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THOMAS DEWAR WELDON
Die Jllusion der
absoluten Wertmaßstäbe


Politik und Philosophie
Die Illusion der wahren Wesenheiten
Kritik der klass. politischen Philosophie
"Die Vorstellung, der politischen Philosophie käme die gleiche Untersuchungsmethode zu wie der Geometrie, enthält einen doppelten Irrtum."

Wenn vorgeschlagen wird, die traditionellen Fragen "Was ist der Staat?", "Was ist Gerechtigkeit?" usw. als zwecklos zu betrachten, so ist dies für viele schon deshalb nicht ohne weiteres akzeptabel, weil damit der Respekt verletzt scheint, auf den der Beitrag Platos zur Entwicklung der westlichen Philosophie tatsächlich Anspruch hat. Aber auch dann, wenn eingeräumt wird, daß die dargebotene Kritik der platonischen Bedeutungslehre im wesentlichen gerechtfertigt ist, bleibt ein weiteres Argument zu überwinden; es ist gleichfalls platonischen Ursprungs und erfordert Beachtung, eher wir den eingewurzelten Glauben, daß die Aufgabe der politischen Philosophie die Untersuchung der  Idee  des Staates, der Gerechtigkeit, der Freiheit usw. ist, mit der nötigen Zuversicht preisgeben können.

Das betreffende Argument lautet folgendermaßen. Es ist natürlich sinnvoll zu sagen, daß A größer oder stärker oder ein besserer Tischler ist als B, aber dies ist nur dann sinnvoll, wenn wir hierfür einen Vergleichsmaßstab haben, mit dessen Hilfe wir ein solches Urteil fällen können. Der Maßstab muß absolut sein. Er darf nicht seinerseits wiederum dem Vergleich aufgrund eines anderen Maßstabs unterworfen sein; denn gingen wir ohne Begrenzung immer wieder auf andere Maßstäbe zurück, so könnten wir die Frage "Mit welchem Maßstab messen wir jetzt?" bis ins Unendliche stellen.

Wenden wir uns nun der Politik zu, so zeigt sich daß die Überlegenheit einer politischen Institution über eine andere sinnvollerweise nur dann behauptet werden kann, wenn wir die beiden mit irgendeinem idealen, unbezweifelbaren Wertmaßstab vergleichen können; wir gelangen nur dann zu einem solchen Werturteil, wenn wir herausfinden können, daß die eine politische Institution dem Idealmaßstab besser entspricht als die andere.

Es ist bezeichnend für die relative Rückständigkeit der Sozialwissenschaften, daß die Suche nach einem absoluten Maßstab dort immer noch ernsthaft betrieben wird, während Physik, Chemie und Biologie davon abgekommen sind - in ihrer Praxis schon seit langem und neuerdings auch in der Theorie. In der Praxis wurde diese Abkehr schon von den Schöpfern der modernen wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden vollzogen. Bei seinen ersten Experimenten verwendete GALILEI seinen Pulsschlag zur Messung kleiner Zeiteinheiten. Eines Tages erschütterte ein Erdstoß die Kirche, in der er sich gerade aufhielt, und versetzte die dort befindlichen Lüster in Schwingungen. Mit Hilfe seiner Pulsschläge fand Galilei heraus, daß jede Schwingung die gleiche Zeit beansprucht, und dies brachte ihn auf die Idee, daß ein Pendel ein zweckmäßigeres und verläßlicheres Zeitmaß liefern könnte als seine Pulsschläge; die Weiterentwicklung dieser Idee führte zum Bau von Pendeluhren.

Seither sind andere, noch exaktere Methoden der Zeitmessung entwickelt worden; man ist versucht anzunehmen, daß für GALILEI und seine Nachfolger die Idee eines absoluten Zeitmaßes existiert haben muß - denn sonst hätten sie weder die Unvollkommenheit der tatsächlichen Zeitmaßstäbe noch die Überlegenheit eines dieser Maßstäbe über die anderen feststellen können.

Andererseits läßt sich schwer einsehen, was mit einer solchen anscheinend tiefgründigen Erklärung eigentlich ausgesagt wird; wir sind zu der Frage berechtigt, was der Besitz oder die Erkenntnis eines absoluten Wertmaßes überhaupt bedeutet. Wie können wir wissen, daß ein solcher Maßstab keiner weiteren Verbesserung fähig ist? Zweifellos behaupteten weder Galilei noch einer seiner Nachfolger, die sich mit dem Entwurf von Zeitmessern befaßten, daß sie im Besitz eines solchen Maßstabes wären oder gar daß ohne einen solchen ihre Uhren nicht richtig gehen könnten. Dies wäre geradeso unvernünftig wie die Behauptung, daß ein Meister  aller  Fächer nötig sei, um Elementarunterricht in  einem  Fach zu geben.

Was sich in der Praxis ereignet, ist ganz einfach darzustellen und zu verstehen. Es handelt sich hierbei um keinen Vergleich mit idealen oder absoluten Maßstäben; es ist nichts weiter als Hypnose durch Worte, wenn wir einen solchen Vergleich für notwendig halten. Vielmehr verbessern wir unsere Maßstäbe Schritt um Schritt in Übereinstimmunf mit unseren jeweiligen Bedürfnissen. Wir probieren neue Vorrichtungen aus, um zu sehen, ob sie nützlich sind, und wenn dies der Fall ist, nehmen wir sie in Gebrauch - und probieren wiederum neue aus. Bisweilen versuchen wir weiter voraus zu blicken als in die unmittelbare Zukunft, aber dies geschieht nicht sehr oft und wir blicken nicht sehr weit; daß dies so ist, erklärt sich teils daraus, daß wir nicht sehr weit sehen  können,  teils daraus, daß wir wenig oder nichts gewännen,  wenn  wir besser sehen könnten. Die Experimente, mit denen GALILEI und NEWTON befaßt waren, erforderten eben zu ihrer Durchführung keine komplizierten Zeitmesser. Eine modernee Quarzuhr wäre für diese Experimente sinnlos gewesen, denn für die Bewegungen von relativ großen und langsamen Objekten, wie es die Planeten sind, waren äußerst einfache Meßmethoden völlig ausreichend.

Es ist richtig, daß viele Physiker der Idee eines absoluten Maßstabes sowie anderen metaphysischen Ideen in der Theorie weiterhin ihren Tribut zollten - während sie in ihrer experimentellen Praxis solche Ideen ignorierten. Sie hätten sich über die von den Metaphysikern behaupteten Grundlagen oder Voraussetzungen ihrer Wissenschaft nicht den Kopf zerbrechen brauchen, aber häufig taten sie es dennoch und ließen sich von der paradoxen Schlußfolgerungen verwirren, die sich ergaben, wenn man die herkömmlichen Definitionen von "Raum", "Zeit", "absolute Bewegung" usw. akzeptierte. Doch waren - und sind - dies keine Schwierigkeiten, die sich aus der Physik selbst ergeben. Vielmehr haben sie die Erforschung der Elektrizität und des Magnetismus oder die kinetische Gastheorie weder gefördert noch verhindert.

Vor verhältnismäßig kurzer Zeit ist man auf diesem Gebiet einen Schritt weitergegangen. Seit EINSTEINs allgemeine Relativitätstheorie überall Anerkennung erlangt hat, ist es klar geworden, daß die Idee der Absolutheit von Raum und Zeit und daher auch die Idee eines absoluten Maßstabes keinerlei Sinn haben; d.h. diese Ideen tragen nichts dazu bei, irgendeine physikalische Erscheinung zu beschreiben oder zu erklären - und man ließ sie daraufhin ungeniert fallen.

In mancher Hinsicht war den absoluten Maßstäben in der Politik ein ähnliches Schicksal beschieden. PLATON, ROUSSEAU und viele andere behaupteten, daß sie imstande wären, ideale Maßstäbe für politische Institutionen darzubieten - Maßstäbe, an denen die tatsächlich vorhandenen politischen Systeme gemessen werden können; in Wirklichkeit haben diese Autoren fast das gleiche wie Galilei getan. Sie betrachteten die ihnen als Studienobjekt zugänglichen realen politischen Einrichtungen und machten Vorschläge, für deren mehr oder minder durchgreifende Veränderung. PLATON war anscheinend mit dem politischen System Spartas im wesentlichen einverstanden, wollte es jedoch durch Hinzufügung einiger Elemente der athenischen Kultur veredeln; Rousseau hatte - mit Ausnahme einiger wichtiger Einschränkungen - an dem politischen System der Stadt Genf nichts auszusetzen. Welchen anderen Weg hätten die beiden wählen sollen oder wählen  können?  Dennoch hält sich in der politischen Philosophie der Glaube, daß sie eine freie Wahl trafen oder zumindest hätten treffen können. Der Glaube ist nicht mehr so mächtig, wie er einmal war, aber er ist immer noch lebendig - teils aus Gründen der Tradition, teils weil man einer anderen falschen Theorie anhängt, die nun untersucht werden soll.


Die Illusion der geometrischen Methode

Das Argument, dem nun entgegenzutreten ist, läßt sich wie folgt darstellen: Die Dreiecke, die wir auf dem Papier zeichnen, sind niemals völlig richtig. Ihre Seiten sind niemals ganz gerade, ihre Winkel niemals völlig exakt, und die Winkelsumme beträgt niemals genau 180 Grad. Dennoch sind die Überlegungen, die EUKLID angestellt hat, zwingend. Er hat uns zweifellos Wahrheiten über Dreiecke verkündet, aber die Dreiecke, mit denen er sich beschäftigte, können nicht solche auf dem Papier sein. Es scheint daher die Annahme nahe zu liegen, daß er von wahrhaften oder idealen Dreiecken spricht, deren minderwertige Kopien die Dreiecke auf dem Papier sind. Man muß daher zugeben - so lautet das Argument - daß wir es in der Geometrie mit idealen Gegenständen zu tun haben, und da die geometrische Wahrheit durch Erforschung dieser Ideale gewonnen wird, läßt sich vernünftigerweise schlußfolgern, daß die politische Wahrheit mittels der gleichen Methode entdeckt werden kann.

Die Vorgangsweise mag hierbei freilich komplizierter sein, weil auch der Forschungsgegenstand komplizierter ist und weil wir selten - wenn überhaupt jemals - an politische Fragen mit leidenschaftslosem Interesse herantreten, daß wir normalerweise der Geometrie entgegenbringen; aber das ist noch kein Grund, die Wirksamkeit der Methode zu bezweifeln. So lautet etwa das klassische Argument. Es stellt einen Irrtum dar, aber einen, der zur Zeit, da er begangen wurde, fast unvermeidlich war. Heute an ihm festzuhalten, wäre jedoch völlig ungerechtfertigt.

In erster Annäherung an eine richtigere Darstellung des Sachverhalts läßt sich sagen, daß die Euklidische Geometrie überhaupt nicht von Dreiecken handelt. Sie ist einfach ein System von Annahmen; in ihm sind einige Axiome und Denkregeln niedergelegt, mit deren Hilfe sich bestimmte Schlußfolgerungen gewinnen lassen.(3) Es ist ohne weiteres möglich, andere Axiome und Denkregeln zu wählen und auf diese Weise zu anderen Schlüssen zu gelangen. Wir können das Parallelen-Axiom nach Belieben modifizieren und erhalten dann eine Geometrie, die von der Euklidischen völlig verschieden ist, aber gleichfalls ein logisch in sich geschlossenes System darstellt. Hierbei kann von idealen Gestalten als Voraussetzungen dieses Systems nicht die Rede sein, und auch bei der Euklidischen Geometrie handelt es sich nicht um solche; vielmehr bloß um die Manipulation mit Symbolen gemäß anerkannten Verwandlungsregeln.

Allerdings liegt keineswegs klar zutage, daß es sich bloß um ein Symbol-System handelt, denn die Manipulation mit der Euklidischen Geometrie erbringt handfeste praktische Ergebnisse. Landvermesser und Ingenieure gelangen durch sie zu den richtigen Resultaten (innerhalb jener Genauigkeitsgrenzen, mit denen sie es im Rahmen der Euklidischen Geometrie zu tun haben); es ist daher begreiflich, wenn man daran festhält, daß die Euklidische Geometrie in einer bedeutsamen Hinsicht  richtig  ist, während andere Systeme, die andere Resultate liefern, in dieser Hinsicht falsch wären. Demnach sieht es so aus, als ob die Axiome des Euklid zu guter Letzt dennoch Feststellungen von absolutem Wahrheitsgehalt wären und nicht bloß zweckmäßige Annahmen; und begreiflicherweise wird daraus gefolgert, daß wir  apriorische  oder intuitive Einsicht, wir wir sie in das Wesen der physischen Welt haben, auch bezüglich des Wesens menschlicher Einrichtungen von der Art des Staates erwarten dürfen.(4)

Aber auch das ist eine irrtümliche Annahme. Gewiß werden Axiome nicht einfach zufällig ausgewählt; vielmehr deswegen, weil man von ihnen erwarten darf, daß sie eine Aufgabe erfüllen, d.h. man findet durch Erfahrung heraus, daß die mit ihrer Hilfe angestellten Berechnungen Resultate erbringen, die bezüglich der Wirklichkeit wahr sind. Das auf den ersten Blick Seltsame an den Euklidischen Axiomen ist, daß sie so einfach zu formulieren sind, daß sie für so vielerlei Zwecke geeignet sind und daß sie außerordentlich strapaziert werden können, ohne je ihre Gültigkeit einzubüßen. Aber auch das ist nicht so überraschend. Es handelt sich eben um Axiome, deren Erfindung von Geschöpfen mit unserer Art von Wahrnehmungsapparat erwartet werden kann, und was die Art unseres Wahrnehmungsapparates betrifft, so hat sich diese deshalb so entwickelt, weil sie für Geschöpfe unserer Gestalt und unserer Größe in unserer Art von Umwelt lebenswichtig ist.

Indessen sollte uns dieser Sachverhalt nicht zu der Annahme verleiten, daß solche Axiome notwendigerweise allgemeingültige Wahrheiten über die Wirklichkeit darstellen. Kein bloßes System von Annahmen kann allgemeingültige Wahrheiten vermitteln. Selbst wenn wir auf experimentellem Weg  noch nicht  bis zu jenem Punkt vorgestoßen wären, an welchem die Euklidischen Axiome keine verläßlichen Voraussagen mehr liefern, so wäre doch die Erwartung gerechtfertigt, daß wir früher oder später dahin gelangen  müßten.  Tatsächlich liefern die Euklidischen Axiome keine verläßlichen Voraussagen bezüglich Teilchen, die sich fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Um diese Art von Bewegung zu beschreiben, ist eine andere Geometrie nötig.

Dies alles läuft daraus hinaus, daß die Vorstellung, der politischen Philosophie käme die gleiche Untersuchungsmethode zu, wie der Geometrie, einen doppelten Irrtum enthält. In erster Linie wird hierbei das Wesen der Geometrie mißverstanden. Sie ist keine apriorische Erforschung der wahren Struktur der Welt, sondern ein System von Annahmen, dessen Anwendbarkeit auf die Wirklichkeit ausgedehnt, jedoch begrenzt ist.

Niemand konnte im Voraus sagen, wo die Grenzen liegen, und es war daher ein begreiflicher Irrtum, keine solchen Grenzen anzunehmen. Doch heute  wissen  wir, wo diese Grenzen liegen, und wir wissen auch, was wir zu tun haben, wenn wir dahin gelangen. Die Geometrie ist entweder aprioristisch, dann hat sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun; oder sie befaßt sich mit der Wirklichkeit, dann ist sie nichts weiter als ein System von Hypothesen, die mittels der Erfahrung überprüft und verworfen werden können.

Des weiteren ist zu sagen, daß die Ähnlichkeit zwischen Geometrie und Politik auch dann eine bloß oberflächliche ist, wenn das wahre Wesen der Geometrie richtig dargestellt wird. Daß die Diktatur das natürliche Regierungssystem für Geschöpfe ist, die vom Reifezustand noch weit entfernt sind und daher jemanden benötigen, der an ihrer Statt rasche, intelligente Entscheidungen trifft, damit sie der Vernichtung durch flinkere und besser bewaffnete Gegner entgehen - dies ist eine Feststellung, die zwar richtig ist, aber nicht weiter hilft. Denn sie reicht möglicherweise aus, um das Verhalten von "Wilden" zu erklären, aber sie erlaubt keine verläßlichen Schlüsse bezüglich einer zivilisierten Gemeinschaft. Es handelt sich bestenfalls um eine denkbare, aber sehr unfruchtbare Hypothese.
LITERATUR - Thomas D. Weldon, Kritik der politischen Sprache, Neuwied 1962
    Anmerkungen:
  1. Vgl. VIKTOR KRAFT, Mathematik, Logik und Erfahrung, Wien 1947
  2. Vgl. HANS REICHENBACH: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie, Berlin-Grunewald 1953