p-4p-4H. ProssE. MeumannGätschenbergerOgden/RichardsMorris    
 
EDUARD MARTINAK
Psychologische Untersuchungen
zur Bedeutungslehre

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"Wo Zeichen und Bedeutung sich inhaltlich sehr nahe stehen, wie Spiegelbild und Urbild oder Fotografie und dargestellter Gegenstand, sagt der Sprachgebrauch, allerdings mehr kühn als exakt,  das i s t XY, das i s t diese Stadt  und dgl., nicht, es  bedeutet  sie."

"In einem bestimmten Zusammenhang bedeutet  A selbstverständlich B.  Die Selbstverständlichkeit ist aber nicht sozusagen das Verdienst von  A  allein, sondern ist auf Rechnung der ganzen mit hereinspielenden Situation zu setzen. Je nachdem man nun diese Situation mit in Rechnung zieht oder nicht, muß auch die Entscheidung über die Selbstverständlichkeit eines Zeichesn verschieden ausfallen."

"Wenn es etwa heißt, das Wort  A  bedeutet irgendein  B,  so ist das eine abgekürzte Ausdrucksweise, es ist der Zusatz weggelassen,  für welche Menschen  und  zu welcher Zeit  es diese Bedeutung hat. Es gibt schlechterdings kein Wort, das zu allen Zeiten und an allen Orten seine Bedeutung gehabt hätte und sozusagen noch weniger ein Wort, das nie und nirgends, aber doch  etwas,  bedeutet hätte."


§ 2. Spezielles über das finale Bedeuten; Zweckmäßigkeit
der Zeichen; natürliche und künstliche Zeichen.

Der Zeichengeber (G) will im Empfänger (E) eine bestimmte Absicht erreichen und hierzu ist ihm das Hauptmittel das Zeichen. So etwa stellt sich das Wesentliche dessen dar, was wir begrifflich als finales Bedeuten bzw. Zeichen gefaßt haben. Hierbei hatten wir aber die eine Frage noch gänzlich unberührt gelassen, ob denn auch wirklich jedes  A  geeignet ist, über sich hinaus auf irgendein  B  hinzuweisen oder ob erst gewisse Merkmale des  A,  oder auch des  B,  oder beider vereint - seien es nun qualitative Eigenschaften oder Relationstatbestände - die Möglichkeit des Bedeutens schaffen oder zumindest beeinflussen können. Man braucht sich, um die Wichtigkeit der eben erhobenen Frage zu erweisen, nur den nicht seltenen Fall zu vergegenwärtigen, daß derjenige, der ein Zeichen zu geben beabsichtigt, ein solches nicht "zur Verfügung" hat, sondern es sich erst schaffen und aus vielen Möglichkeiten auswählen muß. Da wird es uns von vornherein wahrscheinlich sein, daß sich der Zeichengeber hierbei von irgendwelchen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten leiten läßt, die wir dann näher untersuchen müssen.

Das Zeichen soll  verstanden  werden. Wenn nun, wie wir früher sagten, ein Zeichen "zur Verfügung" steht, vorliegt, bekannt und gebräuchlich ist, so heißt das nichts anderes, als daß der Zeichengeber von vornherein  zur Annahme berechtigt ist,  im  E  bestehe das  Wissen um die Bedeutung.  Dies ist - wie in § 1 ausgeführt wurde - der Fall entweder infolge einer ausdrücklichen Abmachung zwischen  G  und  E,  oder durch eine Abmachung in einem erweiterten Sinn, insofern eine größere Anzahl von Individuen sich dieser Abmachung anschließt (beides gewöhnlich "konventionelle" Zeichen genannt), oder noch umfassender, indem die wir immer zustande gekommene Bedeutung nun durch Überlieferung so weiter gegeben wird, daß die ursprüngliche Abmachung ganz aus dem Gedächtnis schwindet (traditionelle Zeichen).

Ist nun aber der Zeichengeber zu dieser Annahme nicht berechtigt, dann tritt die früher angedeutete Notwendigkeit der  Wahl  bzw. der  Schaffung  eines  neuen  Zeichens ein.  G  muß sich ein Zeichen ersinnen, das sozusagen  ansich  verständlich ist, ohne daß ein vorgängiges Wissen darum bei  E  besteht. (1) Hierfür ist vielfach der Name "natürliche Zeichen" üblich, während man im Gegensatz dazu unter dem Ausdruck "künstliche Zeichen" annähernd das zusammenzufassen pflegt, was ich eben als konventionell und traditionell zu charakterisieren versucht habe. Ebenso deckt sich der in der Geschichte der Sprachphilosophie so bedeutungsvolle Gegensatz der  physei  und der  thesei  geltenden Zeichen ungefähr mit der hier gemachten Scheidung.

Indem wir uns vorläufig der Ausdrücke natürlich-künstlich bedienen, können wir denn sagen, daß in unserem Fall  G  darauf angewiesen ist, sich ein  natürliches  Zeichen für seinen Bedarf auszuwählen.

Als solche können
    1. jene Zeichen betrachtet werden, die dem zu Bezeichnenden irgendwie  ähnlich  sind,  nachahmende  oder  malende  Zeichen (zwischen  A  und  B  besteht ein  innerer  Zusammenhang, unabhängig von räumlichen, zeitliche oder kausalen Beziehungen); und

    2. jene Zeichen, die in irgendeinem sonst in der Natur der Sache begründeten aber  äußeren Zusammenhang  mit dem Bezeichneten stehen, also aufgrund räumlicher, zeitlicher oder kausaler Beziehungen; hierbei ist speziell das zwischen dem Ganzen und dem Teil, oder noch allgemeiner gefaßt, zwischen Komplexion und Bestandstück bestehende Verhältnis von Wichtigkeit.
Beispiele für die erste Gruppe sind die Nachbildungen  optischer  Erscheinungen, also etwa der Umriß einer Gestalt für die Gestalt selbst; ferner die  akustische  Nachahmung von Lauten durch die Stimme, ferner Ähnlichkeit komplizierer Art, wie sie etwa in dem klassischen Beispiel von den Mohnköpfen des Königs Tarquinius wesentlich ist, usw.

In die zweite Gruppe gehören viele der "Handwerkszeichen", die entweder das durch die Arbeit Geschaffene oder irgendein Werkzeug zur Bezeichnung des ganzen Berufes oder der betreffenden Innung in verständlichster Weise verwenden; hierher gehört der auf Gebirgsstraßen vor steilen Wegen vielfach zu findende gemalte Schneekette als Zeichen dafür, daß an dieser Stelle das Anlegen einer Schneekette geboten ist und dgl.

In beiden Gruppen liegt jedoch nur dann ein wahrhaft "natürliches" (ohne  thesis  wirksames) Zeichen vor, wenn, wie schon gesagt,  E  weder vom Zeichen noch von seiner Bedeutung früher etwas weiß und es doch ohne Weiteres versteht. Was an Psychischem von ihm gleichwohl vorausgesetzt werden muß, ist ein gewisses Maß an allgemeinem Scharfsinn und von Lebenserfahrung oder Klugheit; ja  G  wird in der Wahl des Zeichens diesem Umstand ganz besonders Rechnung tragen und je nach der Begabung und dem Bildungsgrad des  E  sein Mittel wählen. Geradezu notwendig wird diese Berücksichtigung der Begabung und des geistigen Niveaus des  E,  wenn es sich, wie z. B. im oben erwähnten Fall der Mohnköpfe des  Sextus Tarquinius,  insbesondere darum handelt, daß nur eine bestimmte Person das Zeichen verstehen soll, während allen anderen dessen Bedeutung verborgen bleiben muß.

Die nun kurz skizzierte Teilung der Zeichen in natürliche und künstliche ist aber mit einer Reihe von Mängeln und Ungenauigkeiten behaftet, deren Untersuchung wir in erster Linie deswegen nicht ausweichen wollen, weil sich gerade anhand eines näheren Eingehens darauf manch lehrreicher Einblick in die Natur alles Bezeichnens und Bedeutens und speziell des sprachlichen, gewinnen läßt.

Vor allem muß gesagt werden, daß der Teilung durchaus keine volle logische Schärfe zukommt, weil die Grenzen dessen, was man unter "natürlich" verstehen soll, nicht eindeutig gezogen sind. Faßt man z. B. - um gleich eine extreme Ausdehnung des Begriffs "natürlich" zu erwähnen, den Menschen als das zwar höchste und bewundernswerteste, aber immerhin natürliche Gebilde der schaffenden Naturkräfte auf, wie es der modernen Anschauung durchaus nicht fern liegt, dann ist  alle  Zeichengebung und  alles  Sprechen wie alle bewußte Geistestätigkeit eben einfach ein natürlicher Vorgang; betrachten wir andererseits viele der ganz eigentlich konventionellen, also künstlichen Zeichen, Signale und dgl., so finden wir wieder sehr oft, daß sie mit der Heranziehung von Ähnlichkeiten, mit natürlichen Zusammenhängen gebildet sind (2), so daß also auch wieder die Grenze zwischen künstlich und natürlich ins Schwanken gerät, insofern Zeichen, bei denen ganz zweifelsohne eine ausdrückliche Konvention vorliegt, doch zugleich wieder als natürliche erscheinen. Teilweise liegt dies in der Natur der Ähnlichkeit begründet, die sozusagen  ex definitione  fließende Grenzen aufweist, indem sich Ähnlichkeit einerseits dem Grenzfall der Gleichheit, andererseits dem der völligen Verschiedenheit in einem kontinuierlichen Übergang nähert. Nennen wir nun ein Zeichen deswegen natürlich, weil eine Ähnlichkeit zwischen Zeichen und Bezeichnetem vorliegt, so müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, daß mitunter die tatsächlich bestehende Ähnlichkeit zu schwach ist, um dem Zeichen jene von selbst einleuchtende Verständlichkeit zu sichern, die wir für die natürlichen Zeichen gefordert haben. In allen diesen Fällen tritt nun in der Praxis ergänzend zu der ansich nicht ausreichenden Ähnlichkeit die Konvention hinzu, die dem Zeichen dann, weil sein Eigenwert zu gering ist, zum gewünschten Kurswert verhilft. Aber jene Ähnlichkeit, die ansich zu einem sicheren Verständnis nicht führt, hat doch vielfach als Gedächtnisstütze einen nicht zu unterschätzenden Wert. Daher die Tatsache, daß man bei einem vollkommen planmäßigen Verabreden neuer Zeichen, wo man mit unbeschränkter Freiheit wählen kann, immerhin, wie die Erfahrung lehrt, sehr oft aus Zweckmäßigkeitsgründen nach  Ähnlichkeiten  und natürlichen Zusammenhängen sucht. (3) Hierbei geht die Absicht des Zeichenschöpfers jedenfalls dahin, die erste gedächtnismäßige Aneignung von Seiten der Zeichenempfänger zu erleichtern, und jeder, der z. B. mit dem Wörterbuch von SACHS-VILLATTE zu tun hat, dürfte an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, daß die in der Sache liegenden Zusammenhänge seiner bildlichen Zeichen tatsächlich diese ihre Aufgabe auch recht gut erfüllen. Sowie aber bei einigermaßen häufigerem Gebrauch eine gewisse Fertigkeit erlangt ist, zeigt sich, daß man die vom Schöpfer oft so geschickt herangezogenen inneren oder äußeren Zusammenhänge nicht mehr braucht; das Zeichen bedeutet schlechthin die Sache und zwar gerade so gut wir rein konventionelle künstliche Zeichen ohne jenen sachlichen Zusammenhang (wie etwa SACHS-VILLATTEs Zeichen nach Adjektiven, welches bedeutet, daß deren Adverb regelmäßig gebildet wird). Aus dem natürlichen Zeichen wird mit der Zeit ein rein konventionelles in dem Sinne, daß der Zeichenempfänger des inneren Zusammenhangs eben durchaus nicht mehr bewußt zu werden braucht. - Hat sich hier der Übergang vom natürlichen zum konventionellen Zeichen rein psychisch vollzogen, während der sachliche Zusammenhang bestehen geblieben ist, kann andererseits auch durch Veränderungen in der Sache, also z. B. technischen und kulturellen Fortschritt, jener innere Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem aufhören, das Zeichen aber trotzdem - rein konventionell - noch immer seine Bedeutung behalten. Wenn eine Weintraube oder Weinlaub vor Wirtshäusern Wein bedeutet, so ist das ein natürliches Zeichen; daß aber Hobelspäne das Zeichen für Bier sind, ist für die meisten Menschen gewiß rein traditionell, da es durchaus nicht allgemein bekannt ist, daß Hobelspäne in früherer Zeit bei der Konservierung des Bieres eine Rolle spielten (4) und daher sehr wohl in einem sachlichen Zusammenhang standen mit dem, was sie bedeuten sollten. Was früher ein natürliches Zeichen war, ist jetzt ein traditionelles, künstliches geworden. Auch in diesem Fall also hat sich der gleiche Übergang vollzogen, aber die Ursache liegt nicht in erster Linie in psychischen Vorgängen, sondern in äußeren Veränderungen, hier technischem Fortschritt.

Eine eigentümliche Art von Gegenströmung zeigen uns jene Fälle, wo ein  ursprünglich konventionelles  Zeichen aus den oft merkwürdigsten Gründen anfängt als  natürliches  zu gelten, d. h. wo die das Zeichen gebrauchenden Menschen einen natürlichen Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem allgemach hineininterpretieren. Hierher muß vor allem wohl die große Mehrzahl all jener Fälle gerechnet werden, wo man in entfernten Klangähnlichkeiten schon bewußte Onomatopöie [Lautmalerei - wp] erblickt und daher das Wort als das natürliche Zeichen für die Sache ansieht. Die Sprachwissenschaft ist deshalb wohl auch mit Recht von der Überschätzung dieses Moments in der Sprache sehr bedeutend zurückgekommen. Als "natürliches" Zeichen darf Lautmalerei nur dann gelten, wenn sich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten läßt, daß  auch Angehörige anderer Nationen das betreffende Wort richtig deuten,  eine Probe, die überraschend selten gelingen dürfte.

Nicht immer, aber doch recht häufig gehören hierher Fälle von Farbensymbolik, in denen etwa sinnvolle Deutungen heraldischer Farben erfolgen; auch sonst ist gerade die Farbe so vielfach als  natürlicher  Ausdruck für gewisse Tatsachen, also als natürliches Zeichen, in Anspruch genommen worden. Ich weiß nicht, ob es schon versucht worden ist, Rot, Gelb und Grün bei den Eisenbahnsignalen in diesem Sinn zu interpretieren. Aber jedenfalls spielt eine derartige Farbendeutung im Denken des Volkes eine ziemliche Rolle (5). Solche Fälle von mehr oder weniger gewaltsamer Herstellung eines tatsächlich nicht vorfindbaren Zusammenhangs sind nicht zu verwechseln mit den in der Psychologie bereits den Gegenstand eifriger Untersuchung abgebendenn  synoptischen  [zusammengeschauten - wp] Tatsachen (Sinnesanalogien, Synästhesie [Miterregung eines Sinnesorgans - wp],  auditioni colorée  [farbig hören - wp] und dgl.), die zwar gewiß wieder nur geeignet sind, die Grenzen zwischen natürlichen und künstlichen Zeichen zu verwischen, bei der Wahl von Zeichen aber jedenfalls einen nicht unbedeutenden Einfluß ausüben. Gleichwohl wird derjenige, der z. B. die Bezeichnung "hoher" und "tiefer" Ton wegen der darin liegenden Analogie für sehr glücklich gewählt ansieht, eine zur Probe vorgenommene Umkehrung der Analogie mit Erstaunen als wenig wirksam erkennen: will ich jemandem durch Zeichen zu verstehen geben, daß er hoch empor- oder tief hinabsteigen muß, und wähle hierzu einen hohen, bzw. tiefen Ton, so zeigt schon der eigentümlich komisch-gesuchte Eindruck dieses Zeichens, daß dessen Natürlichkeit nicht allzuviel Tragkraft besitzt. Wir haben es eben immer hierbei nur mit leisen Vorstellungsanklängen, nicht aber mit klar ausgeprägten Inhalten zu tun; daher können auch diese Momente als Komponenten in einem Gesamtzeichen ganz wohl wirksam werden, aber zu selbständiger Zeichengebung sind sie meist zu schwach.

Ein anderer Grund, weshalb die Anwendung des Ausdrucks "natürlich" Schwierigkeiten verursacht, liegt darin, daß man nicht nur auf dem hier besprochenen Gebiet der beabsichtigten Zeichen, des finalen Bedeutens, sondern auch in den von uns früher mit dem Ausdruck "real" benannten Fällen von "natürlich" spricht, aber nicht genau in demselben Sinn wie hier, und zwar bei den sogenannten  Ausdrucksbewegungen, Mienen  und  Gebärden,  soweit sie nicht durch die menschliche Willkür hervorgebracht werden, sondern die naturgesetzlich erfolgende physiologische Reaktion auf gewisse psychische Vorgänge sind. Man ist gewohnt, etwa Tränen als den "natürlichen" Ausdruck des körperlichen oder seelischen Schmerzes, plötzliche Blässe mit einem Zittern der Knie als natürlichen Ausdruck des Schreckens usw. anzusehen. Insofern nun hier der Fall durchaus anders liegt als in den früher von uns herangezogenen Beispielen realen Bedeutens, d. h. insofern auch hier
    1. keinerlei Absicht vorliegt und

    2. infolgedessen von keinem Zeichengeber, sondern von einem deutenden Empfänger gesprochen werden kann,
insofern ist es auch einleuchtend, daß wir hier nur natürliche Zeichen, wenn überhaupt das Wort Zeichen in so weitem Sinn anwenden dürfen, vor uns haben. Denn die Zuordnung zwischen der Ausdrucksbewegung und dem betreffenden psychischen Vorgang ist nicht künstlich geschaffen, sondern durch die natürliche Beschaffenheit des Menschen vorgegeben. Mit Recht hat jedoch ALOIS HÖFLER (6) darauf aufmerksam gemacht, daß das Wort "natürlich" hier nicht unzweideutig ist, indem er zwei Bedeutungen desselben sondert,
    1. natürlich = naturgesetzlich begründet und

    2. natürlich = durch einen inneren, inhaltlichen Zusammenhang,  Ähnlichkeit,  begründet.
Es sind dies die zwei Fälle, die wir oben in der Beschreibung der natürlichen Zeichen erwähnten. Um vollständig zu sein, müssen wir aber auch noch einer Bedeutung gedenken, die nicht allzuselten der Anwendung des Ausdrucks "natürlich" gegenüber Zeichen zu entnehmen ist und die wir auch früher schon wegen ihrer praktischen Wichtigkeit erwähnen mußten: man nennt ein Zeichen dann natürlich, wenn es keinerlei Wissen voraussetzt, sondern  aus sich selbst heraus verständlich ist,  (7) während man dem gegenüber von künstlichen Zeichen spricht, wenn Konvention, Überlieferung oder Erlernen notwendig ist, damit sie verstanden werden.

Diese drei Bedeutungen des Wortes "natürlich" und dann ebenso seines Gegenstücks "künstlich" spielen nun vielfach durcheinander und bringen jene Unklarheit der begrifflichen Fassung zustande, die gerade das Operieren mit diesen doch recht wichtigen Termini so sehr erschwert. Stellen wir der Übersicht halber die drei Bedeutungen des Wortes "natürlich" zusammen:
    a) von selbst verständlich
    b) naturgesetzlicher oder überhaupt notwendiger äußerer Zusammenhang
    c) innerer Zusammenhang, Ähnlichkeit
und dazu das Gegenstück "künstlich":
    a') was nicht von selbst verständlich ist,
    b') wo kein notwendiger äußerer Zusammenhang besteht
    c') was keinerlei inhaltliche Ähnlichkeit aufweist,
so wird uns der Versuch, irgendwelche konkreten Fälle unter "natürlich" oder "künstlich" einzureihen, sehr bald in die Notwendigkeit versetzen, mitunter einen Fall in beide Gruppen zugleich einzureihen. [...] Nur der Fall völlig willkürlich gewählter Zeichen, wie etwa  +  für Addition, die Farben zur Unterscheidung der Uniformen verschiedener Truppenkörper oder Beamtenkategorien, die meisten heraldischen Farben und Ähnliches, zeigt sich als durchweg "künstlich":  a', b', c'. 

Den entgegengesetzten Fall,  a, b, c,  durch ein vollgültiges Beispiel zu belegen ist dadurch erschwert, daß es sich hierbei darum handelt, einen äußeren Zusammenhang  zugleich  mit Ähnlichkeit ausfindig zu machen. Dieser Forderung genügen nun allerdings alle Fälle von Nachbildungen, wobei das Original selbst das Bild "kausieren" hilft, oder, glatter gesagt, an der Herstellung des Bildes auf mechanisch-physikalischem Weg selbst beteiligt ist, also z. B. mechanischer Abklatsch, Abbildung durch Spiegelung und all die sinnreichen Methoden der Nachbildung, die unsere Zeit in raschem Schritt seit der Erfindung der Photographie ersonnen hat. Hier kann man sagen, Bild und Original sind äußerlich notwendig an einander gekettet, zugleich aber auch in sehr weitem Maße ähnlich. Ob nun ein Abklatsch das "selbstverständliche"  Zeichen  für das Original ist, scheint keiner weiteren Untersuchung zu bedürfen, das möchte ohne weiteres einleuchten, so daß also  a, b  und  c  verwirklicht wäre. Ich wäre jedoch versucht, etwas paradox zu sagen, es ist mehr "selbstverständlich" als "Zeichen". Ich fühle nämlich als eine recht empfindliche sprachliche Härte, wenn ich es versuche, etwa das Spiegelbild als das "Zeichen" und das Original als dessen "Bedeutung" aufzufassen. Die Frage "was bedeutet diese Fotografie" hat entweder keinen Sinn oder zielt auf dahinterliegende Gedanken, etwa Anspielungen und dgl., nicht aber auf das, was wir hier erwarten müßten, den dargestellten Vorwurf. Wenn nun auch die bloße Regung des Sprachgefühls hier durchaus nicht als beweisend angesehen werden darf, so bietet uns doch eine auch ganz vorläufige Formulierung der Begriffe "Zeichen" und "Bedeutung" einen Anhaltspunkt. Wenn irgendein  A  über sich hinausweist auf ein  B,  nennt man ersteres das Zeichen, letzteres die Bedeutung, so skizzierten wir das Wesentliche des Sachverhaltes in § 1. Dies setzt doch wohl voraus, daß  A  und  B  nicht völlig gleich sind, daß vielmehr deren Unterscheidung, sagen wir mindestens die numerische wenn auch nicht die qualitative, psychisch gegeben ist. Alles was diese Unterscheidung der beiden zu erschweren, bzw. zu verwischen imstande ist, wie fortschreitende inhaltliche Angleichung, erschwert auch die Anwendung des Begriffspaares Zeichen und Bedeutung. Nur anders formuliert wäre dieselbe Sache, wenn man sagte, zwischen  A  und  B,  wenn sie als Zeichen und Bedeutung fungieren sollen, müsse eine gewisse Distanz vorhanden sein. Wird diese allzu gering, so vermeidet es die Sprache, von Zeichen und Bedeutung zu sprechen. Dies scheint am klarsten illustriert durch den Fall von der Photographie und ihrer "Bedeutung", den wir oben vorbrachten. Die Bedeutung zielt in größere Entfernung. Wo aber  A  und  B  sich inhaltlich sehr nahe stehen, wie Spiegelbild und Urbild oder Fotografie und dargestellter Gegenstand, sagt der Sprachgebrauch, allerdings mehr kühn als exakt, "das  ist  XY.", "das  ist  diese Stadt" und dgl., nicht, es  bedeutet  sie.

Diese bereits oben berührte Unsicherheit der Entscheidung, ob  a  oder  a',  d. h. ob ein Zeichen  selbstverständlich  ist oder nicht, findet sich nicht nur bei realem, sondern ebenso, wie wir gesehen haben, beim finalen Bedeuten. Und gerade in diesem letzteren Fall erklärt sich das Schwanken ganz besonders häufig aus einem Umstand, der allerdgins auch bei realem Bedeuten mitspielt, aber weit seltener, nämlich aus dem Zusammenwirken von Nebenumständen, Begleittatsachen, kurz all dem, was wir mit  Situation  bezeichnen können. In einem bestimmten Zusammenhang bedeutet  A  "selbstverständlich"  B.  Die Selbstverständlichkeit ist aber nicht sozusagen das Verdienst von  A  allein, sondern ist auf Rechnung der ganzen mit hereinspielenden Situation zu setzen. Je nachdem man nun diese Situation mit in Rechnung zieht oder nicht, muß auch die Entscheidung über die Selbstverständlichkeit eines Zeichesn verschieden ausfallen.

In Berücksichtigung all dieser Schwierigkeiten, die sich bei näherer Betrachtung der Begriffe natürlicher und künstlicher Zeichen ergeben, möchte es sich daher empfehlen, folgende "Vorsichtsmaßregeln" im Gebrauch dieser Termini anzuwenden:
    1. den Ausdruck "natürlich"  ohne Zusatz  nur bei  realem  Bedeuten zu gebrauchen, dessen Wesen ja in einem natürlichen kausalen Zusammenhang liegt;

    2. beim  finalen  Bedeuten auseinander zu halten:

      I. Zeichen aufgrund bestehender Beziehungen zwischen  A  und  B  und

      II. "künstliche" Zeichen, die eine Zuordnung erst willkürlich schaffen.
Unter eins würden dann fallen:
    a) die ähnlichen oder malenden  nachahmenden  Zeichen und
    b) Zeichen aufgrund eines gegebenen äußeren Zusammenhanges
bei II. sind  konventionelle  gegenüber  traditionellen  Zeichen zu differenzieren.

Doch müssen wir uns auch hier immer gegenwärtig halten, daß die hiermit gezogenen Grenzen infolge der früher von uns angedeuteten Gründe steten Verschiebungen ausgesetzt sind.

Schließlich soll noch jene Tatsache näher erwogen sein, die wir bereits früher, anläßlich der Erwähnung der synoptischen Erscheinungen kurz berühren mußten:  das Zusammenspielen mehrerer Teilzeichen zum Zustandekommen der Bedeutung.  Dort war es der Fall des Zusammenwirkens von Konvention und synoptischer Ähnlichkeit. Ebenso kann aber auch Konvention und kausaler oder sonst  äußerer Zusammenhang  vereint wirken. Praktisch tritt uns diese Tatsache recht augenfällig entgegen, wenn wir sehen, wie Menschen, insbesondere dann, wenn sie Zeichen benötigen, die aus sich selbst heraus verständlich sein sollen, ihre Zeichen kumulieren, um die gewünschte Wirkung hervorzubringen: das gesamte Mienenspiel, Gebärde und wenn möglich noch Stimmäußerungen müssen zusammenwirken; die sprachliche Mitteilung ist fast nie gänzlich ohne begleitendes Mienen- und Gebärdenspiel. Bei der militärischen Befehlsgebung wird das Kommandowort oft durch ausdrücklich festgesetzt optische Zeichen, Hand- oder Säbelbewegungen, unterstützt. Noch bedeutungsvoller sind Begleitumstände, die, weil sie außerhalb des  Gewollten  liegen, sich unserer Beachtung so leicht entziehen, die aber doch für das Zustandekommen des Verstehens der Bedeutung oft ganz wesentlich sind. Das klarste, selbstverständlichste, das am besten eingeprägte konventionelle Zeichen wird oft nicht verstanden, weil die richtigen Begleittatsachen und die richtige Umgebung fehlen. Ort und Zeitlage sind hierbei vielleicht das Wichtigste, außerdem aber gibt es wohl kaum einen noch so unscheibaren Umstand, der nicht gelegentlich für das Zustandekommen der Bedeutung wesentlich werden könnte. Wir müssen daher in einem  Gesamtzeichen  (8) folgende Elemente unterscheiden:
    1. jene Teilzeichen, die mit bewußter Absicht der Zeichengebung hervorgebracht werden,  finale  Elemente,

    2. solche Teilzeichen, die sich nebenbei sozusagen von selbst, naturgesetzlich einstellen,  reale  Elemente, und

    3. außerhalb liegende Umstände, die wir der  Situation  zuteilen.
Unter die erste Gruppe gehört z. B. die oben erwähnte Kumulierung akustischer mit optischen Zeichen bei der militärischen Befehlsgebung; was aus der zweiten Gruppe hinzutritt, ist das in der Regel nicht Gewollte beim Kommandowort: die eigentümliche Färbung der Stimme, die aus ihr zu erschließende Erregung, Energie, Strenge, Schärfe und dgl. des Befehls, kurz  der Ton, in dem befohlen wird,  insofern er sich  unwillkürlich,  naturgesetzlich, nicht mit schauspielerischer Absichtlichkeit, äußert; ebenso als  ungewollte  optische Ergänzung: Gesichtsfarbe, Körperhaltung des Befehlenden. Aus der dritten Gruppe,  Situation,  wirkt mit die Örtlichkeit: der Exerzierplatz, die militärische Kleidung, die bekannten Kameraden, die Aufstellung in Reih und Glied und dgl.

Speziell bei den  sprachlichen Bedeutungen  werden wir noch darauf näher zurückkommen müssen, inwiefern Stimmton, Organ des Sprechenden, Mienen, Gebärden einerseits und andererseits die Situation, der Zusammenhang und dgl. das Verständnis erleichtern und erschweren. Hier mußte dies alles nur deshalb erwähnt werden, weil auch hierdurch sich wieder die Grenzen zwischen natürlichen und künstlichen Zeichen verwischen, da eben die Komponenten sowohl das eine als auch das andere enthalten können.

Wurden wir nun so auf allerhand Schwierigkeiten in der Gruppierung der Zeichen nach dem Gesichtspunkt der Natürlichkeit oder Künstlichkeit geführt, so konnten wir doch unserer eingangs dieses Paragraphen gestellten Forderung einigermaßen nachkommen, uns darüber Aufschluß zu verschaffen, ob und unter welchen Bedingungen irgendein  A  geeignet ist als Zeichen für ein  B  zu dienen. Wir fanden, daß es gewisse Merkmale gibt, die ein  A  befähigen, aus sich heraus verstanden zu werden; daß andererseits wieder, wo diese fehlen,  Konvention  und  Tradition  das Verständnis zustande bringen. Während im ersteren Fall das für das Verständnis wesentliche Wissen umd die Bedeutung gleichsam aus dem Zeichen selbst erfließt, muß es in letzterem künstlich geschaffen werden. Während im ersteren Fall das Zeichen als solches aufgrund bestimmter Merkmale mehr oder weniger zweckmäßig gewählt sein muß, scheint es, daß um durch Konvention bzw. Tradition etwas bedeuten zu  können,  die Beschaffenheit des Zeichens als solches gleichgültig ist. Immerhin gibt es aber auch bei konventionellen und traditionellen Zeichen Umstände, die deren Brauchbarkeit zu erhöhen oder herabzusetzen geeignet sind und zwar gilt dies für konventionelle und traditionelle Zeichen nicht gleich. Im ersteren Fall zeigt sich, daß bei der  Zeichenschöpfung  neben jener inneren Zweckmäßigkeit, die, wie wir oben gesehen haben, der Zeichengeber nach Möglichkeit ausnützt, auch auf eine gewisse  äußere Zweckmäßigkeit  Rücksicht genommen wird. Es ist dies einerseits ein  leichtes Hervorbringen  des Zeichens, andererseits eine  leichte Wahrnehmbarkeit,  also das Zeichen muß kurz, klar, gut hörbar oder sichtbar und dgl. sein; man wählt helle Farben, scharf kontrastierende Farbenzusammenstellungen, leicht sich dem Gedächtnis einprägende Vorgänge etc.

Während dies aber hier planmäßig erwogen und absichtlich durchgeführt wird, können wir bei  traditionellen  Zeichen hiervon eigentlich nicht sprechen. Die Zeichen sind da, wie sie überliefert werden, mögen sie nun besonders zweckmäßig sein oder nicht; nur  a posteriori  gleichsam zeigt sich hierbei die Wirkung der den Zeichen innewohnenden größeren oder geringeren Zweckmäßigkeit: einige Zeichen erhalten sich im Laufe der Zeit, einige verschwinden, und zwar nicht selten gerade wegen derlei äußerlicher Unzweckmäßigkeit, also z. B. schweren Hervorbringens des Zeichens, schweren Haftens im Gedächtnis, geringer Sinnenfälligkeit und dgl.

Daß ein streng  konventionelles  Zeichen geradezu  unzweckmäßig  wäre, d. h. völlig untauglich, das zu bedeuten, was es soll, scheint schon durch die Tatsache der Konvention so gut wie ausgeschlossen.


§ 3. Das richtige und unrichtige Verstehen;
die Bedeutung als Norm und als virtueller Tatbestand.

Was man an psychischer Leistung vom Zeichengeber (G) und Empfänger (E) fordert, ja geradezu für selbstverständlich hält, ist, daß  G  das Zeichen kennt und daß  E  eben dieses Zeichen  verstehen, richtig deuten  muß. Über Ersteres haben wir bereits in den §§ 1 und 2 gesprochen, wo wir erörterten, wie die psychische Zuordnung von Zeichen und Bedeutung sich in  G  vollzieht bzw. zustande kommt. Das aber, was man speziell bei  E  mit dem Ausdruck  verstehen  bezeichnet, bedarf einer näheren Untersuchung, zumal es nach zwei Seiten hin eine wichtige Bedeutungsdifferenzierung aufweist, der nachzuforschen unerläßlich ist.

Was ist notwendig, so fragen wir, damit  E  ein Zeichen versteht? Wie jedermann antworten dürfte, erstens, daß er das Zeichen  wahrnimmt  und zweitens, daß er es  richtig deutet.  Näher besehen verlangt dies an psychischen Aktualitäten in  E  erstens Wahrnehmungsvorstellungen vom Zeichen und zweitens Phantasievorstellungen von dem, was diesem Zeichen zugeordnet ist; die in der Regel sich daran noch schließenden  Urteile  (über die Geltung dessen, was das Zeichen mitteilt), und andererseits  willkürlichen  oder  mechanisierten Bewegungen  bzw.  Handlungen  (die das vollführen, was das Zeichen verlangt), gehen beide schon über den Bereich dessen hinaus, was man so eigentlich das Verstehen des Zeichens nennt. Ich kann das Zeichen verstehen aber an die Wahrheit des Mitgeteilten doch nicht glauben, ich kann ein Zeichen verstehen, aber es nicht befolgen wollen, und dgl. So selbstverständlich und trivial dies nun sein mag, so muß doch sogleich nachdrücklich betont werden, daß wir hiermit nur eine der beiden möglichen - und tatsächlich häufig gebrauchten - Anwendungsweisen des Terminus  Verstehen  berücksichtigt haben. Wir nahmen es im  aktuellen  Sinn, im Sinn des augenblicklichen tatsächlichen Erfassens, psychischen Vollziehens der Bedeutung. Bekanntlich gebraucht man aber vielleicht ebenso häufig das Wort  Verstehen  im Sinne des  Dispositionellen,  des dauernden geistigen Besitzes, des Erlernt- oder Erfahrenhabens und nun dauernd Kennens einer Bedeutung. Wenn nun auch die Fälle überwiegen mögen, in denen diese beiden Arten von Verstehen, das aktuelle und das dispositionelle, Hand in Hand gehen, so wird doch gerade in jenen Fällen, wo die beiden auseinandertreten, der tiefgehende Unterschied beider recht greifbar. Jemand  versteht,  kennt ein Zeichen seit langem, aber im gegebenen Augenblick hat er es, sei es aus Zerstreutheit, Aufregung, Ermüdung oder was auch immer für eine Ursache  nicht verstanden.  Das dispositionelle Verstehen liegt vor, aber das Dispositionskorrelat, die Leistung, hat sich nicht eingestellt.

Der umgekehrte Fall, daß aktuelles Verstehen ohne Vorhandensein einer entsprechenden Disposition eintritt, scheint dann verwirklicht, wenn man ein vorher nie gesehenes Zeichen sogleich richtig deutet, versteht, ein Fall, den wir in § 2 wiederholt erwähnt haben. Doch fehlt hier nur die direkt determinierte Position; was aber unbedingt postuliert werden muß, ist das Vorhandensein einer allgemeinen oder höheren, umfassenderen Disposition; denn wäre die nicht da, so könnte eben die Wirkung, die Leistung, nicht eintreten. Und deshalb mußten wir auch im obenerwähnten Zusammenhang von allgemeiner Veranlagung, Scharfsinn und dgl. sprechen um das tatsächlich vollzogene Deuten des Zeichens erklärbar zu machen. Immerhin aber muß zugegeben werden, daß der Sprachgebrauch das Wort  Verstehen  in einem dispositionellen Sinn doch nur dort anwendet, wo die direkte Disposition hierzu vorliegt, das Gelernthaben, Wissen, Kennen des Zeichens und seiner Bedeutung. Wo bloß von einer Disposition zweiter Ordnung, allgemeiner Begabung, Scharfsinn die Rede ist, sagt man höchsten: "er kann dies verstehen", "sie könnte dies verstehen" aber nicht "sie versteht es".

Um nun das Verstehen in einem aktuellen Sinn näher zu untersuchen, vergegenwärtigen wir uns den schematischen Fall, daß durch Konvention festgesetzt wurde, daß  A  nun auch  B  bedeutet. Der Zeichengeber realisiert nun  A.  Wenn auf das hin der Empfänger das Zeichen  A  ungenau oder gar nicht wahrnimmt, und infolgedessen nicht an  B  denkt, hat er es - im aktuellen Sinn - nicht verstanden (9); ebenso wenn er zwar  A  wahrnimmt, aber aus was auch immer für einer Ursache  B  nicht psychisch realisiert. Das positive Gegenstück, das Verstehen, ergibt sich aus dem Gesagten von selbst. Und soweit läge die Sache einfach und klar. Nun machen wir aber gar oft einen Unterschied, der, wenn auch im Allgemeinen wenig beachtet, doch zu einem weiteren Eingehen geradezu nötigt. Wir sagen nämlich manchmal, der Empfänger habe  das Zeichen  verstanden, manchmal, er habe  den Zeichengeber  verstanden. Letzteres tritt ein, wenn der Empfänger aufgrund der Wahrnehmung von  A  eben dasselbe psychisch realisiert, woran der Zeichengeber gedacht hat, was er beabsichtigt hatte. Wenn dies aber der Fall ist und also der Zeichengeber verstanden wird, dann ist normalerweise  eo ipso  [schlechthin - wp] auch das Zeichen verstanden worden. Nun denken wir aber an den umgekehrten Fall. Jemand versteht (10)  ein Zeichen:  hat er dann  eo ipso  auch den Zeichengeber verstanden? In der Mehrzahl der Fälle dürfte dies wohl auch bejaht werden müssen, aber doch nicht immer. Wenn z. B. das Kind eines Bahnwärters ahnungslos mit der roten Fahne spielend dieselbe, etwa um einem Spielgenossen zu winken, schwingt und dadurch einen Zug zum Stillstehen bringt, dann kann man mit Recht sagen, der Lokomotivführer habe zwar das  Zeichen verstanden,  den  Zeichengeber  aber  mißverstanden.  Die "Bedeutung" des Zeichens und die Absicht, die Meinung des Zeichengebers fallen auseinander. Nur dann also, wenn die Meinungen von  G  und  E  gleich sind, ist  G  verstanden worden; das  Zeichen  aber wird verstanden, wenn  E  dasjenige beim Wahrnehmen des Zeichens denkt, versteht, deutet, was - nicht der einzelne, konkrete, augenblickliche Zeichengeber - sondern gleichsam der Zeichengeber  in abstracto  damit zu meinen pflegt; wenn  E  also den allgemeinen, dauernden, virtuellen Sinn des Zeichens erfaßt hat, oder wie man gewöhnlich sagt, dessen  richtige Bedeutung. 

Wenn wir nun diesen Unterschied im Verstehen Rechnung tragen, so müssen wir in der Beschreibung des psychisch Geforderten auf Seiten des Zeichengebers eine Modifikation unserer früheren Bestimmungen eintreten lassen, da, wenn es sich nur um das Verstehen des Zeichens, nicht des Zeichengebers handelt, letzterer durchaus nicht mit dem gegebenen Zeichen den richtigen Sinn zu verbinden braucht. Er kann vielmehr, wie in unserem Beispiel das Kind des Bahnwärters, einen falschen Sinn, oder auch gar keinen damit verbinden, ohne daß dadurch die Möglichkeit des richtigen Verstehens des Zeichens gehindert würde. (Vgl. auch hierfür wieder die schon früher herangezogene Geschichte von den Mohnköpfen des Königs  Sextus Tarquinius.) Ja gesetzt, es verbände  G  einen falschen Sinn mit dem Zeichen, und es wollte der Zufall, daß auch  E  das klar wahrgenommene Zeichen mißdeutet, so könnte sich der allerdings wenig wahrscheinliche Fall ereignen, daß  E  zufällig gerade jenen Sinn mit dem Zeichen verknüpfte, den  G  im Auge hatte. Hierdurch wäre aber der seltene und seltsame Fall verwirklicht, daß zwar die Zeichen von beiden mißverstanden würden, daß aber trotzdem  G  und  E  sich gegenseitig vollkommen verstanden hätten.

Um nun eine Übersicht über die Gesamtzahl der hierbei möglichen Fälle zu gewinnen, wollen wir uns dieselben schematisch zu veranschaulichen versuchen.  G  und  E  sollen wie bisher Zeichengeber und -Empfänger sein;  A  bedeutet den als Zeichen verwendeten Gegenstand oder Vorgang,  Ba  die diesem entsprechende Bedeutung oder das, was mit  A  gemeint ist,  Bx(-a)  jede möglicherweise damit verbundene Bedeutung mit Ausnahme von  Ba, ;N(-A)  irgendein Zeichen nur nicht  A  und analog. Nehmen wir dann an,  G  vollführt das als Zeichen dienende  A.  Von hier aus steigern sich nun die Möglichkeiten der Differenzierung in folgenden Dreiteilungen:
    I.  G  kann hierbei entweder

      1. an die richtige Bedeutung des Zeichens denken, als an  Ba  oder
      2. gar keinen Sinn damit verbinden (ø) oder
      3. einen falschen Sinn  Bx(-a)
In jedem dieser Fälle können nun:
    II. wieder drei Möglichkeiten auf Seiten des  E  eintreten

      1. er nimmt das Zeichen richtig war, A
      2. er nimmt nichts wahr (ø) oder
      3. er nimmt etwas falsches wahr,  N(-A) 
Im Ganzen also 9 Fälle. Von diesen 9 Fällen können sich nun wieder diejenigen, wo überhaupt etwas wahrgenommen wird, dreifach differenzieren, je nachdem  E  das Wahrgenommene
    1. richtig deutet,
    2. gar nichts deutet,
    3. falsch deutet.
Wo nichts wahrgenommen wird, bleibt auch normalerweise nur die einzige Möglichkeit, daß auch keinerlei Deutung erfolgt. Im ganzen also haben wir es mit 21 Möglichkeiten zu tun. [...]

Die Betrachtung der verschiedenen Fälle des verschiedenen Verstehens und Mißverstehens zeigt uns, daß das Verstehen des Zeichens und des Zeichengebers nicht immer Hand in Hand gehen muß, daß vielmehr die beiden auseinanderfallen können, wenn der individuellen Anwendung des gegebenen Falles gleichsam eine höhere Macht, eine durch Allgemeinheit sanktionierte Deutung des Zeichens gegenübersteht, von der im betrefenden Einzelfall abgewichen wird. Auf dieser Unterscheidung baut sich der Begriff der sogenannten  richtigen  Bedeutung auf, der sich beim Geber im "richtigen Anwenden des Zeichens", beim Empfänger im "richtigen Deuten" verwirklicht und der mit gewissen Schwierigkeiten behaftet ist, so daß wir ihn nunmehr näher ins Auge fassen wollen.

Gehen wir hier vom denkbar einfachsten Fall aus. Irgendein individuellen  G  will seinem Nebenmenschen  E  von irgendetwas Kunde geben und bedient sich hierzu eines natürliche, d. h. aus sich selbst ohne vorhergehende Abmachung verständlichen Zeichens; er erreicht auch seinen Zweck vollständig,  E  hat ihn und somit auch das Zeichen verstanden.

Hier ist bei  G  die Frage, ob er sein Zeichen  richtig  gegeben hat, kaum anwendbar, höchstens im Sinne einer teleologischen Bewertung, d. h. in Bezug auf  Zweckmäßigkeit,  also etwa: hat er sein Zeichen  richtig gewählt,  so daß wirklich ein vorher nicht unterrichteter  E  es verstehen konnte, und hat er es  richtig gegeben,  d. h. so deutlich und klar vollzogen, daß die Wahrnehmung von Seiten des  E  gesichert war? Beides trifft aber nicht das, was uns hier wesentlich ist. Diesem kommt die Art und Weise viel näher, wie auf Seiten des  E  das Wort "richtig" gebraucht wird:  E  hat
    1. das Zeichen  richtig wahrgenommen,  wenn er wirklich das gesehen hat, was  G  vollzog; er hat es

    2.  richtig gedeutet,  wenn er ben das dabei dachte, was  G  beabsichtigte.
Hier ist "richtig" nicht "zweckmäßig", sondern bedeutet eine Art von  Übereinstimmung,  ja geradezu eine Gleichheitsrelation, und zwar einerseits Gleichheit (oder mehr oder weniger Ähnlichkeit) zwischen dem objektiv existierenden Vorgang des Zeichens und dem Gegenstand der Wahrnehmungsvorstellung seitens des  E;  andererseits - und das ist für uns das Wesentliche - eine inhaltliche Gleichheit zwischen der von  G  und der von  E  vollzogenen Bedeutungsvorstellung. Aber auch diese beiden Arten sind noch nicht ganz das, was wir wollen; wir brauchen nicht eine Übereinstimmung schlechthin, sondern eine  Übereinstimmung mit einer Norm Immerhin aber sind wir dieser letzten Forderung teilweise schon näher gekommen. Denn wenn auch in unserem Fall keine allgemeine Normierung oder Konvention bezüglich des Zeichens feststeht, so ist doch dessen Selbstverständlichkeit eben nur basiert auf gewissen Fähigkeiten des menschlichen Geistes überhaupt, die erwarten lassen, daß nicht nur der spezielle einzelne, sondern jeder beliebige  E  das Zeichen auch verstehen können wird. Wenn daher irgendein  E  das Zeichen doch nicht versteht, so ist er damit sozusagen von der normalen Auffassungsgabe anderer Menschen abgewichen. War hingegen das Zeichen so unzweckmäßig, d. h. schwer verständlich, daß normalerweise eine Deutung desselben unwahrscheinlich sein mußte, dann wird man auch schwerer sagen können,  E  hat das Zeichen "unrichtig" gedeutet.

Volle Klarheit kommt aber in die begriffliche Fassung des Terminus "richtig" erst dann, wenn es sich um eine  allgemeine Norm  handelt und  "richtig" also im Sinn von Übereinstimmung mit dieser gebraucht wird.  Sowie auch nur innerhalb recht enger Grenzen eine gewisse Allgemeinheit oder noch einfacher gesagt, die Häufigkeit einer Zeichengebung vorliegt, so stellt das Häufige eine Norm dar, an der die einzelnen Fälle dann gemessen werden. Man sieht, daß die Grenzen dieses Begriffs sich nicht absolut scharf abstecken lassen, daß sich aber immerhin  in concreto  das Häufigere, also das relativ Stärkere, als die Norm gegenüber dem Selteneren oder gar Vereinzelten geltend macht. Natürlich wächst die Macht dieser Norm mit der zunehmenden Häufigkeit: was unter Tausenden, Millionen von Menschen und in ungezählter Wiederholung als Zeichen für einen bestimmten Tatbestand oder Gedanken gilt, das ist dadurch so außerordentlich gewichtig gemacht, daß man jede Abweichung davon durch den Ausdruck  "unrichtig"  als minderwertig zu bezeichnen sich berechtigt fühlt.

Aber diese normative Kraft erlangt ein Zeichen nicht bloß durch Häufigkeit - wie es bei traditionellen Zeichen meist der Fall ist - sondern sehr oft hängt dieselbe von einer die Bedeutung schaffenden Konvention ab, insofern diese mehr oder weniger autoritativ, wirksam, oder mehr oder weniger  allgemein  ist, d. h. insofern sie sich entweder auf einen größeren bis unbeschränkten Zeitraum erstreckt oder aber eine mehr oder weniger große Anzahl von Personen umfaßt.

Erst bei einem so einigermaßen hohen Grad von Allgemeinheit, bzw. Geltungskraft hat es einen guten Sinn, zu sagen, das Zeichen "hat" diese oder jene Bedeutung, wobei "haben" eben als gleichbedeutend mit "dauernd haben" gebraucht ist. Mit zunehmender Allgemeinheit der Bedeutung eines Zeichens steigert sich aber auch die Möglichkeit einer Abweichung, die Möglichkeit des unrichtigen Gebrauchs und ebenso auch die Möglichkeit eines Auseinanderfallens von Verständnis des Zeichens und des Zeichengebers.

Der hiermit beschriebene Fall der normalen oder richtigen Bedeutung zeigt uns aber auch, daß wir es hier nicht mehr mit aktuellen Tatbeständen zu tun haben sondern mit mehr oder weniger virtuellen Bestimmungen. Vorerst ist es klar, daß wenn ein Zeichen seine "virtuelle" Bedeutung "hat", die Fortdauer dieses Zustandes sozusagen unabhängig ist von einer psychischen Aktualisierung der Bedeutung, d. h. also von wirklich sich abspielender Zeichengebung und richtiger Zeichendeutung. Allerdings von völliger Unabhängigkeit kann nicht die Rede sein, denn als Mindestmaß von psychisch Aktuellem muß jedenfalls nicht nur der wenigstens einmalige tatsächliche Vollzug von Zeichen und Bedeutung verlangt werden, sondern auch jene entweder Häufigkeit oder Intensität dieses Vollzugs, die, wie wir oben angedeutet haben, erst die dauernde Norm schafft. Es muß durch  aktuellen Vollzug  etwas  virtuell Dauerndes  geschaffen worden sein. Liegt dieses einmal vor, dann ist die Aktualisierung nicht mehr wesentlich erforderlich.

So wäre also, wie wir annehmen wollen, das Zeichen zu einer  dauernden, fixen Bedeutung  gelangt. Wie stellt sich dieser Tatbestand einer eingehenden Analyse dar? Zwei sprachliche Wendungen liegen uns hierfür vor. Die eine faßt das objektiv Gegebene, das Zeichen ins Auge, die andere die dabei beteiligten Subjekte. Man sagt entweder, das Zeichen  hat die Fähigkeit, in den Menschen diese oder jene Bedeutungsvorstellung zu erwecken,  oder aber man sagt,  die Menschen haben sich eben das Verständnis dieses Zeichens, also die Fähigkeit, das Zeichen richtig zu deuten, erworben.  Soll es nun zu einer aktuellen Auslösung des Verständnisvorgangs kommen, so ist nur noch der Erreger, das tatsächlich vollzogene Zeichen sowie dessen tatsächliche Wahrnehmung notwendig: in den zum Zustandekommen wirklichen Verstehens notwendigen Ursachenkomplex gehört einerseits das Zeichen, andererseits die betreffende psychische Disposition des Menschen. Wenn aber die Alltagssprache, wie eben berührt, die  Fähigkeit des Zeichens,  dieses oder jenes zu bedeuten, und die  Fähigkeit des Menschen,  das Zeichen so oder so zu deuten, auseinanderhält, so liegt hier dieselbe Ungenauigkeit vor, die auch sonst gegenüber Ursachenkomplexen häufig ist. Es wird nämlich aus einem solchen je nach Standpunkt und Bedürfnissen des Sprechenden dieses oder jenes Element herausgegriffen und voreilig als "die Ursache" oder "die Bedingung" bezeichnet. So auch hier. Betrachtet man den ganzen Vorgang vom Standpunkt der hierbei mit beteiligten psychischen Individuen, so spricht man von der Disposition zum Verstehen des Zeichens als der notwendigen Vorbedingung (es ist dies das von uns oben erwähnte dispositionelle Verstehen; liegt aber das Zeichen im Vordergrund des Interesses, dann heißt es, das Zeichen "habe die Fähigkeit, bestimmte psychische Wirkungen hervorzubringen". Hierbei muß nur betont werden, daß letztere Ausdrucksweise, obwohl vielleicht häufiger gebraucht, doch durch die darin liegende Personifikation des ansich toten Zeichens irreleitend werden kann. Eine lehrreiche Analogie hierzu bietet sich auf anderen wichtigen Gebieten des psychischen Lebens: wenn wir Kunstwerke oder Naturgebilde schön nennen, oder ihnen die Fähigkeit zuschreiben, ästhetisches Wohlgefallen zu erregen, so stellen wir uns eben nur auf den einen der beiden möglichen Standpunkte, denn gewiß ebenso wesentlich notwendig sind psychische Beschaffenheiten dispositioneller Natur im betreffenden Subjekt, damit die ästhetische Wirkung zustande kommt. Wenn wir der Gewitterwolke die Fähigkeit zuschreiben, im erfahrenen Landsmann Besorgnisse und infolgedessen Vorsichtsmaßregeln hervorzurufen, so ist auch wieder auf die hierzu notwendigen psychischen Dispositionen des Landmannes nicht Rücksicht genommen; sie sind, vielleicht als selbstverständlich, übergangen.

Wenn immerhin die beiden letzterwähnten Beispiele nicht völlig gleichartig mit unserem Fall vom Verständnis konventioneller Zeichen erscheinen, so ist dies trotz der von uns hier nachgewiesenen wesentlichen Übereinstimmung doch nicht zu übersehen. Der Grund der Verschiedenheit liegt 1. in charakteristischen Merkmalen der in den psychischen Individuen zu postulierenden Dispositionen: um konventionelle Zeichen zu deuten, müssen die betreffenden Dispositionen durch Übung, Gewohnheit, Erlernen und dgl.  geschaffen  worden sein, während Naturvorgänge oder Kunstwerke, um gedeutet, bzw. gefühlsmäßig gewürdigt zu werden, nicht so sehr erlernter als  angeborener  oder zumindest nur  unwillkürlich angeeigneter  Disposition bedürfen; 2. aber gründet sich der oben angedeutete Unterschied ganz besonders auf das eigentümliche - man möchte sagen -  Gewichtsverhältnis  zwischen dem Anteil am Zustandekommen der psychischen Wirkung, der einerseits der gegenständlichen Beschaffenheit des Zeichens, Naturvorgangs, Kunstwerks als solchen und andererseits dem subjektiv-dispositionellen Moment zukommt. Bei den konventionellen Zeichen spielt die psychische Disposition sozusagen eine größere Rolle als bei Naturvorgängen (realem Bedeuten) oder Kunstwerken. Damit letztere die betreffenden psychischen Wirkungen hervorrufen, muß nur im Allgemeinen eine gewisse, allerdings mehr oder minder differenzierte, Empfänglichkeit da sein; der Hauptanteil an der psychischen Wirkung aber fällt dem Objekt, also z. B. dem Kunstwerk, zu. Sind wir doch gewohnt, bei gewaltigen ästhetischen Wirkungen immer nur nach jenen im Objekt liegenden Beschaffenheiten zu forschen, die wir als Ursachen dieser Wirkungen bezeichnen können, und hierbei dann oft den Anteil der hierzu erforderlichen psychischen Veranlagungen gänzlich zu vernachlässigen; ein Vorgehen, das bekanntlich zu dem, gerade in neuester Zeit so sehr angekämpften, jedenfalls einseitig konzipierten Begriff des objektiv Schönen geführt hat. Ebenso ist die Deutung der drohenden Wetterwolke hauptsächlich durch die objektiv gegebenen Tatsachen empirisch nahegelegt; in der Beschaffenheit der kausalen Vorgänge des Naturlebens ist auch die psychische Wirkung auf den Landmann in erster Linie begründet; daß dazu gewisse intellektuelle Dispositionen in ihm vorhanden sein müssen, übersieht man wegen der vergleichsweise geringeren Bedeutung letzterer. Damit aber ein künstliches, z. B. streng konventionelles Zeichen verstanden und richtig gedeutet werden kann, ist das Vorhandensein der wie immer gearteten psychischen Disposition unzweifelhaft die oberste und ausschlaggebende Bedingung; das konventionelle Zeichen findet seine Verlebendigung gleichsam im Vorhandensein jener psychischen Dispositionen, die dessen Verständnis bewirken. Daher erklärt es sich wohl auch, daß man auf die Frage, wieso ein Zeichen gerade dieses oder jenes bedeutet, in der Regel in der Antwort auf die die Bedeutung schaffende Konvention, amtliche Verfügung und dgl. gewiesen wird. Man rekurriert also  nicht auf Merkmale und "Fähigkeiten" des objektiven Zeichens  sondern, zwar nicht auf Dispositionen von Individuen, aber auf jene Vorgänge, die direkt und ausschließlich auf die Schaffung solcher Dispositionen abgezielt und diesen ihren Zweck auch erreicht haben. Dabei ist es natürlich klar, daß dieser bedeutungsschaffende Akt, die  thesis,  wenn er den Zweck der  Dispositionsbildung  nicht erreicht, gewiß fruchtlos und gänzlich nichtig bleibt.

Andererseits ist es begreiflich, daß die andere Betrachtungsweise, die ihr Augenmerk auf das objektiv Gegebene legt, hier weniger häufig begegnen dürfte: man sagt selten, das Signal oder Zeichen hat die Fähigkeit, in den Empfängern diese oder jene psychische Wirkung hervorzurufen; denn so wenig auch seine Stellung als Teilursache im Gesamtkomplex irgendwie in Zweifel gezogen werden darf, so sehr leuchtet es ein, daß gerade in diesem Fall der anderen Teilursache oder besser Bedingung, der in den Menschen geschaffenen Disposition, das Übergewicht zukommt.  Nur im Hinblick auf diese Dispositionen kann ja überhaupt gesagt werden, das Zeichen habe die Fähigkeit, eine bestimmte Bedeutungsvorstellung zu erwecken. 

Diese auf den ersten Blick vielleicht befremdliche These fügt sich leichter unserem Denken, wenn wir folgende recht bemerkenswerte Tatsache genügend erwägen. Es ist üblich, nach der "Bedeutung" eines Wortes zu fragen, und ebenso üblich, in den Wörterbüchern auf diese Frage mehr oder weniger erschöpfend Auskunft zu erteilen. Wenn es nun da etwa heißt, das Wort  A  bedeutet irgendein  B,  so ist das eine abgekürzte Ausdrucksweise, es ist der Zusatz weggelassen,  für welche Menschen  und  zu welcher Zeit  es diese Bedeutung hat. Es gibt schlechterdings kein Wort, das zu allen Zeiten und an allen Orten seine Bedeutung gehabt hätte und sozusagen noch weniger ein Wort, das nie und nirgends, aber doch  etwas,  bedeutet hätte. Daß die Lexika sich meist diesen Zusatz ersparen, ist natürlich vollkommen begreiflich, weil sie einerseits auf ihrem Titel sagen,  welche  Sprache bzw. welche Nation sie im Auge haben und weil andererseits auch irgendeine historische, mehr oder weniger abgegrenzte Sprachperiode zugrunde gelegt wird, oder aber geradezu die geschichtliche Bedeutungsentwicklung mit genauen Zeit- und Ortsdaten vor Augen geführt wird. Diese beiden hier urgierten Bestimmungen nun enthalten aber etwas, was dem Wort als solchem aufgrund qualitativer Bestimmungen durchaus nicht anhaftet sondern sich ganz unverkennbar auf die die Sprache redenden Menschen bzw. auf deren psychische Dispositionen bezieht. Sprechen wir von Wörtern toter Sprachen und von deren Bedeutung, so wollen wir ja auch nur feststellen, welche Bedeutungsvorstellungen in den seinerzeit die Sprache handhabenden Menschen dispositionell daran geknüpft waren.

So sehen wir also, daß das Wesentliche an dem, was wir die  dauernde  Bedeutung eines Zeichens nannten, in erster Linie die  psychischen Dispositionen  sind, die mit mehr oder weniger Dauer in den das Zeichen anwendenden Menschen vorhanden sind. Wenn man andererseits auch den Zeichen als solchen die Fähigkeit zuspricht, so oder so auf die Menschen zu wirken, so ist das im Grunde doch nur eine andere Auffassung und Betrachtung derselben Tatsache; denn diese Fähigkeit steht und fällt mit den oben genannten Dispositionen. - Mit allen dispositionellen Tatbeständen teilt nun natürlich auch dieser die charakteristische Eigentümlichkeit, von der einzelnen Aktualisierung unabhängig zu sein; deshalb kann auch der Schein entstehen, als "habe" ein Wort seine Bedeutung, mag jemand dieselbe aktuell vollziehen oder nicht.

Wir haben gesehen, inwieweit dies richtig, inwieweit es unrichtig ist. Die Fortdauer der Bedeutung ist streng genommen davon unabhängig, ob sie im einzelnen Fall aktualisiert wird oder nicht; die Entstehung der Bedeutung aber setzt unbedingt solche Aktualisierungen voraus. - Es ist ebenso eine aus dem Dispositionsgedanken im Allgemeinen erfließende Bestimmung, daß die jeweiligen Aktualisierungen aus den verschiedensten Gründen auf die hinter ihnen liegende Disposition selbst wieder zurückwirken, eine Tatsache, der wir ganz besonders auf dem Boden der sprachlichen Bedeutungen einen ganz gewaltigen Einfluß zusprechen müssen.

Nur bei jenen Zeichen, deren Sinn sich, wie wir in § 2 näher ausgeführt haben, aus ihren qualitativen Bestimmungen von selbst ergibt, oder bei denen die allerdings konventionelle Geltung durch derlei Merkmale erleichtert, der Kurswert also sozusagen durch Eigenwerte gestützt wird, ist die Gewichtsverteilung der beiden Komponenten (Zeichen oder psychische Disposition) mehr zugunsten der ersteren verschoben und nähert sich somit den von mir beispielsweise herangezogenen Fällen ästhetischer Wirkung von Kunstwerken oder psychischen Auswirkungen von Naturvorgängen und Ähnlichem.
LITERATUR: Eduard Martinak, Psychologische Untersuchungen zur Bedeutungslehre, Leipzig 1901
    Anmerkungen
    1) Daß dies in erstaunlich weitem Umfang möglich ist, beweist die Gebärden- oder Zeichensprache im engeren Sinn, deren sich Taubstumme bedienen und von der mehrfach berichtet wird, daß sie internationale Verständlichkeit besitzt und zwar, was gerade hier wesentlich ist, auch bei ganz unzivilisierten Volksstämmen. Vgl. ANTON MARTY, Über den Ursprung der Sprache, Seite 89; WUNDT, Physiologische Psychologie, Bd. 2, Seite 611f u. Anm. und HEINRICH GOMPERZ, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Seite 58 u. Anm.
    2) So z. B. die in der Kartographie speziell als "konventionell" geltenden Zeichen: ein Posthorn für Fahrpost, eine etwas schematisierte Zeichnung eines Briefes für Briefpost, eines Weinstockes für Weingärten, eines Ziehbrunnens für einen solchen, zwei gekreuzte Schwerter für den Ort einer Schlacht; andererseits etwa die strengst konventionellen Zeichen, die das französische Wörterbuch von SACHS-VILLATTE gebraucht: ein Zahnrad für Technik, zwei gekreuzte Hämmer für Bergbau, ein Anker für Marine, ein Galgen für Gaunersprache und dgl. oder ähnlich in KÜRSCHNERs Literaturkalender.
    3) Vgl. das früher über die SACHS-VILLATTEsche Zeichen Gesagte; außerdem MARTY, Über den Ursprung der Sprache, Seite 104f.
    4) Ich entnehme dies allerdings nur mündlichen Mitteilungen, deren volle Gültigkeit ich nicht mehr zu verifizieren vermag. - Wer dieses Beispiel ablehnt, mag aus seinem Erfahrungskreis analoge Fälle substituieren; das Posthorn z. B. als kartographisches Zeichen für ein Postamt fängt bereits an vom Natürlichen ins Konventionelle überzugehen.
    5) Vgl. gerade in Bezug auf die volkstümliche Seite der Sache HERMANN SCHRADER, Aus dem Wundergarten der deutschen Sprache, Weimar 1896, Seite 1-123.
    6) ALOIS HÖFLER, Psychologie, Seite 538
    7) Die Wichtigkeit dieser Gruppe erhellt sich unter anderem auch aus der großen Rolle, die ihr MARTY (Über den Ursprung der Sprache, Seite 79f) zuweist.
    8) Ich gebrauche diesen Ausdruck hier analog, wie es üblich ist von Gesamtursache gegenüber Teilursachen zu sprechen.
    9) Feineres Sprachgefühl würde hier allerdings vielleicht lieber sagen: "er hat es nicht gehört" und würde das Nicht-Verstehen auf den folgenden Fall einschränken. Aber die gewöhnliche Sprache scheidet nun einmal so genau nicht. Vgl. HERMANN PAUL, Deutsches Wörterbuch, Seite 513.
    10) Selbstverständlich ist in diesem Zusammenhang  Verstehen,  wenn es ohne Zusatz gedacht wird, immer in einem aktuellen Sinn gemeint.