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ALOIS RIEHL
Das Grundproblem der Philosophie
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Die kritische Philosophie "In der Natur herrscht überall das Einzelne, Diskrete, Individuelle, das nur im Denken die Form des Allgemeinen, Zusammenhängenden, der Gattung annimmt."

Kräfte sind demnach weder selbst Dinge, noch die erzeugenden Mächte der Dinge, welche vor diesen, unabhängig von ihnen, vorhanden wären, sondern Verhältnisse der Dinge an sich, Verhältnisse, deren Zahl und Form durch die mögliche Verbindung der Dinge bestimmt sind. Da nämlich die Zahl der Wesen weder vermehrt noch vermindert werden kann, so können ihre wirkenden Beziehungen zwar abgeändert oder vertauscht, aber ebenfalls nicht vermehrt oder vermindert werden.

Die Summe aller Kräfteäußerungen ist daher eine konstante endliche Größe, und Bewegungsformen können wohl ineinander übergeführt, aber nicht annulliert werden. Die Bewegung ist gleichsam die Außenseite und Versinnlichung der Kräfte; die Beziehung der realen Elemente zueinander ihre Innenseite und ihr gemeinsames Wesen. Insofern die Bewegung allgemeine Erscheinungsform der Kräfte ist, sind alle Kräfte mechanisch; insofern aber der Ursprung aller Bewegung in der eigenen Tätigkeit oder Erregung der Wesen zu suchen ist, ist keine Kraft bloß mechanisch oder formell.

Davon bildet selbst die Massenbewegung, welche durch äußeren Anstoß hervorgebracht ist, und durch die räumliche Gestalt der Körper wirkt, nur scheinbar ein Ausnahme. Denn der Grund jenes Anstoßes und die Mitteilung der Bewegung durch momentane Erregung eines Schwingungszustandes der Teile des Körpers sind auf innere Vorgänge seiner Atome zurückzuführen.

§ 3. Als kraftassendend ist das Reale Substanz. Die Substantialität ist nicht anderes als Wirksamkeit; und da jedes Wesen als wirkend  Substanz  ist, so folgt aus der Vielheit der Wesen auch die Vielheit von Substanzen.

Oder liegt vielleicht den realen Wesen ein gemeinsames Substrat zugrunde, und sind die Substanzen in der Einheit einer allgemeinen, unendlichen Substanz begriffen? Ist die Materie ein Ding, oder entspricht ihrem Begriffe bloß ein adjektives Verhältnis zwischen den Dingen? Gegeben ist - nicht die Materie, sondern eine unabsehbare Menge von Dingen, verknüpft durch ein vielfach verschlungenes Band des Wirkens und Geschehens. Die Materie selbst wird nirgends wahrgenommen; sie gleicht vielmehr einem dunklen Rest, der sich jeder Beobachtung und Auflösung entzieht, und den Gegenständen der Sinne und den wirklichen Vorgängen ihre Durchsichtigkeit nimmt.

Gewöhnlich wird für  Materie  der Ausdruck  Stoff  substituiert. Der Stoff scheint ein höchst einfacher, über jede Erklärung erhabener Begriff zu sein, dessen Gegenstand vorliegt, und sich stets aufzeigen läßt. Ist er nicht das Handgreifliche, sinnlich Gegenwärtige, das den Raum erfüllt? - das Körperliche, woraus die Dinge bestehen, wovon ihr Wirken ausgeht, und woran ds Geschehen vorgeht? - das Beharrlich im Wechsel, das Identische bei aller Veränderung?

Trotz dieser scheinbaren Evidenz und Klarheit erweist sich der Stoff dennoch als der vergebliche Versuch, die Materie, die nur gedacht werden kann, zu versinnlichen. Überdies ist der Stoff in dialektische Schwierigkeiten mit der Form verwickelt. Als das bloß Passive und Bildsame, wie er gedacht werden soll, kommt er nirgends in der Erfahrung vor, sondern wird als solcher zu ihrer Erklärung bloß angenommen. Von dieser Seite zeigt er sich daher als ein notwendiger Begriff, dessen Gegenstan wir nie finden, den wir aber doch nicht los werden können, weil er als Zusammenfassungsform des Denkens nur in uns ist.

Nicht das sinnlich Wahrgenommene in der Bestimmtheit seiner Form, und der gänzlichen Relativität seiner Beschaffenheit ist der Stoff, sondern das jenem zugrunde Liegende, welches bloß vorausgesetzt, nicht aufgewiesen werden kann. Was ist diese Voraussetzung anderes, als der uns bekannte Begriff  Sein?  Denn soll dieselbe nicht ins Bodenlose sinken, so muß der Stoff in den Begriff  Sein  münden, wodurch er allein einen Inhalt empfängt, aber die Anschaulichkeit verliert, die er anfänglich zu haben schien.

Das Seiende aber muß wohl als solches erkannt, seine Beschaffenheit kann jedoch nicht unmittelbar erkannt werden, da wir bloß die Einwirkungen derselben erfahren. Für uns ist das Seiende wirkend; eben deswegen sind  Kraft  und  Stoff  unzertrennlich, und unser Begriff der Materie, weit entfernt einfach zu sein, besteht in der Verschmelzung der Begriffe  Sein  und  Kraft.  Diese Zusammensetzung ergibt sich aus der Betrachtung der Grundeigenschaften des Materiellen. Als solche gelten dessen Tastbarkeit, Undurchdringlichkeit, Schwere und Raumerfüllung.

Diese Prädikate der materiellen Dinge bezeichnen Tatsachen, deren Bedingungen zu ermitteln sind. Die Tastbarkeit besteht in einer bestimmten Wirkungsart und Beziehung der Dinge auf eine Seite unserer Empfindungsfähigkeit. Dasselbe gilt von der Sichtbarkeit. Da beides erst durch den Empfindungsmechanismus vorstellender Wesen zustande kommt, so darf darin keine allgemeine oder ursprüngliche Eigenschaft der Materie überhaupt gesehen werden.

Die Beziehung materieller Dinge zur Sinnlichkeit ist vielmehr als spezieller Fall ihrer Undurchdringlichkeit zu betrachten. Doch ist auch diese Eigenschaft der Materie nicht in der Form, wie sie der Erfahrung erscheint, einfach und allgemein. Denn fürs erste ist sie nicht mit dem bloßen Sein der Materie schon gegeben, sondern kann nur aus dem Widerstand der materiellen Teile gegeneinander, also aus einer Kräftebeziehung derselben, verstanden werden.

Ferner ist das, was man gewöhnlich unter Undurchdringlichkeit begreift, nicht aller Materie überhaupt, sondern nur gewissen Verbindungsformen materieller Elemente eigen. Es gibt eine Auflösung und Durchdringung des Zusammenhanges materieller Verbindungen, wovon die Chemie zu lehren hat. Wahre Impenetrabilität (Undurchdringlichkeit) kommt nur den einfachen Elementen der Materie zu. Für diese aber bedeutet sie die Unauflöslichkeit ihres Wesens, also ihr Sein, und die Behauptung ihrer Beschaffenheit in der kausalen Beziehung zu anderen Elementen, d.h. ihre Kraft.

So ist die Undurchdringlichkeit der Materie auf Sein und Kraft ihrer Urbestandteile zurückzuführen. Daß die Schwere keine allgemeine Eigenschaft der Materie sein könne, geht daraus hervor, daß sie nur als Zusammenhang und Zusammenwirken der körperlichen Masse besteht. Oder sind die Ätheratome immateriell, weil sie imponderabel (unberechenbar) sind?

Jeder Versuch, die physikalischen Erscheinungen zu erklären, führt notwendig zur Annahme einer diskreten, atomistischen Ordnung der Materie. Die Anwendung der Mathematik auf die Naturwissenschaft beruht ganz auf dieser Hypothese, und rein metaphysische Erwägungen unterstützen sie mit der Voraussetzung der Vielheit realer Wesen. Nur über die Art, wie diese diskreten Existenzen und ihre räumliche Ordnung zu denken seien, sind Naturwissenschaft und Metaphysik noch im Streite.

Da aber das menschliche Denken, gleichviel ob es nach der Beobachtung verfährt, oder von seiner eigenen Gesetzmäßigkeit erfüllt und geleitet wird, in dem einen System des Wissens zusammentreffen muß, so kann jene Verschiedenheit der Auffassung nicht unvereinbar sein. Wird die atomistische Theorie konsequent zu Ende gedacht, so darf sie nicht abbrechen, bevor sie zu einfachen, an sich unkörperlichen und unräumlichen Wesen gelangt.

Nicht den Atomen selbst, sondern einer bestimmten Form ihres Zusammenseins ist die Körperlichkeit eigen. Das Atom hat für sich weder Schwere, noch Gestalt; es nimmt keinen Raum ein, sondern hat erst in Beziehung zu anderen Atomen einen Ort. Die diskrete Anordnung ist ganz allein die Folge der Selbständigkeit und Undurchdringlichkeit der Atome und wird keineswegs durch leere Räume bewirkt. Diese sind bloße Hilfsvorstellungen um die reale Unterscheidung der Atome, d.i. ihr Fürsichsein, anschaulich zu machen, haben aber keine Existenz zwischen denselben.

Das Atom ist kein bloßes, zum Punkte zusammengedrängtes, totes Staubkorn, sondern ein Subjekt der Kraft, ein irgendwie Beschaffenes. Alles Geschehen ist das eigene Wirken oder Mitwirken der Atome; sie sind nicht "starre Würfel", mit denen die Kräfte ihr Spiel treiben. Denn dies würde wieder andere Wesen als Aussender und Träger der Kraft voraussetzen; - und außerdem könnten die Atome als bloße, tote Punkte keinen Ort haben, den sie durch eigene Kraft in der Selbsterhaltung ihres Wesens gegen andere Atome einnehmen.

Die Annahme der Atome ist negativ, insofern sie die "Dinge mit mehreren Merkmalen", wie sie aus der Zusammenfassung durch die Vorstellung hervorgehen, außer derselben verwirft; und positiv, indem sie die Erscheinung in ihre an sich seienden Elemente auflöst. Sie bestimmt diese Elemente als innerlich bildsame, nach außen Kraft sendende Individuen.

Der Zusammenhang oder die Trennung der Atome hängt von der Übereinstimmung oder dem Gegensatz ihres Wesens ab. Da die Atome an sich  unräumlich  sind, so hindert kein Atom das andere an seiner Bewegung, sobald es zu diesem nicht in Gegensatz oder Übereinstimmung steht, oder wenn sein Verhältnis zu ihm durch eine Kraftbeziehung von anderen Atomen her unwirksam ist. - Physikalisch kann der Unterschied der  ponderablen  (wägbaren), von der imponderablen Materie, als Verschiedenheit der Bewegungsrichtung der Atome aufgefaßt, und daraus die Repulsion (Abstoßung) und Attraktion (Anziehung) abgeleitet werden.

Da sich die Atome der einen Richtung zueinander hin bewegen, so gehen sie in Gruppen von mehr oder weniger starrer Masse zusammen. Die Systeme ihrer Kräftebeziehungen sind Körper. Die Ätheratome dagegen sind in der entgegengesetzten Richtung der Bewegung begriffen, und scheinen daher von den Körperatomen abgestoßen zu werden. Aus dem Verhältnis der Kraftsysteme der ersten Art zueinander und ihrem Zusammentreffen mit den Atomsystemen der entgegengesetzten Bewegungsform, geht die  Schwere,  als Zusammenwirken der Körper und ihr Gegenwirken gegen die imponderable Materie hervor.

Das Atom ist der Gegenstan der Begriffe  Sein  und  Kraft,  und daher materiell. Die Materie ist die Zusammenfassung der Atome zur Einheit eines Systems. Demnach ist sie der die Atome verbindende Begriff und zunächst ein bloßer Gedanke. Doch weist schon die Notwendigkeit dieses Begriffs auf einen in der Natur der Dinge liegenden Grund zu seiner Bildung hin. Dieser Grund ist die allgemeine, durchgängige Beziehung der realen Wesen.

Die Materie ist das logische Abbild dieses durchgreifenden realen Zusammenhangs der absoluten Wesen. Weil die Beziehungen derselben  Kräfte  sind, so schließt die Materie in ihren Begriff die Kraft ein, und bedeutet die Allgemeinheit der Kraft. Als Auffassung des objektiven, tatsächlichen Verhältnisses der Wesen darf die Materie nicht zu einer  Sache  gemacht werden; es geht nicht an, sie unter dem Namen  Stoff  zu verdinglichen, und aus ihr das Reale abzuleiten. Es gibt daher keine Materie an sich, sondern nur materielle Dinge und Vorgänge.

Durch diese Erklärung des Begriffes der Materie wird der Unterschied des Physischen und Psychischen, als ursprünglicher, verneint. Denn ist das Körperlich als eine besondere Form des Zusammenhangs der Atome zu denken, so sind die einfachen Urwesen selbst noch nicht in jenem Gegensatze begriffen. Zur Aufhebung dieses Gegensatzes, als eines elementaren, nötigt uns außerdem der Versuch, das wirkliche Geschehen und die Phänomene des Bewußtseins zu erklären.

An den Atomen haftet so wenig der Unterschied des Physischen und Psychischen; daß sie vielmehr ingesamt nach Analogie psychischer Wesen gedacht werden müssen. Nichts Materielles ist daher eigenschaftslos - oder roher Stoff.
LITERATUR - Alois Riehl, Philosophische Studien aus vier Jahrzehnten, Leipzig 1925