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THOMAS DEWAR WELDON
Kritik der politischen Sprache

Politik und Philosophie
Die Illusion der absoluten Wertmaßstäbe
Kritik der klass. politischen Philosophie
"Platon behauptet im "Staat", daß er das wahre Wesen der Gerechtigkeit entdeckt habe; in Wahrheit beschränkt er sich auf eine einzige unter den möglichen Gebrauchsweisen dieses Wortes."

Die klassische Theorie der Wortbedeutung, welche ich nun im vorhergehenden Abschnitt skizziert habe, steht in keiner logischen Verknüpfung mit einer bestimmten Ontologie oder einem allgemeinen Weltbild, betreffend das Wesen und die Struktur des Universums und seiner Bestandteile. Sie fördert jedoch die Entwicklung eines solchen Weltbildes; die großen griechischen Metaphysiker, deren hauptsächlichstes Interesse der Mathematik, der Geometrie und der Astronomie galt, hielten es für selbstverständlich, daß die Wahrheit über die Tatsachen der Welt durch die Untersuchung der Bedeutung von Worten herausgefunden werden könne.

Bei PLATON sieht dies etwa so aus: Jeder Gegenstand der Erkenntnis muß scharf begrenzt, genau beschreibbar und unwandelbar sein. Daraus folgt, daß wahrnehmbare Gegenstände, für sich genommen, keine Gegenstände der Erkenntnis, sondern bloß Gegenstände eines minderen Denkvermögens sind, welches "Meinung" genannt wird. In gewissem Sinn sind jedoch auch wahrnehmbare Dinge, einschließlich der Menschen, wirklich. Daher müssen wir sagen, daß sie Bestandteile jener wahren Wesenheit, welche die an den eigentlichek Erkenntnisgegenstand geknüpften Bedingungen erfüllt, irgendwie gehalten oder zumindest als Beispiele veranschaulichen. Auf diese Weise gelangt man zu der Ansicht, daß nicht nur Hauptwörter stets die Namen von identifizierbaren Dingen sind, sondern daß auch die Dinge, deren Namen sie sind, unwandelbar und ewig sind.

Beides ist falsch, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Anziehungskraft. Oberflächlich betrachtet, haben "Sonne" und die Namen der Planeten und Fixsterne tatsächliche Bedeutungen, die klar voneinander abgegrenzt, bestimmt und unveränderlich sind. Die Namen von Menschen haben dieselben Eigenschaften, obwohl die von ihnen bezeichneten Personen nicht unveränderlich sind. Diese wachsen heran, werden alt und sterben schließlich. Wir kommen jedoch um diese Schwierigkeit herum, indem wir erklären, daß der wirkliche, die wahre Wesenheit darstellende Sokrates ewig und unsterblich ist. Dann hat auch "Sokrates" eine unwandelbare fixierte Bedeutung; das Wort bezeichnet den wirklichen Sokrates, seine wahre Wesenheit, die unsterbliche Seele.

Wenden wir uns nun dem politischen Vokabular zu, so zeigt sich, daß es leicht ist, die Namen von Staaten - "Athen", "Sparta" usw. - auf die gleiche Weise zu behandeln wie die Namen der menschlichen Wesen. Die griechischen Staaten eignen sich hierfür besonders gut, da man im volkstümlichen Denken gewohnt war, sie zu personifizieren und mit ihren männlichen oder weiblichen Schutzgottheiten gleichzusetzen. Angesichts dessen war es eine einfache und natürliche Sache, einen Schritt weiter zu gehen und anzunehmen, daß auch "Mut", "Gerechtigkeit", "Freiheit" und "Autorität" irgendwelche genau umgrenzte und unwandelbare Wesenheiten bezeichneten, daß jedes derartige Wort eine einzige wahre Bedeutung in sich schließe und daß es wichtig sei, diese Bedeutung aufzuspüren. Man bekräftigte diese Ansicht damit, daß es andernfalls unmöglich wäre, die wahrgenommenen Dinge zu erkennen (wir könnten etwa glauben, daß wir die Sonne wahrnehmen, wenn es sich in Wirklichkeit um den Mond handelt) und daß es dann auch unmöglich wäre, die Organisation von Staaten oder die Auswahl von Staatenlenkern mit einiger Aussicht auf Erfolg vorzunehmen.

Sobald man dieser Ansicht zustimmt, läßt sich die Aufgabe der Philosophen im allgemeinen und die Aufgabe des politischen Philosophen im besonderen unschwer definieren. Sie besteht darin, die wahre oder wirkliche Bedeutung der Worte festzustellen, beziehungsweise die unwandelbaren Wesenheiten oder Ideen, die von den Worten bezeichnet werden, zu erforschen. Wie der Philosoph dies eigentlich vollbringen soll, bleibt dabei im Dunkeln. Platon war zu einer bestimmten Zeit der Meinung, daß die Menschen mit der Kenntnis dieser Wesenheiten als Teil ihrer geistigen Ausstattung zur Welt kommen und daß mit "Philosophie" ein Veredelungsprozess bezeichnet werde, durch welchen man flüchtige Wahrnehmungen zu dauernder Erkenntnis emporläutert, oder ein Geburtshelferprozess, durch welchen man die Trennung des Wahren von den Illusionen bewirkt, oder auch ein besonderer Prozess der Rückerinnerung, durch welchen man wiedergewinnt, was einst bekannt war, aber fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist.

Dergleichen Mythologie bedarf keiner weiteren Beachtung, denn die Schwierigkeit, zu deren Beseitigung sie erfunden wurde, ist selbst bloße Erfindung. Dies wird offensichtlich, sobald wir anerkennen, daß Worte und Sätze keine magischen Beschwörungen sind. Sie sind nicht einmal naturgegebene Zeichen, welche den von ihnen gemeinten Dinge oder Situationen ähneln oder regelhaft entsprechen. Das Bild eines Löwen assoziiert sich mit Mut, das eines Kaninchens mit Furchtsamkeit; und vielleicht gibt diese Art von Bildhaftigkeit einen Fingerzeig für die historische Entstehung von Sprachen. Aber bei den Worten, die sich uns heute darbieten, handelt es sich fast ausschließlich um konventionelle Symbole, obgleich ein Rest ihrer primitiveren Gebrauchsweise des öfteren sich erhalten hat.

Symbole haben nichts Heiliges oder Unwandelbares an sich. Sie sind Produkte der menschlichen Erfindungskraft und haben nur soviel Bestimmtheit ansich, als wir ihnen im Gebrauch zubilligen. Klarerweise müssen sie einigermaßen dauerhaft und präzise sein, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen, welcher darin besteht, daß wir uns mit ihrer Hilfe verständigen können; denn solche Verständigung wäre vereitelt, wenn sie uns nicht die Möglichkeit böten, mit einiger Genauigkeit zu beschreiben, was wir sehen und hören. Doch läßt sich nicht behaupten, daß hierfür ein 'besonderer' Grad von Dauerhaftigkeit und Präzision, welche in der Mathematik und formalen Logik auf Grund deren besonderer Aufgaben mit Recht gefordert wird, so ergäbe dies ein sehr untaugliches Werkzeug für den gewöhnlichen Gesprächs- oder Beobachtungszweck. Dieser Sachverhalt darf jedoch nicht mißverstanden werden; aus dem Unterschied zwischen den Erfordernissen der formalen Logik und jenen der natürlichen Sprache läßt sich nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß einem der beiden Symbolsysteme, oder gar beiden, irgendwelche Mängel anhaften müßten.

Die obigen Erwägungen machen deutlich, daß die Frage nach der wahren Bedeutung von "Gerechtigkeit" zu nichts führt. Wie die meisten anderen Worte des gewöhnlichen Sprachgebrauchs hat "Gerechtigkeit" keine allein richtige, die eigentliche Wesenheit enthüllende Bedeutung. Es gibt keinen exakten Maßstab für den richtigen Gebrauch dieses Wortes, und eben deswegen ist es von Nutzen. Wir können ihm, wenn wir dies für zweckmäßig halten, eine mehr oder minder exakte Bedeutung 'verleihen'; dann verliert es seine im allgemeinen Gebrauch nützliche, vage Mehrdeutigkeit zugunsten einer mehr oder minder fachtechnischen Gebrauchsweise.

Dies ist nichts ungewöhnliches, insbesondere in der juristischen Terminologie; die gewöhnliche und fachtechnische Gebrauchsweise bleiben dann nebeneinander bestehen, wie etwa bei "Betrug" und "Eigentum". Daraus braucht keine Verwirrung entstehen, denn der Zusammenhang läßt für gewöhnlich erkennen, welche Gebrauchsweise vorliegt. In solchen Fällen bleibt es den Lexikon-Autoren überlassen, sich dahin zu entscheiden, ob wir es nun mit 'zwei' Worten zu tun haben - "Betrug 1" und "Betrug 2" - welche gleich aussehen und gleich klingen, oder um 'ein' Wort, welches zwei verschiedene, aber verwandte Gebrauchsweisen hat. Hingegen ist es sinnlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob die amerikanische oder die russische Gebrauchsweise des Wortes "Demokratie" die einzig richtige sei.

Der Sachverhalt, um den es hier geht, läßt sich auch dahingehend erläutern, daß "Definieren" zweierlei heißt: einerseits "ein sprachliches Äquivalent darbieten", andererseits "die übliche Gebrauchsweise angeben". Im einen Fall definiert man mit Hilfe eines oder mehrerer Wörter, die als Ersatz für das betreffende Wort dienen können, ohne daß sich dadurch an der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes, in dem dieses Wort vorkommt, etwas ändert; solche Definitionen sind deshalb zweckmäßig, weil sich für das zu definierende Wort häufig einfachere oder üblichere Ersatzworte finden lassen. Im anderen Fall definiert man mit Hilfe von Beispielsätzen, in denen das zu definierende Wort vorkommt und durch welche seine 'logische Funktion' erläutert werden kann.

In diesem Zusammenhang gehören z.B. Sätze wie "Er glaubt leidenschaftlich, daß..." und "Er weiß leidenschaftlich, daß..." Der eine Satz ist richtig, der andere nicht; aber durch eine solche Feststellung wird noch kein Beitrag zur Definition der Worte "glauben" und "wissen" geleistet.

Aufgrund der oben angeführten Tatbestände ist es nicht überraschend, daß die Gebrauchsweise eines Wortes - und das heißt: die Wortbedeutung - sich mit der Zeit verändert; manche Worte verlieren ihre Verwendbarkeit und geraten entweder völlig außer Gebrauch oder erhalten eine neue Bedeutung, die von der bisherigen gänzlich verschieden sein kann. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, auf welchen Wegen dies geschehen kann, denn auf diese Weise ließe sich so manche Mystifikation des politischen Denkens vermeiden.

Der beste - und häufigste - Grund für das Verschwinden eines Wortes oder für das Auftauchen einer neuen Wortbedeutung ist wohl die Entdeckung neuen Tatsachen betreffend die Beschaffenheit dieser Welt; ein simples Beispiel hierfür liefert die Geschichte von wissenschaftlichen Fachworten wie"Phlogiston" und "Äther". Diese Worte wurden erfunden, um mit ihnen bestimmte chemische und physikalische Sachverhalte zu erläutern; man glaubte, daß es Stoffe gäbe, wovon sie die Namen wären. Große Anstrengungen wurden unternommen, um die Existenz dieser Stoffe experimentell zu beweisen, doch die Versuche blieben erfolglos. Es stellte sich nicht nur heraus, daß Phlogiston und Äther nicht beobachtbar waren, sondern allmählich auch, daß es keine beobachtbaren Phänomene gab, die nur durch die hypothetische Existenz dieser Stoffe erklärt werden konnten, denn mittels anderer Hypothesen ließen sich wahrscheinlichere Erklärungen finden. Solcherart verloren diese Worte schließlich ihre Funktion und landeten auf dem Abfallhaufen der Sprache. Sie haben immer noch ihre Wortbedeutung im Sinne von "Wortdefinition"; man kann sie im Lexikon nachschlagen. Aber sie haben insoweit keine Bedeutung, als sie nicht gebraucht werden. Sie sind tot.

Mit solchen Worten ist leicht fertig zu werden, weil sie Fachwörter sind. Sie wurden absichtsvoll erfunden, um eine Spezialaufgabe zu erfülen; sobald sich herausstellte, daß sie hierfür nicht oder bloß mangelhaft geeignet waren, verschwanden sie zugleich mit ihrem Daseinszweck und ohne eine Spur zu hinterlassen. Worte, die dem allgemeinen Gebrauch dienen, sind zäher. Auf Grund ihrer weniger exakten Bedeutung haben sie größere Chancen zu überleben und auf neue Art gebraucht zu werden.

Nehmen wir z.B. die Worte "Geist" und "Teufel". Sie ähneln "Phlogiston" und "Äther" insofern, als sie einige ihrer Gebrauchsweisen eingebüßt haben. Wir verwenden sie heute nicht mehr so, wie dies unsere Vorfahren taten, weil wir andere, befriedigendere Methoden entdeckt haben, um das Auftreten von Naturkatastrophen, körperlichen und geistigen Erkrankungen, Halluzination und dgl. zu erklären. Aber sie sind nicht im gleichen Sinn tot wie "Phologiston" und "Äther", denn es gibt immer noch Leute, die behaupten, daß sie damit etwas anfangen können. In diesem Zusammenhang muß man beachten, was hier sinnvollerweise zum Gegenstand unserer Nachforschung gemacht werden kann - nämlich nicht etwa die Frage "Gibt es Geister oder Teufel?" sondern "Welches sind die wirklichen oder angeblichen Phänomene, zu deren Beschreibung oder Erklärung wir die Worte "Geist" und "Teufel" benötigen würden, und sind dies tatsächlich Phänomene, die wir ohne diese Worte oder deren Synonyme nicht auf zufriedenstellende Weise beschreiben oder erklären könnten?"

Worum es hier geht, wird durch die Geschichte von Worten wie "Zweck" und "freier Wille" in den letzten 350 Jahren trefflich illustriert. DESCARTES und seine Nachfolger hatten den lobenswerten Ehrgeiz, sich keiner Wörter zu bedienen, die ohne Funktion und daher zum Sterben bestimmt sind. Sie waren sich darüber im klaren, daß "verborgene Essenz" oder "Formen der Substanz" Redensarten sind, mit denen sich nichts Nutzbringendes anfangen läßt. Daß Opium einschläfert, weil es ein "vis dormitiva" oder "hypnotische Potenz" besitzt, ist eine Erklärung, die nichts erklärt. Die Cartesianer ließen daher nur mechanische Ursachen als Erklärungsgründe gelten; von "Zweck" und "freiem Willen" hielten sie nichts (außer als theologische Beschwichtigungsmittel).

Diese Striktheit war ausreichend, solange die Physik als einzige Wissenschaft gelten mußte, die ernsthafte Erfolge aufzuweisen hatte. Zur Beschreibung oder Erklärung der Gegenstände, mit denen wir es in der Physik zu tun haben, brauchen wir weder als "Zweck" noch als "Wahl". Mit der Entwicklung anderer Wissenschaften erwies sich solcher Sprachgebrauch jedoch als hinderlich. Es ist unzweckmäßig, ja unmöglich, die Vorgänge, mit denen sich die Biologie, Psychologie und Soziologie befassen, klar zu beschreiben, wenn wir uns auf den Wortschatz beschränken müssen, der für die Beschreibung von Maschinen durchaus angemessen ist. Daher sind "Wahl", "Zweck" und andere Worte der gleichen Familie allmählich und gleichsam verschämt wieder eingeführt worden, wobei vieles, was einst darin impliziert war, fallengelassen wurde.

Unterdessen hat man allerdings viel Zeit und Energie daran gewendet, falsch formulierte Fragen zu stellen - z.B. "Was ist das Wesen des freien Willens, des Lebens, des Zwecks?", "Gibt es einen freien Willen?" usw., anstatt richtigerweise zu fragen: "Läßt sich menschliches oder tierisches Verhalten beobachten, zu dessen Beschreibung oder Erklärung wir das Wort 'freier Wille' benötigen?" In der Politik sind die "natürlichen Rechte" eine Redensart, die sich auf recht ähnliche Weise entwickelt hat wie die vom "freien Willen"; Beispiele von außer Gebrauch geratenen oder sterbenden Redensarten sind offensichtlich "göttliches Recht", "königliche Gewalt" und dgl., welche vorgeblich die eigentliche Wesenheit des Monarchen bezeichnen, nämlich seinen magisch-übernatürlichen Status.

Die Bedeutung eines Wortes kann sich dadurch ändern, daß sich die Tatsachen selbst ändern und die Bedeutung ihnen angepaßt werden muß. Dieser Vorgang ist vor allem in der Politik wichtig, denn menschliche Gemeinschaften wandeln sich ziemlich rasch. Ein gutes Beispiel ist hier die Gebrauchsweise von "besitzen". In der Umgangssprache bezeichnen die Sätze "Hans besitzt eine Uhr" oder "Diese Uhr gehört Hans" einen Sachverhalt, der nichts Geheimnisvolles oder Kompliziertes ansich hat. Wir verstehen darunter, daß Hans die Urh benützen, verschenken, ruinieren und überhaupt damit tun kann, was er will, wenn er sie nicht gerade als Wurfgeschoss gegen andere Leute verwendet. Die Polizei wird nichts unternehmen, um ihn in seinem Besitz zu behindern, wohl aber gegen jeden einschreiten, der solche Behinderung versucht.

In der Tat ist alles durchaus einfach, solange die meisten Dinge, an denen die Menschen Interesse haben, auf diese durchsichtige Art zu jemandem gehören. Die Sache wird jedoch sogleich komplizierter, wenn es sich um gemeinschaftliches Eigentum handelt, um eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, um Verstaatlichung usw. Hier geraten wir in Verwirrung und beginnen zu vermuten, daß eine Frage wie "Wem gehört der Hauptbahnhof?" bereits ein philosophisches Problem darstellt. Wir haben das Gefühl, daß es jemanden geben muß, der zum Hauptbahnhof in der gleichen Beziehung steht, wie Hans zu seiner Uhr, den "X besitzt den Hauptbahnhof" ist ein sprachlich einwandfreier Satz; doch wenn wir ihn erweitern und sagen "Der 'Staat' besitzt den Hauptbahnhof", so scheint daran etwas nicht mehr zu stimmen; wir sind dann versucht zu fragen "Und wer ist die Person, die 'der Staat' heißt?" "Gibt es eine solche Person überhaupt?", "Ist sie sehr reich?" usw. Damit machen wir uns jedoch überflüssige Sorgen. Die richtige Antwort lautet, daß niemand den Hauptbahnhof in dem Sinn besitzt, in dem Hans eine Uhr besitzt. Der zugrunde liegende Sachverhalt ist völlig klar. In einigermaßen fortgeschrittenen politischen und ökonomischen Gemeinwesen ist es zweckmäßiger, bestimmte Güter und Dienstleistungen einer Kontrolle durch Beauftragte der Regierung zu unterwerfen, anstatt sie in der Verfügungsgewalt von Privatpersonen zu belassen.

Diesen Sachverhalt in einer möglichst zweckmäßigen sprachlichen Form wiederzugeben, ist vor allem die Aufgabe der Juristen. Sie können hierfür entweder ein neues fachtechnisches Wort erfinden oder die Bedeutungssphäre eines bereits in Gebrauch stehenden Wortes erweitern. Für gewöhnlich verdient die zweite Methode den Vorzug, weil sie eher zur Klärung als zur Verwirrung des Sachverhaltes beiträgt - verwirrt werden in der Regel nur die politischen Philosophen - und weil die neue Wortbedeutung oft schon mit dem natürlichen Ablauf der Ereignisse auf unkritische Weise ins Leben getreten ist. Gegen den Satz "Der Staat besitzt den Hauptbahnhof" ist daher nichts einzuwenden, solange man sich darüber klar ist, daß hiermit auf kurzem Weg ein recht komplizierter und ökonomischer Sachverhalt beschrieben wird. Es ist damit nicht gemeint, daß es dem Oberhaupt des Staates oder dem Chef der Regierung oder sonst jemandem freisteht, den Hauptbahnhof in die Luft zu sprengen oder zu verschenken; es ist bloß eine Sache der Zweckmäßigkeit, ob wir das Wort "besitzen" so verwenden wie zur Darstellung eines einfacheren Besitzverhältnisses oder ob wir hierfür ein neues Wort erfinden. Wichtig ist nur, daß wir nicht auf die Idee kommen, es gäbe eine Person namens "der Staat" welche wir nun zum Gegenstand unserer Nachforschungen machen müssen.

Fragen vom Typ "Wem gehört der Hauptbahnhof?" haben soviel Verwirrung gestiftet, daß es sich lohnt, eine weitere solche Frage zu analysieren, um völlige Klarheit zu schaffen. "Wem schulden wir unsere Einkommenssteuer?" ist ein recht geeignetes Beispiel. Hier tritt uns die übliche Wortbedeutung klar umrissen in Sätzen wie "A schuldet B zehn Mark" entgegen. Wir erwarten in diesem Zusammenhang die Namen von zwei Personen sowie den Namen einer Sache oder die Bezeichnung einer Geldsumme, für gewöhnlich auch noch die Hinzufügung "für dieses oder jenes", z.B. für ein paar Schuhe; der Satz, in dem dies alles Platz findet, ist nicht nur korrekt, sondern auch verständlich. Aber wem schuldet Herr Meier seine Einkommenssteuer, und wofür schuldet er sie?

Die Antwort lautet kurz und bündig, daß er sie dem Staat schuldet, und zwar für die Dienste sozialer und anderer Art. Aber wir müssen uns daran erinnern, daß "Staat" nicht der Name einer Person ist und daß staatliche Dienstleistungen nicht so einfach zu beschreiben sind wie ein paar Schuhe oder die Dienste eines Gepäckträgers, der drei Koffer zum Zug gebracht hat. Es besteht kein Widerspruch zwischen der Feststellung, daß meine Versicherungsgesellschaft in einem Jahr, in dem ich sie nicht beanspruche, nichts für mich tut, weil sie mich eben versichert - wofür ich ihr Geld schulde. Wir stehen somit wieder vor der Situation, daß die Bedeutung eines vorhandenen Wortes erweitert wurde, um mit der Entwicklung der Realität Schritt zu halten. Und wiederum bringt uns dies nur dann in Schwierigkeiten, wenn wir annehmen, daß die neue Wortbedeutung irgendwelche neuen, sonderbaren Personen und Dinge ins Leben ruft, - sozusagen Doppelgänger jener Personen und Dinge, die mit der alten Wortbedeutung gemeint waren. Die sprachliche Zweckmäßigkeit gebiert keine metaphysischen Wesenheiten, obgleich es fatalerweise sehr einfach ist, dies anzunehmen - vor allem, wenn wir die klassische Theorie akzeptieren, daß Worte absolute Bedeutungen haben.

Die Suche nach der "wahren Bedeutung" von Worten oder Sätzen ist vergeblich. Es gibt nichts dergleichen, außer man meint damit die triviale Tatsache, daß Ausländer und Kinder die "wahre Bedeutung" eines ihnen fremden Wortes erlernen müssen. Wenn es keine "wahre Bedeutung" gibt, so heißt dies doch nicht, daß wir - wie Humpty Dumpty in "Alice im Wunderland" - der Meinung sein müssen, daß jedes Wort alles bedeuten kann. Es gibt tatsächlich keine unwandelbar feststehenden 'eigentlichen' Wortbedeutungen oder Begriffe, aber innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes und innerhalb einer bestimmten Gesellschaft ist der Sprachgebrauch ausreichend fixiert und unabhängig von Laune oder Willkür des einzelnen Sprechers.

Dies ist nicht überraschend und bedarf keiner kosmologischen oder theologischen Erklärung. Der Wortgebrauch ist - innerhalb der gegebenen Grenzen - einfach deshalb unveränderlich, weil die Gegenstände und Situationen, denen sich die Menschen gegenübersehen und deren Beschreibung, Erörterung oder auch Umwandlung für sie nötig ist, innerhalb der gegebenen Grenzen gleichfalls ziemlich unveränderlich sind. Gegenstände wie Situationen ähneln einander auf mannigfache Weise, und sie ähneln einander auch zu verschiedenen Zeiten. Innerhalb solcher Ähnlichkeit gibt es jedoch nur selten einzelne Elemente, die für verschiedene Personen oder auch für dieselbe Person zu verschiedenen Zeiten einfach identisch sind. Folglich läßt sich kein 'einzelnes' Merkmal angeben, welches zu entscheiden erlaubt, ob ein Wort wie "Staat" richtig gebraucht wird, und das Gleiche gilt von "Gerechtigkeit", "Mäßigung" und den übrigen derartigen Worten. Die Sache ist eher so, daß es zu einer gegebenen Zeit 'eine Reihe' von solchen Merkmalen gibt und daß auch dann noch die richtige Gebrauchsweise eines Wortes vorliegt, wenn nicht 'alle' derartigen Merkmale zutreffen. Wir haben es bei der Wortbedeutung eher mit einem Mehr oder Weniger zu tun als mit jenem unzweideutigen Entweder-Oder, welches von der klassischen Theorie gefordert wird.

Dies ist eine Entscheidung, wie sie ähnlich auch im Bereich der Gesetzgebung auftritt. Ein bestimmtes Gesetz läßt sich richtigerweise als "gerecht" bezeichnen, wenn es die finanziellen Lasten jenen auferlegt, welche sie derzeit am ehesten tragen können; zugleich mag es insoweit "ungerecht" sein, als dies vermutlich solche Bürger sind, die in der Vergangenheit fleißig und sparsam waren, wofür sie nun - verglichen mit jenen, die sorglos und verschwenderisch warenn - gewissermaßen bestraft werden. Dazu mögen viele Faktoren kommen, die gleichfalls berücksichtigt werden müßten, und ein Gutteil von ihnen mag so beschaffen sein, daß sie einander bei der Abwägung teilweise aufheben; immerhin wird man ein Maß von Ungerechtigkeit in Kauf nehmen, wenn auf der anderen Seite ausreichend Gutes bewirkt werden kann.

Wenn SOKRATES auf seiner Suche nach der wahren Bedeutung der Worte des politischen Vokabulars eingestandenermaßen fast nie zu einem Ergebnis gelangte, so eben deshalb, weil es keine solche wahre Wortbedeutung gibt - obgleich die Leute, mit denen er sprach, diese Worte auf vernünftige Weise gebrauchten und einander ohne Schwierigkeiten verstanden. Ihre Gebrauchsweise hatte nicht jenen Grad von Präzision, der mit bestimmten fachtechnischen Worten erreichbar ist; sie drückten sich gerade so präzise aus, wie es notwendig ist, um in der Welt, in die man hineingeboren wird, sich ausreichend zu verständigen. Ändert sich diese Welt, so ändert sich auch die sprachliche Ausrüstung, mit der die Menschen sie beschreiben.

PLATON behauptet im "Staat", daß er das wahre Wesen der Gerechtigkeit entdeckt habe; in Wahrheit beschränkt er sich auf eine einzige unter den möglichen Gebrauchsweisen dieses Wortes - gerecht handelt, wer seinen eigenen Angelegenheiten nachgeht und die desgleichen tun, hierbei ungeschoren läßt - und da dies eine Gebrauchsweise war, die noch dazu mit dem zeitgenössischen Normalgebrauch des Wortes nicht übereinstimmte, gelangte er solcherart zwangsläufig zu paradoxen Schlußfolgerungen. Die von ihm gewünschte exakte Gebrauchsweise und der unexakte Normalgebrauch des Wortes erwiesen sich als unvereinbar.
LITERATUR - Thomas D. Weldon, Kritik der politischen Sprache, Neuwied 1962