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PAUL BARTH
Die Geschichte der Erziehung
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I - II - III - IV - V - VI

"Im Krieg gewann man Sklaven, auf deren Arbeit der Reichtum und die Muße der Vornehmen beruhten, die den Grundbesitz erst wertvoll machten. Darum war es durchaus notwendig, daß die Vorbereitung zum Krieg der wichtigste Teil der hellenischen Erziehung wurde."

"Der gefeiertste Mann war in der Blütezeit der hellenischen Republiken nicht der Dichter, noch der Denker, sondern der Sieger in den olympischen Wettkämpfen. Der Kämpfer, der im Laufen siegte, gab der Olympiade seinen Namen; die größten Dichter feierten ihn."

III.


In allen bisher betrachteten ständischen Gesellschaften fanden wir die Erziehung durch den herrschenden Stand bestimmt, der zugleich der wesentlichen Tätigkeit des Staates in seinem Sinne die Richtung gibt. Am deutlichsten tritt dies da hervor, wo wir die ausführlichsten Nachrichten haben, nämlich bei den Hellenen und unter ihnen wieder bei den Athenern und den Spartanern.

In Attika ist, wie schon oben kurz erwähnt wurde, durch SOLONs Gesetzgebung die ständische Gliederung der Gesellschaft, die sich wohl schon vorher gebildet hatte, auch äußerlich festgelegt worden.

E. MEYER meint von der solonischen Einteilung der attischen Bürgerschaft: "Die Grundlage dieser Gliederung bilden die militärischen Verhältnisse". (1) Ich glaube, man könnte sogar sagen: "Der wichtigste Zweck dieser Gliederung ist die Organisation des Heeres". Er spricht sich schon in der Benennung des zweiten Standes als "Reiter" deutlich aus, noch mehr in den Bestimmungen über die Wehrpflicht, die für jeden Stand gelten. Die ersten drei Stände dienten im Heer auf eigene Kosten, die Bürger des dritten Standes als Hopliten (Schwerbewaffnete), die des zweiten als Reiter, da sie reich genug waren, ein Pferd zu halten, die des ersten Standes wohl ebenfalls als Reiter oder als Befehlshaber. Die Bürger des vierten Standes hingegen dienten gegen Löhnung als Leichtbewaffnete (Bogenschützen oder Schleuderer) oder als Ruderkneckte auf den Schiffen. (2) Im Frieden sind die öffentlichen Pflichten und Rechte ebenso nach dem Vermögen verteilt. Aus dem ersten Stand allein können die 10 Archonten gewählt werden, die nach ihrer Amtseinführung Mitglieder des höchsten Gerichtshofes, des Aeropags werden, aus ihm allein auch die Verwalter des Staatsschatzes; die kleineren Ämter (z. B. die priesterlichen und polizeilichen) waren dem zweiten und dritten Stand zugänglich, desgleichen die Mitgliedschaft des Rates der Vierhundert (seit KLEISTHENES Fünfhundert), der vierte Stand hatte nur Stimmrecht in der Volksversammlung. Freilich erhielt auch der dritte Stand im Jahre 458 v. Chr. den Zutritt zum Archontat. (3) Und selbst der vierte Stand erlangte das Recht zur Bekleidung von Ämtern, das aber wohl immer nur theoretisch blieb, da ein besitzloser Bürger die Kosten nicht aufbringen konnte, um ohne Arbeit als unbesoldeter Ratsherr oder Beamter zu leben. So ist der athenische Ständestaat im Prinzip eine Demokratie, faktisch aber, selbst in seiner freiesten Zeit, eine Aristokratie der begüterten Bürger.

Außer den militärischen Lasten aber lagen auf den reicheren Bürgern noch die Liturgien, d. h. besondere Leistungen für besondere Zwecke, vor allem die Choregie, d. h. die Ausrüstung des Chores für die an den Dionysien aufzuführenden Tragödien und Komödien, die Trierarchie, die in Ausrüstung der Flotte bestand und manche andere. Dabei ist nie zu vergessen, daß keines der Ämter der antiken Republiken einen "Gehalt" einbrachte, also ebenfalls wirtschaftliche Opfer auferlegte, das damit verbundene Vorrecht des Regierens nur ein moralisches war.

Eine solche Gesellschaft, in der den staatlichen  Vorrechten  genau entsprechende  Vorpflichten  bestanden, darf man nicht als Klassengesellschaft im heutigen Sinne, sondern muß sie als "ständische Gesellschaft" bezeichnen. Denn der Stand ist ein staatsrechtliches Verhältnis, dessen Rechtsfolgen - wie es in den antiken Republiken der Fall war - gesetzlich festgelegt sind, die Klasse - wie unsere heutigen Vermögensklassen oder "Steuerklassen" - ein bloß faktisches Verhältnis, von dem die staatsbürgerliche Gleichheit nicht berührt wird. Die Stände der hellenischen Republiken aber sind nicht nach sozialer Arbeitsteilung geschieden, wie die Kasten der alten Inder, der Parsen und der übrigen asiatischen Völker. Darum kann die Erziehung der Kinder der einzelnen Stände nicht so verschieden sein wie bei den Asiaten. Vielmehr sind es die Leistungen für den Staat, nach denen die Abstufung geschieht. Diese Leistungen sind generell gleich, nur graduell verschieden. Die Erziehung wird darum, soweit sie vom Staat geleitet wird, gleich sein, nur, soweit sie der privaten Pflege überlassen ist, wird sie ständische Verschiedenheit zeigen.

Die wesentliche Beschäftigung dieser ständischen Gesellschaft der Hellenen war der Krieg. Nicht bloß mit den umwohnenden Völkern, sondern auch untereinander lagen die hellenischen Stämme fortwährend im Kampf. Im Krieg gewann man Sklaven, auf deren Arbeit der Reichtum und die Muße der Vornehmen beruhten, die den Grundbesitz erst wertvoll machten. Darum war es durchaus notwendig, daß die Vorbereitung zum Krieg der wichtigste Teil der hellenischen Erziehung wurde. Ihr diente die Gymnastik der Jugend, die bei allen hellenischen Stämmen von Staats wegen organisiert war. Sie wurde teils in Gymnasien gelehrt, d. h. in bedachten Gebäuden, teils auf Palästren, d. h. freien Spielplätzen. Beide waren Eigentum des Staates. Der Paidonomos hatte in Sparta die Gymnastik zu überwachen, der Gymnasiarch in Athen für die Unterhaltung und die zweckmäßige Ausstattung der Gymnasien zu sorgen. Was in Sparta dem Paidonomos oblag, die innere Aufsicht, hatten in Athen die Sophronisten, deren jährlich 10 gewählt wurden, zu besorgen. Die vom Staat besoldeten Lehrer waren in Athen der Pädotribe für die jüngeren, der Aleiptes wohl für die älteren Kinder. (4)

Die Ziele der Gymnastik waren die strenge Zucht, die zum Krieg nötig ist und die Summe der für den Krieg erforderlichen Fertigkeiten. Die Gewöhnung zur Zucht wurde durch die strenge Disziplin bewirkt, die der Turnlehrer ausübte. Die für den Krieg erforderlichen Fertigkeiten sind diejenigen, die den bekannten hellenischen Fünfkampf bilden: Springen, Laufen, Diskuswerfen, Speerwerfen, Ringen. Sie sind nicht Übungen des eigentlichen Kampfes, die wohl der Ephebenzeit [Nachpubertät, wp] vorbehalten waren, aber Vorbedingungen dazu. Das Springen wurde wesentlich als Weitsprung mit Hanteln geübt, (5) also diejenige Art, die im Krieg zur Überwindung von Hindernissen, z. B. von Gräben und Bächen, sehr nützlich war. Die zweite Übung, das Laufen, war für die Kriegstüchtigkeit grundlegend. "Schnelligkeit des Ansturms und des Rückzugs wie Rastlosigkeit der Verfolgung konnten von der entscheidensten Bedeutung sein." (6) Die Athener siegten bei Marathon hauptsächlich dadurch, daß sie im Laufschritt die marathonische Ebene durchquerten und die Perser überflügelt wurden. (7) Bei den olympischen Wettkämpfen nahm der Wettlauf die erste Stelle ein und zu den berühmtesten Werken der Erzbildners MYRON gehörte die olympische Statue des spartanischen Läufers LADOS (8). Und der Lauf in der Rüstung, der seit der 65. Olympiade, etwa seit 520 v. Chr. geübt wurde, war eine direkte Vorübung des Laufes beim Angriff. (9)

Das Ringen war ebenfalls eine Übung des Kampfes. "Die Thebaner, die eine eigentümliche Methode im Ringen hatten, siegten bei Leuktra eben als geschickte Ringer." (10) Nicht minder das Werfen des Speeres, mit dem der Kampf meist eröffnet wurde, das immer mit der geschickten Handhabung des Schildes verbunden wurde. (11) Der Diskus war ursprünglich, in der homerischen Zeit, ein einfacher Feldstein, der als Waffe geschleudert wurde (12), wie die aus Eisen gemachte, linsenförmige Scheibe. Später erhielt auch der Diskus die Gestalt einer solchen Scheibe und blieb ein wichtiges Gerät der Gymnastik, selbst nachdem sein Gebrauch im Krieg im allgemeinen aufgehört hatte. Besonders in Sparta wurde er viel gebraucht, da die Spartaner, wie zu HOMERs Zeiten, im Krieg noch Steine schleuderten. Alle diese Übungen waren auf den männlichen Teil der Jugend beschränkt, in Sparta allein nahmen die Mädchen daran Teil, weil sie nach den dortigen Geseten zur Verteidigung der Stadt im Notfall die Waffen zu ergreifen hatten. (13)

Die öffentliche Erziehung dauerte in Sparta vom 7. bis zum vollendeten 18. Jahr. Vom 18. bis zum 30. Jahr hießen die Jünglinge "Epheben". Sie wurden nun zu militärischen Diensten verwendet. So wurden aus ihnen die drei Scharen genommen, die den Königen im Krieg zur Bedeckung dienten. (14) Der junge Athener trat mit vollendetem 17. Jahr in den Rang des "Epheben". Die Ephebie dauerte für ihn zwei Jahre. Das erste Jahr war noch der Gymnastik gewidmet, das zweite wurde durch Marschübungen im Lande und durch Garnisonsdienst in den Grenzfestungen zugebracht. (15) Und wie der im Fünfkampf Tüchtige der tüchtigste Krieger, als der tüchtigste Bürger  war,  so  galt  er auch dafür in der öffentlichen Meinung. Der gefeiertste Mann war in der Blütezeit der hellenischen Republiken nicht der Dichter, noch der Denker, sondern der Sieger in den olympischen Wettkämpfen. "Der Kämpfer, der im Laufen siegte, gab der Olympiade seinen Namen; die größten Dichter feierten ihn. Der berühmteste Lyriker des Altertums hat nur die Wagenrennen besungen. Wenn der siegreiche Kämpfer in seine Vaterstadt zurückkam, wurde er im Triumpf empfangen; seine Kraft und Gewandtheit wurden der Ruhm der Stadt.

Man erzählt, daß ein gewisser DIAGORAS, als seine zwei Söhne an  einem  Tag den Kranz empfangen hatten, von ihnen im Triumph vor die Zuschauer getragen wurde und das Volk, das ein solches Glück für einen Sterblichen zu groß fand, ihm zurief: "Stirb, DIAGORAS; denn ein Gott kannst du ja doch nicht werden." In der Tat starb DIAGORAS, von der Aufregung erstickt, in den Armen seiner Söhne. In seinen Augen, in den Augen der Griechen war es der Gipfel der irdischen Glückseligkeit, zu sehen, daß seine Kinder die stärksten Fäuste und die behendesten Beine Griechenlands hatten." (16) TAINE hätte zu diesen Worten noch hinzufügen können, daß der Sieger in einem der großen nationalen Wettkämpfe das Recht auf eine Statue in seiner Vaterstadt hatte.

Aber der Krieg ist nicht die einzige wichtige Aufgabe des antiken Staates; nicht minder wichtig war die Verehrung der Götter. Im athenischen Ephebeneid werden schon im ersten Satz die "Heiligtümer" als das erste genannt, wofür der Ephebe zu kämpfen gelobt. "Ich will diese heiligen Waffen, - so schwört der Ephebe - niemals schänden, noch meinen Nebenmann in der Reihe verlassen, sondern kämpfen für die Heiligtümer und für das Göttergut sowohl allein als mit anderen". (17) Und zum Schluß heißt es: "Und ich will die vaterländische Religion in Ehren halten; meine Zeugen seien die Götter AGRAULOS, ENYALIOS, ARES, ZEUS, THALLO, AUXO, HEGEMONE".

So mußte der Staat die Vorbildung zum Gottesdienst nicht minder für seine Aufgabe halten, als die Gymnastik. In der Regel wird dieser zweite Teil der Bildung musische Bildung genannt. Ihren Inhalt empfängt sie durchaus aus einem praktischen Zweck. Es gehört zunächst dazu die Orchestik, d. h. die Kunst des Reigentanzes, der vor dem Altar des Gottes bei feierlichen Gelegenheiten aufgeführt wurde. Diesen Tanz einzuüben war Sache des priesterlichen Beamten, der die Feier leitete. Hymnen, die einen solchen Reigen begleiteten, wurden wohl ebenfalls vom Priester eingeübt. In Athen hatte dieser Beamte zugleich die Kosten der Ausstattung des Chors zu tragen. In Sparta und in Kreta kam zur Einübung der religiösen Reigen noch die des Waffentanzes, den PLATO aber mit Recht zur Vorbereitung für den Krieg, also mehr zur Gymnastik als zur musischen Bildung rechnet. (18)

Zur "Musik" gehören außer dem Tanz noch Gesang und die von uns sogenannte Musik. Sie ist vom Gesang untrennbar, da die Griechen Musik ohne Text gering schätzten. Eine wortlose Musik erscheint bei ihnen erst in viel späteren Zeiten.

Die Musik in diesem Sinn war ebenfalls in einigen Staaten ein staatlich organisiertes Unterrichtsfach. So in sämtlichen Staaten der Arkadier, mit Ausnahme der Kynäthier, die weder privatim noch öffentlich Musik lehrten, deren Unsittlichkeit, nach der Meinung der Hellenen, auf diesem Mangel beruhte. Ferner war in Theben das Flötenspiel vom Gesetzgeber als Unterrichtsfach vorgeschrieben, wurde also wahrscheinlich von Staats wegen gelehrt. In den übrigen Staaten scheint man die Ausbildung im Singen und in der begleitenden Musik dem Privatunterricht überlassen zu haben. Man konnte das umso mehr, da die öffentliche Meinung die Musik für unentbehrlich hielt. Wie hoch sie von den Hellenen geschätzt wurde, beweisen außer der oben erwähnten Verachtung der Kynäthier die Sagen von ORPHEUS, der durch seinen Gesang Bäume und Felsen bewegte und den Hades erweichte, von AMPHION, der seiner Musik die Steine so folgen ließ, daß sie die Mauern Thebens bildeten, die Erzählungen von TYRTÄUS, der die Spartaner durch seine Kriegslieder zum Sieg fortriss, von THALETAS, der durch seinen Gesang Sparta von bürgerlichen Unruhen und von einer Pest befreite. Eine Veränderung der musikalischen Tonarten muß nach PLATO notwendig eine Umwälzung der Verfassung zur Folge haben und nach allgemeiner Tradition waren die dorischen Kolonien Siziliens gesunken, weil eine weichliche Tonart bei ihnen herrschend geworden war. Das hellenische nationale Instrument war die Kithara, nur in Theben wurde die Flöte allgemein gespielt. In den übrigen Staaten galt dieselbe als asiatisch, was sich in den Sagen von APOLLO, dem Spieler der Kithare und von MARSYAS, dem Flötenspieler und ihrem Wettstreit, auch im Mythos von ATHENE ausspricht, die die Flöte wegwarf, als sie beim Spiel derselben ihr Bild im Bach betrachtet hatte.

Zur Musik im hellenischen Sinn gehört aber außer Tanz, Gesang und Saitenspiel noch die Kenntnis der Werke der nationalen Dichter. Sie wurden in Sparta gewiß durch Beamte eingeprägt, da ja die ganze Erziehung öffentlich war. (19) Das Interesse, das der Staat daran hatte, war darin begründet, daß die großen Dichter zugleich die Religions- und Sittenlehrer des Volkes waren. Doch überließen die übrigen Staaten diesen Unterrichtszweig wie andere Teile der Musik dem privaten Betrieb. Am meisten wurde HOMER auswendig gelernt. NIKERATOS z. B. erzählt in XENOPHONs "Gastmahl", daß er als Kind von seinem Vater alle Gesänge HOMERs zu lernen gezwungen worden sei und noch jetzt, im Alter, die ganze Jlias und Odyssee auswendig hersagen kann. (20) Außer HOMER waren HESIOD, AESOP und SIMONIDES die für die Erziehung gebräuchlichsten Dichter. (21)

Während so die gymnastische Bildung ganz, die musische wenigstens teilweise bei den hellenischen Völkern von Staats wegen organisiert erscheint, finden wir nichts dergleichen in Bezug auf die Elementarbildung: Lesen, Schreiben, Rechnen. Das erklärt sich für das Lesen und Schreiben aus der Unmittelbarkeit und Mündlichkeit des antiken Verkehrs. Das Staatsleben spielt sich in mündlichen Verhandlungen, im Rat und in der Volksversammlung ab, fremde Staaten senden nicht Briefe, sondern schicken ihre Gesandten, die ihr Anliegen mündlich vortragen. Desgleichen ist jede Gerichtsverhandlung mündlich. Das Rechnen ist ebenfalls für die meisten Bürger entbehrlich, denn Großhandel und Kleinhandel beschäftigen nur einen geringen Teil; die antiken Staaten sind keine Handelsstaaten etwa im Sinne der deutschen Hansestädte. (22) Die Selbstständigkeit des Oikos, der alles in seiner Wirtschaft erzeugt und verbraucht, hat sehr lange angedauert und ausgedehnte Naturalwirtschaft zur Folge gehabt. Darum ist der Elementarunterricht durchaus Privatsache. Die Lehrer des Lesens und Schreibens waren private Unternehmer, die in ihrer Schule gegen Lohn möglichst viele Kinder unterrichteten. Wie jede Lohnarbeit, war ihre Tätigkeit wenig angesehen, zumals sich viele Freigelassene unter ihnen befanden. Nach dem unglücklichen Ausgang des sizilianischen Feldzuges war es in Athen gebräuchlich, auf die Frage nach dem Schicksal eines nicht wiedergekehrten Bürgers zu antworten: "Er ist gestorben oder Schulmeister". (23) Bekannt ist, daß DIONYS, der Alleinherrscher von Syrakus, nach seiner Vertreibung in Korinth eine solche Schule eröffnete. Die Reicheren hielten sehr früh ihren Kindern einen Sklaven als Elementarlehrer. Da das Rechnen als gebräuchliches Unterrichtsfach genannt (24), nirgends aber ein besonderer Rechenlehrerstand erwähnt wird, so muß es ebenfalls in des Grammatiklehrers gelegen haben.

Alle die bisher beschriebenen Teile der Erziehung, die gymnastische und musische Unterweisung und der Unterricht in den Elementarfächern waren mit harter Zucht verbunden. Wer das antike Leben für leicht und bequem hält, der irrt sehr. Es ist nicht viel Übertreibung enthalten in den Versen, in denen der Komödiendichter ANTIPHANES noch in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. einen athenischen Bürger klagen läßt: "Wer, als Mensch geboren, glaubt, daß ihm irgendein Besitz sicher sei, hat weit gefehlt. Die Steuer raubt ihm seines Hauses Gut oder ein Prozeß vernichtet ihn; oder als Feldherr hat er Unglück und zahlt Buße noch dazu, oder als Chorege muß er goldene Mäntel kaufen für den Chor, selbst aber Lumpen tragen. Oder die Trierarchie erwürgt ihn oder als Matrose fällt er in Gefangenschaft" (25). Am wenigsten bequem aber war das Leben der Jugend. Die Eltern, die Turnlehrer aller Stufen, die Kitharisten und Elementarlehrer, alle hatten das Recht und die Gewohnheit, den Knaben zu schlagen. Nicht umsonst trugen die Erziehungsbehörden als Zeichen ihrer Würde einen Stab, nicht umsonst wird der Pädotribe immer mit Rute, Geissel oder Stock abgebildet. (26) Im dritten Jahrhundert v. Chr. noch, in einer Zeit, in der die alte Strenge schon wesentlich nachgelassen hatte, gibt der Kyniker TELES, allerdings mit der Tendenz, möglichst grau in grau zu malen, folgende Schilderung vom Leben der griechischen Jugend (27): "Ist der Knabe der Wärterin entschlüpft, dann befaßt sich mit ihm der Pädagoge, der Pädotribe, der Elementarlehrer, der Musik- und Zeichenlehrer. Mit der Zeit gesellt sich dazu noch der Rechen- und Messkünstler und der Pferdebereiter. Am frühesten Morgen steht er vom Lage auf, niemals hat er eine freie Stunde. Er ist kaum Ephebe, abermals fürchtet er sich, jetzt vor dem Kosmeten, dem Pädotriben, dem Fechtmeister, dem Gymnasiarchen; von allen diesen wird er gezüchtigt, überwacht, schikaniert. Ist er dann über die Ephebenzeit hinaus und bereits 20 Jahre alt, hat er noch immer Furcht und hütet sich wohl vor dem Gymnasiarchen und dem Strategen. Heißt es irgendwo Posten stehen, so steht er dort; oder eine scharfe Nachtwache halten, so hält er sie; oder die Schiffe bemannen, er geht auf die See".
LITERATUR - Paul Barth, Die Geschichte der Erziehung in soziologischer Beleuchtung, Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 28, Leipzig 1904
    Anmerkungen
    1) E. MEYER, Geschichte des Altertums II, Stuttgart 1893, Seite 653
    2) Vgl. E. MEYER, a. a. O.
    3) Vgl. G. BUSOLT, die griechischen Staats- und Rechtsaltertümer, 2. Auflage, München, 1892, Seite 169
    4) FR. CRAMER, Geschichte der Erziehung und des Unterrichts im Altertum I, Elberfeld, 1832, Seite 181f und 288f
    5) Vgl. KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 209
    6) KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 204
    7) Vgl. E. Meyer, Geschichte des Altertums III, Stuttgart 1901, Seite 331
    8) KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 205
    9) KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 206
    10) KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 208
    11) KARL ADOLF SCHMID, Geschichte der Erziehung I, Stuttgart 1884, Seite 210f
    12) Jlias IV, 518
    13) CRAMER, a. a. O. Seite 173
    14) CRAMER, a. a. O. Seite 189
    15) Vgl. J. H. USSING, Erziehung und Jugendunterricht bei den Griechen und Römern, Berlin 1885, Seite 141
    16) HYPPOLYTE TAINE, Philosophie de l'art I, Paris 1885, Seite 80
    17) Vgl. LORENZ GRASBERGER, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum III, Würzburg 1881, Seite 29f, übersetzt "Gemeingut". Da es aber auch weltliches Gemeingut gibt, halte ich "Göttergut" für richtiger.
    18) Grasberger, a. a. O. Seite 393 und PLATO, Gesetze VII, 815 A. CRAMER, a. a. O. I, Seite 218
    19) Vgl. GRASBERGER II, Seite 289
    20) Grasberger II, a. a. O. Seite 286
    21) CRAMER I, a. a. O. Seite 282f, GRASBERGER II, Seite 294f
    22) Die Bedeutung, die Handel und Verkehr im klassischen Altertum hatten, wird meist sehr überschätzt. Vgl. K. BÜCHER, Die Entstehung der Volkswirtschaft, 2. Auflage, Tübingen, 1898, Seite 65f
    23) GRASBERGER II, Seite 172
    24) GRASBERGER II, 323f
    25) Aus ATHENÄUS III, K. 62 (103E) zitiert bei K. F. HERMANN, Gesammelte Abhandlungen, Göttingen 1849, Seite 156
    26) GRASBERGER II, Seite 100
    27) angeführt bei GRASBERGER II, Seite 99