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Europa
Mythologisch ist die Geschichte Europas die Geschichte einer Entführung, semantisch ist sie die Geschichte einer Vergewaltigung: Kaum ein Begriff wurde mehr mißbraucht als der Begriff "Europa". Er ist eine Sehnsuchtsvokabel für die einen, ein Nostalgiewort für die anderen, eine Beschwörungsformel aber für alle. Auch für laizistische Geister hat er die goldene Aura des christlichen Abendlandes. Vom "gemeinsamen europäischen Haus" hat MICHAIL GORBATSCHOW gesprochen und JAQUES DELORS vom "europäischen Dorf". Von der "Rückkehr nach Europa spricht man in Mitteleuropa, seit es Osteuropa wieder gibt und nicht mehr den "Ostblock". "Mitteleuropa" selbst ist nur eine Etappe gewesen, eine kurzlebig Utopie auf dem Weg in den Westen, wohin heute alles drängt. Von der Festung "Europa" sprechen die Gegner Europas; aber auch die, welche gegen die europäische Einigung sind, wollen doch nur ein "anderes" Europa. So ist "Europa" heute in Europa die vorläufig letzte europäische Utopie. Vergessen wird dabei allzu leicht, daß "Europa" der Wendebegriff par excellence ist: Was eine Metapher für Zerrissenheit war, wurde zur Parole für Einigung. Denn in seiner Geschichte ist Europa immer wieder eine "Schlachtbank" (HEGEL) gewesen, und genau dagegen, gegen seine eigene Geschichte, wurde der Begriff programmatisch mobilisiert. Er wurde zur politischen Pathosformel der Einigung, weil das, was er geographisch bezeichnet, historisch vor allem ein Kriegsschauplatz war. Dies: Das politische Ziel der Vermeidung von Kriegen zwischen den europäischen Mächten, die Subjekte der Kontinentalgeschichte waren, mit Mitteln und auf Basis der politischen Ökonomie des Kapitals nach dem Ende der kolonialen Expansion, als die imperialen Wege abgeschnitten, die europäischen Mächte im Weltmaßstab nur mehr Mittelmächte waren und so nur noch der Weg nach innen offenstand - diese politökonomische Wende des Kontinents aus sich selber hat die europäische Integration immer wieder ein Stück weitergebracht und zu jener Erfolgsstory gemacht, die sie zumindest bisher durchaus war - sie verdankt sich dem "great civilizing influence of capital" (MARX), nicht dem kultur-philosophischen Geschwafel von einer "europäischen Identität", vom "gemeinsamen christlichen Erbe" oder gar von einer "Nation Europa". Was die europäische Integration vorangetrieben hat, war die Faltung des europäischen Kapitalismus auf sich selber, nicht die mobilisierende Kraft einer "Kulturvision" - und dies nicht deshalb, weil es keine Visionen gegeben hätte, sondern umgekehrt: Weil es zu viele gab und zu viele divergente, mit teilweise durchaus anrüchigem Hintergrund. Die noble Idee eines "Paneuropa" spielte allenfalls eine leise Begleitmusik bei Kamingesprächen der Kabinettspolitik, aggressiver und folgenreicher schon war die Idee einer "Nation Europa". So nämlich - "Nation Europa" - lautete der Titel einer elitär aufgezogenen Propagandazeitschrift der Nazis, die sich in erster Linie an die "Kulturträger" der von den deutschen Truppen besetzten westeuropäischen Staaten richtete. Viel Erfolg hatte die Initiative, welche Quislinge und Kollaborateure für ein deutsch hegemoniertes Nach-Endsiegeuropa anwerben sollte, freilich nicht. Sie aber insofern folgenreich, als sie bei vielen linken und liberalen Geistern die "Europaidee" wenn schon nicht nachhaltig desavouierte, so doch ein Mißtrauen fundierte gegen die spätere Europarhetorik im größeren Nachfolgestatt des Deutschen Reichs, der national identitätslos gewordenen Bundesrepublik - und dieses Mißtrauen war nicht nur linkes Ressentiment, sondern hatte durchaus eine sachliche Begründung. Auf Basis einer empirischen Untersuchung erkannte das Frankfurter Institut für Sozialforschung schon 1955 in der pathetischen Rede von "Europa" und der "abendländischen Kultur" eine subtile Anpassung der Rassentheorie an die veränderte politische Lage. "Anstelle der weißen Rasse", schreibt THEODOR W. ADORNO in "Schuld und Abwehr", "setzt der Sprecher die abendländische Kultur. Nicht selten verwandelt sich der faschistische Nationalismus in einen gesamteuropäischen Chauvinismus, so wie es etwa der Titel der Zeitschrift von HANS GRIMM Nation Europa verrät. Das vornehme Wort Kultur tritt an Stelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch." |