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MAX BRENKE
Johann Nicolas Tetens'
Erkenntnistheorie

[3/3]

"Auf dem Standpunkt der Erkenntnis weiß das Bewußtsein nicht von ihnen als Modifikationen, die es erfahren hat. Durch seine formelle Tätigkeit, die es zur Objektivierung der Empfindungen beigesteuert hat, ist es gleichsam über sich selbst hinausgeschritten. Doch handelt es sich gerade um die Frage,  warum  die Unmöglichkeit, die Dinge anders zu denken nicht eine subjektive Jllusion, sondern von wahrhaft objektiver Gültigkeit ist."

"Daß Gleiches zu Gleichem hinzugesetzt gleiche Summen gibt, daß der Zirkel so groß ist wie ein Triangel, dessen Grundlinie dem Umfang und dessen Höhe seinem Halbmesser gleich ist, und alle dergleichen allgemeine theoretische Wahrheiten Wahrheiten für jeden Verstand sind, kann so wenig geleugnet werden, wie die Wahrheit selbst. Die Verhältnisse und Beziehungen denkt der Verstand in diesen Ideen und legt sie nur solchen Objekten bei, die seine eigenen Geschöpfe sind."

"Tetens  fragt nicht nach dem Wesen der Dinge, wie sie ansich sind, sondern er beschränkt sich auf die Frage: Wie können unsere  Ideen  für Gegenstände und die Beziehungen der Ideen für Beziehungen der Gegenstände gelten?"

"Besonders fehlt bei  Tetens  jede Vermittlung im Einzelnen zwischen Begriff und Anschauung, die er ja als solche auf  formalem  Gebiet der Erkenntnis nicht kennt - eine Vermittlung, die bei  Kant  durch die zeitliche Bestimmung geleistet wird."


III.
Der Begriff des Objektivischen (1)
und der Notwendigkeit

TETENS Werk ist fraglos auf eine psychologische Untersuchung der Bewußtseinsvorgänge und des "Subjekts" derselben, der Seele, angelegt gewesen, die auf dem Weg der Beobachtung, also nach empirischer Methode erforschen wollte. Dabei mußte er auf die Tatsache des Erkennens stoßen - die Erkenntnis ein unweigerlich feststehendes Faktum der Sphäre des Bewußtseins! Alle Erkenntnis aber hat das Eigentümliche, daß sie in ihrer tatsächlichen Leistung die Zuständlichkeit des Bewußtseins überschreitet. Sie ist ein integrierender Bestandteil des Bewußtseins, bei dessen Untersuchung die reine "Selbstbeobachtung" nicht alles zu leisten vermag. Sie trägt ein Merkmal an sich, das die Schwäche des subjektiven Verfahrens in der Selbstbeobachtung unwillkürlich offenbart - das Merkmal der Objektivität. Die Prozesse des Denkens mögen noch so sehr auf diesem Weg bis ins Minutiöseste analysiert und festgestellt werden, es würde immer bei den  subjektiven  Denkprozessen als solchen bleiben. Da stellt sich ein anderer Weg für die Untersuchung ein! Der Blick richtet sich einmal nach dem Objekt selbst und berücksichtigt das Verhältnis dieser subjektiven "Denkäußerungen" zu den Gegenständen (der Erkenntnis) - TETENS faßt die Objektivität unserer Erkenntnis als ein besonderes Problem.

Die Natur der Rezeptivität unserer Sinne, die freilich nicht näher als eine formelle oder gesetzmäßige Bedingung unserer Erkenntnis überhaupt bestimmt wird, und der Charakter unserer inhaltlich gegebenen Vorstellungen als Erscheinungen setzt die Existenz (im strikten Sinne) von Dingen voraus. Diese Vorstellungen, zunächst nur Modifikationen unseres Bewußtseins, bedürfen in ihrer tatsächlichen Bedeutung als der gesamte Inhalt unserer Erkenntnis von objektivem Charakter einer Bewußtseinsbeziehung, um zur "Idee", d. h. zu einer gegenständlichen Vorstellung erhoben zu werden: Der Begriff des "Objektivischen" wird allgemein fixiert als Beziehung des Bewußtseins, die sich auf einen Denkakt oder ein Urteil gründet. Der Inhalt des Bewußtseins wird zur objektiven Bedeutung durch das Denken "geformt" - Denken die  formale  Bedingung unserer gegenständlichen Vorstellung! Der Gegenstand (der Erkenntnis) wird als solcher gedacht, nicht vorgestellt. Die allgemeinsten Beziehungen der "Ideen" selbst nur führen auf ebensoviele ursprüngliche Grundsätze des Denkens, die sogenannten "Verhältnisbegriffe", und wir versuchten, insbesondere den Verhältnisbegriff von Ursache und Wirkung in seiner objektiven Bedeutung darzustellen, soweit uns TETENS dazu die Möglichkeit gab.

Wir gehen nun daran, den Begriff des "Objektivischen" nach all dem Gesagten schärfer zu präzisieren, um darauf die Frage zu erörtern, inwiefern die Bedingungen dieser Objektivität, die in Bewußtseinstätigkeiten oder Denkakten bestehen, das Merkmal der Notwendigkeit tragen. Wir kommen damit zur Darstellung des VII. Versuches: "Von der Notwendigkeit der allgemeinen Vernunftwahrheiten, deren Natur und Gründen". Der Versuch zerfällt in zwei Teile: der erste handelt von den subjektivischen Notwendigkeiten", (2) der zweite "von der objektivischen Wahrheit und den objektivisch notwendigen Wahrheiten" (3). Wir brauchen wohl kaum zu sagen, mit welchem Teil wir uns zu befassen haben. Der erste handelt von der "Notwendigkeit" auf einem psychologischen Standpunkt und steht nicht im Zeichen des Begriffs der Erkenntnis, fällt somit in ein ganz anderes Gebiet der Wissenschaft! Wir begehen nicht die  metabasis eis allos genos  [willkürlicher Sprung auf eine andere Ebene - wp], auf ihn unser Schlußkapitel aufzubauen. Erst der 2. Teil erörtert den Notwendigkeitsbegriff vom Standpunkt der objektivischen Erkenntnis und fällt somit in den Kreis unserer erkenntnistheoretischen Untersuchung, zumindest von dem Gesichtspunkt aus, von dem wir TETENS' Erkenntnislehre bisher behandelt haben. Freilich müssen wir gestehen, daß TETENS sich über den Unterschied seiner Betrachtungsweisen in Bezug auf die "subjektiven Notwendigkeiten" und die "objektivisch notwendigen Wahrheiten" nicht klar gewesen ist. Dennoch ergibt sich bei einer näheren Betrachtung der letzteren, daß es TETENS hier gegenüber den "subjektiven Notwendigkeiten" um ein ganz neues Problem zu tun ist - ein Problem, das uns in seiner Erkenntnislehre bisher beschäftigt hat - um die Grundlegung der "objektivischen" Erkenntnis und ihren notwendigen Geltungswert. Man hat sich im Übrigen über die "subjektivischen Notwendigkeiten" TETENS' vom erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt des öfteren ironisch geäußert, weil diese nichts zu einer Fundierung objektivischer Erkenntnis beitragen - man übersah den 2. Teil dieses Versuches, der mit jenen bei einer näheren Untersuchung nichts mehr gemein hat und objektiv, nicht psychologisch-subjektiv gehalten ist.

Zunächst werden wir einiges schon Gesagte wiederholen müssen. Dies ist erforderlich, wenn wir uns auf den Gedankengang des Versuches näher einlassen. Die Frage danach, was eigentlich die Objektivität unserer Erkenntnis bedeutet, drückt TETENS mit dem Satz aus: "Die Unmöglichkeit, die Dinge anders zu denken, wird den Dingen ohne den "Verstand beigelegt." (4) Die Ideen (die objektivierten Vorstellungen) sind "Sachen außer uns"; sie sind vollgültige Gegenstände und werden als solche angesehen. (5) Auf dem Standpunkt der Erkenntnis weiß das Bewußtsein nicht von ihnen als Modifikationen, die es erfahren hat. Durch seine formelle Tätigkeit, die es zur Objektivierung der Empfindungen beigesteuert hat, ist es gleichsam über sich selbst hinausgeschritten. Doch handelt es sich gerade um die Frage,  warum  "die Unmöglichkeit, die Dinge anders zu denken" nicht eine subjektive Jllusion, sondern von wahrhaft objektiver Gültigkeit ist. TETENS sieht das selbst ein und formuliert die Frage zunächst in anderer Weise: Was heißt es eigentlich, wenn wir von "Wahrheit" in unserer (gegenständlichen) Erkenntnis reden? Wir wissen nach unseren Ausführungen, sie kann nicht in einer Übereinstimmung der "Ideen" mit den Dingen bestehen. Wir haben es ja immer nur in unserer Wahrnehmung mit diesen "Ideen" als unseren objektiven Vorstellungen zu tun, nicht aber mit den Dingen selbst, wie sie  ansich  sind. Der erkenntnistheoretische Standpunkt, wie wir ihn bisher festgehalten haben, wäre sonst aufgegeben.
    "Wenn die Wahrheit für die Übereinstimmung unserer Gedanken mit den Sachen erklärt wird, so kann diese Übereinstimmung nichts anderes sein als eine  Analogie nach welcher sich die Idee zur Idee so verhalten soll, wie die Sache zur Sache. Die Gegenstände mit den Ideen vergleichen heißt nichts anderes als Vorstellungen mit Vorstellungen vergleichen ... Sind die Objekte einerlei oder verschieden, wie es die Ideen von ihnen sind, beziehen sich jene aufeinander wie diese; so sind die Verhältnisse in jenen dieselbigen wie in diesen und unsere  Ideen  stellen uns die Beziehungen der Sachen aufeinander vor." (6)
Wenn man also sagt, die Wahrheit einer Erkenntnis liegt in ihrer Übereinstimmung mit dem Gegenstand, so ist der Satz nur in einem sehr modifizierten Sinn richtig. Es kann sich hier nur um eine "Analogie" handeln, da wir über den Kreis unserer Vorstellungen nicht hinauskönnen. Wir müssen die "Beziehungen" unserer Ideen, unserer objektiven Vorstellungen, selbst ins Auge fassen, um Aufschluß über die Wahrheit unserer Erkenntnis von den  Gegenständen  zu erhalten. Was sind diese Beziehungen wie die hier angeführte der "Einerleiheit und Verschiedenheit" aber? Sie waren von uns früher als "Verhältnisbegriffe" oder "Aktus des Denkens" charakterisiert worden, als Verknüpfungsbegriffe, durch die in den  "Ideen"  bestimmte Verbindungen geschaffen werden. Diese Beziehungen der "Ideen" liefern eine Analogie zu den "Beziehungen der  Sachen" , wie sie ansich und für uns auf  direktem  Weg unerkennbar sind. Auf dieser Analogie also - so sagt TETENS! - beruth die Wahrheit unserer gegenständlichen Erkenntnis.

Denn, wie wir wissen, sind uns Dinge zunächst in ihrem Inhalt nach nur durch das Mittel der Empfindungen gegeben, nur als "Impressionen". (7) Diese sind ihrem  Wahrheitsgehalt  nach gleichsam etwas Indifferentes, weil sie nur im Verhältnis zu "der subjektiven Natur eines empfindenden Wesens" gegeben sind und der bestimmten Form entbehren.
    "In diesen Impressionen liegt auch kein Gedanke und keine Wahrheit, obgleich sie sonst ihre Fehler haben können. Denken besteht im Gewahrnehmen der Verhältnisse der Vorstellungen, und nur in diesen kann Wahrheit oder Irrtum sein." (8)
Alle Bestimmungen von Impressionen kann erst vom Denken getroffen werden; daher kann auch erst nach dieser Bestimmung durch den Akt des Denkens die Frage nach Wahrheit oder Irrtum aufgeworfen werden.
    "Die Richtigkeit des Gedankens hängt nur davon ab, daß mein Urteil richtig ist, und das Urteil ist ein Verhältnisgedanke". (9)
Die in erkenntnistheoretischer Hinsicht durchaus "relativische Natur" (10) aller Impressionen ist somit an die formelle Tätigkeit des Denkens gebunden, um zur Bestimmung, d. h. Gegenständlichkeit zu kommen.

Die Frage nach der Objektivität unserer Erkenntnis läßt sich also durch die andere ausdrücken: "Ob diejenigen Verhältnisse und Beziehungen, die wir in unseren Vorstellungen wahrnehmen, den Objekten außer uns zukommen"? (11) Dieselbe Frage faßt TETENS auch sofort in einer anderen Form: "Nach welchem Gesetz kann man diese Beziehungen der Ideen als Beziehungen der Objekte aufeinander ansehen?" (12) Zunächst also sieht TETENS in der Frage, ob die Beziehungs- und Verknüpfungsformen tatsächlich objektivisch sind, nicht eben nur "für Vorstellungen wie die unsrigen" gelten, "die Spitze der Sache". - Er weist hauptsächlich auf die Unabhängigkeit der Beziehungsformen ihrem Wahrheitsgehalt nach von der Natur der Impressionen hin, die subjektivischer Natur sind. (13) Diese sind an die Organisation jedes "empfindenden Wesens" geknüpft, die Bedingungen ihrer Aufnahme sind psychologischer, bzw. physiologischer Natur, sie sind an bestimmte "Sinnglieder" gebunden (14) - kurz: all die Bestimmungen, die über die Art ihrer Aufnahme getroffen werden können, sind nicht maßgebend für die objektive Geltung irgendwelcher Erkenntnisse.
    "Die Vorstellungen aus der Empfindung sind bei uns Impressionen, die ein solches Wesen, wie die menschliche Seele ist, mittels solcher Sinnglieder, wie wir sie haben, unter solchen Umständen, als die Erfordernisse der Empfindung bei uns sind, erlangt." (15)
Alles Ausdrücke für die Organisation eines "Wesens", die nicht von  notwendiger  Bedingung für die Vorstellung von objektivem Charakter enthalten kann, also als Bedingung der Empfindung nur "subjektivischer Natur" ist. Diese sinnlichen Modifikationen mögen aber noch so verschieden sein, so bleibt doch immer "dasselbe Verhältnis" in den Impressionen, (16) d. h. der Beziehungsbegriff wird durch die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke nicht alteriert. Ja, TETENS setzt den Fall, "ein denkendes Wesen" erhielte von Gegenständen ihrem Inhalt nach auf einem anderen Weg als durch Impressionen Kenntnis, so können wir uns dies wohl denken, nicht aber die Bestimmung dieser Modifikatinen durch andere Begriffe als wir sie haben. (17) Was somit, wie TETENS sagt, vom Standpunkt der "Vernunft" unter "Realität" zu verstehen ist, weicht von der naiven Meinung "des gemeinen Menschenverstandes" weit ab. (18) Er hält die Impressionen und Eindrücke für das Objektivische, steht also ganz auf dem Standpunkt der sinnlichen Erfahrung, der Empfindung.
    "Der gewöhnlichste, beständigste Schein ist für ihn ganz und gar Realität. Hierin berichtigt die Vernunft den gemeinen Verstand und lehrt, daß das Objektivische sich nirgends weiter als auf die  Verhältnisse  der Eindrücke erstrecken kann und schränkt von dieser Seite die gemeine Vorstellung etwas ein." (19)
Wir hatten früer einmal TETENS' Begriff einer "Grundwissenschaft" charakterisieren können als "die Feststellung aller einfachen objektivischen Verhältnisse (der Dinge)  als so vieler  unterschiedenen Tätigkeitsarten unserer Denkkraft." Hier sagt nun TETENS: In Anbetracht dessen, daß unsere Impressionen, die von den Dingen, wei sie ansich sind, herrühren, in Abhängigkeit von unseren Sinnen nur von subjektiver Bedeutung sein können, erstreckt sich alle objektive Gültigkeit nur "auf die Verhältnisse" der Dinge. Diese "Verhältnisse" treffen aber "mit ebensovielen Tätigkeitsarten unserer Denkkraft" zusammen. Mithin erden wir nur von der Objektivität in unserer Erkenntnis reden können, insofern jene ursprünglichen Denkhandlungen, die "Verhältnisbegriffe" in Kraft treten.
    "Dies ist bei unserer  Erkenntnis  von wirklichen Objekten die erste Voraussetzung: Die Verhältnisse der Ideen oder der Impressionen und Zeichen der Dinge gegeneinander in uns  sind  solche wie wir in ihnen gewahrnehmen und notwendig gewahrnehmen müssen." (20)
Diese Verhältnisse, die zwischen unseren Ideen, d. h. gegenständlichen Vorstellungen bestehen, und die Art ihrer Verbindung miteinander darstellen, sind nicht etwas nur für unsere Wahrnehmung (in einem bloß subjektiven Sinn) Vorhandenes, sondern sie sind tatsächlich diejenigen, die für uns auch in unseren Wahrnehmungs objekten  als wirksam erscheinen, haben also auch objektive Bedeutung.

Hier dürfen wir vielleicht noch einige Äußerungen TETENS' über die Gültigkeit der mathematischen Erkenntnisse einschalten. Die mathematischen Wahrheiten sind notwendige Wahrheiten, die für jeden Verstand gültig sind, weil sie das Kriterium ihrer Gewißheit in sich tragen.
    "Daß Gleiches zu Gleichem hinzugesetzt gleiche Summen gibt, daß der Zirkel so groß ist wie ein Triangel, dessen Grundlinie dem Umfang und dessen Höhe seinem Halbmesser gleich ist, und alle dergleichen allgemeine theoretische Wahrheiten Wahrheiten für jeden Verstand sind, kann so wenig geleugnet werden, wie die Wahrheit selbst. Die Verhältnisse und Beziehungen denkt der Verstand in diesen Ideen und legt sie nur solchen Objekten bei, die seine eigenen Geschöpfe sind." (21)
An einer anderen Stelle bei der Erörterung seiner "subjektiven Notwendigkeiten" nennt TETENS speziell die "geometrischen Wahrheiten" ganz richtig "materiell notwendige" zum Unterschied von den bloß "formal notwendigen". (22)

Zu dieser Auffassung von einer notwendigen Geltung speziell geometrischer Sätze dürfen wir vielleicht einige Bemerkungen hinzufügen. TETENS hat nicht erkannt, worauf in der Tat die "materielle Notwendigkeit" geometrischer Sätze beruth. Geometrische Sätze und Wahrheiten sind - wie wir mit KANT meinen - von anschaulicher Gewißheit, Wahrheiten im strengsten Sinn der Form und dem Inhalt nach, auf intuitiver Basis. TETENS weiß nichts im Gebiet der formalen Bedingungen der Erkenntnis von einer Trennung zwischen Begriff und Anschauung. Außerdem sind die geometrischen Wahrheiten von objektiver Bedeutung und gelten nicht nur von Ideen, die "unsere eigenen Geschöpfe sind". Ihre objektive Bedeutung beruth darauf, daß der Raum als Form der Anschauung überhaupt eine Bedingung der Anschauung aller Erscheinungen ist, mithin die mathematischen Erkenntnisse ihre Beziehung auf Gegenstände in sich tragen, wie KANT unwiderleglich gelehrt hat. Wir könnten höchstens, was TETENS anbelangt, sagen, daß das Merkmal der Objektivität die geometrischen Erkenntnisse insofern treffen würde, als es den Charakter der "Verhältnisbegriffe" überhaupt trifft: Alle räumlichen Bestimmungen beruhen der Form nach auf einem solchen "allgemeinen Verhältnisbegriff", dem Raum, der wie die Zeit "Bedingung zu den Ideen von den Gegenständen ist." (23)

Nach dem Gesagten können wir hier kurz rekapitulieren: TETENS will untersuchen, "was eigentlich die Objektivität unserer Erkenntnis sagen will", (24) und kommt zu dem Ergebnis, daß dieselbe sich nur "auf die Verhältnisse unserer Ideen oder Zeichen von den Ideen erstrecken kann", Verhältnisse, die ebensovielen "Aktus unseres Denkens" entsprechen und als das eigentliche Element von objektiver Bedeutung in unserer Erkenntnis anzusehen ist. Er fragt nicht nach dem Wesen der Dinge, wie sie ansich sind, sondern er beschränkt sich auf die Frage: Wie können unsere "Ideen" für Gegenstände und die Beziehungen der Ideen für Beziehungen der Gegenstände gelten?
    "Bei dieser Übertragung unserer Ideenbeziehungen auf die Objekte unterscheiden wir doch bei den letzteren notwendige und zufällige Verhältnisse und teilen daher auch die objektivischen Wahrheiten in notwendige und zufällige ein." (25)

    "Wenn man die objektivisch notwendigen und zufälligen Wahrheiten unterscheidet, so sieht man nicht auf die natürliche Notwendigkeit oder Zufälligkeit in der erkannten  Sache  selbst oder in der Vorstellung von ihr, für sich betrachtet. Ist das  Objekt  unserer Vorstellung auch dann, wenn wir uns notwendig vorstellen, daß es wirklich so ist und so ist, wie wir es finden - ist es dann nur zufällig so oder muß es notwendig so sein? Ist etwas eine notwendige Folge der  Ideen  von den Dingen und unzertrennlich von diesen, oder ist es nur etwas mit ihnen Verbundenes, das von ihnen abgesondert werden kann?" (26)
Ohne auf die zuletzt gestellten Fragen direkt eine Antwort zu geben, will TETENS nur das Prinzip feststellen, nach welchem die Scheidung der Wahrheiten in "objektiv notwendige" und "zufällige" vollzogen wird. Der Begriff der Notwendigkeit beruth nicht auf einem "natürlichen Beifall", den wir einer Erkenntnis zollen, sondern man muß auf das Objekt oder die "erkannte Sache" selbst sehen, um zu wissen, was in unserer Erkenntnis derselben das Merkmal der Notwendigkeit tragen kann oder nicht. Diese "erkannte Sache" liefert den Erkenntnis grund,  der die prinzipielle Trennung zwischen objektiv notwendig oder zufällig als Merkmal aller Erkenntnis überhaupt ermöglicht. TETENS sieht nämlich, daß es sich hierbei nicht um die Wirklichkeit, um das Dasein der Dinge handelt;  sie selbst  können von diesen Begriffsmerkmalen "notwendig oder zufällig" nicht getroffen werden:
    "Bei der Frage: Ob etwas notwendig oder zufällig ist, setzen wir schon voraus, daß es etwas Wirkliches ist und so ist, wie es ist ..." (27)
Es wird sich also hier nicht um die Dinge selbst handeln, sondern um ihre Erkenntnis.
    "Es mag uns subjektivistisch notwendig sein, den Sachen diese oder jene Beschaffenheiten zuzugestehen, so nehmen wir doch gewahr, daß ihnen diese deswegen noch nicht notwendig zukommen." (28)
Als Sätze von solchem Erkenntniswert führt TETENS an:
    "Ich bin, ich denke, ich habe einen Körper, und die Sonne erleuchtet die Erde. Lauter Sätze, die ich mit subjektivischer Notwendigkeit für wahr halte, aber ich glaube deswegen nicht, daß ich selbst notwendig existier, notwendig denke etc. Die Sätze, als Gedanken von  Gegenständen  betrachtet, sind zufällige Wahrheiten." (29)
Den Satz "ich denke" ist als "Gedanke vom Gegenstand" - besser gesagt: als objektive Erkenntnis - nur von zufälliger Wahrheit. Dies scheint der inneren Erfahrung zwar zu widersprechen. Die innere Erfahrung hat es aber nur mit dem natürlichen Beifall zu tun, den wir einer Sache zollen." Aus der "erkannten Sache" soll vielmehr das Prinzip für die Scheidung in eine objektive Notwendigkeit oder Zufälligkeit genommen werden.
    "Der Satz:  Ich denke  gehört mit allen Sätzen des unmittelbaren Bewußtseins zu den zufälligen Wahrheiten, so schlechthin notwendig es uns auch ist, ihn für einen wahren Satz zu anzunehmen. Denn wir erkennen, daß, obgleich meinem Ich die Aktion des Denkens jetzt wirklich zukommt, so liegt doch in der Idee eines solchen Dings, wie es mein Ich ist, weder daß es immer wirklich denkt, wenn es wirklich ist, noch daß es überhaupt wirklich vorhanden ist." (30)
Was mit dem Beispiel ausgedrückt werden soll, leuchtet bereits ein.
    "Ich verbinde zwar den Gedanken, daß ich wirklich bin, mit der  Vorstellung  von meinem Ich; aber ich weiß es auch, daß diese Verbindung nicht aus der Vorstellung des Subjekts und dem Begriff von der Wirklichkeit als Prädikat abhängt, sondern daß noch ein anderer Grund, nämlich die Empfindung meines Ichs die Ursache ist, wodurch die Denkkraft zu dem Gedanken:  Ich bin  bestimmt wird." (31)
Existenz kann nicht aus dem Begriff eines Gegenstandes als ein Merkmal herausgewickelt werden. Das Sein muß gegeben sein, und zwar in der Empfindung. Alle Existenzialurteile sind als solche von zufälliger Wahrheit - zufällig vom erkenntnistheoretischen Standpunkt. Denn alle ursprünglichen Begriffe des Denkens, von den wir gesprochen haben, sagen nichts über das Sein eines Gegenstandes aus, das in der Vorstellung gegeben werden muß. Alle Urteile, die implizit Existenz aussprechen, nennt TETENS "Kenntnisse des unmittelbaren Bewußtseins" oder "zufällige Wahrheiten" (32). So den Satz:  Ich bin. 
    "Diesen Gedanken muß ich so denken, nicht darum, weil ich das Prädikat vom Nichtsein nicht sollte mit der Idee von meinem Ich verbinden können, sondern darum, weil ich es mit dem Gefühl von meinem Ich nicht verbinden kann, und weil ich die Vorstellung von meinem Ich niemals ohne das begleitende Selbstgefühl in mir habe." (33)
Ein Gegenstand existiert für uns, weil er durch die Empfindung uns als existierend angezeigt wird: Sein wird ausgesprochen durch die Anerkennung der Empfindung, - die trotzdem zufällig ist vom Standpunkt der Erkenntnis!

Aber weiter! Nicht nur das bestimmte Sein von Gegenständen ist ein zufälliges, sondern auch die bestimmten Beziehungsformen, die tatsächlichen Verhältnisse der Dinge zueinander sind zufälliger Natur. Die "Verhältnisbegriffe" sind nur ihrem allgemeinen Charakter nach von notwendiger Gültigkeit. Die  bestimmten  Formen von gegenständlichen Urteilen sind  data  der Erfahrung, sie müssen wahrgenommen werden und sind damit nur "zufällige Wahrheiten", wie TETENS ausführt. Die bestimmten räumlichen und zeitlichen Verhältnisse der Dinge sind nicht ursprünglich nach Begriffen zu fixieren.
    "Die Lage der  wirklichen  Dinge gegeneinander, ihre Nähe und Abstand, ihr Zugleichsein und ihre Folge aufeinander und überhaupt die unwirksamen Beziehungen der Dinge aufeinander, die durch Raum und Zeit bestimmt werden, sind nach unserer Vorstellungsart zufällige Beziehungen des Wirklichen. Denn wie auch die Dinge beschaffen sind, und was wir bei ihnen in unseren Ideen antreffen, was z. B. die Sonne und die Erde für Beschaffenheiten für sich haben mögen, so sind sie deswegen doch nicht zu einem gewissen Raum und gewissen Zeit bestimmt." (34)
Auch nach kantischer Auffassung bedürfen die Anschauungsformen von Raum und Zeit trotz ihrer Apriorität zu ihrer Bestimmtheit der Erfahrung, ja darauf beruth im eigentlichen Grund ihre Bedeutung für die Erscheinungen und ihre Beziehung auf die Gegenstände. Apriorität ansich ist Subjektivität. Erst die Beziehung auf die Erfahrung liefert objektive Gültigkeit. So ist es auch nach TETENS nicht notwendig bestimmbar, welche Lage ein Gegenstand im Raum hat, in welcher Reihenfolge eine Wahrnehmung der anderen sukzediert [nachfolgt - wp]. In Bezug auf den Begriff von Ursache und Wirkung war diese Einschränkung seines notwendigen Charakters bereits erwähnt.
    "Von den verursachenden Verbindungen der Dinge in der Welt haben wir keine vollständigen Begriffe, wenn nicht außer der Idee vom Ding, das die Ursache ist, und von demjenigen, worin die Ursache wirkt, noch eine gewisse Art der Koexistenz hinzugedacht wird. Diese Koexistenz ist aber etwas Zufälliges. Daher sind die ursächlichen Verbindungen solcher Dinge nach unseren Begriffen zufällige, und die Sätze, in welchen sie ausgedrückt werden, zufällige Wahrheiten." (35)
Die bestimmten Kausalverhältnisse in der "Koexistenz", d. h. in Raum und Zeit, sind durch die Empfindung gegeben; ihre Determiniertheit ist ein Ausdruck der Wirklichkeit, und als solche zufällig. So vermag TETENS zu sagen, daß
    "alle unsere Kenntnisse von der  wirklichen  Welt, sofern sie die Art und Weise der Verbindung der Dinge miteinander betreffen, zufällige Wahrheiten sind. Ohne die Dinge selbst  empfunden  zu haben, wüßten wir von diesen Beziehungen nichts ..." (36)
Auch hieraus ist übrigens ersichtlich, daß die "Verhältnisbegriffe" wie der von Ursache und Wirkung erst ihre Bedeutung in der Anwendung auf die Vorstellungen als Beziehungen der Dinge "in der wirklichen Welt" erhalten. Wenn aber alle Kenntnisse, die aus der "Wirklichkeit" selbst geschöpft werden, zufällig sind, was bleibt da wohl für den Begriff der Notwendigkeit übrig?
    "Um also zu wissen, was notwendig in ihnen ist" (den  Sachen  nämlich), "und welche Verhältnisse und Beziehungen bei ihnen notwendig sind, müssen wir sie sozusagen aus ihrer Wirklichkeit herausnehmen und sie bloß nach den Ideen von ihnen beurteilen, wie wir den Gedanken abgesondert haben, daß sie wirklich vorhanden sind." (37)
Um also die notwendigen Beziehungsbegriffe aufzufinden, muß "alles Wirkliche von ihnen abgetrennt werden"; d. h. alles, was durch die Empfindung gegeben ist, und diese Begriffe, die TETENS früher als ursprüngliche Urteile faßte, bleiben übrig. Auch dieses Verfahren erscheint durchaus rational und hat nicht mit einer subjektivisch-psychologischen Methode zu tun. Und ferner sagt er, im Gegensatz zu den "zufälligen Kausalverhältnissen":
    "Alles Übrige, was in unseren Ideen von den verursachenden Verbindungen der Dinge in der Welt notwendig ist, beruth auf Verhältnissen, die wir vermöge der allgemeinen, formellen Naturgesetze der Denkkraft in den Ideen antreffen müssen; auf einer solchen Abhängigkeit in den Ideen, die diejenige ist, in der eine Folgerung gegen ihre Grundsätze steht." (38)
Die Art und Weise, wie dieses Denkverhältnis analogisch auf die Dinge als Erkenntnisbegriff übertragen werden soll, haben wir bereits erörtert.
    "Überhaupt sind die angeführten allgemeinen notwendigen Denkgesetze als objektivische Sätze vorgetragen, die allgemeinsten Ausdrücke aller  notwendigen  Wahrheiten, weil sie die allgemeinsten Gattungen von Verhältnissen und Beziehungen angeben, die der Verstand bei den Vorstellungen von den  Dingen  denkt und nicht anders als ihnen gemäß denken kann."
Wenn demnach alle aus der "Wirklichkeit selbst geschöpften Kenntnisse nur zufällig, erkenntnistheoretisch angesehen, sind, so kann das Merkmal des Notwendigen nur die Elemente treffen, die Bedingung dieser "Wirklichkeit" oder besser ihrer Erkenntnis sind. Und zwar ist die Notwendigkeit dieser Beziehungsformen nicht nur eine logische, die sich in begrifflichen Ideenverbindungen erschöpft, sondern von erkenntnistheoretischer Gültigkeit, weil die Beziehungsformen die Bedingung für die Vorstellungen von Dingen sind - notwendig in der Richtung auf das "Objektivische" der Erkenntnis, oder wie TETENS sagt, weil "der Verstand sie bei den Vorstellungen von den Dingen denkt". Das dürfte sich zwanglos aus der Unterscheidung "des objektivisch Notwendigen" und "objektivisch Zufälligen" ergeben. (39)

Gegen diese Auffassung der allgemeinen "Verhältnisbegriffe" als Denkäußerungen von "objektiver Notwendigkeit" ließe sich noch ein Einwand machen:
    "Es ließe sich noch dies sagen: Die Verhältnisse, welche unser Verstand in den Dingen wahrnimmt, mögen vielleicht selbst andere Verhältnisarten sein als diejenigen, welche eine andere Denkkraft faßt. Ähnlichkeit und Verschiedenheit, Beieinandersein und voneinander abhängen, das sind Denkarten  unseres  Verstandes. Sind es auch Denkarten jedweden anderen Verstandes? Also ist es unmöglich auszumachen, ob unsere  Denkarten  über die  Gegenstände  auch die Denkarten eines Engels oder gar des göttlichen Verstandes sind? Also sind auch die Verhältnisse, die wir in unseren Impressionen wahrnehmen, schlechthin nur Gedanken von und und nur Wahrheiten für uns. Hierauf kann man antworten: Es wird das erste Ziel verlassen und ein  anderes  gesteckt." (40)
"Das Ziel, das gesteckt ist", besteht darin, die "Verhältnisse der Gegenstände" zu begründen.
    "Wir haben keinen Begriff von einem Verstand, der nicht solche Verhältnisse in den Ideen wahrnimmt wie wir wahrnehmen. Gibt es also eine Denkkraft, die so sehr heterogen ist von den unsrigen, daß die Verhältnisse und die Beziehungen, welche sie hervorbringt, mit den unsrigen unvergleichbar sind, so ist das etwas, das vielleicht als ein Analogon eines Verstandes, oder wenn es eine größere Vortrefflichkeit ist, als unsere Denkkraft, als ein Verstand  per eminentiam  [der hervorragt - wp] angesehen werden kann, aber ein eigentlicher Verstand und eine Denkkraft, von welcher wir einen Begriff haben, ist es nicht. Und solche eigentlichen Denkkräfte werden  vorausgesetzt,  wenn die Frage ist, ob die von uns gedachten Verhältnisse der Objekte dieselbigen sind, welche alle anderen Denkkräfte von denselbigen haben müssen ..." (41)

    "Die Dinge sind ansich einerlei und verschieden, das heißt auch nichts mehr, als sie sind es für jedewede Wesensart, welche die Verhältnisse der Einerleiheit und Verschiedenheit denken kann." (42)
Das will nur sagen: bei der objektiven Erkenntnis durch bestimmte Beziehungsformen wird immer ein Denken als Bedingung gesetzt, das alle subjektiven oder individuellen Differenzen als für den Begriff der Erkenntnis irrelevant in sich aufhebt. So sagt TETENS an einer anderen Stelle drastisch von einem Verstand, der nach anderen Gesetzen als er selbst denken würde: "Ein solcher Verstand ist für den menschlichen, was ein viereckiger Zirkel für ihn ist." (43)

Fragen wir zum Schluß, worauf im letzten Grund die Beziehung des Bewußtseins auf das Objekt und somit der "ursprünglichen Verhältnisbegriffe" auf den Gegenstand beruth, so finden wir an einer Stelle bei TETENS die Antwort: Notwendige Denkgesetze
    "bringen die Urteile über die Impressionen hervor; aber ebensolche führen sie" (die Vernunft) "auf den Gedanken, daß die Verhältnisse der letzteren unter gewissen Umständen auch Verhältnisse der Objekte sind. Das  allgemeine  Denkgesetz, wonach der letztere Gedanke entsteht, ist ansich immer  dasselbe..." (44)
Wir wissen, Bewußtsein war die erste Bedingung, um Vorstellungen objektivieren zu können. Die Äußerung desselben bestand dabei in einer "Beziehung" oder einem "Urteil". Diese Objektbeziehung nun steht unter einem "allgemeinen Denkgesetz", und dieses Denkgesetz ist immer "ansich" dasselbe. Die gesetzliche Form, nach der die Vorstellungen zu solchen von Gegenständen gemacht werden, ist überall identisch. Wie diese Beziehung des Bewußtseins auf das Objektiv überhaupt von TETENS als ein "Urteil" bezeichnet worden ist, so auch im selben Sinn die "Verhältnisbegriffe" als ebensolche "ursprüngliche Aktus des Denkens", unter denen mithin die Vorstellungen ebenfalls stehen werden, daß sie Ausdruck desselben "allgemeinen Denkgesetzes" sind, und insofern also auch eine objektivische Beziehung haben müssen. Sind nun aber alle Empfindungen oder Vorstellungen nur als Erscheinungen für ein Bewußtsein gegeben, und untersteht ihre Objektivierung seinem "allgemeinen Denkgesetz" und zugleich dessen Äußerungen, den formalen "Verhältnisbegriffen", so ist es nicht zu verwundern, daß diese selbst von notwendiger Gültigkeit sein sollen. Damit aber ist auch das Postulat "des Begreiflichseins" unserer Wahrnehmungsobjekte, das TETENS beim Begriff von Ursache und Wirkung einführte, als ein notwendiges gekennzeichnet, wenn alle Vorstellungen notwendig unter formalen Denkbegriffen stehen: Die heißt eben, die Vorstellungen müssen durch das Denken "begreiflich sein" - wenn sie objektiven Gehalt besitzen sollen. So wäre immerhin dieses identische "allgemeine Denkgesetz" ein Analogon zu KANTs "transzendentaler Einheit des Bewußtseins", ohne die "nichts ist" - nichts, was objektive Gültigkeit zu beanspruchen hätte. Wir wollen mit dieser Parallele jedoch nicht zu weit gehen, wenn es auch nach unseren Ausführungen klar ist, daß TETENS zumindest die Frage gekannt hat, wie und warum "Verhältnisbegriffe" sich auf Objekte beziehen (45). Daß in der bestimmten Befolgung dieses "allgemeinen Denkgesetzes" für die Objektbeziehung, wie TETENS an derselben Stelle fortfährt (46), "genug Fehltritte" begangen werden können, die sich in falschen Urteilen über die Empfindungen und Impressionen aussprechen, ist selbstverständlich und eine individuell-psychologische Tatsache. Sie rührt nicht an die Gültigkeit des Gesetzes, die objektiv ist.



Mit diesem "allgemeinen Denkgesetz" haben wir den Schlußpunkt erreicht, bis zu dem die Erkenntnislehre TETENS' hinführt, so weit sie uns vom kritischen Standpunt interessiert. Unsere Darstellung weicht in hohem Grad von den beiden angeführten Arbeiten über TETENS' Erkenntnistheorie ab - welches die richtige ist, muß dem Gutachten vom einzelnen Standpunkt aus überlassen bleiben. Hier sprechen die weitgehenden Differenzen mit, die im Anschluß an KANTs Kr. d. r. V. über den Begriff der Erkenntnistheorie überhaupt herrschen und die Darstellung KANTs selbst in ebensoviel unterschiedene Auffassungen gespalten haben. Sieht man aber, was TETENS anbetrifft, den Wert seiner Erkenntnislehre darin, daß er sie "von Standpunkt eines empiristischen Psychologen aus behandelt", (47) so können wir dieser Ansicht nicht beipflichten.

Die Begründung der "Möglichkeit der Erfahrung" in unverhältnismäßig tieferer Weise methodisch und kritisch zu leisten, blieb TETENS' größerem Zeitgenossen vorbehalten. Daß aber bei TETENS ein Anklang an vKANTs "transzendentale Methode" zu finden ist, behaupten ich - eine Methode, die ihren äußersten und tiefsten Ausdruck nach meiner festen Überzeugung in der "Einheit des Bewußtseins" findet.

LITERATUR: Max Brenke, Johann Nicolas Tetens' Erkenntnistheorie vom Standpunkt des Kritizismus, Rostock 1901
    Anmerkungen
    1) "Der Begriff vom Objektivischen" in unseren Vorstellungen (Tetens Seite 537) ist der Ausdruck für ein Problem, dessen Untersuchung sich TETENS im 2. Teil des VII. Versuches ausdrücklich widmet.
    2) Philos. Versuche, Seite 470-529
    3) Philos. Versuche, Seite 530-569
    4) Philos. Versuche, Seite 531
    5) Philos. Versuche, Seite 531
    6) Philos. Versuche, Seite 533
    7) Philos. Versuche, Seite 533, 534
    8) Philos. Versuche, Seite 534
    9) Philos. Versuche, Seite 534
    10) Philos. Versuche, Seite 534
    11) Philos. Versuche, Seite 535
    12) Philos. Versuche, Seite 535
    13) Philos. Versuche, Seite 538, 546, 547
    14) Philos. Versuche, Seite 538, 546, 547
    15) Philos. Versuche, Seite 547
    16) Philos. Versuche, Seite 549, 550
    17) Philos. Versuche, Seite 550 letzter Absatz, 559, 560.
    18) Philos. Versuche, Seite 561 unten
    19) Philos. Versuche, Seite 561 unten.
    20) Philos. Versuche, Seite 553, 554.
    21) Philos. Versuche, Seite 545
    22) Philos. Versuche, Seite 515
    23) Philos. Versuche, Seite 566 unten
    24) Philos. Versuche, Seite 535 unten
    25) Philos. Versuche, Seite 564
    26) Philos. Versuche, Seite 565
    27) Philos. Versuche, Seite 565
    28) Philos. Versuche, Seite 564
    29) Philos. Versuche, Seite 564, 565
    30) Philos. Versuche, Seite 568
    31) Philos. Versuche, Seite 568
    32) Philos. Versuche, Seite 569 unten
    33) Philos. Versuche, Seite 569 unten
    34) Philos. Versuche, Seite 566
    35) Philos. Versuche, Seite 567
    36) Philos. Versuche, Seite 566 unten
    37) Philos. Versuche, Seite 565 unten
    38) Philos. Versuche, Seite 567, 568
    39) So verhältnismäßig einfach diese Unterscheidung erscheinen könnte, würde sie doch ihre Bedeutung erhalten, wenn man TETENS in die geschichtliche Betrachtung der Philosophie einreihen würde, was hier nicht weiter geschehen kann. Ignoriert man aber diese Unterscheidung, wenn man, wie ZIEGLER, TETENS' Erkenntnistheorie im Verhältnis zu KANT betrachtet, so ist es in diesem Fall eine Unterlassungssünde. -
    40) Philos. Versuche, Seite 539
    41) Philos. Versuche, Seite 539. - Ich bemerke hier nur kurz, daß die Parallelen, die gerade hier mit KANT hätten gezogen werden können, von mir übergangen werden müssen, da sie zu weit führen würden. -
    42) Philos. Versuche, Seite 540
    43) Philos. Versuche, Seite 542
    44) Philos. Versuche, Seite 560 unten.
    45) Besonders fehlt bei TETENS jede Vermittlung im Einzelnen zwischen Begriff und Anschauung, die er ja als solche auf  formalem  Gebiet der Erkenntnis nicht kennt - eine Vermittlung, die bei KANT durch die zeitliche Bestimmung geleistet wird.
    46) Philos. Versuche, Seite 560, 561.
    47) SCHLEGTENDAL, Tetens' Erkenntnistheorie, Seite 8