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    p-4H. Keller - Meine WeltStumme StimmenLaura BridgmanHandke - Elfenbeinturm   
 


GÜNTER SASSE
Handke's Kaspar

Der Gruß vor der Flagge, die Freude an Musik, das Sichversammeln am Tisch zu einer Mahlzeit, der Titel bei einem Namen... sie alle haben symbolischen Charakter.


Schon mit dem ersten Bühnenauftritt Kaspars wird deutlich, daß es nicht um das Schicksal einer Einzelperson geht, sondern um einen dem Menschen als Menschen zugehörigen Vorgang. Dieser Vorgang wird mit Kaspars theatralischer Geburt eingeleitet, die in seinen verzweifelten Bemühungen, aus dem Bühnenvorhang herauszukommen, visuell erfahrbar wird. Mit ihr wird der Beginn der menschheitsgeschichtlichen Sprachentwicklung in der Sprachsozialisation einer Bühnenfigur als Allegorie dargestellt. Nicht als fertige Figur mit einer Vorgeschichte, die in der Exposition nachgeholt wird, sondern gleichsam als tabula rasa betritt Kaspar die Bühne. So sollen sich die Zuschauer nicht vorstellen können, "daß, bevor sie eingetreten sind und die Bühne erblickt haben, auf der Bühne eine Geschichte schon vor sich gegangen ist." (1)

In den ersten Szenen steht Kaspar sich selbst und seiner Umgebung hilflos gegenüber. Er kann nicht zwischen sich und den ihn umgebenden Dingen unterscheiden und ist damit handlungsunfähig. Seine ersten Gehversuche in ihren grotesk -pantomimischen Formen zeigen ihn als eine Person, der nicht einmal die Vorwegnahme eines Bewegungsablaufes gelingt. Weder hat er einen Begriff von sich selbst noch von den nicht zu ihm gehörigen Dingen.
    "Er schaut zu, wie sich der Boden von ihm entfernt. Er zeigt, mit der ganzen Hand, auf den sich entfernenden Boden."
Die auf der Bühne herumstehenden Einrichtungsgegenstände erschrecken ihn, da er ihre Gebrauchsweisen nicht kennt. Deshalb geht er mit ihnen nicht auf die übliche, sondern auf eine zufällige Weise um. So heißt es in einer Regiebemerkung:
    "Kaspar geht zum Schaukelstuhl. Er geht um den Schaukelstuhl herum. Er berührt den Schaukelstuhl wie unabsichtlich. Der Schaukelstuhl gerät in Bewegung. (...) Dann, als der Schaukelstuhl gerade an den Kipppunkt gelangt und es einen Augenblick lang unsicher ist, ob er fallen oder weiterschaukeln wird, gibt er ihm mit der Hand einen ganz leichten Stoß, der aber ausreicht, daß der Schaukelstuhl umkippt. Kaspar rennt vor dem umgekippten Schaukelstuhl davon."
Da Kaspar als körperlich ausgereifte Person auf die Bühne kommt, kann seine Unfähigkeit, mit den Dingen auf die übliche Weise umzugehen, nicht auf noch nicht ausreichend mentwickelte physische und kognitive Fähigkeiten zurückgeführt werden. Als einzige Erklärungsmöglichkeit verbleibt seine Sprachlosigkeit. Ohne Sprache, mit deren Hilfe er die chaotische Menge der Wahrnehmungsdaten in eine geordnete Eigenwelt überführen könnte, ist er hilflos. Ohne Sprache fehlt ihm nicht nur jede Möglichkeit der Handlungsantizipation, die ihm erst die geordnete Abfolge einzelner Bewegungsabläufe erlauben würde, sondern auch die Kenntnis der sprachlich vermittelnden Gebrauchsweise von Gegenständen.

Die sich im Verhalten Kaspars manifestierende Auffassung, daß der Mensch letztlich erst mit der Sprache die Garantie für ein geregeltes Verhältnis zu seiner Umwelt bekommt, knüpft an Erkenntnisse der Wissenssoziologie und der philosophischen Anthropologie an. Von diesen Wissenszweigen wird der Mensch gegenüber dem Tier zunächst negativ durch das Fehlen eines umweltgerichteten Instinktapparates bestimmt.

Da er nicht in den Zusammenhang der Umgebung durch angeborene Verhaltensmechanismen eingebettet ist, steht er unter dem Zwang, die, im Verhältnis zum Tier, reduzierte endogen -automatische Verhaltenssteuerung zu kompensieren, um so die Offenheit zur Umwelt zu überbrücken. Hier hat die Sprache ihren Ort. Mit ihrer Hilfe baut sich der Mensch sowohl in seinen praktischen Lebensvollzügen als auch in seinen theoretischen Erkenntnisakten einen Wissensstand auf, der ihn befähigt, in der Subjekt-Objekt -Relation die Umwelt zu erkennen und instrumentell zu bearbeiten und in der Subjekt-Subjekt -Relation sich über sie kommunikativ zu verständigen. Denn der Mensch, der nicht durch einen Instinktapparat in den Naturzusammenhang integriert ist, kann nur deshalb überleben, weil er die Vielfalt der Natur mittels sprachlicher Klassifikationsschemata auf wenig Gleiches reduziert und sie damit für sich selbst bearbeitbar macht.

Nun ist es wohl richtig zu sagen, daß der Mensch sich mit Hilfe der Sprache eine intentionale  Bedeutungs-Welt  als Medium für sein Erkennen und Handeln selbst allererst aufbauen muß. Doch nach Ansicht der sprachdemonstrativen Moderne kann diese schöpferische Rolle nur dem Menschen als Gattungswesen zugesprochen werden und nicht dem einzelnen Individuum. Dieses wächst vielmehr in die sprachlich vorgefertigte Bedeutungswelt hinein, die dann gleichsam in Entsprechung zu den angeborenen  artspezifischen Umwelten  der Tiere als kulturell vermittelte Umwelt normierende Kraft hat. Sie leistet als sprachliches Klassifikationsschema
    "für jedes Individuum die fortwährend notwendige Verarbeitung von Außenweltdaten zu geordneter  Eigenwelt,  zum klassifizierten, intern manipulierbaren Erfahrungsmodell, und ermöglicht so antizipierendes experimentelles Handeln und zielgerichtete optimalisierte Außenweltveränderung."
Zu Anfang seiner Bühnenexistenz steht Kaspar dieses Klassifikationssystem, das er als ein fertiges Gebilde von der Gesellschaft zu übernehmen hat, nicht zur Verfügung, da er noch ohne Sprache ist. Als Individuum, das deshalb keine Möglichkeit zur Überbrückung des offenen Verhältnisses zur Umwelt hat, ist er "die verkörperte Verwunderung".

Ohne Sprache hat Kaspar doch einen Satz mit auf die Welt gebracht: "Ich möcht ein solcher werden wie einma ein andrer gewesen ist." Mit diesem Satz sucht er sich in der von ihm als bedrohlich erfahrenen Umwelt zurechtzufinden. Doch ist dieser Satz keine Manifestation seiner Sprachkompetenz, da er ihn unterschiedslos auf alle um ihn herum stehenden Dinge anwendet. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Satz sich die Dinge anzueignen, da es ihm nicht gelingt, mit dem Satz ein Gegenüber anzusprechen.

Ohne die durch die Sprache hergestellte intersubjektive Basis aber kann er das Verhältnis zu seiner Umwelt nicht stabilisieren. Die der Sprache in ihrem Gebrauch zugehörige Bedeutung zerfällt ihm ohne diesen Bezug zu anderen Sprechern zu Projektionen seines Ichs, dem sich der Zusammenhang seiner Person in der Kommunikation mit anderen nicht herstellt. Kaspar setzt seinen Satz
    "mit dem Ausdruck der Beharrlichkeit. Er setzt ihn mit dem Ausdruck der Frage. Er ruft den Satz aus. Er skandiert. Er spricht den Satz freudig. Er spricht den Satz erleichtert. Er spricht mit Gedankenstrichen. Er spricht ihn mit Wut und Ungeduld. Er spricht den Satz mit äußerster Angst. Er spricht ihn wie einen Gruß, wie eine Anrufung aus einer Litanei, wie eine Antwort auf eine Frage, wie einen Befehl, wie eine Bitte. Dann, eintönig zwar, singt er den Satz. Schließlich schreit er ihn."
In diesen Regiebemerkungen wird deutlich, wie Kaspar seine Emotionen ungebrochen in den Satz einprägen kann. Doch können die Momente des unmittelbaren Ausdrucks der jeweiligen subjektiven Befindlichkeit nicht in der Einheit eines Lebenszusammenhanges bewahrt werden. Denn die Repräsentation der Individualität sin seinem durch Stimmführung modulierten Satz gelingt Kaspar nur um den Preis autistischer Abgeschlossenheit. Zwar kann er sich in seinem auf die Ausdrucksfunktion reduzierten Satz vollständig wiederfinden, doch bleibt diese Selbstidentifikation beliebig, zufällig und inkonsistent, und das heißt, daß er sich nicht losgelöst von den wechselnden subjektiven Befindlichkeiten als das ihnen Gemeinsame erfahren kann.

Denn der Selbstidentifikation bleibt die intersubjektive Anerkennung verweigert, da Kaspars Satz nicht an der Verständigung garantierenden Allgemeinheit eines konventionellen Codes teilhat. Die Teilnahme an der durch Sprache geschaffenen symbolischen Realität einer Gruppe fungiert aber nach MEAD als Bedingung der Möglichkeit einer sich in der Identität des Ichs mit sich selbst begründenden Individualität, da erst in dieser symbolischen Realität die Individualität sich in der Differenz zu den anderen erfährt und von den anderen als differierend anerkannt wird.

Die Einsager, die die Gesellschaft in ihren symbolischen Zusammenhängen repräsentieren, werfen Kaspar vor, daß er den Satz zum Ausdruck seiner Privatheit macht, indem er das Individuelle des Empfindens gegenüber dem Allgemeinen des Mitteilens verabsolutiert. Zwischen ihnen und Kaspar, dem Pol der Vergesellschaftung und dem Pol der Individuation, entsteht das den Gang des Dramas bestimmende Gefälle. Kaspar, der seine Individualität gegen die Gesellschaft retten will, zerfällt die Identität seiner Person in einzelne Empfindungen.

Die Einsager, die die Gesellschaft in ihrem Anspruch gegen das Individuum vertreten, wollen dagegen eine zwangsintegrierte Identität schaffen, die mit allen Wertvorstellungen und Handlungsnormen der Gesellschaft übereinstimmt, und der deshalb jegliche Individualität fehlt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie Kaspar zunächst seinen eigenen Satz austreiben. Hierbei gehen sie systematisch vor. In einem ersten Schritt verdeutlichen sie ihm den Widerspruch zwischen der privaten Bedeutung seines Satzes und der der Sprache immer schon mitgegebenen allgemeinen Bedeutung.
    "Du hast einen Satz, mit dem du dir selber schon alles sagen kannst, was du anderen nicht sagen kannst."
Was die Besonderheit seines Satzes ist, nämlich daß er ihm vollständig zugehört, wird Kaspar von den Einsagern als dessen Mangel nachgewiesen, nämlich, daß er von anderen nicht verstanden werden kann.

Nachdem es ihnen gelungen ist, ihn davon zu überzeugen, daß die Besonderheit seines Satzes auf seiner Untauglichkeit zur Kommunikation beruht, ist die Voraussetzung dafür gegeben, ihm seinen Satz als etwas Besonderes auszutreiben. Denn die mit der Konstatierung der Untauglichkeit gesetzte Aufforderung zu ihrer Aufhebung zielt genau auf die Abschaffung der Besonderheit. Nur als nicht-besonderer Satz kann er Sprache sein. Als Sprache aber ist ihm die Besonderheit garantierende Privatheit entzogen. Die Einsager versuchen aus diesem Grund Kaspar seinen eigenen Satz dadurch auszutreiben, daß sie ihn als nur einen von vielen möglichen Sätzen kennzeichnen.
    "Du lernst mit dem Satz, einen anderen Satz zu sprechen, so wie du lernst, daß es andere Sätze gibt, so wie du andere Sätze lernst, und zu lernen lernst; und du lernst mit dem Satz, daß es Ordnung gibt, und du lernst mit dem Satz, Ordnung zu lernen."
Verzweifelt wehrt sich Kaspar mit seinem Satz gegen die Sätze der Einsager. Er will sich nicht durch ihre Sätze in Ordnung bringen lassen. Doch der der "Sprechfolterung" zerbröselt ihm sein Satz allmählich. Über die syntaktische hin zur phonologischen Desorganisation löst er sich auf. Am Ende der 17. Szene haben die Einsager ihr vorläufiges Ziel erreicht: "Der Satz ist ihm ausgetrieben."

Erst jetzt, nach der Vernichtung seines einzigen individuellen Besitzes, können die Einsager mit ihrer  Aufbauarbeit  anfangen. "Kaspar wird zum Sprechen gebracht. Er wird mit Sprechmaterial zum Sprechen allmählich angestachelt." Er, der nicht mehr Widerpart der Einsager ist, der sich in aktiver Selbstbehauptung den Sprechmanipulationen zu entziehen sucht, sondern passiver Empfänger genormter Wertvorstellungen, wird sprachlich ein- und angepaßt. Die Destruktionsphase, in der ihm mit seinem Satz die einzige Möglichkeit zum Ausdruck seiner Individualität genommen wurde, wird von der  Aufbauphase  abgelöst. In ihr üben die Einsager auf Kaspar den Zwang aus, sich mit den sprachgenormten Wertvorstellungen der Gesellschaft zu identifizieren.

Ausgehend von den kleinsten Satzeinheiten hin zu größeren syntaktischen Formationen versuchen sie in einem synthetisierenden Prozeß ihm einen Begriff von dem Satz als etwas Allgemeinem, als Systemgebilde zu vermitteln, nachdem sie ihm seinen Satz, der etwas Individuelles war, ausgetrieben haben. Kaspar gelingt es immer besser, die ihm von den Einsagern vermittelten Struktuschemata der Sprache zu reproduzieren, bis er sie auch auf der Inhaltsebene richtig anwenden kann. Satz und Ordnung werden in diesem Prozeß zu synonymen Begriffen.
    "Jeder Gegenstand ist ein ordentlicher Gegenstand, bei dem sich nach einem kurzen, einfachen Satz keine Fragen mehr ergeben: ein ordentlicher Gegenstand ist der, bei dem mit einem kurzen, einfachen Satz alles erklärt ist."
Kaspar ist mit der Erlernung der ordnungsstiftenden Sprache in eine bestimmte Form des Weltverständnisses hineingewachsen, das die Infragestellung der an sie gebundenen Lebensform deshalb verhindert, weil diese sich als Begründungsinstanz jeder weitergehenden Erklärung durch die Errichtung eines Scheins naturhafter Faktizität entzieht. Dieser Schein kann entstehen, weil ihm die Möglichkeit des Zweifels an der Legitimation der sozialen Ordnung dadurch genommen wird, daß die Einsager die Fragesätze als  ungemütlich  diskriminieren.
    "Ein Satz, dem noch eine Frage folgen muß, ist ungemütlich: bei einem solchen Satz kannst du dich nicht zuhause fühlen. (...) Jeder zweite Satz ist (...) unordentlich, unschön, ungemütlich, störend, rücksichtslos, verantwortungslos geschmacklos."
Gemäß ihrer Maxime, daß nur Aussagesätze  ordentlich, schön, gemütlich  usw. sind, wird Kaspar von ihnen mit einer Fülle von apodiktischen [unumstößlichen, wp] Allaussagen bombardiert.
    "Von Geburt an ist allen eine Fülle von Fähigkeiten gegeben. Jeder ist für seinen Fortschritt verantwortlich. Jeder Gegenstand, der schadet, wird unschädlich gemacht. Jeder stellt sich in den Dienst der Sache. Jeder sagt ja zu sich selber. Die Arbeit entwickelt bei jedem das Pflichtbewußtsein. Jede Neuordnung erzeugt Unordnung..."
Diese und ähnliche Sätze verschleiern in der Gestalt von Gesetzesaussagen, die so tun, als seien sie Realdefinitionen mit empirischem Gehalt, ihren normativen Charakter. Die durch sie legitimierte Ordnung erscheint Kaspar deshalb als Naturordnung. Sprachlich tut die Sprache so, als sei das, was sie sagt, gar nicht von ihr, sondern vom dem Ausgesagten bestimmt. Sie verweigert Kaspar damit die Einsicht in ihre ordnungsstiftende Funktion. Bescheiden stellt sie sich als bloßer Spiegel der ihr vorgegebenen Ordnung dar, um hinter dieser Selbstdarstellung, ungestört von kritischen Fragen, die Ordnung zu einer von ihr bestimmten zu machen, in der sowohl die Sache als der Sprecher aufgeht. Letzteres verdeutlicht eine Regiebemerkung, die das Führungssystem der Sprache als das die Handlung dominierende Prinzip betont.
    "Seine Handlungen werden begleitet von Sätzen der Einsager. Diese Sätze passen sich zuerst in ihrer Bewegung den Bewegungen Kaspars an, bis sich Kaspars Bewegungen allmählich ihrer Bewegung anpassen."
In theatralischer Transformation demonstriert HANDKE durch die Korrespondenz, die er zwischen dem Verhalten Kaspars und den sprachlichen Strukturen herstellt, wie die Handlungsbestimmungen von den sprachlich repräsentierten Symbolzusammenhängen geprägt werden. Diese Transformation gelingt durch die Verbindung von choreographischen und sprachlichen Elementen. Wie im Ballett die Musik das bestimmende Moment der Tanzbewegung ist, so ist es in dieser Dramenszene die Sprache, die dadurch als Führungssystem der Handlungen nicht nur inhaltlich erkennbar, sondern auch visuell erfahrbar wird.

Während die Einsager das Thema Sprache-Ordnung variieren, bringt Kaspar sich selbst und die Bühne in Ordnung. Während er mit Hilfe der Sätze Ordnung schafft - "Du hast Modellsätze, mit denen du dich durchschlagen kannst: indem du diese Modelle auf deine Sätze anwendest, kannst du alles, was scheinbar in Unordnung ist, in Ordnung setzen" - gerät er unter die Ordnung der Modellsätze, die die herrschende Ordnung repräsentieren. Die Einsager pressen ihn in das Prokrustesbett der bürgerlichen Wertvorstellungen, die nicht nur auf inhaltliche Weise als handlungsleitende Maximen ausgesagt werden, sondern sich auch in der Struktur der Satzmodelle zeigen, "mit denen sich ein ordentlicher Mensch durchs Leben schlägt."

Deren normative Macht wird z.B. in den zweigliedrigen Konjunktionalstrukturen aufgesucht, in deren durch die Konjunktionen eröffneten Leerstellen nur bestimmte syntaktische Einheiten mit stark restringierter Bündelung semantischer Merkmale eintreten können. Die Kaspar aufoktroyierten Satzmodelle sind zum einen die kopulativen Konjunktionen /nicht nur - sondern auch/, /weder - noch/ und /sowohl - als auch/, die zwischen den Satzgliedern ein nebengeordnetes Verhältnis herstellen.

Außerdem wird Kaspar auf die  Sprechfolter  der modalen Konjunktion mit dem proportionalen Charakter des /je - desto/, deren Gliedsätze zueinander im untergeordneten Verhältnis stehen und auf die  Sprechfolter  der kausalen Konjunktionen  zwar - aber  mit ihrem konzessiven (nebensätzlich, zum Inhalt des Hautsatzes in Widerspruch stehend) Charakter und den nebengeordneten Gliedsätzen gespannt.

Am Anfang gelingt Kaspar noch nicht die Neutralisierung des äußeren Zwangs dieser konjunktionalen Satzmodelle durch ihre verinnerlichte Reproduktion, da er noch nicht gelernt hat, sie mit dem dafür geeigneten sprachlichen Material zu füllen. Gerade diese Unfähigkeit, die sich in seiner anfängliichen Verletzung bestimmter Restriktionsregeln manifestiert, zeigt den von den Satzmodellen ausgehenden syntaktisch-semantischen Zwang, bestimmte Phänomene nach Ordnungsgesichtspunkten erfassen zu müssen, die in der Sprache liegen.

An den Sätzen der Einsager: "Der Raum ist klein, aber mein. Der Schemel ist niedrig, aber bequem. Das Urteil ist hart, aber gerecht. Der Reiche ist reich, aber leutselig..." demonstriert HANDKE seine Auffassung, daß durch bestimmte grammatische Modelle eine "Automatik der Vorstellungen, die Automatik des in fertigen Sätzen stagnierenden Bewußtseins" hervorgerufen werde, wie er in einer Besprechung von JONKEs "Geometrischem Heimatroman" schreibt. Diese festgefügten sprachlichen Strukturen sind es, die Kaspar in ein System kultureller Normen einfügen und ihm ein sinnhaftes Welterleben durch die Reduktion von Umweltkomplexität ermöglichen.

Mit der Abrichtung Kaspars durch die verschiedenen Satzmodelle demonstriert HANDKE, daß diese System nicht außerhalb der Sprache aufgesucht werden müssen, daß sie in der Sprache selbst verborgen liegen. Daß sie den allgemeinen Regeln der Satzgenerierung als gesellschaftliche Begrenzung ihrer Anwendung inhärent sind, demonstrieren die Modellsätze. In ihnen geben sich die in Sprache eingefrorenen gesellschaftlich normativen Urteile über Sachverhalte durch die Kaschierung der zugrundeliegenden Wertungen wie Deskriptionen.

Zusammenhänge, die ihre Basis nicht in der Sache, sondern im Normensystem der Gesellschaft haben, werden durch die Konjunktionalstrukturen automatisiert und erzeugen den Schein der Selbstverständlichkeit  kultureller Werte.  Dieser Schein verhindert, daß Kaspar ihren universalen Geltungsanspruch durch kritische Fragen nach Genese und Funktion relativieren kann, wodurch der den Zusammenhang der Ausdrucksseite der sprachlichen Modellsätze mit ihrer Inhaltsseite kultureller Werte als historisch gewordenen und somit veränderbaren erkennen könnte.
LITERATUR - Günter Saße, Sprache und Kritik, Untersuchung zur Sprachkritik der Moderne, Göttingen 1977
    Anmerkungen
  1. Peter Handke, Kaspar, in ders., Stücke 1, Ffm 1972, Seite 104