ra-3 W. SombartHoltzendorffvon Gebsattel    
 
FERDINAND TÖNNIES
Kritik der öffentlichen Meinung

"Vom  charakterfesten  Menschen allein sagt man wohl, daß er  eine Meinung,  einen Willen hat. In diesem Sinne rühmt man, daß ein Mann  den Mut seiner Meinung  habe, und der Erwerb einer Meinung, mehr noch die  Bildung  einer  eigenen  Meinung wird als eine Leistung dargestellt, also als eine willkürliche Tätigkeit, die eine Mühewaltung in sich einschließt und eine gewisse Zeit kostet."

"Wer nicht aus Eigensinn und Trotz in einem Irrtum beharrt, wird die als irrig erkannte Meinung  aufgeben  und einer anderen Meinung  zuneigen  und alsbald eine solche  annehmen,  die frühere mit einer neuen  vertauschen.  Mancher wechselt seine Meinungen rasch und oft, wie dann auch keineswegs die Meinungen, die einer  hegt,  auch nur in der Regel auf  eigenem  Denken (Schließen, Rechnen) beruhen; vielmehr ist eine sehr häufige Erscheinung, daß der Meinende die  Gründe  für seine Meinungen gar nicht kennt, oder doch nur eine unbestimmte  Ahnung  davon hat; er nimmt die Meinung an, die über den Gegenstand  geläufig  ist, die Meinung der großen Menge."

Erstes Buch
Begriff und Theorie der
öffentlichen Meinung


I. Kapitel
Meinen und Meinung

Erster Abschnitt: Grundbegriffe

1. Etymologie. Die Wörter gehen auf eine Wurzel zurück, die im Sanskrit die einfache Form  man  in der Bedeutung "bewußt sein" hat - auch ein Verbum  manyate,  das den Sinn des Denkens, Meinens trägt, gibt es in dieser alten priesterlichen Sprache. In der griechischen und der lateinischen Sprache gibt es viele Wörter, die aus der gleichen Wurzel stammen. Und der Ursinn dieser Wurzel wird sogleich klar, wenn uns aus diesen Sprachen andere Wörter entgegentreten, denen die Bedeutung des Bleibens, Beharrens innewohnt. Denn die Wurzeln sind identisch. Und die Bedeutungen begegnen einander in den Worten, die Gedächtnis, Erinnerung bedeuten: lat.  memini, memoria,  griech.  mimnesko, mneme, mnemosyne. 

Die Beharrung ist ein Grundbegriff der Naturwissenschaften und sollte in gleicher Weise von den Geisteswissenschaften aufgenommen werden. Daß auch Bewegung (nicht von selber in Ruhe übergeht, sondern) in gleicher Richtung, mit gleicher Geschwindigkeit bleibt, sofern sie nicht durch eine ihr äußere Kraft abgelenkt oder gehemmt oder beschleunigt wird, ist die Erkenntnis, woraus GALILEI die Hauptgesetze der Mechanik abgeleitet hat.

Analog ist die Tendenz des Beharrens der Empfindung. Denn sie ist eine Folgerung aus der Tatsache des Lebens selber, das ohne Empfindung nicht ist und sich im Mannigfachen der Empfindungen äußert. Darum ist schon manchesmal Gedächtnis (Mneme) für eine Funktion der Materie erklärt worden und auch den lebenden Elementar-Organismen (den "Zellen") von Naturforschern Gedächtnis zugeschrieben worden. In der Tat, wie wir alles Geistige in den Raum werfen, um es zu begreifen, so können wir nicht umhin, uns auch das Beharren der Empfindung als fortgesetzte Bewegung in einer geraden Linie vorzustellen, wenn wir auch wissen, daß es ein Gleichnis ist.

2. Wahrnehmen. Allerdings ist keine Wahrnehmung erklärbar, ohne daß Gedächtnis als mitwirkend gedacht wird. Niemand glaubt noch, daß die Gegenstände selber auf einer passiven Fläche - des Geistes oder speziell des Sinnesorgans - sich mehr oder minder ähnlich abbilden. Sondern die Seele und ihre Organe sind immer tätig: als die "innere" oder subjektive Wirklichkeit des lebendigen Leibes. Andere Dinge - oder psychologisch verstanden: andere Seelen - stehen ihnen gegenüber und in Wechselwirkung mit ihnen. Aber jede Empfindung ist Tätigkeit und aus vielen Empfindungen eines Sinnes gestaltet der Sinn die Wahrnehmung, insbesondere schafft der Gesichtssinn aus der Mannigfaltigkeit von Lichtempfindungen und ihren Widerständen das "Bild" des Gegenstandes. Auch das Bild ist nichts anderes als eine Tätigkeit, die Wahrnehmung selber, und das Beharren des Bildes ist zugleich die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit seiner erneuten Schaffung (der "Reproduktion"). Es wir "geweckt" durch "Reize" - innere oder äußere -; es kann geweckt werden, weil es noch lebt. Das Zusammenwirken des Gesichtssinns mit dem Tastsinn bildet die Bilder der Wahrnehmung, die als Vorstellungen aufwachen. Wirksame Reize erlangen die größte Bedeutung als  Zeichen deren Wahrnehmung das Wiederauftauchen schlummernder Vorstellungen erleichtert. Da treten dann die Wahrnehmungen des  Gehörs  hinzu, die Auffassungen von "Lautbildern", die als Zeichen wirken und mit den Vorstellungen Gefühle auslösen. Darauf beruth die menschliche Sprache, und in der menschlichen Sprache das menschliche Denken.

3. Denken. Denken ist die schwerste, verwickeltste, bedeutendste psychische Tätigkeit.

Alle seelische Tätigkeit ist wesentlich Verbindung und Trennung von Elementen (der Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung oder der Gefühle), Zusammensetzung (Synthese) und Auflösung (Analyse), Bejahung und Verneinung ihres Zusammenseins, ihrer Zusammengehörigkeit, ihrer Einheit.

Alle seelische Tätigkeit kann als "Leiden", als etwas Passives aufgefaßt werden, auch das Denken. "Es denkt in mir": die Vorstellungen, durch Lautbilder erregt, kommen und gehen, verbinden und trennen sich, nehmen ihren Lauf, hemmen und fördern, verlangsamen und beschleunigen einander. In Wahrheit ist der Begriff der Tätigkeit notwendig, um die  Unterschiede  zwischen  verschiedenen Arten  seelischer Bewegungen zu bezeichnen; sie sind mehr empfangend, leidend ("passiv") oder mehr wirkend, bildend, erzeugend ("aktiv"): so hebt sich vom Gefühl als der wesentlichen Begleiterscheinung oder vielmehr "Innenseite" des vegetativen Lebens die gesamte animalische Tätigkeit ab, zu der auch das ganze Gebiet der Empfindung gehört: vom nackten Empfinden ebenso das Wahrnehmen, vom Wahrnehmen das Vorstellen, vom Vorstellen das Denken. Das Zunehmen des Tätigseins pflegt als Zunahme des "Bewußtseins" verstanden zu werden, und die "bewußtesten" Tätigkeiten gelten als Tätigkeiten des "Willens". In Wahrheit handelt es sich um eine kontinuierliche Skala, auf der man Stufen ("Grade") abzeichnen kann, um die Höhe des Bewußtseins zu messen; es sind Grade der Helligkeit, in denen "die Seele" sich selbst beleuchtet oder, wie man es auch nennen kann, ihrer, und der ihr entsprechenden leiblichen Tätigkeiten bewußt "wird".

Denken,  insofern es ein Urteil in sich enthält, ist Verbinden oder Trennen von Vorstellungen. Als solches ist es den anderen seelischen Tätigkeiten umso näher verwandt, je mehr diese deutlich unterschiedene Element verbinden oder trennen. Das "Erkennen" ist die allgemeine Funktion.

4. Erkennen und Wissen. Das Wort "erkennen" hat ebenso wie "kennen" und "wissen" eine Beziehung auf die Vorstellung des wirklich Seienden und Wahren. Wenn ich von jemandem aussage: er oder sie "kennt" das Buch, das Gedicht, das Schauspiel, so versteht es sich von selbst, daß damit zugleich das  Dasein  des Buches, des Gedichts, des Schauspiels ausgesagt wird; ebenso wie mit der Aussage: er oder sie "weiß", daß BISMARCK 1815 geboren wurde, NAPOLEON 1821 gestorben ist, es sich versteht, daß die Wirklichkeit dieser Geschehnisse behauptet wird. Alle solchen Sätze lassen sich in die zwei Urteile auflösen:
    1. Die Sache  x  ist vorhanden, oder das Ereignis  y  ist geschehen;

    2. Herr Sowieso besitzt "die Kenntnis" dieser Sache oder dieses Ereignisses, "hat" sie in seinem "Bewußtsein".
Beide Urteile können irrig sein, das zweite unabhängig vom ersten. Wenn aber das erste irrig ist, so verliert das andere seinen Sinn. Ebenso ist die Bedeutung des Wortes  "er kennen". "Nachdem ich den Fremden lange genug betrachtet hatte,  erkannte  ich ihn endlich" - d. h. 1. "es war (oder ist) mein Jugendfreund  A"  und 2. ich  erwarb  die Kenntnis dieser Tatsache, ich empfing sie in meinem "Bewußtsein". "Ich erkannte, daß ich mich auf einem falschen Weg befand", d. h., 1. der Weg, auf dem ich mich befand, war ein unrichtiger Weg; 2. ich  wurde  dessen "inne", ich gewahrte diese Tatsache. (Zeitwörter, wie wahrnehmen, gewahren haben eben dieselbe Beziehung auf das Wahre oder Wirkliche.) Da das Erwerben immer der Prozeß eines Werdens ist, so wird das Wesen des Erkennens gut ausgedrückt durch ein griechisches Wort wie  gignosko,  lateinische wie  cognosco, scisco;  denn die auf  sco  lautenden Derivate bezeichnen alle, wie  cresco,  ein Wachsen und Werden.

Die Sprachen ermangeln aber der Wörter, die geeignet wären, die Tätigkeit des Erkennens  ohne  Beziehung auf ihren Gegenstand (als wahren oder wirklichen) zu bezeichnen. Wenn ausgesagt wird, jemand glaube oder meine zu wissen (eine Sache oder eine Person zu "kennen"), ja er sei überzeugt, sei völlig sicher und gewiß, so versteht man immer, daß  nur  eine Tatsache von subjektivem Charakter ausgesagt wird; es ist nicht im mindesten darin enthalten, daß der Gegenstand wirklich vorhanden oder wirklich so beschaffen, daß das Ereignis wirklich geschehen sei; so wenig, als wenn einfach gesagt wird: er glaubt, er meint, er ist überzeugt, daß ... In gleicher Weise kann man freilich auch sagen: er glaubt (oder meint oder ist überzeugt) zu erkennen, aber da ist ein Unterschied vorhanden. Wenn ich zu wissen glaube (z. B. daß Herr Sowieso heute in Berlin verweilt), so kann mein Irrtum (ebenso die Richtigkeit meiner Meinung) sich auf die angeblich gewußte Sache beziehen (Herr Sowieso ist heute nicht in Berlin) oder aber obgleich die Tatsache richtig ist, so irre ich doch, wenn ich sie zu "wissen" glaube; in Wahrheit habe ich sie nur erraten oder vermutet. Eine Tatsache kann auf verschiedene Weise psychisch besessen werden: das Gefühl der Gewißheit und Sicherheit, womit sie besessen wird, kann der Wirklichkeit entsprechen, es kann aber auch trügerisch sein: in Wahrheit ist man gar nicht sicher und gewiß, wie sich z. B. herausstellt, wenn ein anderer dagegen streitet. Hingegen, wenn ich zu erkennen glaube, so ist nur der eine Irrtum möglich: was ich zu erkennen glaubt, das  ist  nicht. Eine Tatsache kann nicht auf verschiedene Arten psychisch erworben werden. Wenn sie ist und erworben wird, so ist der Erwerb immer Erkenntnis, ob nun die Erkenntnis durch Wahrnehmung oder durch Denken erworben wird.

Daher kann man auch, ohne gegen die Sprache Gewalt zu üben, das Erkennen gleichsam neutral auffassen - die Beziehung auf den Inhalt als wirklichen abstreifen und nur die Tätigkeit als solche bezeichnen, die also das Gemeinsame des Wahrnehmens und Denkens in sich schließt, insofern als beide darauf  abzielen,  Kenntnis zu erwerben. Beharren von Empfindungen und Vorstellungen, also was als Gedächtnis verstanden wird, ist die Voraussetzung beider. Und das Beharren ist auch das Wesen des Meinens. Sobald als eine Vorstellung die Form eines Urteils annimmt, ist sie Meinung. Eine Vorstellung nimmt aber die Form eines Urteils an, wenn sie aus zerlegbaren Elementen besteht: deren Verknüpfung oder Auseinanderhaltung ist das Urteil.

5. Meinen. Daher ist Meinen und Denken einerlei, wie auch der Sprachgebrauch beide Wörter zu verwechseln pflegt. Als Denken aber wird im flüssigen Zustand aufgefaßt, was sich als Meinen gleichsam im geronnenen Zustand darstellt. Denken ist ein eigentliches Tätigkeitswort. Meinen ist es nur der Form nach, seinem Inhalt nach zeigt es ein Haben, ein Besitzen an, es ist perfektisch [perfectum = vollendet - wp]; Meinen, soviel wie "die Meinung  haben"  oder hegen, der Ansich  sein,  sich das Urteil gebildet  haben,  zu dem Schluß gekommen  sein.  So auch im Lateinischen:  opinari  = in opinione  esse.  Im Althochdeutschen gehörte  man = ich meine  zu den Zeitwörtern, die trotz der präsentischen Bedeutung auch die  Form  des Perfektums hatten, den sogenannten Praeterito-Praesentia, die aber unrichtig so genannt werden: "Da das Perfektum kein Tempus der Vergangenheit war, sondern nur den Zustand des Vollendet- und Fertigseins bezeichnete, so begreift man leicht, daß, wenn die zugehörigen Präsensformen außer Gebrauch kamen ... das Perfektum ganz wie ein Präsens empfunden wurde." (WILLMANNs, Deutsche Grammatik, 3. Abt., Seite 93) Treffender noch bezeichnet WESTPHAL (Deutsche Grammatik, Seite 235) das Perfektum seinem ursprünglichen Wesen nach, als ein durch Wurzelduplikation erweitertes Präsens, und seiner Bedeutung nach als ein zunächst die Gegenwart bezeichnendes Tempus, "aber diese Gegenwart ist keine dauernde Gegenwart wie beim Präsens, sondern eine vollendete" - besser: sie ist keine fließende, werdende, sondern eine feste, geronnene, vollendete Gegenwart.

Zu dieser perfektischen Bedeutung des Meinens paßt nun vortrefflich der Ursinn des Beharrens und Bleibens. Wird dieses wiederum als Tätigkeit gedacht, so ist es das Fest halten,  was psychologisch zum Besitz gehört, sofern der Besitz als zum besitzenden Wesen gehörig, als ein Stück von ihm empfunden wird. So wollen wir das Meinen des Menschen begreifen als ein Festhalten seines geistigen Besitzes; das Wort "Hegen" dürfte diesen Sinn gut ausdrücken.


Zweiter Abschnitt: Grundverhältnisse der Begriffe

6. Meinen und Wollen A. In Wahrheit erkennt man leicht, daß das Meinen der Menschen mit ihrem seelischen Wesen, also mit ihrem  Wesenwillen,  aufs innigste zusammenhängt. Wie und weil das Denken abhängig ist vom Wünschen und Begehren, von Hoffnung und Furcht, vom Trachten und Streben.

Etymologisch ist der Zusammenhang sichtbar im lateinischen Wort  opinio,  das in alle romanischen Sprachen und ins Englische gegangen ist. Denn hier liegt die Wurzel  op-  wie in  optare, optimum,  zugrunde, und als Urbedeutung wird Erwartung, Hoffnung angegeben. Darin kommt zum Ausdruck, daß der Mensch leicht für wahr hält, was ihm willkommen ist, insbesondere sein Urteil über das Zukünftige bestimmen läßt durch seine Hoffnung: dem steht freilich gegenüber, daß umgekehrt auch die Furcht Meinungen bewirkt, daß gerade das Schlimme gern und leicht geglaubt wird; daß es "Pessimisten" gibt, die immer "schwarz" sehen, also von der Zukunft nichts Gutes erwarten, meinen, daß es immer abwärts gehe usw. Indessen diese negative Seite zeigt das seltenere Bild; es ist die Ansicht des Alters gegen die Ansicht der Jugend, und die Ansicht der Jugend ist die des Lebens, die Ansicht der Werdenden und Wollenden; in ihrem Sinne ist gesagt worden: "der Lebende hat immer recht". Daß dieses positive Verhältnis überwiegt, spricht sich auch in dem bekannten Satz aus "der Wunsch ist der Vater des Gedankens". Dieser Satz hat aber auch eine allgemeinere Wahrheit. Auch die Furcht enthält Wünsche; wenn sie trübe Meinungen hervorbringt, so bleibt der Wunsch dahinter verborgen (oder tritt auch hervor), dem drohenden Übel vorzubeugen, die Gefahr abzuwenden, der Wunsch rechtzeitig zu warnen, in der Regel auch der Wunsch, daß die lebensbejahenden Gefühle das Wesen der Seele sind; aber sie zeigt die Seele unter einem äußeren Druck - im Zustand der "Depression" -, der die Wünsche beklemmt und verengt, während sie, von einem solchen Druck befreit, also ihrer eigenen Natur folgend, sich ausdehnen und heben. Wenn also der Wunsch immer den Gedanken erzeugt, so können doch die so beklommenen und verengten Wünsche nur verkrüppelte Kinder hervorbringen, die in der Vorstellung die Gestalt von Gespenstern anstatt von heiteren guten Genien annehmen. Aber der "Wille zum Leben" arbeitet auch alsbald daran, die Dämonen zu "versöhnen", ihnen ein freundlicheres Ansehen oder wenigstens einen freundlicheren - Namen zu geben.

7. Meinen und Wollen B. Nun aber ist das Meinen auch selber ein Wollen. Wenn das Meinen zunächst ein haben, einen Besitz anzeigt - wie das Wollen selber, das Wissen und Können -, so ist dieser Besitz etwas Lebendes, was sich nach außen hin geltend macht, was sich wehrt; indem es ruht, enthält es doch die Tendenzen zur Bewegung in sich; indem es gegenwärtig ist, hat es seine Richtung in die Zukunft. Beim Wollen selber liegt das am klarsten zutage; in den Sprachen neigt "Wollen" zum Übergang in die Bedeutung der Zukunft. Aber wie das Gegenwärtige immer "schwander" mit der Zukunft geht (nach LEIBNIZ' Ausspruch), so ist auch gegenwärtiges Meinen soviel wie zukünftiges Meinen - eine Tendenz der Bewegung, die zu beharren sucht und, insofern sie beharrt, Widerstand überwindet. Eine Meinung haben ist gleich eine Meinung behaupten. Meinen selber ist das "Behaupten" eines Satzes, eines Urteils; ist das Meinen unbestimmt, mit Zweifeln vermischt, so ist die Verteidigung der "eingenommenen Stellung" schwach; wenn gar kein Streben vorhanden ist, sie zu halten, so ist auch die Meinung nicht mehr vorhanden.

8. Meinen und Wollen C. Die deutsche Sprache tut diese Beziehung offen kund, wenn "meinen" auch gebraucht wird für "eine Meinung sagen", "aussprechen". Aber nach weit überwiegendem Gebrauch bedeutet Meinung vielmehr, was unausgesprochen, heimlich und verborgen ist, was zwar zuweilen offenbart wird, oft aber auch nur erraten und gedeutet werden kann. "Was  meint  er?" welches ist die  eigentliche  Meinung des Redners? - und in diesem Sine ist das Meinen schlechthin dem "Wollen" gleich, das immer der einzelnen Seele angehört, weil es ganz und gar in Gedanken besteht, ein Zustand von Spannkräften, der sich nur stückweise und teilweise in Handlungen und Reden entlädt. Darum, "was meint er?" = "was  will  er damit sagen?" und allgmein: "Meinung = Absicht. Im GRIMMschen Deutschen Wörterbuch ist dies die allererste Bedeutung: Meinen, im Sinn haben, mit etwas durch Wort, Bild, Gebärde usw., geäußertem bezeichnen, andeuten, sagen  wollen.  Daraus folgt dann, daß insbesondere  Worte  etwas "meinen", d. h., bedeuten (engl.  meaning)  und es geht daraus leicht ein Gegensatz zwischen dem wirklichen und dem scheinbaren Sinn von Worten, wie von anderen Zeichen des Gedankens und Willens hervor. Was ein Wort "meint", d. h. bedeutet, ist eine objektive Tatsache und ist das, was in der Regel die Menschen meinen, wenn sie das Wort gebrauchen; was aber in einem gegebenen Fall der einzelne Mensch "meint", wenn er das Wort gebraucht, ist vielleicht etwas ganz anderes; er kann auch das Gegenteil meinen, und diese seine Meinung durch den Ton der Ironie andeuten, oder aber gar nicht andeuten, sondern schlechthin verbergen (um zu täuschen). So wird dann auch  Meinen  das Wort für Gesinnung, für Wohlwollen oder Übelwollen. Daraus entwickelt sich, indem der positive, bejahende Sinn in den Vordergrund tritt,  meinen = lieben:  "Freiheit die ich meine, die mein Herz erfüllt."

So ist dann die gewöhnliche rein intellektuelle Wortbedeutung des Meinens und der Meinung durch Abschwächung und Verblassen entstanden, wie die Grammatiker sagen; logisch möchten wir es lieber als eine Verallgemeinerung auffassen, die sich in einem einzelnen Sinn fixiert, eben dem des Vorstellens und (unausgesprochenen) Urteilens "oft mit dem Beisinn des Ungewissen oder Schwankenden" (HEYNE, Deutsches Wörterbuch), womit dann auf synonymische Wörter hingewiesen wird. Auch ADELUNG hatte "Meinen" als Dafürhalten, Urteilen erklärt, ohne zu entscheiden, ob das Urteil wahr ist oder nicht (vgl. LOTHAR BUCHER, Der Parlamentarismus, Stuttgart 1881, Seite 245).

9. Meinen und Wollen D. Den lateinischen Wörtern  opino, opinari, opiniosus  usw. wohnt die intellektuelle Bedeutung viel ausschließender bei, obgleich sie etymologisch, wie schon angedeutet wurde, an den Zusammenhang mit Wünschen erinnern. Auch sie gehen aber in einen Willenssinn über, wenn die Meinung ein bejahendes oder verneinendes, günstiges oder ungünstiges  Urteil,  insbesondere über Menschen und ihren Wert in sich enthält, und das ist ein Feld von weiter Fläche. Es gibt ein  bene aut male opinari  [gute oder schlechte Meinungen - wp] über Menschen wie über Sachen; jemand kommt in eine  opinio,  das bedeutet in einen "Verdacht", wenn der Inhalt der  opinio  etwas ist, was Menschen "verdächtig" zu werden pflegt.  Opinio  wird dadurch gleich dem "Ruf", und da der bejahende Sinn immer den Vorrang hat, vorzugsweise =  bona existimatio, fama, gloria,  und diese Bedeutung einer  "guten  Meinung" als eines günstigen Urteils ist vorzugsweise ins mittelalterliche und neuere Latein übergegangen. So ist von Leuten die Rede  quos morum et honestatis commendat Opinio  (welche der Ruf ihres Charakters und ihrer Ehrenhaftigkeit empfiehlt), und es sollen solche als Beamte gewählt werden,  qui essent bonae opiniones et vitae  (die guter Meinung - d. h. guten Rufes - und Lebenswandels sind). Auch in den romanischen Sprachen spielt diese Bedeutung, z. B. im Französischen, die  bonne ou mauvaise  [gut oder schlecht - wp] aber auch  opinion  allein im bejahenden Sinn, eine große Rolle, die das Meinen als ein geistiges Wägen und Schätzen erscheinen läßt. So ist auch im Englischen (nach MURRAY, A new english dictionary)  opinion  = was jemand von einem Menschen oder Ding denkt; ein Schätzen oder eine Schätzung von Charakter, Qualität oder Wert; dann auch auch  "speziell"  = Güte, Hochschätzung oder Bevorzugung; Achtung, wozu aber bemerkt wird, daß der heutige Sprachgebrauch dies nur mit einem negativen oder mit Beiwörter, wie  großartig  zulasse. Eine andere Sonderbedeutung, die sich im Englischen entwickelt hat, macht aus der  opinion  die  bevorzugende Schätzung von jemandem oder jemandes Fähigkeiten  - im Sinne von Dünkel oder im Sinn von Selbstvertrauen. So wird dann aber auch  Opinion = Ruf:  Was über jemanden von anderen gedacht wird; die Achtung, bzw. Hochachtung, in der jemand stand oder steht, seine Reputation; der Kredit, den jemand genießt indem er so oder so ist oder diese oder jene Fähigkeiten hat). In den eigentlichen romanischen Sprachen nimmt die  opinion  (franz.),  opinione  (ital.),  opinion  (span.),  opinao  (portug.) diesen charakteristischen Sinn des "Rufes" und "Ansehens" auf ausgesprochene Weise an. Am deutlichsten tritt der Willenscharakter des Meinens im  Vorurteil  zutage, sei es für oder wider eine Person oder Personengruppe, eine Sache oder einen Komplex von Sachen; wo das Wort andeutet, daß das Urteil nicht erst nach einer Prüfung, Beobachtung oder Untersuchung gebildet wurde, sondern vorher feststeht, aufgrund irgendwelcher Eindrücke, am ehesten sinnlicher, von denen daher auch metaphorisch in diesem Sinne gesprochen wird (man kann solche und solche Menschen "nicht  riechen";  "er ist nicht mein  Geschmack");  in diesem Wort ist ferner ausgesprochen, daß aus der Neigung oder Abneigung das Urteil, die Meinung  entspringt. 

10. Meinen und Wollen E. Allen jenen (romanischen) Sprachen fehlt ein Zeitwort, das der  opinion,  wie das deutsche "meinen" der Meinung entspricht. Es gibt zwar  opiner  (franz.),  opine  (engl.),  opinar  (span. und port.),  opinare  (ital.), aber alle haben die Vorzugsbedeutung angenommen, welche wir aus dem Ursinn des "Meinens" als Ausnahme entwickelten: "Eine Meinung äußern, kundgeben, sagen", daher auch sein Urteil, seine Stimme "abgeben". Wenig geübt und altertümlich gefärbt ist dagegen der Gebrauch dieser Wörter im Sinne von meinen, glauben, denken usw. Wohl aber wird in diesen Sprachen ausgedrückt, was im Deutschen als "der Meinung (der Ansicht und dgl.)  sein"  gleichfalls bekannt genug ist, wodurchder zuständliche Sinn des Meinens betont wird. Das mehr flüssige "meinen" wird dagegen am meisten durch Ausdrück wiedergegeben, die diesem "denken" - z. B.  to think, penser, pensare  usw. - oder "glauben" entsprechen:  Believe, croyer, credere  usw. Merkwürdig ist nun zu beobachten, daß auch im Deutschen das "meinen", wenigstens in der ersten Person singular präsens ("ich meine") vorzugsweise den Sinn gewonnen hat, "ich  will sagen",  engl.  "I mean to say",  während man nicht gern seine "Ansicht", sein "Urteil" durch "ich meine, daß", als eine  "bloße  Meinung" ausspricht. Der Stolz des Meinenden scheint sich dagegen zu wehren, ein Wort von so leichter Art darauf anzuwenden. Es will und soll volltönender zur Geltung kommen: "Ich bin der Meinung, daß ...", "meine Meinung geht dahin", oder man sagt lieber:  Meiner  Meinung nach - womit angedeutet wird, daß meine Meinung Gewicht hat, daß sie Anspruch auf Beachtung macht; sonst wird lieber die "feste Überzeugung" unterstrichen. Anders, wenn die zweite oder die dritte Person gebraucht wird, obschon auch hier die Bedeutung leicht in "sagen wollen" hinübergleitet. Als Ausdruck für das bloß intellektuelle Verhältnis zu Dingen und Tatsachen ist das "Meinen" zwar nicht immer, aber sehr oft mit einem leichten Makel behaftet, daher es gern mit "man", mit "die Leute" und dgl. verbunden wird und die Bedeutung in die des  "Ver neinens" hinübergleitet. "Menen (Menin) liggt in Flandern" - ein weitverbreitetes niederdeutsches Sprichwort, das Geringschätzung ausdrücken will. So klingt auch "Meinen Sie?" leicht etwas verächtlich. Nach LACTANTIUS wäre  OPINIO  in Gestalt einer jungen Weibsperson mit einem kühnen Gesicht und unbeständigen Gebärden abgebildet worden (ZEDLER, Lexikon universale, 1740). Nur wenn die Sache als wesentlich zweifelhaft hingestellt wird, oder doch Unwissenheit darüber als entschuldbar, ja vielleicht eine (scheinbar begründete) Meinung schon als verdienstvoll gelten darf, dann wird wohl mit "ich meine" eine subjektive Schätzung geltend gemacht; z. B. bei Zahlenangaben und dgl. Auch sonst, wenn die Bescheidenheit als solche sich aussprechen will. Diese Bemerkungen greifen der synonymischen Unterscheidung vor.

11. Begriff der Meinung. Wenn wir begrifflich die Meinung untersuchen wollen, so müssen wir uns an den Sinn halten, den sie mit den entsprechenden Wörtern der lateinischen und der romanischen Sprachen gemein hat: dieser Sinne ist der intellektualistische, den wir darum auch für das deutsche Zeitwort  meinen  in den Vordergrund stellen, der Sinn also, den die anderen Sprachen in der Regel durch Wörter anzeigen, die "denken, glauben, vermuten" bedeuten. Dabei werden wir aber ,was durch die vorausgegangenen sprachlichen Erörterungen bestätigt wird, in Erinnerung behalten und dahin zusammenfassen, daß alles Denken und Meinen in einem dreifachen Verhältnis zum Wünschen und Wollen oder schlechthin zu den Gefühlen steht:
    1. es geht zum großen Teil daraus hervor, ist immer dadurch mitbedingt, es drückt Gefühle aus;

    2. eben deshalb, und zum Teil infolge davon, hat es auch Gefühlsbetonung, Gefühlsbedeutung, es  ist  "Wollen" und "Nichtwollen" als Bejahung und Verneinung, als günstiges und ungünstiges  Urteil. 

    3. es ist wesentlich perfektisch wie das  Wollen: Meinen = eine Meinung  haben, sich ein Urteil gebildet  haben,  wie Wollen = beschlossen haben, sich vorgenommen haben.
Wie aber alles Haben und Besitzen die Seele bindet, so auch das Meinen und Wollen, und zwar auf zwiefache Art:
    1. Es bewirkt unmittelbar das  Werden,  die zukünftigen Meinungen und Entschlüsse - wie aus jedem Zustand, wenn die Anstöße erfolgen, bestimmte Bewegungen erfolgen;

    2. es wirkt auch gegen widerstrebende Gedanken und Neigungen als  Nötigung  - mittels des Gedächtnisses; man erinnert sich dessen was man "eigentlich" meint, "eigentlich" will, und dies genügt oft - schwächeren Antrieben gegenüber sogar regelmäßig - um den Gedanken und um dem Willen eine bestimmte, die  normale  Richtung zu geben.
So bindet und regelt die feste Überzeugung, aber auch der feste Wille, der Grundsatz das Handeln, wenigstens des  charakterfesten  Menschen, von dem allein man wohl sagt, daß er "eine Meinung hat", einen Willen hat. In diesem Sinne rühmt man wohl, daß ein Mann "den Mut seiner Meinung" habe, und der Erwerb einer Meinung, mehr noch die "Bildung" einer  eigenen  Meinung wird als eine Leistung dargestellt, also als eine willkürliche Tätigkeit, die eine Mühewaltung in sich einschließt und eine gewisse Zeit kostet.

12. Meinen und Glauben. Um nun die Bedeutung, worin wir Meinung und  Opinio  verstehen wollen, festzulegen und abzugrenzen, ist es geboten, an die synonymische Unterscheidung anzuknüpfen, wie sie durch den Sprachgebrauch überliefert wird. Am nächsten liegt da die Vergleichung der deutschen Wörter "Meinen" und "Glauben". In WEIGANDs "Wörterbuch der deutschen Synonymen" wird  Meinen  erklärt als: Dafürhalten mit dem Bewußtsein der Ungewißheit eines Urteils, ob es wahr sei oder nicht. Hingegen "glauben" bedeute seiner Abstammung gemäß eigentlich "sich beifällig hinneigen, vertrauend hingeben", wie z. B. in "gläubig"; daher: aus Gemütsneigung dafürhalten, wobei aber natürlich die Wahrheit des Gegenstandes unausgemacht ist. Besonders aber bedeute das Wort "glauben" weiter: dafürhalten aus Vertrauen auf andere, d. h. im Vertrauen auf andere, deren Zeugnis und dgl. eine Aufstellung oder Wahrheit beifällig annehmen ... Diese letzte ist nun offenbar die ursprüngliche und wesentliche Bedeutung. Denn ihr liegt zugrunde, wie dem Wort selber, die Wurzel  lub  = Willigsein und Gutheißen, wie in goth.  lubains,  Hoffnung,  lubo,  Liebe, in erlauben, Urlaub. Demnach heißt  glauben  eigentlich jemandem glauben, eine Beziehung, die für das Meinen nicht möglich ist. Der eine sagt es, der andere glaubt es. Er glaubt ihm, dem Redenden. Am ehesten und leichtesten, wenn er denkt, daß dieser es weiß, es "wissen muß". Er glaubt daher auch mit dem  Gefühl  der Gewißheit. Wenn das Meinen (nach KANT) etwas aus objektiven, aber mit Bewußtsein unzureichenden Gründen für wahr halten ist; wenn das Schwankende und Unzulängliche in der Bedeutung des Wortes liegt und oft betont wird (GRIMMsches Wörterbuch), so ist für das Glauben der nächste Grund immer subjektiv, zugleich aber neigt das Gefühl zu Gewißheit, daher zur Festigkeit des Vertrauens, und das Glauben kommt dem Überzeugtsein nahe. Das entsprechende lateinische Wort  credere  gehört zu  cor(d)  = Herz; das Glauben ist Sache des Herzens, das Meinen des Kopfes. So ist der religiöse Sinn des Glaubens unmittelbar verständlich. Wie an die Götter, so wird an die Menschen, denen man in Pflichten verbunden ist, zumal wenn sie wie die Götter Verehrung und Gehorsam in Anspruch nehmen, geglaubt. Glaube und Treue sind innig verwandt; das gleiche lateinische Wort  "fides"  drückt den (religiösen) Glauben und die Treue aus. Und in deutscher Sprache ist das Vertrauen fast gleichbedeutend mit dem Glauben an Personen. Der Glaube ist mit Zuversicht verbunden; ja der Apostel verkündet ihn - nach LUTHERs Verdolmetschung - als eine gewisse Zuversicht.

13. Glauben und Meinen. So schließt denn Glauben seinem rechten Sinn nach den Zweifel aus; er ist ganze und einheitliche Hingebung an die Person oder die Sache. Die Seele ist mit sich einig, auch in gewöhnlichen und weltlichen Dingen, wo immer das Wort durch das Wort  Vertrauen  ersetzt werden kann; der Glaube wird dann auch als fest und als vollkommen bezeichnet.

Hingegen das Meinen, wenn es scharf und deutlich vom Glauben unterschieden wird, gibt sich selber als eine Ansicht, es will persönlich und individuell sein; es wird leicht mit dem Bewußtsein ausgesprochen, daß es möglicherweise irrig sei, oft will nur  für sich  der Meinende die Gewißheit betonen, nicht daß es (objektiv) gewiß, sondern daß  er  (subjektiv) der Sache gewiß - oder doch beinahe gewiß - sei, weil er sich selbst, seinem Denken und Schließen, seinem Rechnen  (putare  heißt eigentlich "rechnen") vertraut, aber er weiß auch, daß sich in Rechnungen Irrtümer einschleichen, daß man allzuoft fehlerhafte Schlüsse zieht. Darum behält er sich vor, die Rechnung nachzuprüfen (zu "revidieren"), und wenn er einen Fehler entdeckt, ihn zu tilgen; ja er kann das auch anderen überlassen. Wenn er nicht aus Eigensinn und Trotz in seinem Irrtum beharrt, so wird er die als irrig erkannte Meinung "aufgeben" und einer anderen Meinung "zuneigen", oder sogar alsbald eine solche "annehmen", die frühere mit einer neuen "vertauschen". Mancher wechselt seine Meinungen rasch und oft, wie dann auch keineswegs die Meinungen, die einer "hegt", auch nur in der Regel auf  eigenem  Denken (Schließen, Rechnen) beruhen; vielmehr ist eine sehr häufige Erscheinung, daß der Meinende die  Gründe  für seine Meinungen gar nicht kennt, oder doch nur eine unbestimmte "Ahnung" davon hat; er nimmt die Meinung an, die über den Gegenstand "geläufig" ist, die Meinung der großen Menge. - Das Subjektive und Unverbindliche wird scharf betont in Wendungen, wie "das ist Meinungssache". In einem englischen Bericht über die mißglückte Dardanellenexpedition heißt es am Schluß (die Kommission versucht, das Gesicht der Urheber zu wahren), die Sache habe doch wichtige politische Vorteile gehabt. "Ob diese Vorteile die damit verbundenen Verluste an Menschenleben und Finanzen wert waren, ist Meinungssache, und muß das immer bleiben." (The National Review, April 1917)

14. Der Glaube. Es ist merkwürdig, daß wir im Deutschen keinen Plural von "Glaube" bilden können. Wir müssen zu "Glaubensmeinungen", "Glaubensvorstellungen", "Glaubenssätzen" oder "Glaubenslehren" unsere Zuflucht nehmen. Ebensowenig gibt es eine Pluralform von  fides  oder vom englischen  faith,  dem franz.  foi.   "Der"  Glaube setzt sich als der echte und wahre, als der allein richtige und "allein seligmachende" anderem Glauben entgegen, der für ihn nichts ist als eine Summe von irrigen und verderblichen Meinungen; diese sind nicht "beglaubigt" durch eine gültige höhere Autorität, durch die göttliche "Offenbarung", durch die Übereinstimmung der Völker, oder sogar durch die Vernunft, was alles (insbesondere) vom Gottesglauben behauptet wird. Die freien Meinungen sind gegenüber dem offenbarten und offenbaren Glauben, dem gültigen und bewährten Dogma, willkürlich ergriffene Meinungen, die der Vorwitz der Meinenden gewählt hat, was das griechische Wort "Häresie" ausdrückt. Sogar im neueren Sprachgebrauch und auf einem Gebiet, das dem des religiösen Glaubens fernliegt: "Die Frage" (des handelspolitischen Verhältnisses zwischen Großbritannien und Irland) "war besonders schwierig zu einer Zeit, als der Freihandel, jetzt ein orthodoxes Dogma, noch eine ketzerische Meinung war): HOLLAND, Imperium et Libertas, London 1901, Seite 198).

15. Glaube als Pflicht. Darum wird der Glaube ganz regelmäßig, was eine bloße Meinung schwerer wird, in der Vorstellung der Gläubigen eine Pflicht; ja, wird als solche mit dem Gewand der Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit bekleidet. Der Gottesgläubige meint, dem Gott selber, an den er glaubt, es schuldig zu sein und ihn zu ehren dadurch, daß er ihm glaubt und vertraut, daß er  an  ihn glaubt. Aus den Reden des Priesters, oder aus heiligen Büchern, glaubt er die Stimme des Gottes selber, der sich "offenbare", zu vernehmen. Darum ist es eine Beleidigung dieses Gottes,  nicht  an ihn zu glauben, etwa gar sein Dasein zu leugnen; es ist nicht ein bloßer Irrtum - für den Gläubigen ist das Dasein seiner Gottheit so offenbar, als ob sie ihm leibhaftig gegenwärtig wäre; zuweilen fühlt er sich auch des Anblicks oder doch der Nähe oder einer Mitteilung, in Zuständen der Verzückung, im Traum usw., völlig sicher - sondern die Gottesleugnung ist eine Bosheit, ein Frevel, ein Verbrechen, das die schwerste Strafe, die Todesstrafe verdient. So erlebt man auch im Krieg, daß der Zweifel an der Güte und Gerechtigkeit der eigenen Sache, d. h. der Sache des eigenen Landes und Staates, ebenso aber der Zweifel am Sieg, oder gar die Meinung, daß der Feind siegen werde, als Zeichen einer abscheulichen Gesinnung empfunden und als eine Art von Verrat gebrandmarkt, daß wohl auch die Kundgebung einer solchen Meinung mit schweren Strafen belegt wird. An die Güte der vaterländischen Sache und an ihren endlichen Erfolg zu  glauben  wird für Pflicht gehalten. Damit berühren sich die - tiefer unten zu erörternden - Merkmale der "öffentlichen" Meinung.

16. Glaube und Wahn. Hingegen ist für den Ungläubigen der Gläubige in einem "Wahn" befangen; und so für jeden Religiösen derjenige, der einem  anderen  religiösen Glauben zugetan ist. Ein Wahn ist kein bloßer Irrtum, wie er auch dem Gesunden und richtig Denkenden begegnet; sondern etwas Krankhaftes und Verrücktes, dem Rausch oder dem Traum verwandt, daher auch dem Zustand des dichterischen Menschen vergleichbar, der die Gebilde seiner Phantasie anschaut, aber dem Wahn sinnigen  vergleichbar, weil er diese Gebilde für wirkliche Gegenstände hält. Ein Wort, das unsere Sprache anwendet, um einen Glauben als töricht, grundlos, auf Unwissenheit und Gedankenlosigkeit beruhend, zu brandmarken, ist das Wort "Aberglaube". Für den Freidenker ist aller religiöse Glaube mehr oder weniger Aberglaube, ebenso für den Gläubigen jeder andere religiöse Glaube, außer in den Bestandteilen, die er mit dem eigenen gemein hat. Es gibt aber auch eine Vorstellung vom Aberglauben, die einen allgemeineren Sinn hat, der sich eben dadurch enger begrenzt: der religiös nicht geheiligte Glaube an natürliche oder übernatürliche Zusammenhänge zwischen Erscheinungen, Ereignissen, Handlungen, die keinen erkennbaren und für die Vernunft keinen wahrscheinlichen Zusammenhang haben, z. B. zwischen dem Anblick einer Katze und irgendeinem herannahenden Unglück, dem Sichtbarwerden eines Kometen und dem Ausbruch eines Krieges, oder gewisser Handlungen, etwa des dreimaligen Klopfens unter einen Tisch und der Abwehr möglichen Unheils. In Wahrheit stellt der Aberglaube dieses Sinnes Reste des bei allen Völkern ursprünglichen Glaubens an die Allgegenwart von Geister und Dämonen dar, folglich zumeist Überbleibsel vergangener Religionen, die von einer neuen Religion überschattet und als Aberglaube in den Bann getan wurden. In klassischer Form hat der Philosoph THOMAS HOBBES die Wahrheit ausgedrückt: "Furcht vor unsichtbarer Macht, die der Geist frei ersonnen oder aufgrund von Erzählungen, die von Staats wegen gestattet werden, sich eingebildet hat, ist Religion; von solchen, die nicht gestattet wurden, Aberglaube" (Leviathan I, Seite 6).

17. Glaube und Wille. Das Wesen des Glaubens wurde hier am religiösen und ihm verwandten Volksglauben erläutert, weil diese Arten es am schärfsten ausgeprägt in sich enthalten. Es zeigt sich aber auch auf anderen Gebieten, wo sich immer eine zumeist mit dem Gefühl der Ehrfurcht und der Andacht verbundene Vorstellungsmasse auf einen Gegenstand, eine Person, eine Idee oder ein Ideal sammelt, als Überzeugungen von deren Wert, Güte, Größe, Zukunft, Sieg, als Vertrauen, das nicht sowohl auf Überlegungen, Gedanken, Folgerungen, als auf ungeteilter Hingebung der Seele beruth. So ist Glaube mit Liebe und mit Ehrfurcht verwandt, er ist selber eine Art der Verehrung, er drückt sich im Kulturs, d. h. in liebevoller Pflege aus; Glaube, Liebe, Hoffnung verbindet die christliche Denkungsart als "die theologischen Tugenden" miteinander.

Es ergibt sich leicht, wie das Glauben und der Glaube im menschlichen  Willen  angelegt und enthalten sind; wenn man nämlich als Willen den Geist versteht, aus dem das einzelne Wollen hervorgeht, als Wollen aber die gesamte Bereitschaft zu gewissen Tätigkeiten; nicht sowohl die Entschließung, als das Entschlossensein, darum aber auch das Geneigtsein und das Gewohntsein, insofern als beide dem Zu-etwas-Entschlossensein verwandt sind und nahekommen, also auch vorauszugehen pflegen. Wie durch Neigung ("Gefallen") und Gewohnheit, so ist durch "Gedächtnis" die Seele mit Dingen und Personen "verbunden"; aus Gedächtnissen aber bestehen Dankbarkeit, Liebe, Treue und alle diese Gefühle und Stimmungen faßt Glaube in sich zusammen. So darf auch Glaube als eine Art des  Wesenwillens  erklärt und bestimmt werden. Aber auch wenn das Glauben rein intellektuell verstanden wird (als Fürwahrhalten von Tatsachen oder von Urteilen), so steht es zum Wünschen und Wollen im gleichen dreifachen Verhältnis, wie sonst das Denken und Meinen gefunden wurde:
    1. Es geht daraus hervor, ist dadurch mitbedingt;

    2. es ist selber Bejahung und Verneinung, hat Gefühlsbetonung und Gefühlsbedeutung;

    3. auch das Glauben ist perfektisch [vollendete Gegenwart - wp]: den Glauben hegen, zum Glauben gekommen sein, aber auch "sich zum Glauben  bekehrt,  ihn angenommen haben", "im Glauben stehen".
In Wahrheit gleicht der Sprachgebrauch den Unterschied von Meinen und Glauben (in diesem Sinne) aus, aber gerade in der zweiten Beziehung bleibt ein synonymischer Unterschied bemerkenswert. Wenn  Meinen  das "im Sinn haben" bedeutet, daher das "sagen wollen" (die eigentliche Meinung), den wörtlichen Gedanken im Gegensatz zur Erscheinung in Worten, so nimmt  Glauben  daran keinen Anteil; es hält vielmehr seine intellektuelle Bedeutung fest - man  glaubt,  was man sagt (oder man glaubt es nicht), das ist ein inneres Verhältnis zur Sache und betrifft nicht die Ausdrucksweise, da kann allerdings Meinen für Glauben eingesetzt werden, aber nicht umgekehrt: für "was meint er damit" kann man nicht sagen, "was glaubt er damit"; dem Meinen liegt die Bedeutung der "Absicht" ganz nahe, dem Glauben bleibt diese fern. Wir werden diese Beobachtung festhalten, wenn wir nunmehr versuchen, den Unterschied in begriffliche Formen zu gießen. Dabei tritt die Frage des Sprachgebrauchs in den Hintergrund. Begriffliche Unterscheidungen müssen, wenn sie als Zeichen der Begriffe gangbare Wörter gebrauchen, sich an den Sprachgebrauch anlehnen, können aber nicht von ihm abhängig gemacht werden, weil er schwankend und unbegrifflich ist, sondern müssen auf ihren eigenen Füßen stehen, darum auch ihren Füßen oft besondere Sprachschuhe anziehen.


Dritter Abschnitt: Verhältnisse zur Wissenschaft

18. Wesenwille und Kürwille. Ich beziehe mich hier auf meine Unterscheidung der Begriffe Wesenwille und Kürwille (Willkür). Auch dies ist nicht eine Unterscheidung, wie sie gewöhnlich verstanden wird: als ob in der Erfahrung die Dinge nebeneinander lägen und nun getrennt werden sollten. Für die Begriffe ist es gleichgültig, ob so etwas wie bloßer Wesenwille und bloße Willkür in der Erfahrung überhaupt vorkommen oder nicht. Die Begriffe werden verfertigt als Geräte, um die Erfahrung anzufassen, sie zu "begreifen", und das Begreifen ist die Auflösung, die nur durch Denken geschehen kann, wo auch der Stoff nur im Denken gegeben ist. Vergleichbar ist das Verfahren mit der chemischen Analyse: wie es nicht einiges Wasser gibt, das Wasserstoff, einiges, das Sauerstoff ist, so gibt es nicht einigen Willen, der Wesenwille, einigen, der Kürwille wäre; sondern in allem Willen ist Wesenwille und Kürwille enthalten und verbunden. Hier hört aber die Analogie auf; nicht nur gibt es sehr verschiedene Verhältnisse der Mischung, sondern wir können auch nicht umhin, einigen in der Erfahrung gegebenen Willen wegen dieser Verschiedenheit Wesenwillen, einen anderen Kürwillen zu  nennen;  lieber freilich werden wir Ausdrücke darauf anwenden, die nicht zugleich eine rein begriffliche Bedeutung erhalten haben, die also ganz und gar bestimmt sind, den empirischen Willen als solchen zu bezeichnen, je nachdem er mehr dem einen oder mehr dem anderen "Idealtypus" entspricht. Ferner ist zu erinnern, daß auch die Motive des Denkens in Gefühlen (Neigungen, Abneigungen usw.) wurzeln, daß also, wenn Kürwille als "Denken", sofern darin das Wollen enthalten ist, bestimmt wird, die  empirischen  Ausdrücke des Kürwillens immer durch die  empirischen  Ausdrücke des Wesenwillens bedingt und von ihnen abhängig erscheinen werden, mithin nicht sowohl ihnen koordiniert, als (wenigstens zugleich) ihnen subordiniert erscheinen müssen. Wesenwille ist also (empirisch) das Allgemeine, Kürwille (empirisch) das Besondere. Glauben und Meinen verhalten sich zueinander wie Wesenwille und Kürwille. Das will sagen: Die synthetischen Begriffe von Glauben und Meinen lassen sich auf die zweckmäßigste Art so gestalten; im empirischen Ausdruck ist Glauben das Allgemeine, Meinen das Besondere.

19. Begriffe, Glauben und Meinen. Glauben ist Sache des Gemütes, Meinen des Denkens; wie schon ausgesprochen wurde, daß Glauben dem Herzen, Meinen dem Kopf angehört. Glauben ist weiblich betont, Meinen ist männlich betont. Glauben wurzelt in der Phantasie, Meinen im Verstand. "Kindlicher" Glaube; aber "man bildet sich eine Meinung" - "man", d. h. der gereifte Mensch. Glaube gilt oft auch dem Unwahrscheinlichsten, ja dem "Unmöglichen" (credo quia absurdum [Ich glaube, weil es absurd ist - wp], verum quoniam impossibile [wahr aber unmöglich - wp]); die Meinung will, wenn sie nicht das Wahre erreichen kann, wenigstens das Wahrscheinliche, das Wahrscheinlichere und das Wahrscheinlichste treffen.

Den hierdurch bezeichneten bedeutsamen Unterschied und Gegensatz möge noch folgende Betrachtung erläutern.

Alle denkfähigen Menschen haben und hegen gewisse "Ansichten" über sogenannte göttliche und sogenannte menschliche Dinge, über Vorgänge der Natur und des Kulturlebens, vergangene, gegenwärtige, zukünftige; mehr oder minder bestimmte, mehr oder weniger feste und entschiedene "Ansichten". Wenn diese Ansichten "Meinungen" genannt werden, so ist in dieser Benennung eine Hindeutung auf ihre Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, daher auch auf ihre Subjektivität enthalten, und also darauf, daß sie vielfach einander widerstreiten und entgegengesetzt sind, zum guten Teil einander ausschließen, so daß von den entgegengesetzten nur die eine "richtig" sein kann, während die andere falsch sein muß, wenn nicht etwa beide unrichtig sind. Mit diesen Prädikaten  be urteilen wir die Meinungen, indem wir gleichsam einen Maßstab an sie anlegen, den Maßstab des Richtigen, der wie eine mathematische gerade Linie gedacht wird, daher seinem Wesen nach ein wissenschaftlicher Begriff ist. Richtig nennt jeder die Meinung, die nach seiner Meinung mit den Tatsachen übereinstimmt; insoweit ist es nur ein anderer Ausdruck dafür, daß er die Meinung billigt oder sie "teilt". Aber alle denkenden Menschen urteilen, daß es  wirkliche  Tatsachen gibt, die jeder erkennen und anerkennen muß, weil er sie "sieht"; und in der Tat gibt es keine verschiedenen Meinungen darüber, ob die Sonne, der Mond und die Sterne  sind,  in dem gewöhnlichen Sinn, in dem das Sein zu verstanden zu werden pflegt. In ähnlicher Weise gibt es eine weitgehende Übereinstimmung unter den Menschen über Dasein, Wirklichkeit, Wahrheit, Tatsächlichkeit von Vorgängen, Zusammenhängen, Ursachen und Wirkungen, so daß an diesen Übereinstimmungen die Richtigkeit einer Meinung gemessen werden kann. Oder es herrscht wenigstens eine Übereinstimmung über die  Bedingungen  des richtigen Denkens und Erkennens vorhanden, dann kann sichtbar gemacht, gezeigt,  bewiesen  werden, daß eine Meinung richtig  ist,  für richtig  gelten muß,  oder das Gegenteil: kraft logischer Nötigung. Aber wir wissen, daß diese Übereinstimmung nur innerhalb enger Grenzen allgemein ist; und auch wenn Einigkeit über gewisse Sätze vorhanden, so werden sie doch in abweichender Weise ausgelegt, und am häufigsten werden dabei die Wörter selber in verschiedenem Sinne gebraucht und verstanden.

20. Wissen und Meinen. Daher ist eine Übereinstimmung am ehesten zu erzielen, wo die Bedeutung der Wörter feststeht; wie die der Zahlwörter - so daß das "Rechnen" vorbildlich geworden ist für das Denken überhaupt, und die Gewißheit des Satzes  2 x 2 = 4  sich der Gewißheit sinnenfälliger Erkenntnis - z. B. des Daseins der Sonne - an die Seite stellt. Aus dem Zusammenfluß dieser beiden Quellen: der sinnlichen Wahrnehmung und der Einigkeit über die Bedeutung von Wörter, gehen die Meinungen hervor, die wir als "Wissen" bezeichnen, mit einem vielsagenden Wort:  wenn  wir von jemandem aussagen, er wisse, daß ..., so enthalte dieses Urteil:
    1. Es ist so (z. B. "der Knabe weiß, daß es fünf Erdteile gibt"; es gibt fünf Erdteile) und

    2. er kennt diese Tatsache, d. h. er "hat" oder "besitzt" die Kenntnis davon; mit anderen Worten, er meint es  und  es ist auch so, er hat die richtige Meinung.
Dazu kommt aber noch,  und zwar bsonders, wenn der Redende von sich selber das Wissen aussagt ("ich weiß"), die Betonung des Gefühls der  subjektiven  Gewißheit und Sicherheit, des Freiseins von jedem Zweifel, des mit sich einig-seins. In diesem Sinne aber begegnet und berührt sich das Wissen mit dem festen Glauben; auch der Glaubende, zumal der religiös Gläubige, ist ja (subjektiv) seiner Sache gewiß, wie sehr auch andere daran zweifeln mögen. Auch er hält den Irrtum für ausgeschlossen, er ist überzeugt, daß alle, die  anders  glauben, Irrende sind; er spricht ausdrücklich von seiner Glaubens gewißheit.  Frägt man, worauf er diese Gewißheit gründet, so verweigert er entweder, unter Behauptung der objektiven Gewißheit, die Antwort, oder er beruft sich auf Beweise, die der Form nach wissenschaftlichen Beweisen ähnlich sehen - so wird z. B. gar manches "aus der Schrift" bewiesen - oder endlich er macht eine besondere Erkenntnisquelle geltend, sei es eine innere Stimme oder eine äußere angeblich historische Tatsache, wie die "Offenbarung", die den Menschen durch einen Gott zuteil geworden ist. Die Wirklichkeit dieser Tatsache ist selber Sache des Glaubens und dieser Glaube bedarf wieder der scheinbar wissenschaftlichen oder der unwissenschaftlichen Stützen. Am sichersten aber fühlt sich jeder Glaube, wenn er sich als Tugend behauptet und den Zweifel als Frevel brandmarken kann; das kann er wiederum am leichtesten mit gutem Gewissen tun, wenn der Gläubige den eigenen Zweifel als abscheulich und verwerflich erkennt und darum in seiner Seele getötet hat; oder doch in einem unablässigen, qualvollen Kampf mit ihnen lebt; wenn ihm also die Pflicht des Glaubens ebenso feststeht, wie "den Anderen". Für das  wissenschaftliche  Meinen und Glauben ist vor allem bezeichnend, daß es nur aus Gründen für wahr gehalten sein will; damit steht aber scheinbar in Widerspruch, daß es in sehr vielen Fällen ausdrücklich bedeutet "für wahr schein lich halten"; indessen eben das ist das Unterscheidende des kritisch-behutsamen wissenschaftlichen Urteils. Diese Behutsamkeit ist die allgemeine, darum ist der  Zweifel  oft die besondere Pflicht des wissenschaftlichen Menschen.

21. Kampf zwischen Glauben und Wissen. Wenn man von der subjektiven Seite absieht, so stellen sich sowohl alle Glaubensmeinungen, als auch alle wissenschaftlichen "Ansichten" als "Meinungen" dar, die wir auf ihre Gründe, also auf ihre Richtigkeit oder doch - wie später zu erörtern sein wird - auf ihre "Wahrscheinlichkeit" prüfen können. Wir können aber auch auf diese Prüfung verzichten, wenn wir lediglich ihren Widerstreit und Kampf ins Auge fassen.

Da tritt uns dann vor allem  ein  großer Kampf entgegen, der als Kampf zwischen Glauben und Wissen bezeichnet zu werden pflegt, richtiger Kampf zwischen Religion und Wissenschaft heißen sollte; weil diese die autoritativen sozialen Kräfte sind, welche die Meinungen der Menschen in sich enthalten und bestimmen.

Dieser Kampf ist in der Entwicklung der Kulturvölker von tiefgehender Bedeutung; eine Begleiterscheinung des Fortgangs von überwiegend ländlichen zu überwiegend städtischen Lebensformen, Sitten, Denkweisen; der großen Wandlung des sozialen Geistes von Gemeinschaft zu Gesellschaft.

Dieser Kampf ist auch ein Kampf zwischen weiblichem Gemüt und männlichem Verstand, zwischen Gefühl und Gedanken - dort die naive Deutung natürlicher Vorgänge durch die Beziehung auf übernatürliche Urheber, hier die kritische Untersuchung der natürlichen  Kräfte,  eine Feststellung der Regeln, denen sie unterworfen sind, also der Regelmäßigkeit, mit der sie sich ereignen, daraus erschlossener Notwendigkeit und "Gesetzmäßigkeit", dort vertrauensvolle Hinnahme überlieferter Berichte über wunderbare Erscheinungen, hier nüchterne Prüfung der Glaubwürdigkeit solcher Zeugnisse, der inneren Wahrscheinlichkeit berichteter angeblicher Tatsachen; ihre Messung an den wissenschaftlichen Begriffen der "Naturgesetze".

22. Streit zwischen Religion und Wissenschaft. Aber das reine und strenge wissenschaftliche Denken ist in allen bisherigen Erfanrungen nur als die Sache weniger, zumeist mit Mißfallen und Mißtrauen betrachteter Individuen aufgetreten. In die Wirklichkeit tritt der Kampf zwischen Religion und Wissenschaft vielmehr - wenigstens vorzugsweise - als ein Streit zwischen verschiedenen Religionsparteien, die also jedesmal beide an der Religion Anteil haben, aber auch beide an Wissenschaft teilhaben, so jedoch, daß die eine mehr und stärker das Wesen der Religion* zum Ausdruck bringt, die andere mehr in die  Richtung  der Wissenschaft deutet.

Hier liegt zugrunde, daß ein  bestimmter  religiöser Glaube zur sittlichen Pflicht gemacht worden ist, ja die Geltung eines Gesetzes erlangt hat, zumal wenn eine organisierte Körperschaft, eine "Kirche", ihn vertritt und deckt als den "rechten" Glauben, den nicht zu hegen als hassenswert und schandbar, nicht zu bekennen als verdächtig hingestellt wird, so daß es zum Verbrechen wird, Andersgläubigkeit öffentlich kundzugeben.

Je mehr aber dieses öffentliche Kundgeben das eigentlich Verbotene wird, umso mehr gewinnt auch das öffentliche Bekennen an Wert, und kann durchaus zur Hauptsache werden, so daß nicht sowohl erwartet wird, daß man einen gültigen - zum Gesetz erhobenen - Glauben  hege,  als daß man ihn "bekenne", d. h. ihn vertrete und verteidige oder wenigstens ihm nicht widerspreche. Diese Forderung richtet sich naturgemäß vorzugsweise an diejenigen Personen, die förmlich und amtlich dazu bestellt sind, gewisse Glaubensmeinungen geltend zu machen, in Geltung zu erhalten und zu schützen: die Priester einer religiösen Gemeinde oder Kirche.

23. Erlaubte und verbotene Meinungsäußerung. Das empirische * Staatsleben  ist erfüllt von religiösen Elementen und in höchst bedeutenden historischen Erscheinungen sind *Kirche und Staat*, oder, wie wir sachlich treffender sagen mögen, geistliche und weltliche Gewalt unlöslich ineinander verschlungen. Die weltliche Gewalt stützt sich auf die geistliche, weil auch sie geglaubt werden, weil sie ihren Halt in den Meinungen und Gesinnungen der Menschen gewinnen oder bewahren will. Darum scheint sie ins Schwanken zu geraten, wenn die Meinungen von der Religion, oder doch von dieser die weltliche Gewalt unterstützenden Religion abtrünnig werden, wenn der Zweifel wuchert oder gar der Unglaube vorherrschend wird. Aus diesem Grund pflegt von den Vertretern des Staates, oder doch der jeweiligen *Regierung, großer Wert darauf gelegt zu werden, daß solche gefährliche oder geradezu für verderblich gehaltene Meinungen, wenn sie einmal vorhanden sind (und oft von ihnen selber geteilt werden), doch so wenig als möglich offenbar werden, daß sie geheim bleiben. Wenn man die Meinungen selbst nicht unterdrücken kann, so will man doch ihre Äußerungen und damit ihre Verbreitung hemmen. Der praktische Staatsmann erkennt bald, daß Gedanken, also auch Meinungen und Glaubensvorstellungen, nicht erzwungen werden können, wenn man auch stark auf sie zu wirken, sie zu hemmen oder zu fördern vermag. In diesem Verstand gilt dann die Denkweise ihrem Wesen nach als "frei" ("Gedanken sind zollfrei"). Aber das Aussprechen von Gedanken und Ansichten, zumal das öffentliche, vollends also die bewußte planmäßige  Verbreitung  derselben (Propaganda, Agitation) - das sind freie Handlungen, die man mit Erfolg gebieten und verbieten kann. Und zwar ist die negative Wirkung, die Hemmung durch Verbote, immer diejenige, die am nächsten liegt, wo es sich darum handelt, vermeintlichen oder wirklichen Schädlichkeiten zu wehren. Und in Wahrheit ist eine öffentlich kundgegebene Meinung eine andere Sache als eine Meinung, die im Freundeskreis ausgesprochen, oder gar nur im stillen gehegt wird. Jene will wirken, will Eindruck machen, anerkannt werden, Beifall finden, sich durchsetzen und zur Geltung bringen. Sie ist eine Waffe, die mit mehr oder weniger Geschick und Erfolg geschwungen wird. Auch wenn die Meinung selber, die Ansicht, als etwas bloß Intellektuelles verstanden wird, und es bleibt, solange als sie unter Genosen - Fachgenossen, Berufsgenossen, Standesgenossen - mitgeteilt wird, so ist doch hinter ihr immer eine Gesinnung, eine bestimmte Art zu denken, ein Streben und Wollen, das daraus hervorgeht und zumeist um Teilnahme, ja um Kampfgenossenschaft wirbt; eben das ist nun bei anderen willkommen oder unwillkommen, es wird geliebt oder gehaßt, ist ihnen selten gleichgültig; wenn es nicht das "richtige", anerkannte, gute ist, so wird es im günstigsten Fall geduldet, d. h. im Grunde unwillig ertragen, so daß die Träger solcher Irrmeinungen irgendwie dafür büßen müssen, auch wenn man sie nicht unmittelbar unterdrücken kann oder will.

24. Aggregatzustände der Meinung. Als Aggregatzustände der Meinung, deren Begriff hier auch Glaubensmeinungen umfassen möge, verstehe ich das Maß, worin der Mensch, in seiner Ansicht oder Überzeugung, "mit sich einig" ist oder geworden ist; je vollkommener diese Übereinstimmung in seinem Gemüt, umso unerschütterlicher ist sein Glaube oder seine Meinung; je mangelhafter, umso unsicherer fühlt er sich, sein Glaube ist schwankend, er kämpft mit dem Zweifel, er glaubt, aber er betet zugleich "Herr, hilf meinem Unglauben". Er ist in Unruhe und Bewegung: wie man jenen Seelenzustand oft felsenfest nennt, so kann man diesen mit einem Fluß oder sogar mit dem Zustand der Gase vergleichen. Der Glaube befindet sich eher in jenem, die Meinung eher in diesem Zustand. Denn die Meinung gibt sich selber als ungewiß, ist oft mit dem Zweifel verbunden, verhehlt nicht ihre "Subjektivität". Der flüssige Zustand ist der vorherrschende im menschlichen Denken, denn er ist es, der dem  animalischen  Leben und seiner Bedingtheit durch die Tätigkeiten der Sinnesorgane am meisten entspricht, nämlich den *Bedürfnissen des täglichen Lebens, der Bewegung und Arbeit zu ihrer Befriedigung, der Mischung von sinnlichen Wahrnehmungen und auf Gedächtnis beruhenden Vorstellungen und Einbildungen, zugleich aber der  Gewohnheit  des Beharrens in den einmal befahrenen Geleisen der Denkungsart und der Bequemlichkeit des Vertrauens auf das Vorgesagte und Vorgeschriebene, des Nachahmens und Nachsprechens. Indem die Erregungen der Leidenschaft, des Strebens und Bedenkens, also des *Zweifels, daraus entweichen, geht dieser Zustand in den festen über, und wird als solcher ein Element des  vegetativen  Lebens, der Mensch ist erfüllt und durchdrungen von seiner Überzeugung, der Glaube ist ihm in Fleisch und Blut  ("in succum et sanguinem")  übergegangen, ist ganz und gar mit ihm "verwachsen", daher gibt er ihm etwas von der "Ruhe" und "Seligkeit" des pflanzlichen Lebens, wie sie auch an kleinen Kindern gepriesen wird, und der kindliche Glaube, die heilige Einfalt sollen diese in sich gesättigte Harmonie des Gemüts bezeichnen, die dem vegetatigen Wesen der Frau mehr als dem animalischen Wesen des Mannes gemäß ist. Auf der anderen Seite ist das, was den Menschen als Menschen heraushebt, die Mentalität, das eigene freie Denken und Philosophieren etwas, was mit dem Zweifel beginnt und auch oft endet; hier ist die sich selber als subjektiv gebende, vorsichtig tastende, erwägende und sich selbst bedingende  wissenschaftliche  Meinung, die, auf Kritik beruhend, nicht zum "Dogma" erstarren will, zuhause; sie kann allerdings "tropfbar flüssig" werden, d. h. eine Gestalt annehmen, in der sie in das Gefäß eines Systems gegossen zu werden taugt, sie kann sich endlich auch in eine feste Überzeugung verhärten und so wiederum dem selbstsicheren Glauben ähnlich werden; aber das ist ihrer Natur, d. h. dem Charakter, der sie auszeichnet, insofern zuwider, als der rechte  "Denker"  immer neuen Erfahrungen und neuen Gründen zugänglich bleiben will; dieser wird daher immer beflissen sein, seine Meinungen und Ansichten "im Fluß zu halten", er wird sich gegen den Dogmatismus wehren und nicht müde werden, auch seine "festgewurzelten Anschauungen" nachzuprüfen; wenn er sie von sich zu lösen vermag, so wird er sie auch "über Bord werfen", um "vorwärts" zu komen, denn daran ist ihm alles gelegen, wie dem Schiffer, der auf seinen bestimmten Hafen lossteuert.

25. Wille in der Meinung. Meinung ist auch insofern dem Wollen verwandt, als in diesem die gleichen Aggregatzustände unterscheidbar sind. Wir sprechen von festen Vorsätzen und Entschlüssen, schlechthin vom festen Willen, und wissen, daß hingegen das meiste Wollen lose und locker ist, daß zumeist die Menschen leicht "wankend" gemacht werden durch Verführung oder Bestechung, daß sie andererseits sehr oft schwanken und unstet hin und her flattern; die auf innere Entzweiung hinweisenden Ausdrücke (zweifeln,  dubitare)  werden vom Wollen wie vom Meinen gebraucht. In beidem ist es manchem Menschen immer, jedem zuweilen schwer, "mit sich einig zu werden". Diese innere Einmütigkeit und Festigkeit hat aber viele Grade, und je nach ihrer Stärke verschiedene Dauerhaftigkeit; sie kann sich in Eigensinn verhärten und jeder Widerlegung, jedem Rat, jedem Bedenken, jeder Warnung unzugänglich sein, aber in der Regel ist sie ein lockeres Gefüge, das durch Einflüsse jeder Art leicht zersetzbar ist. Von dieser flüchtigen, leicht beweglichen Art ist auch das Denken und Meinen, wie es dem künstlerischen Genius eigen ist, der die tiefe Anschauungsfähigkeit und Unmittelbarkeit des Weibes mit der männlichen Zwecksicherheit und Vernunftkraft in sich vereinigt. Hingegen bei der großen Menge überwiegt die Oberflächlichkeit des Denkens und die Erregbarkeit durch Gefühle und Leidenschaften, die  Stimmung,  wovon die sonst wenig begründeten Meinungen abhängig sind; diese wirbeln empor wie die Luftblasen in einem Kessel, der mit siedendem Wasser gefüllt ist.
LITERATUR: Ferdinand Tönnies, Kritik der öffentlichen Meinung, Berlin 1922