tb-1cr-2Die Grenzen Gegenstand der Erkenntnis Definitiondow517 KB     
 
HEINRICH RICKERT
Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft
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I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
DIE AUFGABE
DIE GESCHICHTLICHE SITUATION
DER HAUPTGEGENSATZ
NATUR UND KULTUR
BEGRIFF UND WIRKLICHKEIT
DIE NATURWISSENSCHAFTLICHE METHODE
NATUR UND GESCHICHTE
GESCHICHTE UND PSYCHOLOGIE
GESCHICHTE UND KUNST
DIE HISTORISCHEN KULTURWISSENSCHAFTEN
DIE MITTELGEBIETE
DIE QUANTITATIVE INDIVIDUALITÄT
DIE WERTINDIFFERENTE QUANTITÄT
DIE OBJEKTIVITÄT DER KULTURGESCHICHTE

"In den meisten Fällen  genügt  dem Historiker das allgemeinbegriffliche Wissen, das er schon im  vor wissenschaftlichen Stadium besitzt, vollständig für die Erreichung seiner Zwecke, d. h. für die Darstellung der Individualität und Besonderheit seines Objekts. Die naturwissenschaftliche Exaktheit seiner Begriffs elemente,  die in einer generalisierenden Wissenschaft von ausschlaggebender Wichtigkeit ist, bleibt für ihn, der andere Ziele verfolgt, bedeutungslos."


VIII.
GESCHICHTE UND PSYCHOLOGIE

Stellen wir also Naturwissenschaft und Geschichte als  formale  Gegensätze hin, so müssen wir sagen: während die Naturwissenschaft - von wenigen, bereits erwähnten Ausnahmen abgesehen - darauf ausgeht, mit ihren Begriffen eine Mehrheit, ja eventuell eine unübersehbar große Vielheit von verschiedenen Gegenständen zu umfassen, wird eine historische Wissenschaft es erstreben, daß ihre Darstellung nur auf das  eine,  von allen anderen verschiedene Objekt paßt, das sie untersucht, sei dies eine Persönlichkeit, ein Jahrhundert, eine soziale oder religiöse Bewegung, ein Volk oder was auch immer. Sie will dadurch dem Hörer oder Leser den  einzigen  Vorgang, den sie meint, möglichst nahe bringen. Die Naturwissenschaft dagegen hat ein Stück Wirklichkeit umso besser "erklärt", je allgemeiner der Begriff ist, durch den sie es darstellt, je deutlicher das zum Ausdruck kommt, was dem besonderen Teil mit dem Naturganzen gemein ist und umso mehr der Inhalt des einmaligen Objekts in seiner Individualität und der Inhalt des allgemeinen Begriffs sich voneinander entfernen.

Bereits aus diesem formalen Gegensatz von Natur und Geschichte lassen sich für die Methodenlehre mehrere wichtige Konsequenzen ziehen. Doch wollen wir uns hier auf einen Punkt beschränken, der besonders viel behandelt worden ist.

Es muß schon aus dem bisher Gesagten hervorgehen, was die Wissenschaft vom Seelenleben im allgemeinen, als die generalisierende  Psychologie,  für die Geschichtswissenschaft bedeuten kann, ein Punkt, über den eine Verständigung zwischen denen, die nicht etwa aus der Geschichte eine generalisierende Naturwissenschaft machen wollen, eigentlich leicht sein sollte und der zugleich für die Frage, mit welchem Recht man die Wissenschaften in Natur- und Geisteswissenschaften einteilt, von entscheidender Bedeutung ist, solange man unter Geist etwas Psychisches versteht.

Wir wissen, daß die Geschichtswissenschaften, wenn sie Kulturvorgänge behandeln, es fast immer  auch  mit seelischem Leben zu tun haben und aus diesem Grunde ist die Bezeichnung der Geschichte als "Geisteswissenschaft" nicht direkt falsch. Dementsprechend pflegen wir von den Historikern zu sagen, daß sie gute "Psychologen" sein müssen. Um die  wissenschaftliche  Psychologie des realen Seelenlebens aber kümmern sie sich gewöhnlich nicht viel und es scheint doch, daß sie umso bessere "Psychologen" werden würden, je mehr sie sich mit ihr beschäftigen. Ja, erst wenn die Historiker wissenschaftliche Psychologie treiben, werden sie die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft erheben.

Diese Argumentation klingt sehr überzeugend und trägt sicher dazu bei, daß die Meinung von der "grundlegenden" Bedeutung der Psychologie für die Geschichte so weit verbreitet ist. Sobald wir aber näher zusehen, finden wir, daß, wie häufig bei besonders beliebten Theorien, die Überzeugungskraft auf einer  Vieldeutigkeit  des gebrauchten  Schlagwortes  beruth.

Wir nennen nicht nur Historiker, sondern auch Dichter und bildende Künstler "Psychologen", denn wir meinen mit Recht, daß sie "Menschenkenner" sein müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Aber die "Psychologie", die Künstler treiben, hat mit der begrifflichen  Wissenschaft  vom Seelenleben nicht viel mehr als den Namen gemein und niemand wird einem Dichter wissenschaftliche psychologische Studien empfehlen, damit er dadurch besser dichten lerne. Die Kunst will das Seelenleben nicht begrifflich, sondern, soweit das möglich ist, intuitiv erfassen, um es dann mit ganz anderen als wissenschaftlichen Mitteln in eine Sphäre der allgemeinen  Bedeutung  zu heben und die künstlerische Fähigkeit zum "psychologischen" Verständnis der Menschen ist jedenfalls von Kenntnissen in der wissenschaftlichen Psychologie völlig unabhängig.

Dasselbe gilt von der "Psychologie", welche die  Historiker  brauchen, so sehr sie sich auch von der des Künstlers sonst unterscheiden mag. Ja, diese Psychologie steht der generalisierenden Wissenschaft vom Seelenleben womöglich noch ferner als die Psychologie des Künstlers, weil sie ganz auf das Einmalige und Besondere gerichtet ist. Daher ist es nicht verwunderlich, daß wir bedeutende "Psychologen" unter den Historikern schon in Zeiten finden, in denen es noch gar keine wissenschaftliche Psychologie, ja noch nicht einmal den heutigen Begriff des Psychischen gab. THUKYDIDES z. B. dürfen wir wohl zu den "Psychologen" in diesem Sinne rechnen. Wenn nun aber sogar WUNDT (1), der sonst vor allem die Psychologie zur Grundlage der "Geisteswissenschaften" machen will, diesem Historiker das Zeugnis ausstellt, daß er "in der psychologischen Auffassung des historischen Geschehens noch späteren Zeiten als Vorbild dienen konnte", so ist das doch eine recht nachdenkliche Tatsache. Ihr Gewicht kann durch den Hinweis von TÖNNIES (2), daß Geschichtsschreiber wie POLYBIUS, TACITUS und unter den neueren HUME, GIBBON, J. von MÜLLER, THIERRY, GERVINUS auf dem Standpunkt  ihrer Zeit  geschulte Psychologen waren, nicht abgeschwächt werden, denn falls das richtig ist, so würde es doch nur zeigen, daß diesen Historikern die Psychologie ihrer Zeit nichts  geschadet  hat. Die Psychologie dieser Männer gilt ja heute für wissenschaftlich überholt. Nicht wegen, sondern  trotz  ihrer Psychologie wären sie also bedeutende Historiker.

Tatsächlich dürfte jedoch bei den meisten Historikern die psychologische  Theorie,  die sie für richtig hielten, eine sehr geringe Rolle bei ihrer historischen Arbeit gespielt haben und auch abgesehen davon wäre es, weil wirklich die meisten späteren Historiker sich in Bezug auf ihre "psychologischen" Kenntnisse von THUKYDIDES nicht  prinzipiell  unterscheiden, im methodologischen Interesse dringend wünschenswert, ihre "Psychologie" des Einmaligen und Indvidiuellen in dem Sinne, wie wir z. B. von einer Psychologie FRIEDRICH WILHELMs IV. oder der Kreuzzüge sprechen, von der generalisierend verfahrenden wissenschaftlichen Psychologie auch durch einen Terminus sorgfältig zu trennen und sie, falls man das Wort Psychologie nicht aufgeben will, mit Rücksicht auf den allgemeinsten Gegensatz von Natur und Geschichte etwa als "historische Psychologie" zu bezeichnen, worunter wir aber dann nicht eine besondere  Wissenschaft  zu verstehen hätten. (3)

Sachlich ergibt sich folgendes: Die Erklärung des Seelenlebens im allgemeinen ist Wissenschaft. Die "historische Psychologie", d. h. die Kenntnis einzelner Menschen oder bestimmter Massen zu bestimmten Zeiten, ist es für sich allein noch nicht. Sie läßt sich vielleicht durch die wissenschaftliche Psychologie  vervollkommnen,  aber niemals durch irgendeine generalisierende Wissenschaft vom Seelenleben  ersetzen.  Denn selbst wenn irgendeine wie auch immer geartete psychologische Theorie alles wirkliche Seelenleben unter allgemeine Begriffe gebracht hätte, so wäre dadurch eine Kenntnis der einmaligen individuellen Vorgänge nicht gegeben. Psychologisch  erklären  wollen wir die Natur des psychischen Seins, indem wir nach seinen allgemeinen Gesetzen oder irgendwelchen anderen allgemeinen Begriffen suchen. Das Seelenleben in der Geschichte aber wollen wir auf einem hier nicht weiter zu erörternden Weg, der durch das Verstehen von individuellen Sinngebilden hindurchführt, "psychologisch" dadurch kennen lernen, daß wir es in seinem individuellen Verlauf, soweit dies möglich ist,  nacherleben  und damit haben wir dann höchstens  Material  für eine historische Darstellung gewonnen, aber noch keinen historischen  Begriff  des betreffenden Objektes. Das bloße "Erlebnis" ist keine Wissenschaft und es kann zum Zwecke der historischen Erkenntnis auch nicht generalisierend geformt werden.

Macht man sich das klar, so wird man es nicht mehr selbstverständlich finden, daß der Historiker zur Ausbildung seines "psychologischen" Verständnisses wissenschaftliche, d. h. generalisierende Psychologie treiben müsse und man kann dann vollends in keiner Wissenschaft vom realen Seelenleben, die mit allgemeinen Begriffen arbeitet, die  Grundlage  der Geschichtswissenschaften in dem Sinne erblicken, wie die Mechanik die Grundlage der Naturwissenschaften von der Körperwelt ist. (4)

Das soll nicht heißen, daß es zwischen generalisierender wissenschaftlicher Psychologie und Geschichtswissenschaft  gar keine  Verbindung gibt und ich möchte dies auch ausdrücklich hervorheben, weil meine Ansichten wiederholt so aufgefaßt worden sind, als hätte ich die  Möglichkeit  bestritten, daß der Historiker von der wissenschaftlichen Psychologie etwas  lernen  könne. Das ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe im Gegenteil schon vorher ausdrücklich darauf hingewiesen, daß das "psychologische" Verständnis der Vergangenheit, genauer das Nacherleben seelischer Vorgänge früherer Zeit aufgrund verständlicher Sinngebilde, das  meist ohne  wissenschaftliche psychologische Kenntnisse erfolgt, trotzdem durch die generalisierende Psychologie  vervollkommnet  werden kann.

Wie weit das möglich ist, läßt sich unter logischen Gesichtspunkten nicht entscheiden und es hat keinen Zweck, die verschiedenen Eventualitäten zu erwägen, bevor nicht faktisch die Geschichte mit der wissenschaftlichen Psychologie enger verknüpft ist, als bisher. Die  logische  Einsicht kann nur dadurch gefördert werden, daß wir ein  Maximum  der Verwertung wissenschaftlich psychologischer Kenntnisse durch den Historiker voraussetzen und zusehen, was dann die Psychologie für die Geschichte leisten und nicht leisten kann. Doch müssen wir uns dabei auf Kenntnisse vom realen Seelenleben beschränken, denn diese allein verdienen den Namen psychologisch. Das Verständnis irrealer Sinngebilde, die nicht psychisch sind, bleibt also ganz beiseite.

Hat man den Unterschied des generalisierenden Verfahrens der Geschichte begriffen, so läßt sich das Maximum der Verbindung dieser beiden Wissenschaften nur noch so konstruieren. Auch die Darstellung des Individuellen kann der allgemeinen Begriffe oder wenigstens der allgemeinen Begriffselemente nicht entbehren: die  letzten  Bestandteil  jeder  wissenschaftlichen Darstellung müssen, wie wir gesehen haben, allgemein sein. Also ist auch der Begriff einer geschichtlichen Individualität aus lauter allgemeinen Elementen zusammengesetzt und zwar in einer Weise, die wir später zu erörtern haben werden. Das darf natürlich nicht so verstanden werden, als ob die Individualität der  Wirklichkeit selbst  eine bloße Kombination von Allgemeinheiten wäre, denn das käme, wie wir ebenfalls bereits sahen, auf einen platonisierenden Begriffsrealismus hinaus. Lediglich um die  Darstellung  der Individualität durch die Wissenschaft und die Benutzung des Allgemeinen zu diesem Zweck handelt es sich und diese wird nun deswegen wichtig, weil der Historiker dabei meist die allgemeinen Wortbedeutungen gebraucht, die er vorfindet und die wir uns mit dem Erlernen der Sprache aneignen, ehe wir Wissenschaft treiben. Man könnte nämlich sagen, diese  vor wissenschaftlichen Begriffe sind  ungenau  und  unbestimmt,  also eigentlich gar keine "Begriffe" und die Geschichtswissenschaft muß daher in dem Maß wissenschaftlicher werden, in dem es ihr gelingt, die vorwissenschaftlichen allgemeinen Wortbedeutungen, die sie zur Darstellung der individuellen historischen Vorgänge braucht, durch wissenschaftliche Begriffe zu ersetzen. Diese aber hätte sie dann der Psychologie zu entnehmen. So bliebe der Gegensatz der generalisierenden und der individualisierenden Begriffsbildung unangetastet und  trotzdem  wäre an der Bedeutung der Psychologie für die Geschichte als Wissenschaft nicht zu zweifeln.

Daß die Psychologie zu einer  Hilfswissenschaft  der Geschichte werden  kann,  ist hierdurch in der Tat gezeigt, aber es ist notwendig, die Tragweite dieses Ergebnisses für die Wissenschaftslehre genau festzustellen. Zunächst wird man diese Betrachtungen, wenn man konsequent sein will, noch etwas  weiter  ausdehnen müssen. Der Historiker beschränkt sich, auch insofern er es nur mit wirklichem Sein zu tun hat, durchaus nicht auf die Darstellung des  seelischen  Lebens. Die Menschen, von denen er spricht,  weiter  ausdehnen müssen. Der Historiker beschränkt sich, auch sind auch körperlich und werden daher durch den Einfluß ihrer körperlichen Umgebung bestimmt. Ohne  weiter  ausdehnen müssen. Der Historiker beschränkt sich, auch die Berücksichtigung der Körperwelt würde uns keine historische Darstellung genügen,  weiter  ausdehnen müssen. Der Historiker beschränkt sich, auch ja das Körperliche kann in seiner Individualität historisch sogar sehr wichtig werden. Daraus ergibt sich dann, daß die Psychologie nicht die einzige generalisierende Wissenschaft ist, von der sich sagen läßt, daß sie zu einer Hilfswissenschaft der Geschichte zu werden vermag.

Wenn wir z. B. in der Geschichte einer einmaligen besonderen Schlacht erfahren, daß die Soldaten, ehe es zum Kampf kam, tagelang Märsche machen mußten, daß sie dadurch ermüdet und gegen die Angriffe körperlich frischer Truppen weniger widerstandsfähig waren oder wenn berichtet wird, daß eine bestimmte belagerte Stadt, der jede Zufuhr von Nahrungsmitteln abgeschnitten war, sich nur eine bestimmte Zeitlang halten konnte, weil der Hunger die Menschen schwächte und schließlich eine wirksame Verteidigung unmöglich machte, so wird sich bei der Darstellung solcher Ereignisse der Historiker ebenfalls lauter  allgemeiner  Wortbedeutungen bedienen, die sich auf Körpervorgänge beziehen und zwar sind es in den meisten Fällen wiederum Begriffe, die er besaß, ehe er Wissenschaft trieb. Man wird daher sagen müssen, daß er vom wissenschaftlich  physiologischen  Standpunkt aus bei der Verwendung seiner allgemeinen Begriffe, die er zur Darstellung der einmaligen Vorgänge braucht,  ungenau  und  unbestimmt  verfährt. Um wissenschaftlich "exakt" zu werden, müßte er auch die Physiologie der Ermüdung und Ernährung heranziehen, denn so allein kann er die vorwissenschaftlichen Begriffe durch streng wissenschaftliche ersetzen.

Im Prinzip ist diese Forderung von der vorher erörterten, daß  psychologische  Ergebnisse notwending sind, um die Geschichte wissenschaftlicher zu machen, gewiß nicht verschieden. Und doch wird sie wahrscheinlich erheblich weniger plausibel klingen. Woran liegt das? Vielleicht daran, daß die Physiologie als Wissenschaft so sehr viel weiter fortgeschritten ist als die Psychologie und daß daher hier sogleich deutlich wird, wie  wenig  der Historiker durch die Begriffe der generalisierenden Wissenschaften in dem, worauf es ihm als  Historiker  ankommt, gefördert werden würde?

Diese Begriffe sind für ihn ja immer nur Mittel und niemals Zweck der Darstellung. Daher liegt es nahe, zu meinen, daß der Zweck auch erreicht werden könne  ohne  "exakte" Mittel. In den soeben betrachteten Beispielen ist das zweifellos der Fall. Ließe sich das verallgemeinern, dann könnte man glauben, die Hoffnungen, die man auf die Psychologie für die Geschichte setzt, beruhten im wesentlichen darauf, daß diese Wissenschaft die meist von der Geschichte dargestellten Arten seelischer Vorgänge bisher noch sehr wenig erforscht hat und daß gerade das psychologisch Dunkel, das über ihnen liegt, der Phantasie Spielraum zur Ausmalung von allerlei Möglichkeiten gibt. Dann müßten wir sagen: wäre die generalisierende Psychologie des realen Seelenlebens in der Erforschung der seelischen Gesetze, die für das geschichtlich wesentliche Wirkliche gelten, schon so weit fortgeschritten wie die Physiologie in der Erkenntnis der Ermüdung und des Hungers, so würden ihre Ergebnisse für die Geschichte vielleicht  ebenso bedeutungslos  erscheinen wie die der Physiologie.

Wir kämen also dann zu dem folgenden Ergebnis: in den meisten Fällen  genügt  dem Historiker das allgemeinbegriffliche Wissen, das er schon im  vor wissenschaftlichen Stadium besitzt, vollständig für die Erreichung seiner Zwecke, d. h. für die Darstellung der Individualität und Besonderheit seines Objekts. Die naturwissenschaftliche Exaktheit seiner Begriffs elemente,  die in einer generalisierenden Wissenschaft von ausschlaggebender Wichtigkeit ist, bleibt für ihn, der andere Ziele verfolgt, bedeutungslos. Ja, er wird vielleicht finden, daß sein vorwissenschaftliches allgemeines Wissen ihn  sicherer  leitet als irgendwelche psychologischen Theorien, weil es seine Darstellung allen, die dieses Wissen mit ihm teilen, leichter verständlich macht, als die Verwendung wissenschaftlicher Begriffe das könnte.

Aber, wie gesagt, die  Möglichkeit,  daß wissenschaftliche psychologische Theorien die Geschichte wissenschaftlich fördern, besteht, so gering auch bei den Historikern das Bedürfnis nach solcher Förderung ist. Sie besteht ebenso wie die Möglichkeit, daß Begriffe der Physiologie, der Chemie oder irgendeiner anderen Naturwissenschaft zu einer exakteren Darstellung der geschichtlichen Vorgänge benutzt werden, ja es wäre sogar vielleicht möglich, bestimmte Gebiete aufzuzeigen, bei deren Darstellung die Geschichte ohne allgemeinbegriffliche wissenschaftliche Kenntnisse nicht auskommt. Dort besonders wird man sich nämlich an die generalisierende Wissenschaft wenden, wo das behandelte Objekt von dem, was wir aus dem vorwissenschaftlichen Leben kennen, auch seinem allgemeinen Gattungscharakter nach in einer uns unverständlichen Richtung stark abweicht und uns daher die allgemeinen  Auffassungsschemata  dafür fehlen.

Aus diesem Grund kann man z. B. mit Recht darauf hinweisen, daß der Historiker bei der Darstellung FRIEDRICH WILHELMs IV. auch  psychopathologischer  Kenntnisse bedarf, weil er das Seelenleben von Geisteskranken im allgemeinen zu wenig kennt, um es überhaupt nachzuerleben und als nacherlebbar darstellen zu können. Dann werden generalisierende Theorien eventuell zu wichtigen  Hilfswissenschaften  der Geschichte. Eine Grenze läßt sich hier  prinzipiell  nicht ziehen. Daher ist es wohl möglich, daß in der Geschichtswissenschaft der Zukunft naturwissenschaftliche, d. h. wissenschaftlich-generalisierend gebildete Begriffe bei der Darstellung der einmaligen und individuellen Vorgänge eine größere und auch eine glücklichere Rolle spielen als jetzt, wo sie - man braucht nur an LAMPRECHTs Unterscheidungen von individual-psychologischer und sozial-psychologischer Methode zu denken - mehr Verwirrung angerichtet haben, als förderlich gewesen sind.

Aber für die logische Gliederung der Wissenschaften, die nicht mit Rücksicht auf die Mittel, sondern auf die Ziele vorgenommen werden muß, hat das alles keine prinzipielle Bedeutung. Es betrifft nur die mehr oder weniger große "Exaktheit" der  Elemente,  aus denen die Geschichte ihre individualisierenden Darstellungen aufbaut und wie weit auch der Historiker generalisierende Wissenschaften  benutzen  mag, sie können nie für ihn in der Weise  grundlegend  sein, wie es die Mechanik für die generalisierenden Wissenschaften von der Körperwelt ist. Sie sagen ihm nicht das geringste über das  Prinzip  seiner individualisierenden Begriffsbildung, d. h. über die Art, wie er die Elemente  auszuwählen  und zu den eigentlich historischen Begriffen  zusammenzufügen  hat. Die Geschichte als  Wissenschaft  geht ja doch nicht darauf aus, von der Individualität irgendwelcher  beliebiger  Dinge und Vorgänge als deren bloßer  Andersartigkeit  zu erzählen. Auch sie wird von bestimmten  Gesichtspunkten  geleitet, mit Rücksicht auf welche sie ihre vorwissenschaftlichen oder wissenschaftlich exakten Begriffselemente benützt und diese Gesichtspunkte vermag sie weder der Psychologie des realen Seelenlebens noch irgendeiner anderen generalisierenden Wissenschaft vom wirklichen Sein zu entnehmen. Das ist der für das  logisch  Verhältnis von Psychologie und Geschichte  entscheidende  Umstand. Alles andere ist logisch von sekundärer Bedeutung.

Dies macht zugleich klar, daß wir beim Begriff des individualisierenden Verfahrens, den wir bisher als charakteristisch für die Geschichte gewonnen haben, nicht  stehen  bleiben können. Um die Wissenschaften in der angegebenen Art nach ihren logischen Grundrichtungen in zwei Gruppen einzuteilen, müssen wir mit den formalen die  materialen  Unterschiede  verbinden.  Die Entgegensetzung der  rein  logischen Begriffe von Natur und Geschichte läßt nur die Unhaltbarkeit der herkömmlichen Ansicht, daß  alle  wissenschaftlichen Begriffe allgemeine sind und daß daher die Geschichte, wo sie Seelenleben darstellt, nichts als angewandte Psychologie ist, deutlich hervortreten.

Im übrigen gibt uns der Begriff des Individualisierens lediglich ein  Problem  und noch nicht den positiven Begriff der wissenschaftlichen historischen  Methode,  wie dies durch den Begriff des Generalisierens für die Naturwissenschaften geschieht. Nennen wir nämlich die Natur die Wirklichkeit mit Rücksicht auf das  Allgemeine, so wird damit zugleich das  Prinzip  der  Begriffsbildung  für die Naturwissenschaft klar. Nennen wir dagegen die Geschichte die Wirklichkeit mit Rücksicht auf das  Besondere,  so genügt das für eine Einsicht in die logische Struktur ihrer Begriffsbildung noch  nicht.  Es scheint demnach die Aufgabe der Geschichtswissenschaft darin bestehen zu müssen, daß sie  ohne  ein Prinzip der Auswahl die von ihr zu behandelnde individuelle Wirklichkeit "so, wie sie ist", darstellt und das käme darauf hinaus, daß sie ein  Abbild  der Wirklichkeit im strengen Sinne des Wortes zu geben habe. Diese Aufgabe aber ist, wie wir wissen, in sich widerspruchsvoll.

Auch die Geschichte muß, um Begriffe zu bilden und Erkenntnis zu geben, im kontinuierlichen Fluß des wirklichen Geschehens Grenzen ziehen und seine unübersehbare Heterogenität in ein  übersehbares Diskretum  verwandeln. Wie dabei trotzdem die Individualität  gewahrt  bleibt, wissen wir noch nicht. Ist eine individualisiernde  Begriffs bildung überhaupt  möglich?  Darin steckt das  logische Problem der historischen Methode.  So tritt uns gerade durch den Gegensatz des generalisierenden und des individualisierenden Verfahrens das Grundproblem unserer Betrachtung erst in seiner ganzen  Schwierigkeit  entgegen. Mit dem Unterschied von "nomothetisch" und "idiographisch"  allein  kommen wir nicht aus.


IX.
GESCHICHTE UND KUNST

Freilich wird man eine geschichtliche Darstellung  eher  mit einem  Abbild  der Wirklichkeit vergleichen können als eine naturwissenschaftliche und wir wollen auch bei diesem Umstand, der sich schon aus dem rein  formalen  Begriff der Geschichte ergibt, etwas verweilen, bevor wir zur Darlegung des Prinzips der historischen Begriffsbildung übergehen. Im Zusammenhang hiermit muß nämlich das vielbehandelte Problem des Verhältnisses der Geschichte zur  Kunst  soweit klar werden, wie das für unseren Gedankengang wünschenswert ist und wir können dabei zugleich ersehen, welche Rolle die  Anschauung  in der Geschichtswissenschaft spielt.

In der wissenschaftlich noch unbearbeiteten Wirklichkeit, also im heterogenen Kontinuum, ist die Andersartigkeit jedes Objektes, die wir auch seine Individualität nennen, mit der Anschaulichkeit verknüpft, ja sie ist uns nur  in  einer Anschauung unmittelbar gegeben. Daher wird man meinen, daß, wenn es sich um die Darstellung der Individualität handelt, diese am besten durch eine Reproduktion der individuellen Anschauung zustande gebracht werde.

Der Historiker sucht daher die Vergangenheit in ihrer Individualität uns anschaulich wieder zu  vergegenwärtigen  und das kann er nur dadurch tun, daß er es uns ermöglich, das einmalige Geschehen in seinem individuellen Verlauf gewissermaßen  nachzuerleben.  Zwar ist er bei seiner Darstellung, wie alle Wissenschaft, auf Worte angewiesen, die  allgemeine  Bedeutungen haben und durch die daher niemals direkt ein anschauliches  Bild  der Wirklichkeit entsteht. Aber er wird in der Tat den Hörer oder Leser bisweilen auffordern, sich durch seine Einbildungskraft etwas anschaulich vorzustellen, das über den Inbegriff des Inhalts der allgemeinen Wortbedeutungen auch inhaltlich weit hinausgeht und sich deshalb durch eine besondere  Kombination  von Wortbedeutungen bemühen, die Phantasie in die von ihm gewünschten Bahnen zu lenken, indem er ihr einen möglichst kleinen Spielraum für Variationen der zu reproduzierenden Bilder läßt. Daß dies möglich ist, beweist jede Dichtung, die ja auch auf Worte mit allgemeinen Bedeutungen angewiesen ist und die trotzdem die Phantasie zu anschaulichen Bilderns anregt.

Dieser Umstand, daß mit Hilfe eines anschaulichen Phantasiebildes die Individualität einer Wirklichkeit zur Darstellung gebracht werden  kann,  erklärt es nun zunächst, warum man so häufig die Geschichte in eine besonders nahe Beziehung zur Kunst gesetzt oder sie geradezu mit ihr hat identifizieren wollen. Den in der Tat ist diese  eine  Seite der Geschichte mit der künstlerischen Tätigkeit insofern  verwandt,  als beide darauf ausgehen, unsere Einbildungskraft zur Produktion einer Anschauung anzuregen. Zugleich aber ist hiermit die Verwandtschaft zwischen Geschichte und Kunst  erschöpft  und es läßt sich zeigen, daß sie für das Wesen der Geschichts wissenschaft  nicht viel zu bedeuten hat, denn erstens unterscheidet sich auch die Anschauung, wenn sie rein künstlerisch ist, von der, die der Historiker hervorbringt und zweitens können die  anschaulichen  Elemente in der Geschichte der Wissenschaft unter  logischen  Gesichtspunkten überhaupt nur von  sekundärer  Bedeutung sein.

Um das einzusehen, muß man sich zunächst über das Verhältnis der Kunst zur anschaulichen und individuellen Wirklichkeit klar werden. So wenig wie die Wissenschaft kann die Kunst abbilden oder verdoppeln, wenn unsere "Realisten" auch manchmal vorgeben, es zu wollen. Sie bringt vielmehr entweder eine ganz neue Welt hervor oder sie formt wenigstens, wo sie die Wirklichkeit darstellt, diese um. Die Umformungen aber beruth auf  Prinzipien,  die nicht logischer, sondern  ästhetischer  Art sind. Für die Geschichte würde also, weil der ästhetische Faktor für sich allein in einer Wissenschaft nie der  entscheidende  sein kann, als Ziel einer Darstellung, die ohne ästhetische Gestaltung auf Anschauung ausgeht, nichts als eine  bloße Wiedergabe  der Wirklichkeit übrig bleiben und diese Aufgabe ist wegen der unübersehbaren und niemals zu erschöpfenden Mannigfaltigkeit jedes heterogenen Kontinuums, also jedes noch so begrenzten Teils der Wirklichkeit, wie wir bereits wissen, ein logisch widersinniges Ziel. Mit der Behauptung, die Geschichte sei Kunst, weil sie Anschauung gibt, ist daher noch gar nichts über die  Methode  der Geschichte gesagt.

Dazu aber kommt noch etwas anderes. Die Kunst will, soweit sie nichts als Kunst ist, die Anschauung nicht in ihrer  geschichtlichen Individualität  ergreifen. Es bleibt ihr völlig gleichgültig, ob ihr Werk dieser oder jener individuellen Wirklichkeit "ähnlich" ist oder nicht. Sie will vielmehr die Anschauung mit Mitteln, welche die Ästhetik festzustellen hat, in die Sphäre einer hier nicht näher zu bestimmenden "Allgemeinheit" erheben, die sich selbstverständlich von der Allgemeinheit des  Begriffs  prinzipiell unterscheidet.

Man kann das Grundproblem der Ästhetik vielleicht als Frage nach der Möglichkeit  allgemeiner Anschauung formulieren, um damit sein Verhältnis zum Grundproblem der Geschichtslogik hervortreten zu lassen, das in der Frage nach der Möglichkeit  individueller Begriffe  besteht. In gewisser Hinsicht ist jedenfalls die künstlerlische Tätigkeit dem individualisierenden Verfahren des Historiker direkt  entgegengesetzt  und schon deswegen sollte man die Geschichte nicht eine Kunst nennen. Man darf nur, um hier klar zu sehen, nicht an Kunstwerke wie Porträts, Bilder geographisch bestimmter Landschaften oder historische Romane denken, denn diese sind nicht  nur  Kunstwerke und gerade das, was sie an Wiedergabe einmaliger  individueller  Wirklichkeiten enthalten, ist  ästhetisch unwesentlich. 

Wir können noch ganz davon absehen, daß die Kunst jedes Objekt, das sie darstellt,  isoliert  und damit aus dem  Zusammenhang  der übrigen Wirklichkeit heraushebt, während die Geschichte gerade umgekehrt die Zusammenhänge ihrer Gegenstände mit der Umwelt zu erforschen hat und insofern ebenfalls in einen Gegensatz zur Kunst zu bringen ist. Es genügt, wenn wir darauf hinweisen, daß das spezifisch  künstlerische  Wesen eines Porträts nicht in seiner Ähnlichkeit oder theoretischen  Wahrheit  und ebenso der  ästethische  Wert eines Romans nicht in seiner Übereinstimmung mit geschichtlichen  Tatsachen  besteht. Ich kann beide als Kunstwerke beurteilen, ohne von ihren Beziehungen zur individuellen geschichtlichen Wirklichkeit, die sie darstellen, irgendetwas zu wissen. Wenn man daher solche Kunstwerke zur Vergleichung mit der Geschichte heranzieht und in ihnen das rein künstlerische nicht von den künstlerisch indifferenten Elementen trennt, so wirkt das nur verwirrend. Ein Porträt gleicht allerdings einer geschichtlichen Darstellung, aber lediglich durch die Bestandteile, die  nicht  künstlerisch, sondern  geschichtlich  bedeutsam sind und darin haben wir eine Einsicht, die doch allzu selbstverständlich ist, um für die Klarlegung des Verhältnisses von Kunst und Geschichte fördernd zu sein.

Hiermit soll nicht geleugnet werden, daß in der unmittelbaren einheitlichen  Verknüpfung  historischer und künstlerischer Bestandteile, wie das Porträt sie bisweilen zeigt, ein Problem steckt, dessen Lösung auch für die Klarlegung des Wesens der Geschichte nach einer Seite hin Bedeutung gewinnen kann. Sehr viele geschichtliche Darstellungen und unter ihnen die am meisten bewunderten, sind in der Tat Kunstwerke in dem Sinne wie künstlerisch hochstehende und zugleich ähnliche Porträts. Aber wenn man über das Wesen des Verhältnisses von Geschichte und Kunst Klarheit sucht, so muß man zunächst Kunstwerke zum Vergleich heranziehen, die  keine  historischen Bestandteile aufweisen und dann erst darf man fragen, wie es möglich ist, daß in einem Porträt künstlerische Gestaltung und historische Treue, also ästhetische und theoretische Werte, eine  Einheit  bilden.

Die Lösung dieses Problems gehört nicht in unseren Zusammenhang. Wir können uns mit folgendem Ergebnis begnügen, um den Gedanken, daß die Geschichte in  logisch  wesentlichen Punkten der Kunst verwandt sei, zurückzuweisen.

Denkt man daran, daß jede Wirklichkeit eine individuelle Anschauung gibt, so läßt sich das Verhältnis, in dem die Wissenschaften und die Kunst zu ihr stehen, auf die folgende Formel bringen. Die generalisierenden Wissenschaften vernichten in ihren Begriffe sowohl die  Individualität  als auch die unmittelbare  Anschauung  ihrer Objekte. Die Geschichte hebt, soweit sie Wissenschaft ist, ebenfalls die unmittelbare Anschauung auf und setzt sie in  Begriffe  um, sucht dagegen die Individualität zu  bewahren.  Die Kunst endlich, soweit sie nichts sein will als Kunst, geht auf eine anschauliche Darstellung aus, welche die Individualität der Wirklichkeit als solche auslöscht oder zu etwas Unwesentlichem herabsetzt. Geschichte und Kunst stehen also allerdings beide der Wirklichkeit näher als die Naturwissenschaft, insofern als jede von ihnen nur  eine  Seite der individuellen Anschauung vernichtet. Darin besteht das  relative  Recht der Bezeichnung der Geschichte als "Wirklichkeitswissenschaft" und der Behauptung, daß die Kunst mehr Realität gebe als die Naturwissenschaft.  Zueinander  aber stehen Kunst und Geschichte in einem Gegensatz, da in der einen die  Anschauung,  in der anderen der  Begriff  das Wesentliche ist und die Verbindung, die sie in manchen historischen Darstellungen eingehen, gleicht nur einem Porträt, das dann aber nicht allein auf seine künstlerischen Qualitäten, sondern auch auf seine  Ähnlichkeit  hin betrachtet werden muß.

Daß derartige Verbindungen von Kunst und Wissenschaft sich in vielen geschichtlichen Werken finden, steht, wie gesagt, außer Frage. Die Geschichte braucht unter Umständen zur Darstellung der Individualität die Anregung der Phantasie als Mittel zur Vorstellung anschaulicher Bilder. Aber ebenso sicher ist, daß man aufgrund dieser Tatsache kein Recht hat, die Geschichtswissenschaft eine Kunst zu nennen. Der Historiker mag noch so viele individuelle Anschauungen mit künstlerischen Mitteln geben, so ist er doch schon dadurch, daß es stets  individuelle  Anschauungen sein  müssen,  vom Künstler prinzipiell geschieden. Seine Darstellung hat unter allen Umständen tatsächlich wahr zu sein und diese historische Wahrheit kommt gerade für das Kunstwerk nicht in Betracht.

Viel eher könnte man sagen, daß der Künstler dort, wo er Wirklichkeiten darstellt, bis zu einem gewissen Grad an die Wahrheit der  generalisierenden  Wissenschaften gebunden ist. Wir vertragen nämlich die  Unvereinbarkeit  künstlerischer Gestaltungen mit den allgemeinen Begriffen, unter die sie als Gattungsexemplare fallen, nur bis zu einem gewissen Grad, sobald das Kunstwerk uns zwingt, an uns bekannte Wirklichkeiten zu denken. Doch würde uns die Verfolgung dieses Gedankens ganz von unserem Zusammenhang wegführen. Es kam nur darauf an, auf die Ungebundenheit des künstlerischen Schaffens mit Rücksicht auf die  historische  Tatsächlichkeit hinzuweisen.

Noch größer aber erscheint der Abstand der Geschichte von der Kunst, wenn wir daran denken, daß die Anschauung der empirischen Wirklichkeit in jeder Wissenschaft überhaupt und damit auch in der Geschichte etwas Sekundäres oder nur ein Mittel zum Zweck ist. Deshalb wird man auch Bedenken tragen müssen, mit WINDELBAND den Unterschied von Naturwissenschaft und Geschichte so zu bestimmen, daß man sagt, die eine suche Gesetze, die andere  Gestalten.  Der  logisch  wesentliche Unterschied wird hiermit nicht getroffen. Nähme man dies wörtlich, so würde zumindest ein zu  enger  Begriff der Geschichte entstehen und außerdem der Schwerpunkt der Geschichte als  Wissenschaft  verschoben werden. Sehr oft sucht die Geschichte keine Gestalten und auch wenn sie es wie in Biographien tut, so läßt sich hieraus nicht ihr  logisches  Wesen verstehen. Ja, kein schlimmeres Mißverständnis des Satzes, daß die Geschichte individualisierend verfährt, ist denkbar, als wenn man ihn der Behauptung gleichsetzt, sie sei eine "Summe von Biographien" und habe künstlerisch abgerundete  Porträts  zu liefern. Der  wissenschaftliche  Charakter der Geschichte ist allein in der Art, wie sie ihre oft unanschaulichen  Begriffe  bildet, zu finden und nur vom Gesichtspunkt aus, wie sie die Anschauung in Begriffe umsetzt, kann sie logisch verstanden werden.

Das formale Prinzip der Geschichte, das sie zur Wissenschaft macht, hat also mit den Prinzipien der künstlerischen Gestaltung nichts zu tun und kann auch nie der bloßen Anschauung entnommen werden. Aus diesem Grund ist der Ausdruck "Wirklichkeitswissenschaft" mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Die alte Alternative, daß die Geschichte entweder  Individualitäten  darstelle und dann zur  Kunst  werde oder  Wissenschaft  sei und dann  generalisierend  verfahren müsse, ist ganz falsch. Ehe die Geschichte mit dem Teil ihrer Tätigkeit beginnen kann, der dem Verfahren des Künstlers in der angegebenen Weise verwandt ist oder ehe sie ihre Begriffe überhaupt mit Anschauung  umkleidet,  um so die Vergangenheit nacherlebbar zu machen und uns die Wirklichkeit möglichst nahe zu bringen, muß sie erstens wissen,  welche  von den unübersehbar vielen Objekten, aus denen die Wirklichkeit besteht, sie darzustellen hat und zweitens, welche Teile aus der unübersehbaren Mannigfaltigkeit jedes einzelnen Objekts für sie  wesentlich  sind. Dazu aber bedarf auch sie, wie die Naturwissenschaft, ihres "a priori", ihres Vorurteils. Nur mit seiner Hilfe kann sie das heterogene Kontinuum des wirklichen Geschehens  begrifflich  beherrschen.

Mag also in den Teilen, in denen sich die Geschichte an die Phantasie wendet, sie anschauliche Bilder hervorbringen - der  Rahmen,  innerhalb dessen sich diese Tätigkeit bewegt, die Gesichtspunkte, welche den  Zusammenhang  und die  Gliederung  des Stoffes bedingen, die Entscheidung darüber, was  historisch  bedeutsam ist und was nicht, kurz das, was erst den  wissenschaftlichen  Charakter der Geschichte ausmacht, ist im anschaulichen Material selbst nicht enthalten und hat vollends mit Kunst nicht das Geringste zu tun. Der Historiker kann seine rein wissenschaftlichen Aufgaben restlos auch ohne künstlerische Mittel lösen, so erfreulich es sein mag, wenn etwas vom Künstler in ihm steckt.

Daher müssen wir fragen, wie ist die Geschichte, wenn sie das Einmalige, Besondere und Individuelle darzustellen hat, als  Wissenschaft  möglich?
LITERATUR - Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, Stuttgart 1986
    Anmerkungen

    1) WILHELM WUNDT, Logik, 3. Auflage, Bd. III. Logik der Geisteswissenschaften, 1908, Seite 2
    2) FERDINAND TÖNNIES, Zur Theorie der Geschichte, 1902, Archiv für systematische Philosophie, Bd. VIII
    3) Das Problem scheint etwas komplizierter, seitdem man eine "verstehende" Psychologie der "erklärenden" gegenübergestellt und im Verstehen die Grundlage der historischen Wissenschaften findet. Hat man jedoch eingesehen, daß unmittelbar "verständlich" im prägnanten Sinn nicht reale seelische Vorgänge, sondern irreale Bedeutungen und Sinngebilde sind, so bleibt das im Text Ausgeführte für die Psychologie als Realwissenschaft unanfechtbar. Vgl. "Grenzen usw." 3. und 4. Auflage, Seite 424f.
    4) Eine Ansicht, die auf dasselbe hinauskommt, finde ich auch bei einem Psychologen. KARL MARBE schreibt in seiner Besprechung der "Prinzipien der Literaturwissenschaft" von ERNST ELSTER folgendes: "Eben die Tatsache, daß es nicht möglich ist, diejenigen Gegenstände, welche den Literaturhistoriker interessieren, ohne Schwierigkeiten unter psychologische Titel zu bringen, hätte den Verfasser belehren können, daß man in seinem Sinne wenigstens die Psychologie für die Literaturwissenschaft nicht fruchtbar machen kann. Der moderne Psychologe sucht das geistige Leben als einen Komplex  einfacher  Elemente und Tatsachen zu begreifen. Diese Zerlegung des Psychischen ist für den Literaturhistoriker unbrauchbar. Er will einen bestimmten Teil des geistigen Lebens der Menschheit in seiner  Kompliziertheit  nachleben und verstehen." So kann man wohl sagen, und ich freue mich, daß MARBE, der in einer Rezension meiner "Grenzen der naturwisssenschaftlichen Begriffsbildung" erklärt hatte, in "keinem wesentlichen Punkt" mit mir übereinstimmen zu können, mir so viel näher gekommen ist, denn der seinen angeführten Sätzen zugrundeliegende Unterschied ist doch in meinem Buch als ein sehr "wesentlicher Punkt" auf das eingehendste dargelegt und ausdrücklich auf das Verhältnis der Psychologie zur Geschichtswissenschaft angewendet worden.


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