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ERNST CASSIRER
Die Sprache
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Begriff der symb. Formen
Religion, Kunst und Mythos
Wer daher mit Verstand reden will, der darf sich durch die Besonderung der Worte nicht täuschen lassen, sondern muß hinter sie zurückdringen.

Im gleichen Sinne wird der physisch-sinnliche Gehalt des Wortes für Platon zum Träger einer ideellen Bedeutung, die als solche doch in die Grenzen der Sprache nicht einzuspannen ist, sondern jenseits ihrer stehen bleibt. Sprache und Wort streben nach dem Ausdruck des reinen Seins; aber sie erreichen ihn niemals, weil sich in ihnen der Bezeichnung dieses reinen Seins immer die Bezeichnung eines anderen, einer zufälligen "Beschaffenheit" des Gegenstandes beimischt. Daher bezeichnet das, was die eigentliche Kraft der Sprache ausmacht, immer auch ihre eigentliche Schwäche, die sie zur Darstellung des höchsten, des wahrhaft philosophischen Erkenntnisgehalts unfähig macht.

Einen anderen Weg der Betrachtung der Sprache scheint der philosophische Empirismus einzuschlagen, indem er, seiner Grundtendenz gemäß, bestrebt ist, das Faktum der Sprache, statt es auf ein logisches Ideal zu beziehen, in seiner einfachen und nüchternen Tatsächlichkeit, in seinem empirischen Ursprung und seinem empirischen Zweck zu begreifen. Statt die Sprache in irgendeine, sei es logische, sei es metaphysische Utopie aufgehen zu lassen, soll sie lediglich in ihrem psychologischen Bestand erkannt und in ihrer psychologischen Leistung gewürdigt werden. Auch in dieser Fassung der Aufgabe übernimmt freilich der Empirismus von den gegnerischen rationalistischen Systemen eine wesentliche Voraussetzung, indem er zunächst die Sprache ausschließlich als ein Mittel der Erkenntnis betrachtet.

LOCKE hebt ausdrücklich hervor, daß sein Plan einer Verstandeskritik ursprünglich den Gedanken einer eigenen Sprachkritik nicht in sich gefaßt habe: erst allmählich habe sich ihm gezeigt, daß die Frage nach der Bedeutung und dem Ursprung der Begriffe sich von der nach dem Ursprung der Benennungen nicht abtrennen lasse. Nachdem aber dieser Zusammenhang einmal erkannt ist, wird jetzt für ihn die Sprache zu einem der wichtigsten Zeugen für die Wahrheit der empiristischen Grundansicht. LEIBNIZ sagt einmal, daß die Natur es liebe, an irgendeinem Punkte ihre letzten Geheimnisse offen darzulegen und sie uns gleichsam in sichtbaren Proben unmittelbar vor Augen zu stellen.

Als eine solche Probe auf seine Gesamtanschauung der geistigen Wirklichkeit sieht LOCKE die Sprache an.
"Es kann uns etwas tiefer in den Ursprung all unserer Begriffe hineinführen" - so beginnt er seine Analyse der Worte - "wenn wir beachten, in welchem Maße unsere Worte von sinnlichen Ideen abhängig sind, und wie auch diejenigen, die dazu bestimmt sind, ganz unsinnliche Vorgänge und Begriffe auszudrücken, dennoch hier ihren Ursprung nehmen und von offenbar sinnlichen Ideen erst auf verwickeltere Begriffe übertragen werden. So sind erfassen, begreifen, vorstellen usw. alles Worte, die von der Wirksamkeit sinnlicher Dinge hergenommen sind, um dann auf bestimmte Operationen unseres Geistes angewandt zu werden. Geist (spirit) ist seiner Grundbedeutung nach dasselbe wie Atem (breath); Engel bedeutet Bote, und ich zweifle nicht, daß wir, wenn wir alle Ausdrücke auf ihre Wurzeln zurückverfolgen könnten, den gleichen Gebrauch sinnlicher Bezeichnungen für unsinnliche Dinge in allen Sprachen finden würden.

Daraus können wir einen Schluß darauf ziehen, von welcher Art und Herkunft die Begriffe waren, die den Geist der ersten Sprachbildner erfüllten und wie die Natur sogar in der Benennung der Dinge dem Menschen unmerklich die Ursprünge und die Prinzipien all seiner Erkenntnis andeutete. Denn alle Ideen, die wir haben, stammen entweder von sinnlichen Gegenständen außer uns oder aus der inneren Tätigkeit unseres Geistes, deren wir uns unmittelbar bewußt werden."
Damit ist die systematische Grundthese bezeichnet, auf die sich alle Erörterung des Sprachproblems innerhalb des Empirismus mittelbar oder unmittelbar bezieht. Die Analyse der Sprache ist auch hier nicht Selbstzweck, sondern sie soll nur dem eigentlichen Hauptproblem, der Analyse der Ideen, als Mittel und als Vorbereitung dienen. Denn alle sprachlichen Benennungen dienen niemals unmittelbar dem Ausdruck der Dinge selbst, sondern sie beziehen sich einzig auf die Ideen des Geistes, auf die eigenen Vorstellungen des Sprechenden. Dies wird, als allgemeinster Grundsatz aller Sprachbetrachtung, schon von Ho bbes formuliert, der damit die Sprachphilosophie dem Kreis und der Herrschaft der Metaphysik endgültig entzogen zu haben glaubt. Da die Namen Zeichen der Begriffe, nicht Zeichen der Gegenstände selbst sind, so fallt aller Streit, ob sie die Materie oder die Form der Dinge oder etwas aus beiden Zusammengesetzes bezeichnen, als eine leere metaphysische Frage hinweg.

LOCKE fußt auf dieser Entscheidung, zu der er immer wieder zurückkehrt und die er nach allen Seiten hin ausspinnt. In der Einheit des Wortes - so betont auch er - drückt sich niemals die Natur der Gegenstände selbst, sondern immer nur die subjektive Art aus, in der der menschliche Geist bei der Zusammenfassung seiner einfachen sinnlichen Ideen verfährt. Durch irgendein substantielles Vorbild, durch irgendeine reale Wesenheit der Dinge ist der Geist bei dieser Zusammenfassung nicht gebunden. Er kann nach freier Willkür bald den einen, bald den anderen Vorstellungsinhalt stärker betonen, bald diese, bald jene Gruppen einfacher Elemente zu Gesamtverbänden vereinen.

Je nachdem hierbei die Verbindungslinien verschieden gezogen und die Trennungspunkte verschieden gesetzt werden, sondern sich die verschiedenen Klassen der sprachlichen Begriffe und Bedeutungen, die somit immer nur ein Spiegelbild eben dieses subjektiven Verfahrens der Verbindung und Trennung selbst, nicht aber der objektiven Beschaffenheit des Seins und seines Aufbaus nach realen Arten und Gattungen, nach logisch-metaphysischen Genera und Species, sein können. Die Lehre von der Definition nimmt damit dem Rationalismus gegenüber eine neue Wendung.

Der Gegensatz von Nominaldefinition und Realdefinition, von Worterklärung und Sacherklärung fällt weg: denn jede Definition kann nur beanspruchen, eine Umschreibung des Namens des Dinges, nicht eine Darstellung seines ontologischen Bestandes und seiner ontologischen Konstitution zu sein. Denn nicht nur ist uns die Natur jedes Wesens im besonderen unbekannt, sondern wir können auch mit dem allgemeinen Begriff dessen, was ein Ding an sich selbst sein soll, keine bestimmte Vorstellung verbinden.

Der einzige Begriff der "Natur" eines Dinges, mit dem wir einen klaren Sinn verknüpfen können, hat keine absolute, sondern eine nur relative Bedeutung; er schließt eine Beziehung auf uns selbst, auf unsere seelische Organisation und unsere Erkenntniskräfte in sich. Die Natur eines Dinges bestimmen heißt für uns nichts anderes, als die einfachen Ideen zu entwickeln, die in ihm enthalten sind und die in seine Gesamtvorstellung als Elemente eingehen.

So scheint diese Grundansicht, ihrem Ausdruck nach, freilich wieder zu der Leibnizischen Form der Analyse und zu der LEIBNIZschen Forderung eines allgemeinen "Gedankenalphabets" zurückzulenken - aber hinter dieser Einheit des Ausdrucks verbirgt sich ein scharfer systematischer Gegensatz. Denn zwischen beiden Auffassungen der Sprache und der Erkenntnis steht nun der entscheidende geistige Bedeutungswandel, der sich im Terminus der "Idee" selbst vollzogen hat. Auf der einen Seite wird die Idee in ihrem objektiv-logischen, auf der anderen in ihrem subjektiv -psychologischen Sinne gefaßt ; auf der einen Seite steht ihr ursprünglicher PLATONischer, auf der anderen Seite ihr modern-empiristischer und sensualistischer Begriff. Dort bedeutet die Auflösung aller Inhalte der Erkenntnis in ihre einfachen Ideen und deren Bezeichnung den Rückgang auf letzte und allgemeingültige Prinzipien des Wissens; hier steht sie für die Ableitung aller komplexen geistigen Gebilde aus den unmittelbaren Gegebenheiten des inneren oder äußeren Sinnes, aus den Elementen der "Sensation" und Reflexion".

Damit aber ist auch die Objektivität der Sprache, wie die der Erkenntnis überhaupt, in einem ganz neuen Sinne zum Problem geworden. Für LEIBNIZ und für den gesamten Rationalismus ist das ideelle Sein der Begriffe und das reale der Dinge durch eine unlösliche Korrelation verknüpft: denn "Wahrheit" und "Wirklichkeit" sind in ihrem Grund und in ihrer letzten Wurzel eins. Alles empirische Dasein und alles empirische Geschehen ist in sich derart verknüpft und geordnet, wie die intelligiblen Wahrheiten es fordern: - und eben hierin besteht seine Wirklichkeit, besteht das, was Schein und Sein, Realität und Traum voneinander unterscheidet. Diese Wechselbeziehung, diese "prästabilierte Harmonie" zwischen dem Ideellen und dem Reellen, zwischen dem Bereich der allgemeingültigen und notwendigen Wahrheiten und dem des besonderen und faktischen Seins ist für den Empirismus aufgehoben.

Je schärfer er die Sprache nicht als Ausdruck der Dinge, sondern als Ausdruck der Begriffe nimmt, um so bestimmter und gebieterischer muß sich daher für ihn die Frage erheben, ob nicht das neue geistige Medium, das hier anerkannt ist, die letzten wirklichen Elemente des Seins, statt sie zu bezeichnen, vielmehr verfälscht. Von BACON bis zu HOBBES und LOCKE kann man fortschreitend die Entwicklung und die immer schärfere Zuspitzung dieser Frage verfolgen, bis sie zuletzt bei BERKELEY in voller Klarheit vor uns steht. Für LOCKE ist der Erkenntnis, so sehr er sie in den besonderen Daten der Sinnes- und Selbstwahrnehmung gegründet sein läßt, doch eine Tendenz zur "Allgemeinheit" eigen: und dieser Tendenz auf das Allgemeine der Erkenntnis kommt die Allgemeinheit des Wortes entgegen. Das abstrakte Wort wird zum Ausdruck der "abstrakten allgemeinen Idee", die hier noch, neben den Einzelempfindungen, als eine psychische Wirklichkeit von eigener Art und von selbständiger Bedeutung anerkannt wird.

Der Fortschritt und die Konsequenz der sensualistischen Ansicht aber führt notwendig auch über diese relative Anerkennung und diese wenigstens mittelbare Duldung des "Allgemeinen" hinaus. Das Allgemeine hat so wenig im Bereich der Ideen, wie in dem der Dinge irgendeinen wahrhaften und gegründeten Bestand. Damit aber steht nun das Wort und die Sprache überhaupt gleichsam völlig im Leeren. Für das, was in ihnen ausgesprochen ist, findet sich weder im physischen, noch im psychischen Sein, weder in den Dingen, noch in den Ideen irgend ein Vorbild oder "Archetyp". Alle Wirklichkeit - die seelische so gut wie die physische - ist ihrem Wesen nach konkrete, individuell bestimmte Wirklichkeit: um zu ihrer Anschauung vorzudringen, müssen wir uns daher vor allem der falschen und trügerischen, der "abstrakten" Allgemeinheit des Wortes entledigen. Mit aller Entschiedenheit wird diese Folgerung von BERKELEY gezogen.

Jede Reform der Philosophie muß sich in erster Linie auf einer Kritik der Sprache aufbauen, muß vor allen Dingen die Illusion wegräumen, in der sie den menschlichen Geist seit jeher gefangen hält.
"Es kann nicht geleugnet werden, daß Worte trefflich dazu dienen, den ganzen Vorrat von Kenntnissen, der durch die vereinten Bemühungen von Forschern aller Zeiten und Volker gewonnen worden ist, in den Gesichtskreis eines jedes Einzelnen zu ziehen und ihn in seinen Besitz zu bringen. Zugleich aber muß anerkannt werden, daß die meisten Teile des Wissens durch den Mißbrauch von Worten und allgemeinen Redeweisen erstaunlich verwirrt und verdunkelt worden sind. Es wäre daher zu wünschen, daß ein jeder so sehr als möglich sich bemühte, eine klare Einsicht in die Ideen zu gewinnen, die er betrachten will, indem er von denselben alle die Bekleidung und all den beschwerlichen Anhang von Worten abtrennt, der so sehr dazu beiträgt, das Urteil zu trüben und die Aufmerksamkeit zu teilen.

Vergeblich erweitern wir unseren Blick in die himmlischen Räume und erspähen das Innere der Erde; vergeblich ziehen wir die Schriften gelehrter Männer zu Rate und verfolgen die dunklen Spuren des Altertums ; wir brauchten nur den Vorhang von Worten wegzuziehen, um klar und rein den Baum der Erkenntnis zu erblicken, dessen Frucht vortrefflich und unserer Hand erreichbar ist."
Aber diese radikale Kritik der Sprache enthält freilich, näher betrach-tet, mittelbar zugleich eine Kritik des sensualistischen Erkenntnisideals, auf das sie sich stützt. Von Locke zu Berkeley hat sich in der Stellung des Empirismus zum Sprachproblem eine eigentümliche Umkehr vollzogen. Wenn Locke in der Sprache seine Grundansicht der Erkenntnis bestätigt und beglaubigt fand, -wenn er sie zum Zeugen für seine allgemeine These aufrief, daß nichts im Verstande sein könne, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen sei: so zeigt sich jetzt vielmehr, daß die eigentliche und wesentliche Funktion des Wortes innerhalb des sensualistischen Systems keinen Raum hat.

Soll dieses System aufrecht erhalten werden, so bleibt kein anderes Mittel, als diese Funktion zu bestreiten und auszuschalten. Die Struktur der Sprache wird jetzt nicht als Erläuterung der Struktur der Erkenntnis gebraucht, sondern sie bildet zu ihr das genaue Widerspiel. Weit entfernt, einen auch nur bedingten und relativen Wahrheitsgehalt in sich zu schließen, ist die Sprache vielmehr der Zauberspiegel, der uns die wahren Formen des Seins nur in eigentümlicher Verfälschung und Verzerrung erkennen läßt.

Hier hat sich innerhalb des Empirismus selbst eine dialektische Entwicklung und eine dialektische Umkehr vollzogen, die am deutlichsten und schlagendsten heraustritt, wenn man die beiden geschichtlichen Extreme der empiristischen Sprachphilosophie einander gegenüberstellt. Wenn BERKELEY den Wahrheits- und Erkenntnisgehalt der Sprache aufzuheben strebt, wenn er in ihr den Grund alles Irrtums und aller Selbsttäuschung des menschlichen Geistes sieht, so war bei HOBBES der Sprache nicht nur Wahrheit, sondern - alle Wahrheit zugesprochen worden. HOBBES Wahrheitsbegriff gipfelt in der These, daß Wahrheit nicht in den Dingen, sondern einzig und allein in den Worten und im Gebrauch der Worte liege: veritas in dicto, non in re consistiit.

Die Dinge sind und bestehen als reale Einzelheiten, von denen uns in den konkreten sinnlich einzelnen Empfindungen Kunde wird. Aber weder das einzelne Ding, noch die einzelne Empfindung kann jemals den wahrhaften Gegenstand des Wissens ausmachen: denn jedes Wissen, das diesen Namen verdient, will statt bloß historischer Kenntnis des Besonderen, vielmehr philosophische, d.h. notwendige Erkenntnis des Allgemeinen sein. Wenn daher die Sinnlichkeit und das Gedächtnis sich im Faktischen beschränken, so geht alle Wissenschaft auf allgemeine Beziehungen und Schlußfolgerungen, auf deduktive Verknüpfungen. Das Organ und das Instrument aber, dessen sie sich hierbei bedient, kann kein anderes als das Wort sein. Denn deduktive Einsicht kann unser Geist nur von denjenigen Inhalten erwerben, die ihm nicht, gleich den Dingen oder den sinnlichen Empfindungen, von außen her gegeben sind, sondern die er selbst erschafft und von sich aus frei hervorbringt.

olche Freiheit aber eignet ihm nicht gegenüber den wirklichen Gegenständen der Natur, sondern nur gegenüber ihren ideellen Stellvertretern, gegenüber den Bezeichnungen und Benennungen. Die Schaffung eines Systems von Namen ist daher nicht nur eine Vorbedingung für jedes System des Wissens - sondern alles wahrhafte Wissen geht in einer solchen Schöpfung von Namen und in ihrer Verknüpfung zu Sätzen und Urteilen auf. Wahrheit und Falschheit sind demgemäß nicht Attribute der Dinge, sondern Attribute der Rede - und ein Geist, der der Rede entbehrte wäre daher auch dieser Attribute, wäre der gesamten Unterscheidung und Entgegensetzung des "Wahren" und "Falschen" nicht mächtig. Für HOBBES ist daher die Sprache nur insofern eine Quelle des Irrtums, als sie zugleich, gemäß seiner nominalistischen Grundansicht, die Bedingung der begrifflichen Erkenntnis überhaupt, somit die Quelle aller Allgemeingültigkeit und aller Wahrheit ist.

Stehen die Sprachbegriffe nicht einfach als Zeichen für objektive Gegenstände und Vorgänge, sondern als Zeichen für die Vorstellung, die wir uns von ihnen bilden, so muß sich in ihnen notwendig nicht sowohl die Beschaffenheit der Dinge, als die individuelle Art und Richtung der Auffassung der Dinge widerspiegeln. Diese wird sich mit besonderem Nachdruck dort geltend machen, wo es sich nicht darum handelt, einfache sinnliche Eindrücke im Laut festzuhalten, sondern wo das Wort als Ausdruck einer komplexen Gesamtvorstellung dient.

Hier stehen wir, wie man sieht, an der Stelle, an der im System des Empirismus die Spontaneität des Geistes ihre, wenngleich vorläufig nur bedingte und mittelbare, Anerkennung findet. Und diese wesentliche Ein-schränkung der Abbildtheorie der Erkenntnis muß nun sofort auf die Gesamtanschauung der Sprache zurückwirken. Wenn die Sprache in ihren komplexen Begriffsworten nicht sowohl ein Spiegelbild des sinnlichen Daseins, als vielmehr ein Spiegelbild geistiger Operationen ist, so wird diese Spiegelung sich auf unendlich vielfältige und verschiedenartige Weise vollziehen können und müssen.

Ist der Gehalt und Ausdruck des Begriffs nicht von der Materie der einzelnen sinnlichen Vorstellungen, sondern von der Form ihrer Verknüpfung abhängig, so stellt im Grunde jeder neue sprachliche Begriffeme neue geistige Schöpfung dar. Kein Begriff der einen Sprache ist daher schlechthin in den einer anderen "übertragbar". Schon Locke besteht auf dieser Schlußfolgerung; schon er betont, daß, bei genauer Vergleichung verschiedener Sprachen, sich in ihnen fast niemals Worte finden werden, die einander völlig entsprechen und sich in der ganzen Sphäre ihres Sinnes miteinander vollkommen decken werden. Damit aber ist von einer neuen Seite her das Problem einer schlechthin "allgemeinen" Grammatik als Trugbild erwiesen. Immer schärfer erhebt sich die Forderung, statt einer solchen allgemeinen Grammatik vielmehr die besondere Stilistik jeder Einzelsprache zu suchen und sie in ihrer Eigentümlichkeit zu begreifen.

Das Zentrum der Sprachbetrachtung wird damit von der Logik nicht nur nach der Seite der Psychologie, sondern nach der Ästhetik hin verschoben. Dies tritt besonders deutlich bei demjenigen Denker hervor, der, wie kein anderer innerhalb des empiristischen Kreises, mit der Schärfe und Klarheit der logischen Analyse das lebendigste Gefühl für Individualität, für die feinsten Schattierungen und Nuancierungen des ästhetischen Ausdrucks verbindet. DIDEROT greift in seinem "Brief über die Taubstummen" die Bemerkung LOCKEs auf; - aber was bei diesem ein vereinzeltes Apercu gewesen war, das wird jetzt durch eine Fülle konkreter Beispiele aus dem Gebiet des sprachlichen und insbesondere des sprachkünstlerischen Ausdruckes belegt und in einem Stil dargestellt, der selbst der unmittelbare Beweis dafür ist, wie jede wahrhaft originale geistige Form sich die ihr gemäße Sprachform erschafft.

Von einer ganz bestimmten stilistischen Einzelfrage, vom Problem der sprachlichen "Inversion" ausgehend, dringt DIDEROT methodisch und doch in freiester Gedankenbewegung zum Problem der Individualität der Sprachform vor. Wie LESSINGem class=cap>HERKULES seine Keule nehmen lasse, als dem HOMER oder SHAKESPEARE ein einziger Vers - so geht auch DIDEROT von diesem Worte aus. Das Werk eines wahrhaften Dichters ist und bleibt unübersetzbar - man mag den Gedanken wiedergeben, man wird vielleicht das Glück haben, hie und da einen gleichwertigen Ausdruck zu finden; aber die Gesamtdarstellung, der Ton und Klang des Ganzen, bleibt immer eine einzigesubtileund unübertragbare "Hieroglyphe".

Und eine solche Hieroglyphe, ein solches Form- und Stilgesetz ist nicht nur in jeder besonderen Kunst, in der Musik, in der Malerei, in der Plastik verwirklicht, sondern sie beherrscht auch jede besondere Sprache und drückt ihr das geistige Siegel, das Gedankengepräge wie das Gefühlsgepräge auf.
LITERATUR - Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, Bd.1 Die Sprache, Oxford 1954