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PAUL BARTH
Die Geschichte der Erziehung
[8/12]

I - II - III - IV - V - VI

"Von den philosophischen Schulen hat sich am meisten die Stoa mit der Erziehung beschäftigt. Und es ist wohl zum Teil eine Folge seiner Prinzipien, der Mißachtung der äußeren Güter, zu denen auch Gesundheit und Schönheit gehören, zum Teil aber ein Reflex der umgebenden Wirklichkeit, daß Zeno die Gymnastik verwarf. Aber auch die  enzyklopädischen  Wissenschaften verwarf er, nur die Philosophie ließ er gelten und diese nur, soweit sie das sittliche Leben zum Gegenstand hatte."

"Die Kindheit sogleich lassen wir durch Genüsse erschlaffen. Jene weichliche Erziehung, die wir Nachsicht nennen, bricht alle Kräfte des Geistes und des Körpers. Wir bilden eher den Gaumen als den Charakter. Unsere Dirnen, unsere Buhlknaben sehen sie, jedes Gelage ist begleitet von unzüchtigen Gesängen und läßt wahrnehmen, was man sich zu sagen schämt. Daraus entsteht erst Gewöhnung, dann zweite Natur."

IV.
[ Fortsetzung ]

Die zweite Wissenschaft, die den neuen Bildungsinhalt ausmachte, ist die theoretische Rhetorik. Die Redekunst war in den hellenischen Republiken von ganz anderer Bedeutung, als in den ständischen Königreichen des Orients. Vor Gericht hatten Ankläger und Angeklagter oder dessen Verteidiger ihre Gründe zu entwickeln und auf die Geschworenen zu wirken. In der Volksversammlung mußte jeder Staatsmann seine Redekunst anwenden, um das Volk für seine Absichten zu gewinnen. So traten frühe Lehrer der Redekunst auf, zuerst KORAX und TISIAS ins Sizilien, dann die Sophisten des V. Jahrhunderts v. Chr., vor allem GORGIAS aus Leontinol. Aber sie alle lehrten die praktische Redekunst, wie sie zu politischen und zu Gerichtsreden brauchbar war. Erst ISOKRATES, ein Zeitgenosse des ARISTOTELES, lehrte die "Prunkrede" d. h. die Rede, die nicht vor der Volksversammlung noch vor Gericht vorgetragen werden sollte, sondern ersonnen war, um über eine Wahrheit in schönen, wohlgefügten Sätzen sich zu ergehen oder eine Rede, die einer historischen Persönlichkeit in einer historischen Persönlichkeit in einer gegebenen Lage in den Mund gelegt wurde. Bisweilen wurde auch ein Prozeß fingiert und nach Art der Gerichtsreden verhandelt. Als die hellenische Freiheit dahin war, traten solche Prunkreden anstelle der politischen Reden, an denen früher das Volk Genuß und Erholung gefunden hatte. Inbesondere in den Städten, die kein Theater hatten, gehörte es zur Unterhaltung, öfter den Vortrag eines Redners zu hören. Seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. nahmen diese reisenden Rhetoren den Namen "Sophisten" wieder an, den die Rhetoren des 5. Jahrhunderts zum Unterschied von den Philosophen getragen hatten. Und in der Weise solcher Redner zu sprechen galt allein als gebildet. Darum wurde es seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. allgemeine Sitte nach dem Grammatiker einen Rhetor zu hören. Es werden seitdem immer mehr Lehrbücher der Rhetorik geschrieben, in denen die "Redefiguren" gelehrt, auch Dispositionen und Musterbeispiele und Vorschriften über den Vortrag gegeben werden.

Wer nach den Vorlesungen des Grammatikers und des Rhetors noch weiter lernen wollte, der hörte dann meist einen Philosophen. Während aber Rhetoren und Grammatiker in allen größeren Städten lehrten, konzentrierte sich der philosophische Unterricht in Athen, neben dem nur sehr vorübergehend Rhodus ein philosophischer Lehrplatz gewesen ist. Es gab in Athen vier philosophische Schulen: die der Platoniker, der Aristoteliker, der Epikureer und der Stoiker, die den lernbegierigen Jünglingen offen standen. (1) Diese drei Fächer bildeten wohl um das Jahr 300 v. Chr. den Begriff der enkyklios paideaia [alltägliche Lehre, wp], der damals aufkam. (2) Es bedeutete dieses neue Wort sicher nichts weiter, als die zum geselligen Kreis, zur geselligen Unterhaltung notwendige Bildung, wenngleich es schon im Altertum dahin mißverstanden wurde, daß jener Kreis kein geselliger, sondern ein orbis doctrinae (3), ein geschlossener Ring von Wissenschaften ist, ein notwendiges Ganzes von wissenschaftlichen Fächern, wie mit einem ganz ähnlichen Bild BACON später vom globus intellectualis, der wissenschaftlichen Weltkugel sprach. In der Zeit des Hellenismus erweiterte sich dann dieser Begriff dahin, daß alle die Wissenschaften hinzugerechnet wurden, die PLATO im "Staat" noch außer der Philosophie den Jünglingen des herrschenden Standes gelehrt wissen will, nämlich Arithmetik und Geometrie, theoretische Musik und Astronomie, 4 Fächer, die bei PYTHAGORAS und wohl auch noch bei PLATO zur Philosophie gehört hatten, die aber von ihr getrennt wurden, je allgemeiner man mit XENOKRATES, PLATOs Schüler, bloß drei Teile der Philosophie, Physik, Logik, Ethik annahm. Aber wie man auch den Begriff der enkyklios paideaia [alltägliche Lehre, wp] auch faßte, im engeren oder im weiteren Sinne, er war dem früheren Begriff der Bildung entgegengesetzt, der die Gymnastik und die Musik und zwar die letzte nicht als theoretische, sondern als ausgeübte Musik, Tanz, Gesang und Dichtkunst umfaßte. Und während ARISTOTELES (4) von seiner Zeit ausdrücklich sagt: "Es sind 4 Fächer, in denen man zu unterweisen pflegt: die Buchstaben (Lesen und Schreiben), die Gymnastik und die Musik, wozu einige als viertes Fach noch das Zeichnen hinzufügen", sagte etwa ein Jahrhundert später, wo es sich um Wert und Unwert der Bildung überhaupt handelte, der Stoiker CHRYSIPPUS: "daß die enzyklopädischen Wissenschaften nützlich seien." (5) Es ist zugleich bemerkenswert, daß die alte, hellenische Erziehung nur auf Fertigkeiten ausging, - denn die Fächer, die ARISTOTELES aufzählt, sind Fertigkeiten - die neue, hellenistische dagegen auch auf Kenntnisse. Denn Grammatik (d. h. Sprache und Literatur und ihre Geschichte), Arithmetik, die über das "Rechnen" hinausgeht, Geometrie, theoretische Musik und Astronomie sind wesentlich Kenntnisse. Auch hierin zeigt sich ein Fortschritt der Kultur. Rein theoretisches Wissen, von dem eine  unmittelbare  Anwendung möglich ist, erscheint jetzt trotzdem wertvoll. Und ein weiterer Gegensatz zu PLATOs und ARISTOTELES' aus der  hellenischen  Bildung darin, daß diese letzte ein Fach als wesentlichen Bestandteil enthält, nämlich die Rheotorik, das PLATO und ARISTOTELES ihr ganzes Leben lang bekämpft haben.

Grammatik und Rhetorik waren also nach allem, was wir gesehen haben, die Grundlagen der "höheren" Bildung, d. h. der Bildung der herrschenden Klassen. Und sie müssen demgemäß in den hellenischen Städten eine öffentliche Organisation erhalten haben, die Grammatiker und Rhetoren müssen öffentliche Beamte geworden sein. Wann das geschehen ist, wissen wir nicht; jedenfalls finden wir im 2. Jahrhundert n. Chr. die Organisation als eine vielleicht seit langer Zeit bestehende Einrichtung. Wir erfahren nämlich, daß der Kaiser ANTONIUS PIUS in einem besonderen Edikt (6) den Ärzten, den Rhetoren (die auch, wie oben erwähnt, in jener Zeit Sophisten genannt werden) und den Grammatikern Immunität, d. h. Freiheit von allen staatlichen Abgaben und Leistungen, sogar von Vormundschaft über Kinder und Entmündigte, verleiht und für die kleinen Städte einen Gerichtshof haben, auf 7 Ärzte, 4 Rhetoren und 4 Grammatiker und für die Hauptstädte der Provinzen auf 10 Ärzte, 5 Rhetoren und 5 Grammatiker ausdehnt. Die lehrenden Philosophen will der Kaiser bezüglich der Zahl nincht beschränken, weil die Philosophen selten sind. (7) Direkt geht aus diesem Edikt nur die Häufigkeit und Allgemeinheit des grammatischen und des rhetorischen Unterrichts hervor, aus Nebenbemerkungen aber läßt sich schließen, daß die Rhetoren und Grammatiker teilweise mindestens von ihrer Stadt besoldet wurden. Und die römischen Kaiser befolgten die Tendenz, die Lehrer immer mehr zu besoldeten Beamten zu machen. Von HADRIAN sagt ein Biograph: "Wie sehr er auch geneigt war, Musiker, Tragiker, Komiker, Grammatiker und Rhetoren zu kritisieren, so hat er doch alle Lehrer geehrt und reich gemacht." (8) Von ANTONIUS PIUS heißt es, daß er den Rhetoren und Philosophen in allen Provinzen Ehren und Gehalt gewährte (9); einen besonderen Fall seiner Fürsorge haben wir aus seinem Edikt kennengelernt. Und MARK AUREL, der Stoiker, sorgte im Jahre 176 n. Chr. für die athenischen Philosophenschulen, die bis dahin nur durch eigenes Vermögen und durch die Beiträge der Schüler erhalten worden waren. Er bestimmte für je zwei Lehrer der vier vorhandenen Schulen einen festen Gehalt, wozu er noch die Mittel für 2 Lehrer der Beredtsamkeit hinzufügte. (10)

Für den Elementarunterricht gibt es eine öffentliche Organisation ebensowenig, wie früher. (11) Und es konnte nicht anders sein, da ja die oben erwähnten Ursachen dieses Mangels keineswegs aufgehört hatten.

Wie die hellenische Erziehung sich in den Theorien PLATOs und ARISTOTELES', denen sie zugrunde liegt, spiegelt, so auch die hellenistische in den theoretischen Schriften des späteren Griechentums. Von den philosophischen Schulen hat sich am meisten die Stoa mit der Erziehung beschäftigt. Und es ist wohl zum Teil eine Folge seiner Prinzipien, der Mißachtung der äußeren Güter, zu denen auch Gesundheit und Schönheit gehören, zum Teil aber ein Reflex der umgebenden Wirklichkeit, daß ZENO die Gymnastik verwarf. (12) Aber auch die "enzyklopädischen" Wissenschaften verwarf er, nur die Philosophie ließ er gelten und diese nur, soweit sie das sittliche Leben zum Gegenstand hatte. Der alexandrinische Jude PHILO, ein Zeitgenosse CHRISTI, empfiehlt die enzyklopädische Bildung (13), die Gymnastik ist ihm wertlos, da er den Körper als Hemmnis des Geistes verachtet. Am genauesten geben die hellenistische Bildung wohl zwei dem PLUTARCH zugeschriebene Schriften wieder: "Von der Erziehung der Kinder" und "Über die Lesung der Dichter durch Jünglinge", die, wenn sie PLUTARCH selbst nicht zum Verfasser haben, doch dem 1. Jahrhundert n. Chr. angehören. Die Gymnastik schreibt der Verfasser nur den Kindern der Reichen vor, für die Armen wagt er sie nur zu wünschen, ohne eigentliche Hoffnung auf ihre Möglichkeit. Daraus geht hervor, daß die Gymnastik im 1. Jahrhundert n. Chr. eine reine Privatsache, nicht mehr Staatssache ist. (14) Von den "enzyklopädischen Wissenschaften" aber sagt er, daß ein freigeborener Knabe keine derselben vernachlässigen darf. (15) Der Grammatik hat er ja die zweite der genannten Schriften noch besonders gewidmet, da die Lektüre der Dichter zur "Grammatik" gehört. Er empfiehlt dem Lehrer die bei den Dichtern häufigen unsittlichen Aussprüche der Kritik zu unterwerfen, ihnen die entgegengesetzten, die sich bei denselben Dichtern oft finden, entgegenzuhalten und so den Jüngling auf das Studium der Philosophie vorzubereiten. (16) Diese schreibt er vor mit besonderem Ernst zu treiben, da sie für die Krankheiten und Leiden der Seele das einzige Heilmittel ist. (17) Und wie hoch PLUTARCH die Rhetorik schätzt, geht aus seiner Behauptung hervor, daß nur unnützes Geschwätz hervorgebracht werde, wenn man junge Leute aus dem Stegreif reden läßt. (18) Die anderen enzyklopädischen Wissenschaften erwähnt PLUTARCH nicht. Es scheint, daß Grammatik, Rhetorik und Philosophie die wichtigsten waren, neben denen die anderen zurücktraten.

Was die sittliche Erziehung betrifft, so zeigt sich bei PLUTARCH der Fortschritt in der Zivilisation, den wir oben im Hellenismus überhaupt feststellten. Während ARISTOTELES (19) für gewisse Fälle empfiehlt, der Stoiker CHRYSIPP erlaubt (20), die Kinder zu schlagen, mißbilligt dies PLUTARCH (21) ausdrücklich und verbietet freien Kindern gegenüber jeden Schlag.

Die Erziehung des Hellenismus aber hat einen über das Gebiet desselben weit hinausgehenden Einfluß, indem sie mit der hellenistischen Kultur in die römische Gesellschaft eindringt.

Die ständische Gesellschaft der Römer erleidet seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. dieselbe Umbildung, die etwa 200 Jahre vorher die ständischen Gesellschaften der Hellenen erlitten hatten. Die Vorpflichten der herrschenden Stände werden vergessen, (22) die Vorrechte dagegen weiter in Anspruch genommen. Die Fürsorge für die verarmten Bürger, die früher von Staatswegen in den Kolonien ein Unterkommen fanden, wurde vernachlässigt. Seit dem Ende des gallischen Krieges wurde keine nennenswerte Kolonie gegründet, die um 220 v. Chr. angelegten waren die letzten. Die Zahl der Besitzlosen wuchs, das Latifundium gab ihnen auch keine Arbeit, sondern verwendete Sklaven. Wie in Griechenland, führte dies bals zu einem Rückgang der Bürgerzahl (23), da sich im Altertum der besitzlose Freie nicht fortpflanzt. Dieser Rückgang wurde für die Gracchen der Beweggrund ihrer Versuche, durch eine neue Verteilung des Staatsackers, durch Kolonisation und durch Erweiterung des Bürgerrechts auf die italienischen Bundesgenossen dem Staat eine neue Grundlage zu geben. Ihr Untergang aber ließ dem Verhängnis freien Lauf. MARIUS mußte, allen bisherigen Grundsätzen zuwider, besitzlose Bürger ins Heer aufnehmen, wie schon oben bemerkt wurde. Auch die von den Kaisern angelegten Militärkolonien vermochten dem pathologischen Gang der römischen Gesellschaft keine Wendung zu geben. Der Mangel an freien Bürgern zwang immer mehr germanische Heerführer in Sold zu nehmen, die schließlich ihre Macht erkannten und die Herrschaft an sich rissen.

Auch hier war es der Individualismus, der das feste Gefüge der ständischen Republik lockerte und schließlich auflöste, so daß die Freiheit verloren ging, anstelle des lebendigen Organismus ein vom Despoten regulierter Mechanismus trat, in Gang gehalten nicht durch freie Leistungen der Bürger, sondern durch die bezahlten Dienste der Beamten. Zivilisation und Kultur konnten während dieses politischen Verfalls ebenso fortschreiten, wie sie im Zeitalter des Hellenismus fortgeschritten sind. Tatsächlich, was die Zivilisation betrifft, zeigt das römische Kaiserreich eine stetige Besserung der privaten Rechtsverhältnisse der bisher Unterdrückten, nämlich der Frauen, der Kinder und der Sklaven. (24) In Bezug auf die Kultur aber sehen wir gleichzeitig mit dem Erwachen des Individualismus auch das Eindringen der hellenistischen Bildung. Es ist bekannt, daß der alte CATO dagegen eiferte, daß er aber selbst noch im hohen Alter Griechisch lernte, daß die drei griechischen Philosophen, die im Jahre 155 v. Chr. als Gesandte nach Rom kamen, auf sein Betreiben schleunigst abgefertigt wurden, damit sie nicht durch ihre Vorträge die Jugend verderben, daß aber trotzdem bald viele Griechen in Rom lehrten. SCRIPIO AFRICANUS der Jüngere, der Zerstörer Karthagos, sein Freund LAELIUS, die beiden GRACCHEN und viele ihrer Zeitgenossen kannten schon die hellenische Dichtung und die hellenische Philosophie (25).

Die römische Bildung wurde eine Kolonie der griechischen. Darum mußte auch die Erziehung eine Nachahmung der griechischen werden. Ebensowenig wie in der Blütezeit der Republik kümmert sich der Staat um die Elementarlehrer. Sie sind, wie bei den Griechen, geringgeschätzt, vielfach ehemalige Sklaven, genießen keinerlei Steuerfreiheit, (26) während, wie wir oben sahen, Grammatiker und Rhetoren im ganzen römischen Reich immun waren und werden vom Schulgeld der Schüler dürftig unterhalten. (27) Die Taxordnung DIOCLETIANs bestimmt dem Elementarlehrer als höchsten monatlichen Lohn 50 Denare von jedem Schüler, während der Grammatiker je 200 und der Rhetor je 250 Denare nehmen darf. (28)

Nach Abschluß der Elementarbildung pflegte ein Teil der römischen Jugend sich die Bildung der hellenischen Blütezeit anzueignen, die ja auch in vielen griechischen Familien noch gepflegt wurde, nämlich Gymnastik und Musik, diese letzte im althellenischen Sinn als Tanz, Gesang, Musik in unserem Sinne und Dichtkunst verstanden. Aus HORAZ sehen wir, daß bei der Jugend der Kaiserzeit mit Ausnahme des Springens alle Übungen des Fünfkampfes, Reiten und Jagen beliebt waren, außerdem noch Faustkampf, daß ferner nicht bloß die hellenischen Hetären, sondern auch römische Jünglinge des Saitenspiels und Gesanges kundig waren. Und sein "Carmen saeculare", das in griechischem Versmaß von einem Knaben- und einem Mädchenchor jedenfalls mit griechischer Musikbegleitung gesungen wurde, setzt Unterricht in griechischem Gesang und griechischer Dichtung voraus. Auch sonst erfahren wir von genauer Bekanntschaft der römischen Jünglinge mit griechischer Musik. So singt bei einer Saturnalienfeier BRITTANNICUS, von NERO aufgefordert, ein Lied, in dem er sich beklagt, daß er aus seinem Vaterhaus und aus der Herrschaft vertrieben worden sei. Selbst wenn es ein lateinisches Lied, ein Chorlied etwa aus einer römischen Tragödie war, so war die Melodie doch sicherliche griechisch. (29)

Aber die griechische Gymnastik und die griechische Musik waren, wie damals bei den Griechen selbst, Luxusgegenstände der Erziehung. Als unerläßlich hingegen galt die enzyklopädische Bildung, vor allem Grammatik und Rhetorik, wenn man etwas höher strebte, auch Philosophie.

Es ist zweifellos, daß die Gemeinden in der römischen Kaiserzeit bald für öffentliche Unterstützung des grammatischen und des rhetorischen Unterrichts sorgten. Das oben erwähnte Edikt ANTONINs setzt öffentliche, von der Stadtgemeinde anerkannte Grammatiker und Rhetoren schon voraus. Denn diese werden auf eine Linie mit den Ärzten gestellt, von denen feststeht, daß sie teilweise Gemeindebeamte waren. (30) Freilich war ebenso wie bei den Ärzten nicht ausgeschlossen, daß neben den besoldeten, offiziellen, noch unbesoldete, private Grammatiker und Rhetoren wirkten. Wie in der Blütezeit der hellenischen Republiken Gymnastik und Musik, weil dem Staat und der Religion dienend, so mußten in den Zeiten des Individualismus literarische und rhetorische Bildung, weil dem Lebensgenuß dienend, vom öffentlichen Interesse begünstigt werden.

Wann die öffentliche Besoldung von Grammatikern und Rhetoren eingeführt wurde, ist aus den Quellen genauer nicht zu ermitteln. Im Jahre 161 v. Chr. verwies der Senat die griechischen Rhetoren aus Rom. (31) Um das Jahr 100 v. Chr. wurden die lateinischen Rhetorenschulen eröffnet. Der Senat mißbilligte sie öffentlich (92 v. Chr.), aber CAESAR gab allen nichtrömischen Ärzten, Grammatikern und Rhetoren das Bürgerrecht. (32) VESPASIAN wandte für griechische und lateinische Rhetoren jährlich je 100 000 Sesterzien (= 20 000 Mark) auf. Auf wie viele diese Summe sich verteilte, wissen wir nicht. Die oben erwähnten Begünstigungen, die HADRIAN und ANTONINUS PIUS den Rhetoren und Grammatikern gewährten, kamen natürlich nicht bloß der griechischen, sondern auch der lateinischen Reichshälfte zu gute. Besonders vorteilhaft gestellt waren wohl die Lehrer der Grammatik und Rhetorik, die in Rom an dem von HADRIAN gegründeten "Athenaeum" lehrten (33).

Von der Erziehungstheorie der römischen Kaiserzeit wird, wie wir auch sonst gesehen haben, die Wirklichkeit gespiegelt und gesteigert. Diese Theorie ist im 1. Buch der Institutio oratoria von QUINTILIAN enthalten. Wenn QUINTILIAN auch speziell die Erziehung des Redners im Auge hat, so gelten seine allgemeinen Bestimmungen doch für jeden Römer. Nach dem Elementarunterricht soll der "Grammatiker" seine Arbeit beginnen, dem Zögling die richtige Sprache lehren, die Literatur erklären und zwar zuerst die griechische, wie es meist wohl wirklich geschah (34) und wichtige Stücke lernen lassen. Leichtere Redeübungen sollen sich dann anschließen. Von der Rhetorik handelt ja sein ganzes Buch. Die Philosophie, soweit praktisch, auf das sittliche Handeln bezüglich, rechnet er zur Rhetorik, da ja der Redner auch ein sittlich guter Mann sein muß; (35) sie müsse eigentlich den ethischen Teil der Philosophie zurückfordern. Da aber QUINTILIAN doch eine sittliche Verpflichtung für jeden anerkennt, so wird er nicht bloß für den künftigen Redner, sondern für jeden die philosophische Vorbildung wünschen. Außer den drei genannten Wissenschaften gehören nach ihm zum "Ring der Wissenschaften, die die Griechen enzyklische Bildung nennen", noch vier, die er ebenfalls für nötig hält. (36) Die Musik empfiehlt er sehr warm, mehr die theoretische (37) als die praktische, die auszuüben nicht direkt vorgeschrieben wird, wahrscheinlich deshalb, weil eben die praktische Musik in den Knabenjahren gelernt wurde. Zur Geometrie, die er als notwendig erachtet, rechnet er auch die Arithmetik (38) und die mathematische Astronomie. (39) Wie die Griechen  eleutheria mathemata,  so nannten die Römer die enzyklopädischen Wissenschaften auch  artes liberales  [die freien Künste - wp] (40) oder  artes ingenuae  [die edleren Künste - wp] (41), d. h. die des Freien würdigen Bildungsfächer.

Und es ist bekannt, wie die Kompendien der sieben artes liberales, von MARCIANUS CAPELLA, von AUGUSTINUS, von BOETHIUS und CASSIODORUS die letzten Reste antiker Bildung ins Mittelalter retteten.

In Bezug auf die Zucht ist charakteristisch, daß QUINTILIAN die sittliche Schlaffheit der Erziehung zu rügen hat. "Die Kindheit sogleich lassen wir durch Genüsse erschlaffen. Jene weichliche Erziehung, die wir Nachsicht nennen, bricht alle Kräfte des Geistes und des Körpers. ... Wir bilden eher den Gaumen als den Charakter. ... Unsere Dirnen, unsere Buhlknaben sehen sie, jedes Gelage ist begleitet von unzüchtigen Gesängen und läßt wahrnehmen, was man sich zu sagen schämt. Daraus entsteht erst Gewöhnung, dann zweite Natur." (42) Das Schlagen verwirft er ebenso wie PLUTARCH. (43)

Es ist schwer zu sagen, ob der Verfall der Sitten mehr Ursache oder Wirkung der wirtschaftlichen Zersetzung war. Jedenfalls ging diese weiter ihren Gang und mit ihr lösten sich der römische Staat und die antike Kultur auf, zumal die neue Weltanschauung, das Christentum, dem Staat feindlich und der antiken Kultur gleichgültig gegenüberstand. In den verarmten Städten fanden Elementarlehrer, Grammatiker und Rhetoren keine Beschäftigung und keine Existenz mehr. So ist in Westeuropa im 6. Jahrhundert die Bildung fast erloschen. Bischof GREGOR von Tours (44) erklärt (im Jahre 570) - was auch aus seinen Schriften zur Genüge hervorgeht -, daß er der lateinischen Grammatik nicht ganz mächtig sei und daß in ganz Gallien sich kein Gelehrter findet, der die Abfassung eines historischen Werkes übernehmen könnte, daß auch nur wenige da sind, die einen philosophierenden Rhetor auch nur verstünden. Sehr mangelhaftes Latein findet sich auch in der Benediktiner-Regel und in mancher anderen Schrift des 6. Jahrhunderts. Und das ist nicht verwunderlich. Mit der antiken Gesellschaft war ihre Bildung vernichtet.
LITERATUR - Paul Barth, Die Geschichte der Erziehung in soziologischer Beleuchtung, Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 28, Leipzig 1904
    Anmerkungen
    1) E. HATCH, Griechentum und Christentum, deutsch Übersetzung, Freiburg i. B. 1892, Seite 66f. HATCH weist auch Seite 81f darauf hin, daß das Vorbild der Sophisten die christliche Predigt geschaffen hat.
    2) ZENO aus Citium, der Begründer der Stoa, der diese Schule um 300 v. Chr. eröffnete, bekämpfte die Notwendigkeit des enzyklopädischen Wissens, also muß dieser Begriff zu seiner Zeit schon bestanden haben. Vgl. PEARSON, The Fragments of Zeno and Kleanthes, London 1891, Seite 201f
    3) Bei ARISTOTELES kommt die enkyklios paideaia noch nicht vor, aber die populären Vorträge werden bei ihm auch enkyklia genannt, woraus die Bedeutung von enkyklios ganz klar wird. Es hat den Sinn: zum geselligen Kreis gehörig, volkstümlich.
    4) ARISTOTELES, Politica VIII, 2
    5) § 7 des angeführten sechsten Kapitels. Im ganzen Zusammenhang kann die Erwähnung der Philosophen nur den Sinn haben, daß sie auch immun sind.
    6) Besonders aus § 11 des 6. Kapitels: "Wer in Rom als Rhetor lehrt  mit Gehalt  oder ohne Gehalt, habe nach dem Gesetz Abgabefreiheit."
    7) Vgl. das Zitat bei J. H. USSING, Erziehung und Jugendunterricht bei den Griechen und Römern, Berlin 1885, Seite 169: Professor ist der technische Name für Lehrer der Grammatik und Rhetorik, ein Elementarlehrer heißt nie so.
    8) Vgl. USSING, Seite 170. Salarium ist mit Gehalt zu übersetzen, nicht mit "Lohn", wie es bei USSING heißt, da es eben einen fixierten staatlichen für den gesamten Dienst, nicht für einzelne Leistungen bestimmten Entgelt bedeutet, darum heißt auch der Offizierssold der Kaiserzeit  salarium.  Vgl. THEODOR MOMMSEN, Römisches Staatsrecht I, 3. Auflage, Leipzig 1887, Seite 304
    9) Das schließt nicht aus, daß andere Rhetoren schon von der Stadt Athen Gehalt erhielten.
    10) Wenn BELOCH (II, Seite 438) meint, "daß die athenische Regierung in PHILIPPs Zeit anfing, sich um den Elementarunterricht der Kinder zu kümmern", so stützt er sich auf eine einzige Inschrift, die nicht soviel beweist, als er will. Denn diese Inschrift sagt nichts weiter, als daß der Stratege DERKYLOS sich sowohl in anderer Weies als auch durch Fürsorge für die Erziehung der Kinder um den Demos Eleusis verdient gemacht habe und ihm dafür ein goldener Kranz nebst anderen Ehren von den Eleusiniern zuerkannt worden sei. DERKYLOS hat also nicht für die athenischen, sondern für die eleusinischen Kinder gesorgt und zwar tat er das als Privatmann, da es zu seinem Strategenamt keinesfalls gehörte. Auch ist keineswegs vom "Elementarunterricht", sondern nur ganz allgemein von "Erziehung" die Rede.
    11) Vgl. FR. CRAMER, Geschichte der Erziehung und des Unterrichts im Altertum I, Elberfeld, 1832, Seite 552f
    12) CRAMER II, Seite 556f
    13) Vgl. PLUTARCH, Über die Erziehung, K 11
    14) PLUTARCH, a. a. O., K 10
    15) Vgl. besonders das letzte Kapitel der Schrift über die Lektüre der Dichter.
    16) PLUTARCH, Über die Erziehung, K 10
    17) PLUTARCH, Über die Erziehung, K 9
    18) ARISTOTELES, Politica VII, 15
    19) Vgl. QUINTILLIAN, Inst. or. I, 3, 13
    20) PLUTARCH, Über die Erziehung, K 12
    21) Besonders der Kriegsdienst wurde seit der Zeit der Gracchen von den Vornehmen gemieden. Darum schildert MARIUS bei SALLUST den durchschnittlichen nobilis, der statt seiner hätte gewählt werden können als einen Mann eines alten Geschlechts mit vielen Ahnenbildern, der keinen Feldzug mitgemacht hat. Darum sagt er, er kenne Konsuln, die erst nach ihrer Wahl die Taten der Vorfahren und die Lehren der griechischen Kriegsschriftsteller zu lesen begonnen hätten, die also die Theorie studierten, weil sie von der Praxis keine Ahnung hatten. Vgl. auch NITZSCH, Die Gracchen und ihre nächsten Vorgänger, Berlin 1847, Seite 161
    22) Die Zahlen bei ED. MEYER, Artikel "Bevölkerungswesen" im Handwörterbuch der Staatswissenschaften II, 2. Auflage, Jena 1899, Seite 684
    23) Vgl. meine Abhandlung: Die Frage des sittlichen Fortschritts der Menschheit in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 23, Leipzig 1899, Seite 88f
    24) SCIPIO AFRICANUS war bekanntlich eng befreundet mit dem griechischen Philosophen PANAETIUS, der lange in seinem Haus lebte. Als er Karthago brennen sah, zitierte er zwei Verse der Jlias. Und als der die Nachricht vom Tod seines Schwagers TIBERIUS GRACCHUS erhielt, brach er ebenfalls in einen homerischen Vers aus. LAELIUS war der vertrauteste Freund des SCIPIO AFRICANUS und teilte alle seine Interessen. TIBERIUS und GAIUS GRACCHUS lebten lange Zeit zusammen mit dem Stoiker BLOSSIUS aus Cumae, der in ihrem Haus wohnte. Auch der Rhetor DIOPHANES aus Mitylene wird als Lehrer und treuer Anhänger des TIBERIUS GRACCHUS genannt. Vgl. PLUTARCH, Leben und Tod des Tiberius Gracchus, K 8 und K 20.
    25) Nur ausnahmsweise waren auch die Elementarlehrer von Abgaben frei, z. B. im Bergwerksbezirk Vipascum in Portugal, nach einer Inschrift aus dem 1. Jahrhundert nach Chr., in der Ephemeris epigraphica, herausgegeben von der Archäologischen Gesellschaft in Rom III, Seite 185 und 188
    26) Ein solcher Elementarlehrer (grammatista, literator, ludi magister) ist der FLAVIUS in Venusia, den HORAZ, Satire I, 6, Seite 71f) erwähnt, in dessen Schule "die Kinder der großen Centurionen (Unteroffiziere) gingen, im linken Arm Griffelscheide und Tafel tragend und achtmal im Jahre (4 Monate waren Ferien) das Schulgeld bezahlend."
    27) Vgl. GRASBERGER III, Seite 586f
    28) Vgl. TACITUS, Annalen XIII, 15. Dieses Lied wurde BRITTANICUS verhängnisvoll, es gab Anlaß dazu, daß NERO ihn vergiften ließ.
    29) Vgl. L. FRIEDLÄNDER, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms I, 7. Auflage, Leipzig 1901, Seite 171. "Die Anstellung von Ärzten durch die Kommunen außerhalb Roms wird zuerst von STRABO (einem Zeitgenossen des AUGUSTUS) für Massilia und andere gallische Städte erwähnt."
    30) USSING, a. a. O., Seite 155
    31) USSING, a. a. O., Seite 168
    32) USSING, a. a. O., Seite 169
    33) QUINTILIAN, Institutio oratoria I, 4, 1 und 9, 2
    34) QUINTILIAN, Institutio oratoria proerem. 10 - 11
    35) QUINTILIAN, a. a. O., 17
    36) QUINTILIAN, a. a. O., 10, 1
    37) Besonders QUINTILIAN, a. a. O., 10, 4 und auch 4, 4
    38) QUINTILIAN, a. a. O. I, 10, 35
    39) QUINTILIAN, a. a. O. I, 10, 46
    40) Vgl. SENECA, Epistulae Morales 88
    41) Vgl. TACITUS, Dialogus de oratibus, K 20
    42) QUINTILIAN, Institutio oratoria I, 2, 6
    43) QUINTILIAN, Institutio oratoria Im 3, 13
    44) GREGORIUS TURONENSIS, Historia Francorum, Praefatio und Anfang.