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GEORG WERNICK
Der Wirklichkeitsgedanke
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"Zwar können wir mittelbar das Sein, bzw. Nichtsein gewisser Wahrnehmungsinhalte veranlassen und innerhalb enger Grenzen sogar auf ihre qualitative Beschaffenheit einwirken, dadurch nämlich, daß wir Willensimpulse realisieren, die bestimmte körperliche Bewegungen, z. B. Schließen der Augen, Zuhalten der Ohren, Abwenden des Kopfes hervorrufen, jede unmittelbare Beeinflussung der Wahrnehmungsinhalte liegt jedoch ganz außerhalb unserer Macht. Auch die größte Anstrengung kann es nicht bewirken, daß ich z. B. ein rotes Tuch grün sehe, wiewohl ich mir ohne Mühe vorstellen kann, daß das Tuch grün ist."

"Wenn nun der W-Vorgang weder im Innewerden einer speziellen Eigenschaft des Wahrgenommenen besteht, noch auch etwas in sich faßt, was über das Wahrgenommene hinausgeht, so ist auf die Frage, worin er denn besteht, wie ich glaube, nur noch eine Antwort möglich: er ist das Innewerden der allgemeinen Qualität, welche die Empfindung auf das schärfste von der  bloßen Vorstellung  scheidet und die ich als ihre subjektive Wirklichkeitsfarbe oder schlechtweg als ihre Wirklichkeitsfarbe bezeichne."

VI.

Wir wenden uns jetzt zu denjenigen absoluten Lösungen, welche sich auf wahrgenommene Inhalte beziehen. Wir bemerken zunächst, daß wir uns hier ohne Zweifel an einer Quelle des Wirklichkeitsgedankens befinden. Das Wahrgenommene ist das Wirkliche  kat exochen,  [Schlechthin, wp] das in ursprünglicher Wirklichkeitshelle Leuchtende, während jede andere Wirklichkeit gleichsam nur als Abglanz dieser ursprünglichen Helle erscheint. "Ein vorgestellter Inhalt ist wirklich, heißt, er könnte einmal Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung sein", so oder ähnlich hat man öfters erklärt und damit zu erkennen gegeben, welch hohe Bedeutung man der Tatsache der Wahrnehmung für die Entwicklung des Wirklichkeitsgedankens beilegt. Wir geben diese Bedeutung ohne Einschränkung zu, müssen jedoch versuchen, uns nähere Rechenschaft über sie zu geben. Die erste Tatsache, die uns hier entgegentritt und die von keiner Seite geleugnet wird, ist die, daß wir dem Wahrgenommenen eine besondere Beachtung schenken, ihm eine Bedeutung beimessen, die dem "Gedankenhaften" zunächst versagt wird. Dieses Verhalten hat mehrfache Gründe, von denen ich die wichtigsten hier anführe. In erster Linie kommt der Zwang in Betracht, mit dem wahrgenommene Inhalte sich aufdrängen und dem gegenüber unser  Wille  machtlos ist. Die entsprechende Behauptung für reproduzierte Inhalte haben wir als unhaltbar nachgewiesen, hier dagegen ist sie vollauf empirisch begründet. Zwar können wir mittelbar das Sein, bzw. Nichtsein gewisser Wahrnehmungsinhalte veranlassen und innerhalb enger Grenzen sogar auf ihre qualitative Beschaffenheit einwirken, dadurch nämlich, daß wir Willensimpulse realisieren, die bestimmte körperliche Bewegungen, z. B. Schließen der Augen, Zuhalten der Ohren, Abwenden des Kopfes hervorrufen, jede unmittelbare Beeinflussung der Wahrnehmungsinhalte liegt jedoch ganz außerhalb unserer Macht. Auch die größte Anstrengung kann es nicht bewirken, daß ich z. B. ein rotes Tuch grün sehe, wiewohl ich mir ohne Mühe vorstellen kann, daß das Tuch grün ist. Es ist selbstverständlich, daß diese Eigenheit der Wahrnehmungsinhalte, auch wenn sie uns nicht in abstracto zu Bewußtsein kommt, diesen hohe Wichtigkeit verleihen muß.

Zweitens kommt in Betracht, daß sich an Empfindungen sogenannte sinnliche Gefühle knüpfen, die bei reproduzierten Inhalten fehlen. Das blendende Licht ist lästig, der sanfte Ton entzückt, der Stich der Nadel schmerzt, während dieses bei den analogen Reproduktionen nicht der Fall ist. Wenn nun auch diese Gefühle gegenüber Empfindungen von mäßiger Intensität bei kultivierten und daher in gewissem Sinne blasierten Menschen häufig so schwach sind, daß man sie nicht bemerkt, so dürften sie doch immer vorhanden sein. Da nun, wie bekannt, die gefühlsbetonten Inhalte für uns wichtiger sind als die, welchen diese Betonung fehlt, so haben wir hier einen zweiten Grund für die höhere Bedeutung des Wahrgenommenen gegenüber dem bloß Vorgestellten.

Ein drittes Moment endlich ist die größere Konstanz, die Wahrnehmungsinhalte im Vergleich zu Reproduktionen auszeichnet. Jene bleiben häufig nicht nur während einer längeren Betrachtung unverändert, sondern tauchen auch bei späteren Gelegenheiten in gleicher Beschaffenheit wieder auf, während diese einen mehr schwankenden Charakter tragen. KÜLPE meint, daß die Beachtung dieses Unterschieds es in gewissen zweifelhaften Fällen erst ermöglicht, festzustellen, ob ein Inhalt Wahrnehmung oder Reproduktion ist. (1) Da nun die genaue und sichere Auffassung eines Inhaltes Zeit erfordert, so folgt, daß wir eine Wahrnehmung besser aufzufassen, vollkommener zu erkennen imstande sind als ein Reproduktion. So wird sie uns vertrauter als diese; weil sie unserem Erkenntnisvermögen günstigere Bedingungen darbietet, lenkt sie in höherem Maße das Interesse auf sich. Auch hier haben wir also einen Grund für die Bevorzugung des Wahrgenommenen gegenüber dem Reproduzierten.

Welche weiteren Folgen ziehen nun die genannten Tatsachen nach sich? Zunächst diese, daß wir uns allmählich daran gewöhnen, dem Wahrgenommenen eine besondere Wichtigkeit beizulegen, auch dann, wenn wir im Einzelfall keines der drei Momente spüren, auf denen diese Wichtigkeit beruth. Die Wahrnehmungen heben sich so deutlich als eine besondere Klasse von Inhalten ab, daß die Bewertung, zu der wir gegenüber den meisten Individuen der Klasse genötigt sind, sich schließlich auf die Klasse als solche überträgt. Wir brauchen nicht in jedem einzelnen Fall die unwiderstehliche Macht, mit welcher sich der Inhalt aufdrängt, zu prüfen, wir brauchen ihn weder gefühlswirksam noch konstant zu finden, es genügt, daß er sich in seiner Eigenschaft als Wahrnehmung charakterisiert, daß er zur bevorzugten Klasse gehört, um als bedeutungsvoll angesehen zu werden.

Die bisher genannten Tatsachen liegen so klar auf der Hand, daß sie von keiner Seite bestritten werden können; weit schwieriger als ihre Feststellung ist jedoch die Beantwortung der Frage, die uns  eigentlich  beschäftigt, worin denn nun der  W-Vorgang  gegenüber den Wahrnehmungsinhalten besteht. Zurückzuweisen ist zunächst die Annahme, daß er im Innewerden eines der genannten drei Momente oder ihrer Gesamtheit bestände. Mit einer derartigen Behauptung würden wir uns allen den Einwänden aussetzen, die wir oben gegen die empirische Theorie erhoben haben. Vor allen Dingen bliebe die Diskontinuität des Wirklichkeitsgedankens, das Entweder - Oder, das ihn, wie wir gesehen haben, charakterisiert, unverständlich. Jene drei Momente sind nämlich derart, daß sie alle in höherem oder geringerem Maße vorhanden sein können und, was noch überzeugender ist, sie sind bei für nicht wirklich geltenden Inhalten bisweilen in höherem Maße vorhanden als bei solchen, die für wirklich gelten. Die Wirkung auf das  Gefühl  ist bei interessanten Phantasiegebilden, z. B. den ästhetischen Objekten, oft weit stärker als bei gleichgültigen Wahrnehmungen, selbst sinnliche Gefühle (z. B. Ekel) können von bloßen Vorstellungen (z. B. gedachten Gerüchen) in höherem Maße ausgehen als von wahrgenommenen Objekten, ebenso können Wahrnehmungen jede  Konstanz  vermissen lassen, so z. B. wenn ich Lichtreflexe über eine leicht bewegte Wasserfläche huschen sehe; und was endlich den Zwang anbetrifft, so bemerkt schon DYROFF ganz richtig, daß ich denselben keineswegs bei ruhiger Hingabe an die Betrachtung der "Außenwelt" spüre, sondern erst dann, "wenn ich etwa die bestimmte Empfindung verscheuchen oder verändern will, wenn ich also den Standpunkt der bloßen Erfahrung verlasse". (2) Aber auch wenn man dieses letztere nicht zugeben wollte, bleibe noch immer die Tatsache, daß sich  auch  Phantasiegebilde häufig mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängen, (3) So daß man wieder zu der fatalen Konsequenz genötigt wäre, daß auch das Nichtwirkliche bis zu einem gewissen Grad Wirklichkeit besitzt. Damit glaube ich gezeigt zu haben, daß das Innewerden der genannten (oder mit ihnen ähnlichen) Eigenheiten des Wahrgenommenen den W-Vorgang nichts ausmachen kann.

Ebensowenig zulässig ist die Annahme, daß ich aufgrund jener von mir bemerkten Eigenheiten auf eine neue, nicht bemerkte,  schließe  und daß dieser Schluß der W-Vorgang wäre. Denn um von einem Wahrgenommenen auf ein Nichtwahrgenommenes schließen zu können, müssen mir beide Dinge doch wenigstens gelegentlich als miteinander verknüpft gegeben sein, sonst würde ich den Minor [einzelne Prämisse, wp] haben, jedoch ohne den Maior [allgemeine Prämisse, wp] und der Schluß wäre unmöglich. Es ist in der Tat nicht abzusehen, wie ich aufgrund von Schlüssen zu einer besonderen Eigenheit des Wahrgenommenen gelangen könnte, die doch nicht wahrgenommen werden kann, wie ich, ohne mich auf Wahrgenommenes stützen zu können, eine besondere Eigenschaft des Wahrgenommenen erschließen sollte. - Wenn nun der W-Vorgang weder im Innewerden einer speziellen Eigenschaft des Wahrgenommenen besteht, noch auch etwas in sich faßt, was über das Wahrgenommene hinausgeht, so ist auf die Frage, worin er denn besteht, wie ich glaube, nur noch eine Antwort möglich: er ist das Innewerden der allgemeinen Qualität, welche die Empfindung auf das schärfste von der "bloßen Vorstellung" scheidet und die ich als ihre subjektive Wirklichkeitsfarbe oder schlechtweg als ihre Wirklichkeitsfarbe bezeichne. Auch wenn wir von der zwingenden Kraft, dem Gefühlston, der Konstanz der Empfindungen absehen, bemerken wir noch ein Besonderes an ihnen, das sie als solche kennzeichnet: jedermann weiß, daß das Hören eines Tones, das Sehen einer Farbe etwas ganz anderes ist als das Denken an diese Dinge.

Der hier ins Gewicht fallende Unterschied hat bisweilen eine andere Auffassung gefunden. DAVID HUME glaubt in ihm einen  Intenstitäts unterschied der "Stärke und Lebendigkeit" der Inhalte zu erblicken. Diese Anschauung wird heute wohl kaum noch ihren Verteidiger finden, es wäre gar zu naiv, zu behaupten, daß ein immer leiser werdender Ton schließlich in den Gedanken an diesen Ton übergeht. Man wird heute wohl ziemlich allgemein zugeben, daß es sich hier um eine qualitative Verschiedenheit handelt. Mit großer Entschiedenheit möchte ich die Bemerkung von DYROFF (a. a. O. Seite 55) zurückweisen, daß "die Unterscheidung der Phantasievorstellungen (im allgemeinen Sinn) von den Wahrnehmungsvorstellungen mehr logische als psychologische Berechtigung zu haben ... scheint." Wenn irgendein Unterschied von ganz ursprünglicher psychologischer Natur ist, so ist es dieser. - Der einzige Einwand, den man gegen die qualitative, nicht intensive, Verschiedenheit beider Gruppen von Inhalten erheben könnte, liegt in einer interessanten Untersuchung von KÜLPE (Grundriß der Psychologie 1893, Seite 185f), von der ich nicht weiß, ob sie von anderer Seite bestätigt ist, derzufolge man gegenüber sehr schwachen Lichtreflexen unsicher ist, ob sie gesehen oder nur vorgestellt (das Wort "natürlich" im engeren Sinne genommen, in dem ich es meistens brauche) werden. Doch dürften diese Versuche, auch wenn sie einwandfrei sein sollten, immerhin eine Deutung zulassen, die sie im Einklang mit der Annahme der qualitativen Natur des fraglichen Unterschiedes erscheinen läßt.

Fragt man genauer, welcher Art denn das Verhältnis zwischen Empfindung und entsprechender Vorstellung sei, so bietet sich als nächstliegende Antwort die, es liege hier Ähnlichkeit vor. Demgegenüber haben jedoch mehrere Beobachter gefunden, daß bei ihnen eine derartige Ähnlichkeit nicht vorliege, daß vielmehr beide Arten von Inhalten völlig verschieden seien. Auch ich halte den Ausdruck Ähnlichkeit zur Kennzeichnung des fraglichen Verhältnisses für unzutreffend, zumindest muß man sich darüber klar sein, daß dieses Wort dann eine andere Bedeutung hat, als wenn man etwa von Ähnlichkeit zweier Farbennuancen spricht (vgl. CORNELIUS, Theorie der Existenzialurteile, München 1894, Seite 41). Besser scheint es mir, sich mit der Feststellung zu begnüngen, daß die Vorstellung sich auf die entsprechende Empfingung  bezieht  und daß diese Beziehung von einer Art ist, der sich nichts Verwandtes an die Seite stellen läßt, die vielmehr als ein nicht weiter erklärbarer Tatbestand anzuerkennen ist. (4) Deutlich machen möchte ich die fragliche Beziehung durch folgendes: es stellt sich jemand zuerst die rote Farbe vor und erhält darauf die entsprechende Empfindung; er kann dann die Aussage machen: Genau das, was ich jetzt sehe,  meinte  ich vorher, als ich es noch nicht sah.

Nicht ganz unwichtig ist die Frage nach der Bezeichnung, die man für beide Klassen von Inhalten anwenden will. KÜLPE bedient sich der Ausdrücke "zentral bzw. peripherisch erregte Empfindungen", die jedoch nicht den Inhaltsunterschied, auf den es uns ankommt, sondern den Ursprung der entsprechenden physiologischen Vorgänge kennzeichnen. Einen ähnlichen Mangel zeigt HUMEs "Eindruck, bzw. Idee". Viel treffender ist AVENARIUS' "gedankenhaft bzw. sachenhaft". Denselben Sinn haben die Termini "Reproduktions- bzw. Wahrnehmungscharakter" und "Inhalte mit bzw. ohne Wirklichkeitsfarbe." Das Letztgenannte drückt am besten aus, um was es sich für uns handelt, doch wäre es Pedanterie, deswegen die anderen Bezeichnungen zu verwerfen.

Der W-Vorgang ist das Innewerden des besonderen Charakters, der wahrgenommene Inhalte auszeichnet; ich kann nicht zugeben, daß irgendetwas anderes als dieses vorgeht oder vielmehr vorzugehen braucht, wenn ich etwas Wahrgenommenes für wirklich halte. Den Schreibtisch, den ich in diesem Augenblick vor mir sehe, dessen Druck ich an meinen Armen spüre, halte ich für wirklich, was sich z. B. in meinem praktischen Verhalten kundgibt, wenn ich eine Feder auf ihn lege in der Erwartung, daß er ihrem Herabfallen Widerstand entgesetzt. Worin besteht nun das Wirklichkeitsbewußtsein? Ich behaupte einzig und allein im Sehen und Fühlen des Gegenstandes. Wollte man in der wohlgemeinten Absicht tiefer zu gehen, behaupten, daß die Wirklichkeitsbewertung eben im Erwartungsurteil: "Die möglicherweise hinaufgelegte Feder findet einen Widerstand gegen den Fall" besteht, so ist das auf das entschiedenste zurückzuweisen, denn man würde das Problem auf diese Weise verschieben, statt es zu lösen. Man wäre nämlich sogleich genötigt, zuzugeben, daß die Wirklichkeit des Tisches durch das Liegenbleiben der Feder nur dann verbürgt ist, wenn der Inhalt "liegengebliebene Feder" keinen bloßen Vorstellungs-, sondern selbst objektiven  Wirklichkeitswert  besitzt, da die als ruhend  gedachte  Feder natürlich mit einem nichtwirklichen Tisch ebensogut wie mit einem wirklichen verträglich wäre. Wir gelangten jetzt also zu einem schwierigeren Problem, nämlich zu der Frage nach der Wirklichkeitsbewertung "gedankenhafter" Inhalte (hier der liegen bleibenden Feder),  womit wir natürlich nicht das Geringste gewinnen.  Es bleibt also nichts anderes übrig, als zuzugeben, daß das Bewußtwerden der Wahrnehmung als solcher, das Innewerden ihrer Wirklichkeitsfarbe bereits den fraglichen Vorgang ausmacht. Eine Reflexion über irgendwelche andere Eigenschaften des Wirklichen erfordert der Vorgang nicht, wir erleben die Wirklichkeit ganz unmittelbar, ohne etwas andere an ihr zu spüren, als daß sie wahrgenommen wird. Aber freilich, daß ich auf diese Wirklichkeit einen so hohen Wert lege, daß ich sie stets beachte, wo sie mir entgegentritt, ist nur möglich aufgrund der Erfahrungen, die ich vorher über die praktische Bedeutung der Inhalte mit Wirklichkeitsfarbe gemacht habe. Ohne die genannten Momente der Stärke des Zwanges, der Erregung von Gefühlen, der Konstanz würde ich auf das Vorhandensein der Wirklichkeitsfarbe kein allzu großes Gewicht legen, jetzt aber verleiht sie den mit ihr behafteten Inhalten von vornherein einen besonderen Wert, der sie aus der Menge der anderen Inhalte heraushebt. Dabei ist jedoch hervorzuheben, daß diese den Wert des Wirklichen bedingenden Erfahrungen gar nicht möglich wären, wenn nicht bereits im wahrgenommenen Inhalt als solchem das Moment läge, das ihn vom reproduzierten unmittelbar unterscheidet, nämlich die Wirklichkeitsfarbe; nur dadurch erhalten die Einzelerfahrungen das verbindende Band, nur so können wir es unmittelbar spüren, wenn ein Inhalt zur bevorzugten Klasse gehört. Dabei dürfen wir jedoch nicht annehmen, daß das Innewerden der Wirklichkeitsfarbe ein besonderer Vorgang wäre, der neben der Wahrnehmung bestände, beides ist vielmehr de facto ein und derselbe Vorgang und nur durch spätere Reflexionen können wir den W-Vorgang als besonderes Moment aus der Wahrnehmung herausheben. "Für wirklich halten ist wahrnehmen", mit dieser Formel können wir den Sachverhalt am kürzesten bezeichnen.

Das interessante Beispiel einer völligen Umkehrung des wahren Sachverhaltes erblicke ich in ZELLERs Abhandlung: Über die Gründe unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt. Hier zählt ZELLER die Gründe auf, die uns veranlassen, das Wahrgenommene für objektiv wirklich zu halten, nämlich seine Stetigkeit, zwingende Kraft usw., nicht jedoch die Wirklichkeitsfarbe. Dabei vergißt er nur zu sagen, woher wir denn wissen, daß das Objektive (d. h. Nichtpsychische) all diese angegebenen Eigenschaften hat. Natürlich darf nicht die Antwort gegeben werden, daß wir sie am Wirklichen erfahrungsmäßig vorfinden, da sie ja erst die Kennzeichen des Wirklichen sein sollen. In Wahrheit kommt in jedem einzelnen Fall zunächst nur die Wirklichkeitsfarbe zu Bewußtsein, von der wir aus unzähligen Erfahrungen allerdings wissen, daß sie mit den genannten Momenten häufig verknüpft ist. Die Eigenschaften des Objektiv-Wirklichen, seine Stetigkeit, zwingende Kraft usw. lernen wir also erst durch die Erfahrungen am Wirklichen kennen, keinesfalls aber dürfen sie als ein a priori uns gegebenes Kriterkum angesehen werden, an dem wir die Wirklichkeit erkennen.

Zum Schluß dieses Abschnittes wollen wir bemerken, daß mit dem Gesagten noch nicht das letzte Wort über die Wirklichkeitsbewertungen des Wahrgenommenen gesprochen ist. Wäre mit dem Ausgeführten die Frage vollständig erschöpft, so müßten wir das Wahrgenommene in  allen  Fällen für objektiv wirklich halten; in der Tat tun wird das zwar  meistens,  doch gibt es auch Gelegenheiten, wo wir das Wahrgenommene für nicht wirklich halten, so z. B. beim Ohrenklingen, Doppelsehen u. a. m. Wie diese Ausnahmen mit unserer Theorie in Einklang zu bringen sind, soll an einer anderen Stelle erörtert werden.

Das Wesentliche unserer Behauptung besteht, um es nochmals kurz hervorzuheben, darin, daß wir in der Wirklichkeitsbewertung des Wahrgenommenen nichts erblicken, was über die Wahrnehmung selbst hinausginge. Alle anderen Theorien weisen wir zurück, speziell auch die, nach welcher der Wirklichkeitsbewertung der Gedanke zugrunde liegen soll, daß der wahrgenommene Inhalt so, wie er jetzt wahrgenommen wird, auch später wahrgenommen wird oder kann. Legt man in diesem Satz den Akzent darauf, daß auch später eine  Wahrnehmung  des Inhaltes stattfindet, so setzt die angebliche Lösung offenbar das voraus, was erklärt werden soll, nämlich die Wirklichkeitsbewertung des Wahrgenommenen; legt man dagegen den Akzent auf das "auch später", d. h. auf die Konstanz des Inhaltes, so setzt man sich mit der Erfahrung in doppelter Weise in Widerspruch, einmal insofern als das Nichtwirkliche öfter konstanter ist, als das Wahrgenommenen keineswegs zu Bewußtsein zu kommen braucht, während es uns ohne Zweifel für wirklich gilt. (Näheres hierüber später.)


VII.

Wir haben bisher die absoluten Theorien einer genaueren Betrachtung unterzogen und dabei gesehen, daß sie nur in einem Fall zu einem befriedigenden Ergebnis führen, nämlich bei der Erklärung unseres Verhaltens gegenüber Wahrnehmungsinhalten, in allen anderen Fällen aber versagen. Diese letztere Tatsache kann bereits als indirekter Beweis dafür angesehen werden, daß wir die Wirklichkeitsbewertung gedankenhafter Inhalte nur durch relative Theorien zu erklären vermögen: wenn es keinen psychischen Vorgang gibt, der einem Inhalt in seiner völligen Isoliertheit Wirklichkeit zuspricht, so muß der W-Vorgang in einer Beziehung des fraglichen Inhaltes zu anderen Inhalten bestehen. Dieses Ansicht ist nicht neu, sie ist von KANT (5), LOTZE (6), LIPPS, SIGWART (7), CORNELIUS (8), JAMES (9) mehr oder weniger deutlich ausgesprochen worden, doch glaube ich, daß sie in den nachfolgenden Erörterungen weiter in ihren Konsequenzen durchgeführt wird, als das bisher geschehen ist.

Die nächstliegende Frage ist die nach den  Inhalten, zu denen der fragliche Inhalt (A) in Beziehung treten muß, um für wirklich zu gelten.  Suchen wir uns den Sachverhalt an einem Beispiel zu veranschaulichen, wobei wir daran denken wollen, daß der W-Vorgang in solchen Fällen am besten zu beachten sein muß, in denen er sich nicht glatt, sondern mit einiger Mühe vollzieht. Wer das Zusammenwirken der Räder einer Maschine erkennen will, läßt sie nicht mit maximaler Geschwindigkeit, sondern möglichst langsam laufen.

Nehmen wir an, ich will jemandem zur Anerkennung der von ihm vergessenen Tatsache, daß ich ihm Geld geliehen habe, bewegen, so habe ich hierzu, nachdem ich ihm mit Benutzung der reproduktiven Kraft der Worte die Vorstellung der früheren Geldübergabe vergegenwärtigt habe, nur ein einziges Mittel - wofern nicht eine Schuldverschreibung oder ähnliches äußeres Beweismaterial vorliegt - : ich rufe die Umstände ins Gedächtnis zurück, die das Leihgeschäft begleiteten und deren Wirklichkeit mein Schuldner, wie ich hoffe, anerkennt, etwa Tag, Ort, sonst anwesende Personen, vorher geführte Gesprüche, den Gebrauch, den der Schuldner vom Geld machen wollte u. ä. Ob der Schuldner der Vorstellung der Geldübergabe innerlich Wirklichkeit zuschreibt, ist freilich auch jetzt nicht völlig sicher, vielleicht sind die Motive dazu noch nicht stark genug, aber ermöglicht ist der Vorgang und zwar durch Darbietung möglichst vieler als  wirklich anerkannter  Inhalte, denen der fragliche Inhalt in bestimmtem Sinne einzuordnen ist. Der Augenblick, wo der Entleiher aussagt: ja, jetzt erinnere ich mich, ist der, wo dieser Inhalt in die bereits als wirklich geltenden Inhalte wie der Schnapper ins Schloß einschnappt. Ganz analog liegt die Sache, wenn der Schuldner sich selbst auf den seitens des Gläubigers behaupteten Vorfall besinnen will, auch in diesem Fall hat er kein anderes Mittel, als sich benachbarte Tatsachen ins Gedächtnis zu rufen, deren Wirklichkeit ihm sicher ist.

Das angeführte Beispiel, dem sich beliebig viele zur Seite stellen ließen, gibt uns Antwort auf unsere Frage; um als wirklich zu gelten, muß ein Inhalt mit solchen Inhalten in Beziehung gesetzt werden, die bereits für wirklich gehalten werden. Der letzte Teil der Bestimmung scheint ihren Wert problematisch zu machen, aber er ist notwendig, denn auch bei einer unwirklichen Inhaltsreihe, sagen wir in einem Roman, stehen die Inhalte zueinander in Beziehungen, die ganz identisch sein können mit den Beziehungen einer Wirklichkeitsreihe, ohne deswegen für wirklich zu gelten. Die Wirklichkeitsreihe kann also nur durch eine bereits anerkannte Wirklichkeit verbürgt werden. Aber spielt sich der W-Vorgang in  allen  Fällen so ab, wie wir es annehmen? Unser Beispiel enthielt die Wirklichkeitsbewertung eines Vorfalles, dessen Zeuge man gewesen, vielleicht liegt die Sache ganz anders, wenn diese letztere Voraussetzung nicht zutrifft. Wir wollen demgemäß noch andere Beispiele heranziehen und zwar solche, die für die Anwendbarkeit unserer Theorie möglichst ungünstige Verhältnisse darzubieten scheinen. Ich nehme zunächst an, es wird mir eine recht anschauliche geographische Schilderung von einem Berg gemacht, derart, daß eine genaue Vorstellung von demselben in mir entsteht. Noch weiß ich nicht, ob dieser Vorstellung objektiver Wirklichkeitswert zukommt, bis mir vom Sprecher, den ich als völlig zuverlässig kenne, gesagt wird, der Berg existiert in Wirklichkeit. Dabei will ich voraussetzen, daß mir die Lage des Berges weder angegeben wird, noch daß ich dieselbe aus den Eigenschaften des Objekts zu erschließen imstande bin. Die Nachbarschaft des Berges, das Wirkliche, mit dem er in unmittelbarer Beziehung steht, bleibt mir also unbekannt, trotzdem muß zugegeben werden, daß in dem Augenblick, wo ich die Mitteilung über die Wirklichkeit des Objektes als glaubwürdig hinnehme, nicht nur die Auffassung von Worten, sondern ein echter W-Vorgang stattfindet. Noch krasser wäre folgender Fall. Es ist möglich, daß wir durch Auffinden eines geschichtlichen Denkmals über ein Ereignis aus sehr früher Vergangenheit in zuverlässiger Weise orientiert sind, ohne imstande zu sein, die auf das Ereignis folgende Zeit auf eine weite Strecke hin mit Wirklichkeitsinhalt auszufüllen. Wenn, was gleichfalls möglich, auch der Ort, an dem sich das Ereignis abspielte, unbekannt ist, so scheint dasselbe keinerlei Zusammenhang mit anderen, als wirklich bewerteten Inhalten aufzuweisen. Wie steht es nun mit den genannten Beispielen, sind sie nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß wir einen Inhalt auch in seiner völligen Isoliertheit für wirklich halten können, ohne daß wir es nötig hätten, ihn in Beziehung zu anderen wirklichen Inhalten zu setzen? Demgegenüber weise ich zunächst darauf hin, daß der W-Vorgang in seiner vollkommeneren Form ohne Zweifel erst da vorliegt, wo wir den fraglichen Inhalt dem Wirklichkeitszusammenhang an genau bekannter Stelle einzuordnen und diesen Zusammenhang lückenlos bis zu denjenigen Inhalten, die wir sehen und fühlen, zu verfolgen imstande sind. Doch ist mit diesem Hinweis noch nicht viel gewonnen, mußten wir doch andererseits zugeben, daß auch da, wo diese Einordnung nicht möglich ist, ein W-Vorgang vorliegen kann. Schon mehr der Kern der Sache wird getroffen, wenn wir daran erinnern, daß, wenn wir auch die Umgebung des Berges bzw. des historischen Ereignisses nicht kennen, wir doch davon überzeugt sind, daß diese Umgebung in Wirklichkeit vorhanden ist, was bei Phantasiegebilden nicht der Fall ist. Mag die Lücke zwischen dem fraglichen und dem relativ nächsten bekannten wirklichen Inhalt noch so groß sein, für uns ist sie mehr ale eine Lücke, wir wissen sie mit Wirklichkeit ausgefüllt. In Beziehung gesetzt wird der fragliche Inhalt also auch hier zu einem anderen, freilich zu einem, dessen Beschaffenheit unbekannt ist. - Abe auch dieses Argument gewinnt erst dann überzeugende Kraft, wenn wir es mit einer viel allgemeineren psychologischen Tatsache in Verbindung bringen, die wir als ein nicht weiter erklärbares Faktum anerkennen müssen. Ich behaupte nämlich, daß wir die Fähigkeit haben, das Inhaltsleere, gleichsam die Attrappe des Inhalts entweder mit anderem Inhaltsleeren oder auch mit bekannten Inhalten in solche Beziehungen zu setzen, in die wir wahre Inhalte zu setzen gelernt haben, daß mit anderen Worten das Setzen von Beziehungen auch da möglich ist, wo die in Beziehung zu setzenden Inhalte ganz oder teilweise fehlen. Eine eingehende Würdigung dieser auch in biologischer Hinsicht höchst wichtigen Tatsache ist an dieser Stelle nicht möglich, ich will nur zweierlei anführen, das mir die Richtigkeit des Behaupteten in Evidenz zu setzen scheint. Das erste ist die Eigenheit der Arithmetik, mit unbekannten Größen wie mit bekannten zu rechnen. Die Rechnungsregeln werden gewonnen aus der Beobachtung des Verhaltens bekannter (Zahlen-) Größen. Sind sie aber einmal festgestellt, wo wird ihnen nucn auch das Unbekannte unterworfen. Es ist selbstverständlich, daß diese bemerkenswerte Tatsache nicht einem bloßen Machtwort des Mathematikers ihr Dasein verdankt, denn dieses würde vergeblich erschallen, wenn es nicht durch ein psychologisches Gesetz unterstützt würde. - Das zweite ist der bereits oben herangezogene psychische Vorgang, in dem der Blinde dem Sehenden ihm selbst gänzlich unbekannte Sinneseindrücke zuschreibt. Er hält diese Sinneseindrücke für wirklich, er rechnet mit ihnen in seinem Verhalten gegenüber den Mitmenschen, er bringt das Unbekannte in dieselben Beziehungen, die er am Bekannten gelernt hat, ohne daß dasselbe für ihn einen Inhalt hätte. (10) - Ganz analog müssen wir das Fürwirklichhalten von scheinbar isolierten Inhalten auffassen. Auch hier sind die Beziehungen da, wenn auch das eine der zu verbindenden Glieder unbekannt ist. Auch hier müssen wir annehmen, daß der W-Vorgang  eingeübt  wird an Dingen, deren Beziehung zum unmittelbar Wahrgenommenen oder wenigstens dem unbezweifelt Wirklichen wir verfolgen können, daß er aber dann aufgrund des angegebenen Gesetzes ausgedehnt wird auf Fälle, in denen das zweite Glied der Beziehung unbekannt ist.

Es ließen sich gegen unsere Auffassung noch mancherlei Einwände erheben, aber stichhaltig ist nach meiner Überzeugung keiner von ihnen. Trotzdem sollen noch zwei von ihnen angeführt werden. Beweist nicht die Tatsache des Suchens, daß wir Dinge für wirklich halten, von denen uns deutlich bewußt ist, daß wir sie nicht in den Wirklichkeitszusammenhang einordnen können? Aber gerade der Umstand, daß ich ein Ding an einer bestimmten Stelle suche, zeigt an, daß ich es an dieser Stelle - zunächst probeweise - für wirklich halte. Daß sich diese Annahme vielleicht bald als irrtümlich erweist und eine Korrektur erfährt, hat mit dem uns zunächst beschäftigenden Problem nichts zu tun; nicht um die erkenntnistheoretische Frage nach Wahrheit oder Irrtum handelt es sich für uns, sondern um einen bloßen psychologischen Vorgang. Daß eine Wirklichkeitsbewertung sich als irrtümlich erweist, kann nun und nimmermehr einen Beweis gegen die Richtigkeit unserer Theorie von der Wirklichkeitsbewertung liefern. - Weiter könnte man einwenden, daß derjenige, der etwas für wirklich hält, vom Inbeziehungsetzen, das das Wesen des Vorganges bilden soll, doch in den meisten Fällen nicht das geringste weiß, daß also unsere Theorie nicht als richtige Beschreibung des Sachverhaltes gelten kann. Die Antwort hierauf ist vollständig in den Erörterungen des zweiten Abschnitts enthalten.  Vorstellungen  brauchen freilich keine anderen vorhanden zu sein, als der fraglich Inhalt und vielleicht das Wortbild "wirklich", aber der innere Vorgang ist damit nicht erschöpft, der besteht vielmehr außerdem in einem Gedanken, der ohne aus Vorstellungen zu bestehen, doch auf keine andere Art als durch Angabe von Vorstellungsvermögen deduziert werden kann. Eine Wiederholung des an der genannten Stelle Ausgeführten erübrigt sich.

Wem aber weder der in den Erörterungen der vorgehenden Abschnitte enthaltene indirekte Beweis, noch auch die in diesem Abschnitt herangezogenen Beispiele zur Erhärtung der relativen Theorie zu genügen scheinen, dem kann ich auch mit einem sehr einfachen direkten Beweis dienen: er liegt in der bereits erwähnten Tatsache, daß jede Wirklichkeitsbewertung nur mit Beziehung auf eine bestimmte Wirklichkeitsumgebung erfolgt. FRIEDRICH der GROSSE war wirklich zur Zeit des siebenjährigen Krieges, er ist heute nicht wirklich, jeder meiner Zeitgenossen erfährt gerade die umgekehrte Wirklichkeitsbewertung. Weder den einen noch auch die anderen halte ich für schlechthin wirklich, sondern nur mit Beziehung auf eine gewisse umgebende Wirklichkeit; ich sehe nicht, wie man diese unzweideutige Tatsache anders als auf dem Boden der relativen Theorie erklären will. - Der Satz, daß alles Wirkliche irgendwo und nirgendwann ist, ist nicht aus Erfahrungen, die wir über das Verhalten des Wirklichen (im Gegensatz zum Unwirklichen) machen, gewonnen, sondern es ist umgekhrt die Wirklichkeitsbewertung der Ausdruck gewisser Erfahrungen über die räumlich-zeitlichen Beziehungen von Inhalten.

Als Ergebnis dieses Abschnittes stelle ich den Satz auf: Der W-Vorgang ist die Einordnung eines Inhalts in den Wirklichkeitszusammenhang.
LITERATUR - Georg Wernick, Der Wirklichkeitsgedanke, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 30, Leipzig 1906
    Anmerkungen
    1) OSWALD KÜLPE, Grundriss der Psychologie, 1893, Seite 186
    2) ADOLF DYROFF, Über den Existenzialbegriff, Freiburg 1902, Seite 31f
    3) Vgl. z. B. DYROFF, Seite 44
    4) Daß dieses Sichbeziehen etwas ganz anderes ist, als die Beziehung einer Vorstellung auf ihr Objekt im Sinne BRENTANOs ist wohl selbstverständlich. Für uns handelt es sich um die Beziehung zweier Inhalte unabhängig von ihrer Wirklichkeitsbewertung, nicht um die zwischen (subjektiver) Vorstellung und Objekt.
    5) IMMANUEL KANT, Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe KEHRBACH, Seite 187 - 190. Einige Stellen sind hier angeführt: Wenn wir untersuchen,was denn die Beziehung auf einen  Gegenstand  unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, - so finden wir, daß sie nichts weiter tun, als die  Verbindung  der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen. - Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung  ihrer Stelle nach,  in der Zeit als bestimmt, mithin als ein Objekt ansehe, welches nach einer Regel im  Zusammenhang  der Wahrnehmungen jederzeit gefunden werden kann.
    6) HERMANN LOTZE, Metaphysik, Leipzig 1841, Seite 61. Das Seiende ist nur, indem es an  vielen Grenzen  Teil hat, durch deren jede es sich von  anderem  Seienden abhebt. Seite 69. Es hat sich gezeigt, daß zuerst alles, was als seiend gedacht werden soll,  nicht allein einfach  gesetzt werden darf. Seite 89 der in sich  zusammenhängenge geordnete  Schein ist es, der auf eine Substanz deutet.
    7) CHRISTOPH SIGWART, Logik I. Unter dem Gesichtspunkt der  Relation  fällt auch das Prädikat des Seins, Seite 88. Siehe auch Seite 394, Anmerkung
    8) HANS CORNELIUS, Habilitationsschrift Seite 87 und 88: es ist klar, daß jeder einzelne Teilinhalt, den wir als Gedächtnisbild bezeichnen, für sich allein niemals zur Fällung eines Gedächtnisurteils Anlaß geben könnte, sondern daß außerdem stets noch ein weiterer Faktor erforderlich ist, der auf die zeitliche  Relation  des  erinnerten Erlebnisses  zur  Gegenwart  schließen läßt.
    9) WILLIAM JAMES, Principles of Psychology II, Seite 296. The "stepping outside" of it (gemeint ist das Hinausgehen über den bloßen Begriff eines Dinges, das nötig ist, um zum Gedanken seiner Wirklichkeit zu gelangen) ist die Einrichtung einer unmittelbaren praktischen Beziehung zwischen dem Objekt und uns oder einer Beziehung zwischen dem Objekt und anderen Objekten. Angespielt wird hier auf eine Stelle der Kritik d. r. V. (Seite 473, 474), in der es unter anderem heißt: durch den Begriff wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen einer möglichen empirischen Erkenntnis überhaupt als einstimmig, durch die  Existenz  aber als im  Kontext der gesamten Erfahrung  enthalten gedacht.
    10) Die Wichtigkeit desselben Gesetzes für die Entwicklung der "Anschauungsformen" von Raum und Zeit kann hier nur andeutungsweise erwähnt werden.