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GEORG SIMMEL
Natürlicher Adel
und Gemeinheit des Geldes


Geld - die Abstraktion der Werte
Die Objektivität des Geldes
Geld - der ideale Wertmesser
Geld - das absolute Mittel
Jener äußerste Gegensatz der Vornehmheitskategorie, das Sich-gemein-machen mit Anderen, wird zum typischen Verhältnis der Dinge in der Geldwirtschaft.

Die übliche Aufteilung unserer Normen in logische, ethische und ästhetische ist, auf unser wirkliches Urteilen hin angesehen, ganz unvollständig. Wir schätzen etwa, um ein sehr augenscheinliches Beispiel zu nennen, die scharfe Ausbildung der Individualität, die bloße Tatsache, daß eine Seele eine eigenartige, in sich geschlossene Form und Kraft besitzt; die Unvergleichbarkeit und Unverwechselbarkeit, mit der eine Person gleichsam nur ihre eigene Idee darstellt, empfinden wir als wertvoll, und zwar oft im Gegensatz zu der ethischen und ästhetischen Minderwertigkeit des Inhaltes solcher Erscheinung. Aber nicht um bloße Vervollständigung jenes Systems handelt es sich, sondern darum, daß das systematische Abschließen als solches hier ebenso irrig ist, wie bei den fünf Sinnen oder den zwölf KANTischen Verstandeskategorien.

Die Entwicklung unserer Art bildet fortwährend neue Möglichkeiten, die Welt sinnlich und intellektuell aufzunehmen, und ebenso fortwährend neue Kategorien, sie zu Werten. Und wie wir so stetig neue wirksame Ideale formen, so bringt vertiefteres Bewußtsein immer weitere ans Licht, die bisher schon wirksame, aber unbewußte waren.

Ich glaube nun, daß unter den Wertgefühlen, mit denen wir auf die Erscheinungen reagieren, sich auch eines findet, daß man nur als die Wertung der "Vornehmheit" bezeichnen kann. Diese Kategorie zeigt ihre Selbständigkeit darin, daß sie sich den sonst verschiedenartigsten und verschiedenwertigsten Erscheinungen gegenüber einstellt: Gesinnungen wie Kunstwerke, Abstammung wie literarischen Stil, einen bestimmt ausgebildeten Geschmack ebenso wie die ihm zusagenden Gegenstände, ein Benehmen auf der Höhe gesellschaftlicher Kultur wie ein Tier edler Rasse - alles dies können wir als "vornehm" bezeichnen; und wenn auch gewisse Beziehungen eines Wertes zu denen der Sittlichkeit und der Schönheit stattfinden, so bleibt er doch immer auf sich ruhen, da der gleiche Grad seiner mit den allermannigfaltigsten ethischen und ästhetischen Stufen vereint auftritt.

Der soziale Sinn der Vornehmheit: die exzeptionelle Stellung gegenüber einer Majorität, der Abschluß der Einzelerscheinung in ihrem autonomen Bezirk, der durch das Eindringen irgend eines heterogenen Elements sofort zerstört wäre - gibt offenbar den Typus für alle Anwendungen ihres Begriffes. Eine ganz besondere Art des Unterschiedes zwischen den Wesen bildet den äußeren Träger des Vornehmheitswertes: der Unterschied betont hier einerseits den positiven Ausschluß des Verwechseltwerdens, der Reduktion auf einen gleichen Nenner, des "Sichgemeinmachens"; andererseits darf er doch nicht so hervortreten, um das Vornehme aus einem Sich-selbst-Genügen, seiner Reserve und inneren Geschlossenheit herauszulocken und sein Wesen in eine Relation zu Anderen, und sei es auch nur die Relation des Unterschiedes, zu verlegen.

Der vornehme Mensch ist der ganz Persönliche, der seine Persönlichkeit doch ganz reserviert. Die Vornehmheit repräsentiert eine ganz einzigartige Kombination von Unterschiedsgefühlen, die auf Vergleichung beruhen, und stolzem Ablehnen jeder Vergleichung überhaupt. Als ein völlig erschöpfendes Beispiel erscheint es mir, daß das Haus der Lords nicht nur von jedem seiner Mitglieder als sein einziger Richter anerkannt wird, sondern im Jahre 1330 die Zumutung ausdrücklich ablehnt, über andere Leute als die Peers zu Gericht zu sitzen, - so daß also sogar ein Machtverhältnis zu Personen außerhalb des eigenen Ranges als Degradation erscheint!

Je mehr nun das Geld die Interessen beherrscht und von sich aus Menschen und Dinge in Bewegung setzt, je mehr die letzteren um seinetwillen hergestellt und nur nach ihm geschätzt werden, desto weniger kann der so beschriebene Wert der Vornehmheit seine Verwirklichung an Menschen und Dingen finden. Mannigfache geschichtliche Erscheinungen legen diese negative Verbindung nahe. Die alten Aristokratien Ägyptens und Indiens perhorreszierten (verabscheuten) den Seeverkehr und hielten ihn mit der Reinheit der Kasten für unverträglich. Das Meer ist eine Vermittlung wie das Geld, es ist das ins Geographisch gewandte Tauschmittel, gleichsam in sich völlig farblos und deshalb wie das Geld dem Ineinanderübergehen des Verschiedenartigsten dienstbar.

Seeverkehr und Geldverkehr stehen in enger historischer Verbindung, die Reserve und scharf geformte Abgeschlossenheit der Aristokratie muß von beiden her ein Abschleifen und Nivellieren fürchten. Deshalb war auch dem venetianischen Adel zur guten Zeit der Aristokratie aller eigene Handel untersagt, und erst 1784 wurden die Adligen durch ein Gesetz ermächtigt, unter eigenem Namen Handel zu treiben. Vorher konnten sie dies nur als stille Teilnehmer an den Geschäften der cittadini, also nur wie aus der Ferne und unter einer Maske. In Theben gab es einmal ein Gesetz, daß nur wer zehn Jahre lang allem Marktverkehr ferngeblieben war, zu Ämtern wählbar sein sollte; AUGUSTUS untersagte den Senatoren, sich an Zollpachtungen zu beteiligen und Reederei zu treiben. Wenn RANKE das 14. und 15. deutsche Jahrhundert als die plebejischen unserer Geschichte bezeichnet, so bezieht sich das auf die damals aufkommenden geldwirtschaftlichen Zustände, deren Träger die der bisherigen Aristokratie antagonistischen Städte waren.

Schon zu Beginn der Neuzeit empfand man in England, daß die Reichtumsunterschiede, die in der Stadt galten, durchaus keine so entschieden so abgeschlossene Aristokratie schaffen konnten, wie die auf dem Lande geltenden Standesgrenzen. Der ärmste Lehrling konnte die höchste Zukunft erhoffen, wo diese nur im Geldbesitz lag, während eine völlig unbiegsame Linie die Landaristokratie von dem yeoman (kleiner Grundbesitzer) schied. Die unendliche quantitative Abstufbarkeit des Geldbesitzes läßt die Stufen ineinander übergehen und verwischt die Formbestimmtheit der vornehmen Klassen, die ohne Festigkeit der Grenzen nicht bestehen kann.

Dem Vornehmheitsideal ist wie dem dem ästhetischen, die Gleichgültigkeit gegen das Wieviel eigen. Vor dem abgeschlossenen Insichruhen des Wertes, den es dem an ihm teilhabenden Wesen gewährt, tritt die Quantitätsfrage ganz zurück; die rein qualitative Bedeutung, die jenes Ideal meint, wird dadurch verhältnismäßig wenig gehoben, daß mehr Exemplare auf diese Höhe gelangen. Das Entscheidende ist, daß sie dem Dasein überhaupt gelungen ist, und für sich allein der vollgültige Repräsentant davon zu sein, verleiht dem vornehmen - ob menschlichen, ob nichtmenschlichem - Wesen seine spezifische Natur. In dem Augenblick aber, in dem die Dinge auf ihren Geldwert hin angesehen und gewertet sind, rücken sie aus dem Bereich dieser Kategorie fort, ihre Wertqualität ist in ihrem Wertquantum untergegangen und jenes Sich-selbst-gehören - das geschilderte Doppelverhältnis zu Anderen und zu sich selbst -, das wir von einem gewissen Grade an als Vornehmheit empfinden, hat seine Basis verloren.

Das Wesen der Prostitution, das wir am Gelde erkannten, teilt sich den Gegenständen mit, die nur noch als seine Äquivalente funktionieren, ja, diesen vielleicht in noch fühlbarerem Maße, weil sie mehr zu verlieren haben, als das Geld es von vornherein hat. Jener äußerste Gegensatz der Vornehmheitskategorie, das Sich-gemein-machen mit Anderen, wird zum typischen Verhältnis der Dinge in der Geldwirtschaft, weil sie durch das Geld, wie durch eine Zentralisation, miteinander verbunden sind, alle mit gleicher spezifischer Schwere in dem fortwährend bewegten Geldstrom schwimmen, und so, alle in derselben Ebene liegend, sich nur durch die Größe der Stücke unterscheiden, die sie von dieser decken.

Hier macht sich unvermeidlich die tragische Folge jeder Nivellierung geltend: daß sie das Hohe mehr herunterzieht, als die das Niedrige erhöhen kann. Bei dem Verhältnis von Personen untereinander liegt das auf der Hand. Wo ein seelischer Bezirk, insbesondere intellektueller Art, sich bildet, auf dem eine Mehrzahl von Menschen Verständigung und Gemeinsamkeit findet - da muß derselbe dem Niveau des Tiefstehenden erheblich näher liegen ald dem des Höchststehenden. Denn immer ist es eher möglich, daß dieser herunter-, als daß jener heraufsteige. Der Umkreis von Gedanken, Kenntnissen, Willenskräften, Gefühlsnuancen, den die unvollkommenere Persönlichkeit mitbringt, wird von dem gedeckt, der der vollkommeneren eigen ist, aber nicht umgekehrt; jener also ist beiden gemeinsam, dieser nicht; so daß, gewisse Ausnahmen vorbehalten, der Boden gemeinsamer Interessen und Aktionen von den besseren und den niederen Elementen nur unter Verzicht der ersteren auf ihre individuellen Vorzüge wird innegehalten werden können.

Zu diesem Resultat fürh auch die weitere Tatsache, daß selbst für gleichmäßig hochstehende Persönlichkeiten das Niveau ihrer Gemeinsamkeit nicht so hoch liegen wird, wie das jedes Einzelnen für sich. Denn gerade die höchsten Ausbildungen, die jedem eigen sein mögen, pflegen nach ganz verschiedenen Seiten differenziert zu sein, und sie begegnen sich nur auf jenem tieferen generellen Niveau, über das hinweg die individuellen und gleich bedeutsamen Potenzen oft bis zur Unmöglichkeit jeder Verständigung überhaupt auseinanderführen. Was dem Menschen gemeinsam ist - nach der biologischen Seite hin: die ältesten und deshalb sichersten Vererbungen - ist im allgemeinen das gröbere, undifferenzierte, ungeistige Element ihres Wesens.

Dieses typische Verhältnis, durch das die Lebensinhalte ihre Gemeinsamkeit, ihre Dienste zur Verständigung und Einheitlichkeit, mit ihrer relativen Niedrigkeit bezahlen müssen; durch das der Einzelne, auf dies Gemeinsame sich reduzierend, auf seine individuelle Werthöhe verzichten muß, sei es, weil der andere tiefer steht als er, sei es, weil dieser, obgleich ebenso hoch entwickelt, seine Höhe nach einer anderen Richtung hin hat, - dieses Verhältnis zeigt seine Form an Dingen nicht weniger als an Personen. Nur daß, was in diesem Fall ein Prozeß an Wirklichkeiten ist, in jenem nicht eigentlich an den Dingen selbst, sondern an den Wertvorstellungen von ihnen vorgeht.

Die Tatsache, daß der feinste apparteste Gegenstand ebenso für Geld zu haben ist, wie der banalste und roheste, stiftet eine Beziehung zwischen ihnen, die ihrem qualitativen Inhalt fern liegt und die gelegentlich dem ersteren eine Trivialisierung und eine Abflachung der spezifischen Schätzun eintragen kann, während der zweite überhaupt nichts zu verlieren hat, aber auch nichts gewinnen kann. Daß der eine viel und der andere wenig Geld kostet, kann dies nicht immer ausgleichen, namentlich nicht bei generellen, über die Einzelvergleichung sich erhebende Wertungen, und ebensowenig gelingt dies dem nicht abzuleugnenden psychologischen Vorkommnis, daß gerade an der Gemeinsamkeit des Geldnenners die individuellen Differenzen der Objekte sich um so schärfer abheben.

Die herabstimmende Wirkung des Geldäquivalents tritt unzweideutig hervor, sobald man mit einem schönen und eigenartigen, aber käuflichen Objekt ein an sich ungefähr gleich bedeutsames vergleicht, das aber für Geld nicht zu haben ist; dieses hat von vornherein für unser Gefühl eine Reserve, ein Auf-sich-ruhen, ein Recht, nur an dem sachlichen Ideal seiner selbst gemessen zu werden, kurz: eine Vornehmheit, die dem anderen versagt bleibt. Der Zug in seinem Bilde, daß es für Geld zu haben ist, ist auch für das Beste und Erlesenste ein locus minoris resistentiae, an dem es sich der Zudringlichkeit des untergeordneten, das gleichsam eine Berührung mit ihm sucht, nicht erwehren kann. Denn sosehr das Geld, weil es für sich nichts ist, durch diese Möglichkeit ein ungeheures Wertplus gewinnt, so erleiden umgekehrt unter sich gleichwertige, aber verschiedenartige Objekte durch ihre - wenn auch mittelbare oder ideelle - Austauschbarkeit eine Herabsetzung der Bedeutung ihrer Individualität. Immerhin ist das auch das tiefer gelegene Motiv, aus dem wir gewisse Dinge, etwas verächtlich, als "gangbare Münze" charakterisiseren: Redensarten, Modi des Benehmens, musikalische Phrasen usw.

Hierbei erscheint nun nicht die Gangbarkeit allein als der Vergleichungspunkt, der die Münze, das gangbarste Objekt überhaupt, als seinen Ausdruck herzuruft. Manchmal mindestens kommt noch das Austauschmoment hinzu. Es nimmt gewissermaßen jeder an und gibt es wieder aus, ohne ein individuelles Interesse am Inhalt - wie beim Gelde. Auch hat es jeder in der Tasche, in Vorrat, es bedarf keiner Umformung, um in jeder Situation seinen Dienst zu tun. Indem es, gegeben oder empfangen, zu dem Einzelnen in Beziehung tritt, erhält es doch keine individuelle Färbung oder Hinzufügung, es geht nicht, wie andere Inhalte des Redens oder Tuns, in den Stil der Persönlichkeit ein, sondern geht unalteriert durch diese hindurch, wie Geld durch ein Portemonnaie. Die Nivellierung erscheint als Ursache wie als Wirkung der Austauschbarkeit der Dinge - wie gewisse Worte ohne weiteres ausgetauscht werden können, weil sie trivial sind, und trivial werden, weil man sie ohne weiteres auszutauschen pflegt. Die Lieblosigkeit und Frivolität, durch die sie trivial sind, und trivial werden, weil man sie ohne weiteres auszutauschen pflegt. Die Lieblosigkeit und Frivolität, durch die sich die Behandlung der Gegenstände in der Gegenwart so sehr von früheren Zeiten unterscheidet, geht sicher zum Teil auf die gegenseitige Entindividualisierung und Ablachung, auf Grund des gemeinsamen Wertniveaus, zurück.

Die im Gelde ausgedrückte Tauschbarkeit aber muß unvermeidlich eine Rückwirkung auf die Beschaffenheit der Waren selbst haben, bzw. mit ihr in Wechselwirkung stehen. Die Herabsetzung des Interesses für die Individualität der Waren führt zu einer Herabsetzung dieser Individualität selbst. Wenn die beiden Seiten der Ware als solcher ihre Qualität und ihr Preis sind, so scheint es allerdings logisch unmöglich, daß das Interesse nur an einer dieser Seiten hafte: denn die Billigkeit ist ein leeres Wort, wenn sie nicht Niedrigkeit des Preises für eine relativ hohe Qualität bedeutet, und die Höhe der Qualität ist ein ökonomischer Reiz nur dann, wenn ihr ein irgend angemessener Preis entspricht. Dennoch ist jenes begrifflich Unmögliche psychologisch wirklich und wirksam; das Interesse für die eine Seite kann so steigen, daß das logisch erforderte Gegenstück derselben ganz herabsinkt.

Der Typus für einen dieser Fälle ist der "Fünfzig-Pfennig-Bazar". In ihm hat das Wertungsprinzip der modernen Geldwirtschaft seinen restlosen Ausdruck gefunden. Als das Zentrum des Interesses ist jetzt nicht mehr die Ware, sondern ihr Preis konstituiert - ein Prinzip, das früheren Zeiten nicht nur schamlos erschienen, sondern innerlich ganz unmöglich gewesen wäre. Es ist mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, daß die mittelalterlich Stadt trotz aller Fortschritte, die sie verkörperte, doch noch der ausgedehnten Kapitalwirtschaft ermangelte, und daß dies der Grund gewesen sei, das Ideal der Wirtschaft nicht sowohl in der Ausdehnung (die nur durch Billigkeit möglich ist), als vielmehr in der Güte des Gebotenen zu suchen. Daher die großen Leistungen des Kunstgewerbes, die rigoroes Überwachung der Produktion, die strenge Lebensmittelpolizei usw. Das eben ist der eine äußerste Pol der Reihe, deren anderen das Schlagwort: "billig und schlecht" bezeichnet - eine Synthese, die nur dadurch möglich ist, daß das Bewußtsein durch die Billigkeit hypnotisiert ist und außer ihr überhaupt nichts wahrnimmt. Das Nivellement der Objekte auf die Ebene des Geldes setzt zuerst das subjektive Interesse an ihrer eigenartigen Höhe und Beschaffenheit herab und, als weitere Folge, diese letztere selbst; die Produktion der billigen Schundware ist gleichsam die Rache der Objekte dafür, daß sie sich durch ein bloßes indifferentes Mittel aus dem Brennpunkte des Interesses mußten verdrängen lassen.

Durch alles dies ist wohl hinreichend deutlich geworden, in wie radikalem Gegensatz das Geldwesen und seine Folgen zu den vorher skizzierten Vornehmheitswerten stehen. Das Geldwesen zerstört am gründlichsten jenes Aufsichhalten, das die vornehme Persönlichkeit charakterisiert und das von gewissen Objekten und ihrem Gewertetwerden aufgenommen wird; es drängt den Dingen einen außer ihrer selbst liegenden Maßstab auf, wie gerade die Vornehmheit ihn ablehnt; indem es die Dinge in eine Reihe, in der bloß Quantitätsunterschiede gelten, einstellt, raubt es ihnen einerseits die absolute Differenz und Distanz des einen vom andern, andrerseits das Recht, jedes Verhältnis überhaupt, jede Qualifikation durch die wei auch ausfallende Vergleichung mit anderen abzulehnen - also die beiden Bestimmungen, deren Vereinigung das eigentümliche Ideal der Vornehmheit schafft.

Die Steigerung personaler Werte, die dieses Ideal bezeichnet, erscheint also selbst in seiner Projizierung in Dinge so weit aufgehoben, wie die Wirksamkeit des Geldes reicht, das die Dinge in jedem Sinne des Wortes "gemein" macht und sie damit schon dem Sprachgebrauch nach in den absoluten Gegensatz zum Vornehmen stellt. Gegen diesen Begriff gehalten tritt nun erst an der ganzen Breite käuflicher Lebensinhalte die Wirkung des Geldes hervor, die die Prostitution, die Geldheirat und die Bestechung in personal zugespitzter Form gezeigt haben.
LITERATUR - Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt/Main 1989