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GUSTAVE Le BON
Die Ideen der Massen

"Man darf nicht glauben, eine Idee könne durch den Beweis ihrer Richtigkeit selbst bei gebildeten Geistern Wirkungen erzielen. Man wird davon überzeugt, wenn man sieht, wie wenig Einfluß die klarste Beweisführung auf die Mehrzahl der Menschen hat."

In unseren Tagen geraten die Grundanschauungen, von denen unsere Väter lebten, immer mehr ins Wanken, und gleichzeitig erweisen sich die Einrichtungen, die auf ihnen beruhen, als völlig erschüttert. Täglich bilden sich vielen jener kleinen flüchtigen Ideen, von denen ich eben sprach; aber nur wenige von ihnen scheinen überwiegenden Einfluß zu gewinnen.

Welche Ideen den Massen auch suggeriert werden mögen, zur Wirkung können sie nur kommen, wenn sie in sehr einfacher Form aufzunehmen sind und sich in ihrem Geist in bildhafter Erscheinung widerspiegeln. Kein Band logischer Übereinstimmung und Folgerichtigkeit verbinden diese Vorstellungsbilder miteinander; sie könnten einandern vertreten wie die Gläser der  Laterna magica,  die der Vorführer der Schachtel entnimmt, in der sie übereinander geschichtet lagen. Man wird also einsehen, daß in der Masse die entgegengesetzten Vorstellungen einander folgen. Unter dem Einfluß einer der verschiedenen in ihrem Verstand aufgespeicherten Ideen folgt die Masse dem Zufall des Augenblicks und wird infolgedessen die verschiedenartigsten Taten begehen. Der völlige Mangel an kritischem Geist läßt sie die Widersprüche nicht sehen.

Diese Erscheinung tritt übrigens nicht nur bei den Massen auf. Man trifft sie auch bei vielen einzelnen, nicht nur bei Primitiven. Ich habe es bei gelehrten Hindus, die an unseren europäischen Universitäten studierten und promovierten, beobachtet. Ohne die feste Grundlage ihrer ererbten religiösen oder sozialen Ideen im geringsten zu beeinträchtigen, hatte sich darüber eine Schicht abendländischer, mit jenen nicht verwandter Anschauungen gelegt. Bei zufälligen Gelegenheiten kamen nun bald diese, bald jene in Worten oder Taten zum Vorschein, und derselbe Mensch zeigte so die offensichtlichsten Widersprüche. Freilich Widersprüche mehr scheinbarer als wirklicher Art, denn nur die ererbten Vorstellungen sind beim einzelnen mächtig genug, um zu Triebkräften seines Verhaltens zu werden. Nur dann, wenn der Mensch infolge von Kreuzungen aus verschiedenen Erbmassen beeinflußt wird, können sich seine Handlungen wirklich von einem Augenblick zum anderen völlig widersprechen. Es ist unnötig, diese Erscheinungen hier besonders zu betonen, obwohl sie von wesentlicher psychologischer Bedeutung sind. Meiner Meinung nach bedarf es zu ihrem Verständnis wenigsten zehnjähriger Reisen und Beobachtungen.

Da die Ideen den Massen nur in sehr einfacher Gestalt zugänglich sind, müssen sie sich, um volkstümlich zu werden, oft völlig umformen. Wenn es sich um hochwertige philosophische oder wissenschaftliche Ideen handelt, kann man die grundlegenden Veränderungen feststellen, deren sie bedürfen, um von Stufe zu Stufe bis zum Standort der Massen hinabzusteigen. Diese Veränderungen sind besonders abhängig von der Rasse, der die Masse angehört, doch sie verkleinern oder vereinfachen stets. Daher gibt es in Wahrheit vom sozialen Gesichtspunkt keine Rangordnung der Ideen, d.h. mehr oder weniger hohe Anschauungen. Schon durch die Tatsache, daß eine Idee zu den Massen gelangt und hier zu wirken vermag, wird sie beinahe all dessen entkleidet, was ihre Größe und Erhabenheit ausmachte.

Der Wert einer Idee ihrer Rangordnung nach ist übrigens bedeutungslos; nur die von ihr erzeugten Wirkungen sind zu beachten. Die christlichen Ideen des Mittelalters, die demokratischen Ideen des 18. Jahrhunderts, die sozialistischen Ideen der Gegenwart stehen gewiß nicht besonders hoch, man kann sie in philosophischer Beziehung als ziemlich armselige Irrtümer betrachten, aber ihre Bedeutung war und ist ungeheuer, und noch lange werden sie die wesentlichsten Mittel zur Führung der Staaten bleiben.

Aber selbst wenn die Idee die Veränderung durchgemacht hat, durch die sie - durch verschiedene Vorgänge, die noch zu erforschen sind - in das Unbewußte eingedrungen und zu einem Gefühl geworden ist. Diese Umwandlung dauert im allgemeinen sehr lange.

Man darf nicht glauben, eine Idee könne durch den Beweis ihrer Richtigkeit selbst bei gebildeten Geistern Wirkungen erzielen. Man wird davon überzeugt, wenn man sieht, wie wenig Einfluß die klarste Beweisführung auf die Mehrzahl der Menschen hat. Der unumstößliche Beweis kann von einem geübten Zuhörer angenommen worden sein, aber das Unbewußte in ihm wird ihn schnell zu seinen ursprünglichen Anschauungen zurückführen. Sehen wir ihn nach einigen Tagen wieder, wird er aufs neue mit genau denselben Worten seine Einwände vorbringen. Er steht tatsächlich unter dem Einfluß früherer Anschauungen, die aus Gefühlen gewachsen sind; und nur  sie  wirken auf die Motive unserer Worte und Taten.

Hat sich aber eine Idee endlich in die Seele der Massen eingegraben, dann entwickelt sie eine unwiderstehliche Macht, und es ergibt sich eine ganze Reihe von Wirkungen. Die philosophischen Ideen, die zur Französischen Revolution führten, brauchten fast ein Jahrhundert, um in der Volksseele Wurzel zu fassen. Man weiß, welche unwiderstehliche Gewalt sie dann entfalteten. Der Ansturm eines ganzen Volkes zur Eroberung der sozialen Gleichheit, zur Verwirklichung begrifflicher Rechte und idealer Freiheiten erschüttert die abendländische Welt bis auf den Grund. Zwanzig Jahre lang fielen die Völker übereinander her, und Europa lernte Hekatomben kennen, die mit denen des DSCHINGIS KHAN und TAMERLAN zu vergleichen sind. Nie trat so klar zutage, was die Leidenschaft der Ideen, die die Fähigkeit haben, die Richtung der Gefühle zu ändern, hervorbringen kann.

Ideen brauchen lange Zeit, um sich in der Masse festzusetzen, und sie brauchen weniger Zeit, um wieder daraus zu verschwinden. Auch sind die Massen in bezug auf Ideen immer mehrere Generationen hinter den Wissenschaftlern und Philosophen zurück. Alle Staatsmänner wissen heute, wieviel Irrtum in den Grundideen steckt, die ich soeben anführte; da aber ihr Einfluß noch sehr stark ist, so sind sie genötigt, nach Grundsätzen zu regieren, an deren Wahrheit sie nicht mehr glauben.


Die Urteile der Massen

Man kann nicht mit unbedingter Bestimmtheit sagen, daß Massen durch Schlußfolgerungen nicht zu beeinflußen wären. Aber die Beweise, die sie anwenden, und die, welche auf sie wirken, scheinen vom Standpunkt der Logik so untergeordneter Art, daß man sie allein mit Hilfe der Analogie als Schlüsse gelten lassen kann.

Die untergeordneten Schlußfolgerungen beruhen ebenso wie die höherentwickelten auf Ideenverbindungen: aber die von den Massen in Verbindung gebrachten Ideen sind nur durch Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge verknüpft. Sie verketten sich wie die eines Eskimo, der aus Erfahrung weiß, daß das Eis, ein durchsichtiger Körper, im Munde schmilzt, und der daraus schließt, das Glas, ebenfalls ein durchsichtiger Körper, auch im Munde schmelzen müsse; oder wie die des Wilden, der sich einbildet, wenn er das Herz eines tapferen Feindes verzehre, erwerbe er dessen Tapferkeit; oder auch wie die des Arbeiters, der von seinem Arbeitgeber ausgebeutet wurde und daraus schließt, daß alle Unternehmer Ausbeuter seien.

Verknüpfung ähnlicher Dinge, wenn sie auch nur oberflächliche Beziehungen zueinander haben, und vorschnelle Verallgemeinerungen von Einzelfällen, das sind die Merkmale der Massenlogik. Schlußfolgerungen solcher Art werden den Massen durch geschickte Redner immer wieder vorgesetzt. Von ihnen allein lassen sie sich beeinflußen. Eine logische Kette unumstößlicher Urteile würde für die Massen völlig unfaßbar sein, und deshalb darf man sagen, daß sie gar nicht oder falsch urteilen und durch Logik nicht zu beeinflußen sind. Oft staunen wir beim Lesen über die Schwäche gewisser Reden, die ungeheuren Eindruck auf ihre Zuhörer gemacht haben; aber man vergißt, daß sie dazu bestimmt waren, Massen hinzureißen und nicht dazu, von Philosophen gelesen zu werden. Der Redner, der mit der Masse in inniger Verbindung steht, weiß die Bilder hervorzurufen, durch die sie verführt wird. Gelingt es ihm, so ist sein Ziel erreicht, und ein Band voll Reden wiegt die wenigen Phrasen nicht auf, durch die es gelang, die Seelen so zu verführen, daß sie sich überzeugen ließen.

Es ist überflüssig zu bemerken, daß die Unfähigkeit der Massen, richtig zu urteilen, ihnen jede Möglichkeit kritischen Geistes raubt, das heißt, die Fähigkeit, Wahrheit und Irrtum voneinander zu unterscheiden und ein scharfes Urteil abzugeben. Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängt, niemals geprüfte Urteile. Viele einzelne erheben sich in dieser Beziehung nicht über die Masse. Die Leichtigkeit, mit der gewisse Meinungen allgemein werden, hängt vor allem mit der Unfähigkeit der meisten Menschen zusammen, sich auf Grund ihrer besonderen Schlüsse eine eigene Meinung zu bilden.


Die Einbildungskraft der Massen

Die auffallende Einbildungskraft der Massen ist, wie bei allen Wesen, für die logisches Denken nicht in Frage kommt, leicht aufs tiefste zu erregen. Die Bilder, die in ihrem Geist durch eine Person, ein Ereignis, einen Unglücksfall hervorgerufen werden, sind fast so lebendig, wie die wirklichen Dinge. Die Massen befinden sich ungefähr in der Lage eines Schläfers, dessen Denkvermögen im Augenblick aufgehoben ist, so daß in seinem Geist Bilder von äußerster Heftigkeit aufsteigen, die sich aber schnell verflüchtigen würden, wenn die Überlegung mitzureden hätte. Für die Massen, die weder zur Überlegung noch zum logischen Denken fähig sind, gibt es nichts Unwahrscheinliches. Vielmehr, die unwahrscheinlichsten Dinge sind in der Regel die auffallendsten.

Daher werden die Massen stets durch die wunderbaren und legendären Seiten der Ereignisse am stärksten ergriffen. Das Wunderbare und Legendäre sind tatsächlich die wahren Stützen einer Kultur. Der Schein hat in der Geschichte stets eine größere Rolle gespielt als das Sein. Das Unwirkliche hat stets den Vorrang vor dem Wirklichen.

Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen. Nur diese schrecken oder verführen sie und werden zu Ursachen ihrer Taten. Darum haben auch Theatervorstellungen, die das Bild in seiner klarsten Form geben, stets einen ungeheuren Einfluß auf die Massen. Für den römischen Pöbel bildeten einst Brot und Spiele das Glücksideal. Dies Ideal hat sich im Laufe der Zeiten wenig geändert. Nichts erregt die Phantasie des Volkes so stark wie ein Theaterstück. Alle Versammelten empfinden gleichzeitig dieselben Gefühle, und wenn sie sich nicht sofort in Taten umsetzen, so geschieht das nur, weil auch der unbewußte Zuschauer nicht im Zweifel sein kann, daß er das Opfer einer Täuschung ist und über eingebildete Abenteuer geweint oder gelacht hat.

Manchmal jedoch sind die Gefühle, die durch diese Bilder suggeriert werden, stark genug, um wie die gewöhnlichen Suggestionen danach zu streben, sich in Taten umzusetzen. Man hat schon oft die Geschichte von jenem Volkstheater erzählt, das den Schauspieler, der den Verräter spielte, nach Schluß der Vorstellung schützen mußte, um ihn den Angriffen der über seine vermeintlichen Verbrechen empörten Zuschauer zu entziehen. Das ist meiner Meinung nach eins der treffendsten Beispiele für den geistigen Zustand der Massen, und besonders für die Leichtigkeit, mit der man sie beeinflußt. Das Unwirkliche ist in ihren Augen fast ebenso wichtig wie das Wirkliche. Sie haben eine auffallende Neigung, keinen Unterschied zu machen.

In der Phantasie des Volkes ist die Macht der Eroberer und die Kraft der Staaten begründet. Wenn man auf sie Eindruck macht, reißt man die Massen mit. Alle bedeutenden geschichtlichen Ereignisse, die Entstehung des Buddhismus, des Christentums, des Islam, der Reformation, der Revolution und in unserer Zeit das drohende Hereinbrechen des Sozialismus sind die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen starker Eindrücke auf die Phantasie der Massen.

Auch die großen Staatsmänner aller Zeiten und Länder, die unumschränkten Gewaltherrscher einbegriffen, haben die Volksphantasie als Stütze ihrer Macht betrachtet. Niemals haben sie versucht, gegen sie zu regieren. "Ich habe den Krieg in der Vendèe beendigt, indem ich katholisch wurde", sagte NAPOLEON im Staatsrat, "in Ägypten habe ich dadurch Fuß gefaßt, daß ich mich zum Mohammedaner machte, und die italienischen Priester gewann ich, indem ich ultramontan wurde. Wenn ich über ein jüdisches Volk herrschte, würde ich den Salomonischen Tempel wieder aufbauen lassen." Seit ALEXANDER und CÄSAR hat es vielleicht niemals ein großer Mann besser verstanden, Eindruck auf die Massenseele zu machen; es war NAPOLEONs ständige Sorge, sie zu beeinflussen. Von ihr träumte er bei seinen Siegen, in seinen Reden, seinen Abhandlungen, bei all seinen Taten - und noch auf seinem Totenbett träumte er davon.

Wie macht man Eindruck auf die Phantasie der Massen? Wir werden es gleich sehen. Einstweilen sei nur gesagt, daß dieser Zweck nie durch den Versuch erreicht wird, auf Geist und Vernunft zu wirken. ANTONIUS brauchte keine gelehrte Rhetorik, um das Volk gegen CÄSARs Mörder aufzuwiegeln. Er las ihnen CÄSARs Testament vor und zeigte ihnen seinen Leichnam.

Alles, was die Phantasie der Massen erregt, erscheint in der Form eines packenden, klaren Bildes, das frei ist von jedem Deutungszubehör und nur durch einige wunderbare Tatsachen gestützt: einen großen Sieg, ein großes Wunder, ein großes Verbrechen, eine große Hoffnung. Sie pflegt die Dinge in Bausch und Bogen aufzunehmen und ohne jemals ihre Entwicklung zu beachten. Hundert kleine Verbrechen oder hundert kleine Unfälle werden auf die Phantasie der Massen oft nicht die geringste Wirkung ausüben; wohl aber wird sie durch ein einziges unerhörtes Verbrechen, ein einziges großes Unglück tief erschüttert, wenn es auch viel weniger blutig ist als die hundert kleinen Unfälle zusammengenommen. Die große Grippe-Epidemie, an der vor einigen Jahren in Paris fünftausend Menschen innerhalb weniger Wochen starben, machte auf die Volksphantasie wenig Eindruck. Freilich wandelte sich diese Hekatombe im wahrsten Sinne nicht in einige sichtbare Bilder, sondern nur in die täglichen statistischen Berichte um. Ein Unglücksfall, der statt fünftausend nur fünfhundert Menschenleben kostet, aber an einem einzigen Tage, auf einem öffentlichen Platz, in einem sichtbaren Geschehnis einträte, z.B. der Einsturz des Eiffelturms würde einen ungeheuren Eindruck auf die Einbildungskraft gemacht haben. Der mutmaßliche Verlust eines Ozeandampfers, von dem man irrtümlich glaubte, er sei auf hoher See untergegangen, erregte die Massenphantasie acht Tage lang außerordentlich. Die Statistik zeigt nun aber, daß in demselben Jahre tausend große Schiffe Schiffbruch erlitten. Aber um diese allmählichen Verluste, die auf andre Art recht erheblich Opfer an Menschenleben und Handelswerten forderten, kümmerten sich die Massen keinen Augenblick.

Also nicht die Tatsachen als solche erregen die Volksphantasie, sondern die Art und Weise, wie sie sich vollziehen. Sie müssen durch Verdichtung - wenn ich so sagen darf - ein packendes Bild hervorbringen, das den Geist erfüllt und ergreift. Die Kunst, die Einbildungskraft der Massen zu erregen, ist die Kunst, sie zu regieren.


Die religiösen Formen der Massenüberzeugungen

Wir haben gesehen, daß die Massen nicht überlegen, daß sie Ideen in Bausch und Bogen annehmen oder verwerfen, weder Auseinandersetzung noch Widerspruch dulden, und daß die Einflüsse, die auf sie wirken, den Bereich ihrer Vernunft gänzlich erfüllen und danach streben, sich sogleich in die Tat umzusetzen. Wir haben gezeigt, daß die entsprechend beeinflußten Massen bereit sind, sich für das Ideal zu opfern, das man ihnen suggeriert hat. Wir haben schließlich festgestellt, daß sie nur heftige und extreme Gefühle kennen. Die Zuneigung wird bei ihnen schnell zur Anbetung, und kaum geborene Abneigung wandelt sich in Haß. Diese allgemeinen Merkmale lassen uns die Art ihrer Überzeugungen ahnen.

Die nähere Untersuchung der Überzeugungen der Masse, sowohl in den Zeiten des Glaubens, als in den großen politischen Erhebungen, wie etwa im vorigen Jahrhundert, ergibt, daß diese Überzeugungen stets eine besondere Form aufweisen, die ich nicht besser zu bezeichnen weiß als mit dem Namen des religiösen Gefühls.

Dies Gefühl, besitzt sehr einfache Kennzeichen: Anbetung eines vermeintlich höheren Wesens, Furcht vor der Gewalt, die ihm zugeschrieben wird, blinde Unterwerfung unter seine Befehle, Unfähigkeit, seinen Glaubenslehren zu untersuchen, die Bestrebung, sie zu verbreiten, die Neigung, alle als Feinde zu betrachten, die sie nicht annehmen. Ob sich ein derartiges Gefühl auf einen unsichtbaren Gott, auf ein steinernes Idol, auf einen Helden oder auf eine politische Idee richtet - sobald es die angeführten Merkmale aufweist, ist es immer religiöser Art. Das Übernatürliche und das Wunderbare sind überall darin wiederzuerkennen. Die Massen umkleiden das politische Bekenntnis oder den siegreichen Anführer, der sie für den Augenblick zur Schwärmerei hinreißt, mit derselben geheimnnisvollen Macht.

Nicht nur dann ist man religiös, wenn man eine Gottheit anbetet, sondern auch dann, wenn man alle Kräfte seines Geistes, alle Unterwerfung seines Willens, alles Gluten des Fanatismus dem Dienst einer Macht oder eines Wesens weiht, das zum Ziele und Führer der Gedanken und Handlungen wird.

Mit dem religiösen Gefühl sind gewöhnlich Unduldsamkeit und Fanatismus verbunden. Sie sind unausbleiblich bei allen, die das Geheimnis des irdischen und himmlischen Glückes zu besitzen glauben. Die beiden Eigenschaften sind bei allen in einer Gruppe vereinigten Menschen wiederzufinden, wenn irgendein Glaube sie erhebt. Die Jakobiner der Schreckenstage waren ebenso tief religiös wie die Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle.

Die Überzeugungen der Massen nehmen die Eigenschaften der blinden Unterwerfung, der grausamen Unduldsamkeit und des Bedürfnisses nach Verbreitung an, die mit dem religiösen Gefühl verbunden sind, so daß man also sagen kann, alle ihre Überzeugungen haben eine religiöse Form. Der Held, dem die Masse zujubelt, ist in der Tat ein Gott für sie. NAPOLEON war es fünfzehn Jahre lang, und keine Gottheit hat eifrigere Anbeter gehabt; auch sandte keine die Menschen leichter in den Tod. Die Heiden- und Christengötter übten niemals ein vollkommenere Herrschaft über die Seelen aus.

Alles Stifter religiöser und politischer Glaubensbekenntnisse haben sich nur dadurch begründet, daß sie es verstanden, den Massen jene Gefühle des religiösen Fanatismus einzuflößen, die bewirken, daß der Mensch sein Glück in der Anbetung findet, und ihn dazu treiben, sein Leben für sein Idol zu opfern. So war es zu allen Zeiten. In seinem schönen Buch über das römische Gallien macht FOUSTEL de COULANGES darauf aufmerksam, daß das römische Kaiserreich sich keineswegs durch seine Kraft, sondern durch die religiöse Bewunderung erhielt, die es einflößte. "Es wäre in der Geschichte ohne Beispiel", sagt er mit Recht, "daß eine Regierung, die von der Bevölkerung verabscheut wird, fünf Jahrhunderte gewährt hätte ... Es wäre unerklärlich, daß dreißig Legionen des Kaiserreichs hundert Millionen Menschen zum Gehorsam zwingen konnten." Sie gehorchten aber nur, weil der Kaiser, der die Größe Roms verkörperte, einmütig als Gott verehrt wurde. Im kleinsten Flecken des Reiches besaß der Kaiser seine Altäre.
"In jener Zeit sah man von einem Ende des Reiches bis zum anderen in den Seelen eine neue Religion entstehen, deren Gottheiten die Kaiser selbst waren. Einige Jahre vor dem christlichen Zeitalter errichtete ganz Gallien, welches durch sechzig Städte vertreten wurde, dem Augustus gemeinsam einen Tempel bei Lyon ... Seine Priester, die von der Gesamtheit der gallischen Städte gewählt wurden, waren die ersten Persönlichkeiten des Landes ... Man kann unmöglich dies alles der Furcht und der knechtischen Unterwerfung zuschreiben. Ganze Völker sind nicht knechtisch und sind es nicht drei Jahrhunderte lang. Nicht allein die Höflinge verehrten den Fürsten, sondern Rom; und nicht Rom allein, auch Gallien, Spanien, Griechenland und Asien."
Heutzutage besitzen die meisten großen Seeleneroberer keine großen Altäre mehr, wohl aber Statuen oder Bilder, und der Kultus, den manmit ihnen treibt, ist von dem früheren nicht erheblich verschieden. Man fängt an, die Philosophie der Geschichte ein wenig zu verstehen, wenn man diesen Angelpunkt der Psychologie der Massen recht begriffen hat. Für die Massen muß man entweder ein Gott sein oder man ist nichts.

Das sind nichtnur abergläubische Anschauungen einer anderen Zeit, die die Vernunft endgültig verscheucht hat. In seinem ewigen Kampf mit der Vernunft wurde das Gefühl nie besiegt. Zwar wollen die Massen die Worte der Gottheit und Religion, von denen sie so lange beherrscht wurden, nicht mehr hören, aber zu keiner Zeit sah man sie so viele Bildwerke und Altäre errichten, wie seit einem Jahrhundert. Die Volksbewegung, die unter dem Namen  Boulangismus  bekannt wurde, hat bewiesen, wie leicht die religiösen Instinkte der Massen der Erneuerung fähig sind. Damals gab es kein Dorfwirtshaus, in dem nicht das Bild des Helden zu finden war. Man schrieb ihm die Macht zu, allen Ungerechtigkeiten, allen Übeln abzuhelfen, und Tausende von Menschen hätten ihre Leben für ihn hingegeben. Welchen Platz hätte er in der Geschichte eingenommen, wenn sein Charakter mit der Legende Schritt gehalten hätte!

Auch ist es eine überflüssige Banalität, zu wiederholen, die Massen bedürfen einer Religion. Denn alle politischen, religiösen und sozialen Glaubenslehren finden bei ihnen nur Aufnahme unter der Bedingung, daß sie eine religiöse Form angenommen haben, die sie jeder Auseinandersetzung entzieht. Wenn es möglich wäre, die Massen zu bewegen, den Atheismus anzunehmen, so würde er ganz zum unduldsamen Eifer eines religiösen Gefühls und in seinen äußeren Formen bald zu einem Kultus werden. Ein merkwürdiges Beispiel bietet uns die Entwicklung der kleinen positivistischen Sekte. Sie gleicht jenem Nihilisten, dessen Geschichte der tiefgründige DOSTOJEWSKI uns erzählt. Vom Geiste erleuchtet, zerbrach er eines Tages die Bildwerke der Gottheiten und Heiligen, die den Altar seiner Kapelle schmückten, löschte die Kerzen aus und ersetzte, ohne einen Augenblick zu zögern, die zerstörten Bilder durch die Werke einiger atheistischer Philosophen; dann zündete er pietätvoll die Kerzen wieder an. Der Gegenstand seines religiösen Glaubens war ein andrer geworden, aber kann man behaupten, daß sich seine religiösen Gefühle geändert hatten?

Ich wiederhole noch einmal: gewisse historische Ereignisse, und zwar gerade die wichtigsten, kann man nur verstehen, wenn man die Form, welche die Überzeugungen der Massen stets annehmen, in Rechnung stellt. Viele soziale Erscheinungen sollten lieber von Psychologen als von Naturforschern studiert werden. Unser großer Historiker TAINE hat die Revolution nur als Naturforscher studiert, und so ist ihm die wirkliche Entwicklung der Ereignisse recht oft verborgen geblieben. Er hat die Tatsachen vorzüglich beobachtet, aber da er die Massenpsychologie nicht genügen erforscht hatte, konnte sie der berühmte Schriftsteller nicht immer aus den Ursachen erklären. Da die Tatsachen ihn durch ihre Blutigkeit und Wildheit und ihren Anarchismus erschreckten, so erschienen ihm die Helden in dem großen Epos nur als eine Horde epileptischer Wilder, die sich zügellos ihren Trieben hingaben. Die Gewalttaten der Revolution, ihre Metzeleien, ihr Bedürfnis nach Verbreitung, ihre Kriegserklärung an alle Könige sind nur zu erklären, wenn man bedenkt, daß sie zur Befestigung eines neuen religiösen Glaubens dienten. Die Reformation, die Bartholomäusnacht, die Religionskriege, die Inquisition, die Schreckenstage sind Erscheinungen derselben Art unter dem Einfluß der religiösen Gefühle, die notwendig dazu führen, mit Feuer und Schwert alles auszurotten, was sich der Einführung des neuen Glaubens entgegenstellt. Das Verfahren der Inquisition und der Schreckenstage ist das aller wahrhaft Überzeugten; sie wären keine Gläubigen, wenn sie anders verführen.

Umwälzungen gleich jenen, die ich erwähnte, sind nur möglich, wenn die Massenseele sie ins Leben ruft. Die unumschränktesten Gewaltherrscher könnten sie nicht entfesseln. Die Historiker, die uns die Bartholomäusnacht als das Werke eines Königs zeigen, kennen die Psychologie der Massen ebensowenig wie die der Könige. Solche Kundgebungen können nur der Massenseele entspringen. Die unumschränkteste Macht des eigenmächtigsten Herrschers reicht kaum weiter als zu einer geringen Beschleunigung oder Verzögerung des Zeitpunktes. Nicht die Könige haben die Bartholomäusnacht, die Religionskriege verursacht, und nicht ROBESPIERRE, DANTON oder SAINT-JUST waren die Urheber der Schreckenstage. Hinter solchen Ereignissen findet man immer wieder die Seele der Massen.


Bilder, Worte und Redewendungen

Beim Studium der Einbildungskraft der Massen fanden wir, daß sie namentlich durch Bilder erregt wird. Diese Bilder stehen einem nicht immer zur Verfügung, aber man kann sie durch geschickte Anwendung von Worten und Redewendungen hervorrufen. Werden sie kunstgerecht angewandt, so besitzen sie wirklich die geheimnisvolle Macht, die ihnen einst die Adepten der Magie zuschrieben. Sie rufen in der Massenseele die furchtbarsten Stürme hervor und können sie auch besänftigen. Man könnte allein aus den Knochen der Menschen, die der Macht der Worte und Redewendungen zum Opfer fielen, eine höhere Pyramide als die des alten Cheops erbauen. Die Macht der Worte ist mit den Bildern verbunden, die sie hervorrufen, und völlig unabhängig von ihrer wahren Bedeutung. Worte, deren Sinn schwer zu erklären ist, sind oft am wirkungsvollsten. So z.B. die Ausdrücke  Demokratie,  Sozialismus, Gleichheit, Freiheit u.a., deren Sinn so unbestimmt ist, daß dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten. In ihnen ist die Zusammenfassung der verschiedenen unbewußten Erwartungen und der Hoffnung auf ihre Verwirklichung lebendig.

Mit der Vernunft und Beweisgründen kann man gewisse Worte und Redewendungen nicht bekämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den Massen aus, und sogleich werden die Mienen ehrfurchtsvoll, und die Köpfe neigen sich. Viele sehen in ihnen Naturkräfte oder übernatürliche Mächte. Sie rufen in den Seelen großartige und unbestimmte Bilder hervor, aber eben das Unbestimmte, das sie verwischt, vermehrt ihre geheimnisvolle Macht. Sie lassen sich mit jenen furchtbaren Gottheiten vergleichen, die hinter dem Allerheiligsten verborgen sind und denen der Andächtige nur mit Zittern naht.

Da die Bilder, die durch Worte hervorgerufen werden, unabhängig sind von ihrem Sinn, so wandeln sie sich von Zeitalter zu Zeitalter, von Volk zu Volk, während die Formeln dafür die gleichen bleiben. Mit bestimmten Worten verbinden sich zeitweilig bestimmte Bilder: das Wort ist nur der Klingelknopf, der sie hervorruft.

Nicht alle Worte und Redewendungen besitzen die Macht, Bilder hervorzurufen, und es gibt solche, die sich danach abnutzen und in der Seele nichts mehr hervorrufen. Sie bleiben dann leerer Schall, dessen Hauptnutzen darin besteht, allen, die von ihnen Gebrauch machen, das Denken zu ersparen. Mit einem kleinen Vorrat von Redewendungen und Gemeinplätzen, die wir in der Jugend erlernten, besitzen wir alles Nötige, um ohne ermüdende Notwendigkeit, nachdenken zu müssen, durchs Leben zu gehen.

Betrachtet man eine bestimmte Sprache, so sieht man, daß sich die Worte, aus denen sie sich zusammensetzt, im Laufe der Zeit nur ziemlich langsam verändern; aber unaufhörlich verändern sich die Bilder, die sie hervorrufen, oder der Sinn, den man ihnen unterlegt. Und in einer anderen Arbeit bin ich zu dem Schluß gekommen, daß die genaue Übersetzung einer Sprache, besonders einer toten Sprache, völlig unmöglich ist. Was tun wir denn in Wirklichkeit, wenn wir einen französischen Ausdruck ins Lateinische, Griechische oder Sanskrit übertragen wollen, oder selbst wenn wir nur versuchen, ein Buch zu verstehen, das vor einigen Jahrhunderten in unserer eigenen Sprache geschrieben wurde? Wir übertragen einfach die Bilder und Vorstellungen, die das moderne Leben in unserem Verstand erzeugt hat, auf die völlig verschiedenen Begriffe und Bilder, die das antike Leben in der Seele von Rassen hervorbrachte, deren Lebensbedingungen keine Ähnlichkeit mit den unsrigen zeigen.

Die Menschen vor der Revolutionszeit glaubten glaubten die Griechen und Römer nachzuahmen und gaben nur den alten Worten einen neuen Sinn, den sie niemals gehabt hatten. Welche Ähnlichkeit könnte zwischen den Einrichtungen der Griechen und solchen bestehen, die heute mit gleichlautenden Worten bezeichnet werden? Was war eine Republik damals anderes als eine wesentlich aristokratische, aus einer Vereinigung kleiner Despoten gebildete Einrichtung, die versklavte, in völliger Abhängigkeit gehaltene Masse beherrschte? Diese kommunalen Aristokratien, die sich auf Sklaverei gründeten, hätten nicht einen Augenblick ohne sie bestehen können.

Und wie könnte das Wort  Freiheit  für ein Zeitalter, das die Gedankenfreiheit noch nicht einmal ahnte und keinen größeren und überdies selteneren Frevel kannte, als über die Götter, die Gesetze und die Sitten der Bürgerschaft zu streiten, dieselbe Bedeutung haben wie für uns? das Wort  Vaterland  bedeutete in der Seele eines Atheners oder Sparteners die Verehrung Athens oder Spartas, keineswegs aber Griechenlands, das aus vielen Stadtstaaten bestand, die sich fortwährend bekriegten und miteinander wetteiferten. Welche Bedeutung hatte dasselbe Wort bei den wetteifernden Stämmen von verschiedener Rasse, Sprache und Religion des alten Galliens, die CÄSAR so leicht besiegte, weil er unter ihnen stets Verbündete hatte? Rom allein verlieh Gallien ein Vaterland, indem es ihm die politische und religiöse Einheit gab. Doch man braucht gar nicht so weit zurückzugehen, knapp zwei Jahrhunderte genügen: glaubt man, das Wort  Vaterland  sei von den französischen Prinzen, die sich wie der große CONDÈ mit dem Feinde gegen ihren eigenen Herrscher verbanden, in seiner jetzigen Bedeutung verstandn worden? Und hatte dasselbe Wort für die Emigranten nicht noch einen ganz andern Sinn als heutzutage? Sie glaubten den Gesetzen der Ehre zu gehorchen, wenn sie Frankreich bekämpften, und gehorchten ihnen damit tatsächlich von ihrem Gesichtspunkt aus, da das Lehnsgesetz den Vasallen dem Lehnsherrn verband und nicht dem Lande, und dort, wo sich der Herr befand, auch das wahre Vaterland war.

Unzählige Worte haben so ihre Bedeutung im Laufe der Zeit entscheidend geändert. Wir können nur noch mit großer Mühe ihre frühere Bedeutung verstehen. Man muß viel lesen, hat man mit Recht gesagt, um nur zu begreifen, was in den Augen unsrer Großeltern Worte wie "der König" und "die königliche Familie" bedeuteten. Wie steht es da erst mit schwierigeren Ausdrücken!

Die Worte haben also nur veränderliche und vergängliche Bedeutungen, die mit den Zeiten und Völkern wechseln. Wollen wir durch sie auf die Massen wirken, so müssen wir den Sinn kennen, den sie für die Massen im gegebenen Augenblick haben, nicht aber jenen, den sie einst besaßen oder den sie für Persönlichkeiten von ganz besonderer geistiger Beschaffung haben können. Wort sind ebenso lebendig wie Ideen.

Wenn also die Massen infolge politischer Umwälzungen oder nach einem Glaubenswechsel einen tiefen Widerwillen gegen die Bilder haben, die durch bestimmte Worte ausgelöst werden, so ist es die erste Aufgabe des wahren Staatsmannes, die Bezeichnungen zu ändern, ohne - wohlgemerkt - an die Dinge selbst zu rühren, da diese zu sehr an eine ererbte Geistesverfassung gebunden sind, als daß man sie ändern könnte. Der geistreiche TOCQUEVILLE hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Arbeit des Konsulats und des Kaisertums vor allen Dingen darin bestand, die Mehrzahl der Einrichtungen der Vergangenheit mit neuen Bezeichnungen zu versehen, folglich die Ausdrücke, die in der Phantasien der Massen verhaßte Bilder hervorriefen, durch andere zu ersetzen, deren Neuheit das unmöglich machte. Die "Taille" wurde zur Grundsteuer, die "Gabelle" zur Salzsteuer, die Verbrauchssteuer zu indirekten Steuern und Zöllen, die Meister- und Zunfttaxe zur Gewerbesteuer usw.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Staatsmänner besteht also darin, die Dinge, die die Massen unter ihren alten Bezeichnungen verabscheuen, mit volkstümlichen oder wenigstens bedeutungslosen Namen zu taufen. Die Macht der Worte ist so groß, daß gutgewählte Bezeichnungen genügen, um den Massen die verhaßtesten Dinge annehmbar zu machen. TAINE bemerkt ganz richtig, daß die Jakobiner durch Berufung auf die damals sehr volkstümlichen Worte "Freiheit" und "Brüderlichkeit" einen Despotismus, der des Königreichs Dahomey würdig gewesen wäre, ein Tribunal wie die Inquisition, und Menschenhekatomben gleich denen des alten Mexiko heraufbeschwören konnten. Die Regierungskunst besteht wie die der Rechtsanwälte darin, daß man die Worte zu meistern versteht. Eine schwierige Kunst, denn in derselben Gesellschaft haben die gleichen Worte für die verschiedenen sozialen Schichten oft ganz verschiedene Bedeutung. Sie gebrauchen anscheinend dieselben Worte, sprechen aber nicht dieselbe Sprache.

In den vorstehenden Beispielen haben wir als Hauptursache für den Bedeutungswandel der Worte besonders die Zeit in Betracht gezogen. Wollten wir auch die Rasse heranziehen, so würden wir sehen, daß zu gleicher Zeit bei Völkern von gleicher Kultur, aber verschiedener Rasse die gleichen Worte oft ganz verschiedenartige Vorstellungen entsprechen. Diese Unterschiede kann man ohne zahlreiche Reisen nicht kennenlernen und verstehen, und ich will sie daher nicht hervorheben. Ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß gerade die gebräuchlichsten Worte bei den verschiedenen Völkern die verschiedenste Bedeutung haben. So z.B. die Ausdrücke "Demokratie" und "Sozialismus", die heute soviel gebraucht werden.

Sie entsprechen in Wirklichkeit für die lateinische und die angelsächsische Seele inhaltlich und bildlich völlig entgegengesetzten Vorstellungen. Bei den lateinischen Völkern bedeutet das Wort  Demokratie  vor allem die Auslöschung des Willens und der Tatkraft des einzelnen vor dem Staat. Dem Staat wird immer mehr aufgeladen, er soll führen, zentralisieren, monopolisieren, fabrizieren. An ihn wenden sich beständig alle Parteien ohne Ausnahme: Radikale, Sozialisten, Monarchisten. Bei den Angelsachsen, namentlich bei den Amerikanern, bedeutet dasselbe Wort im Gegenteil die angespannteste Entfaltung des Willens und der Persönlichkeit, das möglichste Zurücktreten des Staates, den man mit Ausnahme der Polizei, des Heeres und der diplomatischen Beziehungen nichts leiten läßt, nicht einmal den Unterricht. Dasselbe Wort hat also bei diesen beiden Völkern einen völlig entgegengesetzten Sinn.


Die Täuschungen

Seit der Morgenröte der Kultur sind die Völker immer dem Einfluß von Täuschungen ausgesetzt gewesen. Den Schöpfern von Täuschungen haben sie die meisten Tempel, Bildwerke und Altäre errichtet. Früher waren es religiöse, heute sind es philosophische Täuschungen - aber immer findet man diese furchtbaren Herrscherinnen an der Spitze aller Kulturen, die nacheinander auf unserm Planeten blühten. In ihrem Namen stiegen die Tempel Chaldäas und Ägyptens, die Kirchenbauten des Mittelalters empor, in ihrem Namen wurde ganz Europa vor einem Jahrhundert umgewälzt. Es gibt nicht eine einzige unserer künstlerischen, politischen oder sozialen Anschauungen, die nicht ihren mächtigen Stempel trüge. Oft schüttelt sie der Mensch um den Preis furchtbarer Umwälzungen ab, aber er scheint dazu verdammt zu sein, sie immer wieder aufzurichten. Ohne sie hätte er die primitive Barbarei nicht hinter sich lassen können, und ohne sie würde er ihr bald wieder verfallen. Zweifellos sind es leere Schatten, aber diese Töchter unserer Träume haben die Völker gezwungen, all das zu schaffen, was den Glanz der Künste und die Größe der Kultur ausmacht.
"Wenn man alle Kunstwerke und Denkmäler in den Museen und Bibliotheken, die dem Einfluß der Religion ihr Dasein verdanken, zerstören und auf den Steinen ihrer Vorhöfe zertrümmern könnte, was bliebe von den großen Träumen der Menschheit übrig?",
schreibt ein Autor, der die Summe unseres Wissens zieht.
"Die Daseinsberechtigung der Götter, Helden und Dichter besteht darin, den Menschen ihren Anteil an Hoffnungen und Täuschungen zu geben, ohne die sie nicht leben können. Eine Zeitlang schien die Wissenschaft diese Aufgabe zu übernehmen. Sie hat sich aber bei den idealhungrigen Gemütern um ihr Ansehen gebracht, weil sie nicht mehr genug zu versprechen wagt, und nicht genug zu lügen weiß."
Die Philosophen des vergangenen Jahrhunderts widmeten sich mit Eifer der Zerstörung der religiösen, politischen und sozialen Täuschungen, von denen unsere Väter viele Jahrhunderte lang gelebt hatten. Diese Zerstörung ließ die Quellen der Hoffnung und Ergebung versiegen. Hinter den geopferten Chimären fanden sie die blinden Naturkräfte, die unerbittlich sind gegen Schwäche und kein Mitleid kennen.

Trotz all ihrer Fortschritte hat die Philosophie nicht vermocht, den Massen ein Ideal zu bieten, das sie bezaubern könnte. Da ihnen aber Täuschungen unentbehrlich sind, so wenden sie sich unwillkürlich, wie die Motte dem Licht, den Rednern zu, die sie ihnen bieten. Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum. Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, erklärt es sich daraus, daß er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wissenschaftliche Beweisführungen können seine Entwicklung nicht aufhalten. Seine Hauptstärke liegt darin, daß er von den Köpfen verteidigt wird, die die Tatsachen der Wirklichkeit genügend verkennen, um es zu wagen, den Menschen kühn das Glück zu versprechen. Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.
LITERATUR - Gustave le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart 1982