p-4 von Malottkivon HelmholtzApperzeptionJ. Orth    
 
GOSWIN KARL UPHUES
Wahrnehmung und Empfindung
[3/3]

"Der Maler faßt die Farben auf, ohne an die betreffenden Farbstoffe zu denken, der Musiker die Töne, ohne sie auf Instrumente zu beziehen und in ähnlicher Weise kommen uns auch vereinzelt Geschmacks- und Geruchseindrücke, für sich genommen zu Bewußtsein. Wir bezeichnen diese Auffassung der sinnlichen Qualitäten als äußere Wahrnehmung."

K R I T I S C H E R   T E I L

Zweites Kapitel
Die Empfindung soll im Akt der Wahrnehmung
gar keine Rolle spielen.

THOMAS REID und KARL GÖRING

THOMAS REID, der Begründer der schottischen Schule, hält dafür, daß die Empfindung als Bestandteil des Wahrnehmungsaktes nicht betrachtet werden könne, sie gilt ihm als Bedingung der Wahrnehmungstätigkeit. Dafür sprechen folgende Stellen seines älteren Werkes "Inquiry into the human mind."
    "Unsere Wahrnehmungsfähigkeit schlummert, bis sie durch eine bestimmte korrespondierende Empfindung angeregt wird." (1)

    "Eine dritte Klasse von natürlichen Zeichen umfaßt, obwohl wir noch nie zuvor irgendeine Ahnung oder Vorstellung von den Dingen, die sie bedeuten, hatten, legt nahe und beschwört durch eine Art Magie herauf, wie es war und sofort ist uns ein Konzept und ein Glaube daran gegeben." (2)
Hier wird die Empfindung scharf von der Wahrnehmung unterschieden: während die Wahrnehmungsfähigkeit noch im Schlaf liegt, ist die Empfindung bereits vorhanden, ihre Aufgabe ist die Wahrnehmungsfähigkeit anzuregen und zu wecken. Einen Begriff und eine Überzeugung erhalten wir von den Dingen nur mittels der Wahrnehmung; die Empfindung als natürliches Zeichen kann darum beides auch nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar erzeugen, indem sie die Wahrnehmung herbeiführt und gewissermaßen erzwingt. Das ist es, was REID in der zweiten Stelle sagen will. Nach der ersten Stelle gibt es für jede Wahrnehmung eine entsprechende Empfindung, durch die sie veranlaßt wird - insofern sind die Empfindungen natürliche Zeichen der Wahrnehmungsobjekte.

Weiter setzt REID dann wiederholt und nachdrücklich auseinander, daß die Empfindungen mit den Wahrnehmungsobjekten, trotzdem sie natürliche Zeichen derselben sind, dennoch gar keine Ähnlichkeit haben. Die Empfindungen werden also nicht bloß von den Wahrnehmungsakten, sondern auch von Wahrnehmungsobjekten unterschieden.
    "Härte, Weichheit, Gestalt und Bewegung, werden durch die entsprechenden Tastempfindungen dem Bewußtsein als äußerliche Qualitäten präsentiert: Konzeption und Glaube daran sind durch dieses ursprüngliche Prinzip der menschlichen Natur immer mit den entsprechenden Empfindungen verbunden. Die Empfindungen selbst haben in keiner Sprache einen Namen und nicht nur von den Normalbürgern, sondern auch von den Philosophen, wenn sie irgend Notiz von ihnen nahmen, wurden sie mit den sinnlichen Qualitäten identifiziert." (3)

    "Der Begriff der Härte eines Körpers, sowie der Glaube daran, werden auf ähnliche Weise gewonnen (das Bewußtsein schlägt sozusagen dem Ich etwas vor); sind durch dieses ursprüngliche Prinzip unserer Natur an diese Empfindung gebunden, die wir haben, wenn wir einen harten Körper spüren. Und so vermittelt uns die Empfindung natürlich und zwangsläufig den Begriff und die Überzeugung von Härte, welche von den meisten Forschern mit den Prinzipien der menschlichen Natur verwechselt werden, obwohl sie bei genauem Nachdenken nicht nur als verschiedene Dinge erscheinen, sondern so unterschiedlich sind, wie ein Schmerz und die Spitze eines Schwertes." (4)
Der Schluß der letzten Stelle spricht es ganz ausdrücklich aus: die Empfindungen sind den sinnlichen Qualitäten (was von der Härte gilt, muß auch von den übrigen gelten) so ungleich, wie "der Schmerz der Spitze des Schwertes". Aber daß REID Empfindungen und sinnliche Qualitäten oder Wahrnehmungsobjekte für ganz verschiedene Dinge hält, folgt auch schon daraus, daß er in beiden Stellen Philosophen und Nichtphilosophen einen Vorwurf daraus macht, daß sie beides miteinander vermengt haben, daß er ferner behauptet, für die den sinnlichen Qualitäten entsprechenden Empfindungen gebe es keine Namen in der Sprache, was offenbar von den sinnlichen Qualitäten nicht gilt.

Es zeigt sich, nach REID sind die Empfindungen sowohl von den Wahrnehmungsakten wie auch von den Wahrnehmungsobjekten (den sinnlichen Qualitäten) durchaus verschieden. Daraus folgt aber, daß sie nach ihm nicht als Bestandteile der Wahrnehmungen betrachtet werden können oder daß sie in den Wahrnehmungen selbst keine Rolle spielen.

Ein merkwürdiges Mißverständnis der Ansicht REIDs läßt sich der Herausgeber seiner Werke, WILLIAM HAMILTON, zuschulden kommen. Er meint, die sogenannten sekundären Qualitäten seien nach REID identisch mit den Empfindungen und als solche natürliche Zeichen der primären Qualitäten.
    "Die primären Qualitäten der materiellen Existenz, Ausdehnung, Gestalt, etc. werden uns durch die sekundären nahegelegt, die, wenn nicht hinreichende Ursachen unserer Vorstellungen, Zeichen sind, anläßlich derer wir die primären begreifen können." (5)
Aber es heißt in der ersten von uns zitierten Stelle ganz allgemein, daß  gewisse korrespondierende Empfindungen  die Wahrnehmungsfähigkeit aus dem Schlummer wecken und zur Tätigkeit anregen müßten. Wäre HAMILTONs Ansicht richtig, so müßte die Wahrnehmung der sekundären Qualitäten doch wohl eben in der Empfindung derselben bestehen. Allerdings ist in der dritten und vierten der von uns zitierten Stellen nur von den primären Qualitäten (Ausdehnng, Gestalt, Härte) die Rede; aber wenn es in der dritten Stelle heißt: "ihre Empfindungen haben in keiner Sprache einen Namen", so versteht es sich doch von selbst, daß unter diesen Empfindungen nicht die sekundären Qualitäten verstanden werden können. HAMILTON scheint zu seiner irrtümlichen Auffassung durch die Darstellung, welche REID seiner Ansicht in seinem jüngeren Werk "Essays on intellectual powers" gibt, verführt worden zu sein. Hier hebt nämlich REID ganz besonders nachdrücklich hervor, daß die primären Qualitäten von den entsprechenden Empfindungen ganz und gar verschieden sind.
    "Die primären Qualitäten sind weder Empfindungen noch Ähnlichkeiten davon. Das ist für mich selbstverständlich. Ich habe eine klare und bestimmte Vorstellung von der Empfindung. Ich kann die eine mit der anderen vergleichen und während ich das tue, bin ich nicht in der Lage, ähnliche Eigenschaften zu erkennen." (6)

    "Indem wir eine klare und bestimmte Vorstellung der primären Qualitäten haben, besteht, während wir an dieselben denken, kein Interesse daran, uns die jeweiligen Empfindungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Wenn eine primäre Qualität registriert wird, führt die Empfindung unsere Gedanken unmittelbar zu der Qualität, die dadurch gekennzeichnet ist und ist selbst vergessen. Wir haben keine Veranlassung, nachträglich, d. h. wenn die Empfindung ihre Dienste getan hat und die Wahrnehmung erfolgt ist, über sie zu reflektieren. Deshalb sind wir so unbekannt mit ihr, als wenn wir sie nie gefühlt hätten. Das ist so bei allen primären Qualitäten, die nicht so schmerzhaft oder lustvoll sind, daß sie unsere Aufmerksamkeit erregen." (7)
In diesen Stellen ist freilich bloß von den primären Qualitäten die Rede, aber in beiden Stellen wird vorausgesetzt, daß ihnen je besondere Empfindungen entsprechen, die mit ihnen verglichen werden können oder den Gedanken an sie wecken; in der zweiten Stelle wird außerdem behauptet, wir seien mit den Empfindungen, die den primären Qualitäten entsprechen, so wenig bekannt, als ob sie niemals existiert hätten, was offenbar nicht gesagt werden könnte, wenn diese Empfindungen ein und dasselbe wären mit den sekundären Qualitäten.

Unter primären Qualitäten versteht REID nach einer Stelle des älteren Werkes (8): Ausdehnung, Gestalt, Bewegung, Härte, Weichheit, Rauheit und Glätte; nach einer Stelle des jüngeren Werkes (9): Ausdehnung, Teilbarkeit, Gestalt, Bewegung, Dichte, Härte, Weichheit, Flüssigkeit. Die Temperatureindrücke und die Farben gehören bei ihm wie bei LOCKE zu den sekundären Qualitäten. Von den Temperatureindrücken und Farben sagt REID ausdrücklich, daß ihnen ebenso besondere, von ihnen verschiedene Empfindungen entsprechen, wie den primären Qualitäten.
    "Ich berühre den Tisch sanft mit meiner Hand und fühle ihn glatt, hart und kalt. Das sind die Qualitäten des Tisches, die sich aus der Berührung ergeben. Registriert werden sie aber durch Empfindungen, die sie anzeigen. Einer solchen Empfindung, die nicht schmerzhaft ist, schenke ich gewöhnlich keine Aufmerksamkeit. Sie führt meine Gedanken unverzüglich zum bezeichneten Ding und ist selbst vergessen, so als wäre überhaupt nichts gewesen. Wenn ich aber den Vorgang wiederhole und meine Aufmerksamkeit darauf richte und einen Gedanken aus dem bezeichneten Ding abstrahiere, ist es für mich nur eine Empfindung, die keine Ähnlichkeit mit der Härte, der Glätte oder der Kälte des Tisches hat, die ich von demselben aussage." (10)

    "Beim Betrachten eines farbigen Körpers ist die Empfindung gleichgültig und fordert keine Aufmerksamkeit. Die Qualität des Körpers, die wir seine Farbe nennen, ist das einzige Objekt der Aufmerksamkeit und deshalb sprechen wir von ihr, als würde sie wahrgenommen und nicht gefühlt."

    "Es gibt einige Empfindungen, die obgleich sie sehr oft gefühlt werden, nämlich vor jeder Wahrnehmung, doch niemals beachtet oder zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht werden. Wir haben keine Vorstellung von ihnen und deshalb auch keinen Namen in der Sprache dafür, womit sich ihre Existenz setzen ließe. Solche Empfindungen sind die für Farbe und alle anderen primären Qualitäten und deshalb heißt es von diesen Qualitäten, daß sie wahrgenommen, aber nicht gefühlt werden. (11)
Man sieht, REID stellt Temperatur- und Farbeneindrücke auf eine Stufe mit den primären Qualitäten, ihnen sollen Empfindungen in derselben Weise entsprechen, wie den primären Qualitäten. Nehmen wir den drittletzten und letzten Satz der zuletzt angeführten Stelle, so scheinen unter "einige Empfindungen" und "solche Empfindungen" alle Empfindungen verstanden werden zu müssen, denen Qualitäten, die auf die Dinge übertragen werden, entsprechen, mögen diese nun zu den primären oder sekundären Qualitäten gerechnet werden. Es sind die vielfach sogenannten Außenempfindungen im Gegensatz zu den Innenempfindungen.

Von diesem Empfindungen nun behauptet REID in der letzten Stelle, daß sie  gefühlt  werden, während die ihnen entsprechenden sinnlichen Qualitäten wahrgenommen werden. (Auch in der drittletzten Stelle wird das Wort  fühlen  von den  Empfindungen  gebraucht: "als wären sie niemals gefühlt worden;" in der vorletzten Stelle hingegen wird es identisch mit  wahrnehmen  gebraucht. "Ich fühle die Glätte." In der vorletzten und drittletzten Stelle wird dann von diesen Empfindungen ferner behauptet, daß sie während der Wahrnehmung nicht gefühlt werden, außer wenn sie besonders angenehm oder unangenehm sind, d. h. also wenn sich mit ihnen Gefühle der Lust oder Unlust verbinden. "Die Empfindung ist während der Wahrnehmung vergessen, als ob wir sie niemals gefühlt hätten oder als ob sie niemals gewesen wäre." Sie geht also nach REID der Wahrnehmung voran und wird vor der Wahrnehmung gefühlt; vor der Wahrnehmung sicher auch dann, wenn sie indifferent ist oder gar keinen Gefühlscharakter hat. Denn nur so kann sie ja das Zeichen von Qualitäten und Dingen bilden und unser Denken "unmittelbar zu den durch sie bezeichneten Qualitäten und Dingen hinleiten". Wir haben einen Begriff von den Empfindungen im allgemeinen (vergleiche die viertletzte Stelle). Die vorletzte Stelle beschreibt uns, wie wir diesen Begriff gewinnen: durch öftere Wiederholung der Wahrnehmung und Wegwendung unserer Gedanken von dem durch die Empfindung bezeichneten Ding; wir finden dann, daß die Empfindung gar keine Ähnlichkeit mit dem bezeichneten Ding, der entsprechenden sinnlichen Qualität, hat.

Natürlich ist dieser Prozeß ein künstlicher, wir haben "keine Veranlassung, nachträglich, d. h. wenn die Empfindung ihre Dienste getan hat und die Wahrnehmung erfolgt ist, über sie zu reflektieren. Deshalb sind wir so unbekannt mit ihr, als wenn wir sie nie gefühlt hätten" (vergleiche die drittletzte Stelle). "Die obgleich sie sehr oft gefühlt werden, nämlich vor jeder Wahrnehmung, doch niemals beachtet oder zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht werden" (vergleiche die letzte Stelle). Daraus erklärt sich dann auch, worauf REID früher schon hinwies, daß Philosophen und Nichtphilosophen diese Empfindungen "entweder vollständig übersahen oder, wenn sie irgend Notiz von ihnen nahmen, sie mit den sinnlichen Qualitäten identifizierten." (Vergleich die dritte und vierte der zitierten Stellen.)

REID scheint nach der dritten und letzten der zitierten Stellen hierin den Grund dafür zu sehen, daß die den sinnlichen Qualitäten entsprechenden Empfindungen keine besonderen Namen in der Sprache haben, daß wir von ihnen keine besonderen Namen in der Sprache haben, daß wir von ihnen keine besonderen Begriffe bilden. Wenn er am Schluß der letzten Stelle von Empfindungen  der  Farbe und  der  primären Qualitäten redet, so hat das nach dem ganzen Zusammenhang nicht die Bedeutung, daß die Farben und die primären Qualitäten empfunden oder gefühlt werden - sie sollen ja eben wahrgenommen und nicht gefühlt werden - es ist das vielmehr nur ein anderer Ausdruck dafür, daß den Farben und primären Qualitäten je besondere Empfindungen entsprechen. Sicherlich sind die Empfindungen nach REID keine Erkenntnisphänomene, in denen bestimmte Inhalte, nämlich die sinnlichen Qualitäten, aufgefaßt werden. Sie sind nach REID aber auch nicht bloße Gefühle; wird ja doch in den drei letzten der zitierten Stellen ausdrücklich von Empfindungen geredet, die weder angenehm noch unangenehm, sondern gleichgültig sind und darum unsere Aufmerksamkeit nicht in Anspruch nehmen.

Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß sich uns die Empfindungen uns als Beziehungen (des Bewußtseins) auf einen Inhalt oder ein Objekt, als Auffassungen dieses Inhalts oder Objekts darstellen. Auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß eben die sinnlichen Qualitäten die Inhalte oder Objekte der Empfindung bilden. Wo immer wir eine Empfindung haben, empfinden wir ein etwas und dieses etwas ist eine sinnliche Qualität: Wärme, Farben, Töne, Geschmäcke usw. So lehrt die Selbstbeobachtung. Hiernach ist es nun vollständig erklärlich, warum wir nur  einen  Namen für alle Empfindungen haben, nur einen Begriff von der Empfindung überhaupt bilden. Die Empfindungen sind eben nur durch ihren Inhalt oder ihr Objekt verschieden und dieser Inhalt oder dieses Objekt sind die sinnlichen Qualitäten. Sie sind Erkenntnisphänomene, das Wort Erkennen im weitesten Sinne genommen. Das hat REID völlig verkannt. Er gibt den Empfindungen einen eigentümlichen Inhalt, vermöge dessen er sie mit den sinnlichen Qualitäten vergleicht. Vermöge dieses Inhalts sind ihm die Empfindungen nun "natürliche Zeichen" der sinnlichen Qualitäten und "bestimmte korrespondierende Zeichen" jeder einzelnen sinnlichen Qualität. Unter dieser Voraussetzung ist es freilich verwunderlich, daß nicht jede einzelne Empfindung ihren besonderen Namen und Begriff hat, wie das doch mit den entsprechenden sinnlichen Qualitäten der Fall ist. Aber die Voraussetzung ist nach dem Zeugnis der Selbstbeobachtung falsch; die Empfindungen haben keinen anderen Inhalt als eben die sinnlichen Qualitäten, sie bestehen in der Auffassung dieser sinnlichen Qualitäten und deshalb genügt für sie  ein  Name und  ein  Begriff.

In dieser Hinsicht weicht REID zu seinem Nachteil von der gewöhnlichen Auffassung ab. Nach dieser nämlich bilden die sinnlichen Qualitäten allerdings den Inhalt der Empfindungen; und dagegen wird man mit Grund nichts einwenden können. Aber in anderer Hinsicht ist doch REID gegenüber der gewöhnlichen Auffassung im Recht. Nach der letzteren nämlich sollen die Empfindungen mit den sinnlichen Qualitäten ein und dasselbe sein, von ihnen nicht unterschieden werden können: die Töne, die Farben sind nicht eigentlich Inhalte oder Objekte der Empfindungen, sondern selbst Empfindungen. Im Gegensatz hierzu macht REID nachdrücklich darauf aufmerksam, daß zwischen den Empfindungen und den sinnlichen Qualitäten gar keine Ähnlichkeiten zu entdecken sind. Es versteht sich von selbst, daß die Auffassungstätigkeit der sinnlichen Qualitäten mit den sinnlichen Qualitäten keine Ähnlichkeit hat und es ist keineswegs übertrieben, wenn REID behauptet, die Ähnlichkeit zwischen beiden sei nicht größer, als die zwischen einem Schmerzgefühl und der Spitze eines Schwertes.

Aber es frägt sich eben, ob wir unter den Empfindungen eine Auffassungstätigkeit zu verstehen haben; diejenigen, welche der gewöhnlichen Meinung folgen, werden das leugnen. Sie stimmen mit uns darin überein, daß sich die Empfindungen auf die sinnlichen Qualitäten als ihren Inhalt beziehen; nur über die Art dieser Beziehung und das Verhältnis des Inhalts zu den Empfindungen sind sie anderer Ansicht als wir. In der Tat gibt es verschiedene Arten der Beziehung des Bewußtseins auf die sinnlichen Qualitäten. Wir fassen die sinnlichen Qualitäten als Eigenschaften der Dinge auf und insofern nehmen sie an der Selbständigkeit und dem Fürsichsein der Dinge, denen sie angehören, teil. Wenn wir auf uns achtgeben, finden wir, daß uns auf diesem Weg bald diese, bald jene Qualitäten: Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke usw. - aber alle, die wir kennen, wiederholt teils getrennt voneinander, teils miteinander verbunden, einige häufiger, andere weniger häufig - zu Bewußtsein kommen, d. h. also bewußt werden, während sie uns, wie wir uns gar wohl erinnern, unmittelbar vorher nicht bewußt waren. Man darf sagen, daß diese Vorgänge zu den allergewöhnlichsten unseres Bewußtseins gehören, die wir jeden Augenblick zum Gegenstand unserer Beobachtung zu machen vermögen.

Wie uns die sinnlichen Qualitäten zuerst ursprünglich bewußt werden, darüber belehrt uns allerdings keine Erinnerung. Aber daß wir sie ursprünglich nicht als Eigenschaften von Dingen auffassen, geht schon daraus hervor, daß wir die Dinge aus ihnen zusammensetzen. Ursprünglich, so dürfen wir schließen, werden wir also die einzelnen sinnlichen Qualitäten in ähnlicher Weise aufgefaßt haben, wie wir jetzt Gruppen derselben, die sogenannten Dinge, auffassen. Eine derartige Auffassung einzelner sinnlicher Qualitäten kommt ja ausnahmsweise auch in unserem entwickelten Seelenleben noch vor. So faßt der Maler die Farben auf, ohne an die betreffenden Farbstoffe zu denken, der Musiker die Töne, ohne sie auf Instrumente zu beziehen und in ähnlicher Weise kommen uns auch vereinzelt Geschmacks- und Geruchseindrücke, für sich genommen zu Bewußtsein. Wir bezeichnen diese Auffassung der sinnlichen Qualitäten als äußere Wahrnehmung.

Das Zu-Bewußtsein-Kommen wird man als ein Auffassen bezeichnen dürfen, insofern durch dasselbe ein Wissen irgendwelcher Art (kein namentliches und kein begriffliches) erzeugt wird. Durch diese Auffassung gewinnen wir zuerst ein Bewußtsein von den sinnlichen Qualitäten. Aber dieses Bewußtsein ist ein Erzeugnis dieser Auffassung, keineswegs ihr Gegenstand. Wir lernen das Bewußtsein erst in einem auf die äußere Wahrnehmung gerichteten Erkenntnisakt kennen, nicht in der äußeren Wahrnehmung selbst. Die äußere Wahrnehmung beschäftigt sich nur mit den sinnlichen Qualitäten, nicht mit dem Bewußtsein von ihnen. Es ist einer der gewöhnlichsten Fehler der Selbstbeobachtung, daß dasjenige, was nur Ergebnis eines auf einen Vorgang des Innenlebens gerichteten Erkennens sein kann, in diesen Vorgang selbst hineingetragen und als Bestandteil desselben angesehen wird. Dieser Fehler wird auch hinsichtlich der äußeren Wahrnehmung nicht selten begangen. Man glaubt, daß in der äußeren Wahrnehmung die sinnlichen Qualitäten als bewußt oder als Inhalte des Bewußtseins aufgefaßt werden, während diese Auffassung doch erst möglich ist, wenn die sinnlichen Qualitäten bewußt oder Inhalte des Bewußtseins geworden sind. Letzteres geschieht durch die äußere Wahrnehmung und erst nachdem es geschehen ist, also nach und im Anschluß an die äußere Wahrnehmung können die sinnlichen Qualitäten als bewußt oder als Inhalte des Bewußtseins aufgefaßt werden. In dieser Auffassung haben wir also eine zweite Art der Auffassung der sinnlichen Qualitäten neben und nach der äußeren Wahrnehmung. Wir bezeichnen sie als Empfindung.

Bei der Empfindung handelt es sich ebenso, wie bei der äußeren Wahrnehmung, um die sinnlichen Qualitäten. Den eigentlichen Gegenstand der Empfindung bilden darum auch die sinnlichen Qualitäten, nicht das Bewußtsein von ihnen, wie es durch die äußere Wahrnehmung gewonnen wird. Sowenig der Vorgang der äußeren Wahrnehmung als Gegenstand der Empfindung betrachtet werden kann, ebensowenig kann das Erzeugnis dieses Vorgangs, das Bewußtsein von den sinnlichen Qualitäten, als solcher gelten. Freilich sind nun die sinnlichen Qualitäten nicht in der Weise, wie sie in der äußeren Wahrnehmung auftreten, Gegenstand der Empfindung, sondern nur so, wie sie aus derselben hervorgehen; nicht ferner als bewußtwerdende, nicht als bewußtgewordene, sondern als bewußtseiende. Wären die sinnlichen Qualitäten als bewußtwerdende Gegenstand der Empfindung, so müßte sich diese, wie es scheint, auf den Vorgang der äußeren Wahrnehmung beziehen; wären sie als bewußtgewordene Gegenstand der Empfindung, so müßte diese ein Erinnerungsakt sein, während sie doch offenbar ein Wahrnehmungsakt und zwar ein Akt der inneren Wahrnehmung ist. Ob die äußere Wahrnehmung als Vorgang unseres Innern und ihr Erzeugnis, das Bewußtsein von den sinnlichen Qualitäten, - ebenso wie die sinnlichen Qualitäten als bewußtseiende, - Gegenstand einer inneren Wahrnehmung sind, das ist eine andere Frage, die wir hier nicht zu erörtern haben. (Es ist wohl kaum nötig zu bemerken, daß "bewußt" und "bewußtseiend" nur in einem passiven Sinn gemeint ist.) Die Auffassung der sinnlichen Qualitäten als bewußtseiende ist natürlich ein und dasselbe mit der Auffassung derselben als Inhalte des Bewußtseins. Es versteht sich aber wohl von selbst, daß "Inhalte des Bewußtseins" etwas anderes besagt als das "Bewußtsein um Inhalte", sicherlich dann, wenn von den sinnlichen Qualitäten die Rede ist, die im Bewußtsein nicht aufgehen, sondern ihm selbständige gegenüberstehen, wie wir sehen werden.

Es bedarf noch einer weiteren Bestimmung, um den Vorgang der Empfindung von allen ähnlichen Vorgängen abzugrenzen. Durch das Bewußtsein, welches wir in der äußeren Wahrnehmung von den sinnlichen Qualitäten gewinnen, entsteht in uns ein Wissen von denselben oder dieses Bewußtsein kann als ein Wissen betrachtet werden; aber dieses Wissen, welches sich so mit der äußeren Wahrnehmung verbindet, ist von verschiedener Art. SPENCER macht darauf aufmerksam, "daß wir sagen, es habe einer irgendein gewöhnliches Ding nicht wahrgenommen, wenn er nicht sagen kann, was es war, nachdem dasselbe doch vor seine Augen gebracht worden ist." (12) Nach SPENCER gehört also die Benennung und Klassifikation, das sogenannte namentliche und begriffliche Wissen, zur äußeren Wahrnehmung. Es ist aber leicht einzusehen, daß die Benennung und Klassifikation schon ein Wissen um einen Sinneneindruck voraussetzen, aufgrund dessen wir dem Eindruck einen bestimmten Namen geben oder ihn zu einer bestimmten Klasse rechnen. Dieses Wissen ist also weder ein namentliches noch ein begriffliches Wissen. Nur dieses Wissen spielt in der Empfindungstätigkeit selbst eine Rolle. Allerdings ist mit jeder Empfindung eines Sinneseindrucks in unserem entwickelten Bewußtsein ein Benennen und Klassifizieren des Sinneseindrucks verbunden, aber wir verstehen nicht dieses Benennen und Klassifizieren unter Empfindung, sondern die Auffassung des Sinneseindrucks als bewußt im Sinne eines weder namentlichen noch begrifflichen Wissens.

Haben wir die bezüglich der sinnlichen Qualitäten stattfindenden Vorgänge, die Empfindung und Wahrnehmung, richtig beschrieben, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Empfindung nicht minder als die Wahrnehmung etwas von den sinnlichen Qualitäten selbst, ihren Inhalten und Objekten durchaus Verschiedenes bedeuten. Von der Wahrnehmung wird das, soviel ich sehe, auch allgemein anerkannt, außer insofern die Wahrnehmung mit der Empfindung identifiziert wird. Wahrnehmung und Empfindung werden freilich, außer von REID, nur noch von KARL GÖRING ausdrücklich und streng auseinandergehalten und unterschieden. Von der Empfindung hingegen wird fast allgemein angenommen - nur BRENTANO und REID machen eine Ausnahme - daß sie ein und dasselbe sei mit den sinnlichen Qualitäten: die sinnliche Qualität soll nicht Objekt einer Auffassung sein, die wir Empfindung nennen, sondern sie soll die Empfindung selbst sein.

Damit ist gesagt, daß die sinnlichen Qualitäten uns  als bewußt  gegeben sind; und weiterhin, daß diese als bewußt gegebenen sinnlichen Qualitäten d. h. die Empfindungen die ersten und ursprünglichen Vorkommnisse unseres Bewußtseins bilden. Beides widerspricht aufs deutlichste der Selbstbeobachtung. Wir wissen, daß uns die sinnlichen Qualitäten ursprünglich und zuerst  nicht als bewußt  gegeben sind, sondern in einem Vorgang, den wir genau kennen, uns zu Bewußtsein kommen und erst in einem zweiten, an diesen ersten sich anschließenden, also späteren Vorgang  als bewußt  aufgefaßt werden. Wir haben den ersten Vorgang äußere Wahrnehmung, den zweiten Empfindung genannt. Es ist selbstverständlich, daß wir von den sinnlichen Qualitäten nur etwas wissen, insofern sie uns bewußt werden - aber daraus folgt nicht, daß sie uns nur als bewußte gegeben sind oder daß sie in unserem Bewußtsein nur als bewußte auftreten. Die äußere Wahrnehmung ist ein Bewußtseinsvorgang, in ihr erhalten wir das erste Wissen von den sinnlichen Qualitäten, in ihr werden sie uns bewußt; aber gerade in ihr treten sie  nicht als bewußt  auf. Wer behauptet, daß uns die sinnlichen Qualitäten ursprünglich als Empfindungen d. h. als bewußt gegeben sind, der begeht den Fehler, daß er das, was nur Ergebnis einer auf die äußere Wahrnehmung gerichteten inneren Wahrnehmung sein kann, in den Vorgang der äußeren Wahrnehmung hineinträgt.

Aber ist es denn nicht ein Widerspruch, wenn wir sagen: wir wissen von den sinnlichen Qualitäten nur etwas, insofern sie uns bewußt sind; sie sind uns nur in unserem Bewußtsein gegeben; und wiederum: sie sind uns nicht als bewußte gegeben? Es ist das ebensowenig ein Widerspruch, wie wenn wir behaupten: die Dinge werden uns nur durch das Erkennen bekannt, sie sind uns nur im Erkennen gegeben und trotzdem daran festhalten, wie wir unzweifelhaft alle tun: sie sind uns nicht als bekannt gegeben. Wer behauptet, die sinnlichen Qualitäten seien uns als bewußte gegeben, der drückt damit aus, daß sie ursprünglich und zuerst als bewußt aufgefaßt werden. Das aber steht in Widerspruch mit den Wahrnehmungen, die wir über den Vorgang der äußeren Wahrnehmung jederzeit machen können. Wir sind bei der äußeren Wahrnehmung der Regel nach lediglich mit den äußeren Dingen beschäftigt, wenden ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit zu; an uns selbst, an unsere Wahrnehmungstätigkeit oder an das durch sie erzeugte Bewußtsein denken wir wenigsten gewöhnlich in keiner Weise. Es kostet uns große Mühe, unseren Blick zugleich auf die äußeren Dinge und auf das Bewußtsein von ihnen zu richten, ja viele sind sogar der Ansicht, daß das überhaupt ganz und gar unmöglich ist. Wir werden schließen dürfen: was beim Vorgang der äußeren Wahrnehmung das Gewöhnliche und Leichte ist, wird auch das Ursprüngliche und Erste sein. Außerdem ist die Erkenntnistätigkeit nach einem allgemeinen Gesetz in erster Linie auf das von ihr Verschiedene und außer ihr Befindliche gerichtet. Was von der Erkenntnistätigkeit überhaupt gilt, das findet natürlich auch Anwendung auf die Auffassung oder das Erkennen der sinnlichen Qualitäten.

Wir können hiernach als bewiesen betrachten, daß die sinnlichen Qualitäten ursprünglich nicht als bewußt oder was dasselbe ist, nicht als Empfindungen gegeben sind und, daß sie ursprünglich und zuerst nicht als bewußt aufgefaßt werden, d. h. daß die Empfindung keinen Bestandteil der Tätigkeit der äußeren Wahrnehmung bildet. Dabei bleibt bestehen, daß sich die Empfindung an die Wahrnehmung anschließen und mit ihr verbinden und, wenn das einmal geschehen ist, gleichzeitig mit ihr bestehen kann. Wenn wir die durch die äußere Wahrnehmung in uns entstehenden Gefühle während der Fortdauer der äußeren Wahrnehmung zum Gegenstand einer inneren Wahrnehmung machen und so den Ton, den wir hören, die Farbe, die wir sehen, als angenehm oder unangenehm auffassen, so scheint jedesmal mit dem Gefühl auch die sinnliche Qualität innerlich wahrgenommen, d. h. als bewußt aufgefaßt oder empfunden zu werden; die Empfindung tritt hier also als Begleit- (nicht bloß als Folge-)Erscheinung der äußeren Wahrnehmung auf. Darauf deutet auch REID wiederholt hin (vergleich die beiden vorletzten zitierten Stellen), nur läßt er in diesen Fällen irrtümlich die Empfindung einfach zu einem Gefühl werden oder in ein Gefühl übergehen. Die Empfindung kann natürlich niemals ein Gefühl werden, wenn sie, wie wir annehmen, in einer Auffassung der sinnlichen Qualitäten besteht oder einen Erkenntnisvorgang bildet. (BRENTANO meint in seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkte aus", daß in solchen Fällen das Gefühl nicht auf die als bewußt aufgefaßten sinnlichen Qualitäten, sondern auf die Tätigkeit der äußeren Wahrnehmung, das Hören des Tones und das Sehen der Farbe, bezogen werde, so daß nach ihm die äußere Wahrnehmung von einer inneren Wahrnehmung der Wahrnehmungstätigkeit, nicht von einer Empfindung in unserem Sinne begleitet sein würde. (13)

Außerdem werden wir uns bei der Wahrnehmung von Tönen, Gerüchen, Geschmäcken manchmal unwillkürlich, manchmal infolge einer absichtlichen Hinwendung unserer Aufmerksamkeit bewußt, daß wir uns mit Bewußtseinsinhalten beschäftigen. Besonders häufig und leicht tritt dieses Bewußtsein ein bei Tönen, z. B. beim Anhören von Musikstücken, wenn wir die Augen schließen und unsere ganze Umgebung zu vergessen suchen: wir fassen dann die Töne als bewußt auf, nicht im Sinne des begrifflichen und namentlichen Bewußtseins, wie sich von selbst versteht. Auch in diesen Fällen schließt sich an die äußere Wahrnehmung eine Empfindung an und begleitet dieselbe. Solche Fälle scheint REID im Sinn zu haben, wenn er hervorhebt (vergleiche die beiden letzten der zitierten Stellen), daß wir unsere Aufmerksamkeit auf die Empfindungen richten können und daß die Empfindungen häufig gefühlt werden. Aber nach REID sind die Empfindungen im Wahrnehmungsakt vergessen, "als ob sie gar nicht vorhanden gewesen wären" oder "als ob wir sie gar nicht gehabt hätten". (Vergleiche die beiden vorletzten der zitierten Stellen.) Wie können sie dann während des Aktes der Wahrnehmung gefühlt werden? oder wie können wir dem gar nicht mehr Vorhandenen unsere Aufmerksamkeit zuwenden? Höchstens kann doch eine Erinnerung an sie stattfinden.

REID trennt Empfindung und Wahrnehmung insofern voneinander, als er entgegen der gewöhnlichen Meinung annimmt, die Empfindung sei weder Bestandteil der äußeren Wahrnehmung, noch identisch mit den sinnlichen Qualitäten; aber er verbindet dann Empfindung und Wahrnehmung doch wieder insofern, als er die Empfindung als Bedingung der Wahrnehmung betrachtet, als einen Vorgang, der früher als die Wahrnehmung eintretend die letztere weckt und in Bewegung setzt. (Vergleiche die ersten der vier der zitierten Stellen.) Dadurch wird auch für ihn, wie für die meisten Neueren, die Empfindung zu einem ersten und ursprünglichen Vorkommnis des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht kann vor dem Eintritt und Vollzug der äußeren Wahrnehmung von Empfindung keine Rede sein. Die äußere Wahrnehmung muß die sinnlichen Qualitäten erst bewußt machen, ehe sie in der Empfindung als bewußt aufgefaßt werden können. Die äußere Wahrnehmung kann nun allerdings ohne die Empfindung auftreten, und es ist die Regel, daß das geschieht; aber umgekehrt kann die Empfindung niemals ohne die äußere Wahrnehmung vorhanden sein, sie ist stets und notwendig, wo immer sie auftritt, nicht bloß Folge-, sondern zugleich auch Begleiterscheinung der äußeren Wahrnehmung. Man könnte denken, es genüge zum Zustandekommen der Empfindung, daß der äußere Reiz fortdauere, wenn auch die Wahrnehmung aufhöre; aber der äußere Reiz macht die sinnlichen Qualitäten nicht bewußt und wenn sie nicht bewußt sind, können sie nicht als bewußt aufgefaßt werden. Aber wie können Wahrnehmung und Empfindung miteinander gleichzeitig sein? wie kann man zu gleicher Zeit die sinnlichen Qualitäten als etwas Fürsichseiendes und als Bewußtseinsinhalte auffassen? Stehen denn diese Auffassungen nicht offenbar miteinander in Widerspruch und können folglich nicht miteinander zusammen bestehen? Wenn die sinnlichen Qualitäten in der äußeren Wahrnehmung bewußt oder Inhalte des Bewußtseins werden, so ändert das an ihrer Natur und Beschaffenheit selbstverständlich nichts: sie treten trotzdem in der äußeren Wahrnehmung als etwas Fürsichseiendes und Selbständiges auf. Ebensowenig wird die Natur und Beschaffenheit der sinnlichen Qualitäten geändert, wenn sie in der Empfindung als bewußt oder als Bewußtseinsinhalte aufgefaßt werden. Sie bleiben darum nach wie vor etwas Fürsichseiendes, wie sich schon darin deutlich zeigt, daß sie niemals auf das Ich bezogen und als Zustände und Eigenschaften desselben betrachtet werden können. Die Auffassung der sinnlichen Qualitäten als fürsichseiender Dinge und die Auffassung derselben als Bewußtseinsinhalte stehen also nicht miteinander in Widerspruch. Diese Auffassungen oder, was dasselbe ist, die Wahrnehmung und Empfindung können also auch wohl zugleich stattfinden. Wir müssen nur festhalten, daß jede Auffassung einen besonderen Erkenntnisakt bildet: das ist freilich unmöglich, in ein und demselben Akte die sinnlichen Qualitäten als etwas Fürsichseiendes und als Bewußtseinsinhalte aufzufassen.

Die Ansicht, daß die Empfindung kein Element der Wahrnehmungstätigkeit oder wenigstens kein Element der Gesichtswahrnehmung bildet, hat auch in Deutschland einen Vertreter gefunden, dessen Name bei den Psychologen einen guten Klang hat. KARL GÖRING versteht unter Empfindung "jeden unmittelbar durch ein körperliches Organ verursachten bewußten Eindruck, welcher ansich weder Lust noch Unlust mit sich führt." (14) Gegenüber BERGMANN nun, der in seinen "Grundlinien einer Theorie des Bewußtseins" die Meinung vertritt: "es sei unmöglich, einen Gegenstand zu sehen, ohne die entsprechende Gesichtsempfindung zu haben", (15) äußert sich GÖRING folgendermaßen: "Uns ist kein Mensch bekannt, der im normalen Zustand beim Sehen irgendwelche Empfindung im gewöhnlichen Sinn hätte; nur geschwächte Augen werden bei angestrengtem Sehen schmerzhaft affiziert." (16)

Unter der Empfindung im gewöhnlichen Sinn kann GÖRING nicht einfach einen bewußten Eindruck verstehen, wie man nach seiner Erklärung der Empfindung vermuten sollte. Bewußte Eindrücke sind natürlich in jeder Wahrnehmung vorhanden: die sinnlichen Qualitäten sind Sinneseindrücke und wir haben von ihnen offenbar in der äußeren Wahrnehmung ein Bewußtsein; wir fassen sie in derselben nur nicht als bewußte auf. Etwas anderes, so scheint es, kann Göring nicht gemeint haben: die "Empfindung im gewöhnlichen Sinne", die in der Wahrnehmung nicht vorkommen soll, kann ihm nur die Auffassung der Eindrücke als bewußte bedeuten. Seine Definition der Empfindung muß demgemäß berichtigt werden. Geschieht dies, so stimmt sie mit der unsrigen überein - die Empfindung ist dann nichts anderes als eine innere Wahrnehmung der sinnlichen Qualitäten, eine Auffassung derselben als Inhalte des Bewußtseins. Der Fehler, daß der Ausdruck "bewußter Eindruck" im Sinne von "als bewußt aufgefaßter Eindruck" gebraucht wird und gemeint ist, findet sich sehr häufig in psychologischen Werken.
LITERATUR: Goswin Karl Uphues, Wahrnehmung und Empfindung - Untersuchungen zur empirischen Psychologie, Leipzig 1888
    Anmerkungen
    1) THOMAS REID, Works, edit. by HAMILTON, Seite 186
    2) REID, a. a. O., Seite 122
    3) REID, a. a. O., Seite 123
    4) REID, a. a. O., Seite 122
    5) REID, a. a. O. Seite 820, Fußnote b
    6) REID, a. a. O., Seite 314
    7) REID, a. a. O. Seite 315
    8) REID, a. a. O. Seite 119
    9) REID, a. a. O. Seite 313
    10) REID, a. a. O. Seite 311
    11) REID, a. a. O. Seite 319
    12) HERBERT SPENCER, Die Prinzipien der Psychologie II, Seite 146
    13) FRANZ von BRENTANO, Psychologie, Seite 117 und 189
    14) KARL GÖRING, System der kritischen Philosophie I, Seite 47
    15) JULIUS BERGMANN, Grundlinien einer Theorie des Bewußtseins, Seite 35
    16) KARL GÖRING, a. a. O. Seite 157