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GEORG WERNICK
Der Wirklichkeitsgedanke
[7/13]

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"Zwar stehen die Komplexe der Wirklichkeit notwendig in räumlichen oder zeitlichen Beziehungen, erst dadurch erhalten sie ja Wirklichkeitswert, aber weder einen wirklichen Raum noch eine wirkliche Zeit gibt es."

IX.
[Fortsetzung]

Schon bei der Charakterisierung der einzelnen Sinnesgebiete mußten wir gelegentlich auf ihr Zusammenwirken hinweisen, wir wollen über dasselbe noch einige weitere Bemerkungen machen. Am wichtigsten ist das Zusammenwirken von Gesichts- und Tastempfindungen. Daß Empfindungen beider Art in fester Verbindung miteinander stehen, ist die erste große Erkenntnis, die das Kind gewinnt. Indem die einzelne Empfindung nicht nur mit Empfindungen desselben, sondern auch des anderen Sinnes in assoziative Beziehung tritt, gewinnt das Wirklichkeitsbewußtsein die größte Bestimmtheit und Lebendigkeit, deren es fähig ist. Wir fühlen uns der Existenz eines Gegenstandes am meisten sicher, wenn wir ihn gleichzeitig sehen und berühren. DILTHEY bemerkt in der zitierten Abhandlung mit Recht, daß wir die Sterne nicht in dem Maße für wirklich halten wie irdische Dinge, wie mir scheint ein deutlicher Beweis, daß der Gesichtssinn für sich allein nicht das leisten kann, was durch das Zusammenwirken beider Sinne ermöglicht wird. Wenn aber auch beide Sinne die Wirklichkeitsgeltung ihrer Wahrnehmungen im allgemeinen gegenseitig heben und unterstützen, so gibt es doch einen Punkt, wo sie dies nicht tun, wo ihre Daten isoliert nebeneinander stehen; wir meinen die Wahrnehmung von Entfernungen. Es braucht hier nicht näher untersucht zu werden, wie die Vorstellung der Entfernung entstanden ist. Erfahrungen dürften maßgebend gewesen sein wie die, daß man über  gewisse  Hindernisse der Vorwärtsbewegung hinübersetzen kann, über  andere  nicht, daß mit dem Speer das Beutetier in manchen Fällen erreicht wird, in anderen nicht und dgl. Wir Kulturmenschen beurteilen Entfernungen einmal nach der Summe der Bewegungsempfindungen, die wir spüren, wenn sich Arm oder Finger von einem Objekt, dem Anfangspunkt, zum anderen, dem Endpunkt, hintastet, andererseits aber nach der Summe der Empfindungen in den Augenmuskeln, die entstehen, während wir von der Fixierung des ersten Objekts zu der des zweiten übergehen oder vielleicht auch durch  unmittelbare  optische Wahrnehmung. Die Resultate sind nun, je nachdem sie durch den einen oder den anderen Sinn vermittelt werden, im allgemeinen voneinander verschieden; der optische Winkel ist nicht proportional der getasteten Entfernung. Hierin liegt an sich noch keine Schwierigkeit. Nichts steht dem entgegen, den einen Abstand so gut für wirklich zu halten als den andern So wenig wir verlangen oder erwarten, daß jede optische Wahrnehmung durch eine Geruchsempfindung unterstützt wird, so wenig braucht die Wahrnehmung des optischen Abstandes durch die des tangiblen unterstützt zu werden. Aber durch das Hinzutreten von zweierlei Erfahrungen wird der Sachverhalt kompliziert. Einmal finden wir unter gewissen Verhältnissen doch Proportionalität zwischen den Entfernungen der einen und denen der anderen Art, nämlich dann, wenn die Visierlinie senkrecht zur betrachteten Strecke steht, andererseits bemerken wir, daß die tangible Entfernung konstant ist, während die optische mit der Stellung des eigenen Körpers wechselt und somit in Abhängigkeit vom Willen erscheint. Während die erstere Erfahrung uns geneigt macht, die Wahrnehmungen beider Art zu verschmelzen, zwingt uns die zweite, sie auseinanderzuhalten. Der Ausweg ist durch biologische Motive, durch den relativ stärkeren Einfluß, den Druckempfindungen und ihre erfahrungsmäßigen Folgen auf unser Wohlbefinden ausüben, bedingt: den höheren Wirklichkeitswert legen wir den getasteten Entfernungen bei, daneben gelten auch die optischen als wirklich, nur werden sie mit Rücksicht auf die als ihnen entsprechend vorausgesetzten tangiblen Entfernungen einer Korrektur unterzogen. Daß wir diese Korrektur meist unbewußt vornehmen, derart, daß wir uns sogar einbilden, Entfernungen innerhalb der Visierlinie zu sehen, ist schon von HOBBES hervorgehoben. (1)

Das Wirklichkeitsbild, wie es die sinniche Wahrnehmung zeigt, ist in hohem Maße lückenhaft, gleichsam an fast allen Stellen durchlöcher und wird demgemäß durch Reproduktionen in dem oben angegebenen Sinne ergänzt. Die Rückseite eines vor mir liegenden Steines halte ich für ebenso wirklich wie seine Vorderseite, die Härte eines Stückes Holz nicht minder wie die der von mir berührten Tischplatte, die Nachtigall für ebenso wirklich wie den vernommenen Gesang, die Hitze des Feuers wie sein Licht. Prinzipiell der gleiche Vorgang ist es, wenn wir die Wirklichkeit über die Grenzen des überhaupt Wahrnehmbaren fortsetzen. Auch jenseits des Horizonts halten wir Länder mit Städten, Flüssen und Gebirgen, mit geräuschvollem Treiben, mit bestimmten Temperaturen usw. für wirklich. Auch hier liegt ein spezieller Assoziationsvorgang vor, der das Vorgestellte in mittelbare oder unmittelbare Beziehung zum Wahrgenommenen setzt. An dieser Stelle wollen wir eine Erklärung für die Wirklichkeitsbewertung reproduzierter Inhalte zurückweisen, die auf den ersten Blick plausibel erscheint und außerdem den Vorzug der Einfachheit für sich hat. Man hat gesagt: "Die Behauptung der Existenz eines gegenwärtig nicht wahrgenommenen Inhalts ist nur der Ausdruck dafür, daß wir einen solchen Inhalt bei Erfüllung bestimmter (sogleich näher zu charakterisierenden) Bedingungen wahrzunehmen erwarten." (2) Ich halte die Härte jener von mir nicht berührten Mauer für wirklich, würde danach heißen: ich nehme an, daß, wenn ich an sie herantrete und sie betaste, die Härteempfindung entstehen wird. Die Vorstellung der objektiven Realität wird hier also auf die Vorstellung einer möglicherweise in Zukunft eintretenden subjektiven Realität zurückgeführt, nämlich eines gewissen Erlebnisses. Wir weisen den Anspruch dieser Erklärung, eine prinzipielle Lösung des Problems zu geben, aus folgenden Gründen zurück.
    1. Zunächst leidet die Erklärung an dem schweren logischen Fehler, daß sie das, was erklärt werden soll, bereits voraussetzt. Wenn die Bewertung eines (gedankenhaften) Inhaltes als gegenwärtige Wirklichkeit zurückgeführt wird auf die Bewertung eines komplizierten Inhaltes- nämlich einer auszuführenden Handlung mit darauf folgendem Erlebnis - als künftige Wirklichkeit, so muß man doch fragen, in welchem psychischen Prozeß denn diese letztere Bewertung besteht, wodurch sich mit anderen Worten die  Erwartung  von der bloßen  Vorstellung  unterscheidet. Hierauf aber gibt die Erklärung keine Antwort und zwar mit gutem Grund; denn das einzige, was sich sagen ließe, wäre das: erwarten heißt, etwas für zukünftig  wirklich  halten, während die bloße Vorstellung keine Beziehung zur Wirklichkeit hat, so daß wir bei folgendem Zirkel angelangt wären: etwas für wirklich halten heißt, gewisse Empfindungen erwarten, etwas erwarten heißt, es für zukünftig wirklich halten. Dabei ist hervorzuheben, daß der Begriff der Erwartung nicht etwa durch Unvorsichtigkeit in die Erklärung aufgenommen ist und durch geschicktere Formulierung hätte vermieden werden können, vielmehr kommt ohne diesen Begriff überhaupt kein halbwegs vernünftiger Sinn heraus.  Vorstellen  kann ich mir, wenn ich nur einigermaßen Phantasie besitze, sehr wohl, daß sich die Mauer samtweich anfassen würde, nur vermag ich dieser Vorstellung keine Wirklichkeitsgeltung beizulegen. Kurz, es ist klar, daß wir durch die angezogene Erklärung nicht klüger gemacht werden über den Sinn des Wirklichkeitsgedankens, als wir ohne sie sind. (3) Aber vielleicht hat die Erklärung doch insofern Wert, als sie, wenngleich das "Fürwirklichhalten" bereits von ihr vorausgesetzt wird, sie uns doch wenigstens die objektive Wirklichkeitsbewertung im Gegensatz zur subjektiven charakterisiert, da sie nicht nur von einer Erwartung überhaupt, sondern von der Erwartung einer  Wahrnehmung  spricht. Ich muß auch dieses in Abrede stellen. Tatsache ist, daß die Vorstellung, die nach Voraussetzung vorhanden ist,  nicht  Wahrnehmungscharakter trägt, mag ich ihr subjektiven oder objektiven Wirklichkeitswert beilegen. Also bleibt die Frage bestehen, wie es die Vorstellung anfängt, das eine Mal Vorstellung einer gedankenhaften Vorstellung, das andere Mal Vorstellung einer Wahrnehmung zu sein. Am Inhalt kann es nicht liegen, denn der ist in beiden Fällen genau der gleiche, wie allgemein zugegeben wird. Nun scheint es doch ausgeschlossen, daß genau der gleiche Vorgang das eine Mal "Symbol" einer Wahrnehmung, das andere Mal nur Symbol einer Vorstellung ist. Der Terminus "Vorstellung einer Wahrnehmung", den ich statt der "Erwartung der Wahrnehmung" jetzt einsetze, enthält also die ganze Schwierigkeit in unverminderter Stärke, ohne zu ihrer Lösung das geringste beizutragen. Es bleibt uns unklar, wie die Vorstellung gerade das bezeichnen soll, was ihr fehlt, nämlich die Wirklichkeitsfarbe und weswegen sie das, ohne sich selbst zu ändern, in einigen Fällen tut, in anderen nicht. Wir erfahren aus der Erklärung nur, was selbstverständlich ist, daß wir nämlich einigen Inhalten einen Wirklichkeitswert beilegen - denselben, den die Wahrnehmungen besitzen -, während wir ihn anderen versagen, wie das aber auch bei Identität der Inhalte möglich ist, erfahren wir nicht. Ich füge dem noch hinzu, daß der Gedanke einer  hypothetischen  Wirklichkeit so kompliziert und erst auf einer so hohen Stufe der Abstraktion faßbar ist, daß es bedenklich erscheint, ihn zur Erklärung des Gedankens einer  tatsächlichen  Wirklichkeit, der doch viel einfacher ist, heranzuziehen. Weit natürlicher ist jedenfalls das Umgekehrte. Nicht weil ich ein gewisses Erlebnis für möglich halte, halte ich ein Objekt für wirklich, sondern weil ich ein Objekt für wirklich halte, halte ich ein Erlebnis (nämlich gewisse Wahrnehmungen) für möglich.

    2. Es ist unzulässig, die Wirklichkeitsbewertung eines Inhaltes von der Vorstellung eines Ereignisses abhängig zu machen, das seinerseits für nicht wirklich gilt, da Teilinhalte keine höhere Wirklichkeitsbewertung durch den Gesamtinhalte empfangen können, als dieser selbst besitzt. Solange ich beispielsweise die Geschichte, die den Rahmen und die Voraussetzung der sämtlichen Märchen aus 1001 Nacht abgibt, als erdichtet ansehe, kann sie in keiner Weise Stütze für etwaige Wirklichkeitsbewertung der einzelnen Märchen sein. Soll ich einzelne der letzteren dennoch für wirklich halten, so müssen sich Gründe dazu aus irgendeinem anderen Zusammenhang ergeben. Derartige unmögliche Konstruktion aber werden mir in vielen Fällen zugemutet, wenn ich mit der in Frage stehenden Erklärung Ernst machen will. Nehmen wir ein möglichst drastisches Beispiel. Viele Astronomen sehen - ob mit Recht oder Unrecht ist hier gleichgültig - in den weißen Flecken an den Polen des Mars Eisfelder, deren Kälte und Härte sie also für wirklich halten. Das Ereignis aber, dessen Vorbedingung die Wahrnehmung dieser Kälte und Härte wäre, nämlich eine Reise à la JULES VERNE von der Erde zum Mars, halten sie für unwirklich und in alle Zukunft für unmöglich. Wie soll nun die Vorstellung dieses Ereignisses den Gedanken an die Wirklichkeit der Kälte und Härte des Eises in sich schließen? Wenn ich mich einmal mit Bewußtsein ins Reich der Phantasie begebe, so können die Vorstellungen, die mir auf diesem Weg begegnen, doch niemals Anspruch auf Wirklichkeitswertung erheben. Der Faden des Wirklichkeitszusammenhangs ist eben abgeschnitten und nirgends ist der Punkt gegeben, an den ihn wiederanzuknüpfen ich berechtigt wäre. Der wahre Sachverhalt im angeführten Beispiel dürfte wiederum nicht der sein, daß die Vorstellung einer Reise nach dem Mars mit ihren Erlebnissen die Bedingung für das Fürwirklichhalten der Kälte und Härte bildet, sondern daß, wenn ich von der Kälte und Härte des Materials an der Oberfläche des Mars überzeugt bin, ich unter der weiteren Voraussetzung eines Aufenthaltes auf dem fremden Planeten das Erleben der Kälte- und Wärmeempfindungen zu erwarten micht genötigt sehe. Sagt man aber, hier liege ein vorsätzliches Mißverstehen der Erklärung vor, bei der es gar nicht darauf ankomme, ob die betreffenden Dislokationen wirklich ausgeführt werden, deren Sinn vielmehr der sei, daß, wenn die Bewegungen ausgeführt  würden,  die und die Wahrnehmungen eintreten müßten, so macht man sich damit die Sache doch zu leicht. Der Gedanke der hypothetischen Wirklichkeit nämlich, der hiermit einfach vorausgesetzt wird, bedarf selbst sehr dringend der Erklärung und ich sehe nicht, wie man zu dieser Erklärung gelangen soll, wenn man nicht schon weiß, was die Wirklichkeit schlechthin (kategorische Wirklichkeit) bedeutet.

    3. Die angezogene Erklärung stimmt auch nicht mit den beobachteten Tatsachen überein und kann schon aus diesem Grund nicht als richtige Wiedergabe eines Vorganges angesehen werden. Ich kann nicht finden, daß, wenn ich die Härte des Materials, aus dem eine Mauer besteht, behaupte, ich mir damit die zu sinnlichen Empfindung der Härte notwendige Lagenänderung des Körpers vorstelle oder denke. Ich reproduziere einfach die Härteempfindung und assoziiere sie mt den gegebenen Farbenempfindungen in bestimmter Weise. Überhaupt heißt es den Tatsachen Gewalt antun, wenn man den Gedanken, daß ein nicht Wahrgenommenes objektiv wirklich ist, mit dem Gedanken an ein zukünftiges Erleben identifiziert. Wer die Wirklichkeit der Härte eines Gegenstandes behauptet, meint damit nicht etwas, was möglicherweise in Zukunft realisiert sein wird, sondern etwas, was gegenwärtig realisiert ist und deutlich genug unterscheiden wir die Vorstellung des zukünftigen Geschehens vom Dasein der Gegenwart.

    4. Der fundamentale Fehler jener Erklärung liegt darin, daß sie den Raum als etwas voraussetzt, was unabhängig von den Objekten Wirklichkeitsgeltung haben könnte. Daß ein wegen seiner Entfernung meinen Blicken unerreichbares Objekt wirklich sei, soll bedeuten, daß ich es nach Erfüllung gewisser Bedingungen wahrnehmen würde. Worin bestehen nun diese Bedingungen? Es wird uns zwar gesagt, sie beständen im "Eintritt gewisser Bewegungsempfindungen" (4), in der Tat kommt es aber gar nicht auf die Bewegungsempfindungen an, die könnten genau ebenso auftreten, wenn ich mich in einer anderen als der hier angenommenen Richtung bewegte, sondern darauf, daß ich mich zu einer bestimmten Stelle des Raumes begebe oder auch zu ihr gefahren oder sonstwie gebracht werde. Bringen wir diese notwendige Modifikation an der Erklärung an, so sehen wir, daß sie uns zu zeigen sucht, wie wir es anfangen, den Raum, auch soweit er unseren Blicken entzogen ist, mit Objekten gleichsam zu bevölkern. Sie setzt also als selbstverständlich voraus, daß die Vorstellung des Raumes mit seinen verschiedenen Stellen schon irgendwie vorhanden ist. Nun ist aber die Stelle zunächst gar nichts Wirkliches, sondern nur das Objekt und zwar insofern es in Beziehungen zu anderen Objekten, mittelbar auch zu den Wahrnehmungsinhalten, gesetzt wird. Nichts anderes als die Gesamtheit dieser Beziehungen wird als Stelle bezeichnet. Der Gedanke an die Stelle ist nichts, solange ich nicht Objekte für wirklich halte. Weit entfernt also, daß das Vorstellen einer Stelle und dessen, was an ihr geschehen kann, dem Wirklichkeitsgedanken seinen Inhalt verleiht, ist es vielmehr gerade umgekehrt: um mir eine Stelle vorzustellen, muß ich irgendwelche, wenn auch inhaltlich noch so unbestimmte, Objekte für wirklich halten.
Hiermit glaube ich gezeigt zu haben, daß die Erklärung sowohl im Begriff der Erwartung, als auch dem der Wahrnehmung, als auch dem der Vorbedingungen, die, um die Wahrnehmung eintreten zu lassen, realisiert werden müssen, das, was zu erklären ist voraussetzt, nämlich die objektive Wirklichkeit der reproduzierten Inhalte, daß sie also eine prinzipielle Erklärung des fraglichen Problems nicht gibt. Das einzige, was wir ihr zugestehen können, ist dieses, daß wir zu dem von ihr angegebenen Verfahren bisweilen unsere Zuflucht nehmen, um einen bereits vorhandenen Wirklichkeitsgedanken anschaulicher und lebendiger zu machen. Wir stellen uns vor, was wohl geschehen wird, wenn wir mit einem Objekt in unmittelbare Berührung treten werden. Doch nur, wenn wir bereits auf anderem Wege die Überzeugung von der Wirklichkeit des Objekts gewonnen haben, kann diese Vorstellung in uns aufkommen.

Wir gelangen jetzt zur zweiten Erweiterung des Wirklichkeitsbereiches, nämlich zur zeitlichen. Auch hier liegt das Charakteristische des Vorgangs in einer Assoziation des fraglichen Inhalts mit dem sinnlich Gegebenen. Auch hier haben wir es mit einer Gleichartigkeitsassoziation zu tun, während diese aber im vorigen Fall simultan war, ist sie jetzt, sukzessiv. Dabei müssen wir unterscheiden, ob der Übergang vom sinnlich Gegebenen zum betreffenden Inhalt der bevorzugte ist oder der umgekehrte - zukünftige bzw. vergangene Wirklichkeit zwischen beiden die Gegenwart, die gleichfalls ihren besonderen zeitlichen Charakter durch diese Assoziationsvorgänge erhält. Da aber diese Assoziationen fast nie für sich allein auftreten, sondern in den meisten Fällen von simultanen durchkreuzt werden, so entwickelt sich hier ein kompliziertes Spiel, dessen Beobachtung von hohem Interesse ist. Wenn wir ohne Rücksicht auf die Inhalte lediglich das verschiedenartige  Zusammentreffen  der beiden hier in Betracht kommenden Assoziationsarten ins Auge fassen, so erhalten wir die im Gegensatz zur Allgemeinheit der Assoziationsarten schon mehr spezialisierten Formen, in denen wir die Wirklichkeit je nach dem vorliegenden Wahrnehmungsmaterial auffassen. Die wichtigsten dieser Formen seien hier angeführt. Ist ein Komplex, dessen Elemente simultan assoziiert sind, außerdem noch simultan mit anderen Elementen assoziiert, die untereinander zu einem zweiten Komplex sukzessiv verbunden sind, so heißt der erstere dauernd oder beharrlich, der letztere vorübergehend. So ist z. B. das Gelände einer Schlacht dauern, die Schlacht selbst vorübergehend. Die Teile des ersteren sind untereinander simultan, die Phasen der letzteren unter sich sukzessiv, außerdem aber die Teile des ersteren mit den Phasen der letzteren simultan verbunden. Es gilt also, wie man sieht,  nicht  das Gesetz, daß zwei Objekte, die mit einem dritten gleichzeitig sind, auch miteinander gleichzeitig sind. Im Gegenteil kann ich durch die Erfahrungstatsachen veranlaßt werden, die beiden ersteren Objekte (die Phasen des Ereignisses) in das Verhältnis des prius und posterius zu setzen, wiewohl sie mit dem letzteren (dem Schauplatz) gleichzeitig sind oder, genauer gesagt, mit ihm allein im Verhältnis Nebeneinander stehen.

Gleichzeitig  heißen zwei Objekte, wenn sie unmittelbar oder mittelbar simultan, jedoch auf keine andere Weise, verbunden sind. Das "auf keine andere Weise" ist notwendig, da auch Objekte, die verschiedenen Zeiten angehören, simultan verbunden sein können, nämlich durch Vermittlung von beharrlichen Objekten, doch existiert alsdann stets auch eine sukzessive Verknüpfung.

Aufeinander folgend heißen Objekte, wenn sie, eventuell neben anderen Verbindungen, mindestens auf eine Art sukzessiv verbunden sind. Hier gilt nun folgendes wichtige Gesetz: sind zwei Objekte  A  und  B  derart sukzessiv verbunden, daß der Übergang  A-B  der bevorzugte ist, so gibt es zwischen  A  und  B  keine noch so sehr vermittelte sukzessive Assoziation, in welcher der Übergang  B-A  der bevorzugte wäre. Auf diesem Gesetz, das durch immer neue Erfahrungen erhärtet wird, beruth zum größten Teil die "objektive Gültigkeit" der Zeit.

Die sukzessive Assoziation von Komplexen, die im wesentlichen dieselben Elemente und zwar simultan assoziiert, jedoch in verschiedener Gruppierung enthalten, ergibt, je nachdem der erste oder zweite Komplex oder keiner von beiden als wichtiger erscheint, die Formen des Vergehens bzw. Entstehens bzw. Werdens. Der Eigentümer eines Schlosses spricht vom Vergehen (Zerstörung) seines Besitztums, der Ästhetiker vom Entstehen einer Ruine, der Uninteressierte läßt das Schloß zu einer Ruine werden.

Die Vorstellung  Bewegung  entsteht, wenn ein Inhalt nacheinander simultan mit verschiedenen, unter sich gleichfalls simultan mit verschiedenen, unter sich gleichfalls simultan verbundenen Teilen eines Komplexes (des relativ Ruhenden) und die so gebildeten umfassenderen Komplexe unter sich sukzessiv assoziiert werden. All diese Erklärungen ergeben sich von selbst, wofern nur Einverständnis mit unseren Fundamentalannahmen vorhanden ist. Schwieriger ist die Frage, was die Gleichheit der Wirklichkeitsdauer zweier zeitlich getrennter Ereignisse bedeutet. Was heißt es z. B., wenn ich behaupte, daß der Tag vor tausend Jahren ebensolange gedauert hat als der heutige? Wahrscheinlich spielen hier gewisse Spannungsempfindungen, die in abgestufter Intensität dem Verlauf des Ereignisses assoziiert werden, die Hauptrolle. Doch ist ein näheres Eingehen auf diese äußerst schwierige und schon mehrmals behandelte Frage für unsere Zwecke nicht nötig.

Endlich sei hier noch Stellung zu der berühmten Frage genommen, ob Raum und Zeit etwas Wirkliches sind. Wir müssen sie von unserem Standpunkt aus verneinen. Weder das eine noch das andere kann wahrgenommen, daher auch niemals mit dem Wahrgenommenen durch Gleichartigkeitsassoziation verbunden werden. Zwar stehen die Komplexe der Wirklichkeit notwendig in räumlichen oder zeitlichen Beziehungen, erst dadurch erhalten sie ja Wirklichkeitswert, aber weder einen wirklichen Raum noch eine wirkliche Zeit gibt es. Fragt man aber, was denn an diesen Gedanken wirklich sei, wodurch sie sich von einer beliebigen Fiktion unterscheiden, so ist darauf folgendes zu erwidern: wirklich ist zunächst meine Assoziationstätigkeit, die die Inhalte in zeitlich-räumliche Beziehungen setzt, nur gehört sie freilich nicht der objektiven, sondern der subjektiven Wirklichkeit an; wirklich und zwar objektiv wirklich sind aber auch die Beziehungen, die diese Tätigkeit herstellt. Das ist so selbstverständlich, daß es keines Beweises bedarf. Da der Inhalt eines Komplexes nicht allein durch seine Elemente, sondern erst durch diese samt ihren Beziehungen bestimmt ist, so erstreckt sich die Wirklichkeitsbewertung des Komplexes notwendigerweise gleichfalls sowohl auf die Elemente, als auch auf ihre Beziehungen. Wer ein Pferd für wirklich hält, hält damit auch für wirklich, daß sich der Kopf am Hals und nicht etwa an der Brust befindet. In diesem Sinne können wir erklären, daß zwar nicht Raum und Zeit, wohl aber Räumlichkeit und Zeitlichkeit wirklich sind. Doch scheint es, als wären wir dennoch geneigt, Raum und Zeit selbst in gewissem Sinne als etwas Wirkliches anzusehen. Der Gedanke, daß beides leere receptacula [Sammelorte, wp] sind, die für sich bestehen und die Bestimmung haben, das Objektive in sich aufzunehmen, ist zwar mehrmals "widerlegt", läßt sich aber doch nicht ganz aus dem Intellekt verbannen. Mag er auch vor einer eindringenden wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten, so hat der Psychologe dennoch die Pflicht, seine Entstehung zu erklären. Hier spielt offenbar unsere bereits oben angezogene Fähigkeit eine Rolle, das gedankliche Nichts in diejenigen assoziativen Beziehungen zu Inhalten zu bringen, in die wir Inhalte untereinander zu bringen gewohnt sind. So gelangen wir dazu, das Nichts zu lokalisieren, wozu freilich zunächst auch noch Inhalte erforderlich sind, die dazu dienen, ihm eine bestimmte Stelle anzuweisen. Indem wir aber auch diese Inhalte immer unbestimmter werden, immer mehr dem Nichts sich nähern lassen, muß schließlich so etwas wie der Gedanke des leeren receptaculum entstehen.

Nicht zusammenzuwerfen mit der Frage nach der Wirklichkeit des Raumes ist die nach der Existenz leerer Stellen im Raum. Man hat früher versucht, diese Frage durch rein philosophische Erwägungen zu lösen und sie ist ein beliebtes Streitobjekt gewesen zu einer Zeit, als die physikalische Erkenntnis zu ihrer Beantwortung nicht die geringsten Handhaben bot. Im siebzehnten Jahrhundert hat man durch Gründe, deren Sophistik unseren mehr kritischen Blicken durchsichtig ist, sowohl das Vorhandensein als auch das Nichtvorhandensein leerer Räume "bewiesen". Heute müssen wir zugeben, daß das letzte Wort in dieser Frage der Physik zusteht. Vom philosophischen Standpunkt ist nur dieses zu sagen, daß weder die Vorstellung leerer Räume, noch auch die einer überall kontinuierlichen Materie irgendwelche Schwierigkeiten hat. Der letztere Teil der Behauptung ist selbstverständlich, der erstere bedarf einer kurzen Klarlegung. Man könnte gegen ihn einwenden, daß, wenn der Raum nicht wirklich ist, der Satz, daß es leere Räume gibt, keinen Sinn hat. Allein dieser Satz drückt auch gar nicht die Position einer Wirklichkeit, sondern ihre Ablehnung aus, er ist kein positives, sondern ein negatives Existential-Urteil, er will etwa sagen, daß zwischen zwei Objekten nicht etwas Wirkliches sei, oder, wenn man der Sache noch mehr auf den Grund gehen will, daß zwischen zwei Objekten ein Teil der simultanen Assoziationen, die sonst zwischen Objekten, welche in einem räumlichen Verhältnis stehen, stattfinden, unmöglich ist, da die Erfahrung die dazu nötigen Inhalte nicht bietet. Irgendwelche simultanen Assoziationen sind nämlich auch zwischen den durch den leeren Raum getrennten Objekten möglich, da sie sonst nicht beide wirklich sein könnten, aber von den unzähligen, sonst vorliegenden Assoziationen fällt hier ein Teil aus, etwa der der geraden Verbindungslinie entsprechende.

Daß die Vorstellung leerer Räume dem von physikalischen und metaphysischen Spekulationen nicht berührten Gemüt ganz natürlich ist, geht übrigens auch aus mehreren Tatsachen der psychologischen Erfahrung hervor. So stellen sich physikalisch ganz ungebildete Individuen, etwa kleine Kinder, die vom Vorhandensein der Luft nichts wissen, die Zwischenräume zwischen den ihnen bekannten Körpern als leer vor, so nahmen die Physiker des sechzehnten Jahrhunderts zur Erklärung gewisser Erscheinungen einen horror vacui [Schrecken vor Leere, wp] an, eine Annahme, die sinnlos wäre, wenn man die leeren Räume nicht an sich für denkbar und möglich hielte. Aus diesen und ähnlichen Tatsachen geht mit Deutlichkeit hervor, daß die Annahme leerer Räume psychologisch auf keinerlei Schwierigkeiten stößt.
LITERATUR - Georg Wernick, Der Wirklichkeitsgedanke, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 30, Leipzig 1906
    Anmerkungen
    1) Vgl. auch WILLIAM JAMES, Principles of Psychology II, Seite 237f
    2) HANS CORNELIUS, Psychologie als Erfahrungswissenschaft, 1897, Seite 106f
    3) An einer früheren Stelle des genannten Buches (Seite 88) spricht CORNELIUS über den Begriff der Erwartung. Er erklärt sie dort als Erinnerung (übrigens gleichfalls in der Erklärung bedürftiger W-Vorgang; Anm. G. W.) an gewisse frühere Erlebnisse (welche gemeint sind, lese man an der genannten Stelle nach) mit der eigentümlichen Färbung, welche durch Erfahrungen über früher erlebte Gefühle zustande kommt. Hat CORNELIUS diese Erklärung bei seinen Auseinandersetzungen auf Seite 106f vorgeschwebt, so würde er den W-Vorgang darin erblicken, daß der fragliche Inhalt mit der Vorstellung gewisser Gefühle verknüpft ist. Daß diese Anschauung unhaltbar ist, geht, wie ich glaube, aus den Auseinandersetzungen unseres vierten Abschnittes zur Genüge hervor.
    4) CORNELIUS, Psychologie als Erfahrungswissenschaft, Seite 109