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LEO WEISGERBER
Die sprachliche
Erschließung der Natur

- I I -

Gestaltung der Welt
Das Weltbild der Mundart
Das Worten der Welt
Die sprachlichen Zugriffe sind unverkennbar; ihre Rolle bei der Konstituierung der "Gegenstände" der sinnlichen Bereiche ist in deutlicher Weise festzustellen.

Jener Aufteilung der Pflanzenwelt in vier zweckbezogene Gruppen mag man die sprachliche Erschließung der Tierwelt zur Seite stellen, wie sie das Mittelhochdeutsche in vier mehr ordnenden Gruppen durchgeführt hatte. Noch bei LUTHER findet sich als Inbegriff der Erscheinungen der Tierwelt die Ordnung: nachdem der allmächtig Gott  fisch, vögel, viehe, gewürm  und  thier  erschaffen. Diese Aufzählung ist im Sinn der älteren deutschen Sprache vollständig; denn entscheidend für deren Bild war die Bewegungsart (alles, was schwimmt, fliegt, kriecht und läuft), und nur der Bereich der Haustiere, des  viehes , ist für sich herausgehoben, während die Notwendigkeit eines Oberbegriffs im Sinne des nhd. Tier sich noch nicht durchgesetzt hat. Es ist übrigens noch für unser heutiges Bild wesentlich, daß diese Gliederung des Tierfeldes im Verlauf des Nhd. zunehmend erschüttert wurde, ohne aber als ganze durch ein ebenso übersichtliches Bild ersetzt zu werden.

Es wirken dabei mit die wissenschaftlichen Ordnungen der Zoologie, insbesondere LINNÈs sechs Klassen der  Vierfüßler, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten, Würmer  mit Untergruppen wie  Säugetiere  usw. Der wichtigste Abschnitt ist das 18. Jahrhundert mit der "Entdeckung" der Insektenwelt, durch die nicht nur die Aufmerksamkeit auf bisher weithin unbeachtete Arten gelenkt wurde, sondern auch die Gruppen der Vögel und Würmer stark in Bewegung kamen; ebenso haben die Käfer ihre "geistige" Geschichte. Auch die Entwicklung von Ungeziefer ist in diesem Zusammenhang wichtig. Das Heranwachsen von Tier selbst zum Oberbegriff mit den anschließenden Begriffen vom Tierreich, der Tierweit entscheidet sich in demselben Zeitraum.

Das für uns Wichtigste aus diesen Vorgängen ist die wechselnde Prägung zu "geistigen Gegenständen". Nicht nur dies ist offenbar, daß es etwa Ungeziefer nur im menschlichen Urteil geben kann (entsprechend Wild, Geflügel - in der Beschränkung auf das dem Menschen Dienliche). Es kann das menschliche Urteil bis in Einzelheiten hinein sprachlich geführt erscheinen. Sicher werden sich dabei immer wieder die Bedingungen der Tierwelt selbst bemerkbar machen, aber was sich ergibt, ist kein "objektives", sondern ein menschliches Bild, nicht Zoologie, sondern Muttersprache.

Im Zusammenhang mit der Pflanzen- und Tierwelt drängt sich auch besonders die Frage nach der Leistung des namenartigen Sprachgutes auf. Wenn es schon in der Natur kein Unkraut und kein Obst gibt, sondern dafür der sprachliche Zugriff des Menschen hinzukommen muß, wie steht es dann mit  Blume, Rose, Vergißmeinnicht ? Die sind doch da auch ohne den Menschen und seine Sprache. Auch hier gilt es, genau zu überlegen. Daß bei 'Blume' der sprachliche Zugriff noch gegenstandskonstitutiv wirkt, zeigt sich schon in dem Nebeneinander von Blume und Blüte einerseits, Blume und Kraut (Gras) anderseits. Die Botanik könnte diese Unterscheidungen nicht ausreichend begründen, und die Sprachvergleichung zeigt schon in der nächsten Umgebung (frz. fleur, herbe) andere Verfahrensweisen. Bei Rose können wir, auch ohne das Problem der Gattungen und Arten ausdrücklich aufzuwerfen, folgende Beobachtungen festhalten: Selbst wenn wir die Komposita, in denen Rose für botanisch völlig Disparates auftritt (Pfingstrose, Christrose u. ä.), ausscheiden, bleibt Rose ein menschlicher Zugriff und zwar in doppelter Weise. Daß Rose ein Sammelbegriff ist, zeigt sich schon darin, daß die auf Naturangemessenheit zielende Terminologie der Botanik für alle tatsächlichen Rosenarten noch ein zusätzliches Kennwort braucht, wobei diese Teilungen aber keineswegs übereinstimmen mit den genaueren Kennzeichnungen, mit denen sich der Alltag hilft (rote, gelbe, weiße Rosen, allenfalls Teerose u. ä.).

Dazu kommt, daß die Rose ein ausgesprochener Gegenstand der Pflanzenzucht ist, Rose also auch ein Terminus in einer Fachsprache der materiellen Kultur, in der weniger die reinen Erscheinungen der Natur als die Erzeugnisse kultureller Einwirkungen im Vordergrund stehen. Schon von da aus ist zu verstehen, daß Pflanzennamen wie Rose durchaus nicht einfache Namensetiketten für vorgegebene Naturerscheinungen sind, sondern durchaus noch Wörter, die an der gestaltenden Kraft der Sprache Anteil haben. - Aber selbst auf der untersten Stufe, im Bereich von Vergißmeinnicht und Augentrost und Herbstzeitlose, bleibt nicht nur die fixierende Wirkung, die der Name ganz allgemein hat (namenlose Pflanzen haben eine sehr anfällige Stellung im Bewußtsein des Menschen); zumeist hat der Name darüber hinaus noch etwas "Sprechendes", einen Hinweis des Lautzeichens, der über die rein botanische Verarbeitung hinausweist und in den "Begriff" dieser Pflanze etwas von Wertung (Tausendgüldenkraut), von Bedeutsamkeit (Augentrost umschließt auch eine Aufforderung zum Gebrauch), von Eigenart und Wunschgehalt (Herbstzeitlose, Vergißmeinnicht) einfügt. Selbst an den gegenstandsnächsten Pflanzen- und Tiernamen hängt also noch sprachliche Zutat. Der Mensch kann mit den Objekten nicht unvoreingenommen umgehen, sondern nur gemäß der Art, wie die Sprache sie ihm zuführt.

Solche Überlegungen werden dann doppelt dringlich, wo der Mensch Erscheinungen der belebten Natur nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie in seine Zwecke einbaut. Daß damit eine Ausweitung des Naturwortschatzes in einen Kulturwortschatz gegeben ist, wurde bereits erwähnt. Die sprachliche Stellung der Haustiere liefert besonders einprägsame Beispiele. Wie das Pferd etwa dem Bewußtsein vorgeführt wird (wurde?), läßt sich an den früher gegebenen Hinweisen ablesen: Geschlecht (Hengst, Stute), Alter (Fohlen), Gebrauchswert (Mähre), Einschätzung (Roß), augenfällige Merkmale (Schimmel, Rappe) u. ä.: all das ist ja nicht Reflex reiner Eindrücke, sondern Ergebnis von Beobachtung und Beachtung. Daß dem Tierzüchter noch vieles andere beachtenswert wird, versteht sich von selbst. Daß umgekehrt bei "uninteressanteren" Tieren und Pflanzen selbst deutliche sinnliche Unterscheidungsmerkmale unbeachtet bleiben, ergänzt völlig unser Ergebnis: Tier- und Pflanzenwelt gehen in unsere Sprache ein nicht gemäß ihrem eigengesetzlichen Aufbau (in diesen hat der Mensch keinen adäquaten Einblick), auch nicht als von menschlicher Wissenschaft erschlossene Gebiete (Zoologie und Botanik treffen sich weder in ihren Zielen noch in ihren Methoden noch in ihren Ergebnissen mit der Sprache), sondern gemäß muttersprachlicher Gestaltung, so wie sie in Zehntausenden von Jahren sich aus den Erfahrungen und Strebungen, Neigungen und Wertungen in den Wortzugriffen ausgeprägt und dem Bewußtsein der Sprachgemeinschaft dauerhaft eingeprägt hat.

Die aufschlußreichsten und zugleich wichtigsten Beobachtungen im Gefolge dieser Betrachtungsweise ergeben sich dort, wo die natürlichen Bedingungen des Menschen selbst sprachlich erschlossen werden. Die Frage, welches Bild der Mensch von sich selbst, seiner natürlichen Stellung, seinem sinnlichen Tun hat, läuft weithin darauf hinaus, welche sprachliche Sicht seine Muttersprache ihm zu diesen Bereichen eröffnet.

Im Grunde wären hier alle die einschlägigen Beispiele aufzunehmen, die in unseren inhaltbezogenen Betrachtungen eine Rolle spielten, und gemäß der Frage fortzuführen, welche Richtung geistiger Prägung in dem dort festgestellten Aufbau wirksam erscheint. Wir wollen aber solche Beispiele, die lediglich die bisher schon angetroffenen Richtungen sprachlichen Zugriffs bestätigen, nur kurz anführen, um verwickeltere Probleme, wie sie mit dem sprachlichen Aufbau der Sinnenwelt auftauchen, etwas ausführlicher besprechen zu können.

Den besten Prüfstein für die Notwendigkeit und Ergiebigkeit der energetischen Betrachtung bilden aber die Wortbestände, die es mit der Sinnesausrüstung des Menschen zu tun haben. Hier spielt "Natur" in doppeltem Sinne hinein. jedes Sinnesorgan ist selbst ein Ausschnitt aus der sinnlichen Natur der Menschen, und die Anschauungen, die die Sprache über seinen Aufbau und seine Wirksamkeit vermittelt, gehen in die Grundlagen menschlicher Selbsterkenntnis ein.

Anderseits eröffnet jedes Sinnesgebiet, Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Getast, einen eigenen Zugang zur umgebenden Natur, und wie die dadurch erzielbaren Aufschlüsse in das sprachliche Weltbild eingebaut werden, ist ein überaus anziehendes und wichtiges Beobachtungsfeld. Es handelt sich nicht nur um den abgestuften Anteil der einzelnen Sinne an dem Gesamtbild von den sinnlich faßbaren Erscheinungen; die Frage, welchen Anteil der "Augenmensch" am Weltbild der nhd. Sprache hat gegenüber dem hörenden, schmeckenden, tastenden, greift weit über einzelne Felder hinaus und führt an Grundzüge der sprachlichen Welterschließung heran. Aber auch schon der Gedanke, wie das sprachliche Begreifen der Leistungen der einzelnen Sinne zu beurteilen ist, bietet den Ansatz zu recht weitreichenden Überlegungen. lnsgesamt macht dieser doppelte natürliche Einschlag die Frage nach dem sprachlichen Aufbau der Sinneswelt zu einem der aufschlußreichsten Forschungsprobleme.

Den besten Einblick in diese Verhältnisse vermittelt das Beispiel der Farben. Es war früher bereits einiges über die Gliederung des Farbenfeldes im Nhd. zu sagen. Dabei wurde festgestellt, daß das Farbfeld im Nhd. einen Stand aufweist, der den ganzen Bereich der Farben und Helligkeiten durch einige wenige abstrakte Adjektive (rot, grün, blau, gelb, braun, weiß, grau, schwarz, weniger wichtig violett, rosa, lila) überschaubar macht, so daß jeder einzelne Farbton ohne Schwierigkeit begrifflich eingeordnet werden kann. Das ist eine sehr stark gedanklich bestimmte Lösung. Daneben läuft eine doppelte Art gegenstandgebundenen Begreifens. Einmal die Möglichkeit, den einzelnen Farbton von einem bestimmten Farbträger aus zu sehen (kornblumenfarbig, weniger bestimmt rosenfarbig, sekundär auch rosenrot). Sodann ein Verfahren, das in allgemeinerer Form einen gewissen Farbbereich bei einem (oder auch mehreren) Farbträger festlegt, ohne ihn durch das Feld der Grundwörter oder ausdrückliche Eigenart der Farbträger in seinem Wert scharf zu umgrenzen (blond, falb).

Hatten wir diese Gliederung zunächst einmal unter dem Gesichtspunkt des sprachlichen Feldaufbaus festgestellt, so erhebt sich nun grundsätzlich die weitere Frage nach der Begründung dieses Befundes: Wie verhält sich dieses sprachliche Farbbild zur "Natur"? Wie verläuft hier die Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Objekt? Und wie durchleuchtet die sprachliche Welterschließung die sinnlichen Fähigkeiten des Menschen und durch diese hindurch dann noch weiter die physikalischen und chemischen Vorgänge, die als Reize hinter den Sinnesempfindungen stehen? Diese Doppelheit der Frage gibt dem Problem seine besondere Note.

Daß wir es bei den Farbwörtern nicht mit einfachen Spiegelungen natürlicher Verhältnisse zu tun haben, ergibt sich rasch aus folgenden Überlegungen: Eine unmittelbare Verbindung zwischen dem inhaltlichen Aufbau des sprachlichen Farbfeldes und den Vorgängen der Natur, auf die dieses sich bezieht, kann gar nicht bestehen. Was die Physik feststellen kann, ist zunächst die Verschiedenheit der Erscheinungen, auf die die Helligkeitswörter  weiß, grau, schwarz  zielen, von den Vorgängen, die mit den eigentlichen Farbwörtern  rot, grün, gelb, blau, braun  gefaßt sind. Die Absorption des Lichtes ist an das zusätzliche Mitwirken der Körper gebunden und kann die ganze Folge vom Nichts bis zum Alles durchlaufen, so daß hier eine umgrenzbare Reihe vorliegt.

Die eigentliche Farbwirkung dagegen ist an das selbständige Wirksamwerden von Farbwellen gebunden und dabei physikalisch als der Teilbereich der sichtbaren Farben gekennzeichnet, jener Skala von Wellen zwischen 0,4 und 0,7 millionstel Millimeter zwischen ultraviolett und infrarot, die ein in der Natur selbst in keiner Weise abgegrenzter oder untergeteilter Ausschnitt aus einer durchgehenden Folge von Wellen ist. Wenn wir uns nun die Ordnung "begriffener" Farben in der Form eines Doppelkegels vorstellen konnten, so ist offenbar kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den natürlichen Bedingungen und der Struktur des sprachlichen Bildes aufweisbar. Zwischen Sein und Bewußt-Sein muß auch hier ein Vorgang des Umschaffens eingeschaltet sein. Noch richtiger wir haben hier mit zwei Prozessen zu rechnen, die vom Physikalischen über das Physiologische ins Bewußte führen, wobei im Bewußten selbst der individuell-psychische Eindruck zu trennen ist von der sprachlich-geistigen Prägung.

Die übliche Analyse dieses Weges hält sich wiederum zunächst an die "Natur", an das Sinnesorgan selbst, das menschliche Auge mitsamt den von ihm vermittelten Empfindungen. Der Gedanke braucht nur ausgesprochen zu werden, um einzuleuchten: alles, was im menschlichen Bewußtsein als Farbe eine Rolle spielen kann, beruht selbstverständlich auf der Art des Arbeitens des menschlichen Auges. Es steht in doppelter Weise unter den Bedingungen menschlicher "Sicht", sowohl in der Umwandlung physikalischer Reize in menschliche Empfindungen wie in der Umgrenzung des Bezirkes der möglichen Sinneseindrücke. Der Schluß liegt nahe: wenn schon die Natur selbst nicht gespiegelt ist, so wird (unter Einrechnung der Wahrscheinlichkeit, daß die menschlichen Sinne auf die lebenswichtigsten natürlichen Vorgänge hingeordnet sind) das gedankliche Bild des Farbkegels der Widerschein des Baues des menschlichen Auges sein.

Der Weg zur "Natur" ist bei den Sprachmitteln, die uns die menschlichen Sinnesempfindungen bewußt machen, nicht einfach zu finden. Vielmehr muß das sprachliche Umschaffen der Erscheinungen verdoppelt in Rechnung gestellt werden, und damit wandeln sich die scheinbaren sprachlichen "Ergebnisse" zu Ausgangspunkten der richtigen Fragen nach dem Vollzug menschlicher Welterschließung. Sicher faßbar ist zunächst nur das, was wir als Aufschlußformen unmittelbar in der Gliederung der entsprechenden Sprachfelder antreffen; es ist der jeweilige Stand des Begreifens, des geistigen Verfügbarmachens dieser Erscheinungen mit all seinen Bindungen an die Lebensbedingungen und Interessen der Menschen. Auf die Frage, wo und wie es  rot  gibt, kann man sinngemäß nur antworten:  rot  ist uns gegeben zunächst als Wort, als lautinhaltliche Ganzheit; mit  rot  hat man also zu rechnen im Sinne eines Wortinhaltes, wie das für den Wortlaut niemand bezweifelt, und dieser Inhalt  rot  hat den Charakter muttersprachlicher Energeia - d. h. sein Daseinsort ist eine bestimmte (in diesem Falle die neuhochdeutsche) Sprache, sein Geltungsbereich die entsprechende Sprachgemeinschaft und seine Daseinsform die eines Zugriffs der in dieser Sprachgemeinschaft "wirklichen" geistigen Formung des Seins. Dieser sprachliche Ansatz ist das einzig sicher Faßbare, und so ist als fester Ausgangspunkt der Stand der sprachlichen Welterschließung mit größter Genauigkeit herauszuarbeiten.

Auf jeden Fall ist die Grundbedingung gültig daß die welterschließende Kraft der Sprache nicht lediglich aufnehmend diesen Erscheinungen begegnet, sondern mit ungeahnter Stärke das bewußte Sein mitgestaltet.

Diese Grundverhältnisse erscheinen als so wichtig, daß zur weiteren methodischen Klärung alle Sinnesbereiche einzubeziehen wären. Was für die Farben gilt, muß grundsätzlich auch bei den anderen Sinnen beachtet werden. Dort, wo es uns auf die natürlichen Bedingungen und das Einzelbewußtsein anzukommen scheint, gewinnt tatsächlich die muttersprachliche Zwischenwelt und damit die sprachliche Weltgestaltung die Bedeutung einer Schlüsselstellung sowohl für die Beurteilung des Einzelbewußtseins wie für das Erkennen der natürlichen Voraussetzungen. Die entscheidende Frage bleibt: Wie läßt sich im Vollzug der sprachlichen Welterschließung der Anteil des "Seins" von dem des "Bewußt-Seins", der "Anstoß der Sachen" und die "Antwort des Geistes" trennen?

So ist also gerade der Befund über die sprachliche Verarbeitung des einzelnen Sinnesbereichs geeignet, uns ein Bild davon zu vermitteln, in wie mannigfaltiger Weise die sprachlichen Kräfte mit daran beteiligt sind, das, was die Sinne uns körperlich vermitteln, einzufügen in das Bild, das wir im Bewußten daraus gestalten und zur Grundlage unseres Verhaltens machen. Im einzelnen mögen die Bedingungen verschieden sein, aber im Grundvollzug hebt sich die Stellung der Sprache gerade beim Vergleich der einzelnen Gebiete um so eindringlicher heraus. Die sprachlichen Zugriffe sind unverkennbar; ihre Rolle bei der Konstituierung der "Gegenstände" der sinnlichen Bereiche ist in deutlicher Weise festzustellen.

Die vorgeführten Beispiele werden es anschaulich genug gemacht haben, zu welchen Problemen der Gedanke von der sprachlichen Gestaltung der Welt führt, wenn man ihn in Richtung auf die verschiedenen Bereiche der Natur hin durchdenkt. Es ist unbestreitbar, daß wir auf allen Stufen mit der Sprache als Energeia rechnen müssen; es gehört zu den unausschaltbaren Grundbedingungen, daß nicht die Natur, so wie sie ist, in unser Bewußtsein eingehen kann, sondern nur so, wie sie abschließend umgeformt ist durch die sprachliche 'Weltgestaltung. So wie heute niemand mehr die Ansicht vertreten könnte, daß die sinnliche Seite der Farben oder Geschmäcke einfache Tatbestände der Außenwelt seien, so wird man in Zukunft auch die geistige Seite, das "bewußte Sein" nicht mehr naiv in die Natur selbst projizieren dürfen. So wie es feststeht, daß die chemischen und physikalischen Reize ins Menschliche umgewandelt werden müssen durch die Arbeit unserer Sinnesorgane, so müssen sie nun als Empfindungen geistig weiterverwandelt werden, und der Vollzug dieses "Umschaffens in das Eigentum des Geistes", das ist nichts anderes als die "Wirklichkeit der Wörter einer Muttersprache".

Man kann sich diesen Gedanken nicht nachdrücklich genug einprägen. Und zwar als einen sinnvollen, der in keiner Weise die Einseitigkeiten enthält, die ihm leicht unterschoben werden. Gerade im Hinblick auf die Natur sind "nominalistische Irrtümer" am leichtesten zu vermeiden. Es handelt sich nicht darum, einseitig die geistgestaltende Kraft der Sprache herauszustellen auf Kosten des "realen Seins" der Dinge. Überall können wir bisher tatsächliche "Dinge", Tatbestände, Vorgänge als natürliche Ansatzpunkte für das menschliche Bewußtsein voraussetzen, und die Sprachforschung hat keinerlei Anlaß, das Dasein dieser Dinge anzuzweifeln oder herabzusetzen. Aber wir müssen auch der anderen Hälfte zu ihrem Recht verhelfen, dem Hineinwirken menschlicher Auffassung, menschlichen Urteilens und Wertens. Erst in der Wechselwirkung beider Seiten gestaltet sich ein menschliches Bild der Natur heraus, das einzige, das der Mensch erreichen kann, und das einzige, das ihm dienlich ist. Der Vollzug dieser Wechselwirkung, das ist im Grunde genommen Sprache, Entfaltung der menschlichen Sprachfähigkeit. Die dauerhaften geschichtlich wirksamen Formen der darin beschlossenen Welterschließung, das sind die einzelnen Muttersprachen, die geltenden Formen des sprachlichen Zugriffes, das sind die einzelnen Wörter und Sprachmittel.

So ist also auch das bewußte Erfassen der Natur zu beurteilen, so wie es im Weltbild der deutschen Sprache ausgeprägt ist. Mit seinem Wirklich-werden im Wortschatz der Muttersprache ist es maßgeblich für das weitere Auffassen und Verarbeiten der Naturerscheinungen, so weit die deutsche Sprache reicht. Und so ist es auch begründet, daß jedes Bemühen um Verständnis, Vertiefung und Überprüfung unseres "Weltbildes" mit dieser sprachlichen Welterschließung rechnen, ja, an ihr in erster Linie ansetzen muß.

Wenn Sprache nicht einfache Wiederholung, sondern geistige Verarbeitung der Welt ist, dann kann der "natürliche" Aufbau dieser Welt, selbst wenn er uns offenläge, nicht das Gesetz der Sprachwelt sein. Die naive Gleichsetzung beider ist durch jedes unserer Beispiele widerlegt worden: mag es sich um den  Orion  handeln oder um das  sauer  oder um den  Onkel  oder was sonst immer von keinem läßt sich sagen, daß "es" das bereits in der Natur "gebe", ganz abgesehen von den unabsehbaren Gebieten, in denen von "natürlichen" Begründungen überhaupt nichts zu sehen ist. Man kann nicht dagegen einwenden, wir bewegten uns in einem Kreise: ausgehend von der Überzeugung, daß der Mensch ein beschränktes Wesen ist, das keinen unmittelbaren adäquaten Zugang zur Welt hat, werde nun dieser Abstand überall gesehen und einseitig hervorgehoben. Gewiß muß man genau formulieren: die Existenz und das Mitspielen der "Außenwelt" sollen weder geleugnet noch vermindert werden, aber daß es Unkraut vor einem menschlichen Urteilsakt nicht geben kann, ist ebenso sicher, und daß jedes Sprachmittel im Kern einen solchen Zugriff vollzieht und dauerhaft setzt, zeigt sich immer aufs neue. Wiederum wird man nicht zu leugnen brauchen, daß die "objektiven Verhältnisse" menschliche Erfahrungen und Urteile hervorlocken; aber die Reaktion bleibt immer Antwort des Menschen, und es läßt sich von außen nicht vorausberechnen und begründen, wie diese Antwort ausfällt. Viel mehr müssen wir auch hier die Wurzel der Zugriffe im Menschen suchen.
LITERATUR - Leo Weisgerber, Die sprachliche Gestaltung der Welt, Düsseldorf 1973