tb-1cr-2Die Grenzen Gegenstand der Erkenntnis Definitiondow517 KB     
 
HEINRICH RICKERT
Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft
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I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
DIE AUFGABE
DIE GESCHICHTLICHE SITUATION
DER HAUPTGEGENSATZ
NATUR UND KULTUR
BEGRIFF UND WIRKLICHKEIT
DIE NATURWISSENSCHAFTLICHE METHODE
NATUR UND GESCHICHTE
GESCHICHTE UND PSYCHOLOGIE
GESCHICHTE UND KUNST
DIE HISTORISCHEN KULTURWISSENSCHAFTEN
DIE MITTELGEBIETE
DIE QUANTITATIVE INDIVIDUALITÄT
DIE WERTINDIFFERENTE QUANTITÄT
DIE OBJEKTIVITÄT DER KULTURGESCHICHTE

"Wenn ich z. B. weiß, daß einer genau bestimmten Quantität ein Ton von genau bestimmter Höhe, also von genau bestimmter Qualität, entspricht, so ist dabei trotzdem an dem Ton nur das berücksichtigt, was sich beliebig oft  wiederholt  hat und nicht etwa das, was diesen Ton zum einmaligen und individuellen Wirklichen macht. Oder will man etwa bezweifeln, daß jeder wirkliche Ton wie jeder wirkliche Mensch nur einmal existiert, daß jede einzelne  wirkliche  Sinnesqualität sich von allen anderen unterscheidet?"

"Wir sollten heute endlich gelernt haben, daß die rationalen  Welten  erst Produkte der generalisierenden Abstraktion sind und daß sie deshalb zwar gewiß nicht aufhören, theoretisch und praktisch wertvoll zu sein, aber niemals mit individuellen Wirklichkeiten zusammenfallen."


XI.
DIE MITTELGEBIETE

Durch die Gegenüberstellung der Gesetze oder allgemeine Begriffe suchenden Naturwissenschaften und der historischen Kulturwissenschaften ist demnach, wie ich glaube, der maßgebende Unterschied gefunden, der die empirisch-wissenschaftliche Arbeit in zwei Gruppen teilt. Aber, wie ich bereits sagte, greift sowohl das historische Verfahren in das Gebiet der Naturwissenschaften als auch das naturwissenschaftliche Verfahren in das Gebiet der Kulturwissenschaften über und hierdurch wird unser Problem erheblich kompliziert. Es sei daher noch einmal mit allem Nachdruck hervorgehoben, daß wir hier nur die  Extreme  aufzeigen wollten, zwischen denen die wissenschaftliche Arbeit sich in der  Mitte  bewegt und damit vollkommen deutlich wird, was wir meinen und was wir nicht meinen, wollen wir ausdrücklich auch einige  Mischformen  der wissenschaftlichen Begriffsbildung heranziehen. Doch muß ich mich auf die Andeutung der allgemeinsten logischen Prinzipien beschränken und kann damit lediglich auf weitere Aufgaben hinweisen, die eine eingehendere Untersuchung zu lösen haben würde. (1)

Was die  historischen  Elemente in den  Naturwissenschaften  betrifft, so kommt für die neuere Zeit hauptsächlich die Biologie und zwar die sogenannte  phylogenetische Biologie  in Frage. Sie versucht bekanntlich, den einmaligen Werdegang der Lebewesen auf der Erde in seiner Besonderheit darzustellen und ist deshalb auch schon wiederholt als eine historische Wissenschaft bezeichnet worden.

Das ist insofern berechtigt, als sie zwar durchweg mit allgemeinen Begriffen arbeitet, diese Begriffe aber so zusammengefügt, daß das  Ganze,  welches sie untersucht, mit Rücksicht auf seine  Einmaligkeit  und Besonderheit zum Ausdruck kommt.  Historisch  ist also diese Biologie nicht etwa, wie TÖNNIES dies mißverstanden hat, deshalb, weil sie es mit "Entwicklung" überhaupt zu tun hat. Auch die Embryologie handelt von Entwicklung, aber sie bildet einen  allgemeinen  Begriff ihres Objekts, der nur das enthält, was sich beliebig oft wiederholt und daher ist es in der Tat noch niemanden in den Sinn gekommen, den Studien HARVEYs, SPALLANZANIs und CASPAR F. WOLFFs über die Entwicklung des Eis, der Spermatozoen und des menschlichen Foetus den naturwissenschaftlichen Charakter abzusprechen. Ja, auch die  allgemeine  Deszendenztheorie, nach der jede beliebige Art allmählich entstanden ist und eine Art in die andere übergeht, ist durchaus nach generalisierender, also naturwissenschaftlicher Methode gebildet und hat mit "Geschichte" auch im formalen oder  logischen  Sinn nichts zu tun.

Sobald aber der Versuch gemacht wird, zu erzählen, welche  besonderen  Lebenwesen  zuerst  auf der Erde entstanden sind, welche darauf zeitlich  folgten  und wie daraus in einem  einmaligen  Entwicklungsprozeß allmählich der Mensch wurde, worüber uns die  allgemeine  Deszendenztheorie nur insofern etwas sagt, als sie die besonderen Vorgänge als  Beispiele  allgemeiner Begriffe benutzt, dann ist die Darstellung unter  logischen  Gesichtspunkten  historisch  und da derartige Versuche der neueren Zeit angehören, so muß man sagen, daß in ihnen die historische Idee der Entwicklung auf die Körperwelt, die man früher nur naturwissenschaftlich zu behandeln pflegte, angewendet oder  übertragen  wurde. Es ist wichtig, das hervorzuheben, weil nur so die logische Struktur dieser Körperwissenschaften deutlich wird und weil dann zugleich klar sein muß, daß aus dem Vorhandensein der phylogenetischen Biologie nichts gefolgert werden darf, was für die Anwendung der  naturwissenschaftlichen  Methode in der Geschichte spricht. Man mag versuchen, die Geschichte der Kulturmenschheit darzustellen wie HÄCKEL die "Natürliche Schöpfungsgeschichte", so wird man auch dabei niemals generalisierend, also naturwissenschaftlich im logischen Sinne, sondern individualisierend, also historisch verfahren.

Andererseits rechnet man die Untersuchungen der phylogenetischen Biologie trotzdem zu den Naturwissenschaften und da man beim Wort "Natur" nicht nur an den formalen Gegensatz zur Geschichte, sondern auch immer an den Gegensatz zur Kultur denkt, so ist das selbstverständlich berechtigt. Insofern bekommt es einen Sinn, von "historischen Naturwissenschaften" zu reden. Doch fehlt es auch diesen biologischen Darstellungen nicht am leitenden  Wert gesichtspunkt, der den einmaligen Werdegang zu einem im formalen Sinn geschichtlichen Ganzen zusammenschließt. Der Mensch gilt als der "Höhepunkt" der phylogenetischen Entwicklungsreihe. Es wird ihm damit ein Charakteristikum beigelegt, das durchaus nicht in dem Sinne "selbstverständlich" ist, daß es ihm auch unabhängig von jeder Wertbeziehung zukommt und nun kann man von diesem Höhepunkt aus rückwärtsblickend die "Vorgeschichte der  Kultur,  die zwar selbst noch nicht Kultur, sondern nur Natur in der materialen Bedeutung des Wortes ist, aber zugleich zur Kultur in Beziehung gesetzt wird. Deshalb sind hier naturwissenschaftliche und geschichtliche Auffassungen notwendig aufs engste miteinander  verknüpft  und dennoch wird man aus diesem Umstand keinen  Einwand  gegen unsere Prinzipien für die Gliederung der Wissenschaften herleiten können. Solche Mischformen werden vielmehr gerade aus ihnen  als  Mischformen verständlich und daran zeigt sich von neuem, daß unsere Einteilung die wesentlichen methodologischen Unterschiede zum Ausdruck bringt.

Die Verknüpfung von Naturwissenschaft und Geschichte in der Biologie wird auch dann nicht mehr auffallen, wenn man daran denkt, wie die Theorien DARWINs, aus denen sie entsprungen ist,  zustande  gekommen sind. Es ist bekannt, daß dieser der Biologie mehrere seiner  grundlegenden  Begriffe, wie Zuchtwahl, Auslese, Kampf ums Dasein, dem sinnvollen menschlichen  Kulturleben  entnommen hat. Deshalb dürfen wir nicht erwarten, daß die im Anschluß an DARWIN entwickelten Gedanken sich ohne weiteres nur in  einer  der beiden hier dargestellent Hauptgruppen der Wissenschaften unterbringen lassen.

Wo man vollends die ganze Reihe der Organismen nicht allein als Entwicklung im historischen Sinne, sondern zugleich auch als einen  Fortschritt  bezeichnet, also in ihr eine  Wertsteigerung  erblickt, da kann man das nur tun, wenn man die Kulturmenschheit, zu der diese Stufenfolge hinführt, als absolutes  Gut  setzt und dann liegt sogar weniger eine wertbeziehende und historische als vielmehr eine geschichts philosophische  Betrachtungsweise vor. Doch sind die grundlegenden  Prinzipien  dieser Geschichtsphilosophie nicht etwa der  Natur  und den Naturwissenschaften entnommen, wie man vielfach glaubt, sondern man hat  Kulturwerte  auf Naturvorgänge  übertragen.

Ein Urteil über den wissenschaftlichen Wert solcher geschichtsphilosophischer Gedanken, die einen "Fortschritt" von den primitivsten Lebewesen bis zum Kulturmenschen hin konstatieren, ist hier nicht am Platz. Naturwissenschaftlich betrachtet ist diese Entwicklung weder ein Fortschritt noch ein Rückschritt, sondern einfach eine  wertindifferente Veränderungsreihe, deren allgemeine, d. h. alle verschiedenen Stadien gleichmäßig beherrschenden Gesetze es zu erforschen gilt und es scheint, als ob das Interesse an den angeblich naturwissenschaftlichen "Schöpfungsgeschichten", für die DARWIN selbst übrigens keine Verantwortung trägt, auch in biologischen Kreisen immer mehr erlahmt. Es macht sich wohl die Einsicht geltend, daß die Konsequenzen, die man aus der modernen Entwicklungslehre für die "Weltanschauung" gezogen hat, nicht nur in der Philosophie zu den abenteuerlichsten Verirrungen geführt haben, sondern auch für die Biologie selbst nicht gerade förderlich gewesen sind.

Das Interesse an der  phylogenetischen  Biologie scheint überhaupt zurückzutreten. Gewiß hat das Eindringen des historischen Gedankens in die Wissenschaft von den Lebewesen dadurch ungemein befreiend gewirkt, daß die Realitäten, zu denen sich die Speziesbegriffe verdichtet hatten, wohl für alle Zeiten zertrümmert wurden. Aber erstens hätte diese Einsicht auch aufgrund einer generalisierenden Theorie gewonnen werden können und ferner sieht es so aus, als ob die Biologie, nachdem diese Arbeit einmal im Prinzip getan ist, nicht mehr so sehr in der historischen Konstruktion von "Stammbäumen" und "Ahnengalerien" als vielmehr in n, ist hier nicht am Platz. Naturwissenschaftlich betrachtet ist diese Entwicklung der Feststellung allgemeinbegrifflicher Verhältnisse innerhalb des organischen Lebens ihre eigentliche Aufgabe erblickt und je mehr diese Bestrebungen in den Vordergrund treten, umso mehr muß dann die Biologie nach einer Art von Krisis, die sie durchgemacht hat, wieder zu einer generalisierenden Wissenschaft, also zu einer Naturwissenschaft auch im formalen und logischen Sinne werden, was sie vor DARWIN, solange sie nur "ontogenetische" Entwicklungslehre sein wollte, wie z. B. bei KARL ERNST von BAER, stets geblieben war. Die Struktur, durch die sie unserer Entgegensetzung von Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft zu widersprechen scheint, hat sie überhaupt, auch abgesehen von den geschichtsphilosophischen Spekulationen, nicht so sehr durch DARWIN selbst als durch einige wenige "Darwinisten", besonders durch HÄCKEL angenommen. Sogar bei ihm jedoch lassen sich die generalisierenden und die wertbeziehend-historischen Bestandteile , so sehr sie durcheinander gehen, begrifflich scharf voneinander trennen und Arbeiten anderer Nachfolger DARWINs, wie z. B. die von WEISMANN, tragen einen vorwiegend generalisierenden, also auch im logischen Sinne naturwissenschaftlichen Charakter, so daß sie sich restlos in unser Schema einfügen.

Noch wichtiger für unseren Zusammenhang sind vielleich die methodisch-  naturwissenschaftlichen,  also generalisierenden Bestandteile in der  Kulturwissenschaft.  Bisher habe ich absichtlich nur von  den  historischen Begriffsbildungen gesprochen, die sich auf einen einzigen einmaligen Vorgang im strengen Sinn des Wortes beziehen und es genügte dieses zur Klarlegung des fundamentalen logischen Prinzips, weil das  Ganze  einer historischen Darstellung immer als einmaliges Objekt in seiner nie wiederkehrenden Eigenart in Betracht kommt. Jetzt aber ist auch noch folgendes zu beobachten, damit die Darstellung nicht einseitig erscheint.

Die Kulturbedeutung einer Wirklichkeit haftet zwar immer am Besonderen, aber zugleich sind die Begriffe des Besonderen und des Allgemeinen  relativ.  So ist z. B. der Begriff eines Deutschen wohl allgemein, wenn wir ihn in seinem Verhältnis zu FRIEDRICH dem Großen oder GOETHE oder BISMARCK betrachten. Aber dieser Begriff ist zugleich etwas Besonderes, wenn wir ihn ansehen mit Rücksicht auf den Begriff eines Menschen überhaupt und wir können daher solche  relativ besonderen  Begriffe auch "relativ historische" nennen. Für die Kulturwissenschaften kommt nun nicht nur  die  individuelle Eigenart in Betracht, die das Einzelne und Besondere im eigentlichen Sinn des Wortes besitzt, sondern, wenn es sich um  Teile  des zu begreifenden historischen Ganzen handelt, auch die, welche sich an einer  Gruppe  von Objekten findet. Ja, es gibt keine Kulturwissenschaft, die nicht mit vielen  Gruppenbegriffen  arbeitet und in manchen Disziplinen treten sie ganz in den Vordergrund. Zwar braucht der Inhalt eines solchen relativ historischen Begriffs durchaus nicht immer mit dem Inhalt des betreffenden Allgemeinbegriffs zusammenzufallen, wie z. B. das, was man unter einem Deutschen versteht, weit entfernt ist, nur das zu enthalten, was  allen  die Masse des Volkes bildenden Individuen gemeinsam ist - eine Form der historischen Begriffsbildung, auf die ich hier nicht eingehe - aber es können sich auch an einem recht allgemeinen Begriff noch  die  Merkmale finden, die zugleich von  Bedeutung  für den  Kulturwert  sind, der die historische Begriffsbildung leitet und zwar wird dies bei den meisten Begriffen der Fall sein, die sich auf Kulturvorgänge in ihren  frühesten Entwicklungsstadien  beziehen oder auf diejenigen, für welche die Interessen und Willensrichtungen größerer  Massen  von ausschlaggebender Bedeutung sind.

In solchen Fällen kann die wissenschaftliche Begriffsbildung, welche das einer Mehrheit von Objekten Gemeinsame zusammenstellt, als wesentlich genau dasselbe betrachten, was an dieser Gruppe  auch  mit Rücksicht auf ihre Kulturbedeutung wesentlich ist. Es entstehen dadurch dann Begriffe, die sowohl naturwissenschaftliche als auch Kulturwissenschaftliche Bedeutung besitzen und die eventuell sowohl in einer generalisierenden als auch in einer individualisierenden Darstellung zu verwenden sind. Wegen dieser nicht selten vorkommenden  Kongruenz der generalisierend und der wertbeziehend-historisch gebildeten Begriffsinhalte  wird dann von demselben Forscher sowohl nach naturwissenschaftlicher als auch nach historischer Methode gearbeitet und daher enthalten die Untersuchungen der primitiven Kultur, die Sprachwissenschaft, die Nationalökonomie, die Rechtswissenschaft und andere Kulturwissenschaften generalisierend gebildete Bestandteile, die mit der eigentlich historischen Arbeit so eng verknüpft sind, daß sie sich nur  begrifflich  von ihr trennen lassen.

In diesem Zusammenhang wird auch die Berechtigung und die Bedeutung der Untersuchungen verständlich, für die HERMANN PAUL den Namen der "Prinzipienwissenschaft vorgeschlagen hat. Daß für  jeden  Zweig der Geschichtswissenschaft in demselben Maße eine Wissenschaft von Bedeutung sein kann, "welche sich mit den allgemeinen Lebensbedingungen des geschichtlich sich entwickelnden Objektes beschäftigt, welche die in allem Wechsel gleichmäßig vorhandenen Faktoren nach ihrer Natur und Wirksamkeit untersucht", vermag ich freilich nicht zuzugeben. Denn wo das Einmalige und Besondere im strengsten Sinn des Wortes in Betracht kommt, würden sich die allgemeinen Begriffe einer Prinzipienwissenschaft höchstens als Begriffs elemente  anwenden lassen. Den genannten Wissenschaften jedoch, die wie die Sprachwissenschaft besonders viele generalisierend gebildete Bestandteile enthalten, müssen solche Untersuchungen in der Tat von großer Bedeutung sein.

Auch die generalisierende  Psychologie  kann aus denselben Gründen in solchen Wissenschaften eine Rolle spielen und in diesem Sinne sind daher die früheren Ausführungen zu  ergänzen.  Aber darum darf man diese Wissenschaft vom Seelenleben wiederum durchaus nicht als "die vornehmste Basis  aller  in einem höheren Sinne gefaßten Kulturwissenschaft" bezeichnen, denn ihre Bedeutung nimmt in demselben Maß  ab,  in dem sich die Kulturbedeutung des rein Individuellen  steigert  und dementsprechend die allgemein begrifflichen Untersuchungen überhaupt verschwinden. Das aber ist gerade bei den bedeutsamsten Kulturvorgängen der Fall. In einer Geschichte der Religion, des Staates, der Wissenschaft, der Kunst, kann das einmalige Individuum  nie  "unwesentlich" sein. Hier gehen die Impulse zur Schöpfung neuer Kulturgüter fast immer von einzelnen  Persönlichkeiten  aus, wie jeder weiß, der sich nicht irgendwelchen Theorien zuliebe vor den geschichtlichen Tatsachen absichtlich verschließen will. Die Persönlichkeiten müssen daher auch historisch bedeutungsvoll werden und bei ihrer Darstellung ist dann mit nur relativ historischen Begriffen nicht auszukommen.

Diese Behauptung hat wiederum nichts mit der Tendenz zu tun, die Geschichte aus den  Absichten  und  Taten  großer Männer zu "erklären" oder gar die kausale Bedingtheit alles historischen Lebens zu bestreiten. Man liebt es, die geschichtlichen Persönlichkeiten als  Marionetten  zu bezeichnen und darauf hinzuweisen, daß NAPOLEON oder BISMARCK selbst ein  Bewußtsein  ihrer Marionetteneigenschaften gehabt haben. Ob das berechtigt ist, brauchen wir nicht zu fragen, denn davon hängt die Entscheidung über die Methode der Geschichte nicht ab. Auch Marionetten sind  individuelle  Wirklichkeiten und ihre  Geschichte  kann daher nur mit  individuellen  Begriffen, niemals aber mit einem System allgemeiner Begriffe dargestellt werden. Auch die Drähte, welche die Marionetten in Bewegung setzen, sind individuell wie jede Wirklichkeit und die Geschichte würde also, sogar wenn sie von lauter Marionetten handelte, immer zu zeigen haben, durch welche individuellen und besonderen Drähte hier diese und dort jene historisch bedeutsamen Marionetten in Bewegung gesetzt worden sind.

Im übrigen ist der Vergleich mit Marionetten gerade im Sinne der Naturalisten wenig glücklich, denn die Bewegung von Marionetten muß ja in  letzter  Hinsicht immer auf  Absichten  handelnder Menschen zurückzuführen sein und man sollte daher ein besseres Bild wählen, um die kausale Bedingtheit allen Geschehens zum Ausdruck zu bringen. Hier kam es nur darauf an, zu zeigen, daß selbst derjenige, der von der absoluten kausalen Bedingtheit aller geschichtlichen Vorgänge fest überzeugt ist, Geschichte nicht mit allgemeinen  Gesetzes begriffen darstellen kann, sondern sich klar machen muß, daß auch kausale Zusammenhänge keine allgemeinen Begriffe, sondern einmalige und individuelle Realitäten sind, deren historische Darstellung individuelle Begriffe fordert. Hat man sich das aber klar gemacht, so wird man zugleich einsehen, wie völlig gegenstandslos alle die Argumente der Naturalisten sind, die sich auf die kausale Bedingtheit allen Geschehens stützen, um die Unwichtigkeit einzelner Persönlichkeiten für die Geschichte darzutun.

Doch ich verfolge das nicht weiter, denn es muß schon jetzt klar sein, daß durch die  generalisierenden Kulturwissenschaften  unsere prinzipielle Scheidung wohl eingeschränkt, aber nicht aufgehoben werden kann. Der Grund ist der, daß ein Kulturbegriff auch hier nicht nur die Auswahl der Objekte bestimmt, sondern in gewisser Hinsicht auch die Begriffsbildung oder die Darstellung dieser Objekte wertbeziehend und historisch macht. Die Allgemeinheit der Begriffe in den Kulturwissenschaften nämlich hat eine Grenze und diese hängt von einem Kulturwert ab. So wichtig daher die Feststellung allgemeiner begrifflicher Verhältnisse im kulturwissenschaftlichen Interesse sein mag, so dürfen dabei doch immer nur Begriffe von einer relativ geringen Allgemeinheit verwendet werden, wenn die Untersuchung nicht ihre kulturwissenschaftliche Bedeutung verlieren soll und damit ist die Scheidelinie zwischen Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft auch in dieser Hinsicht gegeben.

Sie möglichst deutlich zu zeigen, ist umso notwendiger, als sie faktisch sehr häufig und durchaus zum Schaden der Kulturwissenschaften überschritten wird. Es ist heute beliebt, Kulturerscheinungen in ihren  primitivsten Stadien  bei den sogenannten Naturvölkern aufzusuchen, weil man glaubt, sie dort in ihrer "einfachsten" Gestalt kennenzulernen und gewiß hat das seine Berechtigung. Soll aber dadurch auch ein Verständnis für die uns näher stehenden Kulturvorgänge gewonnen werden, so wird man sich hüten müssen, daß man in die untersuchten Vorgänge nicht etwas hineininterpretiert, was tatsächlich gar nicht in ihnen liegt und dadurch den historischen Begriff eines Kulturobjektes nicht auf Wirklichkeiten ausdehnt, die nicht mehr Kultur genannt werden sollten.

Man wird z. B. ganz sicher sein müssen, ob eine Betätigung, die man für "Kunst" hält, auch wirklich mit dem Kulturgut noch irgendetwas gemeinsam hat, was wir bei uns Kunst nennen und das ist nur mit Hilfe eines  historischen Kulturbegriffs  von Kunst möglich, der aufgrund eines ästhetischen Wertbegriffs gebildet ist. Solange man hierüber nichts weiß - und dieses Wissen dürfte in vielen Fällen schwer zu erwerben sein - kann das Hineinziehen von irgendwelchen beliebigen Produkten primitiver Völker, bei denen ästhetische Werte für ihre Erzeuger und Empfänger eventuell gar nicht in Frage kommen, in der Kunstwissenschaft lediglich Verwirrung stiften und unter allen Umständen ist es grundverkehrt, in Untersuchungen der primitiven Kultur deshalb die eigentlich wissenschaftliche Forschung zu sehen, weil es dabei aus den angegebenen Gründen möglich ist, viel mit allgemeinen Begriffen, also generalisierend zu arbeiten. Auch die so gewonnene Allgemeinheit wirkt dann bei Betrachtung höherer Kulturentwicklung "tötend".

Den größten Raum werden die allgemeinen Begriffe in  den  Kulturwissenschaften einnehmen, welche das  wirtschaftliche  Leben zum Gegenstand haben, denn soweit sich solche Bewegungen überhaupt isolieren lassen, kommen ja hier in der Tat sehr oft nur die  Massen  in Betracht und das für diese Kulturwissenschaft Wesentliche wird daher meistens mit dem Inhalt eines verhältnismäßig allgemeinen Begriffs zusammenfallen. So kann z. B. das historische Wesen des Bauern oder des Fabrikarbeiters in einem bestimmten Volk zu einer bestimmten Zeit ziemlich genau das sein, was allen einzelnen Exemplaren gemeinsam ist und daher ihren naturwissenschaftlichen Begriff bilden würde. Da mag also das rein Individuelle zurücktreten und die Feststellung allgemeiner begrifflicher Verhältnisse den breitesten Raum einnehmen (2). Es ist hieraus übrigens auch verständlich, warum das Bestreben, aus der Geschichtswissenschaft eine generalisierende Naturwissenschaft zu machen, so häufig mit der Behauptung Hand in Hand geht, daß alle Geschichte im Grunde genommen Wirtschaftsgeschichte sei.

Zugleich aber tritt gerade hier am deutlichsten hervor, wie ungerechtfertigt diese Versuche sind, Geschichte  nur  als Wirtschaftsgeschichte und dann als Naturwissenschaft zu treiben. Sie beruhen nämlich, wie sich leicht zeigen läßt, auf einem Prinzip zur Scheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, das vollkommen  willkürlich  gewählt ist, ja ursprünglich einer total unwissenschaftlichen  politischen Parteinahme  seine Bevorzugung verdankt. Man kann das schon bei CONDORCET verfolgen und die sogenannte  materialistische Geschichtsauffassung,  die nur das Extrem der ganzen Richtung bildet, ist dafür ein klassisches Beispiel. Sie hängt zum großen Teil von spezifisch sozialdemokratischen Wünschen ab. Weil das leitende Kulturideal demokratisch ist, besteht die Neigung, auch in der Vergangenheit die großen Persönlichkeiten als "unwesentlich" anzusehen und nur das etwas gelten zu lassen, was von der Menge kommt. Daher wird die Geschichtsschreibung "kollektivistisch". Vom Standpunkt des Proletariats oder vom Standpunkt, den die Theoretiker für den der Masse halten, kommen ferner hauptsächlich die mehr animalischen Werte in Frage, folglich ist das allein "wesentlich", was zu ihnen in direkter Beziehung steht, nämlich das wirtschaftliche Leben. Daher wird die Geschichte auch "materialistisch". Das ist dann keine empirische, nur theoretisch wertbeziehende Geschichtswissenschaft, sondern eine praktisch wertende, gewaltsam und unkritisch  konstruierende Geschichtsphilosophie. 

Ja, die absolut gesetzten Werte sind hier so maßgebend, daß das für sie  Bedeutsame  in das allein wahrhaft  Seiende verwandelt und daher jede andere als die wirtschaftliche Kultur bloßer "Reflex" geworden ist. Es entsteht also dadurch eine durchaus  metaphysische  Auffassung, die in formaler Hinsicht die Struktur des platonischen Idealismus oder  Begriffsrealismus  zeigt. Die  Werte  werden zum wahrhaft und allein  Wirklichen  gemacht. Nur der Unterschied besteht, daß an die Stelle der Ideale des Kopfes und des Herzens die Ideale des Magens getreten sind. Empfiehlt doch sogar der "Ideologe" LASSALLE den Arbeitern, ihr Wahlrecht als Magenfrage aufzufassen und daher auch mit der Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin zu verbreiten, weil es keine Macht gibt, die sich dem lange widersetzen würde. (3) Man darf sich nicht darüber wundern, wenn von diesem Standpunkt aus die ganze menschliche Entwicklung schließlich als ein "Kampf um den Futterplatz" angesehen wird.

Hat man sich die Wertgesichtspunkte, auf denen der "historische Materialismus" beruth, einmal klargemacht, so sieht man, was von der  Objektivität  einer solchen Geschichtsschreibung zu halten ist. Sie ist vielmehr das Produkt von Parteipolitik als Wissenschaft. Daß früher das wirtschaftliche Leben von den Historikern vielleicht allzu  wenig  beachtet wurde, soll nicht bestritten werden und als  ergänzende  Betrachtung hat die Wirtschaftsgeschichte gewiß ihren Wert. Jeder Versuch aber, alles auf sie als das  einzig  Wesentliche zu beziehen, muß zu den  willkürlichsten Geschichtskonstruktionen  gerechnet werden, die bisher überhaupt versucht worden sind.


XII.
DIE QUANTITATIVE INDIVIDUALITÄT

Nach diesen  Einschränkungen  kann der Sinn, in dem wir Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft einander entgegensetzen, nicht mehr mißverstanden werden und die am Anfang gestellte Aufgabe, die empirischen Wissenschaften, soweit das durch Darlegung der beiden logisch einander entgegengesetzten Grundtendenzen möglich ist, in  zwei  Hauptgruppen einzuteilen, darf also als gelöst gelten. Da jedoch der hier entwickelte Versuch von den herkömmlichen Meinungen weit abweicht, hat er selbstverständlich nicht nur Zustimmung gefunden, sondern ist auch von den verschiedensten Seiten angegriffen worden. In einer Darstellung, der es wie dieser vor allem darauf ankommt, die Hauptsachen übersichtlich zu geben, kann man nicht allen Einwänden begegnen. Ich habe deswegen ausdrücklich an einigen Stellen auf spätere  Ergänzungen  hingewiesen und ich will jetzt versuchen, wenigstens noch die wichtigsten Punkte klarzustellen, an die sich vor allem Bedenken knüpfen lassen.

Erstens kann man bestreiten, daß das naturwissenschaftlich  generalisierende  Verfahren unter allen Umständen unfähig ist, das  Individuelle  und  Besondere  zu begreifen und daher nicht zugeben wollen, daß der Begriff einer Geschichte nach naturwissenschaftlicher Methode  logisch  widersinnig sei.

Zweitens kann man behaupten, daß auch  ohne  Wertgesichtspunkte eine individualisierende Begriffsbildung möglich ist und daß es daher nicht angeht, den Begriff der Geschichte prinzipiell mit dem der Wertbeziehung zu verbinden.

Schließlich kann man, auch wenn diese beiden Einwände erledigt sind, die  Objektivität  der historischen Kulturwissenschaften  problematisch  finden und ihr die Objektivität der Naturwissenschaften als Muster gegenüberstellen, das sie nie zu erreichen vermögen. Wir wollen diese drei Bedenken nacheinander durchgehen.

Was die Erfassung des Besonderen und Individuellen durch naturwissenschaftlich verfahrende Disziplinen betrifft, so werden als Beispiele hierfür fast immer die  Physik  und die  Astronomie  genannt. Das ist kein Zufall und der Grund dafür ist auch nicht schwer zu finden. Diese beiden Wissenschaften wenden die  Mathematik  auf ihre Objekte an und wir brauchen nur an das zu erinnern, was wir über die zwei Wege gesagt haben, die der Wissenschaft zur Überwindung des heterogenen Kontinuums jeder Wirklichkeit offenstehen (4), um zu begreifen, weshalb man eine restlose Erfassung der individuellen Realität durch die Begriffe der Physik und der Astronomie für möglich hält. Zugleich aber wird man unter diesem Gesichtspunkt am leichtesten einsehen, daß hier eine Täuschung vorliegt, d. h. daß die Wirklichkeit auch durch diese Wissenschaften nur in einer Weise begriffen werden, die unseren logischen Grundgegensatz von Natur und Geschichte nicht in Frage stellt. Wir brauchen zu diesem Zweck nur einen  neuen  Begriff der "Individualität" zu verstehen, der sich sowohl von der schlechthin unbegreiflichen bloßen Andersartigkeit jeder Wirklichkeit als auch von der durch Wertbeziehung entstehenden Individualität, die in die historischen Begriffe eingeht, prinzipiell unterscheidet und den man als Begriff der  quantitativen Individualität  im Gegensatz zur stets  qualitativen Individualität  der Wirklichkeit als der bloßen Andersartigkeit und der ebenfalls stets qualitativen  historischen  Individualität bestimmen kann.

Die Naturwissenschaft beschränkt sich in einigen Disziplinen bei ihrer Begriffsbildung auf das an der Wirklichkeit, was sich  zählen  und  messen  läßt und in die  allgemeinste  Theorie der Körperwelt gehen dann schließlich nur noch  quantitative  Bestimmungen ein. Eine rein mechanische Auffassung fällt mit einer rein quantitativen zusammen. Infolge der üblichen Verwechslung von  Begriff  und  Wirklichkeit  entsteht nun die Meinung, die rein quantitative Welt der Physik, die lediglich einer begrifflichen Scheidung ihr Dasein verdankt, sei selbst eine  Realität  wie die wirklichen Körper, ja es wird geradezu der Schluß gezogen, daß das  nur  quantitativ Bestimmte die "wahre" körperliche Wirklichkeit sei und alle  Qualitäten  lediglich "im Subjekt" existieren, also zu bloßen "Erscheinung" gehören.

Wer von einer derartigen, bei aller Nüchternheit doch höchst phantastischen  Metaphysik,  auf die wir hier nicht näher eingehen können (5), beherrscht ist, wird das Wesen der wissenschaftlichen Begriffsbildung nie verstehen. Unsere Wissenschaftslehre gilt in der Tat nur unter der Voraussetzung, daß die  Wirklichkeit  jenes  qualitative heterogene Kontinuum  ist, von dem früher gesprochen wurde und daß die empirischen Disziplinen den Sinn haben, diese  empirische  Wirklichkeit zu erkennen. Hält man hieran fest, dann fügen sich die  quantifizierenden  Naturwissenschaften unserer Theorie leicht ein, ja es zeigt sich, daß gerade sie die Individualität der  Wirklichkeit  und der Geschichte, die stets  qualitativ  ist, niemals in ihre Begriffe aufnehmen können.

Freilich, das muß man zugeben: jene rein quantitative "Welt" der Physik ist durch die generalisierende Begriffsbildung restlos erkennbar und es läßt sich ihre "Individualität" sogar  berechnen.  Denn ihr Inhalt hat jede übersehbare Heterogenität verloren und die homogenen Kontinua sind mit Hilfe der Mathematik begrifflich vollkommen zu beherrschen. Jeden beliebigen Punkt des homogenen Raums können wir mit Mitteln, auf die es hier nicht ankommt, genau bestimmen. Diejenigen, die in dieser rein quantitativen Welt eine  Realität  sehen, brauchen daher nur eine Anzahl allgemeiner Formeln miteinander zu kombinieren, um dadurch die Individualität dieser "Wirklichkeit" zu erfassen. Es ist in der Tat  diese  Individualität nichts anderes als der Schnittpunkt von Allgemeinheiten. Man versteht von hier aus auch, wie z. B. SCHOPENHAUER dazu kam, Raum und Zeit geradezu als Prinzipien der Individuation zu bezeichnen und so hegt wohl noch heute mancher den Glauben, die Angabe,  wo  und  wann  etwas ist, mache seine wirkliche  Individualität  aus.

Unter welcher Voraussetzung allein ist dies zutreffend? Man muß mit der  rationalistischen  Metaphysik des siebzehnten Jahrhunderts die bloße Ausdehnung, die  extensio  von DESCARTES und SPINOZA, der körperlichen Wirklichkeit gleichsetzen und dementsprechend die letzten Teile dieser "Wirklichkeit" oder die "Atome" sich so denken, daß aus ihnen der Körper besteht wie eine mathematische Linie aus Punkten.  Dann  kann man allerdings jeden Körperteil in seiner "Individualität" mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Begriffe für restlos erkennbar halten. Bedarf es aber wirklich noch des Beweises, daß diese rein quantitative Welt der Physik  keine Wirklichkeit  ist in dem Sinne des Wortes, den wir alle damit verbinden? Beruth die Erkennbarkeit ihrer Individualität nicht nur darauf, daß man aus ihr alles  entfernt  hat, was sich nicht mit quantitativ bestimmten Begriffen erkennen läßt und hat daher ihre rein quantitative "Individualität" mit dem, was wir unter der Individualität einer empirischen Wirklichkeit verstehen und ebenso mit dem, was für die Geschichte als Individualität in Betracht kommt, noch viel mehr als den Namen gemein?

Das rein Quantitative ist, für sich betrachtet,  unwirklich.  Die bloße "Ausdehnung" enthält noch keine körperliche  Realität.  Das homogene Kontinuum, das man allein begrifflich vollkommen beherrscht, steht vielmehr in schroffstem  Gegensatz  zum heterogenen Kontinuum, das uns jede  Wirklichkeit  zeigt, von deren Individualität wir bisher gesprochen haben. Also ist  die  "Individualität", die als Schnittpunkt von Allgemeinheiten zu denken ist und die sich durch räumliche oder zeitliche, rein quantitative Bestimmungen festlegen läßt, durchaus nicht die Andersartigkeit, die wir die Individualität der Wirklichkeit genannt haben und die für das Problem der historischen Begriffsbildung von Bedeutung ist. Man muß diese Begriffe streng auseinanderhalten, auch um das Wesen der mathematischen Naturwissenschaft zu verstehen. Die wirkliche Individualität hat mit der durch die mathematische Physik beherrschbaren nur das  eine  gemein, daß sie sich  auch  immer an einer bestimmten Stelle des Raums oder der Zeit befindet. Aber dadurch  allein  ist sie noch nicht als Individualität, ja dadurch allein ist sie  inhaltlich  überhaupt noch nicht bestimmt. Man mag sich also noch so viele Allgemeinheiten "schneidern" lassen, so wird man dadurch, abgesehen von den quantitativen Raum- und Zeitangaben,  nichts  von dem erfassen, was einer einmaligen Wirklichkeit eigentümlich ist und sie zu diesem besonderen, nie wiederkehrenden einen Individuum macht.

Dabei ist es gleichgültig, wie groß oder wie klein man sich das Wirklichkeitsstück denkt, das in seiner Besonderheit und Individualität in Betracht kommt. Solange man überhaupt noch eine  Wirklichkeit  vor sich hat, die mit den uns bekannten Wirklichkeiten unter einen Begriff gebracht werden kann, muß man sie wie jede Wirklichkeit als heterogenes Kontinuum, also als durch begriffliche Erkenntnis prinzipiell unerschöpflich voraussetzen. Denken wir, um diesen Gedanken auf die Spitze zu treiben, an das Weltbild der Physik, die alle Körper als aus "Elektronen" bestehend denkt. Wird durch sie etwa die körperliche Wirklichkeit  restlos  begriffen? Gewiß nicht. Auch die Elektronen werden von der Physik nur als einfach und gleich  angesehen,  wie alle Exemplare eines allgemeinen Gattungsbegriffs. Wenn man darunter Wirklichkeiten versteht, so müssen sie den Raum  erfüllen.  Haben wir ein Recht zu der Meinung, daß sie absolut  homogen  sind? Wie kommen wir dazu, solche Realitäten anzunehmen? Jeder uns bekannte Körper ist von jedem anderen verschieden und jeder in seiner Eigenart so irrational wie das körperliche Weltganze. So wird es also mit  jedem  körperlichen Ding sein, zu dem die Physik kommt. Wirklichkeiten können nie "Atome", nie "letzte Dinge" im logischen Sinn des Wortes sein. Die wirklichen Atome sind immer noch mannigfaltig und individuell. Wir  kennen  keine anderen Wirklichkeiten und wir haben daher kein Recht, sie als Wirklichkeiten anders zu  denken, so  unwesentlich  ihre Individualität für die  physikalischen Theorien  auch sein mag.

Kurz, das heterogene Kontinuum der Wirklichkeit macht sich auch darin geltend, daß die Physik mit ihrer Arbeit  nie zu Ende  kommen kann. Was sie erreicht, ist immer nur das  Vorletzte  und wo es so aussieht, als wäre sie zum  Letzten  gekommen, da beruth das darauf, daß sie das, was noch nicht in ihre Begriffe eingegangen ist,  ignoriert.  Ein Körper, der in der Weise ein Teil eines größeren Körpers ist wie ein Punkt ein Teil einer Linie und der daher in seiner ganzen Wirklichkeit durch seine Stelle auf der Linie restlos bestimmt wird, ist eine begriffliche  Fiktion Es ist der Begriff eines theoretischen  Wertes,  einer "Idee", einer "Aufgabe", aber nicht der einer Realität.

Ja, man muß noch einen Schritt weiter gehen. Sogar das homogene  Kontinuum  einer  mathematischen Linie  ist etwas prinzipiell anderes als das homogene  Diskretum  von  Punkten,  aus denen sie angeblich "besteht". In Wahrheit läßt sich eine Linie nie aus Punkten  zusammensetzen  und nun soll man gar das heterogene Kontinuum der Wirklichkeit als homogenes Diskretum von "Atomen" im strengen Sinne des Wortes, d. h. einfachen und einander gleichen Dingen denken und dann meinen, dieses restlos erkennbare Gebilde sei eine Wirklichkeit?

Man muß über den rein quantitativ bestimmten mechanischen Begriffen vollkommen  vergessen  haben, was man in jeder Sekunde seines wachen Daseins an Wirklichkeit  erlebt,  um glauben zu können, es werde durch die Begriffe der mathematischen Physik irgendeine  wirkliche  Individualität erfaßt. Tatsächlich bedeutet die scheinbare Individualitäts- und Wirklichkeitsnähe, welche durch die Anwendung der Mathematik und durch die Einführung des homogenen Kontinuums in die Begriffe hervorgebracht wird, die größte  Wirklichkeitsferne,  denn individuelle Wirklichkeiten sind nie homogen, und alles, was sich  mathematisch  "individualisieren" läßt, ist für sich allein, wie alles rein Quantitative, irreal. Jedenfalls, die mathematisch bestimmbare quantitative Individualität ist nicht die Individualität der Wirklichkeit und ebensowenig die Individualität, die in einen historischen Begriff eingeht, was wohl nicht erst bewiesen zu werden braucht.

Hat man das verstanden, so wird man auch in der  Astronomie  keine Gegeninstanz gegen die Behauptung erblicken, daß sich mit naturwissenschaftlichen Gesetzesbegriffen keine wirklichen Individualitäten in die Wissenschaft aufnehmen lassen. Gewiß, die Astronomie kann für die Vergangenheit und für die Zukunft die  Bahnen  der einzelnen Weltkörper, die sie mit Eigennamen bezeichnet, genau berechnen, sie kann Sonnen- und Mondfinsternisse bis auf Bruchteile einer Sekunde voraussagen und ebenso die individuellen  Zeitpunkte  angeben, in denen sie früher stattgefunden haben, so daß es möglich ist, damit auch historische Ereignisse  chronologisch  festzulegen. Schon oft hat man daher in der Astronomie die denkbar vollkommenste Erkenntnis erblickt und von hier aus ist dann das Ideal einer "Weltformel" entwickelt worden, mit deren Hilfe es möglich sein müßte, den gesamten Werdegang der Wirklichkeit in allen seinen individuellen Stadien restlos zu  berechnen.  Besonders du BOIS-REYMOND hat diese Gedanken populär gemacht und damit in weiten Kreisen die wunderlichsten Vorstellungen von den Zukunftsmöglichkeiten der Naturwissenschaften genährt, die merkwürdigerweise auch in logischen Schriften ihr Unwesen treiben und zur Behauptung geführt haben, der gesamte geschichtliche Verlauf der Welt lasse sich im Prinzip naturwissenschaftlich voraussagen wie eine Planetenbahn.

Es würde zu weit führen, den Knäuel von logischen Widersinnigkeiten, der im Gedanken einer solchen  Weltformel  steckt, vollständig zu entwirren. Es genügt für unsere Zwecke, wenn wir zeigen, daß schon der  Ansatzpunkt  für diese Gedankengebilde falsch ist, also ihnen jede haltbare Grundlage fehlt. Wir brauchen nur zu fragen:  was  von den Weltkörpern kann die Astronomie berechnen und  was  geht daher in ihre Gesetze ein? Die Antwort ist einfach. Die Astronomie begreift restlos und in ihrer Individualität lediglich die  quantitativen  Bestimmungen ihrer Objekte. Die  Zeitpunkte  z. B. und die  Stellen  im  Raum  kann sie in ihrer "Individualität" angeben,  wo  die einzelnen Körper waren, sind und sein werden. Wenn man daher aus den historischen Quellen bereits  weiß,  daß ein bestimmtes geschichtliches Ereignis mit einer Sonnenfinsternis  zeitlich  zusammenfiel, so vermag man auch den Tag zu berechnen, an dem es stattgefunden hat. Die zeitliche Koinzidenz mit der Sonnenfinsternis mußte aber schon  vorher  feststehen und etwas anderes als das  Datum,  d. h. eine quantitative Bestimmung kann die Astronomie nicht angeben.

Wird von der Astronomie also irgendeine  wirkliche  Individualität erfaßt? Wir haben bereits gezeigt, daß man die quantitativen Bestimmungen zwar "individuell" nennen kann, weil sie  auch  zur Individualität gehören wie jede beliebige Bestimmung, daß aber diese raumzeitliche Individualität mit dem, was wir in der Geschichte unter Individualität der Wirklichkeit verstehen, nie zusammenfällt. Mit Rücksicht auf die volle Besonderheit der Weltkörper sind die "individuellen" Raum- und Zeitangaben der Astronomie sogar durchaus  allgemein.  Denn an  derselben  Stelle des Raumes und der Zeit könnte sich jedes  beliebige  Exemplar eines Körpers mit denselben quantitativen Bestimmungen finden, das darum noch nicht eine Einzige der individuellen  qualitativen  Eigenschaften zu haben brauchte, die seine Individualität ausmachen und die eventuell für eine individualisierende Wissenschaft wesentlich sind. Ist doch der Zusammenhang der individuellen qualitativen und der individuellen quantitativen Bestimmungen auch für die Astronomie ganz "zufällig", ja, kein denkbarer Fortschritt der generalisierenden Wissenschaften wird diese Kluft quantitativer und qualitativer Individualität überbrücken, denn sobald wir das Reich der reinen Quantitäten verlassen und zur qualitativen Wirklichkeit übergehen, kommen wir aus dem  homogenen  ins  heterogene  Kontinuum und damit hört jede Möglichkeit einer  restlosen  begrifflichen Beherrschung der Objekte auf.

Deshalb ändert auch die Möglichkeit einer  Zuordnung  der Konstruktionen der mathematischen Physik zum Qualitativen der Wirklichkeit an unserem Ergebnis nichts, wie man gemeint hat. (6) Gewiß ist die Zuordnung, welche die Psychophysik versucht, nicht  willkürlich,  aber sie läßt sich niemals  so  durchführen, daß das qualitative  Individuelle  dem quantitativen "Individuellen" genau und  restlos  entspricht und darauf allein kommt es in diesem Zusammenhang an. Vom Qualitativen ist immer nur das, was davon in einen  allgemeinen  Begriff eingeht, einer quantitativen Bestimmung zugeordnet zu denken und es wird daher auch auf dem Umweg über die mathematische Physik niemals möglich sein, mit Hilfe von Gesetzesbegriffen bis zur qualitativen Individualität selbst vorzudringen.

Wenn ich z. B. weiß, daß einer genau bestimmten Quantität ein Ton von genau bestimmter Höhe, also von genau bestimmter Qualität, entspricht, so ist dabei trotzdem an dem Ton nur das berücksichtigt, was sich beliebig oft  wiederholt  hat und nicht etwa das, was diesen Ton zum einmaligen und individuellen Wirklichen macht. Oder will man etwa bezweifeln, daß jeder wirkliche Ton wie jeder wirkliche Mensch nur einmal existiert, daß jede einzelne  wirkliche  Sinnesqualität sich von allen anderen unterscheidet?

Bei der Gewöhnung, lediglich in allgemeinen Begriffen zu denken und auf die unwichtige Individualität des Wirklichen nicht zu  achten,  also an dem Ton nur seine begrifflich bestimmbare Höhe in Betracht zu ziehen, mag man  übersehen,  was ein wirklicher Ton ist und dann an seine restlose Zuordnung zu quantitativen Bestimmungen glauben. Aber diese Denkgewohnheit ist es gerade, die wir bekämpfen, nehmen wir andere wirkliche Gebilde als "einfache" Sinnesqualitäten, so tritt die Unbegreiflichkeit ihrer qualitativen Individualität sofort zutage. Bei den Tönen sind ihre individuellen Unterschiede unwesentlich, gewiß, aber darum nicht weniger wirklich und sie gehen mit ihrer qualitativen Individualität in keinen Begriff der Naturwissenschaft ein.

Es bleibt also dabei: das Qualitative ist vom Quantitativen durch eine Kluft getrennt, über die auch die Psychophysik der Zukunft keine Brücke schlagen wird. Der Rationalismus des siebzehnten Jahrhunderts mochte glauben, daß jedem "einfachen" und bloß "ausgedehnten" Körper eine ebenso einfache Sinnesempfindung "parallel" zu setzen sei und daß man daher die Wirklichkeit more geometrico behandeln könne. Wir sollten heute endlich gelernt haben, daß die rationalen "Welten" erst Produkte der generalisierenden Abstraktion sind und daß sie deshalb zwar gewiß nicht aufhören, theoretisch und praktisch wertvoll zu sein, aber niemals mit individuellen Wirklichkeiten zusammenfallen.

Aus diesen Gründen hat die Berufung auf Physik und Astronomie oder gar auf Psychophysik für unsere Probleme keine Bedeutung. Der Schritt vom Homogenen ins Heterogene, der uns vor eine prinzipiell unerschöpfliche Mannigfaltigkeit führt, ist stets der Schritt vom Wirklichen zum Unwirklichen, der auch mit dem vom Irrationalen zum Rationalen zusammenfällt. Wir können nur den Schritt von der irrationalen Wirklichkeit zu den rationalen Begriffen machen, indem wir das nicht Quantifizierbare  weglassen,  die  Rückkehr  zur qualitativen individuellen Wirklichkeit ist uns für immer versagt. Denn wir werden aus den Begriffen nie mehr  herausholen  als das, was wir in sie  hineingetan  haben. Der  Schein als führe ein Komplex von Allgemeinheiten zum Individuellen zurück, entsteht allein dadurch, daß wir uns ein ideales Sein rein quantitativer Art aufbauen, in dem jeder beliebige  Punkt  beherrschbar ist und daß wir dann diese begriffliche Welt mit der individuellen Wirklichkeit  verwechseln,  in der es keine "Punkte" gibt.

Im Zusammenhang hiermit sei noch ein Einwand erwähnt, der sich an ein in neuerer Zeit auch in der Philosophie vielfach behandeltes Naturgesetz knüpft. Der sogenannte  Entropiesatz,  der lehrt, daß es in der Welt zu einem allgemeinen "Wärmetod" kommen muß, weil alle Bewegung allmählich in Wärme übergeht und alle Intensitätsunterschiede sich immer mehr ausgleichen, ist offenbar das Produkt einer  generalisierenden  Begriffsbildung und doch scheint dadurch zugleich der  einmalige Verlauf  der "Weltgeschichte" im umfassendsten Sinn des Wortes bestimmt zu werden, ja man hat diese Lehre, wonach die Welt schließlich stillstehen muß wie ein Uhrwerk, das von niemand mehr aufgezogen wird, geradezu als  das  Entwicklungsgesetz der Welt bezeichnet.

Selbstverständlich haben Überlegungen darüber, ob das berechtigt ist, für die Methode der historischen  Kultur wissenschaften keine Bedeutung, denn niemand wird behaupten, daß sich die Folgen dieses Gesetzes in dem uns bekannten Abschnitt der  Menschheitsgeschichte  bemerkbar machen können. Aber im  logischen  Interesse ist es doch wichtig zu zeigen, daß auch hier das allgemeine Prinzip des notwendigen Auseinanderfallens naturwissenschaftlich generalisierender und historisch individualisierender Betrachtungsweise nicht durchbrochen wird und wir brauchen zu diesem Zweck nur an einige Gedanken zu erinnern, die aus KANTs  Antinomienlehre  jedem geläuft sein sollten.

Wäre der Entrophiesatz wirklich ein  historisches Gesetz  und nicht nur ein allgemeiner Begriff, dem man jeden beliebigen Teil der Körperwelt als Gattungsexemplar unterordnen kann, so müßte er auf das  einmalige Weltganze  im strengsten Sinne des Wortes anwendbar sein, denn nur dann könnte er etwas über die Geschichte dieses "historischen" Ganzen sagen. Gerade das aber ist unmöglich, sobald man an den allein zulässigen Begriff des körperlichen Welt ganzen  denkt. Die Wirklichkeit ist nicht nur intensiv, sondern auch extensiv unerschöpflich, d. h. ihr heterogenes Kontinuum läßt nicht nur im kleinen, wie wir bereits sahen, sondern auch im großen jede  Grenze  vermissen und infolgedessen ist die Anwendung eines Gesetzes, das begrenzte, erschöpfbare Quantitäten voraussetzt, auf das Weltganze ausgeschlossen. Der Begriff des Wärmetodes verliert dementsprechen sofort seinen Sinn, sobald es sich nicht mehr um ein  begrenztes  "Quantum" von Energie handelt.

Mit Rücksicht auf den ersten Satz der Thermodynamik, wonach das Quantum der Energie  konstant  ist, hat man das schon oft bemerkt und sonderbarerweise daraus bisweilen den Schluß gezogen, es müsse die  Wirklichkeit  begrenzt sein. Dieser Schluß beruth jedoch wieder auf einer unzulässigen rationalistischen Verwechslung der Realität mit unseren Begriffen oder er setzt voraus, daß die Wirklichkeit sich auch mit Rücksicht auf ihre inhaltlichen Bestimmungen nach der Wissenschaft richte. Tatsächlich darf man nur den Schluß ziehen, daß die Welt der Physik nicht "die" Wirklichkeit ist und daß sowohl der erste als auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik lediglich in dem Sinne auf das Weltganze anwendbar sind, daß jeder seiner Teile als  Gattungsexemplar  darunter fällt. Der Teil ist dann aber zugleich als geschlossen und  endlich,  also in dieser Hinsicht als prinzipiell  verschieden  vom Weltganzen zu denken. Schon die Ausführung dieses Gedankens in einer Richtung entscheidet: da man der Wirklichkeit keinen  Anfang  in der  Zeit  setzen kann, müßte der Wärmetod längst eingetreten sein, wenn man das Quantum Wärme oder kinetischer Energie als endlich annimmt und wenn man es "unendlich" groß setzt, falls das überhaupt einen Sinn hat, kann der Wärmetod nie eintreten.

Der Entropiesatz gilt also, falls er richtig ist, nur von jedem beliebigen als  geschlossen gedachten Teil  der Welt. Über den einmaligen Verlauf oder über die Geschichte des Welt ganzen  sagt er uns gar nichts und deswegen sagt er uns im Grunde auch nichts mit naturgesetzlicher Notwendigkeit über die  Geschichte  irgendeines wirklichen Teils der Welt, denn keiner dieser Teile ist wirklich vollkommen geschlossen, so daß es in ihm einmal zu einem Stillstand kommen  muß,  wie in einer Uhr, die niemand mehr aufzieht. Es bleibt vielmehr sehr wohl denkbar, daß jeder beliebige Teil in eine kausale Verbindung mit einem anderen Teil der Welt tritt, in dem ein  größeres  Maß von Wärme vorhanden ist, wodurch dann auch sein Wärmemaß wieder  zunimmt,  er wie eine Uhr von neuem aufgezogen wird, also nicht zum Stillstand kommt und dies kann sich wegen der prinzipiellen Grenzenlosigkeit der Welt beliebig oft  wiederholen,  so daß die Geschichte eines Teils sehr wohl auch in  umgekehrter Richtung  verlaufen kann, wie der Entropiesatz lehrt oder daß sich in ihr ein Auf- und Abwogen im Wärmequantum zeigt, wie wir das ja tatsächlich in den meisten uns bekannten Teilen der Welt beobachten.

Selbstverständlich sind dies nichts anderes als logische  Möglichkeiten,  aber sie genügen hier, wo es nur darauf ankommt, zu zeigen, daß es  keinen  Fall gibt, in dem das  allgemeine  Gesetz zugleich den  einmaligen  Verlauf eines historischen Ganzen mit Notwendigkeit bestimmt. Auch der Entropiesatz sagt uns nichts über den einmaligen Verlauf des Weltganzen, also über die "Weltgeschichte", sondern nur etwas über jeden beliebigen, aber zugleich geschlossenen Teil. Jeder dieser Teile ist dann dem allgemeinen Gesetz als Gattungsexemplar unterzuordnen und gerade auf dieser Allgemeinheit beruth die Bedeutung des Gesetzes. Es hat wie alle Naturgesetze die "hypothetische" Form:  wenn  es ein geschlossenes Körperganzes gibt,  dann  muß es in ihm zum Wärmetod kommen. Nun ist aber weder das Körperganze der Welt noch irgendein historisches Ganzes absolut geschlossen, also hat der Satz  historisch  gar keine Bedeutung.

Im übrigen sei noch einmal bemerkt, daß diese Ausführungen für die Einteilung der empirischen Wissenschaften in die zwei Gruppen der generalisierenden Naturwissenschaften und der individualisierenden Kulturwissenschaften nicht wesentlich sind. Wir mögen den Begriff der Kultur durch Übertragung des Wertgesichtspunktes auf ihre Vorstufen und ihre sonstigen, räumlichen Bedingungen noch so weit ausdehnen, wir werden doch niemals zum Begriff eines historischen Ganzen kommen, in dem das, was der Entropiesatz aussagt, von geschichtlicher Bedeutung werden könnte, selbst wenn wir dieses Ganze als geschlossen annähmen. Nur das prinzipielle und allgemeine  logische  Auseinanderfallen von  Naturgesetzlichkeit  und  Geschichte  sollte auch hier gezeigt werden.

Da es sich dabei hauptsächlich um die Bekämpfung einer falschen Auffassung der rein quantitativen Begriffsbildung und somit der Mathematik handelt, möchte ich diese Ausführungen mit einem Wort von GOETHE schließen, der zwar gewiß kein systematisch wissenschaftlicher Philosoph war, dafür aber einen eminenten Sinn für das besaß, was  wirklich  ist. RIEMER überliefert von ihm die folgenden Worte: "Die mathematischen Formeln außer ihrer Sphäre, d. z. dem Räumlichen, angewendet, sind völlig starr und leblos und ein solches Verfahren ist höchst ungeschickt. Gleichwohl herrscht in der Welt der von den Mathematikern unterhaltene Wahn, daß in der Mathematik allein das Heil zu finden sei, da sie doch, wie jedes Organ unzulänglich gegen das All ist. Denn jedes Organ ist spezifisch und nur für das Spezifische."
LITERATUR - Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, Stuttgart 1986
    Anmerkungen

    1) Diese Untersuchung findet sich in meinem Buch über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Vgl. besonders Seite 264f und 480f, dritte und vierte Auflage Seite 181f und Seite 330f. Wer sich mit meinen Ansichten kritisch auseinandersetzen wir, muß die  dort  entwickelten Gedankengänge berücksichtigen. Sie sind nicht etwa "Zugeständnisse", wie man sie oft genannt hat, sondern in ihnen liegt geradezu der  Schwerpunkt für eine wirklich logisch durchgeführte  Methodenlehre der empirischen Einzelwissenschaften. Wer das nicht beachtet und dann z. B. meint,  jede  Untersuchung der Kulturobjekte müsse nach meiner Ansicht  nur  historisch verfahren, wird die hier entwickelten Gedanken mißverstehen. Man sollte endlich die Meinung aufgeben, daß alle Einzelwissenschaften sich in ein zweigliedriges Schema bringen lassen, wie es das von Natur- und Geisteswissenschaften ist.
    2) Da wiederholt im Anschluß an meine methodologischen Untersuchungen die Frage erörtert worden ist, ob die Nationalökonomie eine historisch-individualisierende oder eine generalisierende Wissenschaft sei, bemerke ich ausdrücklich, daß ich nicht beabsichtigen kann, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Sie muß der Entscheidung der Einzelforscher überlassen bleiben. Unter logischen Gesichtspunkten ist eine generalisierende Darstellung des wirtschaftlichen Lebens ebenso berechtigt wie eine individualisierende. Lediglich die Meinung, daß die Nationalökonomie  ausschließlich  generalisierend verfahren dürfe, ist abzulehnen. Das wäre eine schlechte Methodenlehre, die nicht für die  verschiedenen  "Richtungen" der Einzelforschung Platz hätte.
    3) Offenes Antwortschreiben an das Zentralkommittee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig, 1863. An den oben zitierten Satz von LASSALLE habe ich gedacht, als ich in der ersten Auflage dieser Schrift den Ausdruck "Ideale des Magens" gebrauchte. TÖNNIES hätte das wohl vermuten können und jedenfalls nicht schreiben sollen, er sehe nicht, "aus welchem Sumpf RICKERT die ihm eigentümliche Darstellung der materialistischen Geschichtsauffassung geschöpft hat." (Archiv für systematische Philosophie, Bd. VIII, Seite 38) Wenn TÖNNIES später den "schrillen Klang" seiner Worte damit erklärt, daß er sich  "persönlich  gereizt fand durch den  hochfahrenden  Ton", (a. a. O. Seite 408), so ist das nur ein neuer Beweis darüf, daß gewisse naturalistische Geschichtsauffassungen mehr eine Sache persönlicher und meist leidenschaftlich vertretener "Überzeugung" als ruhiger wissenschaftlicher Begründung sind. Die Sätze im Text sind gar nicht "hochfahrend", sondern suchen lediglich die Tatsache festzustellen, daß der "historische Materialismus", wie jede Geschichtsphilosophie, auf bestimmten  Wertsetzungen  beruth und daß seine ganze Verspottung des Idealismus auf eine Vertauschung der alten Ideale mit neuen, nicht etwa auf eine Beseitung der "Ideale" überhaupt hinauskommt. Das zu widerlegen hat TÖNNIES leider nicht versucht. Daß viele zu einer naturalistischen Geschichtsauffassung auch in ganz altmodischer Weise aufgrund von Idealen des Kopfes und des Herzens kommen, will ich gewiß nicht bestreiten. Aber das stellt diese Denker nur "menschlich" höher, nicht wissenschaftlich, denn das ist die eine Inkonsequenz und ein Rückfall in "Ideologie".
    4) Vgl. oben
    5) Vgl. über diesen physiologischen Idealismus mein Buch: Der Gegenstand der Erkenntnis, 1892, 4. und 5. Auflage 1921, Seite 63f
    6) Vgl. FRISCHEISEN-KÖHLER, Wissenschaft und Wirklichkeit, Seite 150f


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