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Mauthner - Beschränkung der Sinne |
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Behindert durch Wahrnehmung
Einige Menschen in der Kulturgeschichte haben die Feststellung gemacht: daß es einen unüberwindlichen Unterschied gibt zwischen der Welt und unserer Erfahrung von ihr. Wir als menschliche Wesen wirken nicht direkt auf die Welt ein. Jeder von uns schafft sich eine Repräsentation der Welt in der wir leben - d.h. wir schaffen eine Landkarte oder ein Modell, welches wir für die Gestaltung unseres Verhaltens verwenden. Unsere Repräsentation von der Welt bestimmt weitgehend, wie unsere Erfahrung von der Welt sein wird, wie wir die Welt wahrnehmen werden, welche Wahlmöglichkeiten für unser Leben wir in der Welt sehen werden. "Man muß sich dabei daran erinnern, daß die ganze Vorstellungswelt in ihrer Gesamtheit nicht die Bestimmung hat, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein - es ist dies eine ganz unmögliche Aufgabe - sondern ein Instrument, um sich leichter in derselben zu orientieren. Wo die logische Funktion mit ihrer Tätigkeit eingreift, da verändert sie das Gegebene, und entfernt es von der Wirklichkeit. Wir können nicht einmal die elementaren Prozesse der Seele schildern, ohne auf Schritt und Tritt diesem - sollen wir sagen störenden oder nachhelfenden Faktor? - zu begegnen. Sobald die Empfindung in den Kreis der Psyche eingetreten ist, wird sie in den Wirbel der logischen Prozesse hineingezogen. Die Seele selbst verändert selbständig das Gegebene und Dargebotene. Bei dieser Veränderung ist zweierlei zu unterscheiden:
Erfahrung und Wahrnehmung als aktiver Prozess (neurologische Einschränkung) Betrachten wir die menschlichen rezeptorischen Systeme: Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen. Es gibt physikalische Phänomene, die außerhalb der Grenzen dieser fünf allgemein anerkannten sensorischen Kanäle liegen. So können z.B. Schallwellen unter 20 Schwingungen in der Sekunde bzw. über 20.000 Schwingungen in der Sekunde von Menschen nicht erkannt werden. Diese physikalischen Phänomene sind aber ihrer Struktur nach die gleichen wie die physikalischen Wellen, welche wir "Schall" nennen. Im visuellen System der Menschen können wir nur Wellenformen zwischen 380 und 680 Nanometer erkennen. Wellenformen über oder unter dieser Größenordnung sind durch die menschlichen Augen nicht wahrnehmbar. Wieder nehmen wir nur einen Teil eines kontinuierlichen physikalischen Phänomens wahr, wie das durch unsere bedingten neurologischen Einschränkungen vorgegeben ist. Die Grenzen unserer Wahrnehmung werden von allen Wissenschaflern klar erkannt, die Experimente mit der physikalischen Welt durchführen und dabei Apparate entwickeln, um diese Grenzen auszudehnen. Diese Instrumente erfassen Phänomene, die außerhalb der Reichweite unserer Sinne oder außerhalb unserer Unterscheidungsfähigkeit liegen, und sie stellen sie dar als Signale, die innerhalb unseres Sinnesbereichs liegen - Signale wie Fotografien, Druckmesser, Thermometer, Oszillographen, Geigerzähler und Alphawellendetektoren. Somit ist eine Art, in der sich unsere Modelle der Welt zwangsläufig von der Welt selbst unterscheiden werden, darin zu sehen, daß unser Nervensystem ganze Teile der realen Welt systematisch verzerrt und eliminiert. Dies hat sowohl den Effekt, daß der Umfang der möglichen menschlichen Erfahrung verringert wird, als auch, daß Unterschiede zwischen dem, was tatsächlich in der Welt vorgeht, und unserer Erfahrung davon entstehen. Unser Nervensystem stellt also einen ersten Filter dar, die die Welt (das Gebiet) von unserer Repräsentation der Welt (der Landkarte) unterscheiden. Durch ein Glas im unklaren Bild mit sozial verschriebenen Augengläsern (soziale Einschränkungen)
Damit ein biologisches Überleben möglich werde, muß der freie Geist durch das Reduktionsventil des Gehirns und Nervensystems durchgeschleust werden. Was am anderen Ende hervorkommt, ist ein spärliches Rinnsal der Art von Bewußtsein, die uns hilft, auf der Oberfläche dieses speziellen Planeten am Leben zu bleiben. Um die Inhalte des so eingeschränkten Bewußtseins zu formulieren und auszudrücken, hat der Mensch die Symbolsysteme und implizierten Philosophien, die wir Sprachen nennen, erfunden und endlos ausgestaltet. Jeder Mensch ist zugleich Nutznießer und Opfer der sprachlichen Tradition, in die er hineingeboren wurde - Nutznießer insofern, als die Sprache Zugang zu den angesammelten Dokumenten der Erfahrungen anderer Menschen gewährt; Opfer insofern, als sie ihn in dem Glauben, dieses reduzierte Bewußtsein sei das einzige Bewußtsein, bestärkt und seinen Wirklichkeitssinn verwirrt, so daß er nur allzu bereit ist, seine Begriffe für Tatsachen, seine Worte für wirkliche Dinge zu halten."(3) Der vielleicht am meisten anerkannte soziale Filter ist unser Sprachsystem. Innerhalb eines bestimmten Sprachsystems steht z.B. unser Erfahrungsreichtum mit der Anzahl der Unterscheidungen in irgendeinem Bereich unserer Wahrnehmung in Zusammenhang. Im Maidu, einer amerikanischen Indianersprache Nordkaliforniens, stehen nur drei Worte zur Beschreibung des Farbspektrums zur Verfügung. Sie unterteilen das Spektrum in "lak"(rot), "tit"(grün-blau) und "tuklak" (gelb-orangebraun). Während wir Menschen eigentlich bis zu 7500 Farbunterscheidungen in unserem sichtbaren Farbspektrum treffen können, gruppieren Menschen, deren Muttersprache Maidu ist, ihre Erfahrung gewöhnlich in drei Kategorien, die durch ihre Sprache geliefert werden. Diese drei Maidu-Farbbezeichnungen decken den gleichen Bereich der Sinneswahrnehmungen der realen Welt ab, wie die acht (spezifischen) Farbbezeichnungen der englischen Sprache. Das wesentliche ist hier, daß ein Mensch, der Maidu spricht, charakteristischerweise nur drei Kategorien der Farbempfindung kennt, während der Englischsprachige mehr Kategorien besitzt und damit mehr unterschiedliche Wahrnehmungen gewohnt ist. Im Gegensatz zu unseren neurologischen Einschränkungen sind aber jene, die durch die sozialen Filter eingeführt werden, relativ leicht zu überwinden. Wir sind fähig, mehr als eine Sprache zu sprechen, um unsere Erfahrung zu repräsentieren. Nehmen wir zum Beispiel den einfachen Satz: "Das Buch ist blau." Blau ist der Name, den wir in unserer Muttersprache zu benützen gelernt haben, um unsere Erfahrung eines bestimmten Teils des Kontinuums des sichtbaren Lichts zu beschreiben. Durch die Struktur unserer Sprache irregeführt, gelangen wir zu der Ansicht, daß "blau" eine Eigenschaft des Objekts sei, welches wir als Buch bezeichnen, statt es als einen Namen anzusehen, den wir unserer Empfindung gegeben haben.
Wer autorisiert aber das Denken dazu, zuerst "weiß" als Ding und dann "süß" als Eigenschaft anzusetzen? Was gibt jemandem das Recht, sogar beides als Eigenschaften anzusetzen und ein Ding hinzuzusetzen als ihren Träger? Weder in den Empfindungen selbst liegt dieses Recht, noch in dem, was wir als Wirklichkeit betrachten... Gegeben sind dem Bewußtsein nur Empfindungen; indem es ein Ding hinzudenkt, dem diese Empfindungen als Eigenschaften angehören sollen, begeht das Denken einen kolossalen Irrtum! es setzt die Empfindung, die doch nur ein Prozess ist, zu einer seienden Eigenschaft; es schreibt diese "Eigenschaft" einem "Dinge" zu, das entweder nur in dem Komplex der Empfindungen selbst besteht oder zu dem Empfundenen hinzugedacht wird... Wo ist denn das "Süß", das dem Zucker zugeschrieben wird? Es besteht ja nur in dem Empfindungsakt... Das Denken verändert nicht nur die unmittelbare Empfindung, es entfernt sich auch immer mehr von der Wirklichkeit, es verstrickt sich immer mehr in seinen eigenen Formen. Vermittels seiner "Einbildungskraft", um diesen unwissenschaftlichen Ausdruck zu gebrauchen, hat es sich ein Ding ersonnen, welches eine Eigenschaft haben soll. Jenes Ding ist eine Fiktion; jene Eigenschaft ist als solche eine Fiktion; das ganze Verhältnis ist eine Fiktion."(4) Im Fall der neurologischen Einschränkungen sind die Filter für alle Menschen dieselben - dies ist eine gemeinsame Grundlage der Erfahrung, die wir als Spezies teilen. Die sozialen Filter sind für alle Mitglieder einer sozial-sprachlichen Gemeinschaft dieselben, aber es gibt eine große Anzahl verschiedener, sprachlicher Gemeinschaften. Diese Gruppe von Filtern unterscheiden uns als Menschen untereinander. Unsere Erfahrungen unterscheiden sich hier grundlegender und bedingen drastischere Unterschiede in der Repräsentation der Welt. Die dritte Art der Einschränkungen, die individuellen Einschränkungen, sind der Grund für die weitreichendsten Unterschiede zwischen uns Menschen. Durch ein Glas im unklaren Bild mit individuell verschriebenen Augengläsern (individuelle Einschränkungen) Mit individuellen Einschränkungen meinen wir all diejenigen Repräsentationen, die wir als Menschen schaffen und die auf unserer einzigartigen persönlichen Geschichte beruhen. Jeder Mensch hat einen Erfahrungsschatz, der seine persönliche Geschichte darstellt und so einmalig ist, wie seine Fingerabdrücke. So wie jeder Mensch ganz bestimmte Fingerabdrücke hat, so hat auch jeder Mensch einzigartige Erfahrungen des Heranwachsens und Lebens, und keine zwei Lebensgeschichten werden jemals identisch sein. Obwohl sie auch Ähnlichkeiten haben mögen, sind zumindest einige Aspekte verschieden und bei jedem Menschen einmalig. Die Modelle oder Karten, die wir im Laufe des Lebens schaffen, basieren auf unseren individuellen Erfahrungen, und da einige Aspekte unserer Erfahrungen als Individuen einzigartig sind, sind auch einige Teile unseres Modells der Welt für jeden von uns einzigartig. Diese individuellen Arten, wie jeder von uns seine Welt repräsentiert, werden unsere ureigenen Interessen, Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen und Verhaltensregeln konstitutieren. Diese Unterschiede unserer Erfahrungen werden gewährleisten, daß jeder von uns ein Modell der Welt hat, das sich in irgendeiner Weise vom Modell der Welt jedes anderen unterscheidet. Zum Beispiel könnten zwei eineiige Zwillinge zusammen im selben Haus aufwachsen, mit denselben Eltern und fast identischen Erfahrungen, aber jeder könnte bei dem Erleben, wie die Eltern aufeinander und auf die übrige Familie eingehen, seine Erfahrungen unterschiedlich modellieren. Die eine Schwester würde vielleicht sagen: meine Eltern hatten sich nie sehr lieb, sie stritten ständig, und meine Zwillingsschwester war der Liebling - während die andere vielleicht sagen würde: meine Eltern mochten sich wirklich, sie besprachen alles ausgiebig und bevorzugten eigentlich meine Zwillingsschwester. So werden selbst im Grenzfall eineiiger Zwillinge ihre Erfahrungen als Menschen Unterschiede hervorrufen, wie sie ihre eigenen Modelle oder Wahrnehmungen der Welt schaffen. In Fällen, in denen sich unsere Diskussionen auf nichtverwandte Personen beziehen, werden die Unterschiede in den persönlichen Modellen größer und umfassender sein. Diese dritte Gruppe von Filtern, die individuellen Einschränkungen, bilden die Grundlage für die tiefen Unterschiede zwischen uns Menschen und wie wir Modelle der Welt schaffen. Diese Unterschiede in unseren Modellen können entweder unser soziales und individuelles Verhalten so verändern, daß unsere Erfahrung bereichert wird und sich uns mehr Wahlmöglichkeiten bieten, oder sie können unsere Erfahrung verkümmern lassen, so daß unsere Fähigkeit, effektiv zu handlen, eingeschränkt wird.
HANS VAIHINGER, Die Philosophie des Als Ob, 1924, Seite 290-91 ALFRED KORZYBSKI, Science and Sanity, 1958, Seite 58-60 ALDOUS HUXLEY, Die Pforten der Wahrnehmung, 1970, Seite 16 HANS VAIHINGER, Die Philosophie des Als Ob, 1924, Seite 300-304 |