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ERNST BERGMANN
Der Begriff der Jllusion
"Wahn, Irrtum, Täuschung erscheinen hier als Heilmittel, als Glück, als Quell des Segens und aller Tat auf Erden."
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Das Problem der Philosophie des Als Ob ist das Problem des modernen Menschen überhaupt. Es wird erst möglich, wenn die Einheit unseres Menschentums, wie sie frühere Zeitalter besessen, verloren gegangen ist, wenn der Mensch sich zerlegt hat in eine theoretische und eine praktische Hälfte und wenn der theoretische Mensch in seiner Entwicklung über den praktischen hinausgewachsen ist.
Das ist in der Gegenwart der Fall. Der moderne Großstadtmensch ist alles andere als eine Totalität. Er ist ganz Gehirn, ganz Intellektualität, ganz Bewußtheit, Plan und Absicht. Er lebt ohne Religion, vielfach ohne Moralität, ja in neuester Zeit auch ohne Legalität. Es gibt keinerlei Autorität für ihn außer dem eigenen Urteil. Theoretisch ist ihm die alte gottgeleitete Welt zusammengebrochen, und er schreitet über ihre Trümmer frei von aller Sentimentalität. Er ist sich selbst höchste und letzte Instanz. Dennoch ist er nicht glücklich, so aufrecht und gerade er einherzugehen scheint.
Atavismen (Rückfälle in primitives Verhalten) stören seine Ruhe. Ja mehr: der praktische Mensch, der Gefühls-, Stimmungs- und Phantasiemensch regt sich ununterbrochen mit unbefriedigten Bedürfnissen. Er hat die Leitung durch den theoretischen Menschen verloren. Dieser kann ihm nicht mehr helfen, weil er ihm infolge seiner Skepsis keine positiven Richtlinien mehr zu geben weiß, und läßt ihn deshalb seine eigenen Wege gehen.
Der praktische Mensch aber geht in der Irre, taumelt und wankt. Mit einem so unruhigen Gefährten jedoch kann der theoretische Mensch auf die Dauer nicht leben, die fortgesetzten Störungen seiner Sphäre müssen ein Ende haben, es muß ein Abkommen getroffen werden zwischen Verstand und Wille, zwischen Ratio und Irratio, und das Opfer muß der theoretische Mensch bringen. Er muß die Lautheit seiner Verneinung zum Flüstertone herabdämpfen, ja ganz verstummen lassn. Nun lebt der Mensch praktisch so, als ob er glaubte, Ideale hätte, Überzeugtheiten, Hoffnungen. Dies wird ihm zum Gewinn im wirklichen Leben, er lebt ruhiger, gefestigter, seine Kraft ist größer, der Ertrag seiner Arbeit wächst. Sein Leben wird überhaupt erst möglich.
Aus Zweckmäßigkeitsgründen werden also hier das theoretische und das praktische Streben des Menschen in Einklang gebracht. Praktisch ordnet sich unser Denken unter die Notwendigkeiten des wirklichen Lebens. Die praktische Vernunft hat den Primat. So zuerst KANT. Er hat damit die Formel der modernen seelischen Verfassung gefunden. So lebt der Abendländer in der Tat, in einem oft bewußten, meist aber wohl uneingestandenen Selbstbetrug. Wir glauben nicht mehr an Gott, und doch leben viele Tausende unter uns so, als ob sie glaubten. Wenigstens ästhetisch wollen viele die Gottesvorstellung nicht fahren lassen. Ein Weltwesen wollen sie glauben, das uns erschuf und in dessen Schoß wir in dunklen Stunden ruhen.
Den "Standpunkt des Ideals" wollen sie aufrechterhalten mit FRIEDRICH ALBERT LANGE, vielleicht in noch weiterer
ästhetischer Verdünnung. Es würde ihnen ästhetisch eine bedrückende Verarmung
und Verelendung der Welt bedeuten, wenn sie diese ganz ohne seelischen Mittelpunkt, ohne zielstrebigen Willen denken sollten.
Ein anderes Beispiel: wir sind überzeugt, daß diese Erde mitsamt der Menschheit, die auf ihr lebt und allen Kulturgütern eines Tages in die Sonne stürzen wird. Dennoch wagen wir zu leben und Kultur zu schaffen. Wir schaffen, als ob wir glaubten, daß die Entwicklung bis ins Unendliche ginge und alles Errungene erhalten bliebe. Ja dieses Verhalten ist uns eigentlich selbstverständlich. Unsere Skepsis wird uns gar nicht mehr bewußt. Wir müssen darauf hingewiesen werden, um zu gewahren, daß wir tatsächlich radikale Skeptiker geworden sind.
Der Pragmatismus hat uns die Augen geöffnet über diese Eigentümlichkeit der modernen Seelenverfassung, über das merkwürdige Verhältnis, das sich zwischen den verschiedenen Seiten unserer Menschennatur in der Gegenwart herausgebildet hat. Und doch empfinden es viele als unnatürlich. Sie können es nicht ertragen, den Menschen so zerrissen, so zerklüftet zu sehen. Sie wünschten, daß Glauben und Leben wieder eins würden, daß der Mensch wieder ganz vor der Welt stünde. Aber diese Zeiten sind vorbei.
Unganz zu sein ist unser Schicksal. Wir sind Übergangswesen, wir, die wir den Naturmenschen verlassen haben, um zum Kulturmenschen emporzusteigen. Wir müssen weitersteigen und zu Ende steigen. Ein Zurück gibt es nicht. Vielleicht, daß sich am Ende unseres Menschheitserdenweges eine neue Ganzheit wieder gebiert, eine neue Synthese von Glauben und Leben. Heute sind wir davon unendlich weit entfernt. Heute sind wir zerteilt und müssen Kompromisse schließen. Der Pragmatismus hat uns definiert. So sind wir, heilvoll unheilvoll.
Am meisten wohl unheilvoll, wenn wir nicht an der Oberfläche haften. Wer
ganz Mensch ist, d.h. auch Sehnsucht und Verlangen, nicht bloß Intellekt,
kann sich mit diesem Kompromiß nur halb trösten. Er leidet unter dem Bruch
in seinem Menschentum. Er leidet darunter, daß er nur so leben kann, als
ob. Er erkennt diesen Ausweg als nötig an für die moderne Seele. Aber das
Herz blutet ihm dabei. Und je klarer sein Intellekt ist, desto schwerer
wird es ihm in des Lebens Breite, das Übereinkommen aufrechtzuerhalten.
Das Als Ob funktioniert nur deshalb. So JEAN-MARIE
GUYAU, der französische NIETZSCHE,
wie sie ihn heißen, ein französischer Positivist aus der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts von größter Verstandesschärfe und reichstem Wissen,
aber mit dem Herzen eines Kindes, it dem Gemüt fast eines Mädchens, ein
echt Moderner von einem fast schauerlichen Unglauben, der begattet ist mit
religiöser Sehnsucht, wie wir sie sonst nur bei den Mystikern
des christlichen Mittelalters finden.
Fürwahr eine höchst eigene, seltene und problematische Natur: Die beiden Seiten unseres Menschenwesens, Intellekt und Gemüt, aufs äußerste entwickelt und aufs engste aneinander gefesselt. Das gibt einen Akkord von einer Wehheit! So aber ist der moderne Mensch, wenn er wirklich Mensch ist. So war er am Ende des 19. Jahrhunderts. J.-M. GUYAU ist sein Symbol.
J.-M. GUYAU, mit neunzehn Jahren Verfasser eines von der Pariser Akademie der Wissenschaften in einem ungewöhnlich glänzenden Wettbewerb preisgekrönten Werkes über die utilitaristischen Moralsysteme von EPIKUR bis zur Gegenwart, mit 33 Jahren tot! Ein von der Schwindsucht früh Dahingeraffter, der eine Philosophie des Lebens schreibt! Ein Positivist aus der Schule COMTEs und SPENCERs, der sich an AUGUSTINUS berauscht! Ein Überzeugter vom Untergang der Welt und der Seele, der so lebt und handelt, als ob beide ewig wären.
Man kann sich keine größeren Gegensätze in einer Brust zusammengeschmiedet
denken. Wenn sich auch nirgends der Begriff der Fiktion
in GUYAUs Werken fände, die Disposition
zur fiktionalistischen Stellungnahme ist zweifellos in hohem Grade vorhanden,
der Geist der Philosophie des Als Ob schwebt über GUYAUs
Haupt, am lebendigsten über den "Versen eines Philosophen" (1881), diesem
schmerzlich süßen Vermächtnisbuch eines Sterbenden an eine kalt und herzlos
fortwandernde Menschheit.
Man lese daraus die letzten Zeilen des Gedichtes "Wahn", das wir am Schluß vollständig abdrucken. Sie besagen, daß die Erde der einzige Ort sei, wo man hofft. Darin liege ihre Größe. Intellektuelle Enttäuschung, moralische Hoffnung - so formulierte ich 1912 das Gesetz GUYAUs. Es ist das Gesetz der ganzen modernen Menschheit. Das Wissen zerstört immer mehr der Kindheitsvorstellungen der Menschheit. Die großen theoretischen Überzeugtheiten verblassen und leben heute noch fort in der Form des Als Ob, als Hoffnungen. Als solche wirken sie noch.
"Heutzutage genügt schon eine Hypothese, eine bloße Möglichkeit, um uns
anzulocken, uns zu fesseln. Die Hoheit des zu verwirklichenden Ideals
ersetzt den Glauben an seine unmittelbare Verwirklichung. Wenn man etwas
ganz Erhabenes erhofft, so schöpft man aus der Schönheit des Zieles den
Mut, allen Widerständen zu trotzen. ... Je weiter das Ideal von der Wirklichkeit
entfernt ist, desto erstrebenswerter erscheint es uns. ... Sich auf irgendeine
immer zu enge Lehre hartnäckig einschwören,
ist ein Wahn, der uns unter den Händen zerrinnt; aber immer vorwärts schreiten,
immer suchen, immer hoffen, das allein ist kein leerer Wahn. Die Wahrheit
liegt in der Bewegung, in der Hoffnung. ... Wir alle, wir Sucher und
Arbeiter, sind wie der Schmetterling: unsere Kraft wird nur durch die
Sonne, ja oft schon durch die Hoffnung auf einen Sonnenstrahl erweckt.
Wir müssen also zu hoffen wissen. Die Hoffnung ist die Kraft, die uns
aufwärts und vorwärts trägt. Ihr wendet ein: Sie ist nur ein Trugbild!
Was wißt ihr davon? Sollen wir etwa unseren Fluß nicht vorwärts setzen
aus Furcht, daß die Erde unter unseren Füßen eines Tages zerberste?"
In einem kürzeren Abschnitt behandelt GUYAU sodann "Das metaphysische Wagnis im Handeln" unter dem Faustischen Motto: "Im Anfang war die Tat." Er führt aus, daß unser Handeln mit unserem Denken übereinstimmen müsse, d.h. daß unser Denken "genau der Ausdehnung unserer Tätigkeit entsprechen" müsse, also unter praktische Gesichtspunkte treten müsse.
"Die abstraktesten metaphysischen Formeln sind im Grunde nur Formeln, die im Gefühlsleben ihren Ursprung haben, und das Gefühl entspricht dem Grade unserer inneren Tätigkeit. In der Mitte zwischen Zweifel und Glauben, zwischen Ungewißheit und kategorischer Gewißheit steht die Tat, und nur durch sie kann das Ungewisse sich verwirklichen und zu Gewißheit werden.
Nicht fordere ich von euch, blind an ein Ideal zu glauben, aber ich fordere von euch, an seiner Verwirklichung mitzuarbeiten. Ohne daran zu glauben? - Um daran zu glauben! Ihr werdet daran glauben, wenn ihr tätig gewesen sein werdet, es wirklich zu machen."
In der Wendung: "Um daran zu glauben" liegt deutlich genug der Standpunkt der Als-Ob-Betrachtung. GUYAU führt dann weiter aus, daß selbst Wunder den modernen theoretischen Menschen nicht mehr überzeugen könnten. Wohl aber kann heute noch, wie die Religionen sehr wohl wissen, überzeugend wirken: praktische Betätigung.
"Man wird um so geneigter sein, zu glauben, je tätiger man ist."
Dabei muß die Quelle der Betätigung von innen strömen, dann wird unser Glaube "zur unendlichen Mannigfaltigkeit der schöpferischen Erfindung."
Im französischen Original steht hier, was wir leider nicht nachprüfen können, vermutlich der Ausdruck Fiction für Erfindung. In den darauf folgenden Ausführungen kommt diese anti-intellektualistische Tendenz noch deutlicher zum Ausdruck.
"Handeln allein gibt Selbstvertrauen, Vertrauen in unsere Mitmenschen, in die Welt. Reines Denken, weltentrücktes Grübeln nimmt uns schließlich die Lebenskraft. Wenn wir uns gar zu lange auf hohen Gipfeln aufhalten, so ergreift uns eine Art Fieber, eine unsägliche Müdigkeit usw."
Kurz: alles Denken muß praktisch werden. Nur um des Handelns willen darf gedacht werden.
Auf dem Boden des Pragmatismus erhebt sich das große GUYAUsche Als Ob.
"Tätigkeit ist in ihrer Fruchtbarkeit auch ein Heilmittel für den Skeptizismus: sie schafft sich selbst, wie wir sahen, ihre innere Gewißheit. Weiß ich, ob ich morgen, ob ich in einer Stunde leben werde, ob meine Hand die Zeile, die ich eben beginne, wird zu Ende schreiben können? Das Leben ist von allen Seiten in Dunkelheiten eingehüllt. Trotzdem handle ich, fange ich neue Unternehmungen an, und bei all meinem Handeln, bei all meinem Denken setze ich diese Zukunft voraus, auf die zu rechnen mir nichts das Recht gibt.
Mein Tun überschreitet in jeder Minute den gegenwärtigen Augenblick und geht in die Zukunft über. Ich gebe meine Kraft aus, ohne zu fürchten, daß diese Ausgabe ein reiner Verlust sei. Ich lege mir Entbehrungen auf und rechne darauf, daß die Zukunft sie mir vergüten wird. ... Diese Ungewißheit, die mich überall gleichmäßig umgibt, wiegt mir jede Gewißheit auf: sie macht die Freiheit meines Handelns mögliche, sie ist eine der Grundlagen der spekulativen Sittenlehre mit all ihren Wagnissen. ... Ich dünke mich Herr der Unendlichkeit, weil meine Macht keiner fest bestimmten Größe gleich ist. Je mehr ich tue, desto mehr darf ich hoffen."
Ähnliche Gedanken liegen dem Gedicht "Wahn" (Illusion) zugrunde, das wir am Schluß der Abhandlung vollständig abdrucken. Wahn, Irrtum, Täuschung erscheinen hier als Heilmittel, als Glück, als Quell des Segens und aller Tat auf Erden. Man fühlt sich beim Lesen dieses Gedichts unmittelbar erinnert an NIETZSCHEs "Willen zum Schein", sein Wort von der lebenfördernden Kraft der Lüge, seinen "umgedrehten Platonismus". Die Verse eines Philosophen entstanden 1881, "Sittlichkeit ohne Pflicht" 1885. GUYAU hat NIETZSCHE nicht gekannt, wohl aber NIETZSCHE GUYAU. Eine Beeinflußung ist möglich. Doch fehlt es hier an Raum, dieser Frage nachzugehen.
Auf einem Platz sah ich ein Kind, ins Spiel vertieft.
Ganz rot vor Eifer wiegt es in den Armen etwas
Und liebkost zärtlich es mit mütterlicher Sorge.
Und so vertieft, so ganz dem Spiele hingegeben
Vernahm es nichts. Mein Ruf auch ließ es nur den Kopf
Erheben, und voll Ernst sah es mich forschend an,
Und in den Augen Lieb' und Glück hob es das Tuch
Von seinem Schatz. - Was meint ihr, war es wohl?
Ein kleines Brüderchen, ein Kätzchen, seine Puppe?
Ach nein! die Kind war arm, und Puppen sind so teuer!
Ein Holzstück war es, ohne Form, das es mit Liebe,
Mit Zärtlichkeit an seinen Busen drückte, das es
In kind'schem Glück mit Hand und Auge streichelte.
Vor seinem Blick ward dieses Stückchen Holz zum Kinde,
Das es dereinst auf seinen Knien wiegen sollte.
"Es schläft!" sprach es zu sich, und in dem Mädchen regte
Die künft'ge Frau und Mutter sich.
O Denker ihr!
Wer hegt von uns nicht auch in seinem tiefsten Innern
Ein Etwas, das die Seele trunken macht, ein Ding,
Unförmig zwar, doch angebetet, liebevoll
Am Busen großgezogen, einen Kindertraum?
O Wahn, der reiche Frucht trägt, heilig bist du, Wahn!
Des starken Hoffens Vater und der großen Taten,
Belebend fülle uns mit süßer Täuschung an!
Nimm Platz in uns! Wenn uns die Kräfte schwinden, sei du
Uns Stütze und Stab. Wo jedem Schritt Enttäuschung folgt,
Wer wollte ohne deine Hilfe sicher gehen?
Du machst den schwersten Gang uns leicht, das Opfer süß.
Wärst du nicht, wissen wir, ob nicht ein eis'ges Schweigen
In unserm Herzen sich verbreiten würde, ob nicht
Im Nu in uns erlöschen würde jedes Feuer?
Ob unsre Seele gramvoll nicht all ihre Götter
Müßt stürzen sehn und sterben? - Du erhebst uns wieder,
Wenn unser Wille matt vom Kampf zu Boden sinkt.
Du zeigst uns neue Himmel, und auf leichtem Flügel
Trägst du uns hoch empor, wohin der Zufall führt.
Die Hoffnung gibst du uns und jenes frohe Wünschen,
Das immer neu ergreift und wie die flücht'ge Schwalbe
Zwar niemals dauernd bleibt, doch immer wiederkehrt.
Drum, o du neue Gottheit, sei gesegnet, Wahn!
Verlaß mich niemals! Senk den Irrtum in mein Leben
Wie einen Keim, aus dem die Hoffnung sprießen soll,
Aufhören sich zu täuschen, hieße nicht mehr leben!
Damit du etwas kannst, mußt du mehr wollen als
Du kannst: Laß dich von einem hohen Ziel verlocken,
Das nimmer du erreichst. Doch im Vorübergehen
Ergreifst du, was das Glück dir freundlich Gutes bietet.
Wohl hundert Schritte mußt du woll'n, um einen Schritt
Zu tun; denn vieles schlägt dir fehl, ja, fast das meiste.
Ob ich wohl heut in dieser stillen Abendstunde
Mit Versen deckte dies Papier, wenn ich erkennte,
Wie wenig in dem großen All des Lebens sie
Bedeuten werden, oder gar, daß der Gedanke,
Den ich mit Lieb und Müh in diese Zeilen banne,
Niemals im stumpfen Hirn der andern wurzeln wird?
Und dennoch schreibe ich und fülle diesen Bogen
Auf gutes Glück mit schwarzen Zeichen an. Woher
Die Kraft? Was macht mir Mut? Und was hab' ich zu hoffen?
Wenn jetzt ein Weiser käm' und sähe, was ich treibe,
Er lachte wohl, wie ich noch gestern lachte, als ich
Das weltentrückte Kind sein Spielzeug herzen sah.
Wie dies, beherrscht auch mich ein unbekannter Trieb.
Vor meinem gläub'gen Aug', wie vor des Kindes, wandelt
Ohn' Unterlass sich die Natur. Denn jeder Strahl,
Der in mein Inn'res fällt, bricht sich in tausend Farben.
Und was ich fasse, seh' ich plötzlich sich verwandeln:
Mein Herz gleicht einem jener alten Kirchenbauten,
In deren hohen Wölbungen der kleinste Laut
Ins Ungeheure wächst. - Irrtum von allen Seiten!
So heißt es denn ihn wollen! Liebe deinen Wahn!
Denn nichts ist wahr! Tu' nichts, als fasse etwas scharf
Ins Aug', schon hast du es vergrößert und verändert.
Betrachten heißt schon nicht mehr bloß gut sehn. Zu mindest
Bedeutet es nur Eins und nicht das Ganze sehen.
Auf einen Punkt wirfst du das Licht, das andre bleibt
Im Dunkeln unentdeckt. So leben wir umschlossen
Von einer engen Welt, in kleinsten Kreis gebannt.
Und leben glücklich, denn wir seh'n in ihm das All,
Da uns die Welt zu enden scheint, wo unser Himmel
Zu Ende geht. - Oft glauben Großes wir vollbracht
Zu haben, und ein Strohhalm war's, den wir bewegten.
Wenn einst von jenem Geist, der sich mit Freuden opfert,
Die Menschheit ganz ergriffen ist, wenn all und jedes
Den Helden fand, der ihm gebührt, wenn alle Menschen
In diesem Erdental mit voller Kraft und Liebe
Und unermüdlich schaffen für ein Ziel, das sich
Ihr Herz erkoren, was gibt ihnen Mut? Ist's nicht,
Weil sie das Ziel, das sie sich setzten, sich verklären?
Der Irrtum ist der Quell, in den sie immer wieder
Hinuntertauchen, um verjüngt emporzusteigen,
Ist ihres Glückes Grund. Denn also will's der Wah'n:
Je schwerer wir ein Ziel erreichen, um so teurer
Und werter erscheint es uns. Wir lieben es am tiefsten,
Wenn es zum Höchsten weist, wenn es der Mühen schwerste
Auf unsre Schultern legt. So schenken wir beständig
Ein Teilchen unsrer Seele allem, was wir lieben,
Und lieben es, weil unser schwärmend Herz es so
Vergoldet. Neu erschaffen fühlen wir die Welt,
Und leihen Schmerz und Lieb' den Dingen, schmücken
Mit unsern Zügen die Natur, die kalt und fühllos,
Und so ertragen wir dies schwere Leben leicht.
Wenn eines Tages sich die Welt dem eignen Aug'
Enthüllte, würde sie nicht ob des eignen Anblicks
Ensetzt erstarr'n? Und müßte sie nicht hilfeflehend
Beschämt im Blick der Menschen sich zu spiegeln suchen,
Um ihre Blöße mit der Menschen Wahn zu decken?
Was trägt die reichste und die schönste Frucht hienieden?
Etwa die Wirklichkeit? Nein, nur das Ideal!
Vergebens stets müht sie sich ab, um die Idee,
Verfolgt von einem Glauben, der sich nie erschöpft,
Entwindet sie sich dennoch immer dem Verfolger,
Schwebt leicht empor und schwindet hin in blaue Fernen.
Ein Mißerfolg ist, streng genommen jeder Fortschritt.
Doch auch der Mißerfolg muß unserm Heile dienen.
Vom Irrtum angestachelt treiben wir uns um
Auf gutes Glück. Doch jeder Irrtum nützt der Menschheit.
Aus unserm Wahn wächst letzten Endes doch die Wahrheit.
Denn mag auch jeder einzelne ein Träumer sein,
Es kommt ein Tag wo jeder Traum zur Wahrheit wird.
Laß ich auch müde und erschöpft die Hände sinken,
Ein andrer wird mein Werk vollziehn. Und falle ich,
In jenem sel'gen Augenblick, in dem sich endlich
Am fernen Horizont die Morgenröte zeigt,
Die ich herbeizuführen mich vergeblich sehnte:
Ein anderer enthüllt vielleicht zur selben Stunde
Dem fernen Osten näher eine neue Sonne,
Vor deren hellem Strahlenkranz mein Licht verblaßt.
Am Horizont verlöschen eine nach der andern
All unsre Sonnen. Ach, sie glänzten hell nur, als sie
Im ersten Frührot siegreich durch den Nebel brachen.
Das bringt uns Leid. Allein, was tuts? Du heil'ges Licht,
Du gibst uns Kraft, indem du Klarheit gibst.
Wenn du nicht müde wirst, vor uns zurückzuweichen,
So wird auch unser Mut nicht müde, dir zu folgen.
Mag auch das Ziel in immer weitre Ferne rücken,
Der Menschen Herz schöpft Kraft aus ihrem Wahn,
Was unsrer trüben Erde, der erloschnen Kugel,
Die ziellos hinschwebt durch den kalten Weltenraum,
Noch einen Schimmer gibt von Größe, ist's allein
Nicht das, daß sie der einz'ge Ort ist, wo man hofft?
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LITERATUR, Ernst Bergmann, Der Begriff der Illusion und des "metaphysischen Wagnisses" in der Philosophie J.-M. Guyaus, in Annalen der Philosophie hrsg. von Hans Vaihinger und Raymund Schmidt, zweiter Band, Heft 2, 1920
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