründung. Lassen Sie uns zum Schluß betrachten, welche Stellung beide Methoden bisher zueinander eingenommen  haben  und welche sie in Zukunft einnehmen  könnten  oder  sollten. 

Auf den ersten Blick scheint der Sozialismus von MARX und ENGELS dem  ethischen  Gesichtspunkt völlig gleichgültig, ja ablehnend gegenüberzustehen. Wenn es auch nicht wahr sein sollte, was mir einmal ein Herr, der mit MARX noch persönlich verkehrt hat, erzählte: daß MARX, sobald man ihm von Moral zu reden angefangen habe, laut gelacht habe, so hält sich doch ihre Begründung des Sozialismus ganz - verzeihen Sie den despektierlichen Ausdruck - "moralinfrei". So erklärt z. B. das Kommunistische Manifest ganz offen Gesetze, Moral, Religion für "ebensoviele bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebensoviele bürgerliche Interessen verstecken". Die theoretischen Sätze der Sozialisten beruhen, so wird ausgefüht,  nicht auf Ideen,  die dieser oder jener Weltverbesserer erfunden oder entdeckt habe, sondern seien nur allgemeine Ausdrücke der tatsächlichen Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes. Nicht bloß die Schrift gegen PROUDHON, sondern auch noch eine Anmerkung im "Kapital" (Seite 62f) spottet über die Idee der "ewigen Gerechtigkeit". Und jeder, der das "Kapital" oder die andere Hauptschrift zur theoretischen Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus, den ENGELSschen Anti-Dühring, gelesen hat, weiß, mit welcher Absichtlichkeit beide - ethische Gesichtspunkte von ihren Deduktionen fernhalten.

Wie ist diese uns zunächst seltsam anmutende Abneigung gegen den ethischen Idealismus, aus dem doch der Sozialismus tatsächlich seine beste Kraft zieht, zu erklären? Nun, sie ist historisch und psychologisch unschwer zu verstehen. Es zittert darin zunächst noch die Antipathie gegen den spekulativen Idealismus der FICHTE, SCHELLING, HEGEL, überhaupt nach, von dem beide sich nicht hatten narren alssen wollen. Dann aber hatten sie in der sozialistischen Bewegung ihrer Zeit, speziell der 40er Jahre, von wohlmeinenden, aber unklaren Köpfen, die sich noch dazu als die "wahren" Sozialisten aufspielten, Moralpredigten, fromme Wünsche und ideale Verbesserungsvorschläge zur Genüge gehört, so daß sie von dieser  Moral der bloßen Worte  genug und übergenug hatten. Ja, sie hatten Schlimmeres erfahren. Sie hatten oft erlebt, daß man mit schönen Moralsätzen von öffentlicher Wohlfahrt, Pflichterfüllung, gleichem Recht für alle, innerem Glück und innerer Zufriedenheit das Volk, den "großen Lümmel" (nach HEINRICH HEINE), einzulullen, die Energie des sozialen Befreiungskampfes zu lähmen versucht hatte. Sie waren sich ihrerseits bewußt, jenen "Moralpauken" gegenüber, wie sie wohl geringschätzig sagten, den Schritt "vom Utopismus zur Wissenschaft" getan zu haben. Sie wollten nicht mehr ein aus ihren Köpfen herausgesponnenes Ideal den Menschen vorpredigen, sondern zeigen, wie die tatsächliche geschichtliche Entwicklung die sozialistischen Tendenzen begünstige, die neuen Zustände gewissermaßen von selbst schaffe, so daß die Menschen nur die Geburtshelfer der schon vorher im Schoß der alten, bürgerlichen Gesellschaft herangereiften sozialistischen Zukunftsgesellschaft zu sein, höchstens sich auf die eines Tages doch kommende Umwälzung vorzubereiten brauchten.

Und doch war gerade in dieser scheinbaren Opposition gegen die Ethik und den Idealismus eine tiefere ethische Anschauung latent.  Und der Sozialismus kommt weder historisch noch logisch, weder theoretisch noch tatsächlich von der Ethik los.  Ich muß, der Kürze der Zeit wegen, davon absehen, Ihnen zu zeigen, wie der junge MARX und der junge ENGELS offensichtlich durch ethische Gesichtspunkte von ihren bürgerlich-radikalen zu kommunistischen Anschauungen getrieben worden sind. Zudem können Sie dafür in den Büchern von Dr. WOLTMANN und Prof. MASARYK, vor allem aber in den jetzt von MEHRING neu herausgegebenen Jugendschriften von MARX-ENGELS selbst die Belege in Fülle finden. Aber auch in denjenigen Schriften, worin beide gerade gegen den "wahren oder philosophischen" Sozialismus zu Felde ziehen, wie im Kommunistischen Manifest oder in einem fast rein nationalökonomischen Werk wie "Das Kapital", das doch ausgesprochenermaßen nur "das ökonomische Bewegungsgesetzt der modernen Gesellschaft enthüllen" will - können sie der Ethik nicht entflieben. So operiert das "Manifest" mit einer Reihe von ethischen Ausdrücken wie: "Unterdrücker und Unterdrückte", "unverschämte Ausbeutung" u. ä., wirft der Bourgeoisie vor, sie habe "die persönliche Würde in Tauschwert aufgelöst", sie "im eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt" und eine "gewissenlose" Handelsfreiheit eingeführt, um schließlich jenes oben erwähnte Ideal der freien "Assoziatioin" aufzustellen. - Im "Kapital" sind zwar die ethischen Ausdrücke verhältnismäßig seltener, allein sie fehlen auch dort nicht. So spricht allein die Vorrede von "schlechten" Zustäönden, von "Exploitation", von den "Furien des Privatinteresses", von "brutaleren und humaneren" Formen des Klassenkampfes. Und wenn wir die berühmten Kapitel von der im Gefolge der industriellen Entwicklung Englands einherschreitenden Not, dem Jammer und dem Elend der arbeitenden Klassen gelesen haben, so werden wir mit WOLTMANN von einem "ethischen" Standpunkt des "Kapitals" sprechen, "der freilich nicht in der Manier eines Moralpredigers, sondern in der Form der Satire und eines in der Tiefe des Herzens qualdurchzuckten Spottes und Hohnes zum Ausdruck kommt." (14)

Wie mit MARX und ENGELS, ebenso verhält es sich auch mit den heutigen Marxisten. Wie gleichgültig, wie ablehnend sie öfters einer moralischen Begründung des Sozialismus gegenüberzustehen  scheinen,  - in ihrem innersten Herzen kommen sie doch nicht vom ethischen Ideal los. Ich verzichte darauf, Ihnen Äußerungen von so guten Marxisten wie DIETZGEN, KAUTSKY, MEHRING, LABRIOLA, KONRAD SCHMIDT als Beleg hierfür anzuführen. Brauchen Sie doch nur auf die gesamte praktische Agitation des Sozialismus hinzublicken, um zu erkennen, wie - ich möchte sagen - bis zum Rand gefüllt er mit ethischer Kritik, mit ethischem Pathos ist. Jede Agitationsrede, jedes Parteiprogramm (das Hainfelder so gut wie das Erfurter!), jeder Wahlaufruf, jede sozialistische Zeitung liefert Ihnen den Beweis dafür. Kurzum, ich wage, ohne daß ich bei Ihnen ernstlichen Widerspruch befürchten zu müssen glaube, den Satz:  Ohne  Ethik, d. h. ohne die Verfolgung selbstgesteckter, bewußt anti-egoistischer Ziele lebt kein Sozialist, kommt kein Sozialismus der Welt aus.'

 Wenn  sich das aber so verhält, wenn, wie sogar MEHRING mir zugab, die MARXsche Ethik dem Sinn nach mit der kantischen identisch ist (15), so hat der Sozialismus meines Erachtens nicht den mindesten Grund, sich gegen eine  wissenschaftliche Begründung  und  Behandlung  dieser Ethik, die seine Vertreter, wenn auch in verschiedenem Grade ihrer bewußt, ja doch im innersten Herzen tragen, zu sträuben. Und zwar, nach kantischem Muster, einer Ethik als  selbständiger Norm wissenschaft, die nach einem eigenen methodischen Gesichtspunkt verfährt. Denn es genügt dazu  nicht,  daß man zeigt, wie auch die höchsten sittlichen Gedanken, nach der Seite ihres  Entstehens  hin, sich im letzten Grund auf ökonomische und andere natürliche Momente (16) zurückführen lassen. Das ist die Lehre des historischen Materialismus und wir haben bereits gesehen, daß sie auf ihrem Gebiet fruchtbar und berechtigt ist. Aber man muß sich klar machen, daß der Sozialismus nicht restlos in einer (im weiteren Sinne des Wortes)  natur wissenschaftlichen Erklärung des Vergangenen und Gegenwärtigen oder einer Vermutung des Zukünftigen aufgeht. Sondern daß daneben auch eine wissenschaftliche Durcharbeitung der teleologischen oder  Zweck gedanken, eine Feststellung der Grundsätze und Ziele einheitlichen sittlichen Wollens erfordert. Die materialistische Geschichtsauffassung als sloche kann uns von den  Endzielen  des Sozialismus überhaupt nichts sagen. Sie kennt nur eine endlose Abwicklung von sozialen Geschehnissen, die sich aneinanderreihen und im günstigsten Fall die Tendenz haben, eine Verwirklichung der sozialistischen Ideale als möglich oder wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Diese  selbst  aber können nun und nimmermehr aus dem  entwicklungsgeschichtlichen  Standpunkt  allein  herausdestilliert werden.

Es würde meines Erachtens mit dieser notwendigen Ergänzung zugleich eine  Vertiefung  und Festigung der philosophischen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus eintreten, die dieser recht wohl gebrauchen könnte. Denn es heißt nicht Vorwürfe machen, sondern nur eine Tatsache aussprechen, wenn wir feststellen, daß die bedeutendsten gegenwärtigen Häupter desselben, die sich auf dem ökonomischen und sozialhistorischen Gebiet die größten Verdienst erworben haben, philosophisch weit weniger durchgebildet sind. Nicht etwa ich oder ein anderer Neukantianer, sondern ein Ihnen allen sehr bekannter Wiener Vertreter des  marxistischen  Sozialismus war es, der vor wenig mehr als zwei Jahren über diesen Punkt in der "Neuen Zeit" die Worte niederschrieb: "Ich gestehe, daß ich außer etwa von KONRAD SCHMIDT und SADI GUNTER wenig Philosophisches in unserer neueren Parteiliteratur gelesen habe, das mir nicht geradezu schmerzhaft gewesen wäre. Das gilt von PLECHANOW bis BERNSTEIN und von BERNSTEIN bis PLECHANOW." (17) Der Verfasser dieses "Unmaßgebliche Betrachtungen" überschriebenen Artikels, der sich viel schärfer ausdrückt, als ich es jemals gewagt hätte, ist kein anderer als - VIKTOR ADLER in Wien. Und obendrein zählt von den beiden Ausgenommenen, deren Philosophie ihn am wenigsten schmerzhaft berührt hat, der eine (SADI HUNTER) zu meiner nicht geringen Genugtuung zu den ausgesprochenen Neukantianern.

Andererseits würde eine  Abschwächung  oder auch nur Minderschätzung der MARXschen Prinzipien auf dem Gebiet der Ökonomie und der Geschichtsauffassung mit ihrer Ergänzung nach der philosophischen und ethischen Seite keineswegs verbunden zu sein brauchen. Im Gegenteil. Denn jene formale Ethik KANTs würde ja völlig in der Luft schweben, wenn sie nicht aus der Wolkenhöhe des abstrakten Gedankens zur Erde herniederstiege, um auf dieser ihre Verwirklichung anzustreben. Zu diesem Zweck aber bedarf sie des engsten Zusammenhanges mit einer Geschichtstheorie, die uns so tief, wie keine andere je zuvor, die innersten Triebkräfte der sozialen Entwicklung kennen gelehrt hat. Kennen und benutzen. Denn alle ethischen Grundsätze sind machtlos, sobald die historischen Bedingungen zu einer sittlichen Erneuerung der Gesellschaft fehlen. Die edelsten Gedanken eines MARC AUREL konnten das römische Reich nicht vor seinem Untergang bewahren, weil sie nicht als die lebensvollen Triebkräfte einer großen Massenbewegung auftragen. Um festen Fuß im tatsächliche sozialen Leben zu fassen, bedürfen KANTs ethische Prinzipien einer auf alle Lebensgebiet sich erstreckenden praktischen  Anwendung  in erster Linie des sozialökonomischen, sozialrechtlichen und sozialpädagogischen Ausbaus. Anfänge dazu sind von verschienen deutschen Gelehrten schon gemacht. Ich darf Sie an STAMMLERs "Wirtschaft und Recht" und "Lehre vom richtigen Recht", an NATORPs "Sozialpädagogik", an STAUDINGERs "Ethik und Politik", in gewissem Sinn auch an Ihres Landsmannes ANTON MENGER "Neue Staatslehre" erinnern, bei welchem letzteren freilich meines Erachtens die ökonomische Geschichtsauffassung zu gering bewertet wird.

Und ebensowenig wie eine Abschwächung der  theoretischen  Grundsätze des wissenschaftlichen Sozialismus steht von MARX' Ergänzung durch KANT, wie der Neukantianismus sie versteht, eine von manchen befürchtete  Erlahmung des praktischen  Kampfes für die sozialen Ideale, den heute in erster Linie die Arbeiterklasse führt, zu erwarten. Im Gegenteil, ich sollte eher meinen: eine Beflügelung desselben, eine Verstärkung der Kampffreudigkeit und eine immer stärkere Anteilnahme auch der Intellektuellen an diesem Kampf. Ich kann mich darüber kaum besser ausdrücken, als indem ich Ihnen wiederum die Worte VIKTOR ADLERs aus den nämlichen "Unmaßgeblichen Betrachtungen" anführe, Worte, die bei ihm freilich mehr polemisch gemeint sind. "Ist der Sozialismus wirklich", so schreibt er da, "vornehmlich eine Forderung des sittlichen Ideals ..., dann ist es doppelt notwendig, daß dieses Ideal mit Feuerzungen gepredigt, daß unablässig und mit rücksichtsloser Schärfe das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen diesem unserem Ideal und dem kapitalistischen Klassenstaat geweckt werde, daß die Schlafenden aufgerüttelt, die Erschlaffenden in ihrem Glauben an sich und an ihre Kraft, das Endziel zu erreichen, gestärkt werden." Das ist in der Tat auch meines Erachtens die unabweisbare Konsequenz, die der ethische Sozialismus, auch abgesehen von dem von ADLER gemeinten Parteisinne, für die Praxis ziehen muß. Nur braucht er deshalb die geschichtliche-ökonomische Entwicklung der Tatsachen nicht zu verachten; ja, er  darf  es nicht, falls er nicht ein leeres Phantom bleiben will. Es verhält sich für den philosophischen oder ethischen Sozialisten  nicht  so, wie ADLER es in einem (eben von mir ausgelassenen) Zwischensatz - allerdings nicht uns Neukantianern, sondern den deutschen Revisionisten - zuschreibt, daß wir "nur uns und  so gar nicht  der Entwicklung" vertrauten; sondern wir wollen bloß nicht  nur  einer von selbst, ohne all unser Zutun sich vollziehenden Entwicklung, sondern in erster Linie uns selbst vertrauen, daß wir diese Entwicklung zu benutzen, zu fördern und, soweit es in Menschenkraft steht, zu leiten vermögen.

Erfreulicherweise hat die Annäherung des Sozialismus an die Ethik, die Verbindung von MARX und KANT in den letzten 7 - 8 Jahren bedeutsame Fortschritte gemacht. Es gibt heute eine nicht unbeträchtliche Zahl sozialisierender Kantianer und kantisierender Sozialisten. Belege dafür aus den verschiedensten Ländern habe ich in meinen beiden kleinen Schriften von 1900 und 102: "Kant und der Sozialismus" und "Die neukantische Bewegung im Sozialismus" beigebracht und will mich hier nicht wiederholen. Daß auch seitdem diese Bewegung nicht stillgestanden hat, wenngleich sie ihrer im Grunde philosophischen Natur nach weniger an die Oberfläche tritt, haben u. a. die zahlreichen Jubiläumsartikel gerade in der sozialistischen Presse zum 12. Februar dieses Jahres, dem Todestag des großen Königsbergers Philosophen, gezeigt, die, wenigstens bei uns im Deutschen Reich (ein Bekannter von mir hat sie gesammelt und stellt sie Interessenten gewiß gerne zur Verfügung) - mit einigen wenigen, für den Kenner erklärlichen Ausnahmen - in ihrer großen Mehrzahl, von den Artikeln KURT EISNERs im "Vorwärts" und Professor STAUDINGERs in den "Sozialistischen Monatsheften" bi zu den kleinsten Provinzblättern, in kant freundlichem  Sinne gehalten waren und vielfach auf den inneren Zusammenhang des Sozialismus mit der kantischen Ethik hinwiesen. Als ein besonders charakteristisches Zeichen der Zeit aber glaube ich es betrachten zu dürfen, daß der einzige Abgeordnete, der auch im Deutschen Reichstag an die Bedeutung des Kant-Tages zu erinnern den Gedanken hatte, ein  Sozialist  war. Es war der auch Ihnen, wie ich höre, vom vorigen Jahr her wohlbekannte Abgeordnete Dr. EDUARD DAVID, der unter dem lebhaften Beifall seiner Parteigenossen - wie in einem Bericht stand, speziell auch AUGUST BEBELs - folgende denkwürdigen Worten sprach (Sie erlauben mir, daß ich sie wörtlich verlese):
    "Meine Herren! Wir feiern in den nächsten Tagen das Andenken eines der größten Denker Deutschlands, ja der ganzen Welt, das Andenken an IMMANUEL KANT. Der Kerngedanke seiner sozialen Ethik war der, daß niemand einen anderen als bloßes Mittel zum Zweck brauchen darf, weil jede menschliche Persönlichkeit Selbstwert, Selbstzweck in sich sei. Die ganze kapitalistische Gesellschaft beruht darauf, daß in der Tat der größte Teil der Menschen nur zum Zweck anderer dient, daß sie  hands  sind, Hände, die nur dazu da sind, um mit ihnen zu produzieren, Reichtümer zu sammeln. Dieser Auffassung erklären wir den Krieg.  Wir  wollen den Selbstwert und die Selbstwürde jeder menschlichen Persönlichkeit zur Anerkennung gebracht wissen. - Wir wollen einen Volkskörper haben, der sich nicht spaltet in Besitzende und Elende, in Bildung und Unbildung, in Freiheit und Knechtschaft, sondern wir wollen einen Volkskörper haben, der sich zusammensetzt aus sozial ebenbürtigen Persönlichkeiten."
Und von der anderen Seite schrieb Professor NATORP zu KANTs Gedenktag die Worte:
    "Es ist doch mehr zufällig, daß der wissenschaftliche Sozialismus historisch aus der HEGELschen Philosophie herausgewachsen ist ... Der Hegelianismus war für die großen Sozialisten im Grunde nur die damals gegebene Form des Evolutionismus ... Auch in der  Sozial philosophie muß KANT unser Führer sein, obgleich er zu dieser nicht mehr als einige allgemeine Sätze beigesteuert hat, deren Konsequenzen (NATORP verlangt insbesondere "eine genaue Methodik der Wirtschafts- und Rechtslehre") allseitig zu entwickeln uns als große und dankbare Aufgabe zugefallen ist." (18)
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Meine verehrten Damen und Herren! Ich komme zum Schluß! Ich danke Ihnen, namentlich den ersteren, für die Geduld, mit der Sie meine zuweilen notgedrungen etwas abstrakten und in jedem Fall sehr unvollständig gebliebenen Ausführungen angehört haben. Mein Zweck wäre erreicht, wenn ich Sie zu der klaren Erkenntnis gebracht hätte, daß Sie in den durch die beiden Namen "MARX" und "KANT" repräsentierten Weltanschauungen nicht mehr unversöhnliche Gegensätze erblicken, die ihre beiderseigen Bekenner in verschiedene Heerlager spalten müßten. MARX und KANT sind keine  Gegensätze,  sondern sie gehören  zusammen,  wie zur entwicklungsgeschichtlichen die Zweck- oder Wertbetrachtung. Wie es einer meiner Freunde, Professor STAUDINGER in Darmstadt einmal formuliert hat: "Sobald der  Marxismus  sich eine bewußte und planmäßige Umgestaltung des Gegebenen zum Ziel macht, kommt er, in konsequenter Verfolgung seines eigenen Prinzips, zu KANT." Und umgekehrt: "Sobald der  Kantianer  seine Ideale für die Praxis des Lebens fruchtbar machen will, sobald er klar erkennt, daß die Gesetze der Zweckbildung ein leeres Schema bleiben, wenn nicht die Naturgesetze des tatsächlichen Lebens, die Gesetze der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklung, die Grundlage darbieten, so kommt er in folgerechter Entwicklung seiner eigenen Grundgedanken zu MARX." (19)

Und die beiden entgegengesetzten Heerlager heißen nicht: MARX hüben - KANT drüben! Sondern in einem stehen diejenigen  beati possidentes  [Glücklich die Besitzenden! - wp], die in krassem Egoismus der sozialen Bewegung unserer Tage bewußt entgegenarbeiten  wollen,  samt denen, die zu stumpfsinnig sind, um sie verstehen zu  können;  in dem anderen alle diejenigen, welche, mögen sie einer Parteirichtung angehören, welcher sie wollen - und sei es auf den Gebieten der Wissenschaft, des Rechtes und der Erziehung oder auf denen der Politik, des Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens -, ihre Kräfte der  Vorwärtsbewegung  der  Gesamtheit  zu weihen sich entschlossen haben. Es war ein Fehler, daß man vor ungefähr fünf Jahren in gewissen sozialistischen Kreisen die stärkere Annäherung an den kritischen Philosophen in den Ruf kleidete:  Zurück  zu KANT! Dieser Ruf war berechtigt, als er vor 4 Jahrzehnten in der  philosophischen  Welt erscholl; denn damals hatte die allgemeine Philosophie in der Tat es nötig, von der spekulativen Überschwenglichkeit und dem weltfremden Dogmatismus der FICHTE-SCHELLING-HEGELschen Periode  zurück gerufen zu werden, zurück zu einem besonnenen Kritizismus des Königsbergers Denkers. Auf dem  sozialen  Gebiet aber darf es für die Menschheit, theoretisch wie praktisch, kein "Zurück!", darf es nur ein  "Vorwärts!"  geben. Nicht "Zurück von MARX zu KANT!" soll deshalb unsere Losung lauten, sondern "Vorwärts  mit  MARX  und  KANT!", vorwärts zu klarer  theoretischer  Erfassung des sozialen Geschehens wie des sozialen Zieles, vorwärts auch zu einem entsprechenden  Handeln! 
LITERATUR: Karl Vorländer, Kant und Marx, Vortrag gehalten in Wien am 8. April 1904, Wien 1904
    Anmerkungen
    8) FEUERBACH, Seite 43
    9) Näheres über diesen Gegenstand in meinen Artikeln "Ethischer Rigorismus und sittliche Schönheit, mit besonderer Berücksichtigung von Kant und Schiller", Philosophische Monatshefte, Bd. XXX, 1894
    10) Die nähere Begründung bringt meine Dr.-Dissertation "Der Formalismus der kantischen Ethik in seiner Notwendigkeit und Fruchtbarkeit", Marburg 1893
    11) Diejenigen, welche sich dafür näher interessieren, verweise ich auf meine beiden Schriften: "Kant und der Sozialismus", Berlin 1900 und "Die neukantische Bewegung im Sozialismus", 1902.
    12) a. a. O. VII. Jahrgang, Bd. II, Seite 684. Im übrigen wäre gerade über diesen Punkt, nämlich den inneren Zusammenhang von KANTs und MARX' geschichtsphilosophischer wie erkenntniskritischer Methode überhaupt, noch manches zu sagen, wie dies auch in der an meinen Vortrag sich anschließenden Diskussion von geschätzter Seite bemerkt worden ist . Ich habe mich absichtlich von einem näheren Eingehen auf diese schwierige Materie ferngehalten: einmal, um den Umfang meines Vortrags nicht noch stärker anschwellen zu lassen, vor allem aber, um ihm nicht den populären Charakter zu rauben, den ich meiner Zuhörerschaft schuldig zu sein glaubte. Auch meine anfänglich gehegte Absicht, hier, in den "Deutschen Worten" einen kurzen Nachtrag zu geben, habe ich bei weiterer Überlegung aufgegeben, weil ein bloßes Streifen dieser Probleme nicht genügt. Vielleicht finde ich an anderer Stelle Gelegenheit und Zeit, das Gewünschte nachzuholen.
    13) MARX, Das Kapital, 2. Auflage, Seite 56 - Das kommunistische Manifest, 5. Auflage, Seite 24
    14) LUDWIG WOLTMANN, Der historische Materialismus, Seite 207
    15) Neue Zeit, XVIII 2, Seite 36: "Dem Sinn nach ist die Ethik bei KANT und MARX also dieselbe.
    16) Zum Beispiel  biologische,  wie einer der Diskussionsredner wünschte. Solche festzustellen, ist gewiß höchst interessant und fruchtbar, gehört aber nicht in den obigen Gedankenzusammenhang.
    17) Neue Zeitung XIX 2, Seite 779
    18) "Zum Gedächtnis Kants", Artikel in der Zeitschrift "Deutsche Schule" (Leipzig, Klinkhardt) 1904, Heft II, Seite 20
    19) FRANZ STAUDINGER, Ethik und Politik, 1899, Seite 159