p-4ra-1 L. PongratzR. WillyM. WalleserC. Sigwart    
 
ERNST LAAS
Die Kausalität des Ich
[ 2 / 3 ]

"So wunderbar diese Fähigkeit ist, eine Erfahrung der Vergangenheit als Bestandteil des gegenwärtigen psychischen Zustands zu haben: das Ich  ist  nur so weit, als es in dieser Kontinuität zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem lebt; es ist  noch nicht völlig Ich,  wenn es Gefühle hat und sich gegenüber Empfindungsinhalte antrifft, wahrnimmt; es ist erst Ich, wenn es gehabte Empfindungen und Gefühle aus der Erinnerung wiedergewinnt und das Reproduzierte als Repräsentation des Vergangenen erkennt."

Erster Artikel
3. Die landläufige Wahrnehmungstheorie
und ihre Kausalitäten

In stolzer und umfassender Weise scheinen Hoffnungen dieser Art durch die Kausalitäten erfüllt zu werden, welche in der landläufigen, aus platonischen, cartesianischen, lockeschen und kantischen Quellen zusammengeflossenen  Wahrnehmungstheorie;(1) spielen. Diese Theorie faßt das Wahrgenommene selbst, die ganze formen-, farben- und klangreich Welt der sinnlichen Wahrnehmung als  Effekt.  Um das Entstehen einer solchen Qualitätenfülle zu erklären, muß sie natürlich über die mechanische Kausalität hinausgreifen. Sie trägt darüber im wesentlichen folgendes vor:

Nachdem in der transzendenten, "objektiven" Welt, der Welt "ansich", alles - so, wie die "Nachtansicht" es lehrt - in mechanischen Prozessen farbloser Substanzen gelaufen ist, tritt der Reichtum der sinnlichen Welt aus Subjekten, als Objekt vor Subjekten hervor, indem diese Subjekte (die entweder als eigenartige, spirituelle, unter die physischen, materiellen Substanzen gesetzmäßig verstreute und an Organismen und Leiber geknüpfte Wesen oder mit gewissen, in jenen Organismen vorhandenen physisch-chemischen Einheiten identisch gedacht werden); indem diese "bei Gelegenheit", auf Veranlassung, "affiziert" von gewissen - mechanisch zu fassenden - Bewegungen außerhalb und innerhalb ihrer Leiber, - solche Bewegungen werden als Reize bezeichnet - von sich aus mit  selbsterzeugten,  aus eigenem Fonds geschöpften  "Empfindungen"  antworten,  reagieren;  (2) diese Empfindungen  verarbeiten  sie dann weiter, indem sie sie unter Direktiven und "Zeichen", welche ihnen an den Reizen oder den Empfindungen entgegentreten, in parat liegende Raum- und Zeitformen  "projezieren"  und zu wahrgenommenen Dingen und "objektiven" Ereignisreihen  spontan  auseinanderlegen.

Es ist klar, daß diese - so zu sagen - metapsychischen Produktionen und Ordinationen himmelweit über diejenigen Wirkungsweisen hinausragen, welche den Massen auf Grund der Schwere und Wärme oder der chemischen Affinität und Differenz zugeschrieben werden. Und Vertreter dieser "Theorien" verfehlen deshalb auch nicht, gelegentlich ihre Vorträge mit bewundernden Exklamationen über die Tiefe, die Selbstherrlichkeit und den Reichtum der menschlichen Subjektivität oder "Intelligenz" zu durchsetzen. Wir sind, offen gestande, weder im Allgemeinen in der Lage, von diesen Psycho- oder Kosmogonien so erbaut zu sein, noch können und mögen wir uns an dieser Stelle ihrer bedienen.

Wir verkennen ja nicht, daß, wenn man schließlich die Wahrnehmungen selbst als Effekte faßt, nichts weiter übrig bleibt, als Kausalitäten dafür anzusetzen; ferner, daß dann der Gedanke, diese Effekte von der Kooperation eines transzendenten Subjekts und Objekts abhängig zu machen, sehr nahe liegt: er liegt so nahe, daß ihn schon die heraklitische Schule gehabt hat. (3) Wir geben auch zu, daß, wenn man die physisch-chemischen Prozesse, die in der Wahrnehmungswelt konstatierbar sind, in ihrer Reduktion auf mechanische Vorgänge für das ansich Reale hält, irgendwie daneben im Inbegriff des transzendenten Seins die Möglichkeit, das Vermögen, die Kraft gegeben oder angelegt sein muß, das mechanische Schema in eine wahrgenommene, bewußte Welt umzusetzen. Aber wir würden uns vielleicht gleichwohl hüten, jene qualitas occulta, jene Möglichkeit und Kraft und jenes transzendente Subjekt, dem die Schöpfung und Ordnung der empirischen Welt zugemutet werden soll, auf ein besonderes immaterielles Wesen oder auf einen Teil der sogenannten Organismen zu bornieren; wir würden vielleicht, im Hinblick auf die allseitige Wechselwirkung der Dinge und speziell auf die Abhängigkeit auch der höchsten Leibesfunktionen von allen inner- und außerleiblichen Prozessen, jene Spontaneität der eigenen "Intelligenz" auch den Atomen und Massen nicht unverwandt finden, die im mechanischen Weltlauf nur mit Schwere und Affinitäten zu wirken scheinen; wir würden vielleicht das Subjekt nicht lokal, sondern, scholastisch und kantisch geredet, "virtualiter" im Leib gegenwärtig denken; wir würden es vielleicht für die Hauptaufgabe halten, klar zu machen, wie es geschieht, daß der Schnittpunkt der Koordinatenachsen, auf welche jedes wahrnehmende, empirische Subjekt seine Weltlokalisationen zunächst bezieht, sich in denjenigen Teil des - perspektivisch verzogenen - Abbildes der transzendenten Welt legt, den es seinen Leib nennt und wie dieses Achsengerüst, wie dieser Leib mit demjenigen empirisch zusammenwächst, was wir das Ich, was wir die Kontinuität des Bewußtseins nennen usw.

Glücklicherweise brauchen wir aber hier auf alle diese schwierigen Dinge nicht einzutreten. Mag an jenen transzendenten Subjekten, Möglichkeiten und qualitates occultae wahr sein, was da wolle - oft muten uns die von ihnen berichtenden Geschichten freilich wie Mythen und Märchen an; so viel poetische Wahrscheinlichkeit wir ihnen auch zusprechen, die Anthropomorphismen, deren sie sich bedienen, verdächtigen sie doch -: aber gesetzt selbst, sie wären wahr, diese Erkenntnis- und Wahrnehmungstheorien: für die Angelegenheit, die uns  hier  interessiert, leisten sie das nicht, was einige ihrer Vertreter mit Stolz zu fühlen scheinen; auch sie vermögen im Grunde das Gemüt nicht von dem Alptraum zu befreien, den fatalistische Kausalitätsvorstellungen ihm aufzuwälzen pflegen. Auch die spontanen Produktionen und Projektionen, welche man der "Subjektivität" zumutet, würden doch nur blindlings, unausweichlich sich vollziehende Prozesse sein: von keinem wesentlich anderen Charakter wie - die Aktionen der Schwere oder des elastischen Stoßes. Von außen "reizt" man jenes transzendente Subjekt oder "Ich" und seiner "Konstitution" oder "Organisation" gemäß antwortet es (in einer Art von psychischer oder transzendentaler Elastizität (4) oder Reflexaktion, jedenfalls in fatalistischer Notwendigkeit) mit Empfindungen, Projektionen, Lokalisationen usw. Wir können daher dieser Wahrnehmungstheorie  für die vorliegende Frage  keine wesentlich höhere Bedeutung zuschreiben, als daß sie die hoffnungsreiche Vermutung, welche die chemischen Aktionen uns nahe legten, daß nämlich das Reale wohl noch zu weiterem als zu bloß mechanisch bestimmten Lagenveränderungen die Möglichkeit enthalten möchte, zu verstärken imstande ist.

Im übrigen: wenn wir im Allgemeinen zugestehen, daß die bunte Wahrnehmungswelt sich letztlich in mechanische Prozesse auflösen läßt und von ihnen gesetzmäßig, funktionell abhängig ist, so können wir unsere weiteren Auseinandersetzungen und Zwecke ganz davon absehen, die Wahrnehmungen als Effekte zu behandeln; wir können ganz von demjenigen absehen, was "ansich wirklich" ist; wir können, die fatalistische Gesetzmäßigkeit, die uns bedrückt und von der wir uns zu befreien versuchen, genau so bleibt, mögen die Wahrnehmungsobjekte mit all den Qualitäten, welche die Tagesansicht an ihnen erblickt, "ansich" ausgestattet sein oder mag ihnen die atomistische Welt der Nachtansicht als das wahre Reale zugrunde liegen, wir können - ohne die Aspirationen übrigens, die wir oben zurückwiesen -  für unsere Zwecke  ohne weiteres die Tagesansicht an die Stelle der Nachtansicht setzen: die eine ist so beunruhigend, unbefriedigen wie die andere; die eine wie die andere bietet nichts als  Naturnotwendigkeiten. 

Lassen wir also die Welt, so wie wir sie zunächst finden; nehmen wir sie mit allen ihren Gerüchen, Farben und Tönen als ein Fertiges hin; lassen wir doch dem Gold und den Tautropfen im Gras und den Sternen am Himmel ihren optischen Glanz; lassen wir doch den physischen und chemischen Prozessen und Produkten all ihren sinnlichen Reichtum; mögen doch die Ätherwellen selbst leuchten und die Luftwellen klingen usw. Auch diese Welt der Tagesansicht, allseitig determiniert, wie sie ist, ertötet die stachelnde Frage nicht: Ist denn nirgends in dieser nicht bloß bewunderungswürdig gesetzmäßigen, sondern auch bewunderungswürdig gesetzmäßigen, sondern auch bewunderungswürdig reichhaltigen Natur ein Platz für - mehr als die bloße Wiederholung und Variation alter Kombinationen, für mehr als bloße Resultanten fatalistisch wirkender Kräfte?


4. Die Kausalität des empirischen Ich

Der zwar nicht einzige (5), so doch zugänglichste und unbestreitbarste Punkt, an dem die natürlichen Bedürfnisse und Hoffnungen des Gemüts ihre Verwirklichung zu suchen haben, ist da, wo dasjenige Agens, welches wir das Ich nennen, in das wahrnehmbare Naturgeschehen eingreift.

Wenn ich dieses Agens ins Auge fasse, so meine ich damit natürlich nicht die  substantia cogitans  der Cartesianer: ich meine überhaupt nichts Transzendentes, sondern etwas Faktisches, Empirisches, Phänomenales. Ich meine etwas, was jedem so nahe und vertraut ist, wie nichts sonst; was aber freilich nicht auf diese uns vertrauteste Stelle beschränkt ist, sondern wovon wir aus wissenschaftlichen Gründen annehmen, daß es seine Wiederholungen hat; ja daß Analoga von ihm und Unterstufen bis ins Undefinierbare abwärts  durch das Tierreich  sich hinziehen. In Bezug auf dieses nicht spezifisch menschliche, sondern allgemein animalische, empirische Ich wollen wir uns im folgenden klar zu machen versuchen, welcher Art die Veränderungen sind, die die in den Gesetzen der Gravitation, der Wärme, des Stoßes, der chemischen Affinität usw., überall aber in fatalistischen Notwendigkeiten laufende Natur durch Hinzutritt dieser neuen Potenz erleidet. So wenig wir übrigens dieses Ich - wie gesagt - auf die menschliche Sphäre einschränken können, so ist es doch am interessantesten und instruktivsten, seine bekanntesten Daseins- und Äußerungsweisen - und das sind natürlich die menschlichen -, immer an erster Stelle vor Augen zu halten.

Es ist bei Kausalbetrachtungen nichts Ungewöhnliches, entweder in Gedanken zu erwägen oder im Falle des Geschehens es zu beobachten oder durch Experiment absichtlich herauszustellen, was geschieht, wenn einer Summe von Agentien ein neuer Faktor zuwächst: wie sich  qualitativ  und  quantitativ  die Erzeugnisse ändern. (6)

Fragt man nach der  Qualität  dessen, was  das Ich  zu den Naturereignissen hinzuträgt, so ist von vornherein zu bemerken, daß die Prozesse und Produkte, die es hervorbringt, nichts darstellen, was vom Gesichtspunkt der Natur selbst als spezifisch neu zu bezeichnen wäre: in allen seinen Naturwirkungen stecken dieselben mechanischen, physischen und chemischen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten. Es  schafft  nichts. Gleichwohl ist seine Aktion qualitativ doch von höchst eigenartigem Charakter: es ist die Aufgabe des Folgenden, diese Eigentümlichkeit scharf und dem Sachverhalt gemäß herauszuheben.

Der höchste Gesichtspunkt, unter den die Naturwissenschaft ihre  quantitativen  Kausalüberlegungen stellt, ist der mechanische; selbst für die qualitativen Veränderungen ist immer das Letzte und Höchste, wonach gesucht wird, das  mechanische Äquivalent.  Es ist natürlich, daß auch die Aktionen des Ich ein solches enthalten müssen; und es hat gewiß Interesse, so schwierig oder zum Teil unmöglich es sein mag, den Versuch zu machen, es festzustellen, zu untersuchen, ob es konstant oder variabel sei, ob es im letzteren Fall zwischen nahen oder sehr entfernten Grenzen schwanke, welche Maxima und Minima es habe, wie groß es in jedem einzelnen Fall sei und wie groß es überhaupt sein könne usw. Daneben ist aber noch ein ganz anderer quantitativer Gesichtspunkt denkbar. Es ist möglich, daß in der natürlichen Interessensphäre  des Ich selbst  weitere Wertschätzungen Geltung haben, Wertschätzungen, die vielleicht den quantitativen Bestimmungen mechanischen Charakters sogar dermaßen zuwiderlaufen, daß oft ein geringes Quantum aufgewandter mechanischer Arbeit ganz unverhältnismäßigen Höhen dieser anderen Wertskala entspricht. Es ist nötig, auch dieser Seite der quantitativen Fragestellung die Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Wir fassen beide Momente, die  Qualität  wie die  Quantität  dessen, was das Ich ändert, unter dem Titel  der Macht des Ich  zusammen. Wir glauben, daß die auf diesen Punkt gerichteten Erwägungen vollkommen imstande sind, alle Beklemmungen zu verscheuchen, welche die mechanische Kausalität zu erregen pflegt.

Die  "Kausalität des Ich"  enthält aber noch weitere Fragen.

Überall, wo wir sich etwas ereignen sehen, zieht das Agens, dessen Wirksamkeit zuletzt, gleichsam als complementum possibilitatis [Ergänzung der Möglichkeit - wp] ins Spiel tritt, in hervorragendem Maße das Interesse auf sich. Aus begreiflichen Gründen. Da der ganze Effekt unterblieben wäre, wenn sich nicht gerade dieses Letzte noch hinzugesellt hätte, wenn z. B. kurz vorher noch irgendein "Zufall" hemmend dazwischen getreten wäre, so erscheint dasselbe leicht in einem höheren Grad als die anderen Faktoren, die tatsächlich unumgänglich sind, als die conditio sine qua non [unbedingte Voraussetzung - wp], als die wahre und einzige Ursache. (7) Der gemeine Mann, geneigt den  regelmäßigen  Ablauf der Naturereignisse als etwas Selbstverständliches anzusetzen, sieht Kausalität, Kraft überhaupt nur da, wo er den gewohnten Naturgang durch ein hinzutretendes außergewöhnliches Ereignis unterbrochen findet. Wir alle aber hängen mit Vorliebe, oft mit unwillkürlichem Entsetzen der  "Möglichkeit"  nach, daß das entscheidende Letzte unterblieben wäre. Und wenn die Wirkung faktisch eingetreten ist und sie kreuzt oder fördert unsere Interessen, so sind wir imstande, auf dieses Letzte all unsere Freude und all unseren Ärger zu heften und es für allen Gewinn und Verlust, der uns betroffen hat, gleichsam  verantwortlich  zu machen.

Anschauungen und Schätzungen solcher Art gewinnen an Stärke und Umfang, wenn das Ich, namentlich wenn das menschliche Ich das Agens ist, welches eine sonst unvollständig und unwirksam gebliebene Potenz aktualisiert. Sowohl der Gedanke der  Möglichkeit,  daß die entscheidende Aktioin unterblieben wäre (8), wie der der  Verantwortlichkeit  nehmen einen tieferen und ernsteren Charakter an. Es treten die Kategorien der  Freiheit des  Verdienstes,  der  Schuld der  Belohnung  und  Bestrafung  heraus. Es ist der Untersuchung wert, in welchem Sinn und wie weit dieselben wissenschaftlich haltbar sind; und ob vielleicht auch in ihnen etwas steckt, was der mechanischen Kausalität und den aus ihr erfließenden Bedenken und Gefahren als Schild entgegengehalten werden kann.

Die Freiheitsfrage läßt sich mit der Machtfrage zusammen erledigen. Die Verantwortlichkeit bedarf einer gesonderten Behandlung; wir stellen sie zunächst außer Linie; sie soll  der Gegenstand eines selbständigen weiteren Artikels  werden. Für jenes aber wie für dieses Thema ist es nötig, das Ich selbst und die Art, wie es handelt, einer  psychologischen Analyse  zu unterwerfen. Wir gehen sofort dazu über.


5. Psychologische Analyse des Ich

Es ist im Kreis der empirischen Substanzen, die unsere objektive Erscheinungswelt ausmachen, ein merkwürdiges Ding diese Substanz, welche wir das animalisch oder das menschliche Ich nennen. Sie ist nicht permanent wie die Atome: sondern wie Wasser oder Schwefelsäure tritt sie als ein Effekt der Natur in der Zeit hervor; im übrigen ist sie selbst in der Zeit, wo sie existiert, bedeutend veränderlicher als jene Stoffe, die unter wechselnder Wärme und wechselndem Druck verschiedenes Volumen und verschiedene Aggregatzustände annehmen: oft sogar in "Schlaf" und "Ohnmacht" ganz verschwindend, um dann nach leeren Intervallen dieser Art ihr Dasein wieder fortzusetzen. Sie ist nicht sichtbar und faßbar wie die physischen Substanzen. Und doch ist sie - "virtualiter" - im Raum: immer gebunden an ein höchst kompliziertes, in seinen Bestandteilen höchst wechselndes und doch in seinen Formen und Verhältnissen wieder vergleichsweise konstantes, tastbares Ding, das wir ihren Leib nennen. Aus dem Dunkel der Nacht tritt sie mit seinem Wachstum, seiner Entwicklung allmählich hervor. Wir haben nichts anderes, wovon wir kausal ihr Dasein abhängig denken könnten, als die Elemente, welche diesen Leib konstituieren. Wahrscheinlich haben die Akte und Prozesse, die zur Erzeugung und Entwicklung desselben bis hin zum allmählichen Hervortreten des Ich führen ihre bestimmten mechanischen Äquivalente: wir kennen sie nur nicht.

Auch wenn das Ich geboren ist, ist es fortwährend noch von physischen und chemischen Prozessen jenes Leibes abhängig; sie müssen in unaufhörlicher Arbeit, sozusagen den Kraftfonds erstellen und immer wieder herstellen, aus dem es sein Dasein zieht und den es wirkend aufbraucht. Sie werden ihre bestimmten mechanischen Äquivalente haben diese somatischen Prozesse und ihre Produkte; aber auch diese kennen wir nicht. Und das, was wir  am Ich  erleben und konstatieren können, gibt keinen sicheren oder irgendwie verwertbaren Hinweis auf sie.

Wie weit wir auch in das Leben des Ich zurücksteigen, immer begegnet es uns im Gegensatz und in Korrelation zum Nicht-Ich, Zu Empfindungen, Anschauungen, Wahrnehmungen, deren Inhalten gegenüber es sich selbst in seinem  Bewußtsein,  in seinem jederzeit irgendwie  gefühlsgefärbten  (9) Bewußtsein unmittelbar gegenwärtig hat und weiß; sein Leib gehört mit zu diesem Nicht-Ich.

Das fühlende, objektiven Inhalten gegenüber sich wissende Ich ist noch nicht das kausale; es ist auch dasjenige nicht, welches man der mechanischen Kausalität zu eigener Beruhigung gegenüber halten könnte. So wunderbar es für denjenigen sein müßte, der, aus dem Bereich der toten, bewußtlosen Naturkräfte kommend, plötzlich auf fühlende Wesen stieße: so ist das Gefühl als solches so wenig imstande, jenes Mißbehagen, das der Mechanismus der Natur erregt, zu beseitigen, daß vielmehr, wenn all unser Fühlen auch so naturnotwendig bestimmt wäre, wie die Bewegungen der Naturkörper, wenn es z. B.  durchweg  von den physisch und chemisch bestimmten Leibesprozessen abhängig sich zeigte, wie es ja sicher oft wirklich von ihnen abhängig ist: so daß, möchten wir auch noch so sehr wünschen ein wohltuendes Gefühl festzuhalten, es doch - von fremden Gewalten getrieben - verschwände, und, möchten wir auch noch so sehr wünschen, ein unangenehmes Gefühl loszuwerden, es gleichwohl beharrte: ich meine, daß das Dasein eines solchen Ich erst recht dazu angetan wäre, ihm selbst, diesem Ich, Mißbehagen, ja Melancholie und Verzweiflung zu erwecken.

Ursprünglich nun treten jedenfalls die Gefühle mit einer Naturnotwendigkeit auf, die der mechanischen völlig gleichwertig ist. Ehe noch Wünsche und Abneigungen sich haben bilden können, treibt das Leibesleben angenehme und unangenehme Stimmungen von selbst empor. Aber das Ich verliegt und verzehrt sich nicht in diesen seinen Gefühlen: sondern zunächst einmal sind alle, wie von leiblichen Prozessen naturgesetzlich eingeleitet, so von anderen Prozessen dieser Art begleitet und gefolgt. Für uns kommen hauptsächlich  die Bewegungen  in Betracht.

In den höheren Tieren ist der ganze Vorgang an das von ernährendem Blut umspülte, sogenannte Nervensystem gebunden. Das regelmäßige allgemeine Schema dieses Prozesses ist bekanntlich dies: Zentripetale Nerven, ihrerseits selbst von außen angeregt, leiten (elektrisch gefärbte) Molekularprozesse als "Reize" zu Ganglien hin, von denen zum Teil unter gleichzeitiger Bewußtseins- und Gefühlserregung, entweder direkt oder durch Vermittlung nervöser Zwischenglieder, motorische Reize an zentrifugale Nerven und von diesen weiter an Muskeln angegeben werden; die Muskeln werden kontrahiert und über die Sehnen und des Knochengerüsts kommen Bewegungen zustande.

Auch von diesen Bewegungen, selbst wenn sie an Gefühlserregungen sich anschließen, kann man zunächst nicht sagen, daß sie den Naturmechanismus durchbrechen; sie erfolgen ursprünglich völlig blind, automatisch, der Stärke und Art der Reize und der organischen Präformation gemäß. Das Ich muß wie seine Gefühle, so die Bewegungen seines Körpers inaktiv hinnehmen, ganz wie Natur und Umstände beides machen. Und es würde niemals besser gestellt sein, wenn es nicht imstande wäre, aus seinen Gefühlen und automatischen Bewegungen Vorteile zu ziehen. Dafür sind bei allen nervenbegabten - animalischen und menschlichen - Ichs im Allgemeinen folgende begünstigenden Bedingungen gegeben.

Erstens: Einzelne jener an Leibesgefühle sich anschließenden Prozesse und Bewegungen steigern vorhandene Lustgefühle und vermindern oder beseitigen Gefühle des Unbehagens und Schmerzes; ja führen anstatt derselben sogar Wohlbehagen und Lust herbei. Wenn das Ich die Macht hätte oder erhalten sollte, jene Bewegungen nach eigenem Belieben hervorzurufen, so ist zu erwarten, daß es aus ursprünglichem Interesse an der Lust und an der Beseitigung der Unlust dazu übergehen würde. Aber wie erhält es jene Macht, Willkür und "Freiheit"?

Zweitens: Viele leiblichen Prozesse und Bewegungen folgen nicht bloß auf Gefühle und Bewußtseinszustände, sondern werden auch von ihnen begleitet. Bewegungen pflegen sogar mehrere, zum Teil leicht unterscheidbare, zum Teil in einander verschwimmende Empfindungen und Gefühle im parallelen Gefolge zu haben. Eine ganze Reihe von Bezeichnungen ist für sie im Gebrauch; die gewöhnlichsten sind: Willensimpuls, Innervations-Gefühl [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]) oder -Empfindung und Muskel-Gefühl oder -Empfindung. Anstatt hier auf eine Diskussion über die Berechtigung dieser vieldeutigen Ausdrücke einzutreten, wollen wir lieber die tatsächlichen Elemente herausheben, welche zu der Nuancierung des Bewußtseins bei der Gelegenheit von Leibesbewegungen teils immer, teils häufig einen besonderen Beitrag zu liefern scheinen:
    1) die Innervation der motorischen Nerven; wir wollen den begleitenden Bewußtseinszustand, mag er direkt durch den zentrifugalen Nervenprozeß, sei es beim Übegang vom Innervationszentrum in den Nerven, sei es bei der Entladung gegen den Muskel oder vielleicht nur durch sekundäre Vorgägne hervorgerufen werden,  Innervationsempfindung  nennen.

    2) die erfolgte oder unterbliebene Muskelkontraktion mit ihren mechanischen Folgen im Leib: das Bewußtsein davon soll  die primäre Aktionsempfindung  heißen.

    3) der Grad der Leistungsfähigkeit des Muskels; es macht einen Unterschied und färbt die vorige Empfindung verschieden, ob der Muskel frisch oder ermüdet, ob er normal oder abnorm genährt ist; das eine Mal macht die Aktion Freude, das andere Mal Unbehagen, Verdrießlichkeit, Schmerz; alle diese psychischen Zustände sollen  Muskelgefühle  heißen; zu denselben mögen überhaupt alle Lust- und Unlust-, alle wohltuenden und alle unangenehmen Affektionen, welche die Bewegung und Anstrengung als solche hervorruft, gerechnet werden; sie werden gewiß zum Teil sekundärer Natur sein und der vierten Quelle angehören.

    4) kommen nämlich bei Gelegenheit der Muskeltätigkeit eine ganze Reihe, mit der Lage der Muskeln, der Größe, Intensität und Richtung der Leistung wechselnde somatische Begleitvorgänge zur Erscheinung: Turgeszenz [Zelldruck - wp] der venösen Gefäße, Pressungen von Nervenstämmen, verstärkter Druck der Gelenkflächen, Faltungen und Spannungen der Haut, passive Verlängerung der antagonistischen Muskeln; die korrespondierenden Bewußtseinsphänomene sollen im folgenden, so weit sie nicht Lust- und Unlustnuancen, sondern mehr oder weniger deutliche Empfindungen darstellen, als  sekundäre Aktionsempfindung  zusammengefaßt werden.

    5) der erste außerleibliche, sichtbare, tastbare oder hörbare Erfolg; die bezügliche Wahrnehmung mag  Wahrnehmung des äußeren Effekts  heißen.
Einzelne dieser Bewußtseinsingredienzien verschwinden im sogenannten Gemeingefühl oder werden von den anderen überdeckt; andere treten deutlich gesondert heraus. Für unsere Angelegenheit hat das dritte Ingrediens, obwohl es sich markiert genug darstellt, kaum eine Bedeutung; wohl aber die anderen. Unter letzteren ist es geraten, die Innervationsempfindung den drei anderen Phänomenen besonders gegenüberzustellen; gerade sie gehört freilich zu denen, deren Sonderexistenz am schwersten konstatiert werden kann; sie wird am leichtesten von anderen Phänomenen verdeckt oder maskiert; (10) und doch ist sie oft - in Zuständen der Lähmung und völliger Ermüdung - vorhanden, ohne daß die anderen auch nur die physische "Möglichkeit" haben, mit aufzutreten. Die drei anderen Ingredienzien: die primäre und sekundäre Aktionsempfindung, sowie die Wahrnehmung des äußeren Effekts, oft gleichfalls kaum voneinander trennbar, wollen wir unter dem Titel  Wahrnehmung  der erfolgenden Bewegung oder  Wahrnehmung des Effekt  zusammenfassen.

Drittens: Jedes animalische Ich hat Gedächtnis (11); d. h. es vermag, wenn seine Wahrnehmungen und Gefühle verklungen sind, was ursprünglich ohne sein Zutun, in naturgesetzlicher Abhängigkeit vom physiologischen Kraftverbrauch und zunehmender Ermüdung des körperlichen Substrats, der Nerven, und von ungesuchtem Andrang neuer, intensiverer Reize  von selbst  geschieht und auch später mit Willen nie absolut zu verhüten ist: es vermag bei Gelegenheit Nachbilder derselben wieder zu bekommen, ohne daß die physischen und physiologischen Ausgangsbedingungen des ersten Erlebnisses zurückzukehren brauchen; und es vermag solche  reproduzierten  Erlebnisse als Kopien, Repräsentationen des Vergangenen zu  rekognoszieren  [anzuerkennen - wp]. So wunderbar diese Fähigkeit ist, (12) eine Erfahrung der Vergangenheit als Bestandteil des gegenwärtigen psychischen Zustands zu haben: das Ich  ist  nur so weit, als es in dieser Kontinuität zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem lebt; es ist  noch nicht völlig Ich,  wenn es Gefühle hat und sich gegenüber Empfindungsinhalte antrifft, wahrnimmt; es ist erst Ich, wenn es gehabte Empfindungen und Gefühle aus der Erinnerung wiedergewinnt und das Reproduzierte als Repräsentation des Vergangenen erkennt.

Viertens: Aus den Erinnerungsresiduen entwickeln sich anhand leitender Interessen - mindestens im menschlichen Ich -  freie,  d. h. vom Bewußtsein der ersten Rezeptionsgelegenheit des Inhalts losgelöste  Vorstellungen,  die sich nach Bedürfnis allmählich immer mehr ins Generelle und Abstrakte ausbilden können. Zu diesen Vorstellungen gehören auch die aus Wahrnehmungen von Bewegungen entstehenden Vorstellungen von denkbaren, "möglichen" Bewegungen, von möglichen Bewegungseffekten.

Fünftens: Das Ich hat nicht bloß die Fähigkeit, Dagewesenes zu reproduzieren und als Dagewesenes zu rekognoszieren, sondern auch die Fähigkeit, nach dem Muster und der Analogie des Dagewesenen sich Vorstellungen über die Zukunft zu bilden, Ähnliches zu erwarten. Es fühlt sich wie mit der Vergangenheit, so mit der Zukunft zu einer Einheit verknüpft. Man kann sagen: es ist in jedem Moment identisch mit seinem augenblicklichen Lebens gefühl,  bezogen auf einen objektiven Lebens inhalt,  der ihm die Möglichkeit bietet, vergangene Erfahrungen zu reproduzieren und zukünftige zu erwarten. (13)

Die Reproduktion früherer Erlebnisse und freigebildeter Vorstellungen hat  ihre Gesetze.  Nicht so, wie HERBART lehrte, daß bewußt gewesene psychische Inhalte als solche die Tendenz hätten, ins Bewußtsein zurückzukehren und nur auf den Moment warteten, wo die Bahn frei würde. Alle Vorstellungen bedürfen, um zurückzukehren, der Bänder, die sie aus dem Nichts, sozusagen, wieder emporziehen. Zum Teil sind diese Bänder ausschließlich anatomisch-physiologischer Natur; es beruth z. B. oft wohl auf bloß somatischen Verhältnissen und Dispositionen, wenn sich plötzlich gewisse Erinnerungen und Phantasien unerklärlich, ungewollt und fremdartig zwischen sonst wohlgeordnete Gedankenreihen schieben. Größerenteils sind die Bänder und Gesetze, nach welchen die Wiedererneuerung des Erlebten bewerkstelligt wird, in  psychologische  Kategorien und Formeln zu fassen.

Aber auch diese sind zunächst von keiner höheren Dignität als irgendein Gesetz der äußeren Natur und weit davon entfernt, dem Gemüt die gesuchte Beruhigung zu geben. Es ist vorerst auch nicht mehr wie ein blindes Fatum, was in den bekannten Gesetzen, welche den Vorstellungsverlauf, insbesondere die sogenannte "Ideenassoziation" regulieren, sich ausspricht: daß die "Enge des Bewußtseins" - hinter der als somatisches Korrelat die zur Verfügung stehende Nervenkraft zu stecken scheint (14) - nur einer schmalen Anzahl von Inhalten gleichzeitig Zutritt gestattet und Raum gibt; daß von vielen in jedem Moment "möglichen" und um die Reproduktion gleichsam konkurrierenden Erinnerungen sich die stärkere vor der schwächeren vordrängt; daß oft alle Erinnerung unter der Übermacht gegenwärtiger Neuerlebnisse schweigen muß; daß zufällig zeitlich verbunden Gewesenes die Tendenz hat, in derselben Verbindung zurückzukehren; daß aber auch Ähnliches Ähnliches ruft; und daß jede Verbindung umso fester und sicherer wird, je häufiger sie wiederholt wird. In all diesem liegt nichts, was innerlicher, spontaner, persönlicher wäre, als die physischen Gesetze, als etwa die Gesetze der Schwere oder das Gesetz des elastischen Stoßes. Die Frage steht, wie das Ich, mit den angegebenen Eigenschaften oder Vermögen ausgerüstet, dazu gelangen mag, aus seinen Gefühlen und Bewegungen einen solchen Vorteil zu ziehen, daß es allmählich mehr wird, als ein Durchgangsraum und Tummelplatz für fremde, konkurrierende Naturgewalten, als ein Rezipient [Empfänger - wp] ihm gleichgültiger oder sogar widriger Schicksale.
LITERATUR - Ernst Laas, Die Kausalität des Ich, Vierteljahrsschrift für wissenschafliche Philosophie, Bd. 4, Leipzig 1880
    Anmerkungen
    1) Vgl. LAAS, Idealismus und Positivismus, Seite 154f
    2) Vgl. z. B. LOTZE, Medizinische Psychologie, Seite 173f und KARL STUMPF, Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung, (Seite 315f) Logik, Seite 520
    3) Vgl. LAAS Idealismus und Positivismus, Seite 176f
    4) Vgl. LEIBNIZ', Nouveau Essays, Edition ERDMANN, Seite 238
    5) Über die Verbindungsglieder zwischen dem, was wir oben an der "molekularen", insbesondere der  chemischen Aktion  hervortreten ließen und dem, was folgt, vgl. unter anderen ADOLF HORWICZ, Psychologische Analysen I, Seite 34f: "... die Pflanze ... sucht die Stoffe auf, die sie sich einverleiben  will  und die Bedingungen, deren sie zu ihrem Gedeihen bedarf ... sie wächst,  weil sie wachsen will  ... der Organismus  bemächtigt sich  der materiellen Kräfte und Atome und legt ihnen ein Gesetz auf, sie müssen für ihn arbeiten ...  nach seinem Plan ... Daher durchbricht der Organismus den Kausalnexus der materiellen Atome und Kräfte  und tritt seinerseits als  neue Ursache,  als  freies Wesen  auf, welches für sich  eine ganz neue Kausalitätsreihe  eröffnet ... Der Pflanzenkeim ... ist eine  neue Ursache  ... und nehmen wir hier vorgreifen  die Urzeugung und Artumwandlung an  ... immer ist mit der vollendeten Mutation  eine  neue, früher nicht dagewesene Kausalitätsreihe organischer Entwicklung eröffnet worden ... Eine höhere Stufe bildet der beseelte tierische Organismus ... die Eigenartigkeit und  höhere Freiheit  des tierischen Lebens ... besteht darin, daß das Tier ... zu jeder Zeit eine neue Kausalitätsreihe eröffnen  kann  und auch wirklich eröffnet. Die willkürliche und zweckmäßige Bewegung ist  eine  ganz neue Kraft ... Diese  Autonomie des tierischen Willens  ist gegenüber der vegetativen Autonomie der Pflanze etwas ebenso Neues, ebenso Verschiedenes, als es der Pflanzenorganismus gegenüber der anorganischen Welt war" usw. - Schon das obige deutet an und im folgenden wird es noch bestimmter hervortreten, warum wir auf diese unserem Thema sonst so naheliegende Gedankenreihe uns nicht weiter einlassen können, inwieweit wir sie ferner prinzipiell oder im Einzelnen restringieren müssen. Vgl. § 7 gegen Ende.
    6) So erwägt man wohl, was bei den Ebbe- und Fluterscheinungen zunächst der Mond allein, was demnächst der Hinzutritt der Sonne wirken mag; oder welche Änderungen der Zustand eines Naturkörpers unter dem Einfluß eines neuen chemischen Stoffes oder der Wärmeerhöhung oder der Elektrizität erleidet; was das Inkrafttreten eines Gesetzes, einer Institutioin, der Amtsantritt eines neuen Ministers für Folgen hat usw.
    7) Hier ist auch die Hauptquelle, wo die oben (§ 1) zurückgewiesene Kausalitätsauffassung, welche im unabänderlichen, gesetzmäßigen Antezedens [das Vorhergehende - wp] die Ursache sieht, sich geltend zu machen pflegt. Es ist ganz gewöhnlich, den Funken, der in das Pulver fällt oder diesen Fall selbst als die Ursache der Explosion, die letzte Erkältung, Indigestion [Verdauungsstörung - wp] oder Überanstrengung als die Todesursache anzusetzen.
    8) So lese ich in einem Artikel über GEORGE STEPHENSON an der Stelle, wo die Abstimmung des Parlaments über die Bill für die Liverpool-Manchester Bahn berichtet wird, - sie "ging durch, aber  nur mit einer Majorität von einer einzigen Stimme"  -: "Man kann sich einer tiefen Bewegung bei dem Gedanken nicht erwehren, welchen Einfluß die Abwesenheit oder die Gedankenträumerei eines einzigen Parlaments-Mitgliedes in diesem Moment auf den Verlauf der ganzen modernen Zivilisation hätte üben können!" Einen anderen, die Kulturgeschichte zum Teil noch tiefer berührenden Fall diskutiert CHARLES RENOUVIER mit weitläufigem Ernst (auf 412 Seiten) in seinem Buch  Uchronie  (Paris, 1876), indem er die Fiction, MARC AUREL hätte die römische Republik wiederhergestellt, in ihren historischen Konsequenzen verfolgt.
    9) Vgl. LEON DUMONT, Vergnügen und Schmerz, deutsche Ausgabe, Seite 82: "Wir können den vergangenen Schmerz und die vergangene Lust als unterschieden vom Ich ... auffassen, aber nicht den gegenwärtigen Schmerz und die gegenwärtige Lust." - LOTZE, Medizinisch Psychologie, Seite 494: "Der geringste Wurm, wenn er getreten sich krümmt, unterscheidet im Schmerz sein eigenes Leben vom Dasein der Welt in ebenso kraftvoller Weise, in welcher sich der gebildete Geist als Ich dem äußeren Nicht-Ich gegenüber stellt."
    10) Vgl. was W. VOLKMANN, Lehrbuch der Psychologie I, Seite 292, über das "Schwebende, Unbestimmte, Gefühlsartige, sozusagen Musikalische" dieser Empfindung (er  nennt  sie übrigens Muskelempfindung) auseinandersetzt: "Wir lernen und merken die Muskelempfindungen unserer Stimmorgane an den durch die entsprechende Bewegung derselben hervorgebrachten Lauten, die Muskelempfindungen des Auges an den Veränderungen im Gesichtsfeld, die Muskelempfindung der Tastglieder an den Alienierungen [Entfremdung - wp] der Druckempfindung."
    11) Vgl. LAAS, Idealismus und Positivismus, Seite 51
    12) Vgl. KANT, Kritik der reinen Vernunft (Ausgabe Rosenkranz), Seite 94f
    13) Vgl. LAAS, Kants Analogien, Seite 75f
    14) Wenn beides auch offenbar elastische Größen sind, so sind sie doch nicht von absoluter Dehnbarkeit; und jeder - zeitweilig ja mögliche - abnorme Kraftverbrauch endet mit Erschöpfung.