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WALTHER SCHLEGTENDAL
Johann Nikolas Tetens'
Erkenntnistheorie

[2/2]

"Die wahren Allgemeinbegriffe beruhen auf einer direkten Abstraktion aus dem in den Empfindungen liegenden Gemeinschaftlichen; ist aus diesem gemeinschaftlichen Zug der Allgemeinbegriff einmal gebildet, so muß er sich im Einzelnen auf alle Empfindungen anwenden lassen, aus denen er gebildet ist. Stellt sich nun heraus, daß die Empfindungen von äußeren Objekten mit den inneren Empfindungen  das  gemeinsam haben, was zur Idee von einer Substanz oder einem wirklichen Ding führt, so muß sich der daraus gebildete Gemeinbegriff mit vollem Recht auf die Objekte auch der äußeren Empfindung anwenden lassen."


B. Zweiter Hauptteil
Die Lehre vom Ursprung unserer Erkenntnis
von der objektivischen Existenz der Dinge


1. Spezielle Einleitung

Haben wir somit in unserem ersten Hauptteil anhand von TETENS untersucht, mit welchen Erkenntnismitteln der Mensch ausgestattet ist und wie die einzelnen Vermögen der Erkenntniskraft aufeinander und miteinander wirken, so wären die Voraussetzungen, daß es eine Außenwelt gibt, die auf das Empfindungsvermögen wirkt und daß es eine einheitliche Seele gibt, stillschweigend als zurechtbestehend angenommen. Diesen Voraussetzungen wollen wir jetzt im zweiten Hauptteil im Anschluß an TETENS fünften Versuch näher treten und zwar in der Weise, daß wir nicht ihre metaphysische Grundlage prüfen, sondern untersuchen, wie wir diese Erkenntnisse und Begriffe aus der Erfahrung schöpfen und wie uns die Empfindungen Anlaß sein können und sein müssen, mittels der Denkkraft die Ideen von unserer Seele, von unserem Körper und von den Außendingen zu bilden.

Haben wir es schon in der Einleitung zum vorhergehenden Abschnitt als eine besondere Schwierigkeit bezeichnet, die Gedanken TETENS' zu ordnen und in einen festen Zusammenhang zu bringen, so kann ich an dieser Stelle diese Bemerkung auch in Bezug auf die Ausführungen des fünften Versuchs wiederholen. Wie wenig TETENS sich bestrebt seine Gedanken nach einer festen Disposition zu ordnen, mag ein Beispiel beweisen. Nach den beiden ersten, gleichsam einleitenden Nummern unseres Versuches stellt TETENS am Schluß der dritten Nummer vier Kardinalfragen auf, die zunächst zu beantworten sind. Die beiden ersten von diesen Fragen behandelt er dann auch in den drei folgenden Nummern (4, 5 und 6), kommt aber erst in der neunten und zehnten Nummer auf Untersuchungen, die man als Beantwortung der dritten und vierten Frage ansehen kann, ohne sie jedoch eigens als solche zu bezeichnen. Angesichts dieser und ähnlicher Ungenauigkeiten in der Anordnung muß man KANT wohl Recht geben, wenn er in einem Brief an HERZ (1) klagt: TETENS in einem Werk über die menschliche Natur hat viel Scharfsinniges gesagt; aber hat ohne Zweifel, so wie er schrieb, es auch drucken lassen, zum wenigsten stehen lassen. Zwar muß ich B. ERDMANN Recht geben, wenn er TETENS gegen den von JÜRGEN BONA-MEYER erhobenen Vorwurf des Mangels einer durchgreifenden psychologischen Grundanschauung verteidigt und als die Absicht TETENS aufstellt, er wolle dem Leser gar nicht fertige Resultate vorlegen, sondern ihn bewegen, mit ihm in die einzelnen Meditationen einzugehen: aber selbst bei dieser Absicht wäre wohl eine genauere Disposition innerhalb der einzelnen Abschnitte möglich gewesen. Doch versuchen wir, statt länger zu klagen, einen leitenden Gesichtspunkt für die Darlegung von TETENS Ansicht über den Ursprung unserer Kenntnis von der objektivischen Existenz der Dinge zu gewinnen, so scheint mir die  folgende Disposition  die geeignetste, zumal sie sich an den Gang von TETENS' Untersuchung so eng anschließt, wie es möglich ist. Ausgehend von der Erfahrung, daß wir aus den drei verschiedenen Empfindungsgruppen der inneren, der körperlichen und der äußeren Empfindungen auf drei verschiedene, ihnen zugrunde liegende Substanzen schließen, bezeichnet es TETENS als seine Aufgabe, zu untersuchen, ob sich die Ideen von diesen drei verschiedenen Substanzen aus ursprünglichen Empfindungsmerkmalen und mit Zuhilfenahme allgemeiner Denkgesetze ableiten lassen. Demgemäß prüfen wir im ersten Teil zunächst die Empfindungen und untersuchen sodann, welche allgemeinen Verstandesbegriffe zur Bildung der Ideen von diesen drei Substanzen die Voraussetzung bilden. Im zweiten Teil handeln wir dann speziell von der Entstehung der Annahme von der Existenz außerhalb von uns bestehender Dinge, und geben schließlich in einem dritten Teil das Grundgesetz an, nach dem wir unsere Empfindungsurteile über die subjektive und objektive Existenz der Empfindungsobjekte fällen. Anhangsweise fügen wir die Ansicht TETENS über die Untersuchung von primären und sekundären Empfindungen an.

2. Darstellung dieser Lehre

I. Präzisierung der Hauptfrage

TETENS geht von der Erfahrungstatsache aus, daß wir die Empfindungen nicht nur als Modifikationen unserer selbst ansehen, sondern daß wir uns aufgrund der verschiedenen Empfindungen drei große Gruppen von Empfindungen, Vorstellungen und Ideen gebildet haben (2).
    "Einige Ideen stellen uns selbst und unsere Veränderungen vor; andere sind Vorstellungen von unserem Körper und dessen Veränderungen; andere zeigen uns Objekt außerhalb von und und Beschaffenheiten von ihnen."
Wir sehen also in diesen beiden letzten Fällen die Empfindungen nicht nur als Veränderungen unserer Seele an, sondern wir schließen aus ihnen auf unseren eigenen Körper bzw. auf Dinge, die außer uns sind. Ist diese verschiedene Beziehung der Empfindungen in der Erfahrung gegeben, so fragt es sich, auf welche Art, durch welche Ursachen veranlaßt und nach welchen Gesetzen der Verstand von den Empfindungen und Vorstellungen, die doch nur innere Modifikationen sind, auf Gegenstände, die außerhalb der Seele liegen, wie er von den Ideen in ihm auf ihnen zugrunde liegende äußere Objekte schließt. Diese Frage bedarf, da sie eine der dunkelsten in der ganzen Erkenntnistheorie ist, einer eingehenden Untersuchung und kann nicht kurzer Hand entschieden werden.

Demgemäß weist TETENS eine Lösung dieser Frage, die man vielleicht im Anschluß an ein eben entwickeltes Gesetz des Erkenntnisvermögens aufstellen konnte, als unzureichend zurück. Wir bemerkten oben, daß sich bei jeder reproduzierten Vorstellung, wenn sie von äußeren Empfindungsvorstellungen herrührt, die Tendenz findet, über die ursprüngliche Vorstellung hinaus auf das Objekt der Empfindung hinzuweisen. Aufgrund dieser Beobachtung könnte man folgenden Schluß ziehen: da die reproduzierte Vorstellung sich auf eine Empfindungsvorstellung bezieht, diese Empfindungsvorstellung aber von einem äußeren Objekt veranlaßt ist, so können wir reproduzierte Vorstellungen nicht wahrnehmen, ohne zugleich die Beziehung auf die erste Empfindungsvorstellung und auf die ihr zugrunde liegende äußere Ursache mitzuempfinden, durch die Wahrnehmung dieser Beziehung kommen wir dann zur Annahme äußerer Objekte. Aber dieser Schluß wäre, wie TETENS mit Recht bemerkt, ein übereilter. Denn konsequenterweise führt die oben berührte Tendenz der reproduzierten Vorstellungen nur zu dem Schluß, daß unser ganzes Geistesleben auf Empfindungen und Empfindungsvorstellungen beruth; wie aber die ursprünglichen Empfindungen zu den Vorstellungen von äußeren Objekten führen und wie wir aus unseren Empfindungen auf den Unterschied von unserem Ich und äußeren Objekten gelangen, ist damit durchaus nicht erklärt.

Andererseits ist auch damit nichts gewonnen, wenn man mit REID und BEATTIE die Idee von der objektivistischen Existenz der Außendinge für eine unmittelbare Wirkung des Instinkts ausgibt. Zwar ist mit unseren Empfindungen der Gedanke, daß sie von äußeren Objekten verursacht sind, so unmittelbar verbunden und in ihren Ideen so eng eingewebt, daß wir uns eines vorhergehenden Aktes der Reflexion in der Regel gar nicht bewußt werden, und daher die Annahme, daß das Urteil von der objektivischen Existenz äußerer Dinge auf einer Anlage beruth, sehr naheliegend. Aber mit dieser Zurückführung auf den Instinkt (common sense) ist die Frage mehr abgebrochen als gelöst. Ebensowenig wie sich der Naturforscher damit begnügen kann, wenn man ihm den Magnetismus als einen Instinkt oder als ein Vermögen, Eisen anzuziehen, erklärt, ebensowenig können wir uns damit begnügen, wenn man unsere Annahme von der objektiven Existenz der Dinge für einen Ausfluß des Instinkts ausgibt. Es gibt zwar notwendige Gesetze der Denkkraft, wie das Gesetz, nach dem wir gleiche Vorstellungen für gleich, verschiedene für verschieden ausgeben müssen, die wir nicht weiter auf einfachere Prinzipien zurückführen können, aber es ist doch noch nicht ausgemacht, ob das Gesetz, nach dem wir über die innere oder äußere Wirklichkeit der vorgestellten Gegenstände urteilen. Zu solchen allgemeinen, instinktartigen Urteilsgesetzen gehört, bei denen eine Zurückführung auf andere Gesetze der Denkkraft unmöglich ist. Denn daran müssen wir durchaus festhalten, daß die Annahme von außer uns liegenden Dingen ein Produkt der Denkkraft ist. Urteilen wir auch jetzt, wo wir die Vorstellung von äußeren Objekten schon gebildet haben, über die einzelne Empfindung so unmittelbar, daß wir uns gar nicht der Anwendung der Denkkraft bewußt werden, so ist doch das Urteil über die einzelne Empfindung als einer Wirkung von einem Außending eine Äußerung der Denkkraft, die erst dann zustande kommen kann, wenn die Empfindung des Objekts in eine Vorstellung übergegangen und diese Vorstellung mittels der Wahrnehmung ins Bewußtsein gehoben ist. Erst auf die apperzipierte Vorstellung kann sich sodann die Denkkraft verwenden und über sie das Urteil, daß sie von einem äußeren Ding herrührt oder nicht, fällen.
    Unsere Aufgabe ist demgemäß die, zu untersuchen, ob sich unsere Kenntnis von der objektiven Existenz der Dinge und ob sich die vorhergehende Unterscheidung unseres Ich von den äußeren Dingen aus den Empfindungen und aus den allgemeinen Gesetzen der Denkkraft ableiten läßt. 
und ob die Äußerung unseres Erkenntnisvermögens, wie sie in den Urteilen über den subjektiven oder objektiven Ursprung unserer Empfindungen vorliegt auf einfachere und allgemeinere Wirkungsarten der Denkkraft zurückgebracht und aus ihnen erklärt werden kann.


II. Vorbedingungen

a) Die Einteilung der Empfindungen
in 3 Hauptklassen

Prüfen wir demgemäß zunächst unsere Empfindungen und untersuchen, indem wir soweit als es möglich ist auf den Ursprung unseres Geisteslebens zurückgehen, ob sich in unseren Empfindungen und Empfindungsvorstellungen etwas finden läßt, was den Anlaß zur Unterscheidung von einer subjektiven und objektiven Existenz und zur Annahme von außerhalb von uns befindlichen Dingen gegeben haben kann. Zuerst mag der ganze Inbegriff von Empfindungen, äußerer sowohl wie innerer unabgesondert und unauseinandergesetzt, zu einer einzigen Empfindung zusammengesetzt gewesen sein. Was dieser einheitlichen Empfindung in der Denkkraft entspricht, ist nicht auszumachen, ist auch für unsere Untersuchung irrelevant. Viel wichtiger ist, daß der Verstand, wenn er in diesem Ganzen von ungesonderten Empfindungen eine einzelne Empfindung besonders bemerkt, nicht sofort ein Urteil über dieselbe fällen konnte, sondern daß er zuvor in den einzelnen Empfindungen grundsätzliche Verschiedenheiten fand und daß gerade dieser Unterschied ihn aufforderte, die Empfindungen je nach ihrer größeren Ähnlichkeit oder Verschiedenheit zusammenzustellen und in verschiedene Gruppen zu sondern. Unsere erste Aufgabe ist also die, den Gesetzen nachzuspüren, nach welchen der Verstand bei dieser Sonderung der Empfindungen verfuhr, und die Merkmale in den Empfindungen aufzusuchen, die ihn bei dieser Tätigkeit unterstützten und leiteten.

Zunächst ließ sich nun, wie TETENS meint, ohne große Mühe der größte Teil der Empfindungsmassen in zwei verschiedene Haufen,  in die äußeren und die inneren Empfindungen  teilen, da dem Verstand unwillkürlich der große zwischen ihnen bestehende Unterschied auffallen mußte. Die durch die Sinnenglieder des Auges und des Ohres vermittelten Empfindungen entstanden ohne alle innere Vorbereitung und vergingen leicht, ohne irgendeine bleibende, bemerkbare Folge zu hinterlassen. Man braucht nur die Augen aufzuschlagen und das Auge vermittelt uns sofort den ganzen Komplex der Gesichtsempfindungen, der sofort wieder verschwindet, sowie man das Auge schließt und der sich in einen anderen Komplex von Gesichtsempfindungen ändert, wenn man sich nach einer anderen Seite wendet. In ähnlicher Weise ruft der Schall in uns ohne alle innere Vorbereitung Gehörempfindungen hervor, und verschwindet ohne bemerkbare Folgen zu hinterlassen. Andere Empfindungen dagegen, wie der körperliche Schmerz oder die seelischen Affektionen der Trauer und Freude, beschäftigen uns viel intensiver; ihrer können wir uns nicht kurzer Hand entledigen; unwillkürlich empfinden wir, daß diese Empfindungen viel enger mit unserem Ich verknüpft sind und daß unsere Seele durch sie viel stärker in Anspruch genommen ist. Waren so die beiden großen Klassen der inneren und äußeren Empfindungen gesondert, so führten weitere Erfahrungen die Seele dazu, innerhalb der inneren Empfindungen zwei verschiedene Klassen, die Empfindungen des Körpers und die eigentlich inneren Empfindungen voneinander zu trennen. Sie fühlte, daß ein Teil der inneren Empfindungen, wenn sie auch nicht so lose mit ihr zusammenhingen wie die der Außendinge, doch nicht ihr eigenstes Selbst betrafen, sondern in dem mit ihr verbundenen Körper lokalisiert waren; sie empfang den Unterschied zwischen der Empfindungskraft als einem Teil ihrer selbst und dem Objekt, dem Körperteil, bei dem diese tätig war. Andere Empfindungen dagegen erschienen so eng mit dem Empfindungsvermögen verbunden und vermischt, daß die Seele sie gar nicht einmal wahrnehmen konnte, wenn sie durch sie affiziert war, sondern sie erst aus den hinterlassenen Spuren erkennen konnte; diese empfand die Seele unmittelbar als Modifikationen ihrer selbst. Unterstützt wurde die Seele bei dieser Unterscheidung durch zwei Umstände. Einmal erschienen die einzelnen Empfindungen selten allein, sondern sie waren in der Regel mit anderen Empfindungen derselben Klasse so eng verbunden, daß sie durch diese enge Verbindung den Verstand gleichsam aufforderten, sie zu einer Gruppe zusammenzufassen und von anderen Empfindungskomplexen zu trennen. Diese Gesichtsempfindungen z. B. verschwanden zugleich, sowie die Augen geöffnet wurden. In ähnlicher Weise stehen die Empfindungen des Körpers und der Seele in besonders enger Beziehung und konnte so eine Sonderung und Zusammenfassung der Empfindungen in die drei Klassen erfolgen, noch bevor die Empfindungen zu Ideen verarbeitet und in der Reflexion miteinander verglichen waren.

Auf der anderen Seite mußte auch  die Verschiedenheit mit der die Seele auf die Eindrücke reagierte  auffallen und die Einteilung der Empfindungen in die drei Gruppen befördern. Die Seele fühlte, daß Richtung und Wirkung des Empfindungsvermögens bei den äußeren und inneren Eindrücken verschieden ist, und empfand den Übergang, wenn sie von den Empfindungen der einen Klasse zu denen einer anderen Klasse überging. Ein äußeres Zeichen dieser inneren Verschiedenheit in der Wirkungsart prägt sich auch auf dem Gesicht, dem Spiegel der Seele aus. So sind Gesichtsmuskeln und Blicke eines nachdenkenden und mit den Empfindungen seines Inneren beschäftigten Menschen völlig verschieden vom Gesichtsausdruck dessen, der sich mit Empfindungen äußerer Objekte, etwa mit Gesichtsempfindungen beschäftigt. Ist dieser Unterschied demnach so groß, daß wir aus der Beobachtung des Gesichts auf die Richtung der Seelentätigkeit schließen können, so mußte auch die Seele ihre Tätigkeit als eine verschiedene empfinden, je nachdem sie sich mit Modifikationen ihres eigenen Ich oder mit Empfindungen ihres Körpers, oder mit denen von äußeren Objekten beschäftigte, und mußte sie diese Empfindung auf die Unterschiedenheit der Empfindungen selbst führen. So haben sich dann, wie wir gesehen haben, in den Empfindungen selbst hinreichende Merkmale gefunden, die zu einer Unterscheidung führen mußten. Auch haben wir für den Verstand, wenn er dieser Aufforderung nachkam und drei große Gruppen unterschiedener Empfindungen bildete, keine anderen Kräfte in Anspruch genommen, als das Empfindungsvermögen, die erste und einfachste Äußerung der Erkenntniskraft, und das Unterscheidungsvermögen, ein Vermögen, in dem die Seele nach den Urteilsgesetzen der Identität und der Diversität verfährt, Gesetzen die sich, wie wir oben erwähnt haben, auf einfachere Gesetze nicht zurückführen lassen.


b) Die notwendigen allgemeinen Verstandesbegriffe

Durch diese Gruppierung der Empfindungen in drei große Gruppen ist die Unterscheidung von einer subjektiven und objektiven Veranlassung der Empfindungen und die Annahme von Dingen außer uns zwar vorbereitet, aber doch noch keineswegs allseitig begründet. Denn war diese Gruppierung ein Erzeugnis des Gefühls, so kann die grundsätzliche Unterscheidung der einzelnen Empfindungen und das daraus sich ergebende Urteil über den subjektiven oder objektiven Ursprung derselben nur ein Akt der Denkkraft sein und fragt es sich, ob die Denkkraft ohne alle Vorbereitungen diese Urteile fällen kann, oder ob sie vorher allgemeine Begriffe gebildet haben muß, ohne die ein solches Urteil nicht zustande kommen kann. Nehmen wir ein möglichst einfaches Urteil dieser Art, z. B.: "Der Gegenstand, den ich da sehe und befühle, ist ein Objekt außer mir", so dürfte auf den ersten Blick die zweite Annahme als die richtige erscheinen. Unsere nächste Aufgabe muß demgemäß sein, die allgemeinen Begriffe, durch welche die Seele in den Stand gesetzt wird, derartige Urteile zu fällen, aufzusuchen, ihre Entstehung aus den Empfindungen abzuleiten, und festzustellen, welche Tätigkeiten des Denkvermögens zur Bildung dieser allgemeinen Begriffe anzunehmen sind.

Einer der ersten und einfachsten dieser Verstandesbegriffe ist  die Idee von einem Ding,  da sie aus jeder einheitlichen Empfindung abgeleitet werden kann. Mag man auch einwenden, daß es keine absolut einfachen und einheitlichen Empfindungen gibt, sondern daß jede Empfindung aus einer Menge einzelner Empfindungen zusammengesetzt ist, so läßt sich doch nicht leugnen, daß es für unser Gefühl Empfindungen gibt, die auf uns einen einfachen und einheitlichen Eindruck machen und die darum auch als einfache Vorstellungen apperzipiert werden. Während der Aufnahme dieser einfachen Eindrücke bemerken wir in ihnen keine Mannigfaltigkeit, keine Folge und keine Teile, und knüpft darum die Denkkraft an sie die Idee von einheitlichen Ganzen, oder in jedem einzelnen Fall die Idee von einem Ding.

In solchen einfachen Empfindungen können aber auch einzelne, hervorstechende Züge besonders empfunden und wahrgenommen werden, sie erscheinen als Teile, zwar nicht als Teile, in welche die ganze Empfindung zerlegt werden könnte, sondern als Teile innerhalb der einheitlichen Vorstellung, als Züge, die sich durch eine besondere Apperzeptibilität auszeichnen. Wird nun diese einheitliche Empfindungsvorstellung, zugleich mit dem hervorstechenden Zug in ihr, in das Bewußtsein erhoben, so wird sie von der Denkkraft zu der  Idee von einem Ding mit seinen Beschaffenheiten  verarbeitet. Denn die enge Verbindung in der die Vorstellung des hervorstechenden Zuges mit der Vorstellung vom Ganzen steht, erzeugt den Verhältnisgedanken, daß der hervortretende Teil im Ganzen enthalten ist, daß er eine Eigenschaft, ein Prädikat des Ganzen, des Subjekts ist. Jedes einzelne Prädikat kann nun hinterher vermöge der Vorstellungskraft, die ja die einzelnen Vorstellungen sondert und vno Neuem verbindet, als Subjekt genommen werden und ihm wiederum ein einzelner, durch eine besondere Apperzeptibilität sich auszeichnender Zug als Prädikat zugewiesen werden. Andererseits kann auch das Subjekt hinterher zum Prädikat werden, wenn eine größere umfassendere Vorstellung hervortritt, in der das betreffende Subjekt nur einen Teil, in dem oben angedeuteten Sinn bildet. Erscheint somit zwar bei jedem Ding die Beziehung, in der es als Subjekt oder Prädikat aufgefaßt wird, variabel, so bleibt doch das Gesetz, daß aus jeder Empfindung, in der ein einzelner Zug hervorragt, der Verhältnisgedanke eines Subjekts mit einem Prädikat gebildet werden kann, bestehen.

Die erste Empfindung, die zur Idee von einem Subjekt mit seinen Prädikaten geführt hat, wird wohl  die Empfindung von unserem Ich  gewesen sein. Denn einmal konnte diese Empfindung niemals als Prädikat erscheinen und andererseits bildet sie bei einer ganzen Reihe von Empfindungen unmittelbar, bei den anderen mittelbar das Subjekt, in dem die Einzelempfindungen nur Prädikate sind. In diesem Umstand mag der erste Anlaß zur Bildung der Idee von unserem Ich als einem einheitlichen Subjekt gelegen haben. TETENS mußte übrigens bei der Entwicklung dieser Idee besonders ausführlich und vorsichtig zu Werke gehen, weil etwa 40 Jahr vor dem Erscheinen seines Werkes von DAVID HUME in seinem "A treatise on human nature" (1739-40) die Idee von unserem Ich geleugnet worden war, und, soviel ich weiß, eine gründliche Widerlegung dieser Ansicht noch nicht geleistet war. HUME konnte die Idee von unserem Ich als einem einheitlichen Subjekt deshalb als ein Erzeugnis der Einbildungskraft erklären, weil er von der Annahme ausging, daß ihr nichts mehr zugrunde liegt, als die ganze Reihe einzelner, ansich unverbundener Impressionen, zwischen denen erst unsere Einbildungskraft aus eigenem Vermögen das Band der Einigung durch den Begriff von unserer Seele als Substanz flechtet. Die wissenschaftliche Widerlegung dieser Behauptung war REID (1710-1796) und den anderen Vertretern der schottischen Schule durch ihre Berufung auf den  common sense  nicht gelungen. Denn eine psychologische Frage wird nicht dadurch gelöst, daß man sie nach dem Urteil des gemeinen Menschenverstandes entscheidet und ein Gegner wird nicht widerlegt, wenn man sich in eine, aus sogenannten unanfechtbaren Wahrheiten konstruiert, Position zurückzieht, statt sich auf freiem Feld mit ihm zu messen. Diesen Weg sehen wir aber TETENS einschlagen, der sich nicht auf feststehende Prinzipien beruft, sondern aufgrund der Erfahrung seinen Gegner zu widerlegen sucht. HUME hat ganz Recht, so führt TETENS aus, wenn er nichts anderes als maßgebend ansieht, als eine mit einer genauen Untersuchung verbundene Erfahrung. Wenn er aber nichts anderes als gegeben ansieht, als eine Reihe unzusammenhängender Impressionen auf das Empfindungsvermögen und daraus den Schluß zieht, daß der Idee von der Substanzialität der Seele nichts mehr zugrunde liegt als diese einzelnen Impressionen, so hat er etwas überaus wichtiges übersehen. Greifen wir, so meint TETENS, einmal eine einzelne Impression, eine einzelne Empfindung heraus und prüfen sie nach allen Seiten! Steht sie in der Tat so allein und abgesondert, füllt sie so ausschließlich die Seele aus, als HUME annehmen muß, wenn er sie mit Recht als das Glied einer nur durch das Band der Phantasie verknüpften Kette ansieht? Oder erscheint uns nicht vielmehr die einzelne Empfindung zwar als Empfindung für sich, aber doch auch zugleich als ein hervorstechender Zug in einer viel größeren und umfassenderen, wenn auch nicht immer klaren Empfindung und bin ich mir dieses umfassenderen Gefühls nicht ebensosehr bewußt wie der einzelnen Empfindung? Entspricht aber diese letztere Annahme der Erfahrung, und sie tut es in der Tat, so erscheint die einzelne Empfindung nur als einzelner Zug in einer umfangreicheren Empfindung und wären somit alle Bedingungen erfüllt, die den Verhältnisgedanken, daß die einzelne Empfindung nur als das Prädikat eines umfassenderen Subjekts ist, hervorbringen. Gehen wir von hier aus weiter und vergleichen mehrere einzelne Modifikationen, so finden wir, daß sie zwar selbst verschieden sind, daß aber die umfassendere Empfindung, oder das Subjekt, als dessen Prädikate sie erscheinen, immer dasselbe ist. Diese einzelnen Empfindungen des sich gleichbleibenden Grundes verarbeitet die Denkkraft zunächst nach dem Grundgesetz des Verstandes zum Begriff von unserem Ich als einem Ding, dann aber auch zu der Vorstellung oder vielmehr zur Idee unseres Ich als eines einheitlichen Subjekts, in welchem die einzelnen Empfindungen Teile in dem oben festgestellten Sinn sind. Die Tätigkeit der Denkkraft, mit der sie die Idee von unserem Ich als einem einheitlichen Subjekt ausbildet, gleicht also nicht dem Akt, in dem sie die Vorstellung von vielen einzelnen Soldaten zur Vorstellung von einem Regiment zusammenfaßt, sondern vielmehr dem Akt, in dem wir überhaupt die Vorstellung von einem Subjekt mit seinen Prädikaten, aufgrund einer Empfindung mit einem hervorstechenden Zug in ihr, bilden. Nach den allgemeinen Denkgesetzen muß das durch die Empfindungen gegebene Material zu einem Begriff von unserem Ich als einem einheitlichen Subjekt gebildet werden und kann dieser darum ebensowenig ein Erzeugnis der Phantasie sein, wie jede andere Vorstellung von einem Subjekt mit seinem Prädikat.

Haben uns die bisher entwickelten Allgemeinbegriffe auch bis zur Idee von unserem Ich geführt, so läßt sich aus ihnen doch noch nicht die Annahme von außer uns liegenden Dingen ableiten. Sollte es zu diesem Schritt kommen so mußten vorher noch andere Allgemeinbegriffe gebildet sein, die wir nunmehr mit TETENS aus den Empfindungselementen ableiten wollen.

Der erste und einfachste unter dieser zweiten Kategorie von Allgemeinbegriffen ist der des Seins, da er aus jeder Empfindung abgeleitet werden kann. Der jeder apperzipierten Empfindung entsprechende Gedanke ist der, daß diese betreffende Empfindung  ist d. h. vorhanden ist. Verallgemeinert die Denkkraft diesen Gedanken, so ergibt sich ihr die Idee vom Sein. Sind die Empfindungen derart, daß sie zur Idee von einem Ding führen, so ist der ihnen entsprechende Gedanke, daß die Dinge sind und die Abstraktion aus diesen Gedanken:  die Idee vom Sein der Dinge.  Wiederholt sich nun die Empfindung desselben Dings und bemerkt man hierbei, daß das Ding allemal, wenn sich die Aufmerksamkeit dahin wendet, für unser Empfindungsvermögen vorhanden ist, so ergibt sich der Gedanke, daß das Ding auch ist, wenn es nicht gefühlt wird, daß es ja da ist. Diese Gedanken führen zur  Idee vom Vorhandensein oder vom Wirklichsein  und dies umso leichter, wenn die Denkkraft in der Reflexion das Wirkliche mit dem Unwirklichen oder mit dem nur in der Vorstellung vorhandenen vergleicht und den Unterschied der Empfindungsvorstellung und der reproduzierten Vorstellung wahrnahm.

War der Begriff des "wirklich-seins" einmal ausgebildet, so wurde es leicht, von hier  zum Begriff des Objekts  fortzuschreiten, d. h. zur Idee von einem Ding, welches wirklich ist und das von der Empfindung und Vorstellung von ihm unterschieden ist, und jene hervorbringt. Die nächste Veranlassung zu diesem Begriff bildete wohl die Verschiedenheit die sich bei der Vergleichung der reproduzierten Vorstellung mit der ihr entsprechenden Empfindungsvorstellung, im Inhalt dieser beiden Vorstellungen geltend machte. Allerdings ist auch die reproduzierte Vorstellung ein Bild des Dings, von dem sie hinterlassen ist, aber wenn nun neben dieses reproduzierte Bild die erneute Empfindungsvorstellung von demselben Ding trat, so mußte der Unterschied dieser beiden Vorstellungen, die Schwäche und Undeutlichkeit der einen und die frische Klarheit der anderen empfunden werden, und mußte mit der Empfindung dieses Unterschiedes der Gedanke erzeugt werden, daß mit der Empfindungsvorstellung die Ursache näher verknüpft ist, als mit der reproduzierten Vorstellung. Es muß also, so schloß die Reflexion weiter, den Empfindungsvorstellungen etwas zugrunde liegen, was dne Phantasmen fehlt und sie gelangte zu der Annahme, daß in den Empfindungsvorstellungen eine Wirkung ist, deren Ursache außerhalb der Seele liegt. Zugleich mußte aber auch, wenn man die erneute Empfindungsvorstellung mit den aus derselben Modifikation zurückgelassenen Vorstellungen vergleicht, die Ähnlichkeit dieser Vorstellungsinhalte bemerkt werden, und schloß die Reflexion aus der gleichen Folge auf die sich gleich bleibenden Ursache. So führte also einerseits die Verschiedenheit der reproduzierten und der ursprünglichen Vorstellung, andererseits aber auch die Ähnlichkeit ihrer Inhalte auf Objekte, die von den Empfindungen und Vorstellungen von ihnen verschieden sind.

Wir haben soeben mit den Verhältnissen von Wirkung und Ursache operiert und benutzen diese Gelegenheit, um diesen Verhältnisgedanken, den wir im ersten Hauptteil völlig übergangen haben, zu analysieren, schon damit es nicht scheint, als ob TETENS zur Erklärung der Allgemeinbegriffe besondere Denkgesetze nötig hat. Somit gehört zwar diese Untersuchung nur hierher, insofern der Kausalitätsbegriff zur Ableitung der hier in Frage kommenden Allgemeinbegriffe in Anspruch genommen ist, aber sie dürfte doch auch von besonderem historischen Interesse sein. Wie den Begriff der Seele, so hatte nämlich HUME auch den Begriff von der Kausalität aufgelöst und dafür die regelmäßige zeitliche Folge zweier Vorstellungsinhalte eingesetzt. Es mag zwar, so meint TETENS, wahr sein, daß die erste Idee von einer ursächlichen Verknüpfung aus der wiederholten Folge von zwei Empfindungen entstanden ist, ja daß diese häufige Verbindung von gewissen Empfindungen uns den Gedanken von der Existenz eines Kausalzusammenhangs mit einer gewissen Notwendigkeit abgedrungen hat, aber erklärt und erschöpft ist durch den Hinweis auf die zeitliche Folge der Begriff von der verursachenden Verknüpfung nicht. Schon in den Empfindungen liegt nicht nur das Gefühl einer zeitlichen, sondern auch einer notwendigen Folge und besonders in den Empfindungen von Verhältnissen, in denen wir selbst etwas verursachen oder bewirken. Hier fühlen wir deutlich, daß dem Verhältnis zwischen uns und dem von uns veranlaßten Effekt mehr als die zeitliche Folge zugrunde liegt. Aber auch in den anderen Fällen empfinden wir zwischen den Ideen eine notwendige Verknüpfung und erzeugt die Reflexion aus dieser Empfindung den Gedanken, daß ein, der Verknüpfung der Ideen entsprechender, notwendiger Zusammenhang auch zwischen den Gegenständen vorhanden ist. Daß aber die Notwendigkeit in der Verknüpfung der Ideen nicht aus der zeitlichen wiederholten Folge besteht, erweist sich daraus, daß wir eine zusammengesetzte Wirkung auf mehrere einfache Ursachen zurückführen. In manchen Fällen ist hier die Idee des zusammengesetzten Effekts mit der Idee der zusammengesetzten Ursache niemals vorher zeitlich verknüpft gewesen, und doch wird uns die zusammengesetzte Wirkung begreiflich, wenn wir sie auf einfache Ursachen zurückgeführt haben. Somit erweist die Begreiflichkeit der Wirkung aus der Ursache, daß die ursächliche Verknüpfung kein Erzeugnis der Phantasie ist, sondern daß sie die subjektive Vorstellung von der objektiven Dependenz [Abhängigkeit - wp] der vorgestellten Objekte ist.

Doch kehren wir zu unserem Thema zurück, so hatten wir zuletzt ausgeführt, in welcher Weise die Idee von der wirklichen Existenz und von der ursächlichen Beziehung zwischen der Empfindungsvorstellung und ihrem Gegenstand die Idee von einem Objekt vorbereiteten. Zur Idee von einem wirklichen, außer uns befindlichen Objekt kann es aber erst kommen, wenn die Denkkraft zu den beiden eben angeführten Ideen die  Begriffe der zeitlichen Dauer  und  der räumlichen Lage  hinzufügt und sie mit ihnen zu einer einzigen Idee verbindet. Wir haben am Ende unseres ersten Hauptteils die Ansicht TETENS über die Entstehung der Idee von der Zeit angegeben, und erinnern uns, wie die Zeitanschauung aus einer, den ganzen Inbegriff der Gefühle ohne Rücksicht auf ihre Objekte zusammenfassenden Empfindungen entstand. In ähnlicher Weise entsteht der Gedanke von der zeitlichen Dauer, wenn wir bei der Empfindung unsere Aufmerksamkeit nicht sowohl auf den Inhalt der Empfindung richten, als vielmehr, auf die Zeit, die jede Empfindung, auch wenn sie noch so kurz ist, in Anspruch nimmt. (3)
    "Es sind die in uns fortgehenden Akte des Gefühls, die auch ohne Rücksicht auf die gefühlten Gegenstände empfunden, vorgestellt und wahrgenommen werden, die den Stoff zur Abstraktion von der zeitlichen Dauer hergeben."
In derselben Weise wie das Gefühl von der zeitlichen Dauer jeder Einzelempfindung zur Idee von der Fortdauer, führt die Empfindung der gleichzeitigen Empfindungen, wenn wir von den Objekten der Empfindungen absehen, zur Idee von der räumlichen Ordnung überhaupt und zur Idee von der Lage jedes einzelnen Empfindungsobjekts innerhalb dieser Ordnung.

Von der Idee von einem Objekt unterscheidet nun TETENS schließlich noch  den Begriff einer Substanz  als eines für sich bestehenden Dings. Er kann erst nach allen bisher gebildeten Allgemeinbegriffen entstehen. Die durch das Gefühl gelieferte Materie zu diesem Begriff ist dieselbe wie diejenige, aus der die Idee von einem Ding abgeleitet ist. Aber bei der Bildung des Begriffs der Substanz verwendet die Reflexion nicht nur die Idee von einem Ding, sondern alle die Allgemeinbegriffe, die wir biher besprochen haben, und ist demgemäß unter Substanz ein Begriff zu verstehen, dem die Eigenschaften eines Dings, eines Subjekts, des Wirklichseins usw. zukommen. Zu solchen Substanzbegriffen gehört nun vor allem die Idee von unserem Ich, aus dessen Empfindungen wir alle Verstandesbegriffe ableiten können. Ob aber auch die Empfindungen von unserem Körper und die äußeren Empfindungen zur Idee von einer Substanz führen können, das ist die Frage, die TETENS zum Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung nimmt. Denn wenn wir nachweisen können, daß auch die äußeren Empfindungen dazu führen, ihre Objekte als Substanzen anzusehen, so wäre der Ursprung der Annahme von außer uns befindlichen Dingen zur Genüge erklärt, da wir Substanzen nur als getrennt von einander befindlich denken können, und demgemäß neben die Substanz unseres Ichs nur außerhalb befindliche Substanzen treten können.


III. Ursprung unserer Erkenntnis der
äußeren Dinge als Substanzen


a) Ableitung des Substanzbegriffs
aus den äußeren Empfindungen

Doch werfen wir bevor wir auf diese Frage, die den ersten Abschnitt unseres zweiten Teils ausmacht, einen Blick auf den bisherigen Gang unserer Untersuchung, so haben wir verfolgt, wie sich aus dem Inbegriff aller Empfindungen gewisse Empfindungen durch gemeinschaftliche, charakteristische Merkmale auszeichneten und daß diese Merkmale zur Unterscheidung der Empfindungen in die drei großen Klassen der inneren, der körperlichen und der äußeren Empfindungen führte. Sodann haben wir eine Reihe von allgemeinen Verstandesbegriffen untersucht und aus dem Inhalt der verschiedenen Empfindungen abgeleitet, weil ohne sie die Denkkraft nie zur Idee von einer Substanz und demgemäß nie zur Annahme von der objektiven Existenz der Dinge kommen kann. Daß die inneren Empfindungen zur Idee von unserem Ich als einer Substanz führen, erscheint nach der Rückweisung von HUMEs Theorie als ausgemacht.
    Sind nun die äußeren Empfindungen derart, daß wir aus ihnen, auch ohne daß der Begriff der Substanz aus den inneren Empfindungen gebildet ist, die Idee von der Substanz ableiten können, oder ist der Begriff eines für sich bestehenden Dings nur aus inneren Ideen gebildet und dann auf äußere Objekte übertragen,
das ist die Frage, deren Lösung wir versuchen wollen. Da diese Frage die Kern- und Kardinalfrage unserer ganzen Untersuchung ist, so ist es doppelt zu bedauern, daß gerade bei diesen Untersuchungen sowohl die einzelnen Gedanken als auch der Gang der Beweisführung so schwer zu erkennen ist.

Bevor TETENS an die eigentliche Untersuchung geht, sichert er sich noch einmal den Boden; denn er bereitet sich darauf vor, einen entscheidenden Schlag gegen die idealistische oder egoistische Theorie zu führen. Auf zwei Arten, so führt er aus, können wir Allgemeinbegriffe bilden, das einemal werden sie nicht direkt aus den einzelnen Empfindungen abstrahiert, sondern beruhen auf Kombinationen der Denkkraft; ein auf diese Weise gebildeter Allgemeinbegriff würde der Begriff der  Substanz  sein, wenn er nur aus inneren Empfindungen entstanden und  per analogiam  auf die Objekte der äußeren Empfindung übertragen wäre. Die wahren Allgemeinbegriffe beruhen auf einer direkten Abstraktion aus dem in den Empfindungen liegenden Gemeinschaftlichen; ist aus diesem gemeinschaftlichen Zug der Allgemeinbegriff einmal gebildet, so muß er sich im Einzelnen auf alle Empfindungen anwenden lassen, aus denen er gebildet ist. Stellt sich nun heraus, daß die Empfindungen von äußeren Objekten mit den inneren Empfindungen  das  gemeinsam haben, was zur Idee von einer Substanz oder einem wirklichen Ding führt, so muß sich der daraus gebildete Gemeinbegriff mit vollem Recht auf die Objekte auch der äußeren Empfindung anwenden lassen. Gelingt es uns demnach, zu beweisen, daß auch die Empfindungen der dritten Klasse zum Begriff von der Substanz führen können, so wenden wir auf ihre Objekte mit Recht diesen Begriff an und schließen, da Substanzen nur getrennt von einander sein können, mit Recht auf Dinge außerhalb von uns. Von hier aus werden wir dann auch die Ansichten der egoistischen Theorie als irrig zurückweisen können.

Hatte der Skeptizismus HUMEs zur Auflösung des Substanzbegriffs geführt, so nahm die idealistische Theorie an, daß nur das Selbstgefühl der Seele zur Idee von einem existierenden Ding oder einem wirklichen Objekt führen kann. Alle Empfindungen sind also nur Modifikationen unseres Ich, und können darum nur als Prädikate in einem einzigen Subjekt, in unserem Ich gewesen sein. Da nun die Idee von einem Subjekt die wichtigste Vorbedingung für die Idee von der Substanz ist und, wie wir oben gesehen haben, nur solche Empfindungen, welche die Seele voll in Anspruch nehmen und keine umfangreicheren Empfindungen gleichzeitig neben sich dulden zur Idee von einem Subjekt führen, so konnten die Empfindungen, daß sie nur als Modifikationen von unserem Ich gefühlt wurden, nimmermehr zur Idee von anderen Subjekten oder anderen Substanzen führen. Wenn die Reflexion dennoch auch andere Substanzen annimmt, so überträgt sie den einmal gewonnenen Begriff auf Objekte der äußeren Empfindungen, hat aber zu dieser Übertragung keinen stichhaltigen Grund.

Im Gegensatz zu diesen Idealisten leitete CONDILLAC unsere Idee von der Existenz und Substanzialität allerdings von äußeren Empfindungen ab, beschränkte aber die Möglichkeit, zur Idee von äußeren Objekten zu führen, auf die Empfindungen "des äußeren körperlichen Gefühls", d. h., - in unseren modernen Sprachgebrauch umgesetzt -, auf die Empfindungen des Tastvermögens, bwz. des Tastsinns. Wie frei im Übrigen TETENS mit seinen Ausdrücken umgeht und wie sehr gerade der Mangel einer ausgebildeten Terminologie das Verständnis erschwert, mag beispielsweise daraus erkannt werden, daß er diese äußeren körperlichen, oder diese Tastempfindungen ohne weiteres im weiteren Verlauf der Darstellung als "Gefühlsempfindungen" bezeichnet. CONDILLAC war also der Ansicht, daß in derselben Weise, in der unsere inneren Empfindungen uns zur Annahme unseres Ichs als einer Substanz, so die Tastempfindungen oder die äußeren körperlichen Gefühle zur Annahme äußerer Objekte führen. Die Eindrücke der anderen Sinne könnten nur den Gedanken von Eigenschaften, die wir entweder in unser Ich oder in die äußeren Substanzen verlegen, hervorrufen. - HUME erweiterte diese Ansicht dahin, daß außer den Gefühlsempfindungen auch den Gesichtsempfindungen die Möglichkeit, zur Annahme von den äußeren Dingen als Substanzen zu führen, zuzuerkennen ist.

Dieser Ansicht nun pflichtet TETENS bei, begründet aber diese seine Ansicht wissenschaftlicher, als HUME getan zu haben scheint. TETENS will nämlich den Grund, weshalb gerade diese beiden Empfindungsklassen die Idee von äußeren, für sich bestehenden Objekten, wachrufen, weder auf die Dingarten, auf die sich diese beiden Sinne beziehen, noch auf die grundsätzliche Verschiedenheit dieser beeiden Sinne zurückführen, sondern auf die verschiedenen Grade der Stärke und Klarheit und die, davon abhängende, leichtere Reproduzierbarkeit gerade dieser Empfindungen und Empfindungsvorstellungen.

Erinnern wir uns, daß die Bedingung unter welcher der Gedanke von einem Subjekt und darum auch die Idee von der Substanz entstehen kann, eine Empfindung ist, welche die Seele ausschließlich beschäftigt und sie ganz ausfüllt, so sind die beiden  Sinne des äußeren Körperlichen Gefühls und des Gesichts  ganz hervorragend dazu geeignet, durch die Abgesondertheit und Klarheit der durch sie vermittelten Eindrücke solche Empfindungen hervorzurufen. Denn bei den Empfindungen dieser beiden Sinne beschäftigt sich die Seele so ausschließlich mit diesen Eindrücken, daß sie sich selbst darüber vergißt, da sie ihre eigene Tätigkeit gar nicht bemerkt. Somit fehlt jedes weitere, umfassendere Gefühl, als dessen hervorstechendster Zug die einzelne Gefühls- und Gesichtsempfindung aufgefaßt werden könnte; es fanden sich aber in ihnen alle anderen Bedingungen zur Bildung der Idee von der Substanz: und so konnten und mußten aus diesen Empfindungen Ideen von äußeren, für sich bestehenden Objekten abgeleitet werden. Zu diesem Begriff gelangte die Reflexion umso leichter, als in den Empfindungen schlechterdings kein Anlaß gegeben war, die Ursache ihrer Entstehung in die Seele zu verlegen und, weil diese Empfindungen auch in den reproduzierten Vorstellungen einheitliche und für sich bestehende Ganze bieten.

Waren einmal aufgrund dieser beiden Sinnesempfindungen die Ideen von objektiven Dingen gebildet, so tragen auch die Eindrücke der anderen Sinne, die an und für sich nie so klar und abgesondert sind, um zu diesen Ideen zu führen, das ihrige dazu bei, die Annahme von äußeren Substanzen zu befestigen. Die meisten Dinge wirken ja auf mehrere Sinne zugleich und verlegte die Reflexion die Empfindungen der drei anderen Sinne in die äußeren Objekte als Eigenschaften von ihnen, und bildete so den Begriff von äußeren Substanzen, denen sie die Fähigkeit beilegte, auf mehrere Sinne zugleich zu wirken. Zur Bildung von der Idee von äußeren Objekten erscheinen hingegen die Empfindungen der drei anderen Sinne umso weniger geeignet, als sie nicht nur mit den Empfindungen von äußeren Objekten verbinden; sondern sie lösen sich vom Komplex der, ein Ding konstruierenden, Eindrücke und erscheinen, indem sie sich mit den inneren oder körperlichen Gefühlen vereinigen, als Beschaffenheiten des Körpers oder der Seele. Wenn sich z. B. der Eindruck, den die Rose auf das Geruchsorgan ausübt, nicht so sehr mit der Gesichtsempfindung von der Rose, als vielmehr mit der Modifikation des Geruchssinns verbindet, so machen auch diese beiden Empfindungen ein vereinigtes Ganzes aus, erscheinen aber als eine Modifikation oder Beschaffenheit des körperlichen Organs. In ähnlicher Weise verbinden sich, nach der Ansicht HUMEs und TETENS, Empfindungen des Gehörs mit dem Selbstgefühl der Seele und erscheinen darum als Modifikationen der Seele. Während somit die Empfindungen der drei anderen Sinne immer nur als Modifikationen und Teile anderer umfassenderer Empfindungen beobachtet werden, stellen die Empfindungen des Gesichts und die sanften, aber deutlichen Eindrücke auf das körperliche Gefühl immer einen einheitlichen, abgesonderten Inhalt dar und darum sind sie in ihrer Vereinigung besonders geeignet, Ideen von äußeren, für sich bestehenden Dingen abzugeben. Ein gewisser Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Empfindungen besteht darin, daß die Gefühlsempfindungen ohne jede Unterstützung von Empfindungen anderer Sinne zu dieser Idee führen können, ja, daß es kein Ganzes von Empfindungen äußerer Art geben kann, wozu das Gefühl nicht seinen Beitrag gibt, während das von den Gesichtsempfindungen nicht behauptet werden kann. Denn daß in dem entwickelten Verstand auch eine einzelne Gesichtsvorstellung zur Annahme eines äußeren Objekts führt, kommt daher, daß wir zuvor aus der Vereinigung von Gesichts- und Gefühlsempfindungen die Idee vom Raum gebildet und gelernt haben, daß mit jeder Gesichtsempfindung ein körperliches Gefühl verbunden werden kann.


b) Gleichzeitige Entstehung der Substanzbegriffe

Somit hat sich dann als das Resultat dieser ganzen Untersuchung herausgestellt, daß auch aus den äußeren Empfindungen die Idee von der Substanz abgeleitet werden kann und daß wir darum mit vollem Recht die Ansicht von außer uns befindlichen Dingen gebildet haben. Es ließe sich in ähnlicher Weise nachweisen, daß Empfindungen und Empfindungskomplexe der zweiten Gruppe, indem sie die Seele ganz ausfüllen, die Reflexion nötigen, die Idee von unserem Körper als einem Subjekt und sodann auch die Idee von der Substanzialität unseres Körpers auszubilden. Wir übergehen aber diesen Nachweis, zumal er von TETENS nur angedeutet ist, und eilen zu einer weiteren Frage, deren Entscheidung uns noch vorliegt. Haben wir nämlich bewiesen, daß an und für sich jede der drei Empfindungsgruppen zur Ausbildung der Idee von der Substanz führen konnte, und demgemäß die drei Urteile: "Meine Seele ist ein wirkliches Ding" und "Mein Körper ist ein wirklich vorhandenes Objekt oder eine Substanz" und "Der Baum, den ich sehe und fühle, ist ein wirkliches Ding für sich und weder meine Seele, noch mein Körper" selbständig von einander gebildet werden konnten, so wäre es doch denkbar, daß einer von diesen drei Substanzbegriffen und demgemäß eines dieser Urteile einen nicht nur zeitlichen, sondern auch logischen Vorsprung von den beiden anderen hat. Einen solchen Vorsprung sollte nämlich der Ansicht der Idealisten das erste Urteil haben.

So hatte BUFFON behauptet, daß schon die ursprünglich einheitliche Empfindung, die auch wir angenommen haben, noch vor der Trennung der Empfindungen in die drei Hauptgruppen, zur Idee von unserem Ich als einer Substanz geführt hat und daß erst nach der Trennung der Empfindungen auch die Ideen von unserem Körper und von äußeren Dingen ausgebildet sind. Dem gegenüber macht TETENS geltend, daß die ursprüngliche Empfindung gar nicht zur Idee von einem wirklichen Ding werden konnte, da alle nötigen Vorbedingungen fehlten. Waren die Empfindungen noch nicht in die drei Gruppen geteilt, so konnte weder das Urteil, daß der Inbegriff aller Empfindungen ein Ding für sich ist, noch das Urteil, daß das Ich das Subjekt der Empfindungen ist, zustande kommen. Vielmehr mußte die Reflexion, sobald sie so weit gekommen war, daß sie mit dem Inbegriff von Empfindungen den Gedanken verband, es sei das Subjekt dieser Empfindungen unser Ich und dieses Ich sei ein wirkliches Ding, auch aufgrund der Unterscheidung der Empfindungen die Ideen von unserem Ich als einem Ding für sich und die Ideen von äußeren Objekten zugleich ausbilden. Der Ansatz zur Ausbildung der Idee von wirklichen Dingen wird in der Seele aus allen drei Empfindungsgruppen gleichzeitig hervorgegangen sein und wird die Reflexion diese Ideen in ihrem Gegensatz zueinander völliger ausgebildet haben. Man führe gegen diese Annahme nicht die Beobachtungen an, die man bei dem chesseldischen Blinden gemacht hat, der nach Verleihung des Gesichts alle durch die Augen vermittelten Eindrücke für Modifikationen seines Ich ansah. Denn bei diesem Menschen hatten sich zwar im Anschluß an die anderes Sinnesempfindungen die allgemeinen Begriffe gebildet, auch war die Scheidung und Sonderung der Empfindungen in innere und äußere schon vollzogen; wenn er aber trotzdem die Gesichtsempfindungen in sich verlegte, so kam das daher, daß er die schon anderweitig gebildeten Grundsätze in der Beurteilung der Empfindungen auf die ihm völlig neuen Modifikation nicht anzuwenden vermochte. Bei der normalen Entwicklung, bei der die Reflexion ihre Abstraktionen aus allen Empfindungen gleichmäßig zieht, wird sie auch die Verstandesbegriffe gleichzeitig auf die verschiedenen Empfindungsinhalte anzuwenden wissen.


IV. Grundregel für unsere Empfindungsurteile

So wäre also unsere eigentliche Aufgabe, die Unterscheidung von der objektiven und subjektiven Existenz der Dinge zu erklären, erfüllt. Es bleibt uns noch übrig, in einem dritten Teil  den  Untersuchungen zu folgen, in denen TETENS eine Grundregel aufstellt, nach der wir die einzelnen Empfindungen den drei verschiedenen Substanzen zuteilen, und die Zuverlässigkeit dieser Regel bei den verschiedenen Empfindungen prüft. Vergleichen wir unsere Untersuchung mit der Lösung einer mathematischen Aufgabe, so wäre im Vorhergehenden der Beweis der Behauptung, die Lösung der Aufgabe geliefert und wir träten jetzt die Probe der Richtigkeit von unserer Lösung an. Demgemäß kann es sich hier nicht um die Aufstellung eines Gesetzes handeln, nach dem die Denkkraft erst nach einer Vergleichung der Empfindung mit anderen Vorstellungsinhalten und nach allseitiger Reflexion ihr Urteil fällt, sondern um ein Gesetz, demgemäß sie, im direkten Anschluß an das in der Empfindung gegebene, ihr Urteil über den subjektiven oder objektiven Ursprung der einzelnen Empfindung fällt. TETENS unterscheidet nämlich (4) zwei Arten von Urteilen: das Empfindungsurteil und das vernunftgemäße Urteil oder das Reflexionsurteil; beide vollzieht natürlich die Denkkraft, aber während das letztere erst nach einem Vergleich mit anderen Vorstellungen und nach einer Beziehung auf die allgemeinen Verstandesbegriffe zustand kommt, läßt sie sich in dem zweiten nur durch den Inhalt der Empfindungsvorstellung, wie sie in uns gegenwärtig ist, leiten.

Eine solche Grundregel, nach der wir gleichsam unbewußt und jedenfalls ohne vorhergehende Reflexion unsere Empfindungen beurteilen, stellt nur TETENS fest und gibt ihr folgende Fassung (5):
    "Wir setzen eine jede Empfindung in das Ding hin, in dessen gleichzeitiger Empfindung sie wie ein Teil in einem Ganzen enthalten ist. Kurz: jede Empfindung wird dahin gesetzt, wo wir sie empfinden. Denn sie wird da und in dem Ding empfunden, wo und in dessen Empfindung sie selbst mit begriffen ist." 
Wie wir in der Optik die gesehenen Objekte an solche Orte und Stellen verlegen, in deren Empfindungen das Bild des Objekts als ein Teil der ganzen Empfindung enthalten ist, so verlegen wir die Objekte jeder Empfindung nach dem aufgestellten Gesetz in die sie umfassende, größere, gleichzeitige Empfindung und knüpfen an diese Empfindung das Urteil über die subjektivische oder objektivische Veranlassung der betreffenden Empfindung. LEIBNIZ hatte eine ähnliche Regel aufgestellt:
    "Allerdings gleich der Schmerz nicht den Bewegungen einer Nadel, er kann aber sehr wohl den Bewegungen, welche diese Nadel in unserm Körper verursacht, gleichen und diese Bewegungen in der Seele darstellen, wie ich gar nicht zweifle, daß es der Fall ist." (6)
und wenn er hieraus die allgemeine Regel zog, daß wir unsere Empfindungen allemal in die Objekte verlegen, auf die sich die Seele bei den einzelnen Modifikationen vorstellungsartig bezieht. Aber wie TETENS mit Recht bemerkt (7), ist mit der Aufstellung dieser Regel im Grunde nichts gewonnen. Denn in dem von LEIBNIZ angeführten Beispiel kann sich die Seele nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Nadel als die Ursache des im Körper verursachten Schmerzes vorstellungsartig beziehen. Eine zutreffende Regel muß aus der Empfindung selbst und ihrer Zugehörigkeit zu der größeren sie umspannenden Empfindung abgeleitet sein, wie es in der von TETENS aufgestellten Regel der Fall ist.

Prüfen wir demgemäß ihre Zuverlässigkeit, indem wir sie bei der Beurteilung der verschiedenen Empfindungen in Anwendung bringen. Was zunächst  innere Empfindungen  wie die Empfindungen der Trauer, der Freude u. a. betrifft, so können wir sie gar nicht anders empfinden als in uns vorhanden und als Modifikationen unseres Ich. Zwar können wir, wie wir im ersten Hauptteil ausführten, diese Empfindungen nicht wahrnehmen, wenn sie gerade unsere Seele voll beschäftigen, sobald wir sie aber in ihren Nachwallungen empfinden, nehmen wir zugleich unser Ich mit wahr. In ähnlicher Weise urteilen wir über die reproduzierten Vorstellungen. Obwohl diese auch ihre Beziehung auf ursprüngliche Vorstellungen und durch sie, in vielen Fällen, auf äußere Objekte haben, empfinden wir sie doch nicht, ohne unser Ich als das vorstellende Subjekt mitzuempfinden; wir fühlen sie als Modifikationen unseres Selbst und halten sie demgemäß für innere Empfindungen. In analoger Weise verfahren wir nach der Grundregel, wenn wir die  Empfindungen der zweiten Gruppe  für Modifikationen unseres Körpers oder eines Körperteils ausgeben. Wenn ich z. B. einen einzelnen Geruch empfinde, so erscheint diese Empfindung als eine Modifikation unseres Geruchsorgans. Jene Empfindung des ganzen Organs kann dunkel und matt sein, aber sie ist doch immerhin so stark, daß beim einzelnen Eindruck die Empfindung des ganzen Organs den Hintergrund bildet. Wie wir die Nelke in einem Garten nicht wahrnehmen, ohne zugleich eine Vorstellung von dem Ort, an dem sie steht und von dem Boden, dem sie entsprossen ist, mitzuempfinden, so können wir auch den Geruch der Nelke nicht empfinden, ohne zugleich das ganze Organ mitzuempfinden. In derselben Weise urteilen wir, daß die Empfindungen des Geschmacks körperliche Gefühle sind, weil wir allemal die Empfindung des Geschmacksorgans dunkel mitempfinden. Man wende hiergegen nicht ein, daß wir außer dem Urteil, daß die Geschmacks- und Geruchsempfindungen körperliche Gefühle sind, auch das Urteil fällen können, daß der Geruch die Eigenschaft eines äußeren Dings ist. Denn dieses zweite Urteil ist kein Empfindungsurteil, mit dem wir es hier zu tun haben, sondern ein Reflexionsurteil. Vergegenwärtigen wir uns nämlich in der Reflexion die Geruchsempfindung, so nehmen wir leicht wahr, da wir ja den vorhergehenden Zustand unserer Seele und unseres Organs kennen, daß die Ursache dieser Modifikation weder in uns, noch im Organ lag. Aufgrund dieser Wahrnehmung nehmen wir eine äußere Ursache an und verlegen sie, wenn wir uns mittels der Gesichts- und Gefühlsempfindungen die Ideen von äußeren Objekten gebildet haben, in dieselben und legen diesen Dingen die Eigenschaft bei, Gesichtsempfindungen zu erzeugen. Ist dieses Reflexionsurteil einmal gebildet, so wird es von dem Fall, mit dem es ursprünglich verbunden war, auf andere übertragen und prävaliert [vorbewertet - wp] in den meisten Fällen so sehr, daß das ursprüngliche Empfindungsurteil ganz zurücktritt.

Eine sehr eigentümliche und uns befremdliche Stellung nehmen bei TETENS die  Tonempfindungen  ein, da er sie schließlich mit HUME zu den inneren Empfindungen rechnet. TETENS scheint sich selbst nicht recht klar gewesen zu sein, was er mit den Tonempfindungen anfangen sollte, da sich an sie nach seiner Meinung, gar kein Empfindungsurteil anschließt. Zu den körperlichen Empfindungen wie Geruch und Geschmack könnten sie auf keinen Fall gezählt werden. Denn dann würde die allgemeine Empfindung, als deren Modifikation die einzelne Tonempfindung erscheint, das Gefühl des Gehörorgans bilden. Dies anzunehmen, spräche aber gegen alle Erfahrung, nach der wir unser Ohr nur dann mitempfinden, wenn der Schall so stark ist, daß uns die Ohren gellen d. h. wenn das Organ eine äußerliche Erschütterung erleidet. Andererseits können die Tonempfindungen auch nicht ohne weiteres zu den äußeren Empfindungen gerechnet werden. Denn sie erscheinen nie so abgesondert und vollständig, daß sie die Seele allein ausfüllen, und darum zur Annahme äußerer, ihnen zugrunde liegender Objekte führen können. Schließlich verbietet aber auch die Empfindung, daß sie ihre Ursache nicht in uns selbst haben und mit der Seele nicht so eng verknüpft sind, wie die inneren Empfindungen, sie ohne weiteres diesen zuzuzählen. Da wir aber zu jeder Empfindung ein Subjekt, zu jeder Wirkung eine Ursache annehmen müssen, so suchen wir durch ein Reflexionsurteil ein Subjekt zu den Schallempfindungen zu finden. Sehr eigentümlich ist nun, daß TETENS nicht etwa die Reflexion zu diesem Urteil gelangen läßt, daß der Schall als eine Beschaffenheit des tönenden Instruments, das wir mit den Augen sehen und mit den Fingern befühlen, anzusehen ist. Dieses Urteil kann zwar gefällt werden, aber es ist doch nicht das erste und einfachste, da die Reflexion von der Bildung dieses Urteils durch die lose Verknüpfung abgehalten wird, in der die Tonempfindung mit den übrigen Empfindungen des Instruments verbunden ist. Vielmehr bemerkt die Reflexion eine sehr enge Verknüpfung der Tonempfindung mit unseren inneren Modifikationen, zumal mit den Gemütsbewegungen, und durch diesen engen Zusammenhang mit Empfindungen, die wir notwendig zu unserem Ich rechnen, veranlaßt, nähme auch für die Tonempfindung die Reflexion unser Ich als Subjekt an.

Die  Gesichtsempfindungen  dagegen, wie Farbe und Figur, verlegen wir durch ein unmittelbares Empfindungsurteil in Objekte außerhalb von uns. Wir verlegen sie nicht in unser Organ, das sie uns vermittelt, weil wir dieses in der Regel nicht mitempfinden. Nur wenn etwa zu starke und helle Lichtstrahlen auf einmal auf das Auge eindringen und es unfähig machen, die Gesichtseindrücke, wie sonst, ohne Erschütterung des Organs der Seele zu übermitteln oder wenn durch einen Stoß Lichtempfindungen entstehen, empfinden wir unser Organ mit. Andererseits haben wir aber auch keinen Anlaß, die Gesichtsempfindungen in uns selbst zu verlegen, da sie weder ihre Ursache in uns haben, noch unser Ich bei ihnen mitempfunden wird. Vielmehr füllen sie entweder das ganze Empfindungsvermögen so aus, daß sie direkt zur Annahme äußerer Objekte führen, oder sie erscheinen doch ohne weiteres als Modifikationen äußerer Körper.

Die  Gefühlsempfindungen  schließliche sind doppelter Natur. Sind sie nicht allzustark, bilden sie, wie erwähnt, ein Hauptmittel, zur Annahme körperliche, außer uns befindlicher Dinge zu führen. Die Festigkeit, die Glätte und - wie TETENS eigentümlicherweise hinzufügt - die Bewegung sind Empfindungen, aus denen wir auf die Beschaffenheiten äußerer Dinge schließen. Werden diese Empfindungen stärker, sodaß sie das Organ selbst erschüttern wie im Schmerz, Kitzel, Frost und Hitze, so rechnen wir sie zu den körperlichen Empfindungen, weil unser Körper die Gesamtempfindung ausmacht, als deren einzelne Modifikation die betreffende Empfindung erscheint. Somit enthalten auch die äußeren Empfindungen des Körpers, die man unter oberflächlicher Beobachtung vielleicht wegen des Wechsels in ihren Beziehungen auf unseren Körper einerseits und auf äußere Objekte andererseits, gegen unsere Regel anführen könnte, im Grunde nur eine Bestätigung unserer Regel. Schließlich ist auch eine andere Beobachtung, daß wir uns nämlich auch im Traum, wo wir doch nur innere Empfindungen haben, äußere Gegenstände vorstellen, kein Beweis gegen die Gültigkeit unserer Regel. Denn durch die Gewohnheit ist mit jeder Empfindung das mit ihr verbundene Empfindungsurteil so fest verknüpft und mit der Empfindung gleichsam verwachsen, daß wir auch in der Phantasie den Vorstellungen das Prädikat beilegen, das wir ihr so oft aufgrund der inneren oder äußeren Empfindung beigelegt haben.


V. Die qualitaties primariae und secundariae

Gehört es auch nicht direkt zu unserer Aufgabe, so soll doch einerseits um der Vollständigkeit willen, andererseits um des historischen Interesses willen kurz erwähnt werden, daß TETENS zum Schluß seines fünften Versuches den Unterschied berührt, den LOCKE zwar nicht zuerst gemacht aber doch angenommen und ausgebildet hatte, indem er unter den Empfindungen  qualitates primariae  und  qualitates secundariae  annahm. Die ersteren, wie die Ausdehnung, die Gestalt lieferten uns ein Bild von den objektiven Beschaffenheiten der Dinge, während die anderen, wie Geschmack und Geruch nur eine bestimmte Wirkung der Dinge auf unsere Sinne bezeichnen. Hierzu bemerkt TETENS, daß die Unterscheidung in diese beiden Klassen von Empfindungen nicht so wichtig ist, als sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Der ganze Unterschied ist kein grundsätzlicher, sondern ein qualitativer. Die Gesichtsempfindungen zeichnen sich, wie oben hervorgehoben, durch eine besondere Klarheit und Bildlichkeit aus, während Ton-, Geschmack- und Geruchsempfindungen nur verwirrte und mit gleichzeitigen Empfindungen gemischte Gefühle erzeugen. Während diese deshalb nur zu Vorstellungen von Eigenschaften führen, bieten jene Bilder, die leicht verselbständigt werden können. An und für sich sind beide Arten von Empfindungen, sowohl die  qualitates primariae  wie auch die  secundariae  Zeichen von den Gegenständen und ihren Beschaffenheiten und sind nur durch eine verschiedene Klarheit und Bildlichkeit zu unterscheiden.


VI. Zusammenfassung

Vergegenwärtigen wir uns nunmehr auch zum Schluß dieses zweiten Hauptteils den Gang unserer Untersuchung, so erinnern wir uns, wie TETENS von der Erfahrung ausging, die uns Empfindungen nicht nur von uns selbst, sondern auch von unserem Körper und von Außendingen bietet. Den Theorien von REID und Genossen gegenüber bezeichnet es TETENS als seine Aufgabe, die Unterscheidung der subjektiven und objektiven Existenz sowie die Annahme von äußeren Substanzen aus den Empfindungen und mit Zuhilfenahme einfacher Denkoperationen abzuleiten. Dieser Aufgabe gemäßt prüft er zunächst das in den Empfindungen Gegebene und findet, daß sie durch ihre eigene Unterschiedenheit zur Sonderung in die drei Gruppen der inneren, körperlich und äußeren Empfindungen führen mußten. Im zweiten Abschnitt dieses vorbereitenden Teils untersucht TETENS sodann die allgemeinen Verstandesbegriffe, welche zur Bildung von der Idee einer Substanz notwendig erscheinen. Den eigentlichen Kernpunkt der ganzen Untersuchung, die Frage nach dem Ursprung unserer Erkenntnis von der objektiven Existenz der Dinge behandelt er dann ebenfalls in zwei Abschnitten, indem er zunächst nachweist, daß auczh aus den Empfindungen der dritten Klasse die Idee von der  Substanz  und der Begriff von den äußeren Dingen als Substanzen gebildet werden kann und muß, und sodann die gleichzeitige Entstehung der drei Substanzbegriffe von unserem Ich, unserem Körper und von äußeren Dingen gegen die idealistische Hypothese verteidigt. Was so die Aufgabe unserer Untersuchung dahingehend gelöst, daß wir durch die Gesichts- und Gefühlsempfindungen zur Erkenntnis von der Existenz wirklicher, außer uns befindlicher Dinge gelangen, so gibt er im dritten und letzten Teil die Grundregel an, nach der wir die einzelnen Empfindungen unmittelbar in uns, in unserem Körper oder in äußere Dinge verlegen.


Schluß

Darf ich mir noch ein kurzes Schlußwort erlauben, so möchte ich auf die Vorzüge, die wir bei TETENS anerkennen müssen andererseits auch auf die Mängel seines Systems hinweisen. Zwar fehlt seinen psychologischen Ausführungen ein allseitig durchgeführtes klares Grundsystem, aber gerade dieses Fehlen des Systems setzt ihn instand, den reichen Schatz seiner Beobachungen und Erfahrungen vorurteilsfrei zu verwenden.

Er ist nicht durch ein System gebunden, dem er wie es so vielfach geschieht, die Ergebnisse der Erfahrung mit mehr oder weniger Geschick einordnen müßte; sondern er geht von den einzelnen der Erfahrung gegebenen Problemen aus, bespricht die verschiedenen Hypothesen, die zu seiner Erklärung aufgestellt sind und stellt dann seine eigene Ansicht auf, scheut sich auch nicht, mit einem endgültigen Urteil zurückzuhalten, wenn ein Punkt noch nicht genügend aufgeklärt zu sein scheint. Allerdings hätte er den Grundsatz, den er bei der Beurteilung anderer Ansichten anwendet, daß von wissenschaftlichem Wert nur Beobachtungen und sichere auf Beobachtungen gegründete Schlüsse sind, noch strenger bei der Darlegung seiner eigenen Ansichten befolgen müssen. Denn sein Bestreben, die seelischen Vorgänge auf möglichst einfache Prinzipien zurückzuführen, führt ihn manchmal über die Grenze der Beobachtung hinaus und veranlaßt ihn zu Erklärungsversuchen und Behauptungen, die jedes wissenschaftlichen Wortes entbehren. Hierher gehört beispielsweise die Unterscheidung der bildlichen und ideellen Klarheit, sowie der Versuch, die verschiedenen Seelenvermögen auf ein einheitliches Prinzip zurückzuführen, der darum auch zu keinem befriedigenden Resultat führen konnte.

Sehen wir von diesen Mängeln unter denen die Brauchbarkeit und der Wert des Systems im Allgemeinen nicht leiden ab, so bleiben als große Vorzüge von TETENS' Erkenntnistheorie bestehen: die Sorgfalt der Beobachtung, die vorsichtige Weise, in der die Schlüsse aus den Beobachtungen gezogen werden und der enge Anschluß an die Ergebnisse der Erfahrung.
LITERATUR: Walther Schlegtendal, Johann Nikolas Tetens' Erkenntnistheorie, Halle a. d. Saale 1885
    Anmerkungen
    1) JÜRGEN BONA-MEYER, Kants Psychologie, Berlin 1870, Seite 291
    2) TETENS, Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, Leipzig 1777, Seite 373
    3) TETENS, a. a. O., Seite 398
    4) TETENS, a. a. O., Seite 427
    5) TETENS, a. a. O., Seite 415
    6) LEIBNIZ, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Buch II, Kap. VIII, § 15
    7) TETENS, a. a. O., Seite 383